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Novak Djoković: Als Mensch gegen Götter

Er schien dazu verdammt, ein Dasein im Schatten von Roger Federer und Rafael Nadal zu fristen. Doch dann erfand Novak Djoković sich neu – und eroberte den Tennis-Thron.

„Lache, solange du atmest.“ Mit diesem Ratschlag empfängt Novak Djoković seine fast neun Millionen Twitter-Follower. Es passt zu dem Mann, der vor vielen Jahren den Spitznamen „Djoker“ bekam, unter anderem auch deswegen, weil er das Publikum mit punktgenauen Imitationen der großen Tennis-Stars so gern zum Lachen brachte.

Dieser kecke, jugendliche Übermut ist beim mittlerweile zweifachen Familienvater einer gewissen Reife gewichen, die mit genügend Lebenserfahrung fast schon zwangsläufig einhergeht. Hier und da blitzt er aber noch auf, Noles Drang, die Zuschauer zu unterhalten. Wie nach seinem Sieg bei den Australian Open 2019, als er den Akzent eines italienischen Journalisten so perfekt imitierte, dass sich alle Zeugen auf der Pressekonferenz bogen vor Lachen.

„Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Ein halbes Jahr später war es allerdings ein ungläubiges Gelächter, das Djoković heraufbeschwor. Er hatte gerade Roger Federer in einem kolossalen Fünfsatzmatch im Finale von Wimbledon bezwungen, ein Match, in dem er nicht nur den besten Rasenspieler aller Zeiten gegen sich hatte, sondern auch die 15.000 Zuschauer auf dem Centre Court, die ihren Liebling ein neuntes Mal zum Titel peitschen wollten.

Dennoch hatte Djoković am Ende triumphiert.

Trotz einer für seine Verhältnisse recht schwunglosen Leistung, trotz zweier Matchbälle gegen ihn, trotz der Tatsache, dass Federer in so ziemlich allen Statistiken teilweise deutlich vorne lag. Die wichtigen Punkte gingen an Djoković, und so gewann er drei Tiebreaks, darunter den zum 13:12 im fünften Satz. Wie er mit der einseitigen Unterstützung von den Rängen für den Gegner umgegangen sei, wurde er anschließend gefragt. Seine Antwort: „Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Niemand, selbst Djoković nicht, konnte den anwesenden Journalisten in diesem Moment ihr Auflachen verdenken, und so zuckte er nur mit den Schultern und lächelte nachsichtig: „Ich weiß, es hört sich albern an, aber es ist wirklich so. Ich versuche mich davon zu überzeugen.“ Der Unterschied im vielleicht dramatischsten Match der Wimbledon-Geschichte: ein fleischgewordener Simpsons-Witz. „Smithers, buhen die mich aus?“ – „Nein, die rufen nur Buh-urns!“

Der unbedingte Glaube an sich selbst

Eine amüsante Fußnote, die in den Tagen danach ihren Weg in zahllose Artikel fand, die allesamt dem Sieger Djoković huldigten. Und die allesamt nicht sonderlich gut aufgepasst hatten, denn die „Transmutation“, von der der alte und neue Wimbledon-Champ gesprochen hatte, war keineswegs neu. „Ich spielte ein Psychospielchen mit mir selbst: Sie schrien ‚Roger!‘ und ich stellte mir vor, sie schrien ‚Novak!‘“ Ein Zitat vom Tag nach dem US-Open-Finale 2015 – damals hatte Djoković Federer und das Arthur-Ashe-Publikum in vier Sätzen bezwungen. Es sind diese Matches, die Djoković den Ruf eines „mentalen Giganten“ eingebracht haben.

Matches, die er von Rechts wegen niemals hätte gewinnen dürfen. „Das war wahrscheinlich das mental härteste Match, das ich jemals gespielt habe“, sagte er nach dem fast fünf Stunden dauernden Wimbledon-Finale, und gab faszinierende Einblicke in sein Innenleben und seine Vorbereitung. „Ich spiele jedes Match in meinem Kopf durch, bevor ich auf den Court gehe, und versuche, mich selbst als Sieger zu sehen. Ich glaube, darin liegt Kraft“, erklärte er, und sprach über Willensstärke, ständig neues Fokussieren, über den unbedingten Glauben an sich selbst.

Der ungeliebte Eindringling

Ein Glaube, der ihm lange gefehlt hatte und den er sich hart erarbeiten musste. Novak Djoković ist ein überragender Tennisspieler. Sein Spiel von der Grundlinie ist makellos, er hat die Fähigkeit, jeden noch so aussichtslosen Ball zu erreichen und mit einem Winner zu kontern. Sein „Ausrutschen“ der Bälle auf Hartplatz ist legendär, sein Return der beste in der Geschichte des Herrentennis. Wie ein Supercomputer nutzt er die ersten Aufschlagspiele jeder Partie, um sein Spiel auf das des Gegners zu kalibrieren, kaum jemand hat so viele Möglichkeiten, sich das Gegenüber zurechtzulegen und die Schlinge dann zuzuziehen.

Aber Djoković hat nicht das Talent seiner beiden größten Kontrahenten. Wo Roger Federer und Rafael Nadal aus dem Tennis-Olymp herabgestiegen scheinen, der eine mit kühler Eleganz, der andere mit herkulischer Kraft, ist Novak bei all seinen Fähigkeiten „nur“ ein Mensch. Als er 2006 sein erstes ATP-Turnier gewann, hatten Roger und Rafa den Tennis Zirkus bereits unter sich aufgeteilt, die weltweite Fangemeinde inklusive.

