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Alex Honnold: Brunnen ohne Boden

Wie konnte ein introvertierter, magerer Junge dem Tod die Stirn bieten und in die Geschichte eingehen? Voilà, das Lebensabenteuer des Alex Honnold.

Vor einem Jahr änderte sich so manches im Leben von Alex Honnold. Die einsamen und kargen Landschaften, die glatten Oberflächen und steilen Felsen, bei denen man selbst für den kleinsten Vorsprung große Dankbarkeit empfindet, dieser natürliche Lebensraum des wahrscheinlich berühmtesten Kletterers der Welt wich zuletzt dem Glanz und Komfort des roten Teppichs. An die Stelle der Kletterschuhe traten solche aus Lack, und dieser Tage begegnen wir Honnold nicht selten im Smoking.

Zurückzuführen ist diese Veränderung im Leben des US-amerikanischen Freikletterers darauf, dass der Film Free Solo, der davon handelt, wie Honnold ohne Seil und andere technische Hilfsmittel den Granitfelsen El Capitan im Yosemite-Nationalpark, dem Mekka des Kletterns, bezwang, den Oscar für den besten Dokumentarfilm erhielt.

Technisch gesehen ist Honnold kein Oscar-Gewinner; denn es sind eigentlich Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin, die Produzenten und Regisseure, die den berühmtesten Filmpreis der Welt gewannen. Honnold gehört auch nicht zu den Schauspielern. Er ist das Thema.

Das Unmögliche möglich machen

Das „Free Solo“ von Honnold selbst bedeutet aber viel mehr als ein Oscar, wie die Worte der Regisseurin Vasarhelyi unterstreichen, die sie ans Publikumund Honnold richtete, als sie auf die Bühne trat, um den Preis entgegenzunehmen: „Danke, dass du daran geglaubt hast, das Unmögliche möglich zu machen und uns inspiriert hast.“ Honnold antwortete diesen Worten, indem er nur seine Hand hob, ganz ruhig, wahrscheinlich davon träumend, wieder am Felsen zu stehen. Das Unmögliche möglich machen…

Hinter diesen großen Worten verbirgt sich die Tatsache, dass sich ohnehin weltweit wenig Kletterer dem Felsklettern widmen und davon vielleicht nur ein Prozent wie Honnold Free Solos wagt. Diese Disziplin, die Felsklettern unter Verzicht auf technische Hilfs- und Sicherungsmittel bezeichnet, ist offensichtlich nicht jedermanns Sache. Honnold ist aber eben nicht jedermann.

Im Dokumentarfilm sieht man sein Free Solo am El-Capitan-Felsen im Yosemite-Tal. Den etwa 1.000 Meter hohen Gipfel erreicht er in unter vier Stunden. Und für die Kletterwelt bedeutet das tatsächlich nicht weniger, als das Unmögliche möglich zu machen, denn vor Honnold ist dies noch keinem gelungen.

Der Einfluss der Familie

Für Honnold, der auf den Tod mit den Worten „jeder könnte jeden Tag sterben“ herabschaut, könnte die Definition des Unmöglichen etwas anders aussehen. Aber auch er sagt, er wolle nicht, dass sein Leben von einer einzelnen Bewegung abhänge. Der 33 Jahre alte Kletterer, der von seiner Idee eines Free Solos am El Cap zum ersten Mal 2009 sprach, übte die Freerider-Route mehrmals, notierte die zweitausend Bewegungen bis zum Gipfel in sein Heft und ging die Kletterei in seinem Kopf durch, selbst wenn er nicht am Felsen übte.

Warum unternimmt aber Honnold diese Klettereien, die trotz aller Proben riskant bleiben? In Kalifornien geboren zu sein und als Kind mit seinem Vater El Cap besucht zu haben, dürfte zweifellos eine Rolle gespielt haben. Der Einfluss der Familie ist gegeben, dennoch nicht unbedingt aus der Emotion heraus. Honnold wuchs in einer Familie auf, in der man sich nicht umarmte und das Wort „Liebe“ nur sparsam zum Einsatz kam. Aus ihm wurde so ein sehr introvertierter Junge, der, einmal mit dem Klettern in Berührung gekommen, den Entschluss fasste, sein Leben diesem zu widmen.

