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Quigley und Vandersloot: „Das Männer-Publikum ist nicht so tolerant“

Allie Quigley (32) und Courtney Vandersloot (30) sind ein Paar. Bei Chicago Sky in der WNBA spielen sie gemeinsam im Backcourt, im echten Leben sind sie frisch verheiratet. Ein Gespräch übers Glücklichsein, das Pro und Contra von Outings, Ungerechtigkeit und „sensible“ Zeiten.

Sie beide spielen seit Jahren eine wichtige Rolle in der WNBA und im europäischen Basketball. Wie haben Sie Ihre Liebe zu diesem Spiel entdeckt?

Allie Quigley: Ich habe drei Geschwister und alle treiben Sport. Die ganze Familie ist sportlich. Wir haben alles ausprobiert, aber Basketball lieben wir über alles. Ich habe immer draußen gespielt und dann in der Schule weitergemacht. Und dann merkte ich, dass ich ziemlich gut war. Dann bin ich ans College gegangen und später für die WNBA gedraftet worden.

Courtney Vandersloot: Bei mir war es sehr ähnlich. Auch ich habe sehr früh angefangen und schnell rausgefunden, dass Basketball mein Lieblingssport ist. Ich habe immer draußen mit den Jungs gespielt. Das hat mir Riesenspaß gemacht, weil ich sehr ehrgeizig bin. Es hat einfach perfekt gepasst. Erst viel später habe ich gemerkt, dass ich auf einem anderen Level spiele als andere. So kam ich ans College, in die WNBA und nach Europa.

Das letzte Jahr war für Sie beide sehr wichtig. Courtney trug sich in die WNBA-Geschichte ein mit den meisten Assists in einer Saison. Allie gewann den Dreier-Contest beim All-Star Weekend mit einer historischen Leistung. Allerdings lief es gar nicht gut für Chicago Sky.  Was war los?

CV: Für uns beide war das vergangene Jahr besonders und gleichzeitig merkwürdig, weil wir individuell sehr erfolgreich waren, aber mit dem Team große Probleme hatten. Das war eine Art Achterbahnfahrt. Es war frustrierend für uns, dass unsere persönliche Entwicklung nicht zu mehr Siegen beitrug. Es hatte aber auch einen positiven Effekt: Durch die ganzen Probleme haben wir umso härter an uns gearbeitet und uns tatsächlich verbessert.

Allie, Sie haben zum zweiten Mal in Folge den Dreier-Contest gewonnen und dabei sogar Devin Bookers Bestmarke von 2018 übertroffen. Das war unglaublich! Wie ging es Ihnen an diesem Abend?

AQ: Es macht auf jeden Fall Spaß, auch wenn das Lampenfieber groß ist. Man wirft vor einer wirklich großen Kulisse und hat ja nur diesen einen Versuch, die ganzen Würfe zu treffen. Eigentlich war es nur schön, weil ich gewonnen habe. (lacht) Nein, es war schon eine runde Sache. Courtney und meine ganze Familie haben zugesehen – und es macht natürlich schon Spaß, so gut zu werfen.

Sie sind ein großer Fan von Stephen Curry, aber jetzt macht ein Foto von Ihnen und ihm die Runde in den sozialen Medien und da steht: „Allie mit einem Fan“. Wie finden Sie das?

AQ: Es ist cool. Es beweist, wie treu die Fans ihren Idolen sind. (lacht) Das ist schon besonders, denn in meinen Augen ist Stephen der beste Shooter aller Zeiten, der GOAT. Es ist schon cool, überhaupt ein Foto mit ihm zu haben. Er ist ein Vorbild, jeder will so werfen können wie er.

Courtney, Sie haben ebenfalls eine neue Bestmarke aufgestellt und mit Ihrem 258. Assist die legendäre Ticha Penicheiro überflügelt.

CV: Das ist schon ein Ding, in einem Atemzug mit Ticha genannt zu werden, sie hatte schließlich alle Rekorde für Assists irgendwann innegehabt. Als wir für ein Jahr zusammenspielten, hat sie sich wirklich um mich gekümmert. Sie wollte, dass ich erfolgreich bin. Nicht zuletzt deshalb ist sie jetzt meine Beraterin.

Nach der Saison gehen viele WNBA-Spielerinnen nach Europa oder anderswohin. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, die Heimat zu verlassen und auf einem anderen Kontinent Fuß zu fassen?

AQ: Es ist schon nicht einfach. Du kommst in eine fremde Kultur und kannst nicht einfach ins Auto oder ins Flugzeug steigen und deine Familie sehen. Das ist manchmal hart und man kommt sich einsam vor. Es kommt vor, dass du alle fünf Monate einen neuen Coach und neue Teamkollegen hast. Alles neu. Nach ein paar Jahren gewöhnst du dich aber daran und entdeckst die positiven Seiten: die vielen Erfahrungen, die kulturellen Unterschiede, das andere Essen, die Sprachen…

Ein Grund für diese Offseason-Engagements ist schlicht das Geld. Die Frauen verdienen im Profibasketball viel weniger als die Männer. In anderen Sportarten wie Tennis oder Fußball wird darüber schon lange debattiert. Wie ist Ihr Standpunkt und wie ist die Perspektive in der WNBA?

AQ: Es ist ein kompliziertes Thema. Auf der einen Seite halte ich uns für privilegiert, weil wir aus unserer Leidenschaft Basketball einen Beruf machen können. Auch gibt es Schlimmeres als unsere Gehälter, denn so schlecht sind die auch wieder nicht. Was wir wirklich brauchen, ist mehr Unterstützung durch die Medien, mehr Aufmerksamkeit. Wenn wir präsenter wären, hätten wir mehr Zuschauer und das Geld käme von allein. Meiner Meinung nach kriegen wir im Vergleich mit den Männern keine faire Chance.

CV: Ungerechtigkeit gibt es ja nicht nur im Sport, sondern überall. Frauen bekommen für die gleiche Arbeit weniger Geld, was frustrierend ist. Aber wir sind nicht hier, um uns mit anderen zu vergleichen. Jeder würde doch gerne mehr verdienen, oder? Wie Allie sagte, wird das Geld kommen, wenn die Liga wächst. Damit das passiert, müssen wir guten Basketball spielen, gute Unterhaltung bieten. Das tun wir schon, aber es geht noch besser. Ich bin inzwischen seit acht Jahren in der Liga und alles ist besser geworden. Ich glaube, dass die WNBA in guten Händen ist und die Kluft in Zukunft schrumpfen wird.

Ein großes Ereignis haben wir noch gar nicht angesprochen: Sie beide haben am 27. Dezember 2018 geheiratet. Sie sind also nicht mehr nur auf dem Court unzertrennlich. Frisch Verheiratete werden oft gefragt: Und, fühlt es sich jetzt anders an?

CV: Die Chemie zwischen uns stimmt einfach auf dem Platz und außerhalb davon. Unsere Karrieren nahmen gerade Fahrt auf, als unsere Beziehung begann. Wir können uns gegenseitig vielleicht mehr pushen als andere Leute, weil da Vertrauen da ist. Manchmal ist es auch schwierig. Wir treiben uns gegenseitig an, wir verbringen viel, sehr, sehr viel Zeit miteinander, was großartig und gleichzeitig schlecht sein kann. Aber mich macht es glücklich, mit meiner besten Freundin Tag zu Tag zur Arbeit zu gehen.

AQ: Es ist toll, dass wir gemeinsam die Welt entdecken und so viele Erfahrungen zusammen machen. Und zu Hause in den USA genießen wir das Leben zusammen, indem wir tun, was uns gefällt. Wir wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und nicht alle so ein Glück haben wie wir. Es ist einfach perfekt.

Klubwechsel, die Trennung von der Familie sind für Profisportler an der Tagesordung. Welche Rolle spielt Ihre Beziehung bei Vertragsgesprächen oder Verhandlungen? 

AQ: Eine große Rolle. Deshalb spielen wir sei fünf Jahren immer in der gleichen Stadt. Zum Glück ließ sich das so einrichten. Wir haben drei Jahre in Istanbul gespielt und auch in Polen beim gleichen Team. Dieses Jahr hat es leider nicht funktioniert. Aber manchmal muss man Opfer bringen und einen Kompromiss finden, der unseren Karrieren und gleichzeitig unserer Beziehung gerecht wird. Letztes Jahr haben wir die bestmögliche Lösung gefunden, auch wenn es hart ist.

Die frühere WNBA-Spielerin Candice Wiggins behauptet, 98 Prozent der Frauen in der Liga seien lesbisch und sie sei schikaniert worden, weil sie heterosexuell ist. Haben Sie jemals etwas von Übergriffen mitbekommen und was sagen Sie überhaupt zu Ihren Statements?

CV: Ich kann nichts über ihre Erfahrungen sagen. Ich weiß nicht, ob sie Schikanen ausgesetzt war. Ich kann nur über meine eigenen Erfahrungen in der WNBA sprechen. Meiner Einschätzung nach haben alle Lebensentwürfe ihren Platz hier. Es ist egal, welcher Religion jemand angehört und welche sexuellen Präferenzen jemand hat. Wir sind alle gleich. Ich habe nie etwas von Übergriffen oder Anfeindungen aus welchem Grund auch immer mitbekommen.

AQ: Mir geht es genauso. Ich habe auch nie negative Erfahrungen gemacht oder etwas Derartiges gehört.

Viele Spielerinnen in der WNBA machen keinen Hehl aus ihrer sexuellen Orientierung, während Outings von Männern im Sport sehr selten sind. Jason Collins, der als erster NBA Spieler zugab, schwul zu sein, sagte einmal: „Es gibt offiziell immer noch keine homosexuellen Spieler in der NFL, der NHL oder der MLB. Glaubt mir: Es gibt sie doch.“ Woher kommt der Unterschied zwischen Frauen- und Männerwelt?

