, , ,

Javi Martinez Kolumne #4: Gierig wie Sammer

Javi Martinez vom FC Bayern München schreibt in seiner SOCRATES-Kolumne, was ihn mit Matthias Sammer verbindet. Er legt sich fest, dass Joshua Kimmich eines Tages den Rekordmeister als Kapitän anführt, allerdings nie so gut Spanisch sprechen wird wie er.

Von Javi Martinez

„Mia san mia“ ist ein Leitspruch, den ich wohl keinem Fußballfan in Deutschland erläutern muss. Für mich war er allerdings neu, als ich 2012 nach München kam. Was dahinter steckt, erklärte mir damals Matthias Sammer. Ich habe dieses besondere, bayerische Selbstverständnis sofort verinnerlicht und trage es mittlerweile wie selbstverständlich in mir.

Wenn du es als Mannschaft richtig lebst, kann „Mia san mia“ eine Waffe sein. Auch das hat mir Matthias Sammer vor Augen geführt. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr für den FC Bayern tätig ist, möchte ich sagen, dass er für mich zu meiner Anfangszeit in München eine sehr wichtige Person war. Er hat mir als sportlicher Ansprechpartner enorm geholfen. Natürlich schaust du als junger Spieler zu einem Mann wie Matthias Sammer auf.

Javi Martinez: „Klar und deutliche Ansprache, aber intern“

Er ist eine Legende. Er war einer der besten deutschen Spieler der vergangenen 25 Jahre. Zudem habe ich schnell festgestellt, dass wir beide ähnlich ticken, was uns auf eine gewisse Art und Weise miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für den Fußball ähnelt meiner stark. Wir haben auch einen ähnlichen Charakter, denke ich. Uns beiden ist die Kommunikation nach außen nicht so wichtig, wie die Dinge intern klar und deutlich anzusprechen.

Dabei geht es uns jedoch immer nur um eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Mannschaft und niemals um etwas Persönliches. Matthias Sammer liebt wie ich den Wettbewerb und die Herausforderung, sich auf dem Platz mit den besten Spielern und Klubs der Welt zu messen. Immer mit dem Ziel zu gewinnen. Und immer mit dem Antrieb, von Siegen nie genug zu haben. Ich denke, ich kann behaupten, dass ich genauso gierig nach Erfolgen bin wie Matthias Sammer.

Javier „Javi“ Martínez Aginaga spielt seit 2012 für den FC Bayern München, mit dem der Spanier sieben Meisterschaften, viermal den DFB-Pokal und 2013 sogar die Champions League gewann. Zuvor spielte er sechs Jahre für Athletic Bilbao in der Primera División. Martínez kam in 18 Länderspielen zum Einsatz und war Teil der Mannschaft, die 2010 Welt- und 2012 Europameister wurde. Seit 2019 ist er ständiger SOCRATES-Kolumnist.
Javi Martinez
FC Bayern

Sammer sagte: „Bleib geduldig“

Er nahm mich in den ersten Monaten oft beiseite und sagte mir: „Bleib geduldig, Javi. Die Saison ist sehr lang. Wir brauchen dich nicht am Anfang in einer super Form, sondern am Ende. Arbeite einfach weiter an deiner Leistungsstärke, aber setze dich nicht zu stark selbst unter Druck. Wir wissen, dass du gut bist. Und wir wissen, dass du uns in den entscheidenden Monaten helfen wirst.“ Und so kam es dann auch. Am Ende der Saison gewannen wir das Triple.

Wenn ich jetzt, sieben Jahre später, auf unsere Mannschaft schaue, sehe ich einige junge Spieler, die ebenfalls diese Gier in sich tragen und schon jetzt perfekt das angesprochene „Mia san mia“ verkörpern. Joshua Kimmich zum Beispiel.

Kimmich wird Kapitän

Er ist ein Spielertyp, der ideal zum FC Bayern passt. Der schon in jungen Jahren all die Werte des Klubs verinnerlicht. Gefühlt hat er schon über 1000 Spiele für den Klub gemacht. Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass er viele, viele Jahre beim Verein spielen und die Mannschaft vielleicht eines Tages auch als Kapitän anführen wird. Er ist ein echter Führungstyp. Er scheut sich nicht, voran zu gehen und Verantwortung zu übernehmen.

Da besteht zwischen Joshua und mir sicherlich eine Ähnlichkeit. Allerdings hat er mir eines schon jetzt voraus: Sein Deutsch wird immer besser sein als meines. Da muss ich einfach ehrlich sein: Manchmal ist die Sprache nach wie vor ein kleines Hindernis. Gerade wenn es mal schnell gehen muss, fällt mir nicht immer sofort das passende Wort auf Deutsch ein, obwohl ich wirklich fleißig lerne.

Ich denke, das ist normal. Und dennoch ärgert mich das gelegentlich. In diesen Momenten rette ich mich dann mit diesem Gedanken: Dafür wird Joshua wohl nie so gut Spanisch sprechen wie ich.

,

Marvin Knoll: „Werte? Das ist kein Gerede“

Marvin Knoll hat es aus dem Berliner Block zum Fußball-Profi geschafft. Im Interview spricht der St.-Pauli-Spieler über Beleidigungen von Familienvätern, seine Zeit in der Regionalliga und surreale Ablösesummen.

Marvin Knoll, spielen Sie als Sechser oder Innenverteidiger nicht eigentlich auf der falschen Position?

(lacht) In der Jugend war ich immer vorne dabei und habe als Stürmer gespielt. Aber im Nachhinein ist es gar nicht so schlecht, dass ich aus der Offensive nach hinten gewechselt bin, weil ich weiß, wie die Stürmer ticken und was sie so probieren wollen. Aber als Jugendlicher habe ich daran natürlich nicht gedacht. Damals wollte ich nur Tore schießen.

War der Positionswechsel für Sie eine große Umstellung? Haben Sie sich dagegen gewehrt?

Nein, gewehrt habe ich mich nicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich von Saison zu Saison in meiner Karriere immer weiter hinten aufgestellt wurde und habe mir gedacht: ‚Uh, das könnte vielleicht auch ganz hinten enden.‘

Also sehen wir Sie irgendwann im Tor?

(lacht) Nein, obwohl ich im Tor gar nicht so schlecht bin. Abschläge kann ich echt gut. Aber Spaß beiseite, da haben wir in der Mannschaft natürlich unsere Experten.