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Studium geschmissen

Auf die Frage, warum er solo klettere, antwortet er, dass er sich davor scheue, mit anderen Menschen Zeit zu verbringen und mit ihnen zu reden. Deswegen allein. Dass seine Eltern sich scheiden ließen und sein Vater und Großvater starben, stellten weitere Wendepunkte dar, die zu kritischen Veränderungen in seinem Leben führten. Danach schmiss Honnold sein bis dahin erfolgreiches Studium hin.

In seinem Alpinist-Profil sagt er über diese Entscheidung: „Es gab niemanden, der mich dort haben wollte. Und ich wollte auch nicht dort sein. Am Ende sagte ich mir: ‚Scheiß drauf!‘ und habe mein Studium hingeschmissen.“ Dass er die Universität verließ und mit dem Geld, das er von seinem Vater geerbt hatte, einen Wohnwagen kaufte, in dem er fortan hauste, und er mit dem Tod einen Waffenstillstand schloss, brachte ihn dahin, wo er heute steht.

Noch 2006 kannte ihn kaum jemand in der Kletterwelt. Aber nachdem er 2007 im Yosemite-Tal sowohl die Astromanals auch die Rostrum-Route an einem Tag geklettert war, änderte sich alles. An jenem Tag wiederholte Honnold den legendären Erfolg von Peter Croft, den man in Free Solo kurz sehen kann. Um den Druck auf sich zu reduzieren, klettert Honnold, ohne selbst den ihm am nächsten stehenden Menschen Bescheid zu geben.

Die Sache mit Amygdala

Als man ein Jahr später, am 1. April von seinem Free Solo in der Moonlight-Buttress Route im Zion-Nationalpark Free berichtete, hielten es viele für einen Scherz. Es war aber ein riesiger Schritt hin zur großen Legende, die er mit seinen Händen schuf. Der erste große Sponsorendeal, der auf sein Half-Dome-Free-Solo im Yosemite-Tal folgte, machte offiziell, dass das, was für Honnold als Hobby begonnen hatte, zu seinem Beruf geworden war.

Eine der Fragen, die ihm am häufigsten gestellt werden, ist, ob er beim Klettern Angst spüre. Mit der Neugier, die der Oscar ausgelöst hat, wurde diese Frage vielleicht tausendmal gestellt. Seine Angst versuchte er aber kein einziges Mal zu verheimlichen. Er begnügte sich damit zu sagen: „Ich arbeite in Angst, bis ich keine mehr spüre.“

Und da wäre noch die Sache mit der Amygdala. Das Gebiet des Gehirns, das für die Angstwahrnehmung zuständig ist, reagiert bei ihm weniger auf Angstreize als bei normalen Menschen. Wenn man sich Free Solo oder eine Rede von Honnold anschaut, merkt man, dass es um mehr geht als nur Angst. Es geht um Selbstfindung und darum, ein Ziel zu haben im Leben. Immer wenn er von seiner Familie spricht, hält er kurz inne.

Er erzählt davon, wie perfektionistisch seine Mutter sei, dass er zu Hause mit seiner Schwester nur Französisch rede und ihr nichts genug sei. Er erzählt, dass die Anstrengungen, selbst nur der Gedanke daran, sie zufriedenstellen zu müssen, ihn in einen Brunnen stürzen lassen. Honnold spricht vom „bodenlosen Brunnen des Selbsthasses“, gibt jedoch sein Ziel, Perfektion zu erreichen, niemals auf. Gewohnheiten verschwinden nicht einfach so.

Was für ihn dem Perfekten am nächsten kommt, ist das Free Solo. Denn dabei darf man keinen Fehler machen. Wenn man einen macht, stirbt man. Und wenn man es geschafft hat, hat man ein Lächeln im Gesicht. Vielleicht nicht für den Rest seines Lebens, aber immerhin für eine Zeit.

