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Zlatan Ibrahimović: Ich

Zlatan Ibrahimović ist eine Marke, kein Fußballstar. Weil er so gut funktioniert und als Sportler erfolgreich ist, funktioniert die Masche. Und sie hat großen Einfluss auf die neue Generation Fußballer und Fan.

Man kann jetzt hier anfangen, alle Geschichten zu erzählen, die über Zlatan Ibrahimović schon mal erzählt wurden. Die Geschichten über seine Begegnungen mit Pep Guardiola, den er so sehr verachtet wie Abstaubertore, die eigentlich seines nicht würdig sind. Ein Zlatan Ibrahimović schießt nur schöne und spektakuläre Tore, die weltweit zigfach viral, wie es heutzutage heißt, verbreitet werden.

Die Geschichte, wie er – in seinem Buch geschrieben – Louis van Gaal und dessen Bleistift zurückwies, als Zlatan selbst noch ein junger Hüpfer bei Ajax Amsterdam war. Wer van Gaal später erlebte, konnte sich das kaum vorstellen, dass sich der Niederländer dies gefallen ließ.

Die Geschichte über den Eiffelturm, den er durch seine Statue ersetzt haben wollte, um doch bei Paris Saint-Germain zu bleiben. Wobei Letzteres, wenn auch nicht klar als Witz gekennzeichnet, als solcher verstanden werden sollte. Wobei…

Bei Ibrahimović weiß man nie so genau. „95 Prozent sind aufgebauscht, zweieinhalb Prozent fast falsch und der Rest ist die Wahrheit“, sagte Ibrahimović mal über die unzähligen Episoden aus seinem Leben, die erzählt werden. Ob das mit der Statue ein Witz war oder nicht; dass man überhaupt kurz überlegt, wie es der Schwede genau gemeint haben könnte, ist der Beweis dafür, welches Image er über die Jahre nachhaltig aufgebaut hat.

Jede Aussage ist ein Teil des Plans

Als Ibrahimović 2018 nach Los Angeles wechselte, schaltete er in der auflagenstärksten Zeitung der Stadt, der Los Angeles Times, eine ganzseitige Anzeige. Dear Los Angeles, You’re welcome. Liebes Los Angeles, gern geschehen. Welch Gönnerhaftigkeit, dass Gott höchstpersönlich bei den Galaktischen spielen wird. Ach was, dass er überhaupt in die Stadt kommt und dort leben wird, schließlich sprach er ja die Stadt selbst an und nicht den Klub.

Ibrahimović baute über Jahre ein Image auf, das erst zur Masche und später zur Marke wurde. Wenn Zlatan drauf ist, ist auch Zlatan drin. Noch so jedes beliebige Interview, jede Publikation in den sozialen Medien, jeder Auftritt ist ein Teil des Plans und ist genau konzipiert. Eine gewöhnliche Aussage wird nicht getroffen, alles muss zum Image des bösen, stolzen und unschlagbaren Superstars passen.

Die besten Zlatan-Sprüche in der Galerie
Der Erfolg ist das Fundament der Masche

Und selbst bei Misserfolg wissen er und seine Crew, wie man es am besten so verkauft, dass Ibrahimović nicht mit Schaden aus der Sache herauskommt. Als er nach seiner sportlich erfolgreichen, aber wenig herausfordernden Zeit in der MLS seinen Abschied verkündete, sagte er in seiner Abschiedsverkündung, dass die Amerikaner doch jetzt wieder Baseball gucken können. US-Fußball wurde mit Zlatan erfunden, mit Zlatan wieder abgeschafft. Das ist die Message.

Weltweit genießen Zlatans Äußerungen große Aufmerksamkeit und auch wenn wir heutzutage in einer ausgeprägten Neid-Gesellschaft leben, viel Zustimmung. Liest man die Kommentare unter den Publikationen, wird er gefeiert wie ein Volksheld. Für jeden fiesen Spruch wird er gelobt. Doch die Masche funktioniert nur, weil Zlatan Ibrahimović auf dem Platz so außergewöhnlich erfolgreich ist. Die Anzahl seiner Tore übertrifft die Anzahl seiner Sprüche um ein Vielfaches. Er gehört zweifellos zu einem der besten Stürmer der Geschichte, dank seiner Tore feierte er mit seinen Klubs zahlreiche Titel, ganz zu schweigen von seinen persönlichen Titeln, die er serienmäßig sammelte. Die Klubs, für die er spielte, sind eine spezielle Auslese. Nur das Beste, in jedem Land, in dem er kickte.

Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe #41: Hier klicken und nachbestellen
Milan wirft Konzept über Bord

Diese Erfolge sind das Fundament der zlatanischen Legendenbildung, sie waren und sind elementar für den Aufbau des „Ich“, der zentralen Figur des Zlatan-Universums. Sie hat eine so große Wirkungskraft, das selbst Klubs wie der AC Milan ein Heilmittel für die eigene Erfolgslosigkeit darin sehen. Italiens größter Klub verschrieb sich eigentlich einer Verjüngungskur, baute auf die Zukunft der Spieler anstatt auf ihre Vergangenheit. Der Prozess, der seit fast drei Jahren andauert, machte Milan in dieser Saison zum zweitjüngsten Team der Serie A. Doch eine sportliche Talfahrt später war die Idee dahin.

Während Juventus ohnehin seit Jahren das Nonplusultra der Serie A ist, der SSC Neapel sich zur Nummer zwei aufschwingt und sich Milan-Lokalrivale Inter unter Antonio Conte zur Maschine entwickelt, fällt Milan stark ab. Selbst Atalanta Bergamo ist längst vorbeigezogen, ganz zu schwiegen von den Römer Klubs. Man will wieder groß sein, aber mit der Idee, Ibrahimović zurückzuholen, sieht man, warum sie es – zumindest sportlich – nicht mehr sind. Anstatt auf den eingeschlagenen Kurs zu setzen, schmeißen sie alles über Bord.

Bitte noch einmal Europa

Dass mit Krzysztof Piątek (24), den man erst letztes Jahr aus Genua holte, ein vielversprechender Stürmer verheizt wird und inzwischen nach Berlin verscherbelt wurde, ist da fast der kleinste Schaden, der angerichtet wird. Dass Milan-Sportchef Zvonimir Boban, der inzwischen gegangen wurde, sagen musste, dass man von Zlatan nicht abhängig sein wird, ist fast noch schlimmer. Wahrscheinlich werden sie über kurz oder lang vom 38-Jährigen sogar abhängig.

Zlatan selbst kann es nur recht sein. Er findet eine sehr prominente Plattform, um sich der Welt weiter als Gottgestalt zu präsentieren. Als er sich entschieden hatte, Los Angeles und die MLS zu verlassen, um nach Europa zurückzukehren, war noch sehr fraglich, ob es einen Abnehmer für den alten und immer noch recht teuren Mann geben würde. Ibrahimović machte Napoli seine Aufwartung, bot sich bei Bologna-Trainer Siniša Mihajlović an. Auch mit Adriano Galliani, früher Chef beim AC Milan, jetzt Sportdirektor des Drittligisten Monza, sprach er. Dann rief der Ex-Klub der beiden bei Mino Raiola, Zlatans exzentrischem Berater, an und machte den Transfer fix. Nicht bis Saisonende, sondern noch ein weiteres Jahr dazu.

Zlatan findet Nachahmer

Schon am zweiten Tag nach der Unterschrift organisierte Milan kurzerhand ein Testspiel, um Zlatan eine schnelle Möglichkeit der Eingewöhnung zu geben. Die ersten Tore in der Serie A folgten dann auch schnell. Der Plan scheint – zumindest kurzfristig – aufzugehen. Ob Milan tatsächlich nur dank Zlatan den Titelkampf aufnimmt, ist mehr als fraglich, aber der Schwede selbst muss nicht mit dem Makel leben, die Karriere in einer Standfußball-Liga zu beenden, sondern bei einem – zumindest auf dem Papier – sehr großen Klub, dessen Name die Massen immer noch mobilisiert.

Diese Art und Weise der Karriereplanung bzw. des Wirkens hinterlässt Eindruck. Nicht nur bei Klubs, die von Ibrahimovićs Fähigkeiten profitieren wollen, sondern auch andere Spieler sind im Bann. In einer Zeit, in der Fußballspieler zu vermarkteten Produkten geworden sind, ist Zlatan das Premiumprodukt auf dem Markt. Er ist eine Inszenierung par excellence. Eine, die – wie bereits erwähnt – auf der anderen Seite Anklang findet.

Die Spitzenverdiener des Sports
Die Generation FIFA

Die Sportwelt hat eine FIFA-Generation herangezüchtet, die sehr auf Individuen fokussiert ist. Fragen Sie heute Sieben- bis Zwölfjährige nach ihren Lieblingsklubs, werden Sie vermehrt keine sofortige Antwort mehr bekommen. Dann fallen Namen wie Neymar, Mbappé, natürlich Messi oder Ronaldo. Und natürlich auch immer noch Zlatan. Fan von Klubs zu sein gerät allmählich außer Mode. Da, wo Ronaldo spielt, für den Klub ist man. Oder man ist nur für Ronaldo. Oder mehr Messi. Oder Zlatan.