Sie sind seit knapp einem Jahr beim FC St. Pauli. Inwiefern unterscheidet sich der Verein von Ihren vorherigen Stationen?

Es sind die Werte, die dieser Verein vertritt. Das ist nicht nur irgendein Gerede, wir lassen auch Taten sprechen. Ein Beispiel: Als wir in Amerika waren, haben wir vor dem Trump Tower in New York die Regenbogenfahne gehisst. Das ist ein Zeichen, hinter dem der Verein auch nach außen steht. Auch die Nähe zu den Fans ist einfach eine ganz andere und eine ganz besondere. Das sehe ich vor allem bei unseren Heimspielen. Auch wenn die Leistung mal nicht stimmt, wird trotzdem applaudiert und unsere Arbeit honoriert. Die Leute identifizieren sich voll mit dem Verein und ich bin einfach stolz darauf, hier zu spielen. Das sieht man auch an unseren Trikots von Under Armour, die im Design herausstechen und auch die Werte des Vereins repräsentieren.

Sie haben in der Jugend von Hertha BSC gespielt. Wie sehr haben Sie damals daran geglaubt, es zu den Profis zu schaffen?

Natürlich hoffst du, dass du bei deinem Jugendverein irgendwann einen Profivertrag bekommst. Im Fußball ist es aber eben selten so, dass du die ganze Zeit bei einem Verein bleibst.

Auch Sie haben ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen, sind trotzdem durch Ihre Offensivstärke ein ungewöhnlicher Spieler. Ist die Kritik berechtigt, dass den Spielern die Individualität im Jugendbereich abtrainiert wird?

Die Unterschiede zwischen den Nationen sind ja deutlich zu sehen. Wenn ich an Frankreich denke, kommen da schon richtig gute Jungs nach. Die haben einfach dieses Freche in sich oder machen einfach mal einen Trick, den du eigentlich nicht machen musst. Das fehlt uns ein wenig. Klar sind wir körperlich auf einem guten Niveau, aber du musst einem Spieler auch Freiraum geben, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Wir haben keine Charaktere mehr, es fehlt das Individuelle. Aber wir haben bei der U21-EM gesehen, dass wir richtig gute Talente haben. Übrigens auch beim FC St. Pauli. Die jungen Spieler, die diese und letzte Saison hochgezogen wurden, gehen auch wieder ins Eins-gegen-Eins.

Was machen Sie, wenn Sie von denen getunnelt werden?

Dann lachen sie frech. Und ich grätsche natürlich hinterher. (lacht)

Sie waren ein paar Jahre im Kader, wurden aber auch verliehen. Wie haben Sie reagiert, als es dann bei der Hertha nicht weiterging?

Wir sind damals in die erste Liga aufgestiegen und ich hatte 14 Spiele in der Saison gemacht, übrigens unter meinem jetzigen Trainer Jos Luhukay. Ich wollte regelmäßig auf hohem Niveau spielen und wusste, dass die Konkurrenz mit dem Aufstieg sicherlich nicht kleiner wird. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, weg von zu Hause und andere Perspektiven kennenlernen. Ich bin viel rumgekommen und konnte von jedem Verein etwas mitnehmen, auch wenn ich sportlich vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen getroffen habe. Als Menschen hat mich das aber sehr weitergebracht.

Mit Anfang 20 sind Sie zum SV Sandhausen in der Provinz gewechselt. Das klingt nicht gerade nach dem Traum eines jungen Fußballers…

Ich hatte damals erst beim MSV Duisburg unterschrieben. Wir hatten eine sehr gute Mannschaft zusammen und wollten eigentlich um den Aufstieg mitspielen. Wir waren schon voll in der Vorbereitung und dann wurde dem Verein plötzlich die Lizenz für die 2. Liga entzogen. Dann stand ich erst mal da. Mein Vertrag war nur für die 2. Liga gültig, ich war vereinslos.

Aber es gab doch sicherlich noch Angebote.

Die Vorbereitung lief wie gesagt schon, die meisten Vereine hatten keinen Platz mehr im Kader. Auf einmal kommen dann 30 gute Spieler auf den Markt. Sandhausen war für mich eine der wenigen Optionen in der Liga, die ich noch hatte. Und der Verein hat mir damals auch ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn es im Rückblick sportlich nie so richtig gepasst hat.

Im Winter 2015 sind Sie nach Regensburg gewechselt und in die Regionalliga abgestiegen. Der Tiefpunkt Ihrer Karriere?

Ich kam zu Beginn der Rückrunde in den Verein, der da schon sehr wenig Punkte auf dem Konto hatte. Es sah also schon danach aus, dass es in die Regionalliga gehen würde. Für mich war es nach der Situation in Sandhausen, wo ich nicht viel gespielt hatte, wichtig, wieder Freude an meinem Beruf zu finden: nicht nur unter der Woche zu trainieren, sondern auch am Wochenende wieder regelmäßig zu spielen.

Trotzdem konnten Sie den Abstieg nicht verhindern. Und ihr Vertrag lief im Sommer aus.

Ich stand wieder vor der Entscheidung: Suche ich mir jetzt wieder was anderes oder baue ich mir meine eigene Sache auf. Regensburg hatte gerade ein neues Stadion gebaut, für den Verein ging es um sehr viel. Und die Verantwortlichen haben mich sehr gut behandelt und aus der schweren Zeit in Sandhausen herausgeholt. Natürlich war es keine Wunschvorstellung für mich, Regionalliga zu spielen. Viele haben mich damals abgeschrieben und gesagt: „Wenn du einmal in der vierten Liga bist mit 24, dann kommst du da nicht mehr raus. Dann war’s das mit dem Profigeschäft.“

Wie haben Sie es in dieser Situation geschafft, nicht die Motivation zu verlieren?

Ich wollte es diesen Leuten einfach mal zeigen. Wenn die Leute einem Respekt entgegenbringen, dann bleibe ich auch in so einer schwierigen Zeit bei meinem Verein. Ich bin ein ehrgeiziger Typ. Ich habe das Glück, dass ich schon einige Jahre im Fußball dabei bin und weiß, dass ich immer das Maximale aus meiner Situation machen muss. Klar waren ein paar Jahre dabei, die nicht optimal liefen. Aber ich bin jetzt in einem sehr guten Alter und will noch mal alles aus mir rausholen und noch einiges erreichen.