Djoković war der ungeliebte Eindringling, jahrelang blieb er die dritte Kraft. Bis 2011 gewann er ein Grand Slam – Nadal stand da schon bei neun, Federer gar bei 16. Es gab nur eine Trumpfkarte, die ihm blieb: Auf dem Platz konnte er Federer und Nadal nicht bezwingen – doch im Kopf schon.

Nicht nur Fitnessstudio

Dafür musste er allerdings erst lernen, sich selbst zu besiegen. In seinem Buch Siegernahrung von 2013 schildert Djoković seinen Wandel vom Spaßmacher zum Asketen, man erfährt, wie er mit manischer Präzision jedes Fitzelchen Potenzial aus seinem Körper herauspresst. Viel wichtiger aber: Er lernte, seinen Respekt vor Federer und Nadal abzulegen, den eigenen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden.

Möglich machte dies jahrelanges mentales Training. Tag für Tag für Tag. Djoković setzt auf Meditation, auf ständige Visualisierung des Erfolgs: „Ich glaube fest daran, dass du die Dinge bekommst, die du dir vorstellst. So funktioniert das Leben einfach.“ Mindestens so viele Stunden wie auf dem Platz oder im Fitnessstudio müsse man in sich selbst investieren, in den eigenen Charakter, in die eigenen Fehler, sagte er einmal, sprach von ständigen inneren Kämpfen, die es auszufechten gilt.

Es ist ein holistischer Ansatz, der in seinen Interviews immer wieder durchscheint. Man mag ihn als krude Selbsthilfe belächeln, mit dem Verweis darauf, dass der spirituell stets wissbegierige Djoković damit schon in der einen oder anderen Sackgasse gelandet ist: Als er 2017 in einer Sinnkrise steckte, feuerte er sein gesamtes Team inklusive Erfolgstrainer Marián Vajda und nahm die Hilfe eines spanischen Gurus mit eher zweifelhaftem Ruf in Anspruch. Ein Jahr später kehrte Vajda zurück – und mit ihm der Erfolg.

„Du stehst hier nicht ohne Grund“

Oder man mag bewundern, mit welcher Konsequenz Djoković seine Erkenntnisse in die Tat umsetzt, und wie weit sie ihn gebracht haben. Als Siebenjähriger träumte er nicht einfach nur vom Sieg auf dem Heiligen Rasen, sondern bastelte sich eine Version der Wimbledon Trophäe dazu. 2011 hielt er endlich das Original in den Händen, 2019 folgte sein vielleicht größter Triumph, sein Meisterstück mentaler Stärke. Wie ihm das gelang? „Du musst dich immer wieder daran erinnern, dass du nicht ohne Grund hier stehst. Dass du besser bist als der Andere.“

Meditation, Visualisierung, Psychotricks. Derartigen Methoden scheint ein Federer längst entrückt zu sein – vielleicht auch deshalb, weil er vom Publikum geradezu überhöht wird. Schon 2006 sprach der Schriftsteller David Foster Wallace vom Schweizer als „religiöser Erfahrung“. Auch zu einem Nadal mag es nicht passen, dem Mallorquiner haftet in seinem Spiel und seinem Auftreten bis heute etwas unverbraucht Kindliches an.

Aber es passt zu Novak Djoković, dem Getriebenen, dem ständig Suchenden. Suchend nicht unbedingt nach Perfektion, vielmehr nach Einklang mit sich und der Welt. Wenn die Welt wieder normal ist, wird er sich erneut auf die Suche machen, nach neuen alten Titeln und – wie so oft – der bedingungslosen Verehrung des Publikums.

Wie der Imperator

Vielleicht das Einzige, was ihm noch fehlt. „Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich leide mit ihm“, sagte seine Mutter Dijana im Interview mit GQ. „Sie respektieren seinen Erfolg, aber wenn er gegen Federer spielt, feuern sie Federer an.“ Doch auch sie weiß: Womöglich hat diese Tatsache, das jahrelange Ankämpfen gegen die Federers, Nadals und ihre Fans, ihren Sohn noch stärker gemacht.

Der US-Journalist Brian Phillips drückte es nach Wimbledon so aus: „Wir halfen ihm dabei, Siegen zu lernen – weil wir wollten, dass er verliert.“ Djoković ist 33 (Stand: 22. Mai 2020), er hat noch einige Jahre vor sich: Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. „Wenn sie mich nicht respektieren, wie können sie mich dann jemals lieben?“, fragt Imperator Commodus in Ridley Scotts Gladiator.

Den Respekt hat sich Novak bereits erkämpft, die Liebe wird irgendwann folgen. Und wenn nicht, weiß er schließlich um eine andere Lösung. So oder so – am Ende rufen alle seinen Namen.

Stefan Petri

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Marcel Kittel: Was ist Glück?

War Marcel Kittel Anfang der 2010er Jahre noch ein glänzendes junges Talent, so wurde er innerhalb kürzester Zeit zum schnellsten Radfahrer der Welt, bevor er dann seine Karriere plötzlich beendete. Kittel öffnete SOCRATES die Türen seiner Schweizer Wohnung. Oder seines Stadtteilcafés…

Sie haben im Sommer 2019 Ihre Karriere beendet. Als wir uns vor dem Interview unterhielten, erzählten Sie von Etappen von früher, an denen Sie teilgenommen hatten. Kommt es vor, dass Sie sich alte Rennen wieder anschauen?

Wenn ich ehrlich sein soll, wundere ich mich sehr über die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Man wechselt plötzlich von einem Leben zum anderen. Ich bin so sehr mit dieser neuen Phase meines Lebens beschäftigt, dass ich manchmal sogar vergesse, dass ich überhaupt Radsportler war. Schließlich bin ich jetzt wieder Student und bald wird mein Baby auf die Welt kommen.

