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PK mit Hansi Flick: Wenn Sie einen anderen wollen…

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Haaland & Co.: Kauft Deutschland seine Zukunft?

Erling Haaland und Co. rocken die Bundesliga, de deutschen Nachwuchsstars werden seltener. DFB-Manger Oliver Bierhoff hat die Arbeit der deutschen Nachwuchsleistungszentren kritisiert und das mit Recht. Der Fußball hierzulande muss aufpassen, seine Basis nicht zu vernachlässigen.

Man kann ja Oliver Bierhoff für Vieles kritisieren. An Ort und Stelle ist dies auch schon ein paar Mal passiert. Zu viel PR, zu viel Marketing, zu viel Hashtag, zu wenig Fußball. Zu wenig Konzentration auf das Wesentliche. Das sportliche Versagen bei der WM 2018 wurde auch etwas an Bierhoff festgemacht, vielmehr war er willkommen bei der Suche nach Sündenböcken, die man brauchte. Seither ist es tatsächlich etwas ruhig geworden um Bierhoff. Womöglich ist diese Zurückhaltung gewollt. Weniger ist mehr.

Bierhoff: Das DFB-Team ist kein Favorit bei der EURO 2020

Neulich äußerte sich Bierhoff beim Parlamentarischen Abend in Berlin, bei dem auch der neue DFB-Präsident Fritz Keller zu Gast war. Bierhoff sagte, dass das DFB-Team bei der EURO 2020 nicht zu den Favoriten gehöre, was medial äußerst viel Beachtung fand. Begründet hat Bierhoff das mit der mangelnden Erfahrung der aktuellen Mannschaft, wobei die Schützlinge von Joachim Löw eigentlich ganz so unerfahren auch nicht sind. Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Toni Kroos, Serge Gnabry, Marco Reus, Timo Werner, Ilkay Gündogan, Deutschlands Nationalspieler des Jahres Matthias Ginter. Da ist ja doch durchaus Substanz vorhanden.

Deutschland hat ein Nachwuchsproblem

Viel interessanter ist die Kritik Bierhoffs an der Nachwuchsförderung in Deutschlands Nachwuchsleistungszentren: Das Denken in den Akademien sei teilweise „sehr deutsch“ und zu korrekt, sagte Bierhoff. Mangelnde Individualität attestiert der DFB-Manager der Jugend: „Wir müssen bei Spielern auch wieder eine Bolzplatzmentalität fördern. Weil die aber nicht mehr so gegeben ist durch den Alltag in der Jugendförderung, müssen wir das in den Akademien ein Stück weit künstlich erzeugen.“

Deutschland hat im Jahr 2020 offenbar ein Nachwuchsproblem. Gut, man ist jetzt nicht auf dem Niveau der Jahrtausendwende, als es einer Task Force bedurfte, um eine gute Idee zu finden, aber tatsächlich ist es so, dass der deutsche Fußball sich offenbar nicht nur auf den Erfolgen des Anfangs der 2010er Jahre ausgeruht hat, sondern auch die falsche Strategie in der Entwicklung junger Spieler gewählt hat.

Haaland, Kabak und Co. stark, aber wie lange noch in der Bundesliga?

Das Ergebnis sieht man in der aktuellen Mannschaft, allerdings auch in der Bundesliga. Erling Haaland, Dani Olmo, Alphonso Davies, Ozan Kabak, Moussa Diaby und Co.: Die Bundesliga wurde zuletzt durch einige hochkarätige Nachwuchsspieler aus dem Ausland bereichert. Sie heben das Niveau ihrer Mannschaften und haben eine großartige Perspektive. Aber diese wird

sie wahrscheinlich mittelfristig in eine andere Liga führen, bevorzugt in die Premier League. Die ganz großen Hochkaräter aus den Nachwuchszentren der Liga? Sie werden immer weniger. Die Bundesliga kauft sich derzeit die Zukunft aus dem Ausland, anstatt sie selbst zu entwickeln.

Als der FC Bayern im Januar den 500-Millionen-Euro-Deal mit Audi verkündete, freute sich Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge über den Geldsegen, weil die Klubs auf das große Geld angewiesen seien, „um international mitzuhalten“. Der Druck, international Erfolg zu haben, wird immer größer, weil der Geldtopf der Champions League extrem groß und lukrativ ist. Da kann man nicht darauf warten, bis die eigenen Junioren reifen. Darunter leiden die Nationalmannschaften: Auch wenn Deutschland für die EM 2020 immer noch eine schlagkräftige Truppe hat, darf man aktuell doch etwas zurückhaltend sein, was den Enthusiasmus für die kommenden Jahre angeht. Sollte die Entwicklung nicht in eine andere Richtung gehen, wird diesmal Bierhoff als Sündenbock alleine nicht reichen.

Fatih Demireli

Der Artikel ist Bestandteil der aktuellen Ausgabe. Exklusiv-Interviews u.a. mit Domenico Tedesco, Giulia Gwinn, Christian Fuchs und Features zu Zlatan Ibrahimovic gibt es in dieser Ausgabe. Hier klicken und bestellen.

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Horst Heldt über Jürgen Klinsmann: „Extrem unverschämt“

Der plötzliche Rücktritt von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC löst auch in der Bundesliga Reaktionen aus. Kölns Sportchef Horst Heldt teilte sogar richtig aus und hatte Mitleid mit seinem Amtskollegen Michael Preetz.

Bei Hertha BSC hat man mit der Pressekonferenz am Donnerstag, an der Investor Lars Windhorst, Präsident Werner Gegenbauer und Geschäftsführer Michael Preetz, die Wogen nach dem Rücktritt von Jürgen Klinsmann mehr oder weniger geglättet (Hier geht’s zur Abrechnung von Lars Windhorst). Doch die Reaktionen auf den abrupten Rückzieher von Klinsmann ebben nicht ab.

