Zum Todestag von Robert Enke: Gebrochenes Tabu

Heute vor 10 Jahren starb Robert Enke. Sein Suizid versetzte eine sonst so stolze Sportwelt in Schockstarre. Doch sie scheint auch etwas gelernt zu haben. Autor Jannik Schneider auf Spurensuche.

„Der Tod von Lara hat uns so zusammengeschweißt, dass wir gedacht haben: ,Wir schaffen alles!‘. Wir dachten auch, mit Liebe geht das. Aber man schafft es eben doch nicht immer.“

Am 11. November 2009 sprach Teresa Enke jene bewegenden Worte, die um die Welt gehen sollten und längst nicht nur Menschen rund um den Profifußball in eine Schockstarre versetzen würden. Lediglich einige wenige Stunden nach dem wohl schlimmsten Schicksalsschlag nahm sie auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz Mut und Kraft zusammen, um der Öffentlichkeit zu erklären, was damals nicht zu erklären war. Dass ihr Mann, Robert Enke, Nationaltorhüter und langjähriger Publikumsliebling bei Hannover 96, Selbstmord begangen hatte. Weil er an einer schweren klinischen Depression erkrankt war, die ihn aus seiner Sicht in eine schier aussichtslose Situation manövriert hatte.

Der Suizid von Robert Enke jährt sich an diesem Sonntag zum zehnten Mal.

Nach Robert Enke: Wie konnte das passieren?

Teresa Enke schaffte es damals mit der größtmöglichen Empathie und ihren präzisen Aussagen, die vom behandelten Pyschiater untermauert wurden, dass die Menschen überhaupt ein erstes Gefühl für die Situation bekamen, eine erste Einordnung. Denn vielerorts, nicht nur in Enkes Wahlheimat Hannover, herrschte zunächst Ohnmacht und Hilflosigkeit im Umgang mit der Situation. Die Anhänger von Hannover 96 hatten ihr Idol verloren, Sport-Deutschland eine geschätzte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Die Frage, die sich alle stellten: Wie konnte sich ein erfolgreicher, unabhängiger Sportler das Leben nehmen?

Im Jahr 2009 war das Thema Depression keines. Es fand in der Öffentlichkeit so gut wie nicht statt. Im Leistungssport, im Profifußball war es ein Tabuthema. Viele taten Depressionen als Schwäche ab. Als Krankheit wurden Depressionen kaum anerkannt. Sensibilisierung fand wenig statt, auch weil das Thema schwer zu greifen war.

Jörg Neblung: „Psyche des Menschen ist unergründlich“

Dieser Artikel soll nicht suggerieren, dass die Krankheit heute, zehn Jahre später, enträtselt sei. Der Suizid von Robert Enke und die Entwicklung von Depressionen in der Gesellschaft im Allgemeinen und im Leistungssport im Speziellen ist noch immer ein sehr sensibles Thema. Man darf nicht ausschließlich auf das Schicksal Enkes schauen. Als Beispiel wird oft der Zugführer genannt, der Enkes Tod sah und nicht verhindern konnte. Es hilft aber, wenn man weiß, dass Enke krank war und niemand vorsätzlich schaden wollte.

Die Thematik komplett zu durchdringen ist schwer und muss auch nicht der Anspruch sein, sich damit zu beschäftigen und sich und andere zu sensibilisieren aber schon. Robert Enkes ehemaliger Berater, Jörg Neblung, formulierte es dieser Tage in einem Interview mit dem Sportportal SPOX.com subjektiv treffend: „Die Psyche des Menschen ist tief und für mich als Laien nach wie vor unergründlich. Wenn man Roberts Geschichte so hautnah mitbekommen hat, dann kann man sich nie sicher sein.“

„Depression ist eine Stoffwechselkrankung des Gehirns“

Worüber sich Experten heute einig sind und wofür sie kämpfen, ist, dass Depressionen eine Krankheit ist und als solche anerkannt wird – wie etwa ein Bandscheibenvorfall oder eine Lungenentzündung. „Depression ist eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns. Dort werden bestimmte biochemische Abläufe verändert“, erklärte der habilitierte Mediziner und vielfach ausgezeichnete Forscher Florian Holzboer anlässlich des zehnten Todestags in der NDR-Dokumentation „Auch Helden haben Depressionen“.

Dass diese Fehlfunktion im Gehirn als Krankheit anerkannt wird, ist essentiell für einen menschenwürdigen Umgang mit dem Thema. Es ist eine Krankheit, die man behandeln kann und nach deren Abschluss man zurückkehren kann und nach der man wieder lebensfroh und leistungsfähig sein kann. Das ist dem Umfeld von Enke besonders wichtig. Robert Enke selbst hatte das trotz der für ihn schwierigen Umstände bewiesen. Nach einer ersten schweren, klinischen Depression in seiner Zeit als noch junger Weltklassetorhüter beim FC Barcelona, während der er sich heimlich in Behandlung begab, schaffte er den Sprung zurück in einen lebensfrohen Alltag.

Die Angst

Er blieb fünf Jahre gesund. Selbst der Herztod seiner Tochter warf ihn, anders als die Öffentlichkeit später zunächst dachte, nicht mehr aus der Bahn als jeden anderen trauernden Vater auch. Teresa Enke, die ich vor zwei Jahren zu einem ausführlichen Interview treffen durfte, gab damals wie heute an, dass Robert Enke aus diesem Schicksalsschlag eine große Verantwortung für sich ziehen konnte.

Menschen mit einer medizinischen Veranlagung für eine Depression müssen aber akzeptieren, dass sie im Zweifel anfälliger für Depressionen sind. Enke erklärte damals im Interview, dass sie und ihr Mann ein schwerwiegendes Versteckspiel mit der Öffentlichkeit spielen mussten. Robert Enke glaubte, dass er diese Krankheit verstecken müsste, sonst würde er alles verlieren. Seine Anerkennung als einer der besten Torhüter, seinen Platz in der Nationalmannschaft, bei Hannover 96 und letztlich in der Gesellschaft. Weder seine Frau noch sein Berater und enger Vertrauter Neblung gelang es, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Leiden der Teresa Enke

Teresa Enke machte damals deutlich, dass sie einen einsamen Kampf führten – führen mussten. „Es gab damals einfach noch nicht diese Möglichkeiten und kein Netzwerk, das uns helfen konnte. Damals war in den Köpfen noch nicht so verankert, was psychische Erkrankungen überhaupt sind. Klar gab es vereinzelt Mentaltrainer, aber nicht beim FC Barcelona, bei Benfica oder in Hannover. Das fing erst so allmählich unter Jürgen Klinsmann in der Nationalmannschaft an, da aber mit einem leistungssportlichen Ansatz und nicht mit der Intention, Depressionen zu behandeln. Es war einfach schwierig. Wir waren komplett allein auf weiter Flur und mussten autodidaktisch vorgehen und überlegen, wie wir Hilfe bekommen können.“

Als die Depression im Sommer 2009 ein zweites Mal ausbrach, schoben die Enkes für die Öffentlichkeit einen mysteriösen Virus als Ausfallgrund vor. „Robert wollte unter keinen Umständen, dass es rauskommt. Also haben wir das vorgeschoben. Das Versteckspiel, das er spielen musste, das auch ich spielen musste, ging natürlich an die Nerven, denn bis auf ganz enge Freunde wusste niemand von seiner Depression. Er war oft niedergeschlagen. Ich habe dann versucht, banal ausgedrückt, ‚Quatsch‘ zu machen, damit es nicht so auffällt. Viele, auch meine Freunde, haben gedacht, er könne sie nicht leiden. Es war einfach ein unglaublicher Kampf, diese Krankheit geheim zu halten.“

Der Vergleich mit dem Krebs

Enke betonte noch 2017, es sei immer noch schwierig, mit dieser Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Menschen bekommen an ihrem Arbeitsplatz gesagt: ‚Komm, reiß dich zusammen‘, einfach weil Depressionen nicht so greifbar sind. Krebs zum Beispiel, der wird diagnostiziert, da hat man Blutwerte, sieht die Metastasen auf einem MRT. Bei einer Depression geht das nicht. Mich hat sehr erschüttert, was ich in einer Studie gelesen habe. Patienten, die Krebs und Depressionen hatten, haben darin angegeben, dass die Depression für sie schmerzhafter gewesen sei. Das erschüttert mich sehr, gerade weil ich erlebt habe, wie Robert gekämpft hat.“

Den Kampf hat Robert Enke bei seiner zweiten klinischen Depression 2009 schlussendlich verloren. Es fällt immer noch schwer zu begreifen, was ihn ausgerechnet in dieser Phase wieder in die Krankheit getrieben hat. Er war Nationaltorhüter, Publikumsliebling, ein glücklicher Familienvater mit einem stabilen Umfeld. Er führte ein perfektes Leben. Vielleicht war es genau das, was ihm Angst bereitete.

„Mein Gott Robby, du hast dir alles kaputt gemacht“

Jörg Neblung gab dieser Tage an, dass es auch zehn Jahre später an ihm nage, sich am Ende gegen Robert Enke nicht durchgesetzt zu haben. Der weigerte sich gegen eine Zwangseinweisung – aus Angst vor den öffentlichen Reaktionen. Teresa Enke sagte in der aktuellen Dokumentation: „Aus heutiger Sicht es klar. Aber vor zehn Jahren galt es noch als Schwäche – als Tabuthema.“

Heute blicke sie mit Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. „Wenn ich Bilder anschaue, muss ich schmunzeln und werde auch mal traurig und denke mir: ,Mein Gott Robby, das hast du dir alles kaputt gemacht – wenn es mit Absicht gewesen wäre – aber er war krank.“

Nach dem Selbstmord, der bewegenden Pressekonferenz zog Teresa Enke zunächst weg aus Hannover. Heute lebt sie wieder dort. In den vergangenen zehn Jahren hat sie es sich mit der Robert-Enke-Stiftung zur Lebensaufgabe gemacht, das Thema Depressionen zu enttabuisieren. Gemeinsam mit hauptamtlichen Mitarbeitern lenkt se die Stiftung als Gesicht in der Außendarstellung. Die Stiftung hat bis heute ein Netzwerk von mehr als 70 kooperierenden Psyschologen aufgebaut, die für Leistungssportler und alle anderen Menschen über die Stiftung problemlos vermittelt werden.