Sie sind mit dem SSV Jahn zweimal in Serie aufgestiegen. Wie wichtig war diese Zeit für Ihre Karriere?

Ich habe dort etwas zusammen mit dem Team hinterlassen. Die Fans sagen über mich: „Hey, das ist ein Spieler mit Charakter. Der hat seinen Teil dazu beigetragen und uns da mitrausgeholt.“ Das ist mir wichtiger als Geld oder die Tatsache, dass ich jetzt schon 30 Spiele mehr in der 2. Liga gemacht haben könnte.

Was war an Ihrer Regensburger Zeit so besonders?

Wir waren finanziell nicht die stärkste Mannschaft, aber wir waren die Mannschaft mit dem meisten Herz. Deswegen sind wir zweimal in Folge aufgestiegen, obwohl uns vor der Saison jeder in Frage gestellt hat.

Der Socrates Newsletter

Sind der FC St. Pauli oder Jahn Regensburg Beispiele dafür, dass Geld im Fußball nicht alles ist?

Natürlich ist Geld nicht alles, aber es ermöglicht einem teilweise gewisse Dinge, die man sonst nicht hätte. Aber das garantiert weder mehr Erfolg noch mehr Freude. Im Fußball ist es wichtig, dass man eine gute Truppe beisammen hat, die schwierige Zeiten durchmacht. Bei Regensburg hatten wir einen Mannschaftskern, der auch in der vierten Liga mit dabei war. Die Karriere geht nicht immer bergauf, sie hat auch mal Wellen und manchmal kommt man an einem Tiefpunkt an. Aber es ist nicht schlimm, wenn man manchmal richtig auf die Fresse bekommt. Man muss nur wieder aufstehen und die Ärmel hochkrempeln.

Wollen Sie in Ihrer Karriere noch einmal Bundesliga spielen?

Ja. Meine Wunschvorstellung wäre natürlich, wenn es mit dem FC St. Pauli klappen würde. Wenn es nicht klappt, wäre ich auch nicht traurig. Aber es wäre für meine Karriere noch mal toll.

Würden Sie dafür auch den FC St. Pauli verlassen?

Das kann ich schwer sagen. Ich weiß, was ich am FC St. Pauli habe, aber man sollte niemals Sachen im Leben ausschließen. Ich würde auf jeden Fall lieber mit St. Pauli in der Bundesliga spielen als mit jedem anderen Verein. Ich weiß, was ich hier habe und passe perfekt zu diesem Klub.

Gibt es sowas wie Vereinsliebe überhaupt aus Sicht eines Spielers?

Das kommt immer darauf an, wie nah du den Verein an dich heranlässt. Ich kommuniziere gerne mit Fans, ich lasse mir Zeit für Fotos, unterhalte mich mit ihnen und nehme auch Kritik an. Die Leute kommen ins Stadion, um mich spielen zu sehen. Sie zahlen dafür viel Eintrittsgeld. Wenn ich dann nach dem Spiel als Erster immer zu meinem Auto laufe, wäre das eine Katastrophe.

Ihr Wechsel aus Regensburg nach St. Pauli war der erste, bei dem für Sie eine Ablösesumme gezahlt wurde. Wie denken Sie über Millionen-Transfers wie den von Antoine Griezmann oder Neymar?

Das kann eigentlich niemand begreifen. Warum wird für Menschen so viel Geld bezahlt? Klar sind das Ausnahmesportler, die die Spiele auch mal entscheiden können. Aber trotzdem sind das im Moment Summen, bei denen eine realistische Wahrnehmung fehlt. Aber so entwickelt sich gerade der Fußball. Eben weil so viel Geld drinsteckt. Da können wir beim FC St. Pauli echt froh sein, dass wir mit solchen Summen nichts zu tun haben. In meinen Augen ist kein Spieler, nicht mal ein Neymar, 222 Millionen Euro wert.

Gibt es Dinge, die Sie am Fußball hassen?

Nein, aber es gibt Sachen, für die ich mich schäme, weil sie nichts mit dem Fußball zu tun haben. Wenn wir auswärts spielen, müssen mich die Fans nicht mögen, das ist in Ordnung. Wenn ich dann aber mal in die Fan-Massen reingucke und einen Familienvater neben seinem Kind sehe und der mich auf eine ganz krasse Art und Weise beleidigt – das gehört für mich einfach nicht zu diesem Sport dazu. Da muss man auch manchmal daran denken, dass man eine Vorbildfunktion hat.

Wie haben Sie auf die Anfeindungen reagiert?

Ich reagiere auf solche Dinge gar nicht. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Ich denke mir meinen Teil, aber darauf gehe ich grundsätzlich nicht ein.

Sie haben als Fußballer ein privilegiertes Leben. Wie schwer ist es manchmal, auf dem Boden zu bleiben?

Gott sei Dank weiß ich, wie es ist, wenn man nicht viel hat. Ich bin in Berlin im Block groß geworden. Wir hatten nicht viel, meine Mutter hat mir aber trotzdem alles ermöglicht. Ich kann diesen Beruf nicht für immer ausüben und werde nicht immer so viel Geld verdienen. Meine Eltern haben mich gut erzogen und ich weiß deshalb, wie ich damit umzugehen habe. Da merke ich auch, dass ich anders ticke als andere Fußballer. Ich brauche nicht das dickste Auto oder irgendeine Uhr am Arm. Das wäre nicht ich.

Sie engagieren sich für den Verein Mitternachtssport e.V. in ihrer Heimatstadt# Berlin. Hat das auch mit ihrer Erziehung zu tun?

Das Projekt bietet in dem Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, einen Zufluchtsort für Kinder. Sie können da hingehen, wenn sie# Hilfe brauchen. An dem Projekt sehe ich immer, wie wir mit wenig Aufwand den Kids viel geben können. Bevor sie auf der Straße herumlaufen oder auf Partys gehen oder irgendwelchen Mist bauen, mieten wir eine Halle und spielen mit ihnen dort Fußball. Vor Kurzem haben wir ein Café aufgemacht. Da steht ein Kicker drin, da steht eine Playstation drin, da gibt es Pädagogen. Zu denen können die Kinder nach der Schule gehen, wenn sie mal keine Lust auf ihre Eltern haben. Das sind Kleinigkeiten, die den Kindern so viel bedeuten. Ich bin stolz darauf, für diese Kinder ein großer Bruder zu sein.