Dass junge Spieler, die diese Entwicklung aus eigener Erfahrung miterleben, selbst einen ähnlichen Weg gehen wollen, überrascht nicht. Die Interviewführung von Dortmunds Neuzugang Erling Haaland sieht schon extrem nach Ibrahimović aus, die kurzen, frechen Antworten, die teils herablassenden Blicke, die Tonalität. Alles erinnert sehr an Zlatan. Die hochauflösenden Instagram-Fotos in Bling-Bling-Manier bei fast jedem Youngster ebenso. Schwächen zeigt ohnehin keiner mehr, stattdessen sehr viel „Not-In- My-House“-Kulturgut. Aufhalten wird man diese Entwicklung nicht mehr.

Auch Zlatan wird nach Ende seiner Karriere nicht damit aufhören, weiter den Helden zu spielen. Wer weiß, welche Türen ihm diese Masche noch öffnen wird. Warum keine Rolle in einem Actionfilm? Warum keine zweite Karriere als YouTube-Star oder Entertainer? Zlatan Ibrahimović hat viele Möglichkeiten. Nur eines ist klar, im Zentrum wird immer bleiben: sein Ich.

Fatih Demireli

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Francesco Totti: Lang lebe der König

Erst wollte ihn Lazio, dann wollte ihn sogar der AS Rom wegschicken. Doch Francesco Totti blieb und wurde zum Herzen der Roma. Wie alles mit einem Mountainbike begann…

Es war ein sonniger Tag in der italienischen Hauptstadt, der Calcio in einer anderen Ära. 60.000 fieberten dem Saisonstart im Stadio Olimpico entgegen. Die Rücken trugen keine Namenszüge in leuchtendem Art déco, den Rasen betraten gegen 16 Uhr die Roma und Foggia ordnungsgemäß sortiert von Nummer 1 bis 11. Der noch 17-jährige Römer mit der neun hatte keine Vorstellung mehr nötig.

Seit einiger Zeit erkannten die Tifosi ihren Goldjungen aus dem Viertel Porta Metronia auf der Straße. Und der Pennäler, der einst vom Leben als Tankwart träumte, errötete schüchtern bei jedem „Aoh, France, du bist ein ganz Großer!“ An jenem Sonntag begann die Masse nach 20 Minuten aber zu murren. Die ständigen langen Bälle über das pressende Mittelfeld des Gegners offerierten weder Brot noch Spiel. Neuzugang Jonas Thern versuchte sich in der 30. Minute aus dem linken Halbfeld mit dem nächsten hohen Ball in den Strafraum. Daniel Fonseca, ebenfalls neu im Team, legte stark bedrängt per Kopf zurück. Totti rauschte heran und drosch den Ball aus zwölf Metern grußlos mit links zur Führung ins Netz. 4. September 1994, 16.30 Uhr – Tottis erster Serie-A-Treffer.

Ein Fahrrad für ein Tor

Der Reporter der italienischen Sportschau vermittelte das Ereignis nüchtern: „Aus dem Lauf schießt Totti sofort und der Ball ist in den Maschen. Sehr gute Aktion des jungen Römers, der statt Abel Balbo von Beginn an spielte.“ Die Zeitungen ahnten noch nichts von dem historischen Datum und legten ob des enttäuschenden 1:1 schon nach 90 Saisonminuten die ersten Lunten. „Gellende Pfiffe, Roma, du strapazierst die Geduld. Das schwelende Feuer unter der Asche könnte schnell in einen Großbrand ausarten.“

Totti erhielt von der Gazzetta dello Sport eine ordentliche 3+, viel wichtiger erschien ihm allerdings das vereinbarte Treffen mit seinem Onkel. „Er hatte mir für mein erstes Ligator ein Mountainbike versprochen. Junge, ich war besessen von diesem Fahrrad in Azurblau. Eigentlich hätte ich es mir selbst leisten können, doch mit dem Ziel und der Belohnung vor Augen fühlte es sich umso besser an.“

Lazio war sich mit Familie Totti schon einig

Dem Mountainbike folgten 249 Treffer in der Liga, die ihn zum zweitbesten Torjäger in der ewigen Serie-A-Bestenliste machten. Zum führenden Silvio Piola (274) hat es nicht mehr gereicht. Doch um Rekorde muss er sich kaum sorgen, denn für die Roma hält er bei 785 Pflichtspielen und 307 Treffern ohnehin jede erdenkliche Bestmarke. Zudem realisierte kein

Profi der Ligageschichte mehr Doppelpacks (46) oder Elfmeter (71), niemandem gelang je eine zweistellige Torquote in neun Saisons hintereinander, keiner wurde öfter als Totti zum Spieler des Jahres gekürt (fünf Mal). 25 Profi-Spielzeiten insgesamt, das schaffte in Italien lediglich Paolo Maldini – wie Totti ein Leben lang in den gleichen Klubfarben. Nur drei Mal in der Karriere drohte eine befremdliche Couleur.

1989 einigte sich Lazio mit dessen Jugendverein Lodigiani über einen Transfer des 12-Jährigen. Die Roma schickte prompt Abgesandte ins Haus der flammenden Romanista Familie, die zuvor schon dem AC Milan abgesagt hatte, und verhinderte den Spuk. Totti zum Antichristen Lazio? Also wirklich. „Hätten meine Eltern damals Lazio zugesagt, hätte ich sie wohl umgebracht“, schmunzelt Totti bis heute. Zwischen den drei Vereinen entwickelte sich um den Youngster eine regelrechte diplomatische Causa, die die Roma dank 300.000 Mark an Lodigani archivierte.

Der Artikel erschien in Ausgabe #4 im Februar 2017. Hier klicken und nachbestellen

„Totti oder ich“

1996 setzte sich Carlos Bianchi auf die Bank, als Totti noch nicht wirklich Totti war. Ein Rotzlöffel, der nie zuhört, wetterte der Argentinier und forderte von Präsident Franco Sensi inständig Ajax-Stürmer Jari Litmanen. Totti stand vor einer Leihgabe zu Sampdoria Genua, als sich am Abend des 13. Februar 1997 Amsterdam und Gladbach zur Rom-Trophäe im Olimpico vorstellten. Der Goldjunge notierte aus 20 Metern gegen Ajax und nach einem Slalom per Lupfer gegen Uwe Kamps zwei Traumtore und die Sache war vom Tisch.

„Wegen der beiden Tore bin ich am Ende doch bei der Roma geblieben“, verriet Totti. Litmanen flog zurück in die Niederlande und als Bianchi insistierte: „Totti oder ich“, flog auch er wenige Wochen darauf. Zuletzt sinnierte Totti vor zwölf Jahren ernsthaft, dem Werben von Real Madrid nachzugeben: „Ich besprach die Situation mit Frau und Eltern. Meine Mutter Fiorella ist schließlich immer noch der Chef. Ich verstand, dass das Zuhause alles ist, wichtiger als mehr Titel, und blieb.“

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„Ich werde bei der Roma sterben“

Die Romanisti atmeten auf, „No Totti, No Party“ — seit 25 Jahren, in denen er zum ältesten Torschützen der Champions League avancierte. Ende September 2014 bei Manchester City cool und doch genial eingeschoben, 38 Jahre und drei Tage. In der Capitale kommt nichts und niemand am „Tottismus“ vorbei. Keine Frage, wer hier neben dem Papst der bedeutendere Francesco ist. Selbst undercover unterm Vespahelm kann er sich nicht ins Zentrum wagen, ohne Massenhysterie und eine überforderte Polizei im Einsatz zu provozieren. Francesco hat für alle herzuhalten.

Die Einwohner der Porta Metronia benannten vor zwei Jahren ihre Piazza um. Dort hängt nun die Plakette: „Piazza Francesco Totti, König von Rom“. Freilich hätte er Rom zum Titelscheffeln verlassen müssen, doch sein Herz ließ ihm keine Wahl. „Ich bin bei der Roma groß geworden, war immer Fan des Vereins und werde bei der Roma sterben“, sagte er einmal. Aus Tottis Mund klingt das nicht nach schalem Pathos.

Totti-Witze machten die Runde

Man würde schließlich auch nicht das Kolosseum aus Rom transferieren, geschweige denn den König der Stadt. Für den Rest des Landes hingegen war Totti eher ein italienisches Pendant zum Ostfriesen. Italien amüsierte sich begeistert an den allerorts kursierenden Witzen, die den Verstand des Capitano durch die Schlucht der Schadenfreude trieben. „Name? – Francesco. – Nachname? – Totti. – Geboren? – Ja.“ Bei einer Reise an den Nil sieht Totti Krokodile und sagt zu seiner Frau erstaunt: „Lacoste hat es echt drauf. Jetzt sind die schon Sponsor von Flüssen.“

Er lachte über sich selbst, sammelte die Kalauer und gab zwei Bücher heraus – Alle Witze über Totti, von mir gesammelt, der komplette Erlös ging an UNICEF. Die Selbstironie fand Anklang. „Die meisten waren ja tatsächlich sehr lustig. Außerdem war es eine selbstreinigende Phase, die Bücher herauszubringen. Man versteht mehr von den Schattenseiten der Popularität“, begründete der Römer. Von Popularität kann er reichlich plaudern. Geboren? Si. In der Ewigen Stadt und seither Ikone.