Der Socrates Newsletter

Depression ist nicht gleich Druck

Es gibt eine App, mit der man versuchen kann, sich dem Thema zu nähern, ein Gefühl für Menschen mit der Krankheit zu erhalten. Zusätzlich ist die Stiftung regelmäßig präsent in den Stadien. Robert Enkes langjähriger Freund und Biograf, der Autor Ronald Reng hält Vorträge in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga. An seiner Seite steht oft Martin Amedick, ein ehemaliger Profi, der 2011 seine Erkrankung öffentlich machte.

Amedick hilft, zu differenzieren. Kürzlich sagte er, dass Depressionen nicht mit Druck im Leistungssport gleichzusetzen seien. Als Beispiel dient auch hier Robert Enke. Teresa Enke und Neblung machten deutlich, dass die sportlich schwierige Lage etwa beim FC Barcelona nicht der Grund, aber ein Auslöser der ersten, akuten Erkrankung war.

Die Veranlagung für eine Depression hatte er aus medizinischer Sicht schon. Als Leistungssportler im Mittelpunkt stehend war Enke mit dieser Anlage schlicht anfälliger.

„Wo bleibt die Menschlichkeit?“

Teresa Enke war es aber 2017 bereits ein Anliegen, dass die Historie ihres Mannes nicht mit anderen Themen vermischt werde. „Man sollte ihn und seinen Fall nicht für jede Art von Unsportlichkeit und Unmenschlichkeit hernehmen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Er wurde auch im Fußball nicht schlecht behandelt. Es kann keiner etwas dafür. Viele behaupteten ja, der Fußball sei schuld gewesen, der ganze Druck. Natürlich kann das eine Rolle spielen, aber jeder Mensch hat einen gewissen Druck im Leben. Sie bei Ihrer Arbeit, ich, jeder. Klar ist: So eine öffentliche Stellung in der Gesellschaft macht es nicht einfacher, aber trotzdem ist es nicht in Ordnung, wenn permanent behauptet wird: ‚Wo bleibt die Menschlichkeit, haben wir aus dem Fall von Robert Enke nichts gelernt?‘ Er wurde nicht von Fans niedergemacht.“

Was bleibt neben Enkes wichtiger Öffentlichkeitsarbeit zehn Jahre nach dem Tod noch? Da wäre noch die in diesem Zusammenhang oft gestellte Frage, ob der Profifußball menschlicher, sensibler geworden ist. Jörg Neblungs Ansatz dazu ist klar: „Es hat sich sehr viel bewegt, aber es kommt auf den Blick an. Bei den Grundprinzipien des Fußballs hat sich nichts verändert: Es spielen immer noch die elf Stärksten, das Verhalten der Kurve ist nicht unbedingt positiver geworden, die Schlagzeilen des Boulevards sind immer noch dieselben und die sozialen Medien tun ihr Übriges, um die Drucksituation von öffentlichen Personen zu verstärken.“

Noch fehlt die Augenhöhe

Aber die Rahmenbedingungen seien viel besser geworden: „Fußballvereine engagieren heute deutlich mehr Mentaltrainer, Sportpsychologen und Psychiater oder stellen diese Experten für den Bedarfsfall zur Verfügung. Auch mit Hilfe der Robert-Enke-Stiftung können wir Menschen Möglichkeiten an die Hand geben, wie sie sich vor depressiven Verstimmungen schützen. Hier greifen wir auf ein Netzwerk zurück, durch das wir sehr schnelle Hilfe anbieten können. Die Sensibilität für und das Verständnis um diese Krankheit ist bei den Entscheidungsträgern in den Vereinen, aber auch in der Öffentlichkeit deutlich höher geworden.“

Das ist ein wirklich positiver Aspekt der an sich tragischen Geschichte von Robert Enke zehn Jahre nach dessen Tod. Sensibilität und Verständnis müssen auch in den kommenden zehn Jahren weiter steigen, will man der Thematik irgendwann auf Augenhöhe begegnen.

Jannik Schneider

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Javi Martinez Kolumne #4: Gierig wie Sammer

Javi Martinez vom FC Bayern München schreibt in seiner SOCRATES-Kolumne, was ihn mit Matthias Sammer verbindet. Er legt sich fest, dass Joshua Kimmich eines Tages den Rekordmeister als Kapitän anführt, allerdings nie so gut Spanisch sprechen wird wie er.

Von Javi Martinez

„Mia san mia“ ist ein Leitspruch, den ich wohl keinem Fußballfan in Deutschland erläutern muss. Für mich war er allerdings neu, als ich 2012 nach München kam. Was dahinter steckt, erklärte mir damals Matthias Sammer. Ich habe dieses besondere, bayerische Selbstverständnis sofort verinnerlicht und trage es mittlerweile wie selbstverständlich in mir.

Wenn du es als Mannschaft richtig lebst, kann „Mia san mia“ eine Waffe sein. Auch das hat mir Matthias Sammer vor Augen geführt. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr für den FC Bayern tätig ist, möchte ich sagen, dass er für mich zu meiner Anfangszeit in München eine sehr wichtige Person war. Er hat mir als sportlicher Ansprechpartner enorm geholfen. Natürlich schaust du als junger Spieler zu einem Mann wie Matthias Sammer auf.

Javi Martinez: „Klar und deutliche Ansprache, aber intern“

Er ist eine Legende. Er war einer der besten deutschen Spieler der vergangenen 25 Jahre. Zudem habe ich schnell festgestellt, dass wir beide ähnlich ticken, was uns auf eine gewisse Art und Weise miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für den Fußball ähnelt meiner stark. Wir haben auch einen ähnlichen Charakter, denke ich. Uns beiden ist die Kommunikation nach außen nicht so wichtig, wie die Dinge intern klar und deutlich anzusprechen.

Dabei geht es uns jedoch immer nur um eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Mannschaft und niemals um etwas Persönliches. Matthias Sammer liebt wie ich den Wettbewerb und die Herausforderung, sich auf dem Platz mit den besten Spielern und Klubs der Welt zu messen. Immer mit dem Ziel zu gewinnen. Und immer mit dem Antrieb, von Siegen nie genug zu haben. Ich denke, ich kann behaupten, dass ich genauso gierig nach Erfolgen bin wie Matthias Sammer.

Javier „Javi“ Martínez Aginaga spielt seit 2012 für den FC Bayern München, mit dem der Spanier sieben Meisterschaften, viermal den DFB-Pokal und 2013 sogar die Champions League gewann. Zuvor spielte er sechs Jahre für Athletic Bilbao in der Primera División. Martínez kam in 18 Länderspielen zum Einsatz und war Teil der Mannschaft, die 2010 Welt- und 2012 Europameister wurde. Seit 2019 ist er ständiger SOCRATES-Kolumnist.
Javi Martinez
FC Bayern

Sammer sagte: „Bleib geduldig“

Er nahm mich in den ersten Monaten oft beiseite und sagte mir: „Bleib geduldig, Javi. Die Saison ist sehr lang. Wir brauchen dich nicht am Anfang in einer super Form, sondern am Ende. Arbeite einfach weiter an deiner Leistungsstärke, aber setze dich nicht zu stark selbst unter Druck. Wir wissen, dass du gut bist. Und wir wissen, dass du uns in den entscheidenden Monaten helfen wirst.“ Und so kam es dann auch. Am Ende der Saison gewannen wir das Triple.

Wenn ich jetzt, sieben Jahre später, auf unsere Mannschaft schaue, sehe ich einige junge Spieler, die ebenfalls diese Gier in sich tragen und schon jetzt perfekt das angesprochene „Mia san mia“ verkörpern. Joshua Kimmich zum Beispiel.

Kimmich wird Kapitän

Er ist ein Spielertyp, der ideal zum FC Bayern passt. Der schon in jungen Jahren all die Werte des Klubs verinnerlicht. Gefühlt hat er schon über 1000 Spiele für den Klub gemacht. Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass er viele, viele Jahre beim Verein spielen und die Mannschaft vielleicht eines Tages auch als Kapitän anführen wird. Er ist ein echter Führungstyp. Er scheut sich nicht, voran zu gehen und Verantwortung zu übernehmen.

Da besteht zwischen Joshua und mir sicherlich eine Ähnlichkeit. Allerdings hat er mir eines schon jetzt voraus: Sein Deutsch wird immer besser sein als meines. Da muss ich einfach ehrlich sein: Manchmal ist die Sprache nach wie vor ein kleines Hindernis. Gerade wenn es mal schnell gehen muss, fällt mir nicht immer sofort das passende Wort auf Deutsch ein, obwohl ich wirklich fleißig lerne.

Ich denke, das ist normal. Und dennoch ärgert mich das gelegentlich. In diesen Momenten rette ich mich dann mit diesem Gedanken: Dafür wird Joshua wohl nie so gut Spanisch sprechen wie ich.

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Sylvain Wiltord Kolumne: „Die Liebe von Arsene Wenger war grenzlos“

Sylvain Wiltord spielte vier Jahre unter Arsene Wenger beim FC Arsenal. Es war die erfolgreichste Zeit der Gunners unter Wenger. In seiner Gast-Kolumne blickt Wiltord zurück, erklärt, wie Wenger arbeitet und glaubt auch: Die Trainer-Legende wird einen neuen Klub übernehmen und wird dort erfolgreich.