Horst Heldt, Sportchef des 1. FC Köln, teilte auf einer Pressekonferenz sogar richtig aus. Heldt erzählte über seinen Kontakt mit Preetz und Hertha-Medienchef Max Jung und sprach gar von Mitleid mit seinen Kollegen. Kein Pardon kennt Heldt im Fall von Klinsmann, über den Heldt deutliche Worte findet. Das Video…

Video: Heldt: "Klinsmann extrem unverschämt"
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Körbel & Co.: The Loyals

Maldini, Giggs, Totti, Gerrard und Messi sind einige der weltweit bekanntesten One-Club Player. Das sind Spieler, die für ihre außergewöhnliche Vereinstreue geliebt und bewundert werden. Solche Typen gibt’s in Deutschland freilich auch. Einige liebenswerte Beispiele…

Platz 20 geht an Borussia Dortmund mit 2,68 Jahren Vereinszugehörigkeit pro Spieler im aktuellen Kader. Das heißt: Bei 19 Klubs aus den fünf größten Ligen Europas – Bundesliga, Premier League, Primera Division, Serie A, Ligue 1 – bleiben die Spieler länger. Heißt aber auch: Bei 78 Klubs bleiben die Spieler nicht einmal 2,68 Jahre. Spitzenreiter dieser Statistik ist übrigens Real Madrid mit 5,84 Jahren, gefolgt vom FC Barcelona und Bayern München knapp dahinter.

Die Studie des Schweizer Instituts Centre international d’étude du sport (kurz: CIES) ist freilich nur eine Momentaufnahme, bestätigt aber das Gefühl vieler Fußballfans: Kontinuität ist ein rares Phänomen, die Fluktuation auf dem internationalen Spielermarkt ist gewaltig.

Dennoch gibt es auch heute Spieler, die durch besondere Treue auffallen und die gerade nicht die großen Stars der großen Klubs sind wie ein Sergio Ramos, ein Lionel Messi, ein Daniele De Rossi oder ein Thomas Müller. Los geht’s aber mit dem Marathonmann der Bundesliga schlechthin.

Karl-Heinz Körbel: Eintracht Frankfurt? Niemals!

Der Legende nach soll Karl-Heinz Körbel seinem „Vadder“ geschworen haben, zu einem Verein wie Eintracht Frankfurt würde er nicht gehen. Hintergrund dieses Verdikts war ein 0:7 der Hessen gegen Karlsruhe, das der junge Kicker mit seinem Vater besucht hatte. Fast wäre Körbel dann als A-Jugendlicher beim HSV gelandet, der sich sehr um den Nachwuchsmann aus Dossenheim bemühte und beim Probetraining sogar Uwe Seeler als „Sparringspartner“ auflaufen ließ.

Neben den Hamburgern waren noch die Bayern, der VfB Stuttgart, Waldhof Mannheim und der KSC hinter Körbel her, was den Teenager vollkommen überforderte. „Das ging mir alles zu schnell! Ich dachte nur: ‚Nee, jetzt könnt ihr mich alle mal am Buckel lecken!‘ Ich bleibe noch ein Jahr hier in Dossenheim und dann wird man sehen, was passiert“, erinnerte sich Körbel vor Jahren im Interview mit 11 Freunde.

Es sollte die goldrichtige Entscheidung und eine fürs Leben gewesen sein. Als 17-Jähriger ging Charly Körbel zur Eintracht, die angenehm unaufdringlich, aber umso überzeugender um das Abwehrtalent geworben hatte. Körbel schloss sich der Eintracht an und fasste sofort Fuß in der Bundesliga. 19 Jahre sollte er bleiben und in 602 Bundesligaspielen (Rekord für die meisten Einsätze!), 70 Pokalspielen und 45 Europacupspielen seine Knochen hinhalten. 1974, 1975, 1981 und 1988 gewann er den DFB-Pokal, 1980 dazu den UEFA-Cup. Für die deutsche Meisterschaft reichte es nie. Auch in der deutschen Nationalmannschaft konnte er sich aufgrund der Bayern-Dominanz, wie es landläufig heißt, nicht nachhaltig durchsetzen.

Doch es reichte ja so locker zur Legende, zu der auch gehört, dass Charly Körbel in 602 Ligaspielen nie vom Platz flog, aber ausgerechnet beim Saisonfinale 1991, dem Ende seiner Karriere, wegen einer Gelbsperre fehlte. Zur Legende gehört auch, dass er 1983 eigentlich abhauen wollte, weil Chaos bei der Eintracht herrschte, es aber nicht übers Herz brachte. Die Eintracht „wurde mein Leben“ erklärte er in besagtem Interview – und das ist sie immer geblieben.

Torsten Mattuschka: „An dich kommt keiner ran!“

Man muss nicht zwingend ein One-Club-Man sein, um bei einem Verein abgöttisch verehrt zu werden. Torsten Mattuschka, kurz Tusche, ist so ein Mann. Er spielte mit Union Berlin Oberliga, Regionalliga und 2. Liga und war an der Alten Försterei der Publikumsliebling, die Identifikationsfigur, der Kultstar schlechthin. „Torsten Mattuschka, du bist der beste Mann. Torsten Mattuschka, an dich kommt keiner ran. Torsten Mattuschka, mach ihn rein für den Verein“, sangen die Union-Fans in den Jahren 2005 bis 2014, ehe er an seine alte Wirkungsstätte, nach Cottbus, zurückkehrte

Immer wenn Mattuschka nach den Gründen für seine Popularität gefragt wird, landet er sehr schnell beim Thema Authentizität. Er habe sich nie verändert, blieb sich immer treu, habe immer alles gegeben. Oder in seinen eigenen Worten: „Sobald der Schiedsrichter anpfeift, gebe ich Vollgas für den Verein. Außerdem trage ich, wie die meisten Fans, ja auch ein wenig Bauch“, sagte er mal in einem Interview mit SPOX.com. Tusche begeisterte aber nicht nur die eigenen Fans, sondern viele neutrale Beobachter mit seiner Kreativität, Schlitzohrigkeit und schlichten fußballerischen Klasse, die in Tateinheit mit einer besseren Physis für ein Erstligakarriere locker gereicht hätte.

Nationalspieler Christoph Kramer outete sich vor wenigen Jahren als absoluter Mattuschka Fan. Dem Tagesspiegel erzählte der Mönchengladbacher: „Er bewegt sich gut in den Räumen – auch wenn er sich nicht schnell in den Räumen bewegt. Aber er steht immer gut. Man spürt bei ihm einfach, er lebt Fußball, und er versteht Fußball.“ Als ein Spieler, der nach eigener Auskunft gern einmal einen Schritt weniger machte, war er außerordentlich gut bei Standards. Am 5. Februar 2011 sahen 75.000 Zuschauer zu, als er im Derby gegen die große Hertha per Freistoß den 2:1-Siegtreffer für Union schoss. Das allein hätte schon für die Legendenbildung gereicht.

