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Olaf Thon: „Die Hosen waren enger“

Olaf Thon war ein Bundesliga-Star der 1990er Jahre. Er spielte bei Schalke 04 und beim FC Bayern und holte viele Titel. Aber wenn Thon etwas fremd ist, dann in Nostalgie zu schwelgen. Er mag den Fußball heute – nur eine Sache vermisst er sehr.

Herr Thon, es gibt dieses Klischee, dass früher alles besser war. War im Fußball früher alles besser?

Nein. Ich kann mich noch erinnern, wie brutal der Fußball war, als ich 1983 angefangen habe. Da konnte der Abwehrspieler noch von hinten übel treten, ohne dafür eine Gelbe oder Rote Karte zu kassieren. Bis auf die Ellbogenchecks finde ich den Fußball heute viel fairer. Und ich fand es auch gut, dass 1992 die Rückpass-Regel eingeführt wurde.

Dann verändern wir das Ganze und sagen: Heute ist alles besser.

Der Fußball hat sich weiterentwickelt. Das Spiel und die Spieler sind schneller geworden und sie laufen auch mehr. Ich denke, heute läuft ein Fußballer im Schnitt zwei Kilometer pro Spiel mehr, als wir es 1990 taten. Die positiven Entwicklungen reichen für mich bis zum Videoschiedsrichter.

Gefällt er Ihnen?

Ja, er macht total Sinn. Es ist eine Momentaufnahme, dass es Probleme gibt. Da stecken wir im Fußball einfach noch zu sehr in den Kinderschuhen. Wir dürfen uns dem aber nicht verschließen, sonst laufen uns die anderen Sportarten weg. Im American Football oder beim Eishockey sind sie uns meilenweit voraus. Es ist die einzig richtige Entscheidung, Technik einzusetzen. Was wollen wir denn alle? Gerechtigkeit! Wenn man 80 Prozent Gerechtigkeit herstellen kann, müssen wir das machen.

Was vermissen Sie an den 90ern?

Die elegantere Spielkleidung. Sie war enger. Vor allem die Hosen waren enger. Die Strümpfe gingen auch nicht bis zu den Knien wie heute.

Was war Ihr Lieblingstrikot damals?

Ich glaube, das Nationaltrikot. Ich finde, dass sich die Qualität extrem verändert hat. Enge Trikots tragen sie heute ja auch wieder, auch wenn die Hosen etwas weiter sind. Irgendwann gehen die Ideen aus und man kommt zurück zur Vergangenheit. Ich persönlich mag das WM Trikot von 1954, das man vorne noch zubinden kann. Das trage ich immer zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel bei der WM 2014.

Sind Sie der Retro-Typ?

Ja schon. Ich lebe gerne in der Vergangenheit, bin aber auch Realist und weiß damit umzugehen, nicht zu sehr in Nostalgie zu verfallen und nur an alte Zeiten zu denken. Aber noch mal zur Frage, was mir von früher fehlt: Es ist die Kommunikation von damals.

Mit wem?

Mit allen. Mit den Schiedsrichtern, innerhalb der Mannschaften, aber auch mit den Fans. Nach den Spielen durften die Fans früher auf den Platz. Wenn ich an das 6:6 gegen den FC Bayern im Jahr 1984 zurückdenke, da standen nach dem Spiel tausende Fans um mich herum, als ich das Interview gab, nachdem ich drei Tore geschossen hatte. Danach haben sie mich auf Händen getragen. Das geht heute natürlich nicht mehr, alleine schon als Sicherheitsgründen. Aber es war schön.

Wie sieht die Kommunikation heute aus?

Die sozialen Medien haben viel verändert. Da wird bei Facebook und Instagram alles gepostet; von sich selbst oder aus der Kabine. Dann gibt es natürlich die Influencer wie Cathy Hummels. Früher haben die Spielerfrauen wie bei Thomas Häßler, Bodo Illgner oder Bernd Schuster ihre Männer beraten. Heute haben sie andere Bereiche und sich da auch emanzipiert. Sehr interessant, was man da manchmal so verfolgen kann.

Ist Ihnen das fern?

Der Fußball ist ein Querschnitt der Gesellschaft. Da gibt es eben alles. Ich finde es amüsant und man muss es ja nicht konsumieren, wenn man nicht will.

Können Sie sich eigentlich noch daran erinnern, wie die Resonanz auf Ihre Wechsel von Schalke zu Bayern und zurück war?