Von Sylvain Wiltord

Arsene Wenger war Mister Arsenal. Seine 22 Jahre bei den Gunners sind Ausdruck von Treue, Nachhaltigkeit und Identifikation. Ich durfte dort von 2000 bis 2004 unter seiner Leitung spielen und empfinde das im Nachhinein als großes Privileg. Ich fand sehr schnell heraus, was Arsène auf allen Ebenen im Verein bewegt hatte. Am deutlichsten sichtbar war sein Wirken natürlich auf dem Platz.

Aus dem „Boring, Boring Arsenal“ der frühen 1990er machte er mit seiner Philosophie des „One-Touch-Football“ eine attraktiv, spektakulär und erfolgreich spielende Mannschaft. Das war sein Verdienst. Heute ist der FC Arsenal dafür bekannt und beliebt, auch wenn am Ende zu wenige Trophäen herausgesprungen sind.

Arsene Wenger hat den „full day“ eingeführt

Arsène hat die Ernährung der Spieler von A bis Z umgestellt und viel dafür getan, Verletzungen vorzubeugen und die Regeneration zu verbessern. Er hat den „full day“ auf dem Trainingsgelände eingeführt und dafür gesorgt, dass alle zusammen frühstücken und zu Mittag essen. Und mit „alle“ waren die Spieler gemeint, aber auch alle Betreuer, Trainer, Physiotherapeuten, Fitness-Coaches. Seine Intention war, den FC Arsenal zu einer großen Familie zu machen und das ist ihm auch mehr als gelungen.

Er hatte gleich mehrere Funktionen: Er war Trainer und Manager, aber auch gleichzeitig der Architekt des Klubs. Er hat durchgesetzt, dass ein großes und modernes Stadion gebaut wird, weil er erkannt hat, dass dies notwendig ist, um sich im Konzert der Großen behaupten zu können. Genauso zeichnete er für die Runderneuerung des Vereinsgeländes verantwortlich, das seitdem zu den schönsten in Europa zählt.

„Er wird bei seinem neuen Verein etwas bewegen“

Seine Liebe zu diesem Verein war grenzenlos. Irgendwie haben sich Arsenal und Arsène gesucht und gefunden. Er war jeden Tag auf dem Gelände, sogar wenn trainingsfrei war. Es war ihm unmöglich, dort nicht vorbeizuschauen. Er brauchte das, es war sozusagen seine Droge. Ich bin nicht überrascht, dass er so lange im Amt blieb.

Dagegen verblüfft es mich zu sehen, dass er anscheinend noch lange nicht satt ist. Er ist noch nicht in Rente gegangen, dafür hat er noch zu viel Feuer und Leidenschaft in sich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er einen neuen Verein übernehmen und dort auch etwas bewegen wird.

Der Artikel erschien in Ausgabe #27: Jetzt nachbestellen

Das Pech mit dem FC Bayern

In den letzten Jahren geriet er stark in die Kritik, weil Arsenal seit 2004 keinen großen Titel mehr erringen konnte. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er nicht immer alles gegeben hätte. Überhaupt kann man ihm wenig vorwerfen. Man muss bedenken, dass sich Arsenal durch den Bau des neuen Stadions auf dem Transfermarkt stark beschränken musste und dadurch etwas den Anschluss verlor.

Und dennoch qualifizierte man sich zuverlässig Jahr für Jahr für die Champions League. Arsenal kam zwar meist nicht über das Achtelfinale hinaus, doch muss man auch festhalten, dass die Gegner fast immer Barcelona oder Bayern München hießen. Sehr bitter war allerdings das Ausscheiden 2015, als man auf AS Monaco traf und von einer Pflichtaufgabe ausgegangen war. Das tat weh und war gleichzeitig schlecht fürs Image.

„Wenger hat nichts dem Zufall überlassen“

Ich werde vor allem die Spielzeit 2003/04 immer in bester Erinnerung behalten, als wir vom ersten bis zum letzten Spieltag ohne Niederlage blieben und damit Geschichte schrieben. Bei diesem Triumph hat Arsène eine essenzielle Rolle gespielt. Er hat uns auf jeden Gegner und jedes Spiel extrem professionell eingestellt. Das war schon großes Kino. Dass wir nie den Fokus verloren, auch als wir klar vorne lagen, war allein sein Verdienst.

Er hat einfach nichts dem Zufall überlassen. Er hatte auch mit Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Robert Pires, Patrick Vieira, Jens Lehmann, Ashley Cole, Kolo Touré, Cesc Fabregas, Freddie Ljungberg, José Antonio Reyes oder auch Nwankwo Kanu eine sehr ausgeglichene, erfahrene, aber gleichzeitig unfassbar hungrige Mannschaft.

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Ein echter Gentleman

Dank seiner Persönlichkeit, seiner Trainingsmethoden, seiner Liebe und Hingabe zum Beruf hat sich jeder Spieler bei ihm als Sportler, aber auch als Mensch prächtig entwickelt. Er war einfach klasse, sehr elegant, ein echter Gentleman eben, wie es nur noch wenige gibt. Auch ihm ist es zu verdanken, dass die Premier League heute die reichste Liga der Welt ist, weil er mitverantwortlich dafür war, dass diese Meisterschaft ihre Popularität weltweit immens steigern konnte.

Seine Duelle mit Sir Alex Ferguson oder José Mourinho waren stets voller Rivalität und Intensität. Arsène Wenger hat den englischen, aber auch den internationalen Fußball revolutioniert. Er hat die ganze Branche auf Vordermann gebracht. Er hat viel Vertrauen in junge Spieler gesetzt und war immer in der Lage, eine gesunde Mischung aus jungen und erfahrenen Profis zu finden.

Urlaub war ein Fremdwort

Er war einer der ersten Trainer überhaupt, der viel mit Videoanalysen arbeitete, sowohl bei der Vorbereitung auf den nächsten Gegner als auch in der Nachbetrachtung des eigenen Spiels. Er war den meisten anderen Trainern um Jahre voraus, weil er hervorragend antizipieren konnte, Entwicklungen und Trends frühzeitig erkannte und nutzte. 24 Stunden pro Tag investierte er in den Job. Er konnte nicht anders. Urlaub war für ihn ein Fremdwort.

Für mich gehört Arsene Wenger wie Ferguson zu den größten Trainern aller Zeiten. Dass er im Mai 2018 seinen Hut nahm, nötigte mir den größten Respekt ab. Ich war sehr berührt, als mich die Nachricht erreichte. Neben dem Weltmeistertitel für Frankreich war sein Abschied von Arsenal aus meiner Sicht das wichtigste Fußballereignis jenes Jahres.

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Niko Kovac im Interview: Trainer sind wie Joghurt

Im Jahr 2017 interviewte das Socrates Magazin Niko Kovac, als er Eintracht Frankfurt auf die Saison vorbereitete. Der Kroate beklagte die geringe Wertschätzung für die Trainer. Aussagen, die heute – nach seinem Aus beim FC Bayern – wieder Gültigkeit haben.

Ein längerer Auszug aus dem Interview mit Niko Kovac, damals Trainer von Eintracht Frankfurt und weit vor seinem Wechsel zum FC Bayern, aus dem August 2017. Kovac wehselte 2018 zum FC Bayern und wurde 3. November entlassen – nach einem 1:5 gegen Eintracht Frankfurt.

Niko Kovac, ihr Vater Mato und Ihre Mutter Ivka wanderten 1970 aus Kroatien nach Deutschland aus und verdienten ihr Geld als Zimmermann und Putzfrau. Haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen, was ehrliche Arbeit bedeutet?

Als meine Eltern auswanderten, war Deutschland noch nicht so, wie wir es heute kennen. Damals galt für alle: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tag ein, Tag aus. Das hat man von klein auf mitbekommen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Gesellschaft – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Jugendklub. Das  hat mich geprägt.

Welche Regeln galten damals im Hause Kovac?

Es galt, freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Und man musste eben arbeitswillig sein. Ich denke, die Werte und Normen, die damals gegolten haben und selbstverständlich waren, sollten auch in unserer heutigen Zeit Gültigkeit haben, auch wenn sie sich sicherlich etwas verschoben haben. Das versuche ich zumindest an meine Tochter weiterzugeben, und an meine Spieler.

Welche Regeln stellen Sie Ihrer Fußball-Familie auf?

Das Wichtigste für ein erfolgreiches Zusammenleben einer Mannschaft ist Respekt dem anderen gegenüber. Dazu benötigt man eine gewisse Disziplin. Wenn man in einem so großen Gebilde wie einer Bundesligamannschaft zusammenarbeitet, müssen diese beiden Komponenten stimmen. Ich habe im Laufe meiner Zeit als Spieler gelernt, dass Grundvoraussetzungen für Fortschritt und Erfolg die Arbeitsbereitschaft und die Arbeitsauffassung sind.

Trotz Ihres hohen Disziplinanspruchs halten Sie wenig von Sanktionen. Warum?

Ich versuche zu bewirken, dass jeder Spieler mit seinem gesunden Menschenverstand sein Verhalten zunächst selbst analysiert und dementsprechend auch handelt. Das ist bei uns nicht immer ganz einfach, weil wir viele unterschiedliche Charaktere unterschiedlicher Herkunft haben. Da fasst der ein oder andere Dinge anders auf. Das muss ich als Trainer in Einklang bringen, damitdas Gebilde funktioniert. Dennoch bin ich der Meinung, der Kopf sagt einem schon, was man darf und was man nicht darf. Hört man auf ihn, bedarf es auch keiner großartigen Sanktionen. Eines ist ganz elementar: Jeder muss sich unterordnen. Egal, wie er heißt, wie alt er ist, wie lange er da ist. Keiner ist wichtiger als der Erfolg oder ist größer als der Klub. Das gilt übrigens nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer und alle, die im Klub arbeiten. Wir alle werden irgendwann nicht mehr da sein, aber der Klub wird bestehen bleiben. Und es liegt an uns, dass wir den Klub entsprechend präsentieren und so aufstellen, dass er in Zukunft erfolgreich sein kann.