Marc Schnatterer: König der Provinz

Der Traum vom ganz großen Fußball erhielt einen empfindlichen Dämpfer, als es damals bei der C-Jugend des VfB Stuttgart hieß: Tut uns leid, aber unsere Wege trennen sich hier. Statt Nachwuchsleistungszentrum bei einem deutschen Eliteklub hieß es für ihn nun: ab aufs Land! Über Freiberg ging es mit Anfang 20 nach Karlsruhe. KSC II wohlgemerkt, aber immerhin… Doch konnte er sich auch dort nicht durchsetzen. Also zurück in die absolute Provinz: Heidenheim, Schwäbische Alb. Vierte Liga. 2008 war das und 2019 ist er immer noch da. Marc Schnatterer ist längst „Mr. Heidenheim“.

Die 400-Spiele-Marke längst passiert, hat er über 100 Tore geschossen und mehr als 100 für seine Kollegen aufgelegt. Er ist praktisch nie verletzt und hat in den ersten vier Zweitligaspielzeiten (2014/15 bis 17/18) 134 von 136 Partien absolviert. In Interviews wird der 34-Jährige, für viele der beste Spieler der 2. Liga, beständig auf die Bundesliga angesprochen, doch diesen Traum scheint er abgeschrieben zu haben, auch wenn er keinen Hehl daraus macht, dass jeder am liebsten Samstagnachmittag um 15.30 Uhr spielen würde. Doch wirklich ernstzunehmende Angebote scheint es nicht oder zumindest offiziell nicht gegeben zu haben. Schnatterer scheint mit sich im Reinen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er seine Karriere in Heidenheim beenden. Wann das sein wird, ist noch unklar. Bei Fragen nach der Bundesliga verweist er gerne auf einmalige Erlebnisse mit dem Klub seines Herzens: zwei Aufstiege und ein Derbysieg beim großen VfB. Was er zudem schätzt, sind die Kontinuität und die Beschaulichkeit in Heidenheim, eine familiäre Atmosphäre, die er, genauso wie Trainer Frank Schmidt, der sogar schon vor ihm beim Klub an der Brenz war, mitgestaltet.

„Mit dem, was ich in Heidenheim erlebt habe und vielleicht noch erleben darf, bin ich unheimlich glücklich“, sagte er im Interview mit bundesliga.de. „Ich denke nicht jeden Tag darüber nach, was woanders vielleicht gewesen wäre. Eine Führungspers.nlichkeit in Heidenheim sein zu können, gibt mir sehr viel.“ Und wer weiß, vielleicht bleibt Schnatterer sein Leben lang beim FCH. Als Manager vielleicht. Den Sportfachwirt hat er schon, Sportökonomie studiert er noch dazu.

Timo Horn: Der Weg ist noch lange nicht vorbei

Es ist fast schon ein Gesetz, dass ein Verein bei einem Abstieg seine besten Spieler verliert. Das gilt vor allem für Vertreter der jüngeren Garde, jenen mit Potenzial, die dann meist den berühmten nächsten Schritt gehen. Timo Horn ist so ein Fall. Gladbach, Hoffenheim, Tottenham, Manchester United, Arsenal, Liverpool, Real Madrid, Liverpool, Leipzig, Dortmund, Barcelona. Mit diesen und nicht nur diesen Klubs wurde der 26-Jährige in den letzten gut fünf Jahren in Verbindung gebracht.

Natürlich entbehren viele Gerüchte einer stabilen Grundlage, doch ist es kein Geheimnis, dass der Kölner Keeper seit frühesterJugend auf geradem Weg zu einem absoluten Spitzentorwart ist. Als der Effzeh nun 2017/18 wieder mal runtermusste, schien sein Abgang eigentlich eine klare Sache zu sein. Doch es kam anders…

Horn erklärte wie Nationalspieler Jonas Hector und Routinier Marco Höger seinen Verbleib: „Es wird die Aufgabe von Jonas, Marco und mir sein, da vorneweg zu gehen. Das sehe ich als sehr reizvoll an. Genau wie die Möglichkeit, mich persönlich im nächsten Jahr weiterzuentwickeln. Es wird manchmal nicht leicht sein, in der 2. Liga zu spielen und gleichzeitig andere Jungs, die man noch aus den U Nationalmannschaften kennt, in der Champions League zu sehen. Aber ich habe das Gefühl, dass mein Weg beim FC noch lange nicht vorbei ist.“

Das sagt einer, der über die Hälfte seines Lebens schon zum Klub gehört. Mit neun Jahren schloss sich der gebürtige Kölner dem Traditionsklub an, spielte mit 17 schon U21 und wurde mit 18 in den Profikader berufen. Mit19 war er die Nr. 1. Spätestens seitdem ist er die Identifikationsfigur der Fans und einer, der vorweg geht. Als der Abstieg Anfang Mai 2018 feststand, verlängerte Horn, die Tränen waren kaum getrocknet, seinen Vertrag demonstrativ bis 2023. Das Echo war gewaltig. Fans von zahlreichen Vereinen verneigten sich über die sozialen Medien vor so viel Loyalität. #EchteLiebe

Oliver Wittenburg

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Windhorst-Abrechnung: Klinsmann „bereut“ Entscheidung

Jürgen Klinsmann hat seinen abrupten Rücktritt bei Hertha BSC bereut. Dies sagt Hertha-Investor Lars Windhorst auf der eigens einberufenen Pressekonferenz der Berliner. Das Video.

Windhorst: Keine Zukunft mit Klinsmann

Der plötzliche Rücktritt von Jürgen Klinsmann als Trainer von Hertha BSC wirkt in Berlin nach: Der Klub berief eine Pressekonferenz ein, an der auch Investor Lars Windhorst teilnahm. Der Tennor-Chef nahm dabei kein Blatt vor den Mund und rechnete mit Klinsmann, dessen Abgang er eigentlich sehr bedauert, ab.

Eine weitere Zusammenarbeit als Mitglied des Aufsichtsrat wird es nicht geben, dies gab Windhorst bekannt. Dieser gab auch zu verstehen, dass Klinsmann seine plötzliche Entscheidung inzwischen wohl auch bereut. Eine Reue, die aber zu spät kommt.