Der Wechsel zu Bayern war dem Abstieg von Schalke geschuldet. Ich hatte in München wirklich wundervolle Jahre, meine beiden Töchter kamen dort zur Welt. Dann hat mich aber Rudi Assauer 1994 zurückgeholt, auch bedingt durch viele Verletzungen. Die Resonanz war dahingehend anders, dass sich die Schalker erst an den neuen Olaf Thon gewöhnen mussten, der nicht mehr vorne die Tore macht, sondern hinten als offensiver Libero für Ordnung sorgt und Konter einleitet.

Hatten Sie einen Berater?

Eigentlich nie. Zumindest keinen Vollzeit-Berater. Als ich von Schalke zu Bayern ging, gab es auch die Optionen Italien und Spanien, da holt man sich Informationen ein. Ansonsten gab es viel väterliche Beratung von Rudi Assauer. Ich glaube, dass auch heute ein guter Anwalt vieles besser lösen kann.

Wie kann man sich das vorstellen ohne Berater? Haben Sie die Gespräche geführt?

Ja, natürlich. Vor meinem Wechsel zu Bayern habe ich mir von Assauer ein paar Zahlen geben lassen, was man so verlangen könnte. Mit diesem Wissen habe ich mich mit Uli Hoeneß, Karl Hopfner und Fritz Scherer in einem Düsseldorfer Hotel getroffen. Dann haben wir den Deal perfekt gemacht.

Haben Sie verhandelt oder waren Sie damit einverstanden, was Ihnen die Münchener vorlegten?

Das ging relativ fix. Am Ende sagte Uli Hoeneß, als wir schon längst einig waren, dass er mir die doppelte Titelprämie gibt, weil ich alleine zu den Verhandlungen gekommen bin. Das gefiel ihm. Und in dieser Phase haben wir ja auch ein paar Titel geholt und so gab es immer doppelte Prämie. Auch das ist eben Uli Hoeneß, der es einem hoch anrechnet, wenn man nicht mit dem Berater kommt, sondern sich selbst stellt.

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Die Kluft zwischen Schalke und Bayern ist zumindest sportlich in den letzten Jahren immer größer geworden. Hätte Schalke nicht den Bayern-Weg gehen können?

Schalke war ja immer wieder mal auf Augenhöhe. 2001, 2008, 2015. 2018 gab’s auch mal wieder eine Vizemeisterschaft. Aber eben nur punktuell. Schalke ist mit Schwankungen behaftet, der FC Bayern nicht. Das hat etwas mit Kontinuität zu tun. Daher hoffe ich, dass es bei Schalke mal fünf Jahre keine Wechsel auf den wichtigen Positionen im Vorstand oder im Trainerbereich gibt, so dass Ordnung herrscht. So verhindert man diese Schwankungen und kommt dann mal an Bayern oder Dortmund heran.

Mit Jochen Schneider, Michael Reschke und David Wagner startet Schalke einen neuen Versuch. Reicht es, dass Schalk mal wieder Ruhe hat, um Erfolg zu haben?

Nein, es braucht nicht mal Ruhe. Es ist völlig okay, dass Reibung herrscht, aber am Ende muss kontinuierlich gearbeitet werden.

War zu Ihrer Zeit Rudi Assauer der Typ, der die Balance gewahrt hat?

Ganz genau. Er hatte das Händchen, einen guten Trainer wie Huub Stevens oder davor Jörg Berger zu verpflichten. Man nannte ihn nicht umsonst Adlerauge, weil er billige Transfers machte, die uns aber extrem verstärkten. Ich denke an Johan de Kock, Marc Wilmots und viele andere. Er hatte aber auch die Vision, ein neues Stadion zu bauen, und hat perspektivisch gedacht.

Hätte ein Typ wie Assauer heute noch Platz in der Bundesliga?

Ja, klar. Es gibt ja auch noch einen Uli Hoeneß. Er ist immer noch eine Art Manager geblieben, auch wenn er nicht mehr im operativen Geschäft tätig ist. Man sieht heute immer noch seinen großen Einfluss.

Aber ganz frei von Kritik ist er nicht.

Ich sehe ihn nicht so kritisch.

Olaf Thon suchte gerne den Kontakt zu den Fans (Imago)

Glauben Sie, dass mittelfristig ein Klub dem FC Bayern ernsthaft auf die Pelle rücken kann?

Es ist ja schon soweit. Borussia Dortmund war letztes Jahr schon sehr nah dran und mit den Transfers, die getätigt wurden, muss man sie als ernsthaften Konkurrenten sehen. Nicht nur die kommende Saison, sondern für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Mein Traum ist natürlich, dass Schalke auch bald wieder in diese Sphären vorstößt.

Darf man eigentlich als Bundesliga-Nostalgiker RB Leipzig mögen, Herr Thon?