AQ: Ich weiß es nicht, vielleicht weil die Welt eben so ist. Man rechnet im Männersport nicht im gleichen Maß mit Outings wie bei den Frauen. Vielleicht ist das Publikum bei den Männern nicht so tolerant, wenn es um Homosexualität geht. Vielleicht liegt es an den Fans. Männer müssen immer stark sein und gewisse Erwartungen erfüllen. Wahrscheinlich fühlen sich die Männer in ihrer Rolle nicht wohl.

CV: Ich habe leider auch nicht die Antwort parat. Ich glaube, ein Grund ist auch, dass sie ihr Privatleben schützen wollen, denn ein Outing wäre eine Riesengeschichte. Was sie aber hinter verschlossenen Türen machen, geht wirklich niemanden was an. Keine Ahnung, ob das der Hauptgrund ist, aber es ist jedermanns Sache, wie er mit seinen privaten Angelegenheiten umgeht. Das ist ihr gutes Recht.

Der Socrates Newsletter

Wenn wir an Colin Kaepernick denken, stellen wir fest, dass sich Sportler großen Widerständen aussetzen, wenn sie für ihre Rechte einstehen und ihre Freiheit verteidigen. Wir leben in turbulenten Zeiten. Muss man besser aufpassen, was man sagt?

CV: Es ist eine sehr sensible Zeit gerade. Wie jeder Bürger in Amerika haben auch Sportler das Recht auf Protest, das Recht auf Meinungsfreiheit. Weil sie aber in der Öffentlichkeit stehen, werden sie für alles kritisiert, was sie sagen oder auch nicht sagen. Das meine ich mit sensibel. Ich finde aber, dass es wichtig ist, dass sich Menschen für das einsetzen, woran sie glauben. Kaepernick hat das getan und viele sind ihm gefolgt. Ich glaube, dass Menschen ehrlich mit sich sein müssen. Immer. Egal was kommt.

AQ: Ich stimme Dir zu. Auch oder gerade Sportler haben das Recht zu sagen, was sie wollen. Man muss sich aber der Konsequenzen bewusst sein, gerade wenn man ein großer Star ist. Es wird viel Kritik geben und viel Zuspruch. Das eine und das andere, Schwarz und Weiß, aber nichts dazwischen. Ich glaube, dass wir heutzutage mehr aufeinander zugehen müssten, als immer nur Partei zu ergreifen. Immer heißt es: „Hier bin ich und da sind die anderen.“ Das bringt uns immer weiter auseinander. Man muss auch Verständnis für Leute haben oder entwickeln können, die eine andere Meinung vertreten.

Interview: Furkan Karasoy

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Bird und Johnson: Die Kinder des David Stern

Die NBA war Anfang der 80er Jahre ein schwarzes Loch in der Gesellschaft. Doch David Stern veränderte mit drastischen Mitteln das Ansehen und legte den Grundstein für einen steilen Aufstieg – und ein legendäres Duell.

Am Abend des 26. März 1979 saß, wie ganz Amerika, auch David Stern vor dem Fernseher und wartete auf den Sprungball des NCAA-Finales zwischen Indiana State und Michigan State. An jenem Abend sollten zwei Wunderkinder zum ersten Mal aufeinandertreffen: Larry Bird und Magic Johnson.

Sterns Kopf war so sehr mit anderen Sachen beschäftigt, dass er an jenem Tag nicht erkannte, dass der erste Akt einer Rivalität inszeniert wurde, die der National Basketball Association neues Leben einhauchen könnte. Der junge Anwalt, der in der NBA als General Counsel beschäftigt war, hatte bereits angefangen, in Ligakreisen großes Ansehen zu genießen. Und in seinem Kopf schwirrten haufenweise Fragen darüber herum, was man in Bezug auf die Moderatoren, die im nationalen Fernsehen das Wort „NBA“ nicht in den Mund nehmen durften, unternehmen könnte.

„Sie geben das Geld für Drogen aus“

Die Liga war, was das Marketing angeht, ein riesiges schwarzes Loch. Stern fasste die damalige Situation mit folgenden Worten zusammen: „Es ging ausschließlich um Rasse, Drogen und Überbezahlung. Man nahm unsere Spieler so wahr: ‚Sie sind schwarz und sie verdienen einen Haufen Geld und da sie schwarz sind und zu viel Geld haben, geben sie es für Drogen aus.‘“

Nachdem er 1984 das Amt des Commissioners übernahm, intensivierte David Stern zuallererst die Drogentests und führte lebenslängliche Sperren ein, um eben jener Wahrnehmung von Drogenproblemen entgegenzuwirken. Sein zweiter Schachzug war die Einführung eines Finanzmodells, das Salary-Cap-System, welches nicht nur die NBA, sondern alle Major Ligen nachhaltig verändern sollte. Das war aber nicht alles.

Auf welcher Seite stehst du?

Bevor das Kabelfernsehen die Sportübertragungsrechte eroberte, war die NBA nicht einmal in der Lage, einen 30-sekündigen Werbespot zu kaufen, um die großen Samstagabend Showdowns zu promoten. Die erste NBA-Werbung im US-amerikanischen Fernsehen, für die die Liga allerdings keinen Cent ausgeben musste, wurde 1982 gesendet und drehte sich um die beiden Rivalen von einst: „Come see Magic vs. Bird and the Lakers vs. the Celtics.“

Es verging also nicht allzu viel Zeit, bis das Versprechen des NCAA-Finales von 1979 eingelöst wurde: Magic gegen Bird, West Coast gegen East Coast, das schwarze Amerika gegen das weiße. Der glänzende Showtime-Basketball der „City of Angels“ gegen den von den Celtics verkörperten Teamgeist der alten Schule. Das amerikanische Volk, das sich für Fragen wie „Bist du Republikaner oder Demokrat?“ oder überhaupt „Auf welcher Seite stehst du?“, für Heldenepen, die den Kampf des Guten gegen das Böse kanonisieren, und allgemein für Rivalitäten und Dualitäten begeistern lässt, war nun binnen eines Wimpernschlags besessen von der Lakers-Celtics-Rivalität.

Die Vorurteilsbekämpfung

Bird und Magic schreckten aber auch nicht davor zurück, sich dieser Plattform zu bedienen, um über ihr traditionelles Duell hinaus auch gesellschaftliche Vorurteile zu bekämpfen. Auf der einen Seite focht Magic mit seiner Führungsrolle auf dem Parkett den Stereotyp des „schwarzen NBA-Stars“ an. Auf der anderen Seite musste Bird seine schwarzen Mitspieler davon überzeugen, dass er gegen die Rassentrennung war, obwohl er aus Indiana – ein als Hochburg des Ku-Klux-Klans berüchtigter Bundesstaat – stammte.

Schließlich wurde das von Bird und Magic hinterlassene Erbe sogar langlebiger als das von Ali und Frazier. Die NBA ist heute eine Profitmaschinerie, die kurz davorsteht, die NFL zu überholen. Und sie benötigt keinen neuen „Kampf des Jahrhunderts“, um Geld zu machen.

„Choose your Weapon“

Ist es aber nur das Erbe einer hervorragenden PR-Leistung, das diese Rivalität besonders macht? Nein, wie die Dreharbeiten zu einem Werbespot gezeigt haben.

Anfang September 1985. In einem dreiköpfigen Limousinenkorso auf dem Weg nach West Baden befand sich unter anderem Magic Johnson. Als Converse, eine der Marken, die zu den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles individuelles Sponsoring als neue Geldquelle für sich entdeckt hatte, für einen Werbefilm ihrer neuen Sneakers Bird und Magic zusammenbringen wollte, hatten die beiden Superstars nur mit einem Achselzucken geantwortet. Schließlich war die Summe auf dem Tisch doch zu groß, um abgelehnt zu werden, und so gaben sie ihren Widerstand auf.

Das Szenario, das sich um den Slogan „Choose Your Weapon“ drehte, hatte sowohl Bird als auch Magic überzeugt. Man musste nur noch eine Hürde nehmen und die letzte von Birds Bedingungen erfüllen: Die Dreharbeiten hatten auf seiner Ranch in Indiana zu erfolgen. Also war es Magic, der den Weg auf sich nehmen musste.

Die Spitzenverdiener des Sports
Sie waren so ähnlich

Als Magic das Ziel der Reise erreichte, wurden die drei Limousinen am Eingangstor der Ranch von Larrys Mutter Georgia empfangen. Georgia, die als College-Basketball-Fan nahezu alle Spiele in der Region verfolgte, überhäufte Magic mit Komplimenten und servierte dem jungen Mann mit dem breiten Lächeln Kirschtorte, die Spezialität von Larrys Großmutter. Wie groß der Stellenwert dieser Köstlichkeit an den folgenden Entwicklungen war, ist nicht überliefert.

In der von Jackie MacMullan verfassten – und von Bird und Magic abgesegneten – gemeinsamen Biographie When the Game Was Ours (2009) kann man jedoch eine ausführliche Beschreibung der Tage nachlesen, die die beiden gemeinsam in West Baden verbrachten, und wo sie, auf der Flucht vor dem Chaos der Kameras und Werbeleute im Keller gelandet, schließlich zueinander fanden und das Wesen ihrer Rivalität kennenlernten: Ihre Geschichte war die zweier Jungs aus dem Mittleren Westen, die in einer auf ihrer Gegnerschaft basierenden Erzählung ihre vorgeschriebenen Rollen spielten, um am Ende zu entdecken, wie ähnlich sie sich doch waren.

Cem Pekdogru

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Luka Dončić: „Schaut in sein Gesicht“

Luka Dončić ist einer der besten Spieler der NBA. Der Nachfolger von Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks bricht Rekorde über Rekorde. Ein Aufstieg, der für Luka Bassin nicht überraschend kommt. Der Dončić-Kenner schreibt bei SOCRATES, wie s zum Aufstieg kam.

Von Luka Bassin

Ich will gar nichts beschönigen. Obwohl ich einen großen Teil meiner Karriere als Trainer von Jugendmannschaften arbeitete, brauchte ich zehn Jahre, um das besondere Talent von Luka Dončić zu bemerken. Luka trat in mein Leben, da konnte er aus eigener Kraft noch nicht einmal stehen. Als ich mit seinem Vater Saša in die Kleinstadt Škofja Loka wechselte, krabbelte Luka im Training immer den Bällen nach, dabei waren die fast größer als er selbst.