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Die Hochzeit live im Fernsehen

Totti ist die letzte so genannte „Bandiera“ (Flagge) des Calcio, weil er nie für einen anderen Klub kickte. Auch deshalb geht sein Status in einer der hysterischsten Fußballstädte Italiens weit über den des Spielers hinaus. Sein Name und Konterfei zieren Wände, sie rufen ihn „unser Jungchen“.

Die Hochzeit mit TV-Sternchen Ilary Blasi am 19. Juni 2005 wurde zum Medienereignis. Der Sender Sky24 berichtete auf seiner Nachrichtenplattform damals stundenlang, am Ende mussten aufgrund des großen Andrangs sogar Bushaltestellen verlegt oder gesperrt werden. „Manchmal ist es erdrückend, doch ich stehe bei dieser Stadt in der Schuld“, sagt Totti. „Letztens wollte ich meinem Sohn beim Kicken zuschauen, schrieb jedoch die ganze Zeit Autogramme und sah keine Sekunde des Spiels. In solchen Momenten wäre ich gerne Vater, nicht Francesco.“

In Roms Krankenhäusern besucht er ohne Medienhype regelmäßig krebskranke Kinder, er unterstützt die römischen Tierheime, und sein Labrador Ariel rettete 2008 ein Mädchen in Seenot – viel mehr geht nicht. Oder?

„Ich hätte irgendwann gerne das Sagen bei der Roma. Dann würde ich alle rauswerfen, nur meine besten Kumpels einstellen und ein Weltklasse-Team aufbauen“, sinnierte er kürzlich.

So ganz wird er wohl nie aus dem Panorama der Heimat verschwinden. Damals, noch vor dem ersten Tor, rahmte er sich eine Zeitungs-Kolumne von Mitspieler Giuseppe Giannini ein: „In zwei Jahren hinterlasse ich Francesco mein Erbe.“

Giannini riefen sie den Prinzen, er hinterließ die gelbrote Nummer zehn auf ewig dem König.

Oliver Birkner

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Sjaak Swart: „Johan Cruyff war das Spiel selbst“

Er spielte 800 mal für den Klub und wurde so zu „Mister Ajax“. Sjaak Swart wurde zu einem der engsten Vertrauten von Johan Cruyff. Bei Socrates erinnert sich Swart an einen Freund.

Herr Swart, in Holland kennt Sie jedes Kind als „Mister Ajax“. Wie viele Spiele haben Sie gemacht?

Wenn man alle Spiele zusammenrechnet, also Pflichtspiele und Freundschaftsspiele, von der Jugend bis heute, dann sind es über 800.

Jetzt sind Sie 81 Jahre alt und spielen noch.

Ich habe nach meiner Zeit bei Ajax noch für zwei andere Klubs aus Amsterdam in der ersten Amateurliga gespielt, mit 53 Jahren war ich da als Spielertrainer noch Libero. Ich schätze, ich komme in meiner Zeit in den Amateurmannschaften und jetzt bei Lucky Ajax, der Traditionsmannschaft, auf über 2.000 Spiele. Das wären dann mit den 800 für Ajax und für die Elftal rund 3.000 Spiele. Mir fällt niemand auf der Welt ein, der mehr Spiele gemacht haben könnte.

Sie waren Rechtsaußen, hatten Sie auch entsprechende Vorbilder?

Stan Matthews und Garrincha waren meine Idole. Ich wollte so flink und so trickreich sein wie sie, aber ich musste dauernd auf anderen Positionen aushelfen. Am Ende hatte ich alle durch – bis auf Torhüter.

Und Sie waren dabei überaus erfolgreich.

Acht Meistertitel, fünf Pokalsiege, drei Mal den Pokal der Landesmeister. Weltpokal. Supercup. Wir hatten die beste Mannschaft der Welt in den 70ern. Und ich glaube sogar, dass wir stilbildend waren für andere große Mannschaften danach. Wir haben vor der Euro 1972 die Bayern in deren Stadion 5:0 geschlagen. Wir waren so überlegen, dass die Bayern in den letzten zehn Minuten den Ball kein einziges Mal mehr berührt haben. Ich glaube, wir haben die Bayern in gewisser Weise inspiriert. Vielleicht fragen Sie mal nach bei Breitner, Hoeneß oder Beckenbauer.

Sie sind auch deshalb eine Ajax-Ikone, weil Sie in den Derbys gegen Feyenoord immer besonders stark waren.

36 Spiele, 19 Tore. Selbst Cruyff, Van Basten oder Kluivert kommen da nicht ran.

Wir sitzen in der Kantine der Ajax-Akademie, Sie sind fast jeden Tag hier. Was machen Sie heute?

Ich bin Spielerberater. Früher habe ich mich um Spieler wie Wesley Sneijder oder Rafael van der Vaart gekümmert. Ich habe sie unterstützt, da waren sie noch 15-jährige Bengels. Heute betreue ich rund 20 Spieler, die hauptsächlich in der U17 und U19 aktiv sind. Ich hätte nach meinem Karriereende bei Ajax die U19 übernehmen können. Aber darauf hatte ich keine Lust.

Im März 2016 ist Ihr guter Freund Johan Cruyff überraschend gestorben.

Ich konnte es kaum fassen. Eine Woche vor seinem Tod hat er mir ein Video geschickt. Eine Minute und 42 Sekunden, da habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Er war zu Besuch bei seinem Sohn Jordi in Israel, er war putzmunter. Keine Probleme mit der Lunge. Saß da mit nackigen Füßen bei einem unserer gemeinsamen Freunde, wollte sich neue Schuhe anfertigen lassen beim besten Schuster in ganz Tel Aviv. Zwei Tage danach haben wir noch telefoniert, wieder zwei Tage später dann der Anfall beim Duschen. Gehirntumor, Metastasen. Er hat für sich entschieden, dass es vorbei sein soll. Im Rollstuhl wollte er nie sitzen. Er war sich immer so sicher, dass er den Krebs besiegen würde. Aber dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Cruyff war so vielschichtig als Fußballspieler, aber auch als Mensch. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Er war ein unglaublich toller Mensch. Jedem wollte er helfen, jedem. Ein top Junge.

Nach außen wirkte er manchmal über die Maßen selbstbewusst, an der Grenze zur Arroganz.

Das stimmt nicht. Die Leute müssen schon unterscheiden: Er wusste immer, was er wollte und beharrte auch auf seinem Standpunkt. Er war da stur und auch eigensinnig, das sollte man nicht leugnen. Und es hat ihm nicht selten Ärger eingebracht, später auch hier bei Ajax. Es gab immer mal wieder Streit und er hat sich mit vielen Leuten angelegt. Aber er war nie von oben herab, er hat sich nie als großer Meister aufgespielt oder andere bevormundet.

Aber er wollte es immer besser wissen als die anderen.

Das kann man wohl sagen. Wir waren in den 80ern mit Severiano Ballesteros beim Golf spielen und Ballesteros war zweifellos der beste Golfer seiner Zeit. Und was macht Johan? Gibt ihm Anweisungen, wie er den Schläger zu schwingen hat. Unglaublich, diese Selbstverständlichkeit. Er war ein schlechter Billard-Spieler und trotzdem erklärte er allen anderen immer, wie sie den Queue zu halten hätten.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Er war neun Jahre alt und schaute immer mal wieder bei unserem Training vorbei. Johan hat sich dann hinter dem Tor aufgestellt, eine Banane in der Hand, und wenn die Bälle vorbeiflogen, ist er losgerannt und hat sie zurückgebracht. Er war unser Balljunge. Er war ja immer da, sein Vater arbeitete im Stadion. Damals spielte er noch in der „Welpe“, einer Jugendmannschaft und ich habe ihn mir samstags bei den Spielen immer angeschaut. Mit 17 Jahren kam er dann zu den Profis.

Wurden Sie schnell Freunde?

Piet Keizer, Johan und ich wohnten im Osten von Amsterdam, keinen Kilometer voneinander entfernt. Echte Grachtjes, Amsterdamer Jungs, die Mittagessen bei „Broodje Van Dobben“, der Fußball… Es war fantastisch.

Wer hat mehr vom anderen profitiert: Sie von ihm oder er von Ihnen?