Das Interview erschien in Ausgabe #10: Hier nachbestellen

Auch das sagen Sie total gelassen. Woher nehmen Sie die innere Ruhe?

Als Spieler war ich schon sehr impulsiv. Und das kann ich auch als Trainer sein. Nur versuche ich als Trainer vorrangig, Ruhe auszustrahlen. Zu viel Nervosität und Aggressivität wirkt sich negativ auf meine Mannschaft aus. Ich habe lange genug selbst Fußball gespielt, wodurch ich die Erfahrung mitbringe, in gewissen Situationen von außen Ruhe zu bewahren.

Was lässt Sie dennoch aus der Haut fahren?

Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker. Ungerechtigkeiten konnte ich schon als kleiner Junge in der Schule nicht leiden. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ich weiß natürlich auch, dass nicht jeder alles gleich sieht, es oft bekanntlich mehrere Wahrheiten gibt. Wenn es aber ganz klare Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir die Hutschnur hoch.

Agieren Sie als Freund oder Chef der Spieler?

Beides. Aber in erster Linie versuche ich, ein Freund zu sein. So lange ist es ja auch noch nicht her, dass ich selbst Spieler war. Ich habe 2009 aufgehört. Na gut, es ist schon ein paar Jahre (lacht).

Sie werden auch nicht jünger.

Ja, genau. (lacht) Aber der Bezug zu den Spielern ist da. Die Jungs, die jetzt da sind, die sind meine Generation. Ich verstehe ihre Sprache und Denkweise. Von daher will ich den Spielern auch eine gewisse Sicherheit vermitteln, indem ich Nähe aufbaue. Aber ganz klar: Nähe allein reicht nicht. Man muss in gewissen Situationen auch harte Entscheidungen treffen. Ich muss diese treffen. Weil ich der Trainer und somit auch der Chef bin.

Wird diese Herangehensweise mit dem Alter schwieriger, weil mehr Distanz aufgrund unterschiedlicher Interessen entsteht?

Das kann schon sein. Nur ticke ich sicherlich noch anders als ein Trainer, der sechzig Jahre alt ist. Da ist der Unterschied doch sehr viel größer. Noch sehe ich mich als eine Generation mit meinen Spielern. Das kann jedoch in zehn Jahren ganz anders sein. Dann sind diejenigen, die jetzt zehn sind schon zwanzig. Und vielleicht entwickelt sich die Gesellschaft in dieser Zeit wieder in eine andere Richtung. Und dann muss ich als Trainer womöglich anders agieren.

Welcher Ihrer früheren Trainer kommt dem Trainer Kovac aktuell am nächsten?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man von jedem Menschen etwas mitnehmen kann. Also auch von jedem Trainer. Sowohl Gutes als auch weniger Gutes. Man wird ja geprägt. Es gab Situationen als Spieler, in denen man dachte: Das war gut, das gefällt mir. Das möchte ich später auch so machen. Dann gab es aber auch Situationen, die mir damals nicht passten – und die ich jetzt in meinem Trainerdasein vermeide.

Sie hatten bei Louis van Gaal in München hospitiert. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Akribie und die Perfektion, mit der er die ganze Woche gesteuert hat. So detailverliebt hatte ich das vorher noch nicht erlebt. Das hat mich beeindruckt. Man hat einfach gesehen, dass er die Kunst Fußball beherrscht. Dahinter steckt sicherlich ein Reifeprozess, den er über viele Jahre hinweg durch seine Tätigkeiten bei Ajax, Barcelona, Alkmaar und Bayern durchlaufen hat.

Sie selbst haben als Spieler auch viele Vereine erlebt, waren aber nirgendwo länger als fünf Jahre am Stück. Auch als Trainer hatten Sie bisher noch kein Langzeitengagement. Worin liegt das begründet?

Wie heißt es so schön: ‚Es ist nur der Trainer, der schon einmal gestanzt worden ist.‘ Das ist unser Schicksal. Wir sind das schwächste Glied in der Kette. Bei Misserfolg wird niemand auf die Idee kommen, die halbe Mannschaft rauszuhauen und den Trainer zu behalten. Die Haltbarkeit eines Trainers ist daher ziemlich gering. Hinzu kommt, dass immer mehr gut ausgebildete Trainer auf den Markt kommen, so dass auch schnell ausgetauscht werden kann.  Es ist eine Entwicklung, die bedenklich ist. Die vielleicht auch in die falsche Richtung geht. Klar, jeder möchte erfolgreich sein. Bei achtzehn Bundesligavereinen kann aber eben nur einer Meister werden. Die Erwartungshaltung vieler Klubs, aber auch der Fans, ist nicht entsprechend der getätigten Investitionen. Aber okay, das ist part of the business. Man kann es machen oder man lässt es sein. Und wenn man dabei ist, muss man damit rechnen und leben, dass man eine sehr kurze Halbwertszeit hat – fast wie ein Joghurt.

Macht das den Trainerjob so kompliziert – dass man langfristig denken und entwickeln möchte, aber kurzfristig agieren muss?

Das ist genau der Punkt. Es klingt nach wie vor wie eine Floskel, wenn ein Trainer sagt, er brauche Zeit. Aber er braucht sie wirklich, wenn er etwas entwickeln möchte. In einem Jahr ist das kaum zu schaffen. Schon gar nicht, wenn man innerhalb der Mannschaft so eine hohe Fluktuation hat.  Gerade am Saisonanfang hat jeder Trainer seine langfristigen Ziele. Aber vor allem heißt es, die ersten zwei, drei Monate gut zu performen, sonst kann es schon wieder für dich vorbei sein. Trainerdasein bedeutet auch Überlebenskampf.

 

Dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein in der Bundesliga bleibt, ist ein romantischer Fußballtraum?

Das ist kaum möglich. Genauso gibt es ja auch kaum mehr Spieler, die von Anfang bis Ende ihrer Karriere in einem Klub spielen. Irgendwie spiegelt das auch unsere heutige Gesellschaft wider. Menschen scheinen leicht ersetzbar zu sein. Es wäre wünschenswert, dass der Glaube an den langfristigen stärker ist als die Hoffnung auf den kurzfristigen Erfolg. Aber das ist im Fußball nicht realisierbar.

Interview: Felix Seidel

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Anthony Modeste: „Das ist nicht das wahre Leben“

Ein toller Vertrag, viel Geld und im Rampenlicht: Der Traum vieler Menschen, doch Anthony Modeste weiß aus eigener Erfahrung, dass das nicht alles ist. Dass der Fußball nur eine nebensächliche Rolle spielt, weiß auch Ewald Lienen. Mit Modeste, Lienen, aber auch mit Charles Leclerc sprachen wir für die Ausgabe #37.

Anthony Modeste: Die Sache mit Axel Witsel

Ein Angebot, das so gut ist, dass man es gar nicht ablehnen kann. Ein Vertrag, der wahrscheinlich nie wieder einem vorgelegt wird. Dass Anthony Modeste einst schwach wurde, als aus China ein Angebot kam, ist fast verständlich. Aber dort merkte der 31 Jahre alte Stürmer, dass Geld und Karriere nicht alles ist. Und dass man sich einen Ort vermisst, der eigentlich keine Heimat ist. 

Nun ist Modeste dorthin zurückgekehrt: zum 1. FC Köln. Er hat ein eigenes Fan-Lied, er ist der Publikumsliebling und er ist in der Liga, die er liebt. In die Bundesliga hat sich Modeste sogar so sehr verguckt, dass er einst Axel Witsel ständig von ihr erzählte. „Ich habe in China Axel Witsel kennengelernt, der zu einem echten Freund geworden ist Wir haben oft über die Bundesliga gesprochen, fast zu oft, wenn es nach ihm ging. Ich hatte den Eindruck, dass seine Spielweise perfekt zur Bundesliga passt und habe ihm geraten, nach Deutschland zu gehen“, sagt Modeste im Interview mit dem Socrates Magazin.

Modeste spricht auch über seine wichtigste Entscheidung im Leben und hat einen ultimativen Tipp für angehende Profis. Und Modeste hat auch einen Meistertipp für die Bundesliga parat. Das gesamte Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe, das sie hier bestellen können. Alternativ können Sie auch ein Jahresabo abschließen oder das ePaper lesen.

Was hat die Ausgabe #37 noch zu bieten?

Exklusiv-Interview mit Charles Leclerc

Charles Leclerc ist mit gerade mal 22 Jahren der Shootingstar dieser Formel-1-Saison. Dabei hatte es der Monegasse alles andere als leicht. Doch auch schwerste Schicksalsschläge brachten ihn nicht von seinem Weg ab. Jetzt will Sebastian Vettels Ferrari-Kollege Weltmeister werden.

Exklusiv-Interview mit Derek Roy

Erdbeerfeld-Manager, NHL-Größe, Metallica-Liebhaber: Derek Roy ist der neue Spielmacher des EHC Red Bull München und hat schon viel erlebt – nicht nur auf dem Eis. Im Interview verrät er, wie er dem jungen Leon Draisaitl zur Seite stand und warum sich seine Reihenkollegen manchmal über ihn lustig machen.

Kellerwirtschaft

Vor seiner Wahl zum neuen DFB-Präsidenten stellte Fritz Keller den DFB auf die Probe. Der Freiburger prüfte seinen Einfluss, der beim SC zuletzt etwas geringer wurde. Geblieben ist seine Fußballverrücktheit, seine Leidenschaft für Wein und die ein oder andere kreative Flause. Socrates-Autorin Daniela Frahm über einen ganz besonderen Typen.