Dass er ein Star werden könnte, auf dessen Schultern ein NBA-Team seine Zukunft baut, kam mir damals nicht in den Sinn. Ein paar Jahre später beendete ich meine Karriere, ging aber immer noch zu Spielen in Domžale und Ljubljana, um meinen Kumpel Saša zu unterstützen. Luka war damals im Grundschulalter und stand oft am Spielfeldrand, immer mit einem Ball in den Händen.

Slowenien war zu klein für Luka Dončić

Ich werde nie vergessen, wie ich ihn erstmals in einem richtigen Spiel, fünf gegen fünf, auf dem Court gesehen habe. Das war 2008. Ich war damals Jugendtrainer bei Olimpija Ljubljana. An jenem Tag benutzten die Basketballschüler des Vereins die Sporthalle, als die Spieler der U 11 auf den Court kamen. Luka war zwei Jahre jünger als die meisten anderen, aber im Spiel merkte man davon überhaupt nichts. Seit diesem Tag sah ich ihn nicht mehr „nur“ als Sašas Sohn, sondern verfolgte seine Spiele.

2012 nahmen wir mit der U 13 von Olimpija an einem internationalen Turnier in Rom teil. Nachdem Luka im Finale 54 Punkte, 11 Rebounds und 10 Assists aufgelegt hatte, war mir klar: Slowenien ist zu klein für ihn. Real Madrid war auf ihn aufmerksam geworden und einigte sich mit seiner Familie auf eine Art Probezeit, um Luka ausgiebig beobachten zu können.

Der Wechsel zu Real Madrid

Er nahm im Trikot von Real an der „Minicopa Endesa“ teil, dem wichtigsten Turnier für U-14-Spieler in Spanien. Obwohl Luka einer der jüngsten Teilnehmer dort war, dominierte er die Veranstaltung. Mit seiner erstaunlichen Reife und Robustheit faszinierte er alle Beobachter. Jetzt war ich vollkommen sicher, dass er eine großartige Zukunft haben würde.

Dennoch gab es in Slowenien Diskussionen um seinen Umzug nach Madrid. Ich gehörte zu den Leuten, die sich Sorgen um ihn machten. Ich fürchtete, dass ihn die Anstrengungen, eine neue Sprache zu lernen und sich in einem fremden Land einleben zu müssen, in seiner Entwicklung behindern würden. Das war aber eine Fehleinschätzung. Es sollte sich zeigen, dass seine Familie mit seinem frühen Wechsel ins Ausland eine zwar mutige, aber vollkommen richtige Entscheidung getroffen hatte und Luka im vorzüglichen Fördersystem von Real Madrid bestens aufgehoben war.

Luka Bassin, Jahrgang 1971, begann nach seiner Spielerkarriere in verschiedenen Mannschaften Sloweniens als Trainer bei Jance STZ. Sowohl beim Hauptstadtklub Olimpija Ljubljana als auch auf nationaler Ebene coachte er unterschiedliche Altersklassen im Nachwuchsbereich. Sechs Spieler der Nationalmannschaft, die 2017 Europameister wurde, betreute er während ihrer Ausbildung. Zuletzt wechselte er von Olimpija Ljubljana zum Stadtrivalen Ilirija, wo er im Trainerstab von Lukas Vater Sasa Doncic tätig ist.
Luka Bassin
Basketball-Trainer

Luka Dončić: Die absolute Selbstsicherheit

Ich saß gebannt vor dem Fernseher, als er in seinem ersten Spiel in Spaniens Top-Liga ACB nach 15 Sekunden gegen Unicaja Málaga einen Dreier versenkte. Eine Sache hat ihn immer ausgezeichnet, eine bestimmte Haltung: Egal ob er in der Jugend gegen drei Jahre ältere Kinder spielte oder als 16-Jähriger in der stärksten Liga Europas debütierte, er trat immer mit der absoluten Selbstsicherheit auf. Er hat diesen Blick, den er wie einen unsichtbaren Harnisch trägt und mit dem er gegen jeden Zweifel gewappnet ist.

Im Laufe der Jahre hieß es immer wieder, Lukas Athletik sei nicht gut genug für das nächste Level und sein Shooting zu unzuverlässig. Ich liebe einen Ausspruch des ESPN-Experten Fran Fraschilla über Luka: „Es heißt, er sei etwas zu langsam, doch trotzdem ist er allen anderen immer zwei Schritte voraus.“

Er kultivierte seine signature moves

Inzwischen ist er mittendrin in der NBA und begeistert mit seinem Spiel. Er hat sogar schon zwei signature moves kultiviert, zumindest schwören die Texaner, dass sie noch nie solche Stepback-Dreier und Pass-Fakes unter dem Korb gesehen haben.

Seit seinen Anfängen als „Maskottchen“ bei Loka Kava hat er mich vieles gelehrt. Um zu sehen, was für ein außergewöhnlicher Spieler er ist, schauen Sie ihm am besten ins Gesicht. Das genügt, Sie werden schon sehen…

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Ribery, Lessort, Tuchel: Eine Sache der Liebe

Es wird Französisch! Die Ausgabe #38 dreht sich um das Thema Frankreich und die Franzosen. Wie Franck Ribery sich durch die Liebe definiert, wie Bayern Münchens Basketballer Mathias Lessort durch seine Sportart zum Glück fand und wie es Thomas Tuchel bei PSG schaffte, sich in die Herzen der  Spieler zu hieven… in der #38!

Franck Ribery: Eine Sache der Liebe

So richtig loslassen kann Franck Ribery natürlich nicht. Als Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern verabschiedet wurde, tauchte der Franzose auf und erwies dem ehemaligen Bayern-Präsident die Ehre. Eine tolle Geste und auch Ribery, der Spieler mit den meisten Meistertiteln im Trikot des Rekordmeister, wurde geehrt.

Zwölf Jahre genoss Franck Ribéry in München das Gefühl, geliebt zu werden. Auch in Florenz spürt der Franzose nun die Zuneigung der Fans, die er aber in seiner Heimat nie erhielt. Aber die er auch mit 36 Jahren noch benötigt, um als Fußballer und Mensch zu bestehen.

Die gesamte Story lesen Sie in der neuen Ausgabe, das sie hier bestellen können. Alternativ können Sie auch ein Jahresabo bestellen oder das ePaper lesen.

Was hat die Ausgabe #38 noch zu bieten?

Exklusiv-Interview mit Mathias Lessort

Mathias Lessort vermisst den Strand, aber den Basketball liebt der Star des FC Bayern so sehr, dass sich selbst Heimatgefühle hinten anstellen müssen. Mit Bayerns Franzosen sprachen wir über Mentalitätsunterschiede, das Umfeld FC Bayern und Besuche aus der Heimat.

Thomas Tuchel: Le Patron

Thomas Tuchel ging mit einem Rucksack voller Klischees nach Frankreich zu Paris Saint-Germain. Doch dann kam alles anders. Der ehemalige Trainer des BVB wurde zum Chef von Paris, weil sich Tuchel veränderte und sich selbst bei einem Diven-Klub extrem beliebt machte.

Exklusiv-Interview mit Josuha Guilavogui

Eigentlich wollte Josuha Guilavogui nie nach Deutschland ziehen. Jetzt ist er Kapitän des VfL Wolfsburg und kann sich vorstellen, die Autostadt nie wieder zu verlassen. Warum Franck Ribéry dabei eine Rolle spielt und was das einzige Manko ist, erzählt er im Interview.

Ajax in Grün

Der französische Fußball hatte in den 1970er Jahren einen neuen Tiefpunkt erreicht. AS Saint-Étienne kämpfte sich zunächst aus dem Sumpf heraus und danach auf den Gipfel des europäischen Fußballs hoch. Und das schaffte der Verein mit seinen eigenen Mitteln. Wir sprachen mit einem Helden von damals: Dominique Rocheteau.

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F*ck you! Die komplette Eskalation des Zeljko Obradovic

Zeljko Obradovic, Trainer des Basketball-Spitzenklubs Fenerbahçe Beko, flippte in einer Auszeit gegen ZSKA Moskau komplett aus und beschimpfte seine Spieler. Das Video.
Zeljko Obradovic ist eine Ikone, ein Aushängeschild des europäischen Basketballs. Und er kann richtig austeilen. Wie in der Auszeit beim Spiel zwischen ZSKA Moskau und Fenerbahce, als der Serbe richtig unzufrieden war. Allen voran der Italiener Gigi Datome bekam sein Fett weg. Fenerbahçe Beko verlor das Euroleague-Spiel mit 70:88. Es war die sechste Niederlage im achten Spiel.

Zeljko Obradovic flippt aus: Das Video

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Tony Parker im Interview: „Sie sagten, ich sei ungeeignet“

Tony Parker (37) hat nach 18 Jahren NBA aufgehört, als Legende diesseits und jenseits des großen Teiches. Am Ende war das Feuer für den Sport erloschen. Im Gespräch mit SOCRATES blickt der Franzose auf seine Karriere zurück, spricht über Nowitzki, Jordan und all die Projekte, denen er sich jetzt mit ganzer Kraft widmen will.

Tony Parker, Sie haben im Juni Ihr Karriereende verkündet. Wie ging es Ihnen damit?

Ich war mit mir im Reinen, es war die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt – und sie war wohlüberlegt. Ich blicke mit Stolz auf meine gesamte Karriere zurück. Egal ob ich meine Zeit in Paris, San Antonio, Charlotte oder der französischen Nationalmannschaft betrachte, es hat alles gepasst. Eigentlich habe ich meinen Traum jeden Tag gelebt. Ich habe sogar das Gefühl, dass es noch schöner war, als ich es mir je ausgemalt habe. Ich hätte nie gedacht, so viele Titel zu gewinnen und bis in die Top 50 der besten Scorer der Geschichte zu kommen. Ich habe mir nicht das Geringste vorzuwerfen. Ich habe immer alles gegeben und alle Ziele erreicht. Es klingt vielleicht komisch, aber meine Karriere war von A bis Z ein einziger Traum.