Alex Honnold jagt seit langer Zeit jenem Lächeln hinterher. Er lässt den Selbsthass beiseite und versucht nur glücklich zu sein. Wenn auch nur für ein paar Minuten. In einer Pressekonferenz fragt ihn jemand: „Bedanken Sie sich nach dem Klettern beim Felsen?“ Auch wenn er die Frage zunächst etwas seltsam findet, wird er allmählich ernst: „Ich bedanke mich nicht, aber vielleicht sollte ich es tun.“

Emre Gürkaynak

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Robin Afamefuna: Der Anruf

Nach einer Verletzung scheinen seine Tage in der Jugend von Borussia Mönchengladbach gezählt. Eine Alternative muss her. Die Wahl von Robin Afamefuna fällt auf die USA. Der Beginn einer bemerkenswerten Reise…

„Ich bin sein Bruder. Ich bin Robins Bruder. Können Sie mich bitte reinlassen?“, ruft Chika Afamefuna mit nervöser Stimme einem Ordner im Kabinentrakt des WakeMed Soccer Park entgegen und wedelt dabei mit einer Karte, die ihm Zutritt zu den Katakomben gewährt.

Der ältere Mann nickt, Chika betritt die Kabine der Virginia Cavaliers. Dann ist für 15 Minuten alles still. „Wahnsinnsspiel da draußen, was? Das gibt bestimmt Elfmeterschießen“, bricht der Ordner das Schweigen. In der Tat: Das Spiel hat es in sich.

Es ist der 15. Dezember 2019. In Cary, North Carolina, steht das Finale der College Meisterschaft an: Die University of Virginia aus Charlottesville gegen die Georgetown University aus Washington DC. Mittendrin ist ein Deutscher. Robin Afamefuna heißt er und spielt seit vier Jahren für Virginia. Es ist sein letztes Spiel für das Team und soll der krönende Abschluss einer durchaus bemerkenswerten College-Karriere werden.

Robin Afamefuna: Nicht der Floskel-Typ

„Weiß man schon, was er hat?“, fragt der Ordner und fügt hinzu: „Ich tippe auf eine Gehirnerschütterung, sah nicht gut aus, der Junge!“ Schlecht geraten ist das nicht. Später stellt sich heraus, Linksverteidiger Afamefuna hat sich bei einem Zusammenstoß in der 81. Minute mit einem Gegner eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen und dazu noch ein Stück eines Zahns verloren. Kurz danach macht Georgetown das 3:2.

Nach einer Weile kommt Chika, Robins Bruder, aus der Kabine. „Alles gut! Ihm geht’s wieder besser. Wir streamen jetzt das Spiel hier auf dem Handy und gehen dann zur Siegerehrung wieder ins Stadion“, sagt er und verschwindet wieder in den Raum.

Ein Tag zuvor: Robin Afamefuna sitzt in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels in Raleigh, der Hauptstadt North Carolinas. Der 22-Jährige ist selbstbewusst, drückt sich gut aus und verfällt auffällig selten in die typischen Fußballer-Floskeln. Er ist erfrischend direkt. „So lange mir niemand vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen habe, werde ich immer meinen Mund aufmachen“, sagt er.

Der etwas andere Kapitän

Eine Sache, die ihm in den USA nicht nur Freunde gemacht hat. „Viele Amerikaner kommen nicht gut mit Ehrlichkeit klar“, sagt Afamefuna. „Manchmal sagen mir Leute: ‚Wir müssen unbedingt mal abhängen‘ und wenn ich dann sage ‚Ne sorry, ich kenne dich doch gar nicht‘, dann gucken die mich an, als sei ich komplett verrückt.“

Vielleicht war seine Direktheit trotzdem ein Grund für die Coaches, ihn vor zwei Jahren zum Kapitän der Mannschaft zu machen.  Eine ziemlich große Verantwortung bei einer College Mannschaft: „Als Kapitän hast du viel mehr Aufgaben. In Deutschland gehst du nach dem Training getrennte Wege, hier hängst du 24/7 aufeinander und kümmerst dich um deine Mitspieler, wenn sie außerhalb des Platzes Probleme haben“, sagt Afamefuna.

Doch der Junge aus Würselen in der Nähe Aachens hat keine Angst vor der Aufgabe. Er ist erwachsen geworden, seitdem er alleine in die USA gegangen ist. Vor vier Jahren war das, als Afamefuna auswanderte, aufs College nach Virginia. Nicht ganz freiwillig, könnte man vielleicht sagen. Zumindest nicht geplant.