Konkurrenz belebt das Geschäft und ich glaube, dass das nur der Anfang war. Sie werden viel mehr investieren und immer mehr ein fester Bestandteil der Bundesliga sein. Ich denke, dass irgendwann dann auch die Anfeindungen aufhören werden. Ich finde es sogar sehr positiv, dass sich im Osten etwas tut. Mit Union Berlin ist eine zweite Mannschaft aus dem Osten dabei. Ich drücke die Daumen, dass sie in der Liga bleiben.

Es hätte ja fast heißen können Schalke oder Union, wenn es zur Relegation gekommen wäre.

Ja, und ich glaube sogar, dass Schalke abgestiegen wäre, wenn es dazu gekommen wäre. Daher danke ich Huub Stevens, Mike Büskens und Gerald Asamoah, dass sie es geschafft haben, die Relegation und den Abstieg zu verhindern.

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Sie wissen, was kommt. Wir können nicht über die 90er auf Schalke sprechen und den UEFA-Cup 1997 unerwähnt lassen. Was fällt Ihnen spontan dazu ein?

Es war der größte Erfolg meiner Karriere. Das Schönste war, den großen Pott, 15,5 Kilogramm, mit einer Hand in den Himmel zu recken und 20.000 Schalker Fans jubeln dir zu. Viele Männer haben da vor Freude geweint. Wir haben das Wunder vollbracht, weil vieles zusammengepasst hat. Es waren nicht nur Assauer, Stevens und die Mannschaft, die gut zusammengearbeitet hat, sondern auch das Team hinter uns. Ich denke da an Gerard Kuipers oder Charly Neumann.

Auf dem Weg zu einem so großen Erfolg gibt es immer wieder einen Zeitpunkt, an dem man den Glauben gewinnt, dass man den Titel holen kann. Welcher war es bei Ihnen?

Ab dem Viertelfinale konnte man davon ausgehen, dass wir gute Chancen haben. Wir hatten zwar viele Verletzte, besonders im Sturm, aber wir standen hinten gut. Wir gewannen die Spiele oft durch Standardsituationen. Deswegen gab’s auch den Spruch von Stevens: „Die Null muss stehen.“ Und wir haben uns natürlich über den Kampf definiert, vor allem dank Wilmots und Büskens, die es vorgelebt hatten, wurden wir zu den Euro-Fightern.

Heute wird Schalke von einem Euro-Fighter trainiert. Haben Sie sich auf David Wagner gefreut?

Das ist mir sogar am liebsten, keine Frage.

Interview: Fatih Demireli

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Schalke 04: Mit GE-Kennzeichen nach Kerkrade

Schalke 04 war pleite und hatte keine Hoffnung mehr. Doch dann kam Rudi Assauer und machte aus einem „Scheiß-Chaotenklub“ einen Vorzeigeklub. Aber: S04 wurde rückfällig.

Man würde Louis van Gaal wahrscheinlich Unrecht tun, wenn man behauptete, der Mann habe noch nie jemanden gelobt – außer freilich sich selbst. Aber selbst der Zweifel sagt ja schon viel darüber aus, mit welchem Kaliber Typ man es hier zu tun hat. „Don Louis“, der Mann, den seine beiden Töchter siezen, kam mit einer großen Portion Selbstbewusstsein auf die Welt.

Im Guardian erzählte van Gaal neulich, dass er – vor seiner Anstellung bei Manchester United – ein Angebot von Tottenham Hotspur hatte. „Herr Daniel Levy saß in meinem Wohnzimmer. Ich hätte unterschreiben können, aber dann sagte ich zu meiner Frau: ‚Die Spurs haben den besseren Kader, aber ich nehme die Herausforderung United an, weil ich immer die Nummer eins eines jeden Landes trainiert habe.‘“

Nur wurde Manchester United unter seiner Ägide zwischen 2014 und 2016 nie die Nummer eins – und van Gaal musste irgendwann gehen. Das war bei Ajax Amsterdam Mitte der Neunziger Jahre noch anders. Ajax war nicht nur das beste Team des Landes, es war sogar das beste Team in Europa. Die Champions League gewannen die Amsterdamer in der Saison 1994/95 dank eines 1:0 im Finale gegen den AC Mailand.