Wenn wir auf die Universität zu sprechen kommen. Sie studierten Informatik. Warum studieren Sie jetzt Wirtschaftswissenschaften?

Ja, mein erstes Studium habe ich nicht abgeschlossen. Meine professionelle Radsportkarriere stand unmittelbar bevor und ich musste eine Entscheidung treffen: entweder weiter studieren oder mich auf meine Sportkarriere fokussieren. Warum ich jetzt Wirtschaftswissenschaften studiere? Das Psychologische daran weckt mein Interesse. Warum kaufen die Leute dieses Produkt und nicht jenes? Die Gründe dahinter.

Haftet dem Ganzen nicht auch etwas Philosophisches an? Die Sorge zu entscheiden, machte die Wirtschaft und das Marketing auch zum Gegenstand philosophischer Diskussionen.

Eigentlich hatte ich mir über den philosophischen Aspekt des Ganzen noch keine Gedanken gemacht, aber mir fiel eine Sache ein, als Sie es mir sagten. Neulich unterhielt ich mich mit der Schwester meiner Freundin. Sie ist Master-Studentin und besucht unter anderem Philosophieseminare. Sie erzählte mir Folgendes: Eine der philosophischen Fragen, die sie interessant findet, ist, dass man die Welt auf zwei unterschiedliche Weisen betrachten kann. Auf der einen Seite befindet sich der Fatalismus, also dass alles vorbestimmt sei und man nur einem bestimmten Pfad folge. Auf der anderen Seite dagegen steht der Ansatz, der davon ausgeht, dass alles auf dem freien Willen beruhe. Wenn wir uns die Frage anschauen, warum Menschen, die eine Ware kaufen oder eben nicht, können wir uns ja in beide dieser Richtungen bewegen. Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel geben.

Gerne.

Marketing. Eigentlich sind all diese Marketingmärchen nichts als Manipulation. Wie funktioniert es? Was steckt hinter dem ganzen Mechanismus? Wie beeinflusst es Menschen wie mich? Nicht dass ich es lieben würde – ich versuche vielmehr, es zu begreifen.

Sie sprachen vom freien Willen. Nachdem Sie Ihre Karriere beendeten, sagten Sie: „Jetzt bin ich frei.“ Spürten Sie jene Freiheit zum ersten Mal?

Am Anfang meiner Radsportkarriere fühlte ich mich auch frei. Alles erschien mir sehr neu und aufregend. Es war so etwas wie eine unendliche Entdeckung. Aber wenn ich heute darauf zurückblicke, sehe ich, dass mein damaliger Zustand Teil eines Programms war. Schließlich war ich Teil eines Trainingskalenders, eines Mannschaftsprogramms. Wenn wir den Menschen ins Zentrum des Lebens stellen, dann ist er umgeben von vielen verschiedenen Welten: Familie, Karriere, Freunde. Während der Radsportkarriere kann man sich nur auf eine davon fokussieren – den Sport. Aber jetzt merke ich, dass ich mich vielen verschiedenen Bereichen widmen kann. Es reichte mir nicht mehr aus, mich nur über eine Sache, also nur über den Sport, zu definieren. Ich brauchte mehr Zeit für meine Familie, für meine persönliche Entwicklung und mein Studium.

Das Radprofi-Dasein hatte auch Seiten, die mir großes Vergnügen bereitet haben, aber ich dachte, dass es irgendwann enden musste. Ich habe eine neue Seite aufgeschlagen und genau das ließ mich mich freier fühlen. Freier als davor. Es ist aber nicht so, als wäre ich in meiner Radsportkarriere als Geisel genommen worden, es hatte mich niemand dort eingeschlossen. Ich habe den Radsport immer geliebt und auf das, was ich erreicht habe, bin ich nach wie vor stolz. Aber als ich meinen Vertrag mit Katusha-Alpecin auflöste, sah ich das Ganze aus einer anderen Perspektive und dachte, dass ich einen Schritt machen musste. In Richtung eines neuen Lebens. Ich hätte weitermachen, mich noch ein, zwei Jahre dazu zwingen können…

Und sicher lagen auch Angebote vor.

Ich war im Gespräch mit Jumbo-Visma, aber ich entschied mich für einen anderen Weg.

Wir sprachen mit Andy Schleck nach dem Ende seiner Karriere. Über die Schwierigkeiten, die professionelle Sportler nach ihrer aktiven Karriere erleben, sagte er: „Als Radsportprofi schickt man nicht einmal die eigenen Briefe selbst. Andere Leute erledigen es für einen. Nachdem ich meine Karriere beendet hatte, merkte ich, dass die Postangelegenheiten schwer sind. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, wohin man die Briefmarke kleben soll.“

Ich kann Andy verstehen. Als Hochleistungssportler wird man von seinem Umfeld ständig unterstützt, weil man sich ausruhen muss. Aber auch in der Zeit, in der ich Rennen bestritten habe, habe ich mich nicht in diese Lage gebracht. Ich ließ nicht zu, dass man mir bestimmte Verantwortungen aus der Hand nahm. Ich wollte nicht ein Individuum sein, dessen Leben sich ausschließlich auf das Trainieren und Rennen beschränkt. Andy und ich haben wahrscheinlich total entgegengesetzte Charaktere und das ist völlig okay. Vielleicht hat mir das den Einstieg ins Leben nach der Sportkarriere leichter gemacht. Zu den Sportlern zu gehören, für die alles von anderen organisiert wird, ist auch eine nachvollziehbare Entscheidung, denn der Radsport ist wirklich hart.