Wir hatten diesen speziellen Spielzug: Ich halte den Ball an der rechten Außenlinie, warte bis die Verteidiger sich auf den Mittelstürmer konzentrieren und Johan lossprintet. Ich spiele den Ball dann über die Abwehrreihe drüber. Und bis die sich umdrehen, ist Johan längst weg. Hat ganz gut funktioniert, würde ich sagen. Aber Ajax hatte auch vor Johan einen super Angriff. Ich hatte im Jahr davor 55 Assists. Ich würde sagen: Er hat von mir gelernt.

Woher nahm er seine Inspiration?

Er hat immer nachgedacht, immer nur Fußball. Wenn du drei Stunden mit ihm am Tisch saßt, hat er drei Stunden am Stück über Fußball geredet. Er hatte dieses Gefühl für das Spiel. Keine Taktik, einfach dieses Gefühl. Er war ein Philosoph. Unter den vielen Kreativen dieser Zeit war er der Topper, der Beste.

Wie konnte es passieren, dass er bei seiner letzten Station als Spieler ausgerechnet zu Feyenoord gewechselt ist?

Er kam aus Spanien zurück und spielte wieder für Ajax. Dann hat er sich aber mit der Klubführung überworfen. Er ist nur gewechselt, um die Bosse zu ärgern. Da gab es das Spiel gegen Ajax ziemlich früh in der Saison. Alles wartete darauf, wie sich Johan wohl gegen sein Ajax schlägt. Nicht besonders gut, würde ich sagen: Ajax siegte 8:2. Drei Tore von Marco van Basten, damals 18 Jahre alt. Feyenoord ist trotzdem Meister geworden. Für Johan war nach dieser einen Saison endgültig Schluss.

Großer Erfolg bedeutet oft auch viele Neider. Hatte Cruyff – gerade bei Ajax – am Ende auch viele Feinde?

Natürlich. Er konnte sich aber immer gut wehren. Und wo er jetzt nicht mehr da ist, verteidige ich ihn. Gegen die Zeitungen, wenn sie mal wieder Blödsinn schreiben. Oder gegen die hohen Herren im holländischen Fußball.

Sjaak Swart & Johan Cruyff

Sjaak Swart & Johan Cruyff

Was war mit Van Gaal?

Louis van Gaal und er waren Intimfeinde. Van Gaal war ganz sicher neidisch auf Johan. Dazu gibt es eine Geschichte: Van Gaal war Anfang der 80er Jahre bei Sparta Rotterdam. Vor dem Spiel gegen Ajax fragte Trainer Barry Hughes: „Wer von euch will gegen Cruyff spielen?“ Van Gaal meldete sich: „Ich. Ich nehme Cruyff in Manndeckung.“ Zur Halbzeit stand es 5:0, Cruyff hat Van Gaal schwindelig gespielt. Der motzte in der Halbzeit, der Trainer solle endlich den Schönwetterspieler Rene van der Gijp auswechseln. Daraufhin Hughes: „Ich werde gleich jemanden auswechseln – und zwar dich!“ Van Gaal hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Top-Stars. Vielleicht haben Geschichten wie diese dazu beigetragen.

Aber er hat mit Ajax die Champions League gewonnen.

Er war ein guter Trainer auf dem Platz. Aber in Sachen Menschenführung ist er nicht gut. Er scheidet überall im Streit.

60 Jahre lang war Cruyff Ihr Freund. Was vermissen Sie am meisten?

Die Gespräche, die Treffen unserer Familien. Er kommt jetzt nicht mehr zu mir in die Loge, drüben in der Amsterdam Arena.

Was ist Johan Cruyffs Vermächtnis?

Ich werde oft gefragt: War Johan besser als Pele, Beckenbauer, Maradona, Messi, Ronaldo? Jeder war oder ist zu seiner Zeit ein unglaublicher Spieler, ein Wunder. Aber Johan überdauert alle Zeit. Seine Ideen haben Epochen geprägt, sie werden nie aus der Mode kommen. Das kann kein anderer von sich behaupten. Ajax ohne Cruyff: Undenkbar. Barca ohne Cruyff: Undenkbar. Er hat den Leuten gezeigt, wie man Fußball spielen muss. Das wird nie vergessen werden. Wenn man in 50 Jahren auf Messi zurückblickt oder Pele, dann sieht man den fantastischen Spieler als einen Teil des Spiels. Johan Cruyff war das Spiel selbst.

Interview: Stefan Rommel

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Hapoel Petach Tikwa: Wie man Fan von Nichtskönnern wird

Wie wird man Fan eines Klubs, dessen Trainer dafür bekannt Ist, sein Geschlechtsteil zu entblößen und notorisch keinen Erfolg hat? Der israelische Schriftsteller Etgar Keret mit einem Erklärungsversuch bei SOCRATES, wie er Fan von Hapoel Petach Tikwa wurde.

Ich heiße Etgar Keret und ich bin ein Fan der Fußballmannschaft Maccabi Petach Tikwa. Während ich diesen Satz schreibe, fühle ich mich wie ein alternder Trinker auf einem Treffen anonymer Alkoholiker – nur mit einem bedeutsamen Unterschied: Wie jemand dem Alkoholismus verfallen kann, ist wesentlich einfacher zu verstehen.

Hier sind ein paar schmerzliche Fakten über Maccabi Petach Tikwa: Obwohl der Verein vor über hundert Jahren gegründet wurde (er ist der zweitälteste Fußballverein Israels), hat er bisher noch nie eine Meisterschaft und in den letzten seltsamen 60 Jahren auch keinen einzigen Pokal gewonnen.

Weit von Stolz entfernt

Der legendäre Trainer des Vereins, Itzik Luzon, erlangte unter den Sportliebhabern weltweit Ruhm, als er während eines Derbys den gegnerischen Fans sein Geschlechtsteil entblößte. Petach-Tikwa-Spieler sind nur dann in den Wiederholungen im Fernsehen zu sehen, wenn sie ihre Gegner anspucken oder treten, und das ist berechtigterweise so, denn auch nur einmal ihre anderen brillanten Moves zu sehen, wäre ein Mal zu viel.

Das Sprichwort besagt, dass man seine Liebhaberin wählen kann, seine Familie aber nicht. Aber wo genau auf der Achse zwischen der Liebhaberin und der Familie liegt die Liebe zu einer Fußballmannschaft? Für mich ähnelt die Liebe zu einer Fußballmannschaft, zumindest die zu Maccabi Petach Tikwa, der Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Krankheit – es ist etwas, was man nie wollte, und man ist weit davon entfernt, darauf stolz zu sein, aber wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, muss man dafür Verantwortung übernehmen

Die neue Ausgabe im Handel: Das ist drin
Es begann mit fünf Jahren

Schließlich hat mich niemand dazu gezwungen, Fan einer Mannschaft zu sein, die so wenig Fans und Talent besitzt und weder aus meiner Heimatstadt Ramat Gan kommt, noch sie vertritt. Und so wie in jeder Geschichte über sexuell übertragbare Krankheiten steckt auch hinter der Geschichte meiner Liebe zu dieser Mannschaft ein beschämender Moment, den ich mein ganzes Leben lang bedauern werde.

Die traurige Geschichte davon, wie ich zu einem Fan von Maccabi Petach Tikwa wurde, beginnt an meinem fünften Geburtstag. Ein entfernter Verwandter, der im Trainerstab der lokalen Fußballmannschaft arbeitete, versprach, mich zum Geburtstag zu einem Heimspiel mitzunehmen, und als ein besonderes, einmaliges Geschenk erlaubte er mir, mit auf der Mannschaftsbank zu sitzen.

Der Artikel erschien in Ausgabe #7: Jetzt hier klicken nachbestellen

Die toughe Typen weinten

Es war ein besonders wichtiges Spiel, denn der Verlierer würde absteigen; also war es sicher, dass das Stadion mit lautstarken Fans gerammelt voll sein würde. Als ein hyperaktives Kind mit einem milden ADHS-Syndrom schenkte ich dem langweiligen, torlosen Spiel keine besondere Beachtung – bis zur letzten Minute, in der die Gäste etwas völlig Unerwartetes taten: Sie schossen das Siegestor, das die Gastgeber absteigen ließ.

Die Fans auf den Tribünen waren am Boden zerstört, sogar einige der tough aussehenden Ersatzspieler, die neben mir auf der Bank saßen, brachen in Tränen aus und alle Spieler der Heimmannschaft auf dem Spielfeld ließen sich elend aussehend auf den Rasen fallen. Die Mitglieder der gegnerischen Mannschaft waren dagegen vor Freude außer sich. Sie sangen fröhliche Lieder und kletterten einander auf den Rücken, was nach einer lustigen Art aussah, miteinander verbunden zu sein.