Socrates-Kommentar zum Klinsmann-Rücktritt: Entfolgt

Die Aussagen von Windhorst im Video

Kommentar: Jürgen Klinsmann ist Ihnen entfolgt

Jürgen Klinsmann war nur 76 Tage im Amt bei Hertha BSC. 76 Tage, die gereicht haben, um viel Schaden anzurichten. Für den „Big City Club“, aber auch für Klinsmann selbst. Der Kommentar von SOCRATES-Chefredakteur Fatih Demireli

Kommentar von Fatih Demireli

Der Lars. Ach ja, der Lars. Und übrigens: der Lars. Als Jürgen Klinsmann (55) Ende November 2019 als neuer Trainer von Hertha BSC vorgestellt wurde, sprach Klinsmann viel lieber über „den Lars“, gemeint war Investor Lars Windhorst, anstatt über sich selbst. Geholt eigentlich als Fußball-Experte im Aufsichtsrat und Consigliere für Windhorst sollte Klinsmann bis Saisonende als Trainer den bis dahin glücklosen Ante Covic ersetzen. Klinsmann wurde nicht nur als Trainer installiert, sondern auch als Flutlicht für den allzu durchschnittlichen Fußball-Verein. Hertha wollte gesehen werden. Klinsmann wusste, wie das geht.

Er installierte ein komplett neues Trainer-Team, einen Performance-Manger in Arne Friedrich, ließ die Kabine umbauen, gestaltete das Trainingslager in den USA neu (inklusive kräfteraubender Reise zur Yacht des Investors), holte Spieler für fast 80 Millionen Euro und machte dann die Biege. Mit einem Facebook-Post verkündete er nach 76 Tagen Amtszeit sein Aus als Hertha-Trainer. Vorbei am Klub, dessen Medienabteilung offenbar überhaupt keine Informationen hatte. Für alle Social-Media-Nerds: Jürgen Klinsmann stellte seinen Status auf „in einer Beziehung“ um, postete Liebes-Fotos mit seiner neuen Flamme, fuhr mit ihr den Urlaub, ließ sie ein paar tolle Sachen bei Amazon bestellen und machte die Biege, als es zuhause langweilig wurde. Jürgen Klinsmann ist Ihnen entfolgt.

Jürgen Klinsmann: Ein Rücktritt mit Kollateralschaden

Er wird als Aufsichtsratsmitglied weitermachen, als Kontrolleur mutmaßlich jener Leute), denen er in seiner Mitteilung „fehlendes Vertrauen“ vorwarf. Wie das funktionieren soll, auch wenn Klinsmann theoretisch und praktisch keine Handlungen wie Entlassungen vornehmen darf, ist ein Rätsel. Wird er in persönlichen Treffen mit Lars Windhorst in irgendwelchen Restaurants oder an Deck schmucker Boote erzählen, wie toll nach seiner Meinung Michael Preetz seinen Job macht? Der Preetz, den Klinsmann noch im November als guten Freund bezeichnete. Wohl kaum. Es ist ein Konstrukt, das zum Scheitern verurteilt ist. Klinsmanns Abgang ist nicht nur kein gewöhnlicher Trainer-Rücktritt, sondern ein Vorgehen mit Kollateralschaden.

Hertha hat seit jeher mit Image-Problemen zu kämpfen. Ein schlafender Riese, der nicht aufwachen will. Offenbar war es Anfang der 1990er Jahre sogar so schlimm, dass es folgende Durchsage bis in die Geschichtsbücher schaffte: „Die Toilettenbenutzung im Olympiastadion ist kostenlos. Für den Fall der Fälle.“ Es bedurfte damals eines expliziten Hinweises darauf, dass man einen bestimmten Ort aufsuchen müsse, um den natürlichen Bedürfnissen des Menschen nachzukommen.

Auf die Schnauze geflogen

Wie es der Klub schaffte, in nur wenigen Jahren einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, so dass nicht nur Menschen ins Stadion kamen, die wissen, wo und wie man sich seines Harndrangs entledigt, sondern auch solche, die den erfolgreichen Fußball des hiesigen Vereins genießen wollten, der zwischenzeitlich sogar mal Champions League spielte, war eine Erfolgsgeschichte. Aber eine, die immer wieder abrupt unterbrochen wurde, weil sich viele Hertha-Macher schnell größer fühlten, als sie und der Klub waren. Und wieder macht man nun den gleichen Fehler.

Wieder spricht man vom „Big City Club“, von Europapokal und großen Zielen, obwohl die verunsicherte Hertha-Mannschaft seit Saisonbeginn im Abstiegskampf steckt. Man spürte in den Sozialen Medien regelrecht die freudige Erwartung darauf, dass Hertha und Klinsmann auf die Schnauze fliegen – und genau das ist nun passiert.

Der Mann, der „Big City Club“ vorlebte, sogar „Big City Club“ war, hat beim ersten Gegenwind einen Rückzieher gemacht und dem vermeintlichen Projekt großen Schaden zugefügt. In diesen 76 Tagen hat Klinsmann auch das schwer beschädigt, was Michael Preetz seit Jahren versucht hat, aufzubauen. Einen soliden Verein, der nicht mit seiner Klappe, sondern mit Sachverstand im Management und sportlicher Leistung auffällt.

Preetz muss nun vielleicht nicht von vorn anfangen, aber solange Klinsmann im Aufsichtsrat sitzt, wird es auch für ihn ein Spießrutenlauf. Dann wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Preetz die Freundschaft beendet.

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Nagelsmann vs. Lehmann im Video: War es die richtige Taktik von RB?

Julian Nagelsmann überraschte beim Gastspiel von RB Leipzig beim FC Bayern mit seiner Taktik. War es auch die richtige? Der RB-Trainer begründet seinen Plan, Jens Lehmann hält dagegen. Die Diskussion im Video.

Nagelsmann: War es ein guter Plan?

Der Titelkampf in der Bundesliga bleibt spannend. Auch wenn ein Sieg des FC Bayern gegen RB Leipzig die Meisterschaft nicht entschieden hätte, wäre es doch durchaus richtungsweisend gewesen. Dass das Topspiel torlos endete, lag auch am Plan von Gäste-Trainer Julian Nagelsmann, der seine Leipziger eher defensiv ausrichtete.  War das ein guter Plan oder wäre für den Tabellenzweiten der Bundesliga mehr drin gewesen? Nagelsmann erklärt seinen Plan, Ex-Profi Jens Lehmann hält dagegen. Die Diskussion im Video.

