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Video: Mit Joshua Zirkzee gegen Augsburg? Flick klärt auf

Spielt Youngster Joshua Zirkzee im Heimspiel des FC Bayern gegen den FC Augsburg wieder von Anfang an? FCB-Trainer Hansi Flick bezieht auf der Pressekonferenz Stellung. Das Video.

Noch muss der FC Bayern auf Robert Lewandowski verzichten. Nach dem Sieg beim FC Chelsea in der Champions League habe Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt einen Anbruch der Schienbeinkante am linken Kniegelenk diagnostiziert, teilte der Verein mit. Beim 6:0 in Hoffenheim vertrat der erst 17 jahre junge Joshua Zirkzee Lewandowski und traf bei seinem Startelf-Debüt. Beim Pokalspiel bei Schalke 04 spielte Thomas Müller vorne, wirkte aber unglücklich in dieser Rolle. Wer spielt nun gegen den FC Augsburg im Sturm? Trainer Hansi Flick über seine Gedankengänge.

Video: Flick-PK über die Stürmer-Situation
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Timo Werner im Interview: „Jetzt atmest du mal schnell in die Tüte“

Timo Werner jubelte einst Mario Gomez zu und glaubte nicht an eine große Fußballer-Karriere. Doch dann kam alles anders. Werner spricht im Exklusiv-Interview im Socrates Magazin darüber, warum er typisch ist und warum er sich erlaubt, immer noch ein junger Mann zu sein. 

Timo Werner, sind Sie typisch deutsch?

Das würde ich schon von mir behaupten.

Sie sind also ordentlich.

Ich bin sicherlich auch mal schludrig, aber in der Regel bin ich schon ordentlich, ja.

Bedeutet das, Sie räumen zuhause auf?

Meistens schon. Obwohl manchmal macht es auch meine Freundin. Okay, vielleicht doch eher sie. (lacht) Aber wenn es sein muss, dann mache ich es.

Welche klischeehaften, deutschen Eigenschaften machen Sie denn sonst noch aus?

Ich bin eigentlich immer pünktlich. Und ich würde von mir sagen, dass ich bei der Arbeit, also in jedem Training, arbeitseifrig bin. Ich bin keiner, der sich auf die faule Haut legt, sondern jemand, der sich anstrengt und immer besser werden möchte. Ich nehme das auch in anderen Berufsbereichen wahr: Die Deutschen sind schon sehr konsequent beim Aufstehen in der Früh und bei der Einhaltung der Arbeitszeiten – selbst wenn man möglicherweise einen Job hat, der einem nicht wirklich Freude bereitet. Die Arbeit wird immer erledigt. In dieser Hinsicht sind wir Weltmeister.

Das Interview mit Timo Werner erschien in der Ausgabe #20 im Juni 2018.

Timo Werner: „Keine schlechte Zeit für einen Stürmer“

Wie beim Fußball, der unsere Gesellschaft ebenfalls prägt. Welches deutsche Stürmer-Trikot hat Sie als Kind am meisten fasziniert?

Das Trikot von Mario Gómez. Er war mein Vorbild. Und ist Teil der deutschen Stürmer- Geschichte, die durchaus beeindruckend ist. Und aus der für mich Gerd Müller mit seinen zahlreichen Rekorden und Toren herausragt. Er ist für mich nach wie vor das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Natürlich folgen dahinter auch noch viele andere große Namen, die auf einem ähnlich überragenden Niveau waren und zu denen man als junger Stürmer aufschaut. Aber Gerd Müller kennt bis heute jedes Kind. Selbst die Kinder, die in diesem Jahrhundert geboren worden sind und ihn nie haben spielen sehen.

Speziell in den vergangenen Jahren wurde öffentlich bemängelt, dass es in Deutschland keine Stürmer mehr gebe. Hatten Sie dabei gelegentlich gedacht: Wartet ab, ich komme bald und löse das Problem?

Als ich nach Leipzig kam, war der Klub gerade erst aufgestiegen. Da war die Champions League noch sehr weit weg – genauso wie die Nationalmannschaft. Da hatte ich völlig andere Gedanken. Aber natürlich wusste ich, dass ich auf einer Position spiele, auf der in Deutschland Bedarf besteht und auf der man vielleicht ganz gut und schnell irgendwo reinstoßen kann. Es ist sicherlich keine schlechte Zeit für einen Stürmer. Als Zehner oder Außenbahnspieler hätte ich den Sprung in die Nationalmannschaft möglicherweise nicht so schnell gepackt. Vielleicht hatte ich da etwas Glück, aber im Endeffekt habe ich mir meinen Platz erarbeitet. Meine Torquote war zuletzt ja auch nicht so schlecht.

Problem gelöst.

Ich weiß gar nicht, ob es ein Problem gab. Man hat ja 2014 gesehen, dass Deutschland auch ohne echten Stürmer spielen und Weltmeister werden kann. Vor einigen Jahren haben viele nach einem zentralen Mittelfeldspieler gerufen. Zuvor wünschte man sich mehr Sechser oder Flügelspieler. Wir meckern ja alle gerne meistens an der Stelle, an der es scheinbar ein bisschen hapert.

Timo Werner: „Werde mich niemals Völler und Co. vergleichen“

Ist es als Stürmer in Deutschland aufgrund der großen Vorgängernamen besonders schwierig zu bestehen?