In Gladbach kam das Aus

Es war dieser eine Schlüsselmoment, den es häufig im Leben junger Fußballer gibt, der entscheidet, in welche Richtung die Karriere verlaufen wird. Bei Afamefuna war es eine schwere Verletzung. 2015, kurz vor dem Youth-League-Spiel der U19 von Borussia Mönchengladbach gegen den FC Sevilla. Da spielte er noch mit, danach kam die Diagnose: innerer Meniskusriss, sechs Monate Pause, nach der Genesung nur noch ein Kurzeinsatz über zwei Minuten am letzten Spieltag der Junioren-Bundesliga.

Eine lange Leidenszeit für Afamefuna, vor allem, weil niemand mit ihm sprach. „Keiner ist wirklich direkt auf mich zugekommen“, erzählt Afamefuna. „Ich hatte während meiner Verletzungszeit die meisten Gespräche mit den Physiotherapeuten und von denen wurde mir sogar gesagt: ‚Robin, hör zu. Ich habe ein bisschen zugehört bei den Gesprächen von den Trainern und was ich so raushören kann, ist halt, dass du nächste Saison wahrscheinlich nicht mehr hier sein wirst.‘ Das war der Moment, in dem ich angefangen habe, mir Alternativen zu suchen.“

Ab Mai 2016 ist Afamefuna ohne Verein. Angebote von Vereinen aus unteren Ligen schlägt er aus. Er orientiert sich lieber in eine ganz neue Richtung: die USA. Es war ein Vortrag der Agentur Monaco Sports, der ihn dazu brachte. Monaco Sports vermittelt jungen Sportlern und Sportlerinnen Stipendien an US-Universitäten. Afamefuna erstellt zusammen mit der Agentur ein Highlight-Video von sich und schickt es an diverse Colleges in den Staaten.

Große Aufmerksamkeit in den Medien

Am Ende bekommt er Angebote von 28 verschiedenen Universitäten. Die University of Virginia ist von allen interessierten Colleges die Top-Adresse, sagt Afamefuna: „In Virginia hat die Mischung extrem gut gepasst. Sie ist akademisch eine der besten öffentlichen Universitäten im ganzen Land und hat sportlich seit Jahrzehnten eines der besten Teams.“

Seit vier Jahren ist er jetzt in Charlottesville, hat gerade seinen Bachelor of Arts in Global Studies abgeschlossen und will mit seinen Virginia Cavaliers das beste College-Team im Land werden. Er ist noch ein Spiel davon entfernt. Viele Scouts und Coaches aus der Major League Soccer sind angereist und sehen, wie Virginia drei Minuten vor dem Abpfiff den Ausgleich zum 3:3 erzielt.

Das College-Finale kann ein Sprungbrett für die jungen Fußballer sein. Nicht nur wegen der Scouts vor Ort, sondern auch wegen der riesigen medialen Aufmerksamkeit. Der Sender ESPN überträgt zur Primetime und große Tageszeitungen wie die Washington Post berichten. Wer hier zum Matchwinner wird, hat große Chancen auf einen Profivertrag. Umso bitterer, dass Afamefunas Arbeitstag schon vor dem Abpfiff zu Ende ist.

Zeigst du Schwäche…

Man merkt der Mannschaft aus Virginia an, dass hinten links nicht mehr ihr Kapitän spielt. Trotzdem schafft es das Team, das 3:3 über die Zeit zu bringen. Elfmeterschießen. Selbst die seriösen Print-Journalisten hält es nicht mehr auf den Sitzen. „Eines der torreichsten und spannendsten Spiele der letzten Jahrzehnte!“, sagt einer von ihnen. 15 Minuten und 14 Elfmeter später steht fest: Georgetown ist der neue College-Champion.

Afamefunas Cavaliers versagen im Sudden Death des Elfmeterschießens die Nerven. Ekstase bei den knapp 2.000 mitgereisten Fans des Colleges aus Washington D.C. Für die Uni ist es der erste Titel ihrer Geschichte. Robin Afamefuna steht während des letzten Elfmeters schon wieder auf dem Platz. Er wollte bei seinem Team sein im entscheidenden Moment.