Das kann man sagen. Sie haben vier NBA-Meisterschaften gewonnen, waren Finals-MVP, All Star, Europameister und noch viel mehr. So etwas kann man ja nicht planen. Mit welchen Zielen sind Sie ursprünglich angetreten?

Ich wollte in die NBA, dort meine Chance nutzen und Frankreich gut vertreten. Nie im Leben habe ich daran gedacht, der beste französische Basketballer aller Zeiten zu werden. Wenn ich nach Hause zurückkehre, werde ich oft als Legende bezeichnet, aber das war am Anfang gar nicht mein Ziel. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich so viele Jahre auf dem höchsten Niveau spielen konnte. Die Konstanz und das Durchhaltevermögen sind das Schwierigste. Es gefällt mir ganz gut, dass ich in Frankreich immer als Beispiel herangezogen werde, wenn es um Beständigkeit und Erfolg im Sport geht.

Das Interview erschien in Ausgabe #36: Jetzt nachbestellen

Zu jeder Karriere gehören Niederlagen. Welche tat am meisten weh?

Die in den Finals 2013 gegen Miami. Bis heute habe ich Schmerzen, sobald ich an dieses Endspiel erinnert werde, aber das ist völlig in Ordnung. Ich kann damit problemlos leben. Ich habe einige heftige Rückschläge erlebt, aber dadurch kann ich die Erfolge nur noch mehr genießen.

Was zeichnet Sie besonders aus?

Als ich anfing, sagten mir viele Leute, dass ich für Basketball alles andere als geeignet wäre. Ich sei entweder zu klein oder zu schmächtig oder beides zusammen. Das tat schon weh. Auf der anderen Seite habe ich daraus Kraft geschöpft. Viele Spieler waren körperlich stärker als ich, dafür war ich im Kopf bärenstark. Ich war jahrelang auf keiner Party, habe meinen Körper gepflegt und auf meine Ernährung geachtet. Ich habe auf vieles verzichtet und hart gearbeitet, doch es hat sich gelohnt.

Können Sie gut loslassen?

Ich denke, dass es viel einfacher wird, als viele glauben, weil mir zuletzt einfach die Motivation fehlte. Ich sehe keinen Grund mehr und keinen Sinn, noch eine weitere Saison dranzuhängen.  In 17 Jahren bei den San Antonio Spurs hatte ich stets das Gefühl, dass wir zu den Titelkandidaten zählten. In der vergangenen Spielzeit bei den Charlotte Hornets war das nicht der Fall. Wenn man jede Saison um den Titel spielt, ist man verwöhnt. Mir fehlten die Leidenschaft und der absolute Wille. Nun habe ich zahlreiche Projekte und neue Aufgaben, so dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mir Basketball fehlen wird.

Hat die Befürchtung eine Rolle gespielt, dass Sie den richtigen Zeitpunkt für das Karriereende verpassen könnten?

Es ist wichtig, mit sich im Reinen zu sein und sich nicht selbst in die Tasche zu lügen. Irgendwann ist es einfach vorbei. Ich habe genug Pokale gewonnen und genug Geld verdient. Es ist an der Zeit, für andere Platz zu machen.

Wie war es in Charlotte, dem Klub von Michael Jordan?

Wir begegneten uns nur selten, weil er sehr beschäftigt ist. Bei unserer Weihnachtsfeier und gelegentlich beim Training, tauschten wir uns aus, aber meist war er nicht zu sehen. Er hat ein paar Videos mit uns gedreht und kam dabei sehr natürlich und humorvoll rüber. Er war mein großes Idol und hat mich vor allem mit seiner professionellen Einstellung stets sehr beeindruckt. Ich bin stolz darauf, für seinen Klub gespielt zu haben, auch wenn es nur ein kurzes Abenteuer war.

Sie waren ewig bei den Spurs. Hätten Sie Ihre Karriere nicht lieber dort beendet und wie Dirk Nowitzki nur für einen einzigen Klub in der NBA gespielt?

Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Natürlich wäre es ein Traum gewesen, in San Antonio aufzuhören, aber ich hatte ohnehin schon eine traumhafte Karriere. In Charlotte konnte ich beweisen, dass ich immer noch konkurrenzfähig bin, das war mir durchaus wichtig. Bei der Gelegenheit möchte ich den Hut vor Dirk Nowitzkis gigantischer Karriere ziehen. Er war überragend. Er hat alles verdient, was er erreicht hat, weil er hart dafür gearbeitet hat.

Das geben wir gerne weiter. Sie sind bereits seit etlichen Jahren parallel als Geschäftsmann und Funktionär u.a. beim französischen Klub ASVEL Villeurbanne tätig und erfolgreich. Woher kam das Interesse für das Business?

Mir hat es immer gefallen, Dinge zu entwickeln und voranzutreiben. Mein Sport und sein Umfeld haben es mir ermöglicht, viele Kontakte mit Business-Leuten zu knüpfen und mich weiterzuentwickeln. Ich habe mir viel von den Profis abgeguckt, habe gelernt und dann meine eigenen Projekte gestartet.

Der Socrates Newsletter

Haben Sie dabei auch die Schattenseiten kennengelernt?

Klar, es gibt in diesem Milieu unheimlich viele Leute, die nur das Ziel haben, einen Spieler auszunehmen. Deshalb ist es so wichtig, sich die richtigen Personen an seine Seite zu holen. Das müssen Leute sein, die die gleiche Vision haben und eine zumindest ähnliche Vorgehensweise. Ich will Leute für gemeinsame Projekte begeistern, das liegt mir sehr am Herzen. Dabei ist es völlig egal, ob es um Immobilien oder Finanzen geht.

Gibt es auch ein Vorbild für Sie in diesem Business-Bereich?

Michael Jordan war im Sport wahnsinnig erfolgreich und anschließend mit seiner Marke Air Jordan ebenfalls. Magic Johnson hat bewiesen, dass er es als Unternehmer draufhat; egal ob mit Starbucks, TGI Friday’s oder den Kinos. Ich würde gern seinen Weg gehen. Er ist für mich sicherlich ein Vorbild.

Machen Sie Fehler?

Selbstverständlich. Man lernt unheimlich viel, wenn man viel unternimmt und dabei sind Fehler völlig normal. Und aus den Fehlern wiederum kann man wahnsinnig viel lernen, um anschließend mit Schwierigkeiten, die unerwartet auftreten, besser umgehen zu können. Meine große Stärke besteht darin, dass ich gut trennen kann. Basketball ist Basketball und Business ist Business.

Es sieht nicht so aus, als müssten wir uns Sorgen machen, dass Sie sich langweilen könnten?

Auf keinen Fall. Ich habe verschiedene Projekte, bei denen ich mich voll einbringen will: als Präsident von Villeurbanne natürlich und dann bei meiner Filmproduktion. Dazu kommt meine Aufgabe als Botschafter für Bildung für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Ich freue mich riesig auf all diese Aufgaben und die kommenden Jahre. Und dann möchte ich auch unbedingt mehr Zeit für die Familie haben.

Sie und Ihre Ehefrau Axelle Francine haben zwei Söhne im Alter von drei und fünf Jahren. Was bekommen die denn schon von ihrem so beschäftigten Vater mit?

Noch verstehen sie natürlich nicht, was ich alles tue und was ich erreicht habe. Aber natürlich sind sie sehr neugierig und wenn mich Leute im Restaurant etwa um Fotos oder Autogramme bitten, dann fragen sie sich natürlich, was es damit auf sich hat. Sie sollen mich aber nicht als ehemaligen Basketball-Star erleben, sondern als normalen Vater. Das ist mir sehr wichtig. Ich will ein ganz normaler Vater sein.

Interview: Alexis Menuge

MHP Riesen Ludwigsburg: Das Tal der Riesen

Vor 12 Monaten gehörten die MHP Riesen Ludwigsburg in der Basketball Champions League und Bundesliga zu den besten vier Mannschaften. Die Philosophie von John Patrick griff und sammelte Respekt und Siege. Heute ist vieles anders und um beides muss in jedem Spiel gekämpft werden.

Ludwigsburg und München trennen rund 240 Kilometer. Beinahe auf halber Strecke liegt Ulm. Drei Basketball-Standorte, eigentlich ganz nah, sportlich aber weit voneinander entfernt. „Woran es wohl liegen mag“, wird sich Ludwigsburgs Erfolgs-Trainer John Patrick des nachts vielleicht fragen. Woran liegt es, dass seine MHP Riesen vor 12 Monaten in einem europäischen Final Four standen, Teams mit knallharter Defense niederzwangen und in der BBL Heimvorteil in der ersten Runde genossen, in diesem Jahr jedoch weit weg sind?

Weit weg von den Erfolgen und vor allem weit weg von der eigenen Identität. So weit weg wie eben München. Der Tabellenführer tritt heute Abend in der Barockstadt an und bringt mit, was Ludwigsburg seit Monaten sucht. Konstanz und Identität.

Mannschaft hat sich verändert

Nun sollte gerade der FC Bayern nicht als Beispiel herhalten. Niemand in Ludwigsburg zeigt auf die 240 Kilometer entfernte Stadt und fordert gleiches. Das Duell mit dem deutschen Meister offenbart allerdings die Schwierigkeiten. Vergangenes Jahr war Ludwigsburg das berüchtigtste Defensiv-Team der Bundesliga. John Patricks Basketball-Philosophie manifestierte sich in jedem Spieler im gelb-schwarzen Trikot. Ganzfeld-Presse, Druck und Aggressivität ohne Unterlass. Durchatmen gegen die Riesen? Kaum möglich. Egal wer in den Süden der Republik kam wusste, dass mit schweren Beinen und oft auch mit schwerem Gemüt wieder abgereist wird.