Es ist schon was anderes, Stürmer zu sein als Verteidiger. Wenn du den Ball reinschießt, bist du der große Held, der 80 Millionen Deutsche ins Viertelfinale, Halbfinale oder sogar Finale schießt. Und wenn du den entscheidenden Ball verschießt und Deutschland aus dem Turnier fliegt, bist du möglicherweise für vier Jahre der Depp. Das ist ein schmaler Grat, auf dem man als Stürmer wandelt. Aber ich habe mir genau diese Position ausgesucht. Ich wusste: Wenn ich irgendwann mal so weit kommen möchte, dann muss ich mit diesen Schwierigkeiten umgehen können. Und dabei macht es keinen Sinn, sich mit Spielern zu vergleichen, die vor 50, 60 Jahren aktiv waren und mittlerweile Legenden sind. Das wäre auch viel zu viel Druck. Wenn überhaupt, dann sollte man sich mit Spielern vergleichen, die aktuell auf dem Platz sind. Und dann kann man sagen: Es fehlt noch ein ganzes Stück zu einem Cavani oder Lewandowski.

Fehlt da bei Ihnen noch etwas?

Auf jeden Fall. Und deshalb liegt auch noch genug Arbeit vor mir. Aber nochmals: Ich werde mich selbst niemals mit einem Müller, Völler oder Rummenigge messen.

Um Vergleiche mit Gómez kommen Sie jedoch nicht herum. Früher Vorbild, jetzt Konkurrent. Wie nehmen Sie selbst dieses Duell wahr?

Einerseits ist es eine komische Situation. Ich saß im Alter von zehn, elf, zwölf Jahren früher im Stadion beim VfB Stuttgart und habe ihm zugejubelt, wenn er ein Tor geschossen hat. Jetzt sitze ich in der Kabine neben ihm, spiele manchmal sogar für ihn. Anderseits freue ich mich einfach riesig, dass ich es dorthin geschafft habe und dass ich den Weg meines Vorbildes nachahmen konnte. Es gibt viele junge Stürmer, die das gleiche Ziel haben wie wir. Aber es gibt wenige, die dieses dann auch erreichen.

Timo Werner: „Ich soll die Karriere genießen“

Vor allem in dieser rasanten Geschwindigkeit. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, unterschrieben Sie kurz zuvor in Stuttgart gerade Ihren ersten Profivertrag. Vier Jahre später mit Gomez im WM-Kader.

Wir haben 2014 mit dem VfB gegen den Abstieg gespielt, da war so ein Thema unrealistisch. Selbst wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich sehr bald in der Bundesliga, Champions League und Europa League viele Tore mache, dann auch noch Nationalspieler werde und ebenfalls treffe, dann hätte ich zu der Person gesagt: ‚Komm, wir gehen mal um die Ecke, du atmest mal schnell in die Tüte und dann ist alles wieder gut.‘ (lacht)

Dieser Person wären Sie jetzt etwas schuldig.

Absolut. Und ich freue mich natürlich, dass es so gekommen ist. Es ist schon Wahnsinn: Einst habe ich die WM teilweise beim Public Viewing als Fan verfolgt. Der Gedanke, dass ich selbst mal für die Nationalmannschaft spielen könnte, war ganz weit weg. Natürlich war mir bewusst, dass ich ein gewisses Talent besitze. Jedoch muss schon viel zusammenkommen, dass du da dann auch wirklich hinkommst.

Wünschen Sie sich gelegentlich nicht mal Zeit zum Durchatmen?

Es stimmt schon: Manchmal ist es schwer, alles zu realisieren und zu verarbeiten. Erst vor kurzem ging mit durch den Kopf: ‚Das ist jetzt schon deine fünfte Bundesliga-Saison. Jetzt sind auch schon wieder zwei Jahre RB Leipzig vorbei, du hast Champions League gespielt, bist Nationalspieler, stehst vor deiner ersten WM. Und du bist mittlerweile 22 Jahre alt, denkst aber, dass du eigentlich noch 19 oder 20 bist.‘ Die Zeit geht so schnell rum. Viele Personen von außen sagen immer, man solle die Karriere genießen, weil sie schnell vorbeigehe. Dass da was dran ist, habe ich in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gemerkt. Weil wir Menschen ja nicht in der Vergangenheit leben können, müssen wir alles im Hier und Jetzt betrachten. Und wenn man dann am Wochenende ein Spiel verliert, ist man die kommenden drei Tage sauer und kann sich eben nicht damit trösten, was man in den vergangenen Jahren alles geleistet hat.

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Timo Werner: „Ich kann noch viel lernen“

Fällt es da wirklich so leicht, sich keinen Kopf zu machen, wie Sie häufig betonen?

Wenn man gewinnt, ist es deutlich einfacher. Dann läuft vieles von alleine. Wenn man verliert, dann jedoch nicht. Dann kommt der Kopf ins Spiel. Erstens, weil man beginnt, sich selbst zu hinterfragen. Zweitens, weil man darüber nachdenkt, was mit der Mannschaft los ist, was gerade möglicherweise nicht so gut funktioniert. Natürlich mache auch ich mir dann Gedanken, warum man verliert, warum man selbst keine Top-Leistung erreicht hat. Nach Niederlagen hängen auch vergebene Chancen länger nach. Es gibt Phasen im Fußballgeschäft, die schwer sind – gerade wenn man aus einem Wettbewerb wie der Champions League oder der Europa League rausfliegt. Aber auch damit umzugehen, muss man lernen. Und ich denke, das habe ich ganz gut hinbekommen.

Was tun Sie, um die jugendliche Lockerheit beizubehalten?

Ich erlaube mir einfach, 22 zu sein. In meinem Alter ist es nicht so schwer, den Kopf frei zu bekommen. Dann muss man abends halt einfach auch Sachen machen, die man als normaler 22-jähriger Junge macht: sich vor die PlayStation hocken, ins Kino gehen, vielleicht auch abends mal mit der Freundin oder den Freunden weggehen. Und nicht versuchen, sich aufgrund des Jobs und des öffentlichen Interesses plötzlich anders zu verhalten. Man sollte