„Alles okay, bitter fürs Team. Ich hätte uns das so gegönnt. Aber das Leben geht weiter“, sagt er. In der Tat muss das Leben für Afamefuna sehr schnell weitergehen. Zwei Tage später fliegt er nach Las Vegas zu einem Probetraining – trotz leichter Gehirnerschütterung. Die Docs geben grünes Licht, vielleicht auch weil sie wissen, wie es in den USA läuft: Zeigst du Schwäche, kommt ein anderer und nimmt deinen Platz ein.

Der schwere Weg in die MLS

Mittlerweile herrscht auch im US-Fußball ein großer Konkurrenzkampf. Immerhin gibt es 204 Universitäten, die in der höchsten College-Liga spielen – der NCAA Division I. Jedes Jahr vergibt die MLS nur knapp über 100 Profiverträge. Wenig Plätze für mittlerweile viele talentierte Nachwuchsspieler. Die Vergabe läuft wie in allen amerikanischen Sportarten über einen Draft, in dem die Vereine der Reihe nach Collegespieler auswählen dürfen.

Vor allem für ausländische Studierende ist es schwer, von einem Team ausgewählt zu werden. In der MLS gibt es nämlich ein Limit von vier internationalen Spielern pro Mannschaft – und diese Plätze gehören bekanntlich oft den Ibrahimovićs, Schweinsteigers und Pirlos, die ihre Karriere in den Staaten ausklingen lassen wollen. Die MLS braucht die bekannten Spieler für ihre Einschaltquoten.

Talentförderung sei für die NCAA, den College-Liga-Verband, ein Fremdwort, erzählt ein Journalist. Es gehe nur um die Vermarktung der Liga. In der Regel seien die spektakulären Spieler, die Torjäger, diejenigen, die früh gedrafted würden und Chancen auf einen langfristigen Profivertrag in der MLS bekämen.

Der Anruf

Als ausländischer Linksverteidiger ist Robin Afamefuna dementsprechend nervös, als am 9. Januar der MLS-Superdraft beginnt. Er sitzt in Atlanta mit seinem Bruder Chika vor dem Fernseher, als an erster Stelle der Stürmer Robbie Robinson von David Beckhams Team Inter Miami gezogen wird. 25 weitere Spieler werden von den MLS-Teams ausgewählt, dann ist die erste Runde des Drafts zu Ende.

Afamefunas Name ist nicht gefallen. „Bei manchen Vereinen gibt es eine zu große Skepsis, was internationale Spieler vom College angeht. Ich war deswegen total angespannt“, erzählt er. Dann klingelt Robins Handy. Der Manager eines MLS-Teams ist dran. Einige Minuten später wird klar: Als 37. Spieler im Draft wird Afamefuna von den Colorado Rapids ausgewählt. Der Traum des 22-Jährigen hat sich nach vier Jahren Collegefußball erfüllt.

„Als ich meinen Namen im Fernsehen gesehen habe, war als allererstes viel Ungläubigkeit da und danach einfach nur Freude. Ich bin jetzt so unglaublich nah dran und habe wirklich die Möglichkeit zu sehen, auf welchem Level ich bin. Jetzt kann ich mich beweisen“, sagt Afamefuna.

Es ist eine Art gesunder Druck, den er sich macht. Gesund, weil er weiß, dass er schon viel erreicht hat – unabhängig davon, ob es mit der Fußballkarriere klappt: „Für mich war’s wichtig, dass ich mich nicht nur als Fußballer weiterentwickle, sondern auch als Mensch und als Student. Jetzt mit meinem Abschluss bin ich natürlich unglaublich froh, dass mir so viele Möglichkeiten auch außerhalb des Platzes zur Verfügung stehen. Die wichtigsten Probleme in meinem Leben, die werde ich nicht auf dem Fußballplatz, sondern außerhalb vorfinden“, sagt Afamefuna.

Es ist dennoch schön zu wissen, dass ihm zunächst Leute wie Ulises Segura Probleme bereiten könnten. Der ist nämlich rechter Flügelstürmer von D.C. United, dem ersten Gegner der Colorado Rapids in der neuen Saison – und in Afamefunas Profi-Karriere.