Etgar Keret wurde in Ramat Gan bei Tel Aviv geboren, wo er immer noch an der Filmakademie Drehbuchschreiben unterrichtet. Er schreibt u.a. Kurzgeschichten und Drehbücher. Sein erster Film "Jellyfish" wurde 2007 auf den Filmfestspielen in Cannes als bestes Debüt ausgezeichnet. Keret lebt mit seiner Familie in Tel Aviv.
Etgar Keret
Schriftsteller
„Gückwunsch, du verrückter Mistkerl“

Meine opportunistische Persönlichkeit kam an meinem fünften Geburtstag zum ersten Mal zum Vorschein. Anstatt auf der bedrückenden Bank zu bleiben, rannte ich wild jubelnd auf das Spielfeld und sprang auf den Haufen gegnerischer Spieler. Unser Verwandter, der immer noch neben der Bank der verlierenden Mannschaft stand und seine Spieler zu trösten versuchte, gab mir das Zeichen, dass ich zurückgehen sollte.  Aber das erschien mir als eine sehr unattraktive Idee.

Warum sollte ich mit einem Haufen enttäuschter, verschwitzter Typen Zeit verbringen, wenn ich die Alternative hatte, mit gespreizte Beinen auf den Schultern eines lächelnden und jubelnden Torwarts zu sitzen, der in Ekstase um das Feld herumrannte?

Auf dem ganzen Nachhauseweg sprach unser Verwandter kein Wort. Das Schweigen dauerte acht lange Jahre, in denen ich auf Vergebung wartete. Nur auf meiner Bar-Mitzwa-Feier schüttelte er, von meinen Eltern unter Druck gesetzt, mir die Hand und sagte: „Glückwunsch, du verrückter Mistkerl. Selbst wenn ich hundert werde, werde ich dir niemals verzeihen, was du getan hast.“

Dann kam die Scham

Er wurde nicht hundert, sondern starb mit etwas über sechzig. Sein Herz konnte all den Freuden und Enttäuschungen nicht standhalten, die er mit seiner Mannschaft durchmachen musste. Und ich war, nach langen Verhandlungen zwischen ihm und meinen Eltern, wegen der schrecklichen Schande, die ich über die lokale Mannschaft und meine Familie gebracht hatte, für immer von ihren Tribünen verbannt.

Die Scham führte dazu, dass ich Fan dieser furchtbaren Mannschaft aus der Nachbarstadt, Maccabi Petach Tikwa, wurde, und der schmachvolle Akt, den ich mit fünf Jahren beging, verfolgt mich bis heute wie ein grausamer Fluch der Götter, wenn ich bei einem Fußballspiel versuche, meine schmerzhaft peinliche Mannschaft anzufeuern.

Aber egal wie qualvoll die Strafe und wie groß die Scham ist, es gibt immer eine klitzekleine Hoffnung. Denn der Ball ist, wie Physiker und Mathematiker nach wie vor beharren, immer noch rund und wenn die Götter und Linienrichter es wollen, gewinnen wir nächstes Jahr vielleicht endlich die Liga oder zumindest einen Pokal, was unserem noblen Trainer mit Sicherheit einen wunderbaren neuen Grund gäbe, vor den Zuschauern sein Geschlechtsteil abermals zu entblößen.

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Kehrer, Zverev, Phelps: Das ist die Ausgabe #42

Thilo Kehrer spielt bei Paris-Saint Germain, ist Nationalspieler und hat ein erfülltes Leben. Doch das reicht dem 23-Jährigen nicht und setzt sich für die Bildung von jungen Menschen in Afrika ein. Kehrer sowie Tennis-Star Alexander Zverev und Schwimm-Legende Michael Phelps sind auf dem Cover der 42. Ausgabe.

Thilo Kehrer: Der Angekommene I

Thilo Kehrer legt das hin, was man unter einer Bilderbuch-Karriere versteht. Aufgewachsen beim FC Schalke 04, dort zum Nationalspieler geworden, dann zur Weltauswahl von Paris Saint-Germain gewechselt und dort Seite an Seite mit den größten Stars der Welt. Hätte die EURO 2020 stattgefunden, wäre Kehrer wohl dabei gewesen. 

Aber dem 23 Jahre alten Außenverteidiger reicht es nicht, nur als Sportler eine gute Figur abzugeben. Er gründete eine Stiftung, um in Burundi jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Im Interview mit Socrates erzählt Kehrer, was er genau macht. Aber: Er spricht auch über Hass, den er nicht verstehen kann.

Alexander Zverev: Der Angekommene II

Bei den Australien Open ist Alexander Zverev erst im Halbfinale gescheitert. Das große Ganze – sein Selbstverständnis, einer de besten Spieler der Welt zu sein – das war auch in dem Moment der Niederlage unzweifelhaft sichtbar. In seiner Karriere hat der Tennis-Star bereits extreme Höhen und Tiefen erlebt. Das liegt an der Ungeduld und dem Selbstverständnis des 22-Jährigen. Zverev-Kenner Jannik Schneider über einen, der angekommen ist, aber noch weiterreisen will.

Michael Phelps: Der Angekommene III

Michael Phelps hat 23 Mal Gold bei Olympischen Spielen und 26 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften gewonnen. Heute ist der 34-Jährige Rentner und ein viel glücklicherer Mann als früher. SOCRATES traf den besten Schwimmer der Geschichte in Baltimore. Er spricht über junge Sportler, die er nicht verstehen kann und über einen Punkt in seine Leben, an dem er eigentlich keine Kraft mehr hatte. Eigentlich.

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Video: Friedhelm Funkel kennt den Grund der Werder-Krise

Der SV Werder Bremen kommt nicht aus der Krise. Der Abstieg der Nordklubs droht. Friedhelm Funkel nennt den Grund der Werder-Krise im Video.

2:0 bei Hertha BSC geführt, doch nicht gewonnen. Der SV Werder Bremen setzte auch am 25. Spieltag der Bundesliga seine Krise fort. Der Nord-Klub steht auf einem direkten Abstiegsplatz und offenbar fehlt in Bremen das Rezept, die sportliche Talfahrt zu beenden. Wie es erst überhaupt dazu gekommen ist, dass Werder Bremen in diese Situation gekommen ist, darüber hat Friedhelm Funkel eine klare Meinung.

Video: Friedhelm Funkel nennt den Grund der Krise von Werder Bremen
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Video: Mit Joshua Zirkzee gegen Augsburg? Flick klärt auf

Spielt Youngster Joshua Zirkzee im Heimspiel des FC Bayern gegen den FC Augsburg wieder von Anfang an? FCB-Trainer Hansi Flick bezieht auf der Pressekonferenz Stellung. Das Video.

Noch muss der FC Bayern auf Robert Lewandowski verzichten. Nach dem Sieg beim FC Chelsea in der Champions League habe Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt einen Anbruch der Schienbeinkante am linken Kniegelenk diagnostiziert, teilte der Verein mit. Beim 6:0 in Hoffenheim vertrat der erst 17 jahre junge Joshua Zirkzee Lewandowski und traf bei seinem Startelf-Debüt. Beim Pokalspiel bei Schalke 04 spielte Thomas Müller vorne, wirkte aber unglücklich in dieser Rolle. Wer spielt nun gegen den FC Augsburg im Sturm? Trainer Hansi Flick über seine Gedankengänge.

Video: Flick-PK über die Stürmer-Situation
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Timo Werner im Interview: „Jetzt atmest du mal schnell in die Tüte“

Timo Werner jubelte einst Mario Gomez zu und glaubte nicht an eine große Fußballer-Karriere. Doch dann kam alles anders. Werner spricht im Exklusiv-Interview im Socrates Magazin darüber, warum er typisch ist und warum er sich erlaubt, immer noch ein junger Mann zu sein. 

Timo Werner, sind Sie typisch deutsch?

Das würde ich schon von mir behaupten.

Sie sind also ordentlich.

Ich bin sicherlich auch mal schludrig, aber in der Regel bin ich schon ordentlich, ja.

Bedeutet das, Sie räumen zuhause auf?

Meistens schon. Obwohl manchmal macht es auch meine Freundin. Okay, vielleicht doch eher sie. (lacht) Aber wenn es sein muss, dann mache ich es.

Welche klischeehaften, deutschen Eigenschaften machen Sie denn sonst noch aus?

Ich bin eigentlich immer pünktlich. Und ich würde von mir sagen, dass ich bei der Arbeit, also in jedem Training, arbeitseifrig bin. Ich bin keiner, der sich auf die faule Haut legt, sondern jemand, der sich anstrengt und immer besser werden möchte. Ich nehme das auch in anderen Berufsbereichen wahr: Die Deutschen sind schon sehr konsequent beim Aufstehen in der Früh und bei der Einhaltung der Arbeitszeiten – selbst wenn man möglicherweise einen Job hat, der einem nicht wirklich Freude bereitet. Die Arbeit wird immer erledigt. In dieser Hinsicht sind wir Weltmeister.

Das Interview mit Timo Werner erschien in der Ausgabe #20 im Juni 2018.

Timo Werner: „Keine schlechte Zeit für einen Stürmer“

Wie beim Fußball, der unsere Gesellschaft ebenfalls prägt. Welches deutsche Stürmer-Trikot hat Sie als Kind am meisten fasziniert?