Wenn man an einer dreiwöchigen Grand Tour teilnimmt, soll man an nichts Anderes denken. Man nimmt an der Etappe teil, danach geht man zur Massage, man isst und schläft ein. Aber wenn man nach so einer Grand Tour nach Hause fährt, wird man dort mit der Realität konfrontiert. Es kommt einem so vor, als hätte man kein Ziel, kein Leben mehr. All das kann ich nachvollziehen. Aber wie ich sagte, ich verfolgte einen anderen Weg. Und das seit meiner Kindheit. Als ich mein Elternhaus verließ, war ich erst vierzehn Jahre alt. Ich ging ins Internat. Diese Erfahrung hat mich weitergebracht.

Über das Gleichgewicht zwischen dem Leben und dem Radsport sprachen Sie auch während Ihrer Radsportkarriere. Zum Beispiel, wenn Sie auf ein bestimmtes Gericht Appetit hatten, gehörten Sie niemals zu den Sportlern, die sich dieses Gericht nicht gönnten und sich stets an eine strenge Diät hielten.

Und es war nicht einfach, dieses Gleichgewicht zu bewahren. Denn es gibt auch Momente, in denen man sich ausschließlich auf seine Karriere fokussieren muss. Verstehen Sie mich nicht falsch, in solchen Momenten habe ich meine Arbeit immer gut gemacht. Aber trotzdem versuchte ich von Zeit zu Zeit, aus dieser Blase hinauszugehen und Luft zu schnappen. Es war dabei hilfreich, verschiedene Inspirationsquellen um mich zu haben. Ich gehörte nicht zu diesen Menschen, die immer arbeiten und nicht wissen, wie man sein Leben genießt. Viele verstecken sich hinter dem Bild des ununterbrochen arbeitenden Sportlers. Aber dieses Bild ist nichts als Unfug. Es ist unmöglich, sich zehn Jahre lang in einer Blase einzuschließen und nicht darunter zu leiden. Man braucht immer ein Gleichgewicht.

Sie sprachen von Ihren Inspirationsquellen. Stimmt es, dass Sie nach dem Ende Ihrer Karriere eine Europatour gemacht und dabei verschiedene Leute getroffen haben?

Ich bin sehr nachdenklich. Vor allem über mich selbst denke ich viel nach, manchmal sogar zu viel. Insbesondere vor großen Entscheidungen kann ich verwirrt sein. Als ich die Frage, ob ich weitermache oder aufhöre, beantworten sollte, habe ich mir von vielen Menschen Rat geholt. Das Wichtigste dabei war meine Suche nach einer Antwort auf die Frage: Was macht mich im Leben wirklich glücklich? Ich hätte nicht einfach weitermachen können, nur weil andere sagten, ich solle es tun. Ich stellte mein Glück in den Vordergrund.

Stimmt es, dass Sie eine Liste gemacht haben. Eine Liste der Sachen, die Sie glücklich machen…

Ja, vielleicht habe ich sogar ein Foto davon auf dem Handy.

Das Meer und die Sonne sollen darauf stehen.

Wenn mich eine Sache beschäftigt, dann denke ich darüber nach, bis ich eine Lösung dafür gefunden habe. So ging es mir auch, als ich diese Liste erstellte. Aber nachdem die Sache gelöst ist, lasse ich die Liste hinter mir. (durchforscht seine Bildergalerie) Japan, Paris… Wie viele Fotos ich gemacht habe. Nein, nein, ich kann es nicht finden. Aber zwei davon haben Sie ja bereits erwähnt. Das Meer und die Sonne. Meine Familie und Freunde standen ebenfalls auf der Liste. Ich hatte mir allerdings auch Ziele wie „mehr Zeit mit authentischen Menschen verbringen“ aufgeschrieben. Das war auch das Ziel meiner Reisen. Mit Menschen mehr Zeit zu verbringen, die ihre Stellung im Leben kennen und wissen, was sie tun wollen.

Es fiel mir aber nicht leicht, die Liste anzufertigen, da es nicht so einfach ist, sich mit der Frage „Was macht mich glücklich“ auseinanderzusetzen. Darauf eine Antwort zu finden, ist nicht so einfach, wie man es sich vorstellt. Als Mensch muss man jeden Tag Entscheidungen treffen. Von der Karriere bis hin zum individuellen Leben. Manche davon entpuppen sich als richtig, andere eben als falsch.

Das Interview erschien zuerst in Ausgabe #39: Jetzt nachbestellen

Lassen Sie uns einen Blick auf Ihre Karriereentscheidungen werfen. Eine der Sachen über Sie, die mich beschäftigen, ist, wie Sie in Ihrer Jugend von einem Zeitfahrspezialisten zu einem Sprinter wurden.

Es gibt eine einfache Antwort darauf. Ich war nämlich schon immer ein guter Sprinter. Als ich mit dem Radsport angefangen habe, bildeten meine Freunde und ich eine fünfköpfige Gruppe. Wir nahmen an kleineren Rennen teil und bei den Sprints waren wir erfolgreich. Auch damals schon wusste ich, dass ich schnell war. Die eigentliche Frage müsste vielleicht eher sein: Wie wurde ich zu einem guten Zeitfahrspezialisten? Dass ich den Junioren Weltmeisterschaftstitel im Zeitfahren gewann, stellte für mich einen mentalen Wendepunkt dar.

Sie erlebten einen schnellen Aufstieg. Bereits am Anfang Ihrer Karriere fiel auch Ihr Name, wenn von den besten Sprintern der Welt die Rede war. Wie haben Sie das geschafft?