Das leichte Los

Kluivert, Litmanen, Seedorf, Rijkaard, die Zwillinge De Boer, Davids, und viele mehr. Ajax zermürbte seine Gegner mit schnellem Angriffsspiel – dank der überragenden Spieler – und natürlich dank des Trainers. Aber in jener Zeit gab es eine Mannschaft, die Ajax nicht besiegen konnte. Und da wären wir beim selten lobenden Louis van Gaal. „Fantastisch, was diese Mannschaft gespielt hat. Sowas habe ich selbst in Europa kaum gesehen, geschweige denn in der niederländischen Liga.“

Er sprach von Roda JC Kerkrade. Nur fünfmal konnte Ajax in jener Saison nicht gewinnen, zweimal gegen Roda. Zweimal gegen Huub Stevens. Eine Saison später spielten Stevens’ Jungs im UEFA-Cup, in der ersten Runde kam Schalke 04. Olaf Thon, Kopf der Schalker Mannschaft, gab später zu, dass man Roda als „leichtes Los“ empfand, aber Trainer Jörg Berger und sein Assistent Hubert Neu, der alle Gegner beobachtete, wussten, wie schwer das Los war.

Ihnen war sogar so unwohl, dass Berger den verletzten Thon drängte, im Rückspiel auf die Zähne zu beißen. Schalke kam weiter, aber der Eindruck der starken Niederländer, die nach 2:2 und 0:3 ausschieden, blieb.

Rudi Assauer: Stevens statt Gerland

Zwei Wochen später bekam Stevens einen Anruf. Am Telefon war ein gewisser Rudi Assauer, der nach Querelen bei seinem Klub einen neuen Trainer suchte. Berger, der Schalke erst vor dem Abstieg rettete, dann Schalke in den Europapokal führte, war bei den Spielern in Ungnade gefallen. „Wir trainieren zu wenig“, sagte Torhüter Jens Lehmann öffentlich. Der Vorwurf von zu häufigen Saunabesuchen des Trainers machte die Runde.

„19 von 23 Spielen haben sich gegen Berger ausgesprochen“, sagte Assauer und warf Berger raus. Sehr zum Missfallen der Fans, die kein Verständnis dafür aufbringen konnten, den beliebten Berger zu entlassen. Als im ersten Spiel nach der Entlassung die Aufstellung im Stadion vorgelesen wurde, riefen die rund 25.000 Fans im Parkstadion nicht den Namen der Spieler, sondern elf Mal „Bergeeer“. Das 0:1 gegen den Karlsruher SC machte die Stimmung nicht besser.

Assauer stand unter Druck, auch weil er die Strömung gegen Berger offenbar zu spät erkannt hatte. Die Spieler wollten mehr arbeiten, wurden aber nicht geführt. Ein harter Hund musste also her. Es machte schnell die Runde, dass Hermann Gerland bei den Knappen übernehmen sollte, aber „Adlerauge“ Assauer hatte es auf Stevens abgesehen.

Die Fahrt

Der Niederländer, der einst in Köln seinen Trainerschein machte und bei seinem Vorgänger Berger hospitierte, konnte dem Lockruf der Bundesliga nicht widerstehen. Aber er hatte eine Bitte an Assauer. Die Verhandlungen, die ja auch hätten scheitern können, sollten doch bitte geheim gehalten werden. „Dann fuhr Rudi mit einem Auto mit Gelsenkirchener Kennzeichen und Schalke-Aufkleber vor“, erinnert sich Stevens.

So war Assauer eben. Geradeaus, ohne Umschweife, aber er war auch ein Fachmann. Zwar wurde Schalke in der Liga nur Zwölfter, aber Stevens führte Schalke 04 in seiner Debütsaison zum sensationellen UEFA-Cup-Sieg. Der Mann, der in Kerkrade noch ansehnlichen Offensivfußball spielen ließ, zeigte sich in Gelsenkirchen pragmatisch. Schalke wurde vom Verletzungspech verfolgt, gerade die Offensivspieler fielen reihenweise aus.

„So entstand der legendäre Spruch: ‚Die Null muss stehen‘“, erinnert sich Schalkes damaliger Superstar Olaf Thon. „Stevens ließ Standardsituationen üben, damit vorne die Tore doch irgendwie fallen, aber studierte vor allem, wie man am besten verteidigt.“

Keine One-Man-Show von Assauer

Jiří Němec, damals Chef-Zweikämpfer bei den Knappen, erinnert sich Jahre später in einem seiner seltenen Interviews: „Ich hatte eigentlich schon vergessen, wie wir damals gespielt haben. Ich habe mir aber dann wieder mal die Aufstellung des Endspiels angesehen. Wir waren so extrem defensiv aufgestellt.“

Der Erfolg gegen Inter Mailand war der Startschuss für ein neues Schalke. Der Klub, der vier Jahre zuvor noch in Schulden erstickte und eigentlich keine Lizenz mehr bekommen sollte, wurde vom Triumph getragen. Längst waren die Pläne geschmiedet, ein neues Stadion zu bauen. Auch für Spieler war Schalke jetzt viel interessanter.