Die Ludwigsburger verinnerlichten ihre Identität, beriefen sich darauf, erlaubten nur 77.4 Punkte im Schnitt und forcierten über 17 Ballverluste beim Gegner. Mit der viertbesten Offensive (86.2 Punkte) und drittbesten Punktdifferenz von +10.5 pro Partie waren die MHP Riesen elitär. Als einziges Team klauten sie den Ball pro Spiel mindestens zehn mal – bei wenigen eigenen Ballverlusten. Meist ein Erfolgs-Cocktail im Basketball. Von diesem Team sind drei Spieler übrig geblieben.

Die ersten sieben Akteure in der Kategorie Punkte im Schnitt sind weg. Ludwigsburg musste mal wieder von neuem anfangen. Ein hoher Durchsatz an Spielern war stets die Norm unter John Patrick, der Engagement und Druck erbarmungslos einfordert. Nimmt ein Spieler den Fuß vom Gas, nimmt Patrick ihn vom Parkett.

Und nicht selten auch komplett aus dem Team. Ludwigsburg verstärkte sich auch im vergangenen Jahr inmitten der Spielzeit. Der unversehrte Kern garantierte jedoch Wissensaustausch. In diesem Sommer brach Patrick die Wissensbrücke komplett weg. Veteran David McCray ist einer von drei übrig gebliebenen und derjenige, der Patricks DNA vollends absorbiert. Zu wenig, um in dieser Saison zu wiederholen, was vergangenes Jahr gefeiert werden durfte. Ludwigsburg schaffte es in der Basketball Champions League (BCL) nicht zurück in die Playoffs. Die vielen Partien mit neuem Personal zehrten, genau wie die Suche nach der verlorenen Identität.

Reaktiv statt Aktiv

Vor zwei Wochen fuhren die MHP Riesen Ludwigsburg jene 240 Kilometer nach München und verloren 92:74. München traf 46.4 Prozent aus der Distanz, versenkte von dort 13 Würfe und spielte mit den ehemals furchteinflößenden Riesen. „Woran es wohl liegen mag“, wird sich John Patrick auf der Fahrt zurück nach Hause gefragt haben.

Oder er kennt die Antwort schon, die so logisch wie auch simpel ist. Beinahe die ganze Mannschaft ersetzen zu müssen und dann zu hoffen, dass alles beim alten bleibt, ist illusorisch. Patricks Plan basiert auf der ungemütlichsten Komponente des Basketballs – konstante Aggressivität in der Verteidigung. Kein Ball in der Hand, reaktiv statt aktiv. Das erfordert viel und kann nicht über Nacht in ein Teamkonzept gegossen werden.

Ludwigsburg befindet sich vor dem Rückspiel gegen die Bayern im Dickicht der Verfolger mit zwei Siegen Rückstand auf den achten Platz. Nach dem frühen Aus in der BCL gilt der Fokus den Playoffs. Manifestiert sich Patricks Philosophie mit fortschreitender Spielzeit mehr und mehr in der Spielern?

Oder sind diese irgendwann immun geworden und ein Stil wie der von Patrick nutzt sich einfach ab. Viel Schliff und Hitze bedeutet Abrieb. Flüsterstimmen fragen nach der Halbwertzeit des Trainers. Ludwigsburgs Problem ist das defensive Konzept. Es greift in diesem Jahr nicht. Ein normaler Vorgang oder der Beginn eines Trends?

Die Playoffs bleiben in Reichweite

John Patrick und seine MHP Riesen werden sich diese Frage aktuell nicht stellen. Die Playoffs sind bei noch acht verbleibenden Spielen möglich. Unter anderem geht es zuhause nach den Bayern gegen Bamberg, Vechta und Berlin. Vor eigenem Publikum stemmt sich Ludwigsburg mit einer Bilanz von 8-5 gegen den Trend. Vergangene Saison waren 20 Siege nötig, um Platz acht zu sichern.

Gewinnt Ludwigsburg alle verbleibenden Spiele? Wahrscheinlich nicht. Beginnen sie heute Abend gegen den Branchenprimus? Die Historie spricht nicht dafür mit nur drei Siegen aus elf Heimspielen gegen die Bayern. John Patrick wird auf kleine Schritte hoffen. Etwas weniger Punkte zulassen, etwas mehr Intensität und die Playoffs bleiben in Reichweite. Und da, das Klischee verrät, ist alles möglich.

Robert Jerzy

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Dirk Nowitzki: Der Spaß, der alles hinwegfegt

Dirk Nowitzki hat seine großartige Karriere beendet. Wir trafen einst Deutschlands Sportlegende in Dallas uns sprachen mit ihm über Freude an der Arbeit, Helden und Pippi Langstrumpf. Das komplette Interview, das im Oktober 2016 stattfand.

Der Artikel erschien in Ausgabe 2

Der Artikel erschien in Ausgabe 2

Dirk, du spielst deine 19. Saison in der NBA. Welcher Bereich hat dieses Jahr in der Vorbereitung die meiste Zeit beansprucht – die Physis oder die Psyche?

Seit letztem Frühjahr habe ich nicht mehr richtig Basketball mit einer Mannschaft gespielt. Nach einer so langen Pause wieder in die Gänge zu kommen, ist schon eine Herausforderung. Wir haben die Vorbereitung relativ langsam begonnen. Den ganzen Sommer über habe ich konsequent an der körperlichen Fitness gearbeitet. Früher habe ich manchmal sogar eine komplette Sportpause gemacht, aber das geht schon lange nicht mehr.

Du machst gar keine richtige Pause mehr zwischen den Saisons?

Wenn du da nachlässig bist, dauert es Monate, bis du wieder da bist, wo du sein solltest. Ab August habe ich sehr viel Individualtraining gemacht und versucht, den alten Körper wieder richtig in die Gänge zu bekommen. Die ersten drei Vorbereitungsspiele habe ich noch ausgesetzt. Dann habe ich eine erste Halbzeit gespielt. Wir haben die Intensität langsam hochgefahren, aber die ersten Wochen nach dem Sommer sind schon schwer.

Wie groß ist der mentale Anteil an deinem Erfolg, das mentale Training?

Wir haben im Frühjahr unser letztes Spiel bestritten, und jetzt habe ich mich schon wieder auf die Saison gefreut. Es ist wichtig, dass das Feuer noch da ist nach so vielen Jahren, dass es Spaß macht. Ich bin mental frisch. Im Sommer habe ich nicht für die Nationalmannschaft gespielt, ich bin mit der Familie unterwegs gewesen. Und natürlich ist man nach 19 Jahren in dieser Liga auch erfahren genug, um zu wissen, was man machen muss, damit man physisch und mental fit wird. Wir haben das wieder gut hingekriegt, ich bin heiß auf die neue Saison. Wenn mein Sport mal zum reinen Beruf wird, dann höre ich auf.

Dirk Nowitzki

Du sprichst deine Erfahrung an: Bist du überhaupt noch nervös?

Nervosität gehört unbedingt dazu, glaube ich. Dieses Kribbeln. Ob es jetzt ein Vorbereitungsspiel ist oder ein reguläres Saisonspiel oder ein entscheidendes Playoff-Spiel – Nervosität ist ein notwendiges Gefühl. Natürlich ist es nicht mehr so wie damals in der Rookie-Saison, wo du vor Nervenflattern und Angst Durchfall hast. Ohne Nervosität wird es langweilig. Dieses Kribbeln macht schon noch Spaß.

Seit deinem Rookie-Jahr ist alles anders geworden. Damals drehte sich alles um Basketball, jetzt hast du etliche andere Verantwortungen und Aufgaben. Du bist Vater, erfährst tagtäglich sehr viel Liebe deiner Fans und bist auch abseits des Platzes sehr gefragt. Haben dich diese Dinge verändert?

Ich bin halt erwachsen geworden. Ich kam mit kaum 20 nach Dallas und hatte vorher noch nie woanders gelebt außer bei meinen Eltern. Seitdem ist viel passiert. Auf dem Spielfeld und auch abseits der Halle. Ich habe ein paar Niederlagen kassiert und Enttäuschungen mitgemacht. Und natürlich prägt einen das. Man wächst daran. Du machst gute und schlechte Erfahrungen. Die schlechten verdrängt man allmählich und versucht, daraus zu lernen. Von den guten zehrt man lange. Aber es war bisher eine schöne Zeit. 18 Jahre. Ich habe viel gelernt.

Wo du auftrittst, sehen die Leute dich als Helden. Bei deinem Benefizspiel in Mainzer Fußballstadion in diesem Sommer hast du länger Autogramme geschrieben, als das Spiel selbst gedauert hat. Wie sehr kannst du solche Situationen genießen?

Als Held sehe ich mich natürlich nicht. Das ist mir arg hochgegriffen. Den Leuten gefällt, wie ich Basketball spiele. Klar hat man eine gewisse Vorbildfunktion. Aber der Begriff „Held“ ist schon wahnsinnig hochgegriffen. Es macht mir natürlich großen Spaß, zu sehen, wie die Fans sich freuen, wenn sie ein Autogramm oder ein Foto bekommen. Das macht mir schon auch Spaß, vor allem bei den Kids. Meine eigenen Kinder werden irgendwann ebenfalls zu jemandem aufschauen. Sie werden sich Vorbilder suchen. Diese Momente mit den Fans sind mir deshalb sehr wichtig.

Welche Helden sollen denn deine Kinder einmal haben?

Gute Frage. Meine Helden waren damals meistens Sportler. Mein Vater war wahrscheinlich mein erstes Vorbild. Er war ein sehr guter Handballer. Ich war früher bei jedem seiner Spiele dabei und habe an der Sprossenwand gehangen. „Heja Papa“ und weiß der Geier was habe ich gerufen. Mein Vater war mein erstes Vorbild, und alle, die danach kamen, waren eigentlich auch immer Sportstars. Ob sich meine Kids auch mal so für Sport interessieren werden oder sportlich sein wollen, weiß man natürlich noch nicht. Max ist noch sehr klein, aber er rennt schon ständig irgendeinem Ball hinterher. Malaika eigentlich überhaupt nicht, sie spielt meistens mit ihren Puppen. Man muss abwarten, welche Hobbies sich die Kids aussuchen und was sie interessiert. Und wen sie sich zum Vorbild nehmen.