Hinter der Geschwindigkeit, die man in seinen Beinen spürt, steckt eine einfache Erklärung: Talent. Im Radsport spricht man heutzutage von neuen Trends, von neuen Methoden und Techniken… All das ist toll. Aber wenn man kein Talent hat, wenn man keine schnell zuckenden Muskelfasern hat, kann man nicht besser als die Konkurrenz werden, egal wie viel man arbeitet. Mein genetisches Glück war mein Vorteil. Mein Vater ist ein ehemaliger Sprinter und meine Mutter war eine erfolgreiche Hochspringerin. Auch meine erste Mannschaft war ein Glück für mich. Und mein drittes Glück war Merijn Zeeman, mein Trainer am Anfang meiner Karriere. Dank ihm merkte ich, dass ich nicht nur sprinten konnte, sondern einer der besten Sprinter der Welt werden könnte.

Sie wurden bei Skil-Shimano Profi. Von außen betrachtet waren Sie wie ein College-Team. Herrschte auch im Inneren dieselbe Atmosphäre?

Wissen Sie, wann ich verstanden habe, was für ein Glück es war, in jener Mannschaft dabei zu sein? Nachdem alles vorbei war. Bitter, aber wahr. Manchmal blicke ich auf die Vergangenheit zurück und denke, dass ich die Erfolge in den Jahren 2011, 2012 viel mehr hätte genießen können. Leider verhält es sich mit dem Leben so. Damals war ich jung, alles erschien mir neu, und ich glaubte, mein ganzes Leben würde so weitergehen.

Simon Geschke, einer Ihrer damaligen Mannschaftskollegen, verfasste vor ein paar Monaten einen Text über Sie. An einer Stelle schrieb er: „Mit seinen Siegen trieb er die Weiterentwicklung der ganzen Mannschaft voran. Wir alle waren unerfahren, aber seine pure Kraft machte uns professionell.“ War es schwer, mit diesen Erfolgen klar zu kommen?

Das Interessante ist, dass ich nicht dachte, dass ich Etappensiege bei der Tour de France erringen würde, als ich mich im Radsport zu versuchen beschloss. Ich war einfach neugierig. Ich sah Skil-Shimanos Angebot und dachte mir: ‚Warum nicht?‘ Als ich Amateur war, hatte ich jahrelang gearbeitet, und wollte nicht, dass all diese Trainings umsonst waren. Wie auch Simon sagt, wir waren eine kleine Mannschaft und diese Neugier brachte uns alle weiter. Mit jedem Erfolg spürten wir, dass noch mehr folgen würde.

An einer anderen Stelle schrieb Geschke über Sie: „Ich kenne Marcel seit sehr jungem Alter. Sein Charakter hat sich trotz des ganzen Erfolgs und Ruhms nicht verändert.“ Stimmen Sie ihm zu?

Natürlich habe ich mich verändert. Es sind Welten zwischen dem, wer ich in meinen Zwanzigern war und wer ich in meinen Dreißigern bin. Zum Beispiel werde ich bald ein Kind haben. Das Leben zwingt einen ständig dazu, sich zu verändern. Aber ich wollte damals wie auch später, dass meine Mannschaftskollegen ihre Arbeit genießen. Und der einfachste und in gewisser Hinsicht schwierigste Weg, das zu tun, war ihnen nicht das Gefühl zu vermitteln, ich sei jemand Anderes, jemand Wichtigeres als sie. Denn ich dachte ja auch nicht, dass ich es war.

Bis 2015 erlebten Sie einen unglaublichen Aufstieg. Die Menschen sahen in Ihnen einen Radsportler, der Mark Cavendish besiegen könnte. Haben Sie sich nicht irgendwann unter Druck gesetzt gefühlt?

In meiner ersten Saison war mein größtes Ziel, jene Saison abzuschließen. Ich dachte nicht daran, siebzehn Rennen und eine Vuelta-Etappe zu gewinnen. Mit der Zeit wurde mein Hunger größer. Wenn der Trainer einem sagt, dass man der Beste der Welt werden könnte, beginnt man das Ganze anders zu sehen. Na ja, anfangs antwortete ich: „Ach nein, es gibt schnellere.“ Als die zweite Saison losging, dachte ich anders. Ich fragte mich: ‚Ich habe gezeigt, dass ich gewinnen kann. Kann ich es aber auch gegen die Besten der Welt schaffen?‘ Allmählich sehnte ich mich danach, der beste Sprinter der Welt zu werden. Aber bei meiner ersten Tour de France blieb ich wegen meiner Krankheit hinter diesem Wunsch zurück.

Eine Saison später war alles anders. Ich gewann bei der Tour de France 2013 vier Etappen. Die Konkurrenz zwischen mir, Cav und André Greipel spiegelte sich in den Mannschaften wider. Wir, Argos-Shimano, waren stark. Cavendish war Teil eines hervorragenden Quick-Step-Sprintzuges. Und hinter Greipel stand Lotto-Soudal; er hatte hervorragende Unterstützung durch Greg Henderson und Marcel Sieberg. Und wir hatten Fahrer wie John Degenkolb und Tom Veelers. Wir waren damals vielleicht nicht so berühmt, aber die Tour de France änderte alles. Was war das nächste Ziel? Oben zu bleiben. Denn manchmal ist es schwieriger, oben zu bleiben, als dorthin zu gelangen.

Sie sagten, dass Sie sich oft Gedanken über sich selbst machen. Wie war es, an der Champs-Élysées-Etappe teilzunehmen?