Mit seinem Amtskollegen Uli Hoeneß, der beim FC Bayern die Geschicke leitete, führte Assauer einen verbalen und sportlichen Konkurrenzkampf auf Augenhöhe. Und doch war es keine One-Man-Show, die Schalkes Polarstern abzog. Vor allem die Verpflichtung von Peter Peters als Finanzexperte erwies sich als zukunftsweisend. Assauer setzte sein sportliches Know-how ein, Peters sein finanzielles. Banken und Sponsoren fanden allmählich wieder Vertrauen.

Die Sache mit dem Scheiß-Chaotenklub

Selbst der UEFA-Cup-Sieg vernebelte nicht die Blicke auf Schalke. „Wir werden seriös und solide durchs Leben marschieren. Die Leute sind den Scheiß-Chaotenklub satt“, sagte Assauer 1997 dem Spiegel. Auch Trainer Stevens ging mit: „Wir müssen immer daran denken, dass der Verein auch in der Zukunft gesund ist.“

Bei all der Nostalgie kann es für manche Schalker bedrückend gewesen sein, dass der Klub 22 Jahre später von jenem Stevens, der eigentlich schon längst aufgehört hatte, trainiert werden musste, um nicht abzusteigen. Mit Ach und Krach verhinderte man die Relegation in der vergangenen Saison. „Wir wären wahrscheinlich abgestiegen“, mutmaßt Olaf Thon über eine mögliche Teilnahme an der Relegation gegen Union Berlin. Fast noch bedrückender ist die Tatsache, dass Schalke wieder einen hohen Schuldenberg anhäufte.

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Zwar bangt man nicht um die Lizenz wie 1993, als Assauer zur Rettung kam, aber den finanziellen Spielraum, den man sich über Jahre aufgebaut hatte, hat der Klub aus der Hand gegeben.

Thon, der dem Klub auch nach seinem Karriereende 2002 die Treue gehalten hat, vermisst Kontinuität. Schalke hatte viele Ideen, den Erfolg herzustellen. Aber meistens wurden sie viel zu schnell wieder aufgegeben und waren dazu sehr teuer, wie man den Bilanzen heute ablesen kann. „Könichsblau is cool“, stand auf Fanshirts in den 90er Jahren. Für knapp 20 Mark gingen sie über die Theke und waren ein Verkaufsschlager. Schalke ist heute noch cool, das ist die eine Hoffnung auf bessere Zeiten.

Mit David Wagner ist ein UEFA-Cup-Sieger von 1997 Trainer. Das ist die andere Hoffnung. Wenn’s klappt, gibt’s ja dann vielleicht auch etwas Lob von Don Louis.

Fatih Demireli

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Hertha BSC: Dickes B, Digga!

Hertha BSC war lange Zeit nicht das liebste Kind der Hauptstadt, aber das Schicksal meinte es gut mit den Berlinern, so dass selbst die Bayern nervös wurden. Wiederholt sich die Geschichte?

Durchsagen in Fußballstadien sind ja immer so eine Sache. „Der Fahrer des PKW mit dem amtlichen Zeichen xyz möge bitte sein Auto sofort wegfahren. Sie stehen an der Stadioneinfahrt.“ Oder: „Der vier Jahre alte Nils-Torben sucht seine Eltern. Bitte melden Sie sich an Eingang C.“ In München gab es vor Jahren die Durchsage, dass ein Besucher doch bitte zu Hause anrufen möge, die Wehen bei seiner hochschwangeren Frau hätten eingesetzt.

In Berlin, Mitte der 1990er Jahre, gab es diese Probleme nicht. Die Geburtenrate war damals völlig okay, Autos sind die Menschen auch gefahren. Ob die Kinder der Berliner damals Nils Torben hießen, sei mal dahingestellt. Das Problem war vielmehr, dass die Berliner nicht ins Stadion gingen. Zumindest nicht zu Hertha BSC. Die Blau-Weißen waren sportlich zu uninteressant und zu wenig erfolgreich, die Klientel im maroden Berliner Olympiastadion nicht einladend.

Wie kam es zum Paradigmenwechsel bei Hertha BSC?

Offenbar war es phasenweise sogar so schlimm, dass es folgende Durchsage bis in die Geschichtsbücher schaffte: „Die Toilettenbenutzung im Olympiastadion ist kostenlos. Für den Fall der Fälle.“ Es bedurfte damals eines expliziten Hinweises darauf, dass man einen bestimmten Ort aufsuchen müsse, um den natürlichen Bedürfnissen des Menschen Rechnung zu tragen.