Ende der Lügen

Ryan Russell hielt das Doppelleben nicht länger aus. Sein Outing hat ihm vielleicht das Leben gerettet. Und hoffentlich ermutigt es andere Profisportler, sich selbst zu erkennen.

NBA: Eine Liga wie eine Slot Machine

Der Sommer 2019 markierte den Kulminationspunkt des Wandels der NBA. Der Transferwahnsinn drehte die Liga auf links und verspricht jede Menge Spektakel. Alles gut also? Die Antwort fällt eindeutig uneindeutig aus.

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Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Von Nuri Sahin

(Die Kolumne erschien im April 2017 in der Ausgabe #6)

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.

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Marvin Knoll: „Werte? Das ist kein Gerede“

Marvin Knoll hat es aus dem Berliner Block zum Fußball-Profi geschafft. Im Interview spricht der St.-Pauli-Spieler über Beleidigungen von Familienvätern, seine Zeit in der Regionalliga und surreale Ablösesummen.

Marvin Knoll, spielen Sie als Sechser oder Innenverteidiger nicht eigentlich auf der falschen Position?

(lacht) In der Jugend war ich immer vorne dabei und habe als Stürmer gespielt. Aber im Nachhinein ist es gar nicht so schlecht, dass ich aus der Offensive nach hinten gewechselt bin, weil ich weiß, wie die Stürmer ticken und was sie so probieren wollen. Aber als Jugendlicher habe ich daran natürlich nicht gedacht. Damals wollte ich nur Tore schießen.

War der Positionswechsel für Sie eine große Umstellung? Haben Sie sich dagegen gewehrt?

Nein, gewehrt habe ich mich nicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich von Saison zu Saison in meiner Karriere immer weiter hinten aufgestellt wurde und habe mir gedacht: ‚Uh, das könnte vielleicht auch ganz hinten enden.‘

Also sehen wir Sie irgendwann im Tor?

(lacht) Nein, obwohl ich im Tor gar nicht so schlecht bin. Abschläge kann ich echt gut. Aber Spaß beiseite, da haben wir in der Mannschaft natürlich unsere Experten.

Sie sind seit knapp einem Jahr beim FC St. Pauli. Inwiefern unterscheidet sich der Verein von Ihren vorherigen Stationen?

Es sind die Werte, die dieser Verein vertritt. Das ist nicht nur irgendein Gerede, wir lassen auch Taten sprechen. Ein Beispiel: Als wir in Amerika waren, haben wir vor dem Trump Tower in New York die Regenbogenfahne gehisst. Das ist ein Zeichen, hinter dem der Verein auch nach außen steht. Auch die Nähe zu den Fans ist einfach eine ganz andere und eine ganz besondere. Das sehe ich vor allem bei unseren Heimspielen. Auch wenn die Leistung mal nicht stimmt, wird trotzdem applaudiert und unsere Arbeit honoriert. Die Leute identifizieren sich voll mit dem Verein und ich bin einfach stolz darauf, hier zu spielen. Das sieht man auch an unseren Trikots von Under Armour, die im Design herausstechen und auch die Werte des Vereins repräsentieren.

Sie haben in der Jugend von Hertha BSC gespielt. Wie sehr haben Sie damals daran geglaubt, es zu den Profis zu schaffen?

Natürlich hoffst du, dass du bei deinem Jugendverein irgendwann einen Profivertrag bekommst. Im Fußball ist es aber eben selten so, dass du die ganze Zeit bei einem Verein bleibst.

Auch Sie haben ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen, sind trotzdem durch Ihre Offensivstärke ein ungewöhnlicher Spieler. Ist die Kritik berechtigt, dass den Spielern die Individualität im Jugendbereich abtrainiert wird?

Die Unterschiede zwischen den Nationen sind ja deutlich zu sehen. Wenn ich an Frankreich denke, kommen da schon richtig gute Jungs nach. Die haben einfach dieses Freche in sich oder machen einfach mal einen Trick, den du eigentlich nicht machen musst. Das fehlt uns ein wenig. Klar sind wir körperlich auf einem guten Niveau, aber du musst einem Spieler auch Freiraum geben, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Wir haben keine Charaktere mehr, es fehlt das Individuelle. Aber wir haben bei der U21-EM gesehen, dass wir richtig gute Talente haben. Übrigens auch beim FC St. Pauli. Die jungen Spieler, die diese und letzte Saison hochgezogen wurden, gehen auch wieder ins Eins-gegen-Eins.

Was machen Sie, wenn Sie von denen getunnelt werden?

Dann lachen sie frech. Und ich grätsche natürlich hinterher. (lacht)

Sie waren ein paar Jahre im Kader, wurden aber auch verliehen. Wie haben Sie reagiert, als es dann bei der Hertha nicht weiterging?

Wir sind damals in die erste Liga aufgestiegen und ich hatte 14 Spiele in der Saison gemacht, übrigens unter meinem jetzigen Trainer Jos Luhukay. Ich wollte regelmäßig auf hohem Niveau spielen und wusste, dass die Konkurrenz mit dem Aufstieg sicherlich nicht kleiner wird. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, weg von zu Hause und andere Perspektiven kennenlernen. Ich bin viel rumgekommen und konnte von jedem Verein etwas mitnehmen, auch wenn ich sportlich vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen getroffen habe. Als Menschen hat mich das aber sehr weitergebracht.

Mit Anfang 20 sind Sie zum SV Sandhausen in der Provinz gewechselt. Das klingt nicht gerade nach dem Traum eines jungen Fußballers…

Ich hatte damals erst beim MSV Duisburg unterschrieben. Wir hatten eine sehr gute Mannschaft zusammen und wollten eigentlich um den Aufstieg mitspielen. Wir waren schon voll in der Vorbereitung und dann wurde dem Verein plötzlich die Lizenz für die 2. Liga entzogen. Dann stand ich erst mal da. Mein Vertrag war nur für die 2. Liga gültig, ich war vereinslos.

Aber es gab doch sicherlich noch Angebote.

Die Vorbereitung lief wie gesagt schon, die meisten Vereine hatten keinen Platz mehr im Kader. Auf einmal kommen dann 30 gute Spieler auf den Markt. Sandhausen war für mich eine der wenigen Optionen in der Liga, die ich noch hatte. Und der Verein hat mir damals auch ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn es im Rückblick sportlich nie so richtig gepasst hat.

Im Winter 2015 sind Sie nach Regensburg gewechselt und in die Regionalliga abgestiegen. Der Tiefpunkt Ihrer Karriere?

Ich kam zu Beginn der Rückrunde in den Verein, der da schon sehr wenig Punkte auf dem Konto hatte. Es sah also schon danach aus, dass es in die Regionalliga gehen würde. Für mich war es nach der Situation in Sandhausen, wo ich nicht viel gespielt hatte, wichtig, wieder Freude an meinem Beruf zu finden: nicht nur unter der Woche zu trainieren, sondern auch am Wochenende wieder regelmäßig zu spielen.

Trotzdem konnten Sie den Abstieg nicht verhindern. Und ihr Vertrag lief im Sommer aus.

Ich stand wieder vor der Entscheidung: Suche ich mir jetzt wieder was anderes oder baue ich mir meine eigene Sache auf. Regensburg hatte gerade ein neues Stadion gebaut, für den Verein ging es um sehr viel. Und die Verantwortlichen haben mich sehr gut behandelt und aus der schweren Zeit in Sandhausen herausgeholt. Natürlich war es keine Wunschvorstellung für mich, Regionalliga zu spielen. Viele haben mich damals abgeschrieben und gesagt: „Wenn du einmal in der vierten Liga bist mit 24, dann kommst du da nicht mehr raus. Dann war’s das mit dem Profigeschäft.“

Wie haben Sie es in dieser Situation geschafft, nicht die Motivation zu verlieren?

Ich wollte es diesen Leuten einfach mal zeigen. Wenn die Leute einem Respekt entgegenbringen, dann bleibe ich auch in so einer schwierigen Zeit bei meinem Verein. Ich bin ein ehrgeiziger Typ. Ich habe das Glück, dass ich schon einige Jahre im Fußball dabei bin und weiß, dass ich immer das Maximale aus meiner Situation machen muss. Klar waren ein paar Jahre dabei, die nicht optimal liefen. Aber ich bin jetzt in einem sehr guten Alter und will noch mal alles aus mir rausholen und noch einiges erreichen.

Sie sind mit dem SSV Jahn zweimal in Serie aufgestiegen. Wie wichtig war diese Zeit für Ihre Karriere?

Ich habe dort etwas zusammen mit dem Team hinterlassen. Die Fans sagen über mich: „Hey, das ist ein Spieler mit Charakter. Der hat seinen Teil dazu beigetragen und uns da mitrausgeholt.“ Das ist mir wichtiger als Geld oder die Tatsache, dass ich jetzt schon 30 Spiele mehr in der 2. Liga gemacht haben könnte.

Was war an Ihrer Regensburger Zeit so besonders?

Wir waren finanziell nicht die stärkste Mannschaft, aber wir waren die Mannschaft mit dem meisten Herz. Deswegen sind wir zweimal in Folge aufgestiegen, obwohl uns vor der Saison jeder in Frage gestellt hat.

Der Socrates Newsletter

Sind der FC St. Pauli oder Jahn Regensburg Beispiele dafür, dass Geld im Fußball nicht alles ist?

Natürlich ist Geld nicht alles, aber es ermöglicht einem teilweise gewisse Dinge, die man sonst nicht hätte. Aber das garantiert weder mehr Erfolg noch mehr Freude. Im Fußball ist es wichtig, dass man eine gute Truppe beisammen hat, die schwierige Zeiten durchmacht. Bei Regensburg hatten wir einen Mannschaftskern, der auch in der vierten Liga mit dabei war. Die Karriere geht nicht immer bergauf, sie hat auch mal Wellen und manchmal kommt man an einem Tiefpunkt an. Aber es ist nicht schlimm, wenn man manchmal richtig auf die Fresse bekommt. Man muss nur wieder aufstehen und die Ärmel hochkrempeln.