Erinnern Sie sich manchmal an jene Geschwindigkeit, Aufregung und das Gefühl des Sieges?

Wenn wir beispielsweise auf 2013 zurückblicken: Wir waren als Mannschaft im Bus und sahen aus dem Fenster Cavendish, der sich mit seinen Schuhen beschäftigte. Er veränderte ständig irgendwelche Sachen. Er war nervös. Meine Mannschaftskollegen machten Witze darüber. Eigentlich konnte man schon an dieser Atmosphäre erkennen, was für eine Mannschaft wir waren. Natürlich wollte ich die Champs-Élysées-Etappe gewinnen, aber ich hatte keine Ahnung, was passieren würde. Ich hatte dort noch nie an einem Rennen teilgenommen. Ich war loyal zu meinen Mannschaftskollegen. Und ja, ich war auch nervös. Dann habe ich es geschafft. Wissen Sie aber, was ich gefühlt habe? Erschöpfung. Nach drei Wochen Tour de France ist kein Gefühl präsenter als Erschöpfung.

Was ist denn 2015 geschehen, nachdem für Sie alles so gut gelaufen war? Plötzlich wurden Ihre Leistungen schlechter; Sie fingen an, zu verlieren. Sozusagen ging alles den Bach runter.

Das alles wurde mir zu viel. Zwischen 2011 und 2014 hatte sich alles so schnell entwickelt… Mein Leben, meine Karriere hatten sich verändert; ich musste neue Entscheidungen treffen und in jener sportlichen Blase hatte ich für mich selbst keine Zeit mehr. Plötzlich redete man darüber, das deutsche Fernsehen wieder zur Tour de France zu holen; wir wollten den Radsport in der deutschen Öffentlichkeit sichtbarer machen. Ich unterstützte all das, nahm an Treffen teil. Aber all das wurde eben zu viel.

Als ich am Saisonbeginn bei der Tour Down Under mitmachte, merkte ich, dass ich nicht in bester Form war. Ich kehrte nach Hause zurück, nahm an einer Veranstaltung meines Sponsors teil und wurde krank. Wenn man seine physischen und geistigen Grenzen erreicht, wird das Immunsystem schwächer. Zum Beispiel hatte ich null Energie, als ich an der Katar-Rundfahrt teilnahm. Ich war grottenschlecht. Ich sprach mit meiner Mannschaft darüber und bat um Zeit. Ich musste mich wieder aufrappeln, mein Leben neu organisieren und wieder anfangen zu leben, aber es war sehr schwierig. Plötzlich begann ich, alles in Frage zu stellen.

Was für eine Bedeutung hatte all das? Ich redete mit Psychologen und suchte nach einem Ausweg; es hat mir wirklich geholfen, professionelle Hilfe zu holen. Allerdings brauchte ich noch mehr Zeit. Am Ende der Saison verließ ich die Mannschaft, da mich damals ihr Verhalten mir gegenüber störte.

Gleichzeitig setzte ich mich mit mir selbst auseinander. Vielleicht zum ersten Mal stellte ich mir die Frage: ‚Was macht mich im Leben glücklich?‘ Deswegen bin ich also gleichzeitig dankbar, denn ich habe neue Entscheidungen getroffen. In jenem Sommer bin ich in die Schweiz gezogen. Während derSaison begann ich, in Girona Zeit zu verbringen und wechselte zu Etixx-Quick Step.

Und Ihr Comeback im Etixx-Quick-Step-Trikot war richtig legendär.

Auf jeden Fall. Mein Ziel war ja auch, der Welt wieder zu zeigen, wozu ich fähig war.

Ich kann die Abschlussparty der Türkei- Rundfahrt nicht vergessen, auf der der Etixx-Quick-Step-Chef Patrick Lefevere über Sie redete. Er schwärmte ständig von Ihnen. Er sprach über Ihr Charisma, Ihr Talent und Ihre Kraft, wobei Sie noch gar nicht zu seiner Mannschaft gewechselt waren.

Patrick kann manchmal ein schwieriger Mensch sein, aber eine Sache bekommt er perfekt hin: Er weiß, wie er seine Mannschaft zusammenhalten kann. Die Trainer sind im Großen und Ganzen dieselben und in der Mannschaft herrscht eine tolle Atmosphäre. Deswegen bin ich sehr glücklich wegen der Zeit, die ich bei Quick Step verbrachte. Sie nahmen mich so warmherzig und freundlich auf… Der Rest kam von allein. Auch nach mir ging diese Tradition weiter. Schauen Sie sich beispielsweise die Entwicklung an, die Elia Viviani dort machte, dann werden Sie es verstehen. Sie sind nicht ohne Grund seit Jahren eine Spitzenmannschaft.

Lassen Sie uns über die Katusha-Jahre sprechen.

Mein Grund, bei Katusha zu unterschreiben…

…war nicht ausschließlich finanzieller Natur, oder? Auch die Atmosphäre, die Ordnung dort erweckte Ihr Interesse.

An keinem Punkt meiner Radsportkarriere habe ich aus finanziellen Gründen einen Vertrag unterschrieben. Von Quick Step hatte ich ein ähnliches Angebot bekommen. Aber das Projekt bei Katusha fand ich aufregender. Die Möglichkeit, dass eine aus deutschen Fahrern bestehende Mannschaft die beste der Welt werden könnte, zog mich an. Deutsche Sponsoren sollten noch dazu kommen. Dann sah aber die Realität anders aus, als es auf dem Papier den Anschein gemacht hatte. Aber das begreift man erst, wenn sich die Sachen verschlechtert haben. Wie ich auch am Anfang sagte, muss man im Leben Entscheidungen treffen. Man trifft diese Entscheidungen und dann muss man mit den Konsequenzen klarkommen. Am Ende war ich nicht glücklich und wollte mit der Mannschaft sprechen, um meinen Vertrag aufzulösen.