Diskutierst du mit deiner Frau zum Beispiel, ob es lieber Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter sein soll?

Pippi Langstrumpf ist ja im Original schwedisch. Pippi Långstrump. Meine Frau ist damit aufgewachsen, das wird Malaika sicher mögen. Gerade ist allerdings Elsa von „Die Eiskönigin“ das absolute Vorbild. Zu Halloween war sie auch als Elsa verkleidet, nur die Perücke wollte sie nicht aufsetzen. Max war Olaf, der Schneemann. Weltklasse.

Zurück zu deinen eigenen Helden. Wie war es, als du damals dann gegen diese antreten musstest?

Mein erstes NBA-Spiel war gegen die Seattle Supersonics mit Detlef Schrempf. Was natürlich Wahnsinn war, vor allem, weil auch so viele deutsche Medien da waren. Es war damals surreal und komisch, auf einmal gegen Leute anzutreten, die du jahrelang im Fernsehen bewundert hast und die deine Idole waren. Mein drittes Spiel war dann gegen die Houston Rockets. Als Junge bin ich riesiger Chicago-Bulls- und Scottie-Pippen-Fan gewesen. Charles Barkley hatte bei den Phoenix Suns gespielt. Beide waren in den 90er Jahren meine absoluten Helden. Und Hakeem Olajuwon war damals der beste Big Man. Am Ende ihrer Karrieren haben die drei zusammen in Houston gespielt: Olajuwon, Barkley und Pippen! Das war schon Wahnsinn. Da habe ich beim Aufwärmen dagestanden und hab ihnen genau zugeschaut. Wie sie sich aufwärmen, wie sie sich auf dem Spielfeld verhalten, was sie außerhalb vom Spielfeld machen. Da war ich wie ein kleiner Fan, obwohl ich an dem Abend gegen sie spielen musste.

Merkst du manchmal, dass es jungen Spielern heutzutage ähnlich geht, wenn sie gegen dich antreten müssen bzw. dürfen?

Ab und zu kommt das vor. Manchmal kommen neue, junge Spieler aus Europa – und manche sind schon lange Fans. Genauso wie ich damals. Normalerweise fällt mir das nicht so auf, aber vor ein paar Jahren haben wir einmal in der Preseason gegen Denver gespielt. Ich war in der Layup-Line beim Aufwärmen, als die Denver Nuggets aus der Kabine kamen. Der Georgier Nikolos Zkitischwili kam gerade in die Liga. Und dann starrte er mich an, als ich an ihm vorbeilief, und schaute mir hinterher. Das war natürlich ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man jetzt auch eine Vorbildfunktion hat und dass auch Leute in Europa daran teilhaben, was ich hier mache. Vor allem andere Spieler.

Zum Helden von Dallas bist du mit der Meisterschaft 2011 geworden. Wer war damals die erste Person, mit der du wirklich geredet hast? Das erste richtige Gespräch nach dem größten Erfolg?

Erstmal ist alles ein einziges Umarmen und viel zu wild für Worte, in der Kabine haben wir uns den Champagner über die Rübe gekippt. Aber irgendwann habe ich dann mit den Physios zusammengesessen und relaxed. Der Medienrummel war vorbei und dann saß ich da. Mit den Leuten, mit denen wir in all den Jahren so viel durchgemacht haben. Wir haben ein paar Sachen Revue passieren lassen. Der Doc war dabei und hat ein Foto von der Trophäe und mir gemacht. Er hat mir das Bild später einmal geschenkt, es hängt immer noch bei mir Zuhause. Wir haben dagesessen und einfach über das gesprochen, was da gerade passiert war. In den Tagen und Wochen danach habe ich natürlich viel geredet: mit Holger, der natürlich dabei war, mit meinem Physio Jens Joppich, mit meiner Freundin – meiner jetzigen Frau –, mit der Familie.

Als Holger Geschwindner dich vor mehr als zwanzig Jahren entdeckt hat – war er da ein Held für dich?

Wahrscheinlich war ich da schon ein bisschen zu alt, um Helden zu haben. Ich war 16 oder 17, da ist man gerade ein bisschen cool und gibt es nicht so zu, wenn man jemanden gut findet. Ich kannte Holger damals noch nicht und wusste gar nicht, was er schon alles für den deutschen Basketball gemacht hatte. Dass er Kapitän der 1972er-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen von München gewesen war. Das war mir alles nicht bekannt. Ich habe mich damals eher für die Handballer interessiert, Jochen Fraatz und so. Und natürlich für die NBA-Spieler. In Deutschland kannte ich mich nicht so aus. Aber als ich Holger dann kennengelernt habe, ist er natürlich zu einem Vorbild geworden. In allem, was er macht, auch außerhalb des Spielfelds. Der Hotsch ist schon ein Unikum. Auf jeden Fall.

Wenn man Holger Geschwindner und dich bei Spielen beobachtet, fällt auf, dass ihr immer Blickkontakt habt, wenn ein paar Würfe nicht fallen. Kann er dein Spiel noch aktiv beeinflussen? 

Gestern habe ich zu Beginn des Spiels nicht gut getroffen, und da habe ich ihn im ersten Viertel sogar mal kurz gesucht. Ich wusste allerdings gar nicht, wo er sich hingesetzt hatte, also habe ich ihn nicht gefunden. Früher war das natürlich wichtiger. In meinem ersten Jahr habe ich ihn nach jedem schlechten Spiel sofort am nächsten Tag angerufen, wenn er nicht da war. Mal 20 Minuten, mal eine halbe Stunde. Ich habe erzählt, was passiert ist, wie es mir dabei ging und was ich gefühlt habe. Da war er schon sehr wichtig für mich, ein sehr großer Rückhalt. Und es ist immer wieder gut, wenn er da ist. Es schleichen sich ja ständig kleine Fehler in den Schuss ein, die Holger dann sehr schnell und sehr genau rausbügeln kann.

Auch während der Spiele?

Im Spiel mache ich mein eigenes Ding. Bei Heimspielen weiß ich natürlich wo er sitzt, da schaue ich schon ab und zu mal zu ihm rüber. Er gibt mir dann seine Handzeichen „Rebounden“ oder „Kämpfen“. Und dann sage ich ihm: „Komm Du doch hier runter und mach das mit 38, mein Junge!“ Spaß beiseite: Ein paar spezielle Handsignale haben wir immer noch, und die sind sehr hilfreich. Wenn der Schuss mal links oder rechts vorbeigeht, zeigt er mir an, dass ich die Finger breiter machen muss. Oder dass ich es etwas langsamer und ruhiger angehen lassen soll. Es gibt Zeichen, die auch nach 19 Jahren in der Liga immer noch helfen.

Du hast kürzlich mal gesagt, dass du dir vorstellen könntest, später auch mal als „Holger“ zu arbeiten. Also als Mentor und Individualtrainer. Warum? Was reizt dich an der Aufgabe?

Ich habe von Holger über all die Jahre so viel gelernt: über den Wurf, über die Bewegungen dabei, über Basketball ganz allgemein. Und ich glaube, dass ich diese Dinge gut weitergeben könnte. Anders als Holger mit seinem Hintergrund als Physiker und Mathematiker natürlich, aber über den Wurf kann ich einigermaßen vernünftig erzählen. Eine Mannschaft zu trainieren, ist wahrscheinlich nicht mein Ding. Motivationsreden waren noch nie meine Sache, und deswegen werde ich wahrscheinlich individuell mit jungen Spielern arbeiten und versuchen, denen etwas beizubringen. Ich glaube, das würde mir Spaß machen.

Etliche Nachwuchsspieler, denen man eine große Karriere zugetraut hat, sind als „der nächste Nowitzki“ bezeichnet worden. Wie denkst du darüber, dass du offenbar Maßstäbe gesetzt hast?

Als ich in die Liga kam, wurde ich mit Larry Bird verglichen. Und jetzt heißt es bei internationalen Spielern: „Das könnte der nächste Nowitzki sein.“ Das ist eine tolle Sache. Ich habe wohl im Laufe der vielen Jahre etwas erreicht, auf das man stolz sein kann. Wenn heutzutage ein großer Spieler einen Einbeiner schießt, dann heißt es, „Ey, der hat ’nen Dirk gemacht.“ Das ist natürlich ein Riesenkompliment für mich, es ist eine Ehre. Man respektiert, was ich die letzten Jahre geleistet habe.

Hast du bei irgendeinem Spieler mal gedacht: „OK, der kann wirklich mein Nachfolger werden“?

Bei Kristaps Porzingis würde ich sagen: Er hat sogar mehr Potenzial als ich. Er hat jetzt mit 20 schon eine bessere Saison gespielt als ich in dem Alter. Er ist länger, er ist athletischer, er schießt das Ding mit Leichtigkeit von ganz weit weg. Er ist auch der bessere Verteidiger und blockt Würfe. Er hat wirklich alle Möglichkeiten, mal ein absoluter Allroundspieler zu werden. Es ist natürlich ein langer Weg, für den man auch etwas Glück braucht. Aber Porzingis ist schon richtig gut.

Beim ersten Saisonspiel in Indianapolis hast du selbst beim Aufwärmen sichtbar Spaß gehabt. Saugst du solche Momente und diese besondere Atmosphäre jetzt besonders auf, weil du weißt, dass die Karriere irgendwann einmal vorbei sein wird? Du bist ja einer der ganz wenigen Spieler in der Liga, die auch auswärts mit Applaus begrüßt werden.