Interview: Sebastian Hahn

,

Michael Stich: Die Abrechnung mit der Jugend

Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Michael Stich, auch dieses Jahr war wieder Wimbledon in aller Munde. Ist es das Größte, was Tennis zu bieten hat?

Zumindest ist es das Turnier mit der größten Tradition. Deswegen gilt es als das Lieblingsturnier vieler Spieler. Mein Favorit war jedoch das Turnier in Hamburg, weil es mein Heimatturnier war und daher mit vielen Emotionen verbunden.

Novak Djoković, Roger Federer und Rafael Nadal haben gezeigt, dass sie# auch 2019 eine Klasse für sich sind. Was sagen Sie zu diesen drei Außerirdischen?

Es sind herausragende Spieler, die Jahr für Jahr eine unglaubliche Konstanz zeigen, das steht völlig außer Frage. Aber ich sehe das inzwischen auch als Kritik an der jungen Generation, die nicht in der Lage ist, diesen drei Spielern Paroli zu bieten und den nächsten Schritt zu gehen. Es liegt mit Sicherheit an der fantastischen Qualität dieser drei Spieler, aber eben auch daran, dass die jungen Spieler von heute nicht genügend Ehrgeiz entwickelt haben, um eine realistische Chance zu haben.

Sind Djoković, Federer und Nadal dennoch die besten Spieler aller Zeiten?

Mit Vergleichen über die Epochen hinweg tue ich mich relativ schwer. War Rod Laver der Größte aller Zeiten oder doch Björn Borg? In meiner Zeit war Pete Sampras bärenstark, aber er hatte mit starker Konkurrenz zu kämpfen, so dass viele verschiedene Spieler die Grand Slams gewannen. In den vergangenen zwölf Jahren war das nicht wirklich der Fall, denn es gab nur fünf oder sechs verschiedene Grand-Slam-Sieger.

Haben Djoković, Federer und Nadal Tennis auf ein neues Level gehoben?

Nein, das finde ich nicht. Wir haben eine ganz andere Epoche. Tennis ist in der heutigen Zeit wesentlich athletischer, als es je zuvor war. Nichtsdestotrotz ist es eindimensionaler geworden. Es besitzt nicht mehr die Variabilität und Kreativität wie zu Zeiten von John McEnroe, Borg oder zu meiner Zeit. In der aktuellen Epoche ragen diese drei Spieler auf jeden Fall heraus. Ich würde mir aber wünschen, dass unser Sport kreativer wird und die Spieler flexibler agieren.

Wer war der stärkste Gegner, auf den Sie jemals getroffen sind?

Andre Agassi, ohne Wenn und Aber. Gegen ihn konnte ich kein einziges Mal gewinnen. Er ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe. Er hat einfach eine Begabung gehabt, die kein anderer Spieler hatte. Dabei hatte er durchaus auch ein paar Schwächen, aber er hat aus seinen Fähigkeiten unfassbar viel gemacht. Für mein Spiel war es nicht gut, auf ihn zu treffen.

Wer war der verrückteste Gegner?

So viele Verrückte gab es gar nicht zu meiner Zeit, aber McEnroe hatte schon einen Knall auf dem Court. Ich durfte noch gegen ihn und sogar mit ihm Doppel spielen. Ich schätze ihn sehr als Menschen, er ist ein toller Freund.

Sie sind aber auch mal kräftig aneinandergeraten.

Mit John habe ich mal auf dem Platz sehr gestritten. Das war das Jahr, als wir zusammen in Wimbledon im Doppel gewannen. Dieser Streit ereignete sich beim Turnier in Rosmalen. Es wurde so heftig, dass er in Wimbledon gar nicht mehr mit mir antreten wollte. Nach einem dringend notwendigen Vier-Augen-Gespräch haben wir uns aber zusammengerauft.

Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik
Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik

Welche Spieler haben Sie besonders geschätzt?

Nach der Karriere haben sich Freundschaften entwickelt wie etwa mit Richard Krajicek, Jim Courier und eben John McEnroe. Mit Ivan Lendl war es keine Freundschaft an sich, aber über all die Jahre wurde der Respekt immer größer. Wir haben uns immer besser verstanden und wir waren ja keine Konkurrenten mehr, so dass sich eine Art intellektuelles Verständnis entwickelt hat. Mit diesen Menschen tausche ich mich sehr gern aus.

Wen mochten Sie gar nicht?

Der Gegner, den ich am wenigsten auf dem Platz mochte, war Petr Korda. Erstens, weil er an einem guten Tag einfach unfassbares Tennis zeigte, zweitens, weil er sich auf dem Platz häufig nicht so nett verhalten hat.

„Agassi ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe."
Michael Stich

Wer war der Lustigste?

Henri Leconte. Vor allem war er dann lustig, wenn er am Verlieren war. Wenn er geführt hat, war er dagegen extrem seriös. Aber sobald er merkte, dass ihm das Match aus der Hand glitt, hat er immer durch Späße versucht, das zu kaschieren. Insofern war es nicht so einfach, gegen ihn zu bestehen.

Viele ehemalige Profis versuchen sich als Trainer. Warum Sie nicht?

Das war für mich nie wirklich ein Thema, weil ich schon am Ende meiner Spielerkarriere nicht mehr so gerne gereist bin. Zu Hause in Hamburg habe ich immer wieder mit jungen Spielern zusammengearbeitet und dabei versucht, mein Wissen und meine Erfahrung weiter zu geben, aber allein die Vorstellung, 25 Wochen im Jahr durch die Welt zu reisen, war nicht mein Ding.

Viele Menschen würden es als tollen Nebeneffekt sehen, die ganze Welt zu bereisen.

Wenn man das zehn Jahre lang gemacht hat – und es gibt auch etliche Spieler, die es ja fast 20 Jahre lang durchziehen –, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, da man nicht mehr reisen möchte. Heute reisen die Frauen oft mit, die Kinder und sogar die Hunde. Das hat sich geändert, zu unserer Zeit fing das gerade an.

Der Socrates Newsletter

Sie haben 18 Einzeltitel gewonnen. Welchen haben Sie am meisten gefeiert?

Das war nicht etwa mein Sieg 1991 in Wimbledon, weil ich gleich am nächsten Morgen weiter zum Turnier nach Gstaad reisen musste, sondern 1993 in Hamburg am Rothenbaum. Natürlich ging es auch da gleich wieder weiter und die Beine waren schwer, aber diesen Sieg habe ich richtig ausgekostet.