Wir sprachen über die schweren Zeiten, die Sie 2015 durchmachen mussten. Wie wirkten Ihre Erlebnisse bei Katusha auf Sie? Haben Ihnen dabei Ihre Erfahrungen von früher geholfen?

Ich wusste einigermaßen, wie ich mit einer solchen Situation umgehen sollte. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles gewusst hätte. 2018 und 2019 lernte ich einiges dazu, da ich mich wieder einmal mit mir selbst auseinandersetzen konnte. Nachdem ich meinen Vertrag bei Katusha aufgelöst hatte, hatte ich wieder Zeit, mir Gedanken zu machen. Die Frage, was ich wollte, beschäftigte mich sehr.

Irgendwie ist die Sprint-Welt eine sehr machohafte. Sie stellen in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar. Sie sprachen von ihren Problemen und Schwierigkeiten. Sie waren niemals so eine Figur wie Mario Cipollini.

Ich finde, das ist keine große Sache. Die Menschen sahen ohnehin, dass ich unglücklich war. Ich habe mich niemals dafür interessiert, was die Sprinter früher gemacht hatten, wie ihre Charaktere waren.

Heutzutage diskutiert man in der Sportwelt viel über Depressionen. Der NBA-Commissioner Adam Silver sagte: „Viele unserer jungen Spieler sind unglücklich.“ Und manche ehemalige Basketballspieler, die als Fernsehkommentatoren arbeiten, antworteten: „Sie sind reich, berühmt und haben alles, was sie wollen. Warum sind sie denn unglücklich?“

Ja, manche Menschen sehen es als Verwöhntheit, vor allem wenn es um Sportler geht. Aber wenn man anfängt, sich damit zu beschäftigen, was im Leben wirklich wichtig ist, merkt man, dass manche Sachen sinnlos sind – Ruhm, Erfolg, ein luxuriöses Leben. Das alles kann man von einem Moment auf den anderen verlieren. Deswegen ist es wichtig, dass Sportler verstehen, dass das Leben, das man als Star führt, nicht das wahre Leben ist. Die Menschen lieben einen, weil man berühmt ist. Wissen Sie, wie viele Nachrichten ich erhalten habe, als 2015 alles schlecht lief? Gar keine. In solchen Situationen merkt man, wie wenig Menschen es um einen gibt, denen man wirklich etwas bedeutet.

Ich weiß, ich spreche von einer richtig schwierigen Sache, denn ein Sportstar hat viel attraktivere Sachen in seinem Leben, als sich Gedanken über sein eigenes Leben zu machen. Es ist aber trotzdem sehr wichtig, das in jungen Jahren zu begreifen. Aus diesem Grund brauchen junge Sportler viel mehr Hilfe, als man denkt. Was wollen sie schaffen? Was für ein Leben führen sie? Wie sehen sie die Welt? In Bezug auf das alles müssen sie ein stärkeres Bewusstsein entwickeln, denn es gibt so viele Sachen um sie herum, die eine große Anziehungskraft haben; schillernde Bekanntschaften, Wochenendausflüge per Flugzeug, ein Vermögen, das man ausgeben kann.

Wurde durch soziale Medien nicht alles noch schwerer? Was ich gerne wüsste: Haben Sie die Kommentare auf Instagram oder Twitter gelesen, als alles schlecht lief?

Ich habe nach 2018 aufgehört, Kommentare auf sozialen Medien zu lesen, da ich es nicht mag. Soziale Medien sind eine weitere Blase, eine falsche Welt. Nichts daran ist echt. Zum Beispiel soll es in Russland folgendes geben: Man mietet einen Privatjet, um ein Selfie zu schießen. Danach teilt man das Foto und steigt wieder aus. Wie dumm ist das denn?! Die Leute sehen diese Fotos und verurteilen einerseits andere Menschen, ziehen andererseits Schlüsse über ihr eigenes Leben.

Der Socrates Newsletter

Im November 2019 wurde der dreißigste Jahrestag des Falls der Berliner Mauer gefeiert. Sie wurden in Ostdeutschland geboren. Ihre Eltern waren Teil des ostdeutschen Sportsystems. Haben Sie mit ihnen jemals über ihre Erfahrungen gesprochen?

Häufig. Ehrlich gesagt waren meine Eltern Durchschnittsmenschen. Ich meine es in der Hinsicht, dass sie sich nicht für Politik interessiert haben. Sie unterstützten nicht das politische System in Ostdeutschland, aber sie lehnten sich auch nicht dagegen auf. Sie versuchten einfach, ihr Leben zu führen. Wenn ich mich mit meinen Eltern über das Sportsystem unterhielt, lobten sie das breite Netzwerk des ostdeutschen Sportsystems, um junge Talente zu entdecken und sie zu fördern. Andererseits sprachen wir natürlich auch über Doping. Als ich klein war, fragte ich: „Habt ihr jemals gedopt oder habt ihr etwas gesehen?“ Seltsamerweise sagten sie: „Wir wissen es nicht.“ Sie wissen tatsächlich nicht, ob sie gedopt haben oder nicht. Denn das System war nicht so transparent. Schließlich könnten die Tabletten, die man ihnen gab und als Vitamine bezeichnete, auch Dopingmittel gewesen sein. Ich muss hinzufügen, dass sie nicht das höchste Niveau erreicht, also nie an den Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften teilgenommen haben. Vielleicht sah es auf dem höchsten Niveau anders aus. Nach dem Mauerfall hatten meine Eltern wie alle anderen Menschen auch die Möglichkeit, die Akten anzusehen, die die Stasi über sie angefertigt hatte, aber sie lehnten es ab.