Natürlich weiß ich auch, dass es irgendwann vorbei sein wird. Aber die Spiele machen mir immer noch richtig Spaß. Die Vorbereitung ist manchmal richtig lang und ätzend, die Stunden allein auf dem Laufband, die Trainings im Sommer mit Holger. Aber bei einer Atmosphäre wie in Indy weiß ich, warum ich diese ganze Arbeit in diese Sache reinstecke. Warum ich mir im Urlaub irgendwo ein Fitnesscenter suchen muss, warum ich die Kids und die Familie am Strand lasse und laufen gehe und Krafttraining mache. Wenn ich mit der Mannschaft auflaufe, macht es einfach richtig Spaß. Natürlich wird es von Jahr zu Jahr schwerer, aber es macht einfach noch Bock. Und wenn dann das Spiel so eng ist und es auch noch in die Verlängerung geht, dann ist es toll, dabei zu sein. Dann hat sich der Aufwand gelohnt. Das ist ein Spaß, der alles hinwegfegt.

Interview: Thomas Pletzinger & Matthias Bielek

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Aíto García Reneses: Ewig jung

Aíto García Reneses, Trainer von ALBA Berlin, revolutioniert den deutschen Basketball. Der 71-Jährige badet im Jungbrunnen und kämpft gegen den Stillstand. Ein Interview über ewige Jugend.

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Señor García Reneses, Ihr ehemaliger Spieler Kristaps Porzingis war im Sommer in Berlin. Haben Sie sich gesehen?

Leider nicht. Ich war in Spanien.

Erinnern Sie sich an Ihre gemeinsame Zeit in Sevilla?

Ja, natürlich. Ich erinnere mich, sehr von ihm beeindruckt gewesen zu sein. Er war zwar außerordentlich lang und dazu noch sehr dünn, doch schon damals besaß er eine herausragende Beweglichkeit für seine Länge. Dazu noch der Wurf von außen. Er war schon damals etwas Besonderes. Ich habe immer noch ein Bild von ihm und mir auf meinem Telefon. (sucht auf seinem Smartphone ein Foto raus und zeigt es stolz – im Hintergrund der Teenager Porzingis mit aufmerksamem Blick)

Er sagt, Sie seien sein größter Förderer.

Ich habe ihm die Chancen gegeben, die er sich selbst erarbeitet hat. Er war ja nicht von Anfang an ein Star. In Sevilla spielte er im ersten Jahr kaum. Ich erinnere mich aber an ein Spiel gegen Real Madrid. Wir waren auf dem Papier chancenlos, so erhielt Kristaps viel Spielzeit auf der Drei. Er war nicht stark genug, um innen zu spielen, wissen Sie. Er erzielte 20 Punkte. Im zweiten Jahr wurde er noch besser. Er lernte viel, wollte viel lernen und für mich war es eine große Genugtuung zu sehen, dass er alles aufsaugte, was ich ihm beibringen wollte.

Sind sie noch in Kontakt?

Während meiner Auszeit vor Alba Berlin 2016 begleitete ich die San Antonio Spurs eine Weile. Da sahen wir uns. Ich sah hoch zu ihm und sagte nur: „Du bist ja noch größer geworden.“ Jetzt sprechen wir ab und an. Er spricht fließend Spanisch. Wer mit ihm am Telefon ist und nicht weiß, wer er ist, hält ihn für einen Spanier. (lacht)

Aíto García Reneses: Coach of the Year

Verbringen Sie Ihren Sommer immer in Spanien?

Den Großteil meiner Sommer verbringe ich, Sie werden es nicht glauben, mit Basketball. Früher waren es Spiele und Turniere auf internationaler Bühne. Viele Sommer verbrachte ich auch in den USA, um mich mit anderen Trainern auszutauschen und einfach im Geschehen zu bleiben. In den letzten Jahren nutze ich meine Sommer allerdings mehr als Ruhephase.

Mögen Sie es, in zwei Welten zu leben? Berlin für den Basketball und rasanten Alltag, Spanien für die Ruhe?

Ich trenne das nicht. Berlin ist natürlich etwas anders. Ich spreche hier selten Spanisch und das Wetter im Winter setzt mir etwas zu. Aber ich fühle mich so wohl, dass ich keinen Ausgleich brauche.

In einer anderen Publikation sagten Sie mal, sie möchten nur im Moment leben und diesen auskosten.

Das stimmt. Viele Menschen reden über die Vergangenheit. Auch mit mir, wenn es um die Erfolge geht. Da merke ich, dass ich mich mehr mit den Geschehnissen beschäftigen möchte, die ich hier und jetzt beeinflussen kann.

Seit wann denken Sie so?

Ich glaube, ich habe immer so gelebt. Da war keine Glühbirne in meinem Kopf, die irgendwann Klick gemacht hat. Als Spieler dachte ich schon so. Ich wollte mich mit der Evolution des Sports auseinandersetzen. Und dazu gehört, im Hier und Jetzt zu sein.

Sie waren ein Aufbauspieler…

Ach, so sehr aufgebaut habe ich gar nicht. (lacht)

Sie haben mal gesagt, Sie wären langsam und ein schlechter Schütze gewesen. Allerdings hätten Sie gute Entscheidungen getroffen. Gab Ihnen Ihre Rolle als Spielgestalter eine besondere Sicht auf das Spiel?

Wissen Sie, schon damals bei Estudiantes Madrid, wo ich in den 1960er Jahren spielte, waren wir nicht festgefahren in den klassischen Positionen. Zwei bis drei Spieler, die das Spiel leiten konnten, standen immer auf dem Feld. Daher kommt mein Blick für die Fundamentalität des Spiels. Insofern hat mir unsere Philosophie eine besondere Sicht vermittelt, wenn Sie so wollen.

Gab es Momente in Ihrer Karriere, in denen Sie genug von Basketball hatten?

Nein. Mein ganzes Leben dreht sich um Basketball. Das hat es schon immer. Immer wenn ich mal ein Jahr ausgesetzt habe, so wie vor Berlin, hat es wieder angefangen zu kribbeln. Ich dachte damals, ich mache einfach etwas anderes. Und dann hat es mich wieder gepackt.

Ihnen kam nie der Gedanke an die Rente?

Ich war bereits zwei- oder dreimal in Rente und kam zurück. Wie ernst kann ich das also nehmen? (lacht)

Quarterback-Legende Brett Favre sagte, er habe nach seinem Karriereende festgestellt, wie sehr das Spiel sein Leben vereinnahmt hatte und er vereinsamt war. Er saß zu Hause und wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte.

Ja, das verstehe ich. Allerdings ist es für einen Spieler eine andere Erfahrung. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Ende September ist der spanische Radprofi Alejandro Valverde in Innsbruck Weltmeister geworden. Er ist 38 Jahre alt. Mit 50 wird er das wohl nicht mehr schaffen. Wahrscheinlich, wir wissen es nicht. (lacht) Die Fähigkeiten schwinden also irgendwann. Als Trainer bin ich auf meinen Körper nicht so sehr angewiesen. Ob ich nun langsamer über das Feld stakse, interessiert die Spieler beim Training nicht. Mein Kopf muss fit bleiben. Und auch wenn ich im Alter ein wenig Agilität im Kopf einbüße, meine Erfahrung lässt mich das ausgleichen. So gesehen bin ich noch immer fähig. Warum soll ich also nicht weitermachen?

Die Mentalität eines jungen Menschen. Sie wohnen in einem anderen Land. Erleben und genießen die Vorzüge des Stadtlebens und lassen sich von allem überraschen, was sich Ihnen präsentiert.

Ich habe eine weitere Metapher für Sie. Manche Spieler, egal welchen Alters, wollen an ihrem Spiel und ihrem Wissen über das Spiel arbeiten. Sie sind wissbegierig und mit dem Status Quo nicht zufrieden. Andere sind es. Ich hatte viele Spieler über meine Karriere hinweg, die immer lernen wollten. Ist das nicht schön? So lebe ich auch. Ich genieße alles, was ich tue und lerne dabei auch noch. Ob nun über Menschen oder Begebenheiten.

Wie erhalten Sie sich diese Einstellung? Gerade als erfolgreicher Trainer ist die Gefahr groß, sich zu sehr in den Erfolg zu verlieben.

Erfolge kommen ja nicht einfach herbeigeflogen. Sie sind ein Resultat der Arbeit. Und ich glaube, wer Spaß an seiner Arbeit hat, der wird erfolgreich sein. Diesen Spaß zu erleben, tagtäglich, in einer Gruppe von Menschen und zusammen, ist das höchste Gut. Stillstand im Kopf lässt irgendwann keine Zufriedenheit mehr zu. Also bleibe ich nicht stehen.

Ist Ihnen das menschliche Miteinander wichtiger als Erfolge?

Was sind denn Erfolge? Titel? Titel sind Resultate. Mit 100 Prozent zu spielen, zu agieren, ist das nicht auch ein Erfolg? Mit meinem ersten Team begann ich weit unten in der Nahrungskette des spanischen Basketballs. Nach zehn Jahren gehörten wir zu den besten drei Teams. Das ist Erfolg. Viele Menschen denken nur in Titeln. Für alle, die aber nah an diesem Team dran waren, definierte sich Erfolg über das Geleistete.

Sie sind ein Pionier darin, Spieler zu entschlüsseln und jungen Spielern eine Chance zu geben.

Ja, das stimmt. Aber nicht jeder Spieler ist gleich. Und nur weil einer jung ist, hat er nicht automatisch einen Freifahrtschein. Ich vertraue jungen Spielern und will ihnen helfen. Bei mir spielen die Jungen, wenn sie dem Team helfen können. Sie müssen es sich aber verdienen. Und sie müssen das auch verstehen.

Gab es von den Klubs nie Druck, die Veteranen einzusetzen?

Ich wurde dazu nie angehalten.

Gab es junge Spieler, die Sie nie erreichen konnten?

Ja, die gab es. Ich bin kein Spielerflüsterer. (lacht)

Menschen werden im Alter oftmals pessimistischer. Woher kommt Ihr Vertrauen in die jüngeren Generationen?

Im normalen Leben, da gebe ich Ihnen recht, werden Menschen pessimistischer, je älter sie werden. Nun folgt wieder ein Beispiel: Ein älterer Spieler, der in einem jungen Team spielt, altert nicht wie gewöhnlich. Seine Umgebung und der Kontakt halten ihn jung. Wenn er seine Karriere beendet, endet auch der Effekt. Und so geht es mir auch.