Gian-Luca Delbach & Jim Laage

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Sandkastenliebe in Chicago

Socrates-Chefredakteur Fatih Demireli begab sich auf eine Reise nach Chicago, um zum einen die spannende Stadt zu erkunden und zum anderen seine Liebe zu den Bulls aufleben zu lassen. Ein Date mit unerwartetem Ende.

Was ist der Grund meiner Reise, will die Dame von mir wissen. Ja, was erzähle ich ihr denn? Warum bereist man eine Stadt? Geschäftlich oder privat? Sightseeing oder Einkaufsbummel? Freunde oder ein Konzert besuchen? Muss es denn überhaupt einen Grund dafür geben, dass man reist? Vielleicht will man einfach woanders sein, ohne Grund. Aus purem Fernweh.

Gut, meinen philosophischen Ansatz wird die Sicherheitskraft am Münchener Flughafen nicht nachvollziehen. Ich muss ihr schon etwas Handfestes sagen, damit sie mir das Okay für den Check-in am Schalter gibt. Ich erzähle ihr, dass ich ein Spiel der Chicago Bulls besuchen will. Die Erfüllung eines Kindheitstraums.

Früher, als nebst Michael Jordan auch Scottie Pippen, Dennis Rodman, Toni Kukoč und Co. das Interesse an Basketball in mir weckten. Mit Grundschulkumpel Dimitrios feierte ich die Bulls – und natürlich MJ. Jetzt also Jahre später der erste Besuch im United Center. Als sie mich fragt, welche Spieler ich mag, sag ich ihr, dass die Bulls nicht mehr so schillernd auftreten wie früher. Ich muss zugeben, dass ich nicht alle Namen der Spieler draufhabe.

Bulls nicht mehr so schillernd

Zum einen ist seit dem Zerfall der Bulls-Dynastie in den 1990er Jahren mein Interesse an den Bullen aus Chicago verflacht (Erfolgsfan!!!), zum anderen auch meine Begeisterung für die NBA an sich. Mir ist die Euro- League fast schon lieber geworden. Ich zähle ein paar Namen auf, sie guckt interessiert und sagt dann, dass sie keine Ahnung von Basketball habe, mir aber eine gute Reise wünsche.

Meine erste Reise nach Chicago beginnt mit diesem Gespräch. So ein ähnliches habe ich dann auch am O’Hare International Airport. Der Sicherheitsbeamte ist aber mit der Antwort, dass ich die Bulls sehen will, schneller zufrieden, stempelt meinen Pass ab und verabschiedet mich Richtung Stadt. Hätte mich der Herr, dessen Namen ich hier aus Sicherheitsgründen sicher nicht schreiben darf, gefragt, ob das alles sei, hätte ich das natürlich verneint.

Chicago hat so viel mehr zu bieten als eine Basketball-Mannschaft, die zugegeben schon mal besser war, dass sich eine Reise in die Stadt im Bundesstaat Illinois wirklich sehr lohnt. Nun ist es nicht mein erster Besuch in den USA, sodass ich mit meinen Weggefährten vor Ort durchaus Vergleiche anstellen kann. Los Angeles? Pff, klar. Las Vegas, sowieso. Und New York erst. Meine Herren. Doch irgendetwas begeistert mich dann doch sehr an Chicago.

Deutsch mit amerikanischem Akzent

Als jemand, der die EuroLeague mehr mag als die NBA, liegt der Verdacht nahe, dass mir die Ordnung in dieser Stadt zusagen könnte. Aber alleine das? Nein. Europäisch mag Chicago durch den Einfluss vieler Bürger mit den Wurzeln in Übersee durchaus wirken. Wer Deutsch gerne mit amerikanischem Akzent hört, ist hier gut aufgehoben. Ich frage jeden, der mir über den Weg läuft, ob man sich auf Bastian Schweinsteiger gefreut habe, als dieser hier beim MLS-Klub Chicago Fire anheuerte.