Das Trikot von Mario Gómez. Er war mein Vorbild. Und ist Teil der deutschen Stürmer- Geschichte, die durchaus beeindruckend ist. Und aus der für mich Gerd Müller mit seinen zahlreichen Rekorden und Toren herausragt. Er ist für mich nach wie vor das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Natürlich folgen dahinter auch noch viele andere große Namen, die auf einem ähnlich überragenden Niveau waren und zu denen man als junger Stürmer aufschaut. Aber Gerd Müller kennt bis heute jedes Kind. Selbst die Kinder, die in diesem Jahrhundert geboren worden sind und ihn nie haben spielen sehen.

Speziell in den vergangenen Jahren wurde öffentlich bemängelt, dass es in Deutschland keine Stürmer mehr gebe. Hatten Sie dabei gelegentlich gedacht: Wartet ab, ich komme bald und löse das Problem?

Als ich nach Leipzig kam, war der Klub gerade erst aufgestiegen. Da war die Champions League noch sehr weit weg – genauso wie die Nationalmannschaft. Da hatte ich völlig andere Gedanken. Aber natürlich wusste ich, dass ich auf einer Position spiele, auf der in Deutschland Bedarf besteht und auf der man vielleicht ganz gut und schnell irgendwo reinstoßen kann. Es ist sicherlich keine schlechte Zeit für einen Stürmer. Als Zehner oder Außenbahnspieler hätte ich den Sprung in die Nationalmannschaft möglicherweise nicht so schnell gepackt. Vielleicht hatte ich da etwas Glück, aber im Endeffekt habe ich mir meinen Platz erarbeitet. Meine Torquote war zuletzt ja auch nicht so schlecht.

Problem gelöst.

Ich weiß gar nicht, ob es ein Problem gab. Man hat ja 2014 gesehen, dass Deutschland auch ohne echten Stürmer spielen und Weltmeister werden kann. Vor einigen Jahren haben viele nach einem zentralen Mittelfeldspieler gerufen. Zuvor wünschte man sich mehr Sechser oder Flügelspieler. Wir meckern ja alle gerne meistens an der Stelle, an der es scheinbar ein bisschen hapert.

Timo Werner: „Werde mich niemals Völler und Co. vergleichen“

Ist es als Stürmer in Deutschland aufgrund der großen Vorgängernamen besonders schwierig zu bestehen?

Es ist schon was anderes, Stürmer zu sein als Verteidiger. Wenn du den Ball reinschießt, bist du der große Held, der 80 Millionen Deutsche ins Viertelfinale, Halbfinale oder sogar Finale schießt. Und wenn du den entscheidenden Ball verschießt und Deutschland aus dem Turnier fliegt, bist du möglicherweise für vier Jahre der Depp. Das ist ein schmaler Grat, auf dem man als Stürmer wandelt. Aber ich habe mir genau diese Position ausgesucht. Ich wusste: Wenn ich irgendwann mal so weit kommen möchte, dann muss ich mit diesen Schwierigkeiten umgehen können. Und dabei macht es keinen Sinn, sich mit Spielern zu vergleichen, die vor 50, 60 Jahren aktiv waren und mittlerweile Legenden sind. Das wäre auch viel zu viel Druck. Wenn überhaupt, dann sollte man sich mit Spielern vergleichen, die aktuell auf dem Platz sind. Und dann kann man sagen: Es fehlt noch ein ganzes Stück zu einem Cavani oder Lewandowski.

Fehlt da bei Ihnen noch etwas?

Auf jeden Fall. Und deshalb liegt auch noch genug Arbeit vor mir. Aber nochmals: Ich werde mich selbst niemals mit einem Müller, Völler oder Rummenigge messen.

Um Vergleiche mit Gómez kommen Sie jedoch nicht herum. Früher Vorbild, jetzt Konkurrent. Wie nehmen Sie selbst dieses Duell wahr?

Einerseits ist es eine komische Situation. Ich saß im Alter von zehn, elf, zwölf Jahren früher im Stadion beim VfB Stuttgart und habe ihm zugejubelt, wenn er ein Tor geschossen hat. Jetzt sitze ich in der Kabine neben ihm, spiele manchmal sogar für ihn. Anderseits freue ich mich einfach riesig, dass ich es dorthin geschafft habe und dass ich den Weg meines Vorbildes nachahmen konnte. Es gibt viele junge Stürmer, die das gleiche Ziel haben wie wir. Aber es gibt wenige, die dieses dann auch erreichen.

Timo Werner: „Ich soll die Karriere genießen“

Vor allem in dieser rasanten Geschwindigkeit. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, unterschrieben Sie kurz zuvor in Stuttgart gerade Ihren ersten Profivertrag. Vier Jahre später mit Gomez im WM-Kader.

Wir haben 2014 mit dem VfB gegen den Abstieg gespielt, da war so ein Thema unrealistisch. Selbst wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich sehr bald in der Bundesliga, Champions League und Europa League viele Tore mache, dann auch noch Nationalspieler werde und ebenfalls treffe, dann hätte ich zu der Person gesagt: ‚Komm, wir gehen mal um die Ecke, du atmest mal schnell in die Tüte und dann ist alles wieder gut.‘ (lacht)

Dieser Person wären Sie jetzt etwas schuldig.

Absolut. Und ich freue mich natürlich, dass es so gekommen ist. Es ist schon Wahnsinn: Einst habe ich die WM teilweise beim Public Viewing als Fan verfolgt. Der Gedanke, dass ich selbst mal für die Nationalmannschaft spielen könnte, war ganz weit weg. Natürlich war mir bewusst, dass ich ein gewisses Talent besitze. Jedoch muss schon viel zusammenkommen, dass du da dann auch wirklich hinkommst.

Wünschen Sie sich gelegentlich nicht mal Zeit zum Durchatmen?

Es stimmt schon: Manchmal ist es schwer, alles zu realisieren und zu verarbeiten. Erst vor kurzem ging mit durch den Kopf: ‚Das ist jetzt schon deine fünfte Bundesliga-Saison. Jetzt sind auch schon wieder zwei Jahre RB Leipzig vorbei, du hast Champions League gespielt, bist Nationalspieler, stehst vor deiner ersten WM. Und du bist mittlerweile 22 Jahre alt, denkst aber, dass du eigentlich noch 19 oder 20 bist.‘ Die Zeit geht so schnell rum. Viele Personen von außen sagen immer, man solle die Karriere genießen, weil sie schnell vorbeigehe. Dass da was dran ist, habe ich in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gemerkt. Weil wir Menschen ja nicht in der Vergangenheit leben können, müssen wir alles im Hier und Jetzt betrachten. Und wenn man dann am Wochenende ein Spiel verliert, ist man die kommenden drei Tage sauer und kann sich eben nicht damit trösten, was man in den vergangenen Jahren alles geleistet hat.

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Timo Werner: „Ich kann noch viel lernen“

Fällt es da wirklich so leicht, sich keinen Kopf zu machen, wie Sie häufig betonen?

Wenn man gewinnt, ist es deutlich einfacher. Dann läuft vieles von alleine. Wenn man verliert, dann jedoch nicht. Dann kommt der Kopf ins Spiel. Erstens, weil man beginnt, sich selbst zu hinterfragen. Zweitens, weil man darüber nachdenkt, was mit der Mannschaft los ist, was gerade möglicherweise nicht so gut funktioniert. Natürlich mache auch ich mir dann Gedanken, warum man verliert, warum man selbst keine Top-Leistung erreicht hat. Nach Niederlagen hängen auch vergebene Chancen länger nach. Es gibt Phasen im Fußballgeschäft, die schwer sind – gerade wenn man aus einem Wettbewerb wie der Champions League oder der Europa League rausfliegt. Aber auch damit umzugehen, muss man lernen. Und ich denke, das habe ich ganz gut hinbekommen.

Was tun Sie, um die jugendliche Lockerheit beizubehalten?

Ich erlaube mir einfach, 22 zu sein. In meinem Alter ist es nicht so schwer, den Kopf frei zu bekommen. Dann muss man abends halt einfach auch Sachen machen, die man als normaler 22-jähriger Junge macht: sich vor die PlayStation hocken, ins Kino gehen, vielleicht auch abends mal mit der Freundin oder den Freunden weggehen. Und nicht versuchen, sich aufgrund des Jobs und des öffentlichen Interesses plötzlich anders zu verhalten. Man sollte als 22-jähriger Profi neben dem Fußball auch normal leben dürfen. Das erlaube ich mir.

Weshalb Sie in Fußball-Deutschland bereits als echter Typ mit klarer Haltung wahrgenommen werden. Empfinden Sie das als Kompliment?

Wenn damit Charakterstärke gemeint ist, freue ich mich durchaus darüber. Aber trotzdem bin ich in einem Alter, in dem ich mich noch nicht als riesigen Typen bezeichnen würde. In der Nationalmannschaft habe ich viele gestandene Personen um mich herum: einen Müller, einen Hummels, einen Kroos. Das sind alles Spieler, an denen ich mich orientiere. Das sind Spieler, die mit ihrer Willensstärke vorangehen und von denen ich noch viel lernen kann.