Junge Spieler sind Ihr Jungbrunnen?

Ja, absolut.

Haben Sie Menschen in Ihrem Leben erlebt, bei denen es nicht so war?

Ich habe eine weitere Geschichte für Sie. Als ich zur Schule ging, besaß ich einen Taschenrechner. Mein Mathelehrer kam eines Tages zu mir und sagte: „Du musst der reichste Schüler der Klasse sein, wenn du einen Taschenrechner hast.“ Das war in den Anfängen des Taschenrechners. Er war ein sehr guter Lehrer, allerdings verstand er nicht, dass ich mit der Zeit ging. Ich konnte trotzdem im Kopf rechnen, nutzte aber moderne Möglichkeiten. Heutzutage rechnet keiner mehr im Kopf.

Für Sie sind also die Grundlagen des Spiels noch immer wichtig, allerdings bauen Sie moderne Methoden oben drauf?

Kein Haus kann ohne ein Fundament stehen. Danach kann alles andere gebaut werden. Wer also mit rechts dribbeln kann, aber nicht mit links, wird es schwer haben.

Haben Sie den Basketball so erlernt?

Die älteren Spieler haben mir neben dem Trainer viel mitgegeben. Die Veteranen haben mir gezeigt, was ich verbessern, woran ich arbeiten muss. Damals hatten Profis eine andere Einstellung. Veteranen kümmerten sich genauso um die jungen Spieler wie der Trainerstab. Heutzutage trennen das zu viele Spieler. Sie denken, das sei allein die Aufgabe der Coaches und kümmern sich nur um sich.

Hat sich der Basketball zum Schlechten verändert?

Ich pauschalisiere nicht. Generell waren Dinge damals aber anders. Als Pat Riley die Los Angeles Lakers trainierte, nahm er an einer Coach Clinic in Teneriffa teil. Bei einem Abendessen saßen wir am selben Tisch und redeten über die Unterschiede zwischen der NBA und Europa. Aber auch über Fundamentales und wie ein Team funktioniert und wie wir als Trainer mit Spielern umgehen, die nicht ihr Bestes geben. Riley erzählte mir eine Geschichte über Vlade Divac, der damals ein Laker war. In einem Spiel war er unkonzentriert und Riley kurz davor, ihn auf die Bank zu setzen. Plötzlich ging Magic Johnson zu Divac hinüber, packte den Serben mit beiden Händen am Trikot und sagte zu ihm: „Du spielst nicht nur für deine Reputation und dein Geld, sondern auch für unsere Reputation und unser Geld.“ Das vermittle ich auch meinen Spielern: Es ist nicht immer wichtig, dass alles von mir kommt. Ihr müsst aufeinander achtgeben.

Wie sehen Sie den Unterschied zwischen der NBA und Europa heutzutage?

Nicht mehr so drastisch wie damals beim Abendessen mit Pat Riley. Die Spitze der NBA ist weiterhin eine Klasse für sich. Die europäische Basis hat allerdings stark aufgeholt.

Mögen Sie es, dass so viele europäische Spitzenspieler in die NBA wechseln? Ihre Schützlinge Pau Gasol, Ricky Rubio oder Kristaps Porzingis sind alle in die USA gegangen.

Zu viele Spieler gehen rüber. Der Trend ist von einem Extrem ins andere gewechselt. Als Arvydas Sabonis mit 19 Jahren an einem internationalen Turnier teilnahm, war ich vor Ort. Er war so gut, er hätte sofort in der NBA spielen können. Die Scouts aus den USA waren allerdings skeptisch. Niemand traute es ihm zu, da er nicht auf einem College gespielt hatte. Fatal, wie wir wissen. Heutzutage folgen zu viele Spieler dem Lockruf. Du benötigst als Spieler eine Basis. Du musst mental bereit sein. Manche sind das nicht. Die Einflüsse von außen sind zu groß.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Einfluss auf Spieler schwindet?

Ich denke nicht. Die Spieler hören noch immer zu. Als ich ein Spieler war, waren meine Trainer fast so wichtig wie meine Eltern. Sie haben mir nicht nur auf, sondern auch abseits des Parketts geholfen. Sie waren immer da.

Macht diese Herangehensweise die spanische Philosophie so erfolgreich? Der ganzheitliche Ansatz?

Das ist noch immer einer der Grundpfeiler, ja.

Fehlt das in Deutschland?

Vielerorts ja. Wir versuchen das hier in Berlin. Unsere jungen Spieler haben einen guten Draht zu uns, ihren Jugendtrainern und den älteren Spielern.

Der Basketball hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Lachen Sie manchmal darüber angesichts der Tatsache, dass Sie diese Trends schon seit Jahrzehnten verinnerlichen?

Nein, ich lache nicht. Ich freue mich, dass der Sport spektakulärer wird. Das wollen wir ja alle. Es muss aber auch hinterfragt werden, warum sich Dinge ändern, wie sie sich ändern. Nehmen wir den Dreier als Beispiel: Heute ist der Dreier der neue Trend. Spieler denken: „Oh, wir liegen mit zwölf Punkten hinten, also werfe ich einfach vier Dreier.“ Ich sehe den Dreier als ein Element, das es meinem Team leichter macht, den Ball nach innen zu bringen und am Ring abzuschließen. Oder zum Korb zu ziehen, weil mehr Platz ist. Manche fundamentalen Dinge dürfen einfach nicht in Vergessenheit geraten.

Also alles wieder eine Sache der Fundamente und alter Tugenden?

Natürlich. Es ist toll, dass der Sport schneller wird. Wird er aber noch unser Basketball sein, wenn alle nur noch Dreier schießen? Das macht keinen Spaß.

Macht es Ihnen heute mehr Spaß zu coachen als früher?

Mir hat es immer Spaß gemacht, da gewichte ich nicht. Spaß ist Spaß. Über mein erstes Team, Badalona, wurde damals gesagt, dass wir eine Karate-Presse spielen würden. Sie kennen Karate? Handkante und Tritte. Aber wir waren einfach nur unserer Zeit voraus. Schauen Sie sich unsere Spiele heute auf Video an, wirkt es wie Zeitlupe. Die Athletik und Geschwindigkeit hat zugenommen. Das entwertet allerdings nicht, was wir damals gemacht haben.

Wurden Ihre Trends oft kopiert?

Ja, allerdings ist es heutzutage leichter, zu kopieren. Damals konnten wir keine Videos über den Gegner schauen. Heute kann alles gesehen werden. Ich kann mich erinnern, dass ich als junger Trainer ein Magazin in Händen hielt mit einem Artikel über Dean Smith, den berühmten Coach der North Carolina Tar Heels. In diesem Artikel ging es um sein „Run-and-Jump“-System. Für mich war das ein Novum, was mir Vorteile verschaffte, weil kein anderer Trainer dieses Magazin gelesen zu haben schien.

Dean Smith hat am College junge Spieler entwickelt, nicht zuletzt einen Michael Jordan. Fehlt das heute, weil Spieler meist nach nur einem Jahr in die NBA wechseln?

Ja, das tut es. Für mich war John Wooden der Beste. Er lehrte Basketball und das Leben. Das gibt es heute nicht mehr.

Hatten Sie jemals das Verlangen, in der NBA zu trainieren?

Nein, das hatte ich nie. Dieser Karriereweg war auch nie etwas für mich. Damals, als ich Trainer wurde, hätte ich einige Jahre als Assistent arbeiten müssen, dann auf dem College. Bis ich das erreicht hätte, wäre ich wohl 120 gewesen. (lacht)

Denken sie wirklich nicht über die Zukunft nach? Ans Aufhören?

Nein, tue ich nicht. Interessiert mich auch nicht. Ich lebe jeden Tag.

Eine junge Herangehensweise eben.

Und ist sie nicht toll! Wer jung ist, sorgt sich nicht. Wer älter wird, sorgt sich mehr, vor allem um sich selbst. Warum sollte ich mir das antun?

Interview: Robert Jerzy

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Löw, Kerber und James: Die Köpfe des Jahres

2018 war ein bewegtes Sportjahr. Der deutsche Fußball erlebte ein Desaster – und das nicht nur auf dem Platz. Angelique Kerber sorgte für das Highlight des Jahres und LeBron James arbeitet an seiner Unsterblichkeit. Socrates blickt in der neuen Ausgabe auf ein außergewöhnliches Sportjahr zurück.

Die Köpfe des Jahres: Löw, Kerber, James

Es musste ja nicht zwingend die Titelverteidigung sein, dafür war die Konkurrenz sehr stark und die eigene Schaffensqualität nicht ganz so hoch wie vor vier Jahren. Aber dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2018 schon in der Vorrunde Schluss machte, hatten die größten Pessimisten nicht mal erwartet. Der Totalschaden war perfekt. Es war die Quittung für Ignoranz, Selbstgefälligkeit und Arroganz und wird die Nationalmannschaft noch eine Weile beschäftigen. Und vor allem Joachim Löw.

Nach der Fabelsaison 2016 fiel Angelique Kerber in ein tiefes Loch und musste sich neu erfinden. Es sollte ein langer Anlauf werden, doch am Ende stand die Erfüllung des Traumes der Träume. Damit beendete Kerber auch eine deutsche Sehnsucht, die seit Jahren immer größer wurde.

LeBron James war in seiner Karriere vieles: Hometown Hero, Bösewicht oder Basketball-Alien. Er wechselte zu den LA Lakers und versetzte die gesamte Sportwelt in Aufruhr. In Los Angeles will er der Unsterblichkeit ein Stück näher kommen. Aber: Immer noch hat er stets Michael Jordan im Nacken.

Löw, Kerber und James – drei Figuren, die auf das Wirken des Sportjahrs 2018 entscheidend Einfluss genommen haben. Und deswegen sind sie auch für uns die Köpfe des Jahres und stehen auf dem Cover der 27. Ausgabe. Doch das ist natürlich längst noch nicht alles.

Was gibt es sonst in Ausgabe #27?

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