„Bastian, wer?“

Gut, mag ja mal sein, dass der eine oder andere keinen Fußball mag. Aber mit jedem neuen Ansprechpartner, der keinen blassen Schimmer davon hat, wer dieser Schweinsteiger ist, bin ich dann doch irritiert. Uber-Fahrerin Diana, übrigens auch mit deutschen Wurzeln, hat eine Begründung: „Die Stadt liebt Sport, aber wir sind so sehr mit Baseball und Basketball beschäftigt, dass für Fußball keine Zeit ist.“

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Das Cubs-Gefühl

Als ich Maria treffe, die meine Gruppe bei einem ewigen Spaziergang durch die Stadt führt, weiß sie durchaus, wer Schweinsteiger ist. „Er sieht wirklich gut aus“, sagt sie schmunzelnd. Ja, das tut er. „Aber er ist doch mit dieser Tennis-Spielerin verheiratet, oder?“ Ja, Ana Ivanović. Aber auch Maria kommt schnell auf Baseball zu sprechen. Über das Duell der White Sox aus dem Süden gegen die Cubs aus dem Norden.

Zwei MLB-Teams, deren Rivalität schon eine Ewigkeit währt und besonders emotional gelebt wird. „Wir werden gleich am Stadion der Cubs vorbeilaufen“, sagt sie. Ich bin schon ganz gespannt. Als wir dann am Wrigley Field ankommen, bin ich erdrückt. Das Stadion wurde 1914 gebaut. Dass es aber danach mehrmals renoviert wurde, muss man erst mal noch glauben. Es sieht so wunderbar nach Tradition aus, dass man auch als Baseball-Ignorant in seinen Bann gezogen wird.

Um das Baseball-Erlebnis noch intensiver zu gestalten, bauten die Besitzer des Klubs einst einfach ein ganzes Dorf um das Stadion herum. Hotels, Bars, Restaurants. Wer 24 Stunden und 7 Tage lang ein Cubs-Gefühl haben möchte, kann sich hier einfach hinsetzen und genießen. Heute ist kein Spiel, aber viele Cubs-Fans sind dennoch da und essen gemeinsam. Wie muss es hier zugehen, wenn gespielt wird?

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Das ist kein Meer?

„Na, Baseball-Fan geworden, mein deutscher Freund?“, fragt mich Maria. Ja, wo kann ich unterschreiben? Ich bin zwar tatsächlich traurig, dass heute kein Spiel der Cubs stattfindet, aber ich darf ja noch zu den Bulls. Das wird mich trösten. Ich weiß es.

Ich mag das Meer. Ich könnte stundenlang am Meer sitzen und in die Ferne sehen. Der Michigansee ist kein Meer, aber er wirkt so mächtig, dass mir keiner weismachen kann, dass das nur ein See ist. Der Michigansee ist einer der fünf großen Seen in den USA. 494 Kilometer lang, 190 Kilometer breit. Die Fläche beträgt 58.016 Quadratkilometer. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Die Schweiz hat eine Fläche von 41.287 Quadratkilometer. Er grenzt gleich an vier US-Bundesstaaten.

Genug Wikipedia-Wissen. Hier merke ich zum ersten Mal, warum Chicago den Beinamen „Windy City“ trägt. Der Wind ist gerade im Winter omnipräsent, doch überhaupt nicht unangenehm. Die Kombination aus der unendlichen Weite des Sees und dem Sausen des Windes ist irgendwie idyllisch. Viele Jogger, viele Hundebesitzer laufen am Michigansee entlang. Etwas Entspannung, auch für mich.

Das Wrigley Field im Norden Chicagos
Das Wrigley Field im Norden Chicagos
Das beste Popcorn der Welt

Chicago hat so viel zu bieten, dass die Ruhe eine willkommene Abwechslung ist. Der Blick vom Skydeck, einem der höchsten Gebäude der Welt, der Besuch in der Andy-Warhol Ausstellung und natürlich das Schlangestehen im Garrett. Ich habe keinen Hang zur Übertreibung, aber das ist das beste Popcorn der Welt. Platz 2 gibt es nicht.

Wer aber eine Dose frisches Popcorn haben will, muss sich an der Michigan Ave ewig anstellen. Alles okay, es lohnt sich. Als ich mit dem Schiff eine Stadtrundfahrt mache und die Kollegen von „Chicago’s First Lady Cruises“ die Architektur der Stadt erklären, muss ich ja gestärkt sein.