Spiegelt das öffentliche Bild des Fußballers Timo Werner, der auch mal aneckt, den privaten Timo Werner korrekt wider?

Ich bin schon jemand, der deutlich zeigt, dass ihm etwas nicht gefällt, wenn er unzufrieden ist. Und trotzdem bin ich eigentlich ein lieber Junge, der niemandem etwas Böses will. Besonders in den vergangenen Jahren habe ich einige Dinge erlebt, die mich haben reifen lassen. Als Fußballer und als Mensch. Ich habe auch kein Problem damit, in diesem Zusammenhang nochmal meine Schwalbe 2016 gegen Schalke zu erwähnen, für die ich viel Kritik einstecken musste, vor der ich mich aber nie verkrochen habe. Jeder hat ja so eine innere Stimme. Meine sagt mir, dass ich wirklich gut mit der Situation umgegangen bin und dass ich es durchaus verdient habe, nach allen Schwierigkeiten nun auch weiterhin Erfolg auf dem Platz zu haben.

Sie streben mehr danach, erfolgreich anstatt everybody’s darling zu sein?

Everybody’s darling – ich weiß gar nicht, ob das geht. Natürlich strebe ich nach Erfolg, ich bin schließlich Leistungssportler. Aber dennoch bin ich keiner, der es sich dabei mit allen Menschen verscherzen oder der da draußen der große Buhmann sein möchte. Ich will keine Show abziehen oder den großen Macker raushängen lassen. Ich will einfach meinen Traum leben, Fußball spielen und meine Leistung bringen. Für meinen Verein. Und für mein Land.

Welchen Anteil hat RB Leipzig an Ihrem Erfolg?

Ich habe RB sehr viel zu verdanken. Der VfB Stuttgart war mein Ausbildungsverein. Aber hier in Leipzig bin ich zu dem Profi geworden, der ich jetzt bin. Hier habe ich viel Neues im taktischen Bereich, aber auch bei der Arbeit mit dem Ball gelernt. Für mich steht fest: Ohne RB wäre ich nicht Nationalspieler geworden. Aber im Turnier hilft einem der Verein leider nichts. Da müssen mir meine persönlichen Stärken Flügel verleihen. Und die müssen mich auch durch meine Karriere tragen, selbst wenn ich RB irgendwann einmal verlassen sollte.

Der Socrates Newsletter

Wie wertvoll ist für dieses große Ziel der Austausch mit Trainer-Assistent und Ex-Stürmer Miro Klose?

Miro ist gerade für einen jungen Stürmer ein wichtiges Detail im Trainerstab. Er ist eine Persönlichkeit, die aufgrund ihrer großen Turniererfahrung wertvolle Tipps geben kann. Er kommt viel auf mich zu, weil er weiß, dass ich sehr viel zu lernen habe. Er gibt mir seine Empfehlungen weiter. Dabei waren auch schon zwei, drei Tipps, die sich in Länderspielen dann auch tatsächlich in Tore umgemünzt haben.

Dürfen Sie diese Tipps verraten oder sind diese so geheim, dass dadurch auch Ihre Sturm Konkurrenz umgehend besser trifft?

Es handelt sich dabei vor allem um Laufwege vor dem Tor und Gedanken, die man vor dem Torabschluss entwickelt. Das trainiere ich dann einfach zwei-, dreimal mit Miro und übernehme es dann eher instinktiv. Das geht bei mir relativ schnell. Miro ist daher sehr wichtig für mich.

Andere Frage: Wie froh sind Sie, dass Sie Werner heißen und nicht Schuh wie Ihr Vater, der selbst Fußballprofi war?

(lacht) Mein Papa ist darüber nicht froh, auch wenn er sich mittlerweile damit abgefunden hat. Für mich ist das kein Problem. Man gewöhnt sich an den Namen, den man trägt. Es wäre komisch, jetzt Schuh zu heißen.

Haben Sie mal über die möglichen Schlagzeilen im Boulevard nachgedacht?

Da hätten sich wahrscheinlich einige angeboten. Wahrscheinlich sollte ich also froh sein, Werner zu heißen. Der Name klingt ja auch typisch deutsch.

Interview: Felix Seidel

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Infos: Alexander Nübel nicht mehr im Schalke-Tor

Alexander Nübel oder Markus Schubert? Beim FC Schalke 04 ist offenbar eine Entscheidung gefallen, wer im DFB-Pokal-Spiel gegen den FC Bayern und im Rest der Saison im Tor stehen wird. 

Beim FC Schalke 04 scheint es eine Entscheidung zu geben, wonach Alexander Nübel fortan nicht mehr im Tor der Königsblauen stehen wird. Wie „Sky“ berichtet, hat sich Trainer David Wagner dazu entschieden, im DFB-Pokal-Viertelfinalspiel gegen den FC Bayern sowie in den restlichen Spielen der Saison auf Markus Schubert zu setzen. Nübel fiel zuletzt durch diverse Patzer auf. Nach der Niederlage beim 1. FC Köln am Samstag wurde er zudem Ziel von Protesten der Schalker Anhänger.

Video: Nübel nicht mehr Schalkes Nummer 1
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Kevin Kuranyi im Interview: „Ich war der Schlechteste“

Es gibt Fehler, die Kevin Kuranyi bereut, aber ansonsten ist der ehemalige Stürmer sehr zufrieden mit einer Karriere mit weit über 500 Spielen für den VfB Stuttgart, Schalke 04 und Co. Im Interview erzählt er, wie er aus wenig Talent viel machte und warum Julian Nagelsmann eine Universität ist.

Kevin Kuranyi, wie sieht heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, bereite die Kinder für die Schule vor und fahre sie um viertel vor acht dort hin. Danach gehe ich ins Fitnessstudio, um fit in den Tag zu starten. Dann beginnen schon die Termine. Da kann es um meine Immobilien gehen oder um die Spieler, die ich betreue. Da steht viel an. Als Rentner hat man viel zu tun (lacht).

War das Leben als Fußballer entspannter?

Es war einfacher. Man wusste ganz genau: Am Morgen wird mit der Mannschaft gefrühstückt, dann gibt es Training und mittags ist man schon fertig. Und jetzt muss man genau planen, den Tag oder die Woche vorbereiten. Treffe ich heute den Stadtrat oder erst # morgen? Wann kommt der Projektplaner? Am Wochenende schaut man sich dann weiter die Fußballspiele an, aber das muss alles gut vorbereitet werden.

Sie sagen es: Als Spieler war ein Training oder ein Spiel immer ein Ziel. Was passiert, wenn dieser Ankerpunkt plötzlich weg ist? Wie kompensiert man diesen?

Ich musste mir Zeit geben. Ich musste das tatsächlich erst einmal verarbeiten und verstehen, wie mein Leben nun weitergeht. Ich war nicht mehr der Fußballer. Ich musste mir neue Ziele setzen, um neue Orientierungspunkte im Leben zu haben. Es war aber nicht so, dass es nur Nachteile hatte. Der Fußball ist auch mit viel Stress und Druck verbunden. Diesen nicht mehr zu haben und die Freizeit zu genießen, war sehr wichtig. Daher war es mir auch wichtig, nicht direkt irgendwo einzusteigen und den nächsten Schritt zu machen.

Wie viel Zeit haben Sie gebraucht?

Ein paar Monate. Es kann sein, dass ich etwas länger gebraucht habe als der eine oder andere. Aber es hat mir und meiner Familie gutgetan.

Ist die Familie von Ihnen eigentlich schon genervt?

Anfangs war sie das, ja. Da bin ich auch schon mal rausgeworfen worden (lacht). Spaß beiseite: Man gewöhnt sich an alles. Jetzt bin ich öfters und zu anderen Uhrzeiten zu Hause und kann viel mit meinen Kindern reden. Das kam ja in den Jahren als Profi oft zu kurz. Jetzt kann ich zum Beispiel auch öfter zum Training meines Sohnes gehen oder ihn den ganzen Tag begleiten, wenn er bei einem Turnier ist. Oder Dinge mit meiner Tochter unternehmen, die früher schwierig waren, als ich permanent unterwegs war.

Fänden Sie es okay, wenn Ihr Sohn Fußballprofi werden will?

Ja, natürlich. Jeder muss seinen Traum leben. Wenn es sein Traum ist, Profifußballer zu werden, werde ich ihm das nicht ausreden. Aber ich werde ihm auch sagen, dass er hart arbeiten muss, weil Millionen von Kindern den gleichen Traum haben. Träumen kann jeder, den Traum verwirklichen nicht.

Fragt er schon, wie Sie es geschafft haben?

Ja.

Und was sagen Sie ihm?

Schauen Sie … Ich hatte nicht viel Talent als Kind, aber das, was da war, habe ich gut ausgeschöpft. Als ich zehn Jahre alt war, war ich der Schlechteste. Ich dachte mir: Nein, das muss besser werden und ich habe mich Jahr für Jahr verbessert, bis ich es geschafft habe.