Gab es einen Moment, als Sie sich unschlagbar fühlten?

Ja, beim Turnier in Queen’s 1993. Damals spielte ich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Anschließend bin ich nach Wimbledon gefahren und war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich nicht aufzuhalten wäre. Aber da hatte ich mich geirrt und es war bereits im Viertelfinale Schluss.

Sie konnten sich auch richtig ärgern. Gerne über sich selbst…

Die größte Wut auf mich hatte ich beim French-Open-Finale 1996, das ich verlor. Das war mit Sicherheit die größte Enttäuschung, weil ich ganz allein dafür verantwortlich war.

Das war 1996 gegen Jewgeni Kafelnikow. Anschließend hielten Sie eine Rede auf Französisch.

Das war eher eine spontane Aktion. Damals war ich der erste Ausländer, der bei einer Siegerehrung bei den French Open Französisch sprach. Es war mir einfach ein Bedürfnis.

Socrates auf Facebook

War das Ihre schmerzhafteste Niederlage?

Dieses Endspiel und das Davis-Cup-Halbfinale in Moskau gegen Russland 1995, als ich neun Matchbälle hintereinander vergab. Hätte man mir vorher gesagt, ich könnte neun Matchbälle am Stück vergeben, hätte ich wahrscheinlich sehr, sehr viel Geld darauf gewettet, dass mir das nie passieren würde.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Zeit als Spieler, die Sie bis heute nicht erzählt haben?

Ich hätte tatsächlich eine. Als ich das erste Mal bei den Australian Open mitspielte, befand ich mich in der Spieler-Kabine, wo sich die gesetzten Spieler aufhielten. Plötzlich stand Ivan Lendl vor mir und fragte mich, was ich denn an diesem Ort verloren hätte. Ich war ja nie wirklich kontaktscheu und hatte mir einfach einen Platz ausgesucht. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mich umziehen möchte. Darauf sagte er: „Bis du hier mal reindarfst, solltest du erst mal ein bisschen mehr erreichen.“ Damit war klar, dass ich in diesem Bereich nichts zu suchen hatte, aber bereits ein Jahr später durfte ich rein.

Interview: Alexis Menuge

,

Marc Overmars: „Karosserie von Mercedes, Motor von Opel“

Marc Overmars (46) gehörte zur Goldenen Generation von Ajax Amsterdam, die 1995 die Champions League gewann. Heute ist er als Sportdirektor für das Revival des niederländischen Kultklubs verantwortlich. Ein knallharter Job…

Marc Overmars, ist Ihnen bewusst, wie vielen Fußballfans das Herz aufging, als Ajax in der vergangenen Saison Real Madrid aus der Champions League warf?

Bei der Auslosung zum Viertelfinale in Nyon kamen alle Verantwortlichen des FC Barcelona zu mir, um mir zu unserer Spielergeneration zu gratulieren. Dennoch muss ich immer wieder betonen, woher wir kommen. Unser Budget ist viel geringer als das von Real. Wir spielen finanziell eher in einer Liga mit den Young Boys Bern. Aber ich weiß natürlich, dass sich das Publikum nach diesen Geschichten sehnt: Klein gegen Groß, David gegen Goliath.

Im europäischen Vergleich versteht sich Ajax also eher als kleiner Klub?

Historisch betrachtet gehören wir eher zu den Großen, aber wirtschaftlich gesehen sind wir ein kleiner Klub. Unsere TV-Einnahmen für ein Jahr liegen bei acht Millionen Euro. Es gibt Vereine in der zweiten deutschen Bundesliga, die einen höheren Etat haben als wir. Ich kann mich an ein Mittagessen mit den Verantwortlichen von Olympique Lyon vor unserem Halbfinale in der Europa League im April 2017 erinnern. Ich fragte, wie hoch der Etat von OL liege. 115 Millionen Euro, sagten sie. Als ich auf die Gegenfrage 25 Millionen sagte, wollten sie mir erst nicht glauben. Wir haben eine Karosserie von Mercedes und einen Motor von Opel. Mit solchen Bedingungen müssen wir leben.

Ist es unter diesen Voraussetzungen denkbar, langfristig konkurrenzfähig zu bleiben?

Ich denke schon. Ich bin gar nicht pessimistisch. Als wir vor zwei Jahren gegen Manchester United im Finale der Europa League standen, mussten wir danach etliche wichtige Spieler verkaufen. Zwei Jahre später sind wir zurück und auf höchstem europäischen Niveau konkurrenzfähig. Warum sollte uns das nicht in zwei Jahren erneut gelingen?

In dem Zwischenjahr aber verpasste Ajax die Qualifikation für das internationale Geschäft.

Ja, das ist richtig, und innerhalb des Vereins kam es dadurch zu gewissen Spannungen. Ein neuer Trainer kam. Es herrschte damals eindeutig zu viel Unruhe.

Warum hat es 13 Jahre gedauert, bis Ajax überhaupt wieder ins Achtelfinale der Champions League kam?

Zunächst mal muss man feststellen, dass wir seit 2014 nicht mehr Meister geworden sind. Für uns ist es extrem schwer, mit drei Wettbewerben gleichzeitig zu jonglieren. Wir haben keine zwei Mannschaften wie etwa Bayern München und die Spieler sind noch zu jung, um mit solchen Belastungen problemlos umzugehen. Außerdem ist unsere Bank nicht so breit und nicht so tief wie bei den Konkurrenten. Als wir 2017 ins Europa-League-Finale kamen, absolvierten wir 16 Spiele mehr als unsere Rivalen in der Liga. Das ist fast eine halbe Meisterschaft mehr. Würden wir uns allein auf die Eredivisie fokussieren, würden wir zweifelsohne sieben von acht Titeln gewinnen, aber unser Hauptziel heißt, unter den Top 20 in Europa zu sein und zwar mittel- bis langfristig.

Real Madrid kaufte im Sommer einen Star nach dem anderen und wird damit die enttäuschende Spielzeit schnell vergessen lassen. Sie dagegen standen nach einer überragenden Saison vor einem Neuanfang, weil Ihnen Ihre fantastischen Talente weggekauft wurden. Wie gehen Sie damit um?