Wollen Sie in Ihrer Karriere noch einmal Bundesliga spielen?

Ja. Meine Wunschvorstellung wäre natürlich, wenn es mit dem FC St. Pauli klappen würde. Wenn es nicht klappt, wäre ich auch nicht traurig. Aber es wäre für meine Karriere noch mal toll.

Würden Sie dafür auch den FC St. Pauli verlassen?

Das kann ich schwer sagen. Ich weiß, was ich am FC St. Pauli habe, aber man sollte niemals Sachen im Leben ausschließen. Ich würde auf jeden Fall lieber mit St. Pauli in der Bundesliga spielen als mit jedem anderen Verein. Ich weiß, was ich hier habe und passe perfekt zu diesem Klub.

Gibt es sowas wie Vereinsliebe überhaupt aus Sicht eines Spielers?

Das kommt immer darauf an, wie nah du den Verein an dich heranlässt. Ich kommuniziere gerne mit Fans, ich lasse mir Zeit für Fotos, unterhalte mich mit ihnen und nehme auch Kritik an. Die Leute kommen ins Stadion, um mich spielen zu sehen. Sie zahlen dafür viel Eintrittsgeld. Wenn ich dann nach dem Spiel als Erster immer zu meinem Auto laufe, wäre das eine Katastrophe.

Ihr Wechsel aus Regensburg nach St. Pauli war der erste, bei dem für Sie eine Ablösesumme gezahlt wurde. Wie denken Sie über Millionen-Transfers wie den von Antoine Griezmann oder Neymar?

Das kann eigentlich niemand begreifen. Warum wird für Menschen so viel Geld bezahlt? Klar sind das Ausnahmesportler, die die Spiele auch mal entscheiden können. Aber trotzdem sind das im Moment Summen, bei denen eine realistische Wahrnehmung fehlt. Aber so entwickelt sich gerade der Fußball. Eben weil so viel Geld drinsteckt. Da können wir beim FC St. Pauli echt froh sein, dass wir mit solchen Summen nichts zu tun haben. In meinen Augen ist kein Spieler, nicht mal ein Neymar, 222 Millionen Euro wert.

Gibt es Dinge, die Sie am Fußball hassen?

Nein, aber es gibt Sachen, für die ich mich schäme, weil sie nichts mit dem Fußball zu tun haben. Wenn wir auswärts spielen, müssen mich die Fans nicht mögen, das ist in Ordnung. Wenn ich dann aber mal in die Fan-Massen reingucke und einen Familienvater neben seinem Kind sehe und der mich auf eine ganz krasse Art und Weise beleidigt – das gehört für mich einfach nicht zu diesem Sport dazu. Da muss man auch manchmal daran denken, dass man eine Vorbildfunktion hat.

Wie haben Sie auf die Anfeindungen reagiert?

Ich reagiere auf solche Dinge gar nicht. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Ich denke mir meinen Teil, aber darauf gehe ich grundsätzlich nicht ein.

Sie haben als Fußballer ein privilegiertes Leben. Wie schwer ist es manchmal, auf dem Boden zu bleiben?

Gott sei Dank weiß ich, wie es ist, wenn man nicht viel hat. Ich bin in Berlin im Block groß geworden. Wir hatten nicht viel, meine Mutter hat mir aber trotzdem alles ermöglicht. Ich kann diesen Beruf nicht für immer ausüben und werde nicht immer so viel Geld verdienen. Meine Eltern haben mich gut erzogen und ich weiß deshalb, wie ich damit umzugehen habe. Da merke ich auch, dass ich anders ticke als andere Fußballer. Ich brauche nicht das dickste Auto oder irgendeine Uhr am Arm. Das wäre nicht ich.

Sie engagieren sich für den Verein Mitternachtssport e.V. in ihrer Heimatstadt# Berlin. Hat das auch mit ihrer Erziehung zu tun?

Das Projekt bietet in dem Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, einen Zufluchtsort für Kinder. Sie können da hingehen, wenn sie# Hilfe brauchen. An dem Projekt sehe ich immer, wie wir mit wenig Aufwand den Kids viel geben können. Bevor sie auf der Straße herumlaufen oder auf Partys gehen oder irgendwelchen Mist bauen, mieten wir eine Halle und spielen mit ihnen dort Fußball. Vor Kurzem haben wir ein Café aufgemacht. Da steht ein Kicker drin, da steht eine Playstation drin, da gibt es Pädagogen. Zu denen können die Kinder nach der Schule gehen, wenn sie mal keine Lust auf ihre Eltern haben. Das sind Kleinigkeiten, die den Kindern so viel bedeuten. Ich bin stolz darauf, für diese Kinder ein großer Bruder zu sein.

Interview: Sebastian Hahn

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Serge Gnabry: „Per? Wie ein anstregender Vater“

Nationalspieler Serge Gnabry profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Ein klarer Plan brachte ihn von London über Bremen und Hoffenheim zum FC Bayern. Dort ist der 24 Jahre alte Offensivmann nun der Mann für alle Schnauzer. Bei Socrates spricht er aber nicht nur darüber.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Serge Gnabry, googlen Sie Ihren Namen?

Klar, das habe ich zu Beginn meiner Karriere schon gemacht. Da wollte ich wissen, was im Internet über mich geschrieben steht. Aber ich bin jetzt nicht so ein Computerfreak, dass ich wüsste, wie viele Treffer es zu meinem Namen gibt.

Es sind über 1,2 Millionen.

Das ist viel.

In der Tat. Wie wichtig ist Ihnen Popularität?

Im Fußballbusiness stehst du in der Öffentlichkeit, ob du willst oder nicht. Das akzeptiere ich und begreife es als Teil meines Jobs. Privat versuche ich, alles etwas ruhiger zu gestalten. Das tut mir persönlich gut. Ich sitze nicht daheim und denke darüber nach, wie populär ich möglicherweise bin.

Denken Sie daheim über Frisuren nach? In der Bildersuche tauchen Sie mit auffällig vielen Looks auf.

Es gefällt mir auf jeden Fall, immer mal wieder etwas zu verändern. Ich bin bei meiner Optik gerne kreativ und offen für vieles. Bei mir wachsen die Haare relativ schnell nach, weswegen ich bei dem Thema auch sehr entspannt bin. Bevor ich zu diesem Interview gekommen bin, habe ich meinen Bart verändert, jetzt trage ich Schnauzer. Daran ist Joshua Kimmich übrigens nicht ganz unschuldig.

Erzählen Sie.

Sagen wir es mal so: Ich hatte Joshua stark bearbeitet, dass er sich einen Schnauzer schneidet. Dann klopfte es irgendwann im Mannschaftshotel an meiner Zimmertür. Joshua stand mit unschlüssigem Gesicht und einem Schnauzer vor mir. Ich musste lachen und sagte spontan: „Wenn du ihn stehen lässt, bin ich der nächste, der einen Schnauzer hat.“ Ich hoffe, dass noch einige von den anderen Jungs uns barttechnisch folgen werden. Sandro Wagner habe ich den Schnauzer bereits wärmstens empfohlen. Der braucht allerdings noch Bedenkzeit.

Zurück zu Ihren Haaren. Stehen Frisuren bei Ihnen für Lebensabschnitte?

Ich hatte wirklich schon viele. Mal die Haare hoch, dann ganz kurz wie jetzt. Einmal hatte ich auch einen blonden Streifen. Aber damals war ich 17 – also why not? Meistens kommen die Anstöße für Frisuren von Freunden. Ich ziehe es dann durch. Sie stehen eher für eine Laune als für Lebensabschnitte.

Inwiefern haben sich nicht nur Optik, sondern auch Träume verändert?

Ich trage tatsächlich immer noch die gleichen Träume in mir wie damals mit 16, als ich zum FC Arsenal ging. Das war sicherlich ein sehr gewagter Schritt zu dem Zeitpunkt. Aber schon damals wollte ich auf dem höchsten Level Fußball spielen und Titel gewinnen. Und das will ich noch immer.

In London arbeiteten Sie unter Arsène Wenger. Was von ihm ist Ihnen besonders im Kopf geblieben?

Arsène Wenger ist ein sehr beobachtender Typ. Ich fand sehr bemerkenswert, dass er jedem Spieler viel Freiheit gegeben hat. Und dass er den Spielern auch viel Verantwortung übertragen hat. Dadurch ergab sich für jeden die Möglichkeit, auch als Person zu wachsen. Das hat meine Entwicklung ganz sicher positiv beeinflusst.

Insgesamt verbrachten Sie vier Jahre in England. Inwiefern hat Sie die Zeit im Ausland verändert?

Allein der Schritt ins Ausland war damals ein Riesending. Man lässt Familie und Freunde zu Hause, kommt in ein neues Land, trifft auf eine neue Kultur. Man lernt, sich zu adaptieren, mit einer anfangs ungewohnten Situation zurechtzukommen. Es war sicher nicht immer easy. Gerade die Zeit von 16 bis 20 oder 21 ist vielleicht die Zeit, in der du als heranwachsender Mann alles erleben willst. Dass ich das in London erleben durfte, hat mir auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel gegeben.

Auch familiär profitieren Sie von unterschiedlichen Perspektiven. Ihr Vater stammt aus der Elfenbeinküste, Ihre Mutter aus Schwaben. Sind Sie froh, nicht eindimensional aufgewachsen zu sein, sondern Vielfalt zu verkörpern?

Ich sehe in dieser Vielfalt tatsächlich nur Vorteile. Je mehr du von der Welt mitbekommst, je mehr Erfahrungen du machst, desto mehr hast du die Möglichkeiten zu vergleichen, Dinge anders einzuordnen.