Jetzt müssen Sie aber allen schlechten Fußballern den ultimativen Tipp geben, wie Sie das geschafft haben.

Natürlich gehört da auch Glück dazu. Zu meiner Jugendzeit hatte der VfB Stuttgart nicht viel Geld, um teure Spieler zu holen und musste auf die Jugend setzen. Das war meine Chance. Ich habe sie genutzt. Ich war ein Kämpfertyp. Ich wollte immer besser werden. Ich wollte immer Neues lernen. Ich habe immer zugehört und ich habe den Personen, die mich besser machen wollten und mir das Fußballspielen beigebracht haben, immer Respekt gezeigt.

Weil Sie diese Respektspersonen auch gebraucht haben?

Ja. Ich war alleine in Deutschland. Es gab keinen Papa oder keine Mama, die mir den Kopf streicheln oder mir helfen konnten. Es gab nur mich und ich musste es schaffen – auch um meine Familie irgendwann nach Deutschland holen zu können, um sie in meiner Nähe zu haben. Gott sei Dank habe ich es geschafft.

Als jemand, der sich schon als Kind über Ziele definiert hat, müssen Ihnen Ziele nach wie vor wichtig sein.

Das stimmt. Ob ich jetzt Fußballer oder Frührentner bin, spielt keine Rolle. Es gibt immer etwas zu erreichen.

Gibt es Ziele, die Sie nicht mehr verfolgen?

Ich will nicht mehr Profifußballer werden.

Sind Sie zufrieden, wie Ihre Karriere verlaufen ist?

Eigentlich ja. Aber ich habe auch Fehler gemacht, obwohl sie vielleicht wichtig waren, um aus ihnen zu lernen. Eine Karriere ohne Fehler schafft kaum einer. Die, die es schaffen, werden zu Weltstars. Aber ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, denn es hätte auch schlechter laufen können.

Was war der größte Fehler?

Die Stadionflucht damals bei der Nationalmannschaf in Dortmund. Sie hat meine Karriere markiert. Eine andere Entscheidung wäre da wohl besser gewesen.

Glauben Sie, dass der Typ Kevin Kuranyi durch diese Aktion in Deutschland fortan anders gesehen wurde?

Es entstand dadurch sicherlich ein etwas anderes Bild von mir. Es entstand eine Figur, die ich nicht bin, sondern eine, die von den Schlagzeilen in den Zeitungen geformt wurde. Aber da bin ich selbst schuld.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass Sie nie eine Nebenrolle innehatten, sondern immer auffielen. Hat das mehr geholfen oder gestört?

Ich denke, es hat meinen Klubs geholfen. Klar habe ich immer polarisiert, aber ich habe immer für meine Mannschaften gekämpft, ging immer vorneweg und habe ab und zu meine Meinung gesagt, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Ich habe nur bei vier Klubs gespielt, bei drei Klubs sogar sehr lange. Wäre ich ein Problemfall gewesen, hätte ich nicht so lange bei diesen Klubs gespielt. Ich habe mich immer mit meinen Vereinen identifiziert und hatte immer viele Freunde innerhalb der Klubs. Das war das Wichtigste für mich.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Sie haben 212 Tore in Ihrer Laufbahn geschossen. Nur bei 1899 Hoffenheim gingen Sie komplett leer aus. Ist das ein Makel Ihrer Karriere, ohne Tor für Ihren letzten Klub abgetreten zu sein?

Oh ja! Das nervt mich immer noch. Ich habe leider nicht die Leistung zeigen können, die ich selbst von mir erwartet habe. Aber natürlich auch nicht die Erwartungen des Klubs erfüllt.

Dabei hatten Sie mit Julian Nagelsmann einen Trainer, der seine Offensivspieler fördert. Wie war die Zusammenarbeit?

Es gab Trainer in meiner Jugendzeit, die nicht so viel Ahnung von Fußball hatten. Das war wie an der Hauptschule. Julian Nagelsmann ist wie eine Universität.

Interessanter Vergleich. Inwiefern?

Er denkt vierundzwanzig Stunden Fußball. Darüber, was man besser machen kann und wie man eine Mannschaft taktisch so klug schult, dass sie innerhalb einer Minute die komplette Vorgehensweise ändern kann. Die Basis dafür ist sein Training, das einen Spieler zwingt, über Fußball nachzudenken. Du musst konzentriert sein und die Übung verstehen. Wenn du sie nicht verstehst, machst du sie falsch und bist raus. Dies entwickelt auch einen Spieler weiter, weil er automatisch mitdenkt und verstehen muss.

Was haben Sie gedacht, als der Klub ihn als Cheftrainer installiert hat?

Ich habe gedacht: „Oh, da kommt ja ein ganz Junger. Was will der mir sagen?“ (lacht). Ich war Nationalspieler, spielte bei Top-Vereinen, hatte viel Erfahrung. Ich überlegte, was er mir vormachen kann.

Und dann?

Dann kam seine Antrittsrede und all diese Gedanken waren weg. Ich war sofort überzeugt von ihm.

Warum?

Seine Rede war so intelligent und inhaltlich stark, dass alle wussten, was für ein Kaliber vor uns steht. Er hatte eine klare Idee davon, wie er Fußball spielen lassen will, was er von uns erwartet und was er für ein Typ ist. Ich wusste von da an, dass das Alter keine Rolle spielt und dass auch ein 30-Jähriger einem arrivierten Profi zeigen kann, wie Fußball geht.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Ich hatte viele Top-Trainer wie Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Rudi Völler oder Joachim Löw, um nur einige zu nennen. Aber Felix Magath hat mich am meisten geprägt. Er hat sich damals getraut, einem jungen Spieler die Chance zu geben, in der Bundesliga von Anfang an zu spielen. Ich weiß noch, dass ich damals ein Top-Trainingslager unter ihm absolviert hatte. Er hat das honoriert und dafür bin ich dankbar.

Gab es einen Trainer, bei dem es gar nicht gepasst hat?

Nein. Ich bin mit jedem Trainer zurechtgekommen und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass mich einer nicht weiterbringen kann. Wenn es in einer Mannschaft nicht läuft und die Ergebnisse nicht stimmen, werden die Fehler meistens beim Trainer gesucht. Aber oft ist es eigentlich die Mannschaft, bei der gesucht werden muss.

Werden wir einen Trainer Kevin Kuranyi erleben?

Nein, ich werde kein Trainer. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand eine Trainerkarriere startet oder es noch werden will, weil ich weiß, wie viel Arbeit das ist, eine Mannschaft erfolgreich zu trainieren und welchem Druck man dabei ausgesetzt ist. So eine Fußballmannschaft ist eigentlich wie ein Kindergarten mit 20-25 Kindern, die man zu einer Einheit formen soll. Es ist immer jemand unzufrieden. Es gibt immer Probleme, die man lösen muss. Diesen Stress will ich mir ehrlich gesagt nicht geben.

Der Socrates Newsletter

Sie haben sich für eine Zukunft als Spielerberater entschieden.

Ja, das stimmt. Hier kann ich meine Zeit selbst einteilen und meine Erfahrung, als einstiger Jugendspieler, der es in die Bundesliga geschafft hat, weitergeben. Ich glaube, dass ich es jungen Spielern einfacher machen kann, sich schneller zu entwickeln, weil ich weiß, wie sie ticken und welchen Gedankengängen sie haben. Ich bin zwar 35 Jahre alt, kann mich aber immer noch in einen jungen Menschen hineinversetzen.

Die Beraterszene ist umkämpft. Sind Sie dort willkommen?

Es ist ein Haifischbecken. Für einen Neuankömmling ist es nicht einfach, hineinzutreten. Aber mit Seriosität, Zuverlässigkeit und guten Kontakten kann man nach wie vor punkten. Ich weiß, dass es viele Rückschläge geben kann und viele Schwierigkeiten kommen werden. Es wird Neider geben, man wird mich als Konkurrent sehen. Ich weiß um die Hindernisse, aber wenn ich so bleibe wie ich bin und wie ich immer war, dann kann ich diesen Weg gehen und erfolgreich sein.

Wie war das erste Gespräch als Berater mit einem Klub?

Es war gut. Es war ein englischer Klub und auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist, kam ich ganz gut durch und habe es geschafft, die Verantwortlichen zu überzeugen (lacht). Letztlich sprechen wir über Fußball. Ein Element meines Lebens. Klar hat man verschiedene Ansichtsweisen, man diskutiert über die Stärken und Schwächen eines Spielers, über die Zukunftsplanung. Aber es ist eben alles, was ich selbst schon mal erlebt habe.

Kevin Kuranyi, wo ist eigentlich Ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. Die stelle ich mir manchmal selbst. Ich bin in Brasilien aufgewachsen, habe zwei Jahre in Panama gelebt, danach bin ich nach Deutschland gekommen. Ich fühle mich in allen drei Ländern zu Hause, fühle mich überall sehr wohl, aber Heimat ist, wo meine Familie ist, und das ist Stuttgart.

Interview: Fatih Demireli