Wir wussten schon lange, dass wir in der nächsten Saison erneut unsere Mannschaft umbauen müssen. Ich wusste das, ich akzeptierte es und ich erwartete einen sehr harten und stressigen Sommer. Das Wichtigste für mich ist: Wir müssen sehr schnell handeln, schneller als die anderen europäischen Top-Vereine. Sobald wir mit einem Spieler eine Einigung erzielen, unterschreiben wir auch sofort die Verträge. Jeder Tag ist ein Risiko.

Wie arbeiten Sie?

Timing ist meine wichtigste Waffe. Ich habe das Glück, Kollegen zu haben, die mich bestens kennen und mich jederzeit in Ruhe arbeiten lassen. Manchmal bin ich chaotisch und ich bin auch nicht der Typ, der eine Power-Point-Präsentation macht, aber wenn ich meinen Kollegen mitteile, dass wir diesen oder jenen Spieler kaufen müssen und zwar sofort, dann folgen Sie mir. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Răzvan Marin war immerhin bei drei Top-Klubs aus der Bundesliga auf dem Einkaufszettel, doch dank des richtigen Timings kam er zu uns. Wir haben damals sowohl Matthijs de Ligt als auch Frenkie de Jong geholt, weil wir im genau richtigen Moment Gas gegeben haben.

Haben Sie De Jong wirklich für nur einen Euro geholt?

Um ehrlich zu sein: Er kam sogar zum Nulltarif.

De Jong und De Ligt haben gerade mal zwei Spielzeiten bei Ajax verbracht. Jetzt sind beide weg. Das muss für Sie doch frustrierend sein?

Ich glaube nicht mehr daran, dass Spieler gleich fünf oder sechs Jahre bei uns bleiben. Das war einmal. Es gibt heute so viel Geld im Fußball, dass man auf einem bestimmten Niveau wohl nicht mehr mithalten kann. Die besten Spieler gehen immer früher. Insofern müssen sie noch schneller und intensiver ausgebildet werden, damit sie leistungsfähiger sind und zwar immer früher. Wir haben eine Schule aufgebaut in der Nähe unserer Trainingsanlagen. Die Jungs sind gleich dort, sie verlieren keine Zeit durch die Anfahrt. Sie können sich mehrere Stunden auf den Fußball fokussieren und zwar tagtäglich.

Besteht denn die absolute Notwendigkeit, die besten Spieler jedes Jahr zu Geld zu machen?

Heute nicht mehr. Aber als ich vor sechs Jahren als Verantwortlicher anfing, war unsere finanzielle Lage instabil und gefährlich. Wir haben Schritt für Schritt eine neue Mannschaft aufgebaut. Frank de Boer nahm als Trainer dabei eine sehr wichtige Rolle ein. Heute sind wir für holländische Verhältnisse sehr stabil.

Passiert es dennoch, dass ein Spieler Ajax zu früh verlässt?

Ein frisches Beispiel: Justin Kluivert. Er wurde an die AS Rom verkauft, als er erst 19 Jahre alt war. Das war viel zu früh und die reine Verschwendung. Er hätte mindestens ein bis zwei Jahre länger bleiben sollen. David Neres, der trotz großer Begehrlichkeiten geblieben ist, hat in dieser Saison einen wichtigen Schritt in seiner Entwicklung getan. Für einen jungen Spieler ist es fatal, nicht regelmäßig zum Einsatz zu kommen. Das „killt“ den Spieler langsam, aber sicher. Und dann versuche ich den Spielern zu vermitteln, dass es auch um das Interesse des Klubs geht. Ein Spieler, den wir teuer gekauft haben, der aber bereits nach einem Jahr wieder weg will wie zuletzt unser Linksverteidiger Nicolás Tagliafico, der bekommt von uns ein klares Veto. „Nico“, sagte ich zu ihm, „du kannst nicht schon nach einem Jahr wieder gehen, sondern eher im nächsten Sommer. Wenn du dann ein gutes Angebot erhältst, bist du der Erste, der gehen darf.“

Wie können junge Spieler diese Geduld lernen?

Diese Spieler erinnere ich regelmäßig daran, dass ich mit 20 auch an ihrer Stelle war. Man muss einfach lernen, geduldig zu werden. Vor allem für sich selbst. Es gibt keine Alternative.

Ist so eine Erinnerung denn genug?

Nicht immer. Manchmal kommt es zum Streit. Ein wichtiger Teil meines Jobs ist auch, die Spieler finanziell zu belohnen, die es am meisten verdienen. Die meisten jungen Spieler haben Vierjahresverträge, was aber heutzutage so gut wie nichts mehr bedeutet. Spielst du auf Top-Niveau, musst du entsprechend verdienen. Das ist sehr wichtig. Die Spieler tauschen sich untereinander aus, vergleichen sich. Ich verrichte eine ständige Anpassungsarbeit, was die Gehälter betrifft. Das ist Fein-Tuning, rund um die Uhr. Es kostet viel Zeit, ist aber notwendig. Mit den Spielerberatern ist es das Gleiche. Wir bezahlen kaum Kommission. Sie gehören zum Deal, wenn der Spieler einen großen Transfer abschließt.

Der Socrates Newsletter

Welche Rolle spielen die Eltern?

Wir haben eine Broschüre kreiert: „Made in Ajax“. Darin erfahren die jungen Spieler und ihre Eltern, warum sie bei Ajax einen Vertrag unterschreiben sollten. Als wir vor zwei Jahren das Europa- League-Finale bestritten haben, hatten wir die jüngste Mannschaft der Europapokal-Geschichte, mit 21 Jahren und sieben Monaten im Durchschnitt. Das war großartig, und zeigt gleichzeitig, warum wir verloren haben. Schauen Sie sich das an: 82 Prozent der ausgebildeten Spieler bei Ajax unterschreiben einen Profivertrag. Bei uns sind sie bestens aufgehoben.

Klingt hervorragend. Wo ist der Haken?

Wir verlieren etliche junge Spieler, die unglaubliche Angebote von Manchester United, Manchester City oder Chelsea erhalten. Obwohl junge Spieler noch keinen Einsatz bei den Profis hatten, aber bereits einen festen Berater beschäftigen, verlangen sie immer öfter und immer früher einen Megavertrag, um zu bleiben. Sie setzen uns dabei massiv unter Druck. Ich finde diese Tendenz sehr gefährlich. Es sind eigentlich noch Kinder, aber sie sind schon Millionäre, bevor die Karriere überhaupt begonnen hat. 

Vor gut drei Jahren starb Johan Cruyff. Hat dieses Ereignis Ajax verändert?