Video: Nagelsmann vs. Lehmann
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Gheorghe Hagi im Interview: „Ich bin der Beste“

Gheorghe Hagi war als Spieler bei Real Madrid, FC Barcelona und Galatasaray ein Mythos. Mit dem FC Viitorul wurde er als Eigentümer, Präsident und Trainer schon Meister in Rumänien. Doch er hat nicht genug.

Gheorghe Hagi, Sie sind die Fußballikone Ihres Landes. Könnten Sie sich überhaupt vorstellen, irgendwann nichts mehr mit dem Fußball zu tun zu haben?

Ich glaube daran, dass ich auf die Welt gekommen bin, um Fußball zu spielen. Das ist mein Schicksal. Es gibt in meinem Leben bis heute lediglich zwei Dinge, die mir wichtig sind. Das ist zum einen der Fußball, zum anderen meine Familie. Nichts Anderes beeinflusst mich. Aber ich mochte als Spieler und bis heute keine Geschenke, ich musste mir alles selbst erkämpfen und dafür entsprechend hart arbeiten.

Haben die Menschen in Rumänien nun ein anderes Bild vom „Macher“ Hagi?

Ich denke, dass die Menschen in den vergangenen Jahren zumindest die Chance hatten, mich besser kennenzulernen. Als ich noch Fußball gespielt habe, habe ich auf dem Spielfeld einige Dinge gestaltet. Jetzt versuche ich, dies außerhalb des Spielfeldes zu erreichen. Ich habe eine Akademie gegründet und bei Null angefangen. Heute habe ich es mit dieser ausgezeichneten Akademie bis hierher gebracht. Wenn ich mir das alles so anschaue, kann ich behaupten: Das bin ich.

Hat Ihnen Ihr BWL-Studium geholfen?

Ich habe am meisten vom Sport gelernt. Das Leben ist für mich ein einziger Kampf. Der Fußball hat mich darauf vorbereitet und gewissermaßen erzogen. Klar ist natürlich auch, dass sich der Fußball in ein Geschäft verwandelt hat. Ich kümmere mich momentan gleichzeitig um die Administration und die sportlichen Belange und bin in beidem erfolgreich. So kommt mir mein Studium natürlich sehr zugute.

Momentan befindet sich der rumänische Fußball in einer Krise. Das war zu Ihrer aktiven Zeit ganz anders. Was läuft falsch?

Es gibt im Hintergrund keinerlei Unterstützung. Seit die staatliche Unterstützung schon während meiner aktiven Karriere eingestellt wurde, gab es keinerlei Organisation mehr. Die Fußballschulen verschwanden und wir haben eine Menge Trainer  und damit die Qualität der Spielerausbildung verloren. Ohne finanzielle Mittel entwickelte sich alles zurück. Jetzt versucht Rumänien, etwas aufzubauen. Behutsam. Wir haben den Umbruch genutzt, aber wir haben einige Jahre verloren, in denen sich der Fußball weitergedreht hat. Wir haben quasi eine ganze Generation verloren, die nicht so gut ausgebildet wurde. Aus meiner Sicht müsste in die Akademien des rumänischen Fußballs investiert werden. Um die Zukunft aufzubauen, müssen sie an der Basis anfangen. Wissen Sie, was der Name meines Teams bedeutet?

Zukunft.

Ja. Meine Investition gehört immer der Zukunft. Manche Dinge kann ich vorhersehen. Ich war auch schon auf dem Spielfeld so, ich habe immer schon einen Schritt weiter gedacht.

Wo steht die Akademie gerade in Hinblick auf Ihre anvisierten Ziele?

Mein Ziel ist es, dass die Kinder in der Akademie gute Fußballer werden. Ich möchte eine neue Generation erschaffen. Zurzeit sind wir die beste Fußballakademie Rumäniens. Nach all den Jahren kann ich sagen, dass in den Nationalmannschaften von circa hundert Fußballern, die auf allen Ebenen spielen, dreißig bis fünfzig aus unserer Akademie kommen. Wir setzen auch im Europapokal auf junge Leute. Siebzig Prozent des A-Teams besteht aus Spielern, die aus der Akademie kommen. Und das Durchschnittsalter des Meisterkaders lag bei einundzwanzig Jahren. Wir verzeichnen einen großen Erfolg, auch finanziell gesehen – aber das ist nicht wichtig für mich. Mein Reichtum beruht darauf, Teil des Fußballs zu sein und für den Fußball einiges zu erreichen. Für mich gilt: Je mehr du arbeitest, desto mehr gibt dir Gott zurück. Einfache Mathematik. (lächelt)

Haben Sie für den FC Viitorul ein auf Europapokale ausgerichtetes Projekt im Visier?

Sie haben die Einrichtungen besichtigt und sich selbst ein Bild gemacht. Wenn es hier morgen Erdöl auftauchen sollte, warum nicht? Das momentane, primäre Ziel von Viitorul ist es aber, Spieler auszubilden. Wir bilden Spieler aus und verkaufen diese. Hinter Viitorul steht eine Akademie. Erst danach geht es vielleicht darum, in Europa erfolgreich zu sein oder in der Liga Meister zu werden.

Trotzdem sind Sie 2017 Meister geworden.

Wir hatten ein Budget von rund zweieinhalb Millionen Dollar. Zu Saisonbeginn war unser Ziel, in der Liga zu bleiben. Als es dann später gut lief, haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Liga als eine der ersten sechs Mannschaften zu beenden und an den Playoffs teilzunehmen. Am Schluss sind wir Meister geworden. Aber wichtiger für mich war es, dass wir als U19 in der Champions League ins Viertelfinale gekommen sind. Das ist ein noch größerer Erfolg.

Und was passiert, wenn Sie in der Zukunft ein anderes Team übernehmen, wie wird es dann mit dem Viitorul-Projekt weitergehen?