Sind Sie mehr Ivorer oder mehr Schwabe?

Der Schwabe spart.

Trifft das auf Ihre Mutter zu?

Ja. Das kriegst du aus ihr nicht raus.

Und, haben Sie die Sparsamkeit von ihr übernommen?

Teils, teils. Ich habe zum Glück von beiden Seiten etwas mitbekommen. Die Sparsamkeit und die typisch deutschen Tugenden von meiner Mutter. Und von meinem Vater das Lebhafte, den Spaß, den Genuss und die Freude an afrikanischer Musik. Ich weiß gar nicht, wie die beiden sich gefunden haben. (lacht)

Zeichnet Sie diese bunte Mischung auch als Fußballer aus?

Es fällt mir in der der Tat schwer, mich als Fußballer klar einem bestimmten Spielstil zuzuordnen. Nur Fußball zu arbeiten, das trifft auf mich nicht zu. Ich muss ihn auch leben können.

Welcher Gedanke treibt Sie konkret an?

Am wichtigsten ist mir, Freude an dem zu haben, was ich tue. Und die Zeit zu genießen, so lange ich gesund bin. Ich habe das Glück, dass der Fußball dafür sehr gute Rahmenbedingungen bietet, um viel Freude an seinem Beruf zu entwickeln.

Geht das im harten Fußballgeschäft überhaupt: immer Spaß zu haben?

Das geht schon. Klar, du musst mit Dingen wie Ergebnisdruck und Medienpräsenz zurechtkommen. Aber wenn du dir vor Augen führst, was dir da ermöglicht wird, musst du doch gute Laune haben: einfach Fußball spielen zu dürfen. Das war früher mein Hobby, meine Leidenschaft. Jetzt ist genau das mein Beruf. Dann muss das doch Spaß machen.

Bis Sie nach Ihren ersten beiden A-Länderspielen 2016 wieder von Jogi Löw für die Nationalmannschaft berufen worden sind, verging viel Zeit. Schoss Ihnen da im Vorfeld der WM mal die Frage durch den Kopf: Warum nominiert Jogi Löw mich nicht, der braucht mich doch?

Deutschland hat genug gute Spieler. Ich denke, ich habe auch vergangene Saison gute Leistungen gezeigt, war in einer guten Verfassung. Leider wurde ich dann durch die Verletzung gestoppt. Jetzt bin ich froh, wieder fit zu sein und auch für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Hat Deutschland seit dem Gruppenaus bei der WM seinen Top-Team-Status verloren?

Das sehe ich nicht so. Es gab auch andere Weltmeister, die ebenfalls früh beim nächsten Turnier die Heimreise antreten mussten. Und trotz der sicherlich nicht perfekten Ergebnisse in der Nations League kann ich nicht erkennen, dass die Nationalmannschaft an sportlicher Wertigkeit verloren hat. Ich denke, andere Nationen haben nach wie vor großen Respekt vor uns, weil jeder weiß, wie gefährlich Deutschland ist. Und das werden in Zukunft ganz sicher auch die Ergebnisse wieder belegen.

Bis Sie beim FC Bayern durchstarten konnten, dauerte es aufgrund Ihrer im Sommer noch nicht vollständig auskurierten Verletzung ebenfalls. Ist Geduld eine Stärke oder Schwäche von Ihnen?

Eine Schwäche. Als Fußballer willst du spielen. Das kann jeder der Jungs unterschreiben. Da Geduld aufzubringen, ist innerlich am schwersten. Äußerlich geht das. Man ringt in so einer Phase mit sich selbst: Man weiß zwar, dass es nicht geht, jedes Spiel zu machen und sein Ego über das Team zu stellen. Aber man will trotzdem auf den Platz. Du versuchst dann einfach, jedes Training Gas zu geben. Es bringt ja nichts, eine beleidigte Miene zu schieben. Aber ganz ehrlich: Nicht zu spielen, das ist mit das Schlimmste für einen Fußballer.

Gab es im Zuge Ihres Bayern-Wechsels Zweifel, ob Sie eine echte Chance haben, solange Arjen Robben und Franck Ribéry noch spielen?

Ich war relativ jung, als Franck bereits bei Bayern wirbelte. Da saß ich teilweise vor dem Fernseher und staunte. Mir war jedoch immer klar, dass eine Mannschaft, die in drei Wettbewerben vertreten ist, mehr als nur zwei Außenspieler benötigt. Und jeder von uns Flügelspielern geht mit dem gleichen Ehrgeiz an die Sache ran und will spielen. Im sportlichen Sinne ist es meine Konkurrenz. Aber ich bin auch ihre. Da spielt Alter keine Rolle.

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Arjen Robben lobt Sie als „Freund im Fitnessraum“.

Das ist ein schönes Kompliment. Aber Arjen verbringt dort immer noch etwas mehr Zeit als ich. Er hat ein sehr straffes Programm. Ich habe mein eigenes. Aber es gibt auch viele andere Jungs, die im Kraftraum gut dabei sind.

Welche?

Meine beiden Schnauzer- Freunde zum Beispiel: Joshua und Sandro. Gerade von Sandro haben einige Menschen möglicherweise ein falsches Bild. Er ist einer der ehrgeizigsten Spieler, die ich kenne. Einer, der auch im Gym immer alles gibt.

Kommt da bei Ihnen im Fitnessraum wieder die Mutter durch – auch außerhalb des Rasens sehr hart für den Erfolg arbeiten zu müssen?

Das ist sehr gut formuliert. In der Frage steckt viel Wahrheit drin. Ich möchte damit nicht sagen, dass mein Vater nicht auch hart arbeitet. Aber als kreativer Offensivspieler bist du von der Körpersprache zumeist ein bisschen lockerer als ein Verteidiger oder ein Defensiver wie Joshua. Diese Lockerheit empfinde ich im Spiel, da bin ich etwas mehr mein Vater. Im harten Trainingsalltag profitiere ich von den Eigenschaften meiner Mutter.

Sie haben vor geraumer Zeit James Harden von den Houston Rockets imitiert, indem Sie nach geschossenen Toren einen Koch mimten. Nach dem Motto: „Wer viele Punkte macht, ist der Chefkoch.“ Wo ist gerade Ihr Platz in der Bayern-Küche?

Regelmäßig auf dem Platz, hoffe ich.

Kochen Sie zu Hause?

Ich bin kein wirklich guter Koch. Ab und zu probiere ich mich an einem Gericht. Aber das ist ein Platz, an dem ich mich eher zurückhalte.

Der Schwabe geht essen?

Durchaus gerne. Aber wenn ich das zu oft mache, beschwert sich meine Mutter. Sie mahnt mich dann an, doch auch mal die Reste daheim zu essen.

Sie haben bereits unter vielen großen Trainern gearbeitet: Wenger, Nagelsmann, Löw, jetzt Kovač. Müssen Fußballer heute vielfältig sein, um zu „überleben“?

Ich kann es nur für mich beurteilen: Die vielfältige Ausbildung hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Die vielen Trainer haben einen ähnlichen Einfluss wie die vielen Stationen: Wenn du vieles erlebst, bist du für vieles offen. Du lernst, zu adaptieren. Jeder Trainer hat seine Philosophie, seine persönliche Art. Beispielsweise ist die Schule Nagelsmann sehr technisch, bei Arsenal war sehr viel auf Ballbesitz ausgerichtet, sehr viel auf One-Touch.

Inwiefern war der Weg von London über Bremen und Hoffenheim nach München eigentlich geplant?

Ich hatte bei meinem Weg zum Glück wirklich genug Möglichkeiten, die eine Entscheidung notwendig machten. Am Ende waren die genannten Vereine genau die Klubs, zu denen ich zum jeweiligen Zeitpunkt wollte. Anfangs war für mich wichtig, viel Spielzeit in der Bundesliga zu erhalten, mich in einem ruhigen Umfeld unaufgeregt weiterentwickeln zu können. Dafür war Bremen eine perfekte Station. In Hoffenheim ging es dann viel um das Fußballerische, um das Lernen. Es war eine Art Vorbereitung auf den größtmöglichen Schritt in Deutschland, dem Schritt zum FC Bayern. Und hier spiele ich nun auf internationalem Top-Niveau, auf dem ich mich jeden Tag beweisen muss.

Ihr Weg zum FC Bayern war also kein Zufall.

Das war der Plan. Und ich denke, mein Plan ist bis jetzt aufgegangen.

Bei Ihrer Vorstellung in München wurde zunächst allerdings mehr über Ihr rot-weiß gestreiftes Oberteil statt über Ihr Fußballkönnen diskutiert. Sind wir Deutschen manchmal zu eindimensional?

Den einen interessiert es, den anderen nicht. Dass das zu einem Thema in der Öffentlichkeit wurde, war meines Erachtens etwas übertrieben. Geärgert habe ich mich darüber aber nicht. Ich bin immer noch überzeugt von dem Polo. Ich finde, es sieht klasse aus.

Ist es Ihnen wichtig, was die Menschen über Sie denken?

Du willst als Mensch nie schlecht dastehen. Ich auch nicht. Abgesehen davon ist mir bewusst, dass Menschen verschiedene Meinungen zu Personen haben, die in der Öffentlichkeit stehen. Wenn ich mir über jede einzelne Meinung Gedanken mache, kann das schnell schiefgehen. Generell bin ich aber jemand, der an Menschen sehr interessiert ist.

Das belegt Ihr Engagement für die Initiative „Common Goal“. Sie gehören zu den Sportlern, die ein Prozent Ihres Gehaltes für soziale Zwecke spenden. Warum?