Die Zeit mit ihm war unvergesslich, auch wenn ich ein paar Monate vor seinem Tod nicht immer auf einer Wellenlänge mit ihm lag. Irgendwie ist er immer noch bei uns. Er hatte eine besondere Gabe: Er konnte aus einer schwierigen Diskussion eine extrem einfache machen. Mit ihm lief alles wie geschmiert. Er ist und bleibt eine Art Inspiration für uns alle.

Interview: Alexis Menuge

,

Kevin De Bruyne: „Acht Millionen sind Trinkgeld“

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Kevin De Bruyne, es heißt, Sie seien kein guter Verlierer. Stimmen Sie zu?

Es stimmt und war schon so, als ich noch ganz klein war. Mittlerweile läuft es besser, vor allem wenn wir zu Hause spielen, Monopoly zum Beispiel. Aber früher war Verlieren einfach ein Ding der Unmöglichkeit und ich war unerträglich.

Wie ist es auf dem Fußballplatz?

Ich bin kein schlechter Verlierer, sondern eher ein guter Gewinner. (lacht) Ich bin jetzt ein erwachsener Mann und Familienvater, das hat schon dafür gesorgt, dass ich ruhiger geworden bin.

Sie sprechen die Familie an. Wie war es für Sie, schon sehr früh das Elternhaus zu verlassen und nach Genk zu wechseln?

Das war nicht einfach. Ich war erst 13, 14 Jahre alt. Ich habe meine Eltern gebeten, ins Fußballinternat zu gehen und zu einer Pflegefamilie zu ziehen. Ich wollte meine Chance suchen. Und plötzlich war ich allein, ohne meine Eltern. Aber diese Zeit hat mich sicherlich geprägt. Ich bin zwar in einer neuen Familie gelandet, aber es war halt nicht meine. Als ich 18 wurde, habe ich allein gelebt. Ich musste also allein kochen, waschen, putzen und all diese Dinge erledigen. Das war eine gute Schule, dadurch bin ich schneller erwachsen geworden, weil ich gezwungen war, anders zu leben als ein normaler 18-Jähriger. Das gilt aber auch für andere Bereiche.

HOL' DIR DAS SOCRATES TESTABO FÜR NUR 10 EURO

Hatten Sie nie das Gefühl, etwas zu verpassen?

Ich sage immer: Wenn man es wirklich schaffen will im Leben, dann muss man selbstbewusst auftreten und alles geben. Wenn man aber ein paar Prozent nachlässt, wenn man etwa an seinen Zielen zweifelt, dann schafft man nichts. Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung ist. Bis heute ist das so: Wenn ich eine Entscheidung treffe, bin ich überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben. Als ich zum VfL Wolfsburg ging und anschließend zu Manchester City, waren das Entscheidungen aus tiefster Überzeugung. Ich war davon überzeugt, dass es zum jeweiligen Zeitpunkt die für mich beste Option war. Ich bin immer von dem überzeugt, was ich tue.

Ihrem Spiel wohnt eine große Leichtigkeit inne. Woher kommt die?

Fußball ist Business, aber es ist und bleibt auch ein Spiel. Auf dem Rasen will ich Spaß haben, ich will mich einfach amüsieren, das ist meine Einstellung. So sehe ich den Fußball.

Klingt kinderleicht. Was ist mit der immensen Erwartungshaltung, die von außen an Sie herangetragen wird?

Auch wenn der Druck bei jedem Spiel groß ist, will ich in erster Linie Spaß haben. Wenn ich keinen Spaß empfinde, dann kann ich mein Potenzial mit Sicherheit nicht abrufen. Egal ob wir gewonnen oder verloren haben, bleibe ich der Gleiche und verhalte mich zu Hause wie immer. Ob es um ein großes oder ein weniger großes Spiel geht, unterscheide ich gar nicht. Es ist und bleibt ein Spiel. Es gibt einige Spieler, die nach einem wichtigen Sieg abheben und bei einer Pleite nervös werden. Ich sehe mich irgendwo dazwischen. Egal was passiert, ich habe die Gabe, alles zu relativieren.

Echt?

Das finde ich wirklich. Ich liebe Fußball und in meinen Augen ist das das Entscheidende. Wenn man seinem Job ohne Freude nachgeht, dann wird man die Erwartungen nicht erfüllen können.

Sie sprachen an, welch gute Entscheidungen die Wechsel nach Wolfsburg und dann nach Manchester waren. Kein gutes Pflaster war hingegen der FC Chelsea.

Auch wenn ich selten zum Einsatz kam, war es eine gute Schule. Tagtäglich mit hochkarätigen Spielern zu arbeiten, hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Vielleicht habe ich damals nicht so oft gespielt, weil ich nur acht und nicht 50 Millionen gekostet hatte. Für mich sind acht Millionen eine Menge Geld, aber im Weltfußball und besonders in England ja inzwischen nur noch ein Trinkgeld.

Wie haben Sie sich gefühlt in dieser Zeit? Allzu viel Spaß kann es Ihnen dort ja nicht gemacht haben.

Es gab Momente, in denen ich frustriert war, vor allem weil man so gut wie nie mit mir gesprochen hat. Ich wusste ehrlich nicht, warum ich nie zum Einsatz kam. Das war schon brutal. Auch wenn ich im Endeffekt sechs Monate nicht gespielt habe, war es eine lehrreiche Zeit. Vielleicht wäre ich ohne diese Etappe nicht so weit gekommen. Außerdem war mir die Erfahrung nützlich, als ich nach der Zeit in Wolfsburg nach England zurückkehrte und die Liga schon kannte.

KRUSE, CHABAL UND THIEM EXKLUSIV: HOL DIR DIE NEUE AUSGABE
KRUSE, CHABAL UND THIEM EXKLUSIV: HOL DIR DIE NEUE AUSGABE

Kam der Wechsel zu Chelsea damals zu früh?

Das kann man wohl so sehen. Ich war erst 19. Es war ein völlig anderes Leben, eine neue Kultur. Aber es ist im Nachhinein betrachtet nicht dramatisch. Es dauerte ja nur ein halbes Jahr. Sechs Monate nicht zu spielen, ist in einer Karriere alles andere als schlimm.

Im Sommer 2015 waren Sie nicht mehr für ein Trinkgeld zu haben. City überwies gut 75 Millionen Euro nach Wolfsburg. Was macht das mit einem Spieler?