Das Wichtige ist das Projekt. Strategie, Philosophie System, Spieler, Trainer: Alle Methoden, die wir benutzen, sind die Folge meines Konzepts. Und momentan hat sich alles verselbstständigt. Ich folge meinem Weg, und auch Viitorul entwickelt sich weiter. Der Verein ist nicht nur von mir abhängig. Aber wie die Spieler einen besseren Trainer als mich finden sollen, das weiß ich nicht.

Das Interview erschien in Ausgabe #11: Jetzt nachbestellen

Ihre Trainer-Karriere vor Viitorul ist nicht so glänzend verlaufen wie Ihre Laufbahn als Fußballer.

Erfolgreich zu sein kann man nicht mit alltäglichen Plänen erschaffen. Es ist logisch, dass ich von meinen Ideen denke, dass sie die Besten sein müssen. Aber diese Pläne entstehen nicht im Alltag und funktionieren auch nicht immer sofort. Ich benötige Zeit und Freiraum, um die Zukunft zu gestalten. Ich bin endlich in der Situation, dies tun zu können. Das Team, das ich gründe, muss Persönlichkeit besitzen. Es muss jederzeit das Spielfeld beherrschen. Und das schafft niemand innerhalb eines Tages.

Als Sie damals als Spieler bei Galatasaray unterschrieben, haben Sie sich in Ihren Vertrag eine Prämie eintragen lassen, falls das Team im Europapokal triumphieren sollte. Zuvor hatte noch nie ein türkisches Team einen europäischen Titel gewonnen. Ein gewagter Schritt, oder nicht?

Sowas entspricht aber meiner Philosophie. Ich bin nicht dafür geboren, um in der zweiten oder dritten Reihe zu stehen. Ich bin der Beste, ich will der Beste sein. Die Leute, die an mich glauben, denken auf diese Weise. Ich habe nie nur des Gehalts wegen gearbeitet, ich habe immer gearbeitet, um der Beste zu sein. Das bedeutet natürlich, dass es immer einen gewissen Druck gibt, aber ich mag es, unter Druck zu spielen. Denn Druck motiviert mich.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie immer versucht haben, Ihren Teamkollegen einzutrichtern, dass sie denken sollen, der Beste zu sein.

Das Gleiche sage ich heute meinen Spielern. Von den ersten elf sind acht Spieler aus der Akademie. Dieses Level erreichen diese Jungs nur, wenn sie an sich glauben. Das ist die erste Regel. Erstmal musst du daran glauben, dann musst du arbeiten. Ich bin in dieser Hinsicht sehr gut. Ich habe als Spieler daran geglaubt und es geschafft. Und zurzeit glaube ich als Trainer daran.

Ein Großteil der Fußballer, mit denen Sie bei Galatasaray zusammengespielt haben, führten die Türkei bei der WM 2002 auf den dritten Platz. Glauben Sie daran, dass Sie einen Anteil am Aufstieg des türkischen Fußballs haben?

Was genau mein Beitrag war, weiß ich nicht. Aber anstelle einer diplomatischen Antwort kann ich Ihnen offen und direkt folgendes sagen: Ich fehlte in der türkischen Nationalmannschaft. Wäre ich gewesen, dann wäre die Türkei nicht Dritter, sondern Weltmeister geworden. Ich war der Spieler, der den Unterschied zwischen einem Drittplatzierten und einem Champion ausgemacht hat.

Gheorghe Popescu sagte mal über Sie: „Wenn er Spanier oder Franzose wäre, dann würde ihn die Geschichte vielleicht als den Besten akzeptieren.“

Diesen Titel überlasse ich meinem Sohn Ianis. Ich erwarte, dass er mehr macht als ich. Ja, ich war sehr nahe an diesem Level und habe versucht, alles zu gewinnen, was man gewinnen kann. Ich wäre gerne Weltmeister geworden, aber das hat nicht geklappt. Das Jahr, in dem ich mit Galatasaray den UEFA-Pokal gewonnen hatte, hätte ich den Ballon d’Or gewinnen können. Und das trotz meiner 35 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt war ich der Beste in Europa. Wahrscheinlich hat Popescu das aus diesem Grund gesagt. Aber letztlich bin ich in Rumänien geboren. Johan Cruyff sagte einst, ich sei einer der zehn Besten weltweit. In den Bestenlisten aufzutauchen, erfüllt mich mit Glück. Ich hoffe, dass mein Sohn noch erfolgreicher sein wird.

Ist es schwer, ein Hagi zu sein?

Warum soll es schwer sein? Schwer ist es, Spieler zu finden und aufzubauen, die für die Fans spielen, die Fans glücklich machen. Ich selbst hatte keinerlei Schwierigkeiten.

Also haben Sie niemals eine schwere Last auf Ihren Schultern gespürt?

Verantwortung und Druck gibt es immer. Aber ich denke, dass ich geboren wurde, um diese Verantwortung zu tragen. Warum gibt es Anführer? Weil Sie Verantwortung übernehmen können.

Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Anführers?

Erst einmal muss er die Verantwortung übernehmen. Eine solide Persönlichkeit sollte er haben. Ein Anführer muss jederzeit bereit sein, alles zu geben. Er muss großzügig sein. Die Menschen müssen ihn mögen und respektieren. In der Gesellschaft eines Anführers zu sein, soll sich gut anfühlen. Wenn ich mit jemandem rede, dann sage ich ihm: ‚Wenn du mit mir zusammen gehst, wird es für Dich besser sein.‘ In solchen Aussagen spiegelt sich meine Führungsstärke. Gott hat das auch schon so gesagt; erst geben, dann nehmen. Wenn man das verinnerlicht, hat man das Zeug zum Anführer.

Wie müssen Ihre Spieler sein?

In meinem Umfeld müssen Menschen und Spieler sein, die wollen, die können, die daran glauben, dass wir alles schaffen können.

Sie dulden also keine negative Ausstrahlung?

Wenn Du mir als Erstes ‚das geht nicht‘ sagst, dann geh am besten nach Hause. Um voranzukommen, um sich zu entwickeln, musst du immer positiv denken. Die Ziele musst du an oberster Stelle platzieren. Jeder liest irgendwie das gleiche Buch, aber die praktische Umsetzung macht den Unterschied aus. Das ist der Job, den ich momentan ausübe. Vielleicht sieht das, was ich mache, für einige sehr einfach aus. Aber ich habe quasi bei Null angefangen, ich habe acht Jahre gearbeitet, jetzt bin ich auf dem Höhepunkt.