Vor allem, weil abends die Bulls anstehen. Endlich. Ich bin noch mal im Hotel angekommen. Frischmachen, man will ja für seine Sandkastenliebe gut aussehen. Ich schaue nach, der Weg vom Hotel mit dem Taxi ist nicht weit. Aber egal, ein bisschen früher ankommen im United Center, ein paar Schnappschüsse, den Fanshop leerkaufen und dann „Go, Bulls!“.

„Die Stimmung ist cool“

Uber Fahrerin Jenny erzählt, dass sie früher selbst oft bei den Bulls war, aber dass es nicht mehr so einfach ist, weil ihr neuer Freund lieber Football guckt und sie zu den Bears gehen. „Und, wie sind die so?“, will ich wissen. „Naja, die Stimmung ist cool.“ Ich bin gespannt, wie es gleich bei den Bulls ist.

Ich komme endlich an. Jenny lässt mich vor dem Haupteingang raus. Mensch, denke ich mir. Wie ruhig es doch hier ist, vor so einem Spiel. Die müssen schon alle drin sein, denke ich mir. Oder bin ich zu früh da? Naja egal, erst mal gucken, wo hier das richtige Gate zu meinem Sitzplatz ist. Hm. Das muss der falsche Eingang sein. Keine Menschenseele. Ich werde allmählich nervös.

Bin ich falsch gefahren worden? Doch, das ist das United Center. Und draußen laufen auf den Billboards auch Bulls- Clips. Ich sehe ein, zwei Typen, die ihr Hab und Gut auf zwei Einkaufswagen vor sich herschieben.

„Hi“, sagt der eine ganz freundlich. Soll ich ihn fragen, wo ich hier den richtigen Eingang finde. Nein, ich gucke lieber nach. Ich zücke mein Handy, tippe „Chicago Bulls“ in Google, um auf die Seite der Franchise zu kommen. Doch als erstes sehe ich das Ergebnisservice des Suchanbieters.

Bulls vs. Heat. 108:116. Endstand. Der Schock meines Lebens.

Das Spiel war am Abend zuvor.

Fatih Demireli

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Kehrer, Zverev, Phelps: Das ist die Ausgabe #42

Thilo Kehrer spielt bei Paris-Saint Germain, ist Nationalspieler und hat ein erfülltes Leben. Doch das reicht dem 23-Jährigen nicht und setzt sich für die Bildung von jungen Menschen in Afrika ein. Kehrer sowie Tennis-Star Alexander Zverev und Schwimm-Legende Michael Phelps sind auf dem Cover der 42. Ausgabe.

Thilo Kehrer: Der Angekommene I

Thilo Kehrer legt das hin, was man unter einer Bilderbuch-Karriere versteht. Aufgewachsen beim FC Schalke 04, dort zum Nationalspieler geworden, dann zur Weltauswahl von Paris Saint-Germain gewechselt und dort Seite an Seite mit den größten Stars der Welt. Hätte die EURO 2020 stattgefunden, wäre Kehrer wohl dabei gewesen. 

Aber dem 23 Jahre alten Außenverteidiger reicht es nicht, nur als Sportler eine gute Figur abzugeben. Er gründete eine Stiftung, um in Burundi jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Im Interview mit Socrates erzählt Kehrer, was er genau macht. Aber: Er spricht auch über Hass, den er nicht verstehen kann.

Alexander Zverev: Der Angekommene II

Bei den Australien Open ist Alexander Zverev erst im Halbfinale gescheitert. Das große Ganze – sein Selbstverständnis, einer de besten Spieler der Welt zu sein – das war auch in dem Moment der Niederlage unzweifelhaft sichtbar. In seiner Karriere hat der Tennis-Star bereits extreme Höhen und Tiefen erlebt. Das liegt an der Ungeduld und dem Selbstverständnis des 22-Jährigen. Zverev-Kenner Jannik Schneider über einen, der angekommen ist, aber noch weiterreisen will.

Michael Phelps: Der Angekommene III

Michael Phelps hat 23 Mal Gold bei Olympischen Spielen und 26 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften gewonnen. Heute ist der 34-Jährige Rentner und ein viel glücklicherer Mann als früher. SOCRATES traf den besten Schwimmer der Geschichte in Baltimore. Er spricht über junge Sportler, die er nicht verstehen kann und über einen Punkt in seine Leben, an dem er eigentlich keine Kraft mehr hatte. Eigentlich.

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