Wie es ein Klub schaffte, in nur wenigen Jahren einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, so dass nicht nur Menschen ins Stadion kamen, die wissen, wo man sich seines Harndrangs entledigt, sondern auch solche, die den erfolgreichen Fußball des hiesigen Fußballvereins genießen wollten, der plötzlich so angesagt war, dass selbst der FC Bayern München nervös wurde, war eine Erfolgsgeschichte.

Gerichtsvollzieher grüßte man beim Namen

Der Wandel begann eigentlich schon Anfang der 90er Jahre, aber damals war das Elend noch zu tief verwurzelt, als dass man es hätte sofort schaffen können, sich davon zu befreien. Überhaupt war ganz Berlin in jener Zeit viel zu sehr damit beschäftigt, die Wende schadlos über die Bühne zu bringen. Was ist da schon ein Fußballverein, der seit Jahren erfolglos Schulden anhäufte und sich nicht zu helfen wusste?

Regelmäßige Besucher an der Geschäftsstelle waren nicht Dauerkarten-Interessenten, sondern Gerichtsvollzieher, die man irgendwann mit dem Namen begrüßte, weil sie so oft da waren. Bernd Schiphorst gehört zu den Menschen, die wissen, wie es war, als die Hertha noch eine „junge Dame“ war und es in der Tat als eine vorzeigbare Freizeitbeschäftigung galt, die Spiele des Klubs zu besuchen.

Schiphorst: Erst Fan, dann Vermarkter

„Das war Mitte der 60er Jahre“, erinnert sich Schiphorst. „Ich studierte an der Freien Universität Berlin und Hertha bestritt spannende Aufstiegsspiele zur Ersten Liga. Gegen SV Alsenborn strömten 80.000 Zuschauer ins Olympiastadion. Ich war ein Landei aus Oldenburg und kam fußballerisch von der Hölle des Nordens, vom VfB Oldenburg, nach Berlin und erlebte Hertha.“

30 Jahre später war Schiphorst dann Chef der Ufa, ein Sportrechtevermarkter, der später zu Sportfive überging und heute in Lagardère Sports Germany aufgegangen ist. 4,5 Millionen D Mark investierte die Ufa, sicherte sich dadurch die Rechte an der Bandenwerbung im Olympiastadion.

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Hertha wurde zum Glück gezwungen

Viel Geld für einen Verein mit einem Zuschauerschnitt von 3.000 bis 4.000, aber Schiphorst und sein Unternehmen „sahen das Potenzial“ beim Berliner Sport-Club. Immerhin handelte es sich hier um einen Hauptstadtklub in einer Weltmetropole, auch wenn diese gerade nicht wirklich Sportbegeisterte elektrisierte. Natürlich kam die Investition der Vermarkter nicht aus Liebe zum Maroden. 1994 übernahm die Ufa die Komplettvermarktung. Ein Deal besagte, dass das Unternehmen 40 Prozent aller Werbeeinnahmen kassierte.

Eine Menge Kohle, die man teilen musste, aber Hertha BSC hatte zu dieser Zeit keine andere Wahl. Vielleicht war das auch ganz gut so, denn die Berliner wurden gezwungen, fähiges Personal einzusetzen. Robert Schwan, der vielleicht erste moderne Manager des deutschen Profifußballs, rückte in den Aufsichtsrat des Klubs auf. Natürlich nicht ganz ohne Zufall, war er doch als Lobbyist für die Ufa tätig. Auch die Verpflichtung von Dieter Hoeneß als Manager war ein wichtiger Schachzug.

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Keine Durschsagen mehr

Beim VfB Stuttgart arbeitete er fünf Jahre erfolgreich und wusste, wie man eine Mannschaft aufbaut. Den Job, der heute neudeutsch als Kaderplaner firmiert, führte Hoeneß schon in den 90er Jahren aus – neben eigentlichen Manager-Aufgaben. Mit Jürgen Röber holte Hoeneß einen ihm vertrauten Trainer. Als die Hertha am 7. April 1997 bei einem Zweitliga Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern 75.000 Menschen ins Stadion lockte, war bundesweit jedem klar: Dickes B, Digga! Hier ist etwas gewachsen. Zwar gelang es der Hertha noch, es unnötig spannend zu machen, dennoch stieg sie in die Bundesliga auf.

Keine Durchsagen mehr, dass es Klos im Stadion gebe. Hertha war in für alle. Auch für die zahlenden Fans. Hertha verdiente durch Merchandising so viel Geld wie noch nie. Geld, das auch in die Mannschaft investiert wurde.