Trotz Ihres Erfolgs leben Sie aus der Öffentlichkeit betrachtet sehr bescheiden. Legen Sie keinen Wert auf materielle Dinge?

Das, was ich liebe, liegt auf der Hand: Fußball. Alles andere fällt für mich in die Kategorie „Normal“. Jeder hat ein Hobby, ein Ziel. Manche mögen gutes Essen, machen Uhren oder Autos. Wichtig für mich ist lediglich, Fußball zu spielen, Fußball zu denken, so wie jetzt für den Fußball zu arbeiten. Alles andere, egal, was es auch ist, macht keinerlei Unterschied. Es gibt in meinem Leben nichts außer Fußball.

Sie investieren sehr viel in den Fußball.

Alles, was ich durch den Fußball verdient habe und verdiene, gebe ich dem Fußball zurück. Das können Sie in Großbuchstaben als Überschrift nehmen: Wer sonst außer mir in der Welt hat offiziell zwei Kinder, inoffiziell aber 250 Kinder? Es gibt niemanden. Punkt. Ich bin 55 Jahre alt. Meine tägliche Präsenz ist mein Kapital. Das ist das einzig Wichtige. Keine Uhr, kein Hemd, kein Auto.

Interview: Atahan Altinordu

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Lewan Kobiaschwili: Nie in der ersten Reihe

Lewan Kobiaschwili, als aktiver Fußballer gehörten Sie auf dem Platz zu den ruhigeren, introvertierten Zeitgenossen. Mussten Sie sich für Ihr Amt als Präsident des Georgischen Fußballverbandes sehr verändern oder hilft Ihnen diese Eigenschaft sogar?

Es ist definitiv ein Unterschied, als Funktionär in der Verantwortung zu stehen. Dennoch kam mir meine ruhige Art, mich immer auf meine Ziele als Fußballer zu konzentrieren und dabei trotzdem den unbedingten Willen zu zeigen, auch jetzt als Präsident zugute. Aber natürlich muss ich nun in den richtigen Momenten Dinge klar ansprechen und konsequent sein. Letztlich musste ich mich an das Gefühl, dass ich Dinge, anders als auf dem Platz, nicht mehr immer direkt beeinflussen kann, erst einmal gewöhnen. Denn die ganze Verantwortung trage ich ja trotzdem.

Sie spielen eine wichtige Rolle im Austausch zwischen Georgien und Deutschland – 2017 waren Sie Teil der Delegation samt des Präsidenten Ihres Landes beim Staatsbesuch in Berlin.

Es liegt mir sehr am Herzen, dass das Verhältnis und die Kommunikation bestmöglich funktionieren. Ich sitze ja ebenfalls im georgischen Parlament. Mit meiner Vorgeschichte ist es klar, dass ich immer präsent bin, wenn etwa deutsche Delegationen in Georgien zu Gast sind, was dieses Jahr öfter der Fall war.

Ihr ehemaliger Nationalmannschaftskollege Kachaber Kaladse wurde georgischer Energieminister und wurde danach zum Bürgermeister der Hauptstadt Tiflis gewählt worden. Stecken Ihre Landsleute besonderes Vertrauen in Ihre einstigen Fußballhelden?

Kachaber Kaladse hat seit seinem Start im Parlament 2012 eine unglaubliche Entwicklung genommen, ist unglaublich reif geworden und hat in seiner Rolle vieles zur Verbesserung der Energiepolitik unseres Landes beigetragen. Ohne diese Erfolge hätten ihn die Menschen von Tiflis nicht zum Bürgermeister gewählt. Das heißt nicht, dass jeder erfolgreiche Sportler für die Politik geeignet ist. Aber die Menschen respektieren, was wir für unser Land getan haben als sportliche Repräsentanten und unsere Lebensleistung: Ausdauer, voller Einsatz, Beharrlichkeit, der Glaube in die eigene Stärke, Verantwortung und harte Arbeit für dein eigenes Land.

Eigenschaften, die auch Politiker benötigen?

Genau, es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Erfolg im Sport und Erfolg in der Karriere jetzt als Politiker. Aber hinter beiden Laufbahnen steckt harte Arbeit.

Eines Ihrer wichtigsten Ziele bei Amtsantritt 2015 war eine Umstrukturierung der heimischen, unattraktiven Liga mitsamt ihrer Geldsorgen. Wie weit sind Sie?

Wir haben bereits eine große Reform umgesetzt. Sechzehn Mannschaften in der ersten Liga waren viel zu viel für unser Land. Jetzt sind es zehn in der ersten und zehn in der zweiten Liga. Es gibt einen Sechs-Jahres-Plan, der auch von der Regierung gestützt wird. Die Geldverteilung ist in diesem Zeitraum gleichmäßiger, sodass die Teams vor der Saison eine klare Budgetplanung und damit Planungssicherheit haben – auch langfristig. Nur so ist eine langfristige, strategische Ausrichtung möglich, gerade was die Strukturen in der wichtigen Jugendarbeit angeht.

Sie sprechen die Budgetsicherheit der Teams an. Georgien war in der Vergangenheit anfällig für Spielmanipulationen. Es heißt, Sie sind zu einem unter Verdacht stehenden Spiel persönlich hingeflogen und haben es abgesagt …

Das stimmt, diesen Fall kann ich bestätigen. Nachdem mir die Hinweise zugetragen wurden, bin ich persönlich hingefahren, habe die Verantwortung übernommen und das Spiel abgesagt – das war keine einfache Entscheidung. Das ist natürlich im Alltag nicht jedes Mal umzusetzen. Aber die Vereine haben das unterstützt. Langfristig hilft wirklich nur eine finanzielle Sicherheit der Klubs und damit auch der Spieler, um das zu verhindern. In der Vergangenheit gab es Fälle von nicht oder viel zu spät gezahlten Gehältern. In solchen unruhigen Umfeldern sind gewisse Spieler anfälliger für Betrug, wenn Sie hohe Summen für eine Manipulation angeboten bekommen. Das heißt noch lange nicht, dass ich dafür Verständnis aufbringe, im Gegenteil. Ich hoffe dennoch, dass wir diese Problematik mit der Ligareform gelöst haben. Klar ist aber auch: Spielmanpiulation ist ein globales Problem.