Erstens: Ich bin so erzogen worden, dass man teilt. Zweitens: Der Fußball ermöglicht dir, viele Länder zu bereisen. Und wenn du auf diesen Reisen mal nach rechts und links blickst, wird dir bewusst, dass es anderen Menschen wesentlich schlechter geht. Und drittens: Durch die Herkunft meines Vaters habe ich natürlich einen engen Bezug zu Afrika. Dort zu sein, öffnet mir jedes Mal nicht nur die Augen, sondern macht mich auch betroffen. Weil ein Teil meiner Familie dort eben unter völlig anderen Bedingungen lebt. Und obwohl sie wenig haben, versprühen trotzdem alle gute Laune, sind extrem hilfsbereit. Da schaust du dich um und denkst: ‚Wow!‘

Wie oft bekommen Sie ein persönliches „Wow“ von Ihrem Freund Per Mertesacker zu hören?

Ein „Wow“ von Per? Von ihm gibt es immer nur Feuer, immer Kritik. Er möchte, dass ich das Bestmögliche aus mir heraushole. Er steht für mich exemplarisch für die deutschen Tugenden: Immer arbeiten, immer versuchen, alles zu geben. Zu sehen, wie er arbeitet und den Fußball lebt, hat mich ebenfalls ein Stück geprägt.

Per wäre also eine gute Mutter.

Ich würde eher sagen, ein anstrengender Vater.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Tobias & Bastian Schweinsteiger: Deckname „Cantona“

Nach vielen Jahren beim FC Bayern wechselte Bastian Schweinsteiger 2016 zu Manchester United. Für ihn und Bruder Tobias ging damals ein Traum in Erfüllung. Die Liebe zu United schaffte es sogar bis zur Türklingel beider Schweinsteigers.

Tobias Schweinsteiger, als Ihr Bruder Bastian 2015 zu Manchester United wechselte, konnten Sie dann auch endlich das Old Trafford besuchen. Wie war es für Sie, das Stadion Ihres Lieblingsklubs zu besuchen?

Ich habe in England schon viele Spiele besucht, aber im Old Trafford war ich damals zum ersten Mal. Die Stimmung ist der reinste Wahnsinn. Nach dem ersten Spiel, das ich besucht habe, hat Ashley Young gesagt, dass die Atmosphäre an dem Tag nicht besonders gewesen sei. Da habe ich mich schon gefragt: Was ist hier los, wenn sie mal besonders ist? (lacht) Das Publikum ist anders in England, die Wertschätzung ist anders – sowohl gegenüber dem Spieler als auch dem Verein.

Sie haben als Fußballer viel erlebt und gesehen. Schafft es das „Theatre of Dreams“ dennoch einen mit über 30 Jahren nochmal vom Hocker zu reißen?

Das ist das Schöne am Fußball, dass es immer etwas Neues gibt, was einen fasziniert. Wir haben eine ganz eigene Fankultur in Deutschland und insbesondere beim FC Bayern. Diese Nähe, die wir hier den Fans bieten, gibt es in anderen Ländern vielleicht nicht so. Für meinen Bruder Bastian war es aber ein Reiz gewesen, etwas Neues zu erleben und auf der Insel eine neue Mentalität kennen zu lernen.

Lutz Pfannenstiel hat mal erzählt, dass er als Kind Fan von Flamengo Rio de Janeiro war. Sie und Bastian waren beide Fans von Man United, obwohl der FC Bayern und 1860 München nur ein paar Kilometer weg waren. Wie kommt denn das?

In einer Sportzeitschrift war ein Poster der Meistermannschaft von 1991/92. Das habe ich mir damals ins Zimmer gehängt. Und es war dann auch die Zeit, als Eric Cantona seine spektakulären Auftritte hatte, die nicht immer groß mit Fußball zu tun hatten. Cantona hat mich sehr interessiert, er hat mich fasziniert und ich habe nach ihm geforscht. Über Cantona entstand auch die Liebe zu Manchester United. Und irgendwann kam dann auch die goldene Generation, die „Class of 92“, mit Giggs, Scholes, Beckham, den Neville-Brüdern und Butt. Yorke, Cole, Solskjær kamen dann auch dazu. Das war eine riesen Truppe.

Bastian hatte an der Klingel seiner Münchener Wohnung den Namen Cantona stehen. Was stand bei Ihnen?

Ich hatte das in Regensburg auch. Wenn man mitten in der Stadt wohnt und „Schweinsteiger“ an der Klingel hat, kann man sich vorstellen, dass öfters mal einer klingelt. „Cantona“ ist unser Deckname gewesen. Es hat ganz gut gepasst, weil „Cantona“ hier in München oder Bayern auch nicht für jeden ein Begriff war. Zumindest nicht so wie „Schweinsteiger“.

Woher kam die besondere Bewunderung für Eric Cantona?

Er hat mich damals einfach fasziniert in seiner Spielweise, seinem ganzen Auftreten, seinem Revultionärem! Er hat immer polarisiert – und er tut es heute noch.

Gehen dem Fußball Typen wie er ab?

Es wird im Fußball immer wieder Typen geben, aber durch die flacheren Hierarchien und die Schulung schon ab dem Jugendalter werden sie nicht mehr diese Erscheinung haben wie früher.

Er war in einer Manchester- Mannschaft voller Stars. Und dennoch fiel er besonders auf. Das war nicht nur die sportliche Komponente, oder?

Die sportliche Komponente auf einer Seite, seine Führungsqualitäten und seine Ausstrahlung, hinter der sich diese vielen Talente entwickeln konnten, auf der anderen Seite.

Haben Sie Ihre Liebe zu Manchester United nach dem Finale 1999 eigentlich überdacht?

(lacht) Ich war hin- und hergerissen, das war nicht leicht. Aber damals war ich noch einen Tick mehr für Manchester United. Ich war 17 Jahre alt, das war die Revoluzzer-Phase. Man war für das, was nicht direkt vor der Haustür war.

Wie war es am nächsten Tag?

Ich war da schon nicht mehr in der Schule, sondern beim Bundesgrenzschutz. Beim Antreten in der Früh habe ich mich mit dem Man-United-Schal hingestellt und musste sofort zum Rapport. (lacht)

Hatten Sie sich dabei ertappt, in der Funktion als Fan bei Ihrem Bruder nachzufragen, wie es bei ManUnited so ist? „Wie ist der Rooney?“ „Wie ist die Kabine, usw.?“

Klar, das kommt aber automatisch. Wir leben in einer Zeit mit viel Technik. Da schickt man sich Bilder und Videos. Ich interessiere mich nicht nur als Fan, sondern auch als Bruder, wie es ihm geht und wie die Mitspieler sind. Ich habe mir auch selbst ein Bild machen können, als ich vor Ort war.

Der Socrates Newsletter

Bastian hatte in vielen Interviews über die Jahre immer wieder seine Zuneigung zu Manchester United geäußert, aber anscheinend hatte da keiner richtig zugehört. Der Bayern Fan Bastian geht zu seinem Lieblingsverein. Vielen ging es nicht so, aber Sie konnten es schon nachvollziehen, oder?

Ich war ja immer in seine Gedanken eingeweiht und es war die optimale Entscheidung für ihn, dorthin zu gehen. Man hätte davon ausgehen können, dass er beim FC Bayern noch zwei, drei Mal Meister geworden wäre. Er hatte aber die große Herausforderung gesucht und gefunden.

Interview: Fatih Demireli

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Pick’n’Roll mit Yannick Gerhardt: Hip-Hop-Hörender Welterkunder

Sie kennen Yannick Gerhardt (25) als Fußballprofi des VfL Wolfsburg? Aber heißt das, dass Sie den Mittelfeldspieler, der 2016 sein erstes und bisher einziges Länderspiel für Deutschland machte, wirklich kennen? Bei Pick’n’Roll verrät er, wohin er mit seiner Schwester Anna, die seit dieser Saison für Turbine Potsdam in der Bundesliga aufläuft, lieber geht als auf den Platz und in welchem Moment ein Traum für ihn wahr wurde.

Köln oder Wolfsburg?

„Auch wenn ich mich in Wolfsburg sehr wohl fühle, bleibt Köln immer meine Heimat.“

Luiz Gustavo oder Bastian Schweinsteiger?

„Gustavos Spielweise hat mir immer imponiert, er war ein Vorbild für mich in der Jugend. Als ich bei Wolfsburg in der Kabine neben ihm saß, wurde ein Traum wahr.“

Darts oder Billard?

„Ich finde beides cool, aber sehe meine Stärken eher im Billard.“

Städtereise oder Badeurlaub?

„Ich muss beides kombinieren. Sowohl nach einer anstrengenden Saison am Pool oder Meer entspannen, aber auch die freie Zeit nutzen, um die Welt zu erkunden und neue Kulturen und Länder kennenzulernen.“

Mit der Schwester kicken oder mit der Schwester ins Kino?

„Wenn wir uns sehen, wollen wir beide vom Fußball abschalten. Dann gehen wir lieber ins Kino.“

Sushi oder Schnitzel?

„Veganes Sushi!“

Papst oder Peter Stöger?

„Den Papst persönlich zu treffen, war eine außergewöhnliche Erfahrung. Peter Stöger habe ich jedoch auch einiges zu verdanken.“

Rap oder Rock?

„Ich höre am liebsten Hip-Hop und Rap.“

LeBron James oder Tom Brady?

„Beides absolute Topathleten in ihrer Sportart. Da man aber von LeBron mehr über Trainingsarbeit, Regenerationsmethoden, Motivation, Leadership und Denkweisen erfährt, ist er der GOAT.“

Anzug oder Trikot?

„Ich bevorzuge Trikots schon sehr gegenüber Anzügen als Arbeitskleidung.“

Facebook oder Instagram?

„Ich benutze Instagram öfter, Facebook kaum mehr. Ich sehe die Entwicklung von Social Media eher kritisch. Es macht süchtig und ist für mich wie eine Scheinwelt, in der es eher auf oberflächliche Aspekte wie Aussehen und materielle Dinge ankommt.“