Und dann traf Wosz

20. Oktober 1999. Abstoß Gábor Király. Alessandro Costacurta klärt per Kopf, Leonardo nimmt den Ball aber zu schlampig an. Ballverlust. Pál Dárdai reagiert schnell, spielt den Ball in die Spitze, Ali Daei leitet direkt zu Dariusz Wosz weiter, aber Luigi Sala geht dazwischen. Wieder Ballverlust. Wosz schaltet schnell, dringt in den Strafraum ein und schiebt den Ball ins lange Eck. Keine Chance für Christian Abbiati im Tor des AC Mailand.

Vierter Spieltag in der Champions-League-Gruppenphase: Hertha BSC ist nach dem Sieg gegen Milan, das mit Weltstars wie Paolo Maldini, Andriy Shevchenko, Oliver Bierhoff oder Leonardo angetreten ist, Tabellenführer der Gruppe. Vor Chelsea, Milan und Galatasaray. Dort bleibt die Hertha auch nach dem letzten Spieltag. Dort, wo noch vor gar nicht allzu langer Zeit vergeblich nach Spuren zumindest fußballähnlicher Betätigung gefahndet worden war, spielte jetzt eine Mannschaft, die einen Weltklub wie den AC Mailand (das war er damals sportlich wirklich noch) besiegte. Und das nicht rein zufällig.

Klinsmann und der Scherbenhaufen

 Zwischendurch stieg die Hertha sogar ab, ist aber inzwischen geerdet und unter der Führung von Michael Preetz zu alter Kontinuität zurückgekehrt. 27. Juni 2019. Die Hertha gibt bekannt, dass man mit der global agierenden Investmentfirma Tennor Holding B.V. eine strategische Partnerschaft geschlossen hat. 125 Millionen Euro pumpt die Firma in die Hertha. Investiert werden soll in die Bereiche Sport, Digitalisierung und Internationalisierung.

Sprich: Die Hertha will wieder angreifen und hat dafür viel Spielgeld in der Hand. „Die stabile Zahlenbasis und die beeindruckende Management-Arbeit bei Hertha BSC haben uns überzeugt, diese Partnerschaft einzugehen“, so Tennor-Chef Lars Windhorst damals. Kurze Zeit später holte er Jürgen Klinsmann, erst als Berater und Aufsichtsratmitglied, dann als Trainer. Dieser begann Tagebücher zu schreiben und hinterließ einen großen Scherbenhaufen.

Inzwischen soll Windhorst Klinsmann gar von seinen Aufgaben als persönlicher Berater entbunden haben. Als Windhorst 16 Jahre jung war und in Berlin sein erstes Unternehmen gründete, spielte die Hertha in der 2. Liga. Und wer weiß, vielleicht saß er damals im Block unter den 3.000 Trostlosen, und eine Stimme aus dem Off sagte ihm, dass es im Stadion ein Klo gebe. Für den Fall der Fälle.

Fatih Demireli

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Pick’n’Roll mit Yannick Gerhardt: Hip-Hop-Hörender Welterkunder

Sie kennen Yannick Gerhardt (25) als Fußballprofi des VfL Wolfsburg? Aber heißt das, dass Sie den Mittelfeldspieler, der 2016 sein erstes und bisher einziges Länderspiel für Deutschland machte, wirklich kennen? Bei Pick’n’Roll verrät er, wohin er mit seiner Schwester Anna, die seit dieser Saison für Turbine Potsdam in der Bundesliga aufläuft, lieber geht als auf den Platz und in welchem Moment ein Traum für ihn wahr wurde.

Köln oder Wolfsburg?

„Auch wenn ich mich in Wolfsburg sehr wohl fühle, bleibt Köln immer meine Heimat.“

Luiz Gustavo oder Bastian Schweinsteiger?

„Gustavos Spielweise hat mir immer imponiert, er war ein Vorbild für mich in der Jugend. Als ich bei Wolfsburg in der Kabine neben ihm saß, wurde ein Traum wahr.“

Darts oder Billard?

„Ich finde beides cool, aber sehe meine Stärken eher im Billard.“

Städtereise oder Badeurlaub?

„Ich muss beides kombinieren. Sowohl nach einer anstrengenden Saison am Pool oder Meer entspannen, aber auch die freie Zeit nutzen, um die Welt zu erkunden und neue Kulturen und Länder kennenzulernen.“

Mit der Schwester kicken oder mit der Schwester ins Kino?

„Wenn wir uns sehen, wollen wir beide vom Fußball abschalten. Dann gehen wir lieber ins Kino.“

Sushi oder Schnitzel?

„Veganes Sushi!“

Papst oder Peter Stöger?