Mit exakt 100 Einsätzen sind Sie noch immer Rekordnationalspieler Ihres Landes. Bei Ihrem Rücktritt sagten Sie, es schmerze sehr, sich nie für ein großes Turnier qualifiziert zu haben.

Dieser verpasste Traum schmerzt auch immer noch, ich wollte das als Spieler immer unbedingt. Aber jetzt habe ich einen neun Traum, dass dem Team in meiner Zeit als Präsident eine Qualifikation gelingt.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Wenn man sich in Freiburg, auf Schalke und in Berlin nach Ihnen umhört, sind Sie ob Ihrer bescheidenen Art überall noch sehr gut in Erinnerung. Was war denn Ihr Erfolgsrezept?

Zunächst einmal freut es mich ungemein, wenn ich so etwas höre. Ich wollte nie in der ersten Reihe stehen und mich mit großen Worten präsentieren. Für mich lag die Priorität immer auf dem Platz. Dort eine gute Leistung abzuliefern, mit harter Arbeit. Und ich wollte immer auf Augenhöhe kommunizieren, mit jedem zurechtkommen, vom Präsidenten bis hin zum Fan. Letztlich bleibt ein Spieler immer dank seiner Leistung für das Team in Erinnerung. Das habe ich immer probiert und das ist dann vielleicht das entscheidende Rezept – ein Teamplayer zu sein.

Sie hatten später auch auf Schalke ein richtig gutes Team beisammen. Trotzdem hat es nicht zu einem großen Titel gereicht.

Ein bisschen traurig macht mich das schon. Wir hatten ein richtig starkes Team. Man muss sich ja nur mal ansehen, welche Karrieren etwa Mesut Özil und Manuel Neuer hingelegt haben. Es schmerzt, dass wir 2007 nicht Meister wurden, als wir am vorletzten Spieltag gegen Dortmund verloren und Stuttgart noch Meister wurde. Das war sportlich die schwerste Zeit. Wir hatten damals zweimal Bayern geschlagen. Wir hatten das Potenzial, das Teamgefüge und die Fans im Rücken und standen am Ende dennoch mit leeren Händen da.

Eine Saison zuvor sind Ihre drei Tore in der Champions League gegen Eindhoven in Erinnerung geblieben. War das das beste Spiel Ihrer Karriere?

Das Spiel werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen und dieses Match ist auch noch vielen Leuten in meiner Heimat in Erinnerung. Ich bin der einzige Georgier, der in einem Spiel in der Königsklasse dreimal traf. Dabei sind mir sonst nicht mal im Training drei Tore gelungen. (lacht)

Später in der Saison 2005/06 sind sie im damaligen UEFA Cup erst im Halbfinale am FC Sevilla gescheitert. War da mehr drin?

Das Halbfinale ist noch sehr präsent. Meiner Meinung nach gab es in diesem Wettbewerb damals nur zwei gute Teams – Sevilla und uns. Wir haben im Rückspiel in der Nachspielzeit ein Tor kassiert und Sevilla gewann dann das Finale klar. Dabei hatten wir eigentlich eine gute Leistung gezeigt – bitter.

Rudi Assauer hatte einst bekundet, Sie seien eine der besten Verpflichtungen der letzten Dekade gewesen. Haben Sie das Maximum aus Ihrer Karriere herausgeholt?

Nein, das würde ich niemals von mir selbst behaupten. Ich finde, dass es bei einer Karriere nach oben hin keine Grenze geben sollte. Meine Laufbahn hätte schlechter verlaufen können, es wäre aber auch noch mehr drin gewesen. Ich weiß aber, dass ich alles investiert habe, was damals drin war. Das stellt mich zufrieden.

Sie sind in ganz jungen Jahren über die russische Liga nach Freiburg gekommen. Versuchen Sie, Ihre Erfahrungswerte an junge georgische Talente weiterzugeben?

Ich spreche regelmäßig mit den Spielern in Georgien. Heute ist es aber schwerer, sich international durchzusetzen. Der Markt ist groß, die Spieler sind vielerorts gut ausgebildet. Hinzu kommt, dass viele junge Spieler zu früh, zu schnell zufrieden mit sich sind. Das blockiert eine Entwicklung. Ein großer Vorteil für mich war damals, dass ich im ruhigen Freiburg gelandet bin und mich in diesem Umfeld in Ruhe entwickeln konnte, auch mal ein schwaches Spiel abliefern durfte. Freiburg ist für junge Spieler ein Segen.

Bei Ihrer letzten Station gab es viele Aufs und Abs. Negativer Höhepunkt war Ihre Attacke auf Schiedsrichter Wolfgang Stark während der Tumulte beim Relegationsspiel der Hertha gegen Düsseldorf. War damals, 2012, ein Karriereende ob der fast sieben Monate dauernden Sperre denkbar?

Das war damals die schlimmste Zeit in meinem Leben. Es gab nur zwei Möglichkeiten: ein sofortiges Karriereende oder hartes Training, um ohne Spiele das Niveau zu halten. Ich habe mir damals dann gedacht: So ein Karriereende habe ich nicht verdient. Also habe ich nochmal alles investiert in der täglichen Trainingsarbeit, um nach der Sperre gute Leistungen zu bringen. Da bin ich Hertha BSC und den Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich danach noch schöne Spielzeiten hatte.

Interview: Jannik Schneider

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Rangnick mischt sich ein: Julian Nagelsmann reagiert

RB Leipzigs Berater Ralf Rangnick führte Gespräche mit den Leipziger Spielern. Ein Problem für Trainer Julian Nagelsmann? Der RB-Coach bezieht auf der Pressekonferenz Stellung.

Julian Nagelsmann hat bei der obligatorischen Pressekonferenz von RB Leipzig auf die Gespräche von RB-Berater Ralf Rangnick reagiert. Der Vorgänger von Nagelsmann hat dem Vernehmen nach kürzlich Einzelgespräche mit Leipziger Profis geführt, die vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt einen Star-Friseur ins Hotel bestellt hatten.

Rangnick ist seit Sommer Head of Sport and Development Soccer bei RB und nicht mehr in ausschließlicher Funktion bei den Ostdeutschen tätig. Vor der Partie gegen Borussia Mönchengladbach spricht Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz und reagiert auf Rangnicks Vorstoß.

Video | Julian Nagelsmann reagiert auf Rangnick-Vorstoß