Wirklich? Wieso?

Weil sie es nicht wissen wollten. Die Öffnung solcher Akten kann manchmal eine ganze Familie zugrunde richten. Zum Beispiel sieht man in einigen Fällen, dass der Vater oder ein naher Verwandter für das System gearbeitet hat. Vielleicht ist es naiv von mir, aber ich glaube, dass dies auf keinen in meiner Familie zutrifft. Aber es ist ihre Entscheidung, die ich zu respektieren habe. Natürlich, wenn man auf die Geschehnisse von damals zurückblickt, kann man sich das heute alles nicht einmal mehr vorstellen. Zum Beispiel soll es im Zentrum meines Geburtsortes ein Gebäude gegeben haben, das von der Stasi zu Verhör- und Folterzwecken benutzt wurde. Jahrelang soll das niemand gemerkt haben. Eine schreckliche Sache.

Gleichzeitig empfinden einige Menschen eine Art Ostalgie. Eine Nostalgie, für die der Film Good Bye Lenin! Symbolisch steht.

Ja, sich keine Sorgen über die Wohnungsmiete zu machen, nicht der Gefahr von Arbeitslosigkeit ausgesetzt zu sein, bot den Menschen natürlich Sicherheit. Aber der Preis, den man für jenes Leben zahlte, war die eigene Freiheit. Für Menschen, denen ihre eigene Freiheit viel bedeutete, war es trotz alledem schrecklich, damals in diesem Land zu leben.  Wie ich sagte, bin ich froh, dass wir ein vereintes und freies Land haben.

Die Dopingtradition hat dem deutschen Radsport sehr geschadet. Aber Ihre Generation schaffte es, dem Radsport in Deutschland wieder zu Beliebtheit zu verhelfen. Und Sie sind bekannt als das Gesicht jener Generation…

Wir begaben uns in dem Wissen auf jene große Reise, dass es wichtig war, für Transparenz zu sorgen. Wir hatten die Erwartung, für Veränderung zu sorgen und forderten sie auch lauthals ein. Ich bin stolz darauf. Meine Meinung nach ist es aber nicht nur mein individuelles Erbe. Von Tony Martin bis John Degenkolb gab es zahlreiche wichtige Figuren. André Greipel gehörte zum Beispiel der Generation vor uns an, aber erhob seine Stimme, um zu sagen, dass dieser Sport sauber sein sollte. Es ist ebenfalls wichtig, dass die Generationen nach uns das Gleiche tun. Nun ist es ihre Verantwortung.

Zu guter Letzt – Sie zählten unter den Sachen, die Sie glücklich machen, das Meer und die Sonne mit auf; aber Sie leben jetzt in der Schweiz, wo es weder das Meer gibt noch die Sonne…

Ja, es gibt sie nicht… (lacht) Und wir haben noch ein paar Jahre hier zu leben. Mit dem Kind und meinem Studium wird unser Leben erst einmal für eine Weile so aussehen.

Interview: Inan Özdemir

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Marcus Thuram, Andy Murray & Matthias Sammer: Die #40!

Die 40. Ausgabe ist da! Auf dem Cover von SOCRATES versammeln sich diesmal Marcus Thuram von Borussia Mönchengladbach, Tennis-Profi Andy Murray und Matthias Sammer, Berater von Borussia Dortmund. Sie vereint der Centre  Court „Mentalität“.

Marcus Thuram: Die Frohnatur

Marcus Thuram ist eine der Entdeckungen der Bundesliga. Aber er ist nicht nur ein unverschämt talentierter Stürmer, sondern auch ein geistreicher wie charmanter und humorvoller Gesprächspartner, wie er im Gespräch mit SOCRATES zeigte. Unser Kollege Ali Fahrat traf seinen Landsmann zu einem Gespräch am Trainingsgelände der Borussen. Herauskam ein Gespräch, in dem viel gelacht, aber auch viel Hintergründiges gesprochen wurde.

Wie es Thuram schaffte, in kürzester Zeit zu einem der gefährlichsten Angreifer der Liga zu werden und vor allem wie er es schaffte, aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu treten, erzählt der 22 Jahre alte Franzose im Interview. Ach ja; Er spricht auch über seinen Spitznamen.

Andy Murray: Der Kämpfer

Anstatt bei den Australian Open um den Titel zu spielen, arbeitet Andy Murray derzeit an seinem Comeback: Die ehemalige Nummer eins wird auch den Turnieren in Montpellier und Rotterdam nicht an den Start gehen. Eigentlich wollte der Brite den Schläger 2019 sogar an den Nagel hängen, kam dann aber nach heikler OP und langer Pause zurück. Jetzt will er genießen und einfach sehen, wie weit ihn seine Hüfte aus Metall noch trägt. Im Interview mit SOCRATES spricht ein besonnener Murray über seine Karriere.

Matthias Sammer: Der Flüsterer

Matthias Sammer hat im Fußball als Spieler, Trainer und Funktionär nahezu alles gewonnen. Weil er bis heute den höchsten Anspruch an sich selbst und seine Umgebung hat. Und im Laufe seiner Karriere eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zum Spiel aufbaute, die nicht jeder verstehen, aber jeder bewundern kann. SOCRATES-Autor Felix Seidel über einen Mann, der Mentalität lebt, wie kaum ein anderer.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?