Diese Zahlen gehen mich nichts an. Sie sind einfach nicht mein Problem. Man sagt, dass der Druck damit automatisch noch größer wird, aber darum kümmere ich mich nicht. Das kann ich ganz gut ausblenden. Bei Manchester City verläuft alles extrem gut. Ich bin mehr als glücklich. Der Rest ist nicht wichtig. Aber mir ist auch bewusst, dass es im Fußball sehr schnell gehen kann. Es gibt in einer Profi-Karriere viele Höhen und Tiefen.

In der öffentlichen Wahrnehmung aber markierte der Transfer Ihren Aufstieg zu einem internationalen Superstar. Haben Sie das wahrgenommen?

Das mag ja sein, aber damit kann ich mich ja auch beschäftigen, wenn ich die Schuhe eines Tages an den Nagel gehängt habe. Momentan nehme ich es gar nicht wahr, weil ich mich allein auf die Spiele fokussiere und mich der Rest, ganz ehrlich, nicht wirklich interessiert.

Socrates auf Facebook

Träumen Sie konkret von bestimmten Zielen oder Titeln?

Eigentlich gar nicht. Ich möchte nur so viele Titel wie möglich gewinnen. Ich will nicht nur die Premier League holen, sondern auch den FA Cup und die Champions League. Und wenn es geht, würde ich am liebsten alles gleichzeitig gewinnen, um in die Geschichte einzugehen. Das wäre das Optimum. Aber um das zu schaffen, sollte man darüber so selten wie möglich nachdenken, sonst wird es wohl nicht klappen.

Hatten Sie als Jugendlicher ein Idol?

Michael Owen. Er war mein Lieblingsspieler. Er war schon immer meine Nummer eins. Bis auf den englischen Meistertitel hat er immerhin alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Sogar den Ballon d’Or hat er sich geangelt. Auch ich will alles gewinnen, und zwar mit Manchester City. Dort fühle ich mich pudelwohl.

Das Interview erschien in Ausgabe #35

Sie vermitteln stets den Eindruck, nie an sich zu zweifeln. Stimmt das?

Das stimmt. Im Endeffekt sollte man nie vergessen, auch wenn es mein Beruf ist, dass der Fußball ein Spiel ist und ein Spiel bleibt. Die Leute können erzählen, was sie wollen: Ich bin mit mir im Reinen und das ist in meinen Augen das Wichtigste, um mich bestens zu entwickeln. Wenn man 60 oder 70 Spiele pro Jahr bestreitet, dann kann man nicht immer gut sein. Das ist einfach unmöglich. Wir sind keine Maschinen.

Sie haben schon mit 23 eine Autobiographie geschrieben. Wie kam es denn dazu?

Ich wollte einfach ein paar Sachen klarstellen und ich hatte es satt, dass man immer wieder für mich sprach. Ich wollte erzählen, was in meinem Leben genau passiert ist, als ich 12, 13 Jahre alt war. Ich wusste von klein auf genau, was ich erreichen wollte. Wenn man als kleiner Junge seiner Familie erklärt, dass man von zu Hause wegmöchte, um bei einem großen Klub Fuß zu fassen, dann fällt die Reaktion unter Umständen nicht so aus, wie man sich das erhofft hat. Es hagelte damals Kritik. Das war hart. Ich wollte erklären, warum ich mich so verhalten habe und wer ich wirklich bin.

Interview: Alexis Menuge

, , ,

Rapinoe, de Bruyne, Stich: Der Ehrgeiz des Wandels

Spätestens seit der Fußball-WM der Frauen ist Megan Rapinoe das Gesicht des Wandels in der Gesellschaft. Sie zeigt Ehrgeiz und findet Gehör. Auch Kevin de Bruyne und Michael Stich mögen den Stillstand nicht. Sie sprechen darüber in der aktuellen Ausgabe.

Megan Rapinoe: Furchtlose Heldin

Dürfen Sportler politisch sein? Dürfen sie mündig sein? Ja, sie dürfen, aber dann riskieren sie, viel Geld zu verlieren und setzen vielleicht sogar ihre Karriere aufs Spiel. All das spielt für Megan Rapinoe keine Rolle. Sie ist spätestens seit der Frauen-Fußball-WM das Gesicht des Wandels – das Gesicht des Protests. Ihre Unversöhnlichkeit und Nichtkäuflichkeit verleihen Rapinoe einen besonderen Wert.

Inzwischen gibt es sogar Vergleiche mit Muhammad Ali. Ist sie die neue Ali des Sports? Sicher ist nur: Sie tut vielen Weh, aber der Gesellschaft richtig gut und öffnet Augen. Unser Autor Daghan Irak über eine furchtlose Heldin unserer Zeit. Dazu: Die Kolumne von Fußballerin Carinna Wenninger, die aus ihrer Sicht beschreibt, welche Rolle Rapinoe für die Frauen spielt.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Kevin de Bruyne im Exklusiv-Interview

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. Dafür, dass er bei Manchester City unter Pep Guardiola phasenweise sogar Wunder vollbringt, ist er sogar ziemlich bescheiden. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Michael Stich im Exklusiv-Interview

Federer, Djokovic und Nadal – der Hype ist riesengroß. Doch Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Klopp vs. Pep: The Hunted One

The Normal One war mal. Jürgen Klopp ist spätestens nach dem Champions-League-Titel mit dem FC Liverpool seinem alten Image entwachsen und wird jetzt gejagt. Vor allem von einem Mann, der es noch schafft, Klopp wehzutun: Pep Guardiola. Wie es um das Duell auf hohem Niveau steht… in dieser Ausgabe.

Toni Kroos: Außergewöhnlich normal

Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging, dass der Mann mit dem feinen Fuß doch mehr kann als nur ein bisschen talentiert zu sein. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.

Basketball-WM: Maxi Kleber im Interview

Die Ligen sind zu Ende, die Ferien sind zu Ende, jetzt ist es an der Zeit, die Besten der Welt zu entscheiden. Nach US-dominierten Meisterschaften haben wir dieses Jahr sehr viel mehr Favoriten, sehr viel höhere Spannung. Wenn Sie sich vor dem ersten Pfiff in China ein paar Notizen machen wollen, können Sie zuerst auf unser 2019 Basketball-Weltmeisterschaft- Special einen Blick werfen. Dazu: Wir sprachen mit Maxi Kleber.

Dies und vieles mehr in Socrates #35!