„Den Papst persönlich zu treffen, war eine außergewöhnliche Erfahrung. Peter Stöger habe ich jedoch auch einiges zu verdanken.“

Rap oder Rock?

„Ich höre am liebsten Hip-Hop und Rap.“

LeBron James oder Tom Brady?

„Beides absolute Topathleten in ihrer Sportart. Da man aber von LeBron mehr über Trainingsarbeit, Regenerationsmethoden, Motivation, Leadership und Denkweisen erfährt, ist er der GOAT.“

Anzug oder Trikot?

„Ich bevorzuge Trikots schon sehr gegenüber Anzügen als Arbeitskleidung.“

Facebook oder Instagram?

„Ich benutze Instagram öfter, Facebook kaum mehr. Ich sehe die Entwicklung von Social Media eher kritisch. Es macht süchtig und ist für mich wie eine Scheinwelt, in der es eher auf oberflächliche Aspekte wie Aussehen und materielle Dinge ankommt.“

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Bundesliga-Sonderheft: Die 90er sind zurück!

Die Bundesliga-Sonderheft für die Saison 2019/20 ist ab sofort im Handel! Und Socrates erscheint ausnahmsweise mal im Retro-Design, denn im Fokus steht die Bundesliga der 90er Jahre.

Bundesliga-Sonderheft: Die 90er!

Die Wahrnehmung oder die Erinnerung an die Vergangenheit ist bei jedem ein wenig anders. Die Lager von „Früher war alles besser“ und „Das kommt dir nur so vor“ sind gut vertreten. Wissenschaftler haben festgestellt, dass man Negatives aus der Vergangenheit gerne mal vergisst und so die positiven Erinnerungen überleben. Dies kann aber nicht der einzige Grund sein, dass wir uns beispielsweise gerne an die Neunziger erinnern.

Waren sie so schön, weil wir uns an das Schlechte nicht mehr erinnern können oder war es mehr? Sehnen wir uns nach Elementen vergangener Tage, weil wir am kollektiven Gedächtnisschwund leiden? Redet man mit Zeitgenossen, fällt immer wieder der Begriff „Ehrlichkeit“. Viele haben die Zeiten ehrlicher empfunden.  Social Media hat viel verändert. Die sozialen Medien werden überproportional genutzt und die Menschen sind geneigt, ihre beste Seite zu zeigen, Schwächen und Schwachstellen zu verbergen. Und leider funktioniert es auch.

Ehrlicher wirkte in den Neunzigern auch der Fußball. Die Typen, die heute überall verlangt werden, gab es einst zuhauf. Die Angst davor, für Aussagen und Ansagen medial an die Wand geklatscht zu werden, war nicht so immens wie heute. Man traute sich einfach mehr. Und das wirkte auf die Menschen ein. Und wirkt heute noch nach, wenn man sich positiv zurückerinnert. Wir haben in der Redaktion diskutiert, mit welcher Idee wir die Bundesliga-Saison angehen. 2017 haben wir die Trainer in den Fokus gestellt, 2018 die Entscheider. Wir haben mit vielen Trainern und Sportchefs gesprochen.

Doch diesmal ist die Vergangenheit dran. Die guten alten Tage verdienen es, einen Platz in SOCRATES zu finden. Wir blicken zurück auf die Neunziger, Verein für Verein, vergessen aber nicht, welche Auswirkungen diese auf heute haben.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Arjen Robben im Exklusiv-Interview

Als wir mit Arjen Robben über seine Zeit nach dem FC Bayenr sprachen, tendierte er schon sehr klar zum Karriereende und deutete das im Interview auch an. Inzwischen ist es klar, dass er nicht mehr weitermacht. Wir sprachen mit Robben über seine tolle Karriere, aber auch darüber, wie er in den Niederlanden die Bundesliga in den 90ern erlebt hat.

Olaf Thon im Exklusiv-Interview

Er war einer der besten Spieler der 90er Jahre, spielte für Schalke 04 und Bayern München und schrieb mit den Königsblauen gar Geschichte. Im Interview erzählt Thon, warum ihm die Trikots früher besser gefallen haben, wie sich die Spielerfrauen verändert haben und wie Rudi Assauer ihm zu einem besseren Vertrag beim FC Bayern verholfen hat.

Im Wandel der Zeit

Die 1990er waren schon ein verrücktes Jahrzehnt für den Fußball und im Besonderen für die Bundesliga. Die Kommerzialisierung ging so richtig los, es gab bahnbrechende Regeländerungen und gewaltige Umwälzungen durch Einflüsse von außen. Ein Rückblick.

Dies und vieles mehr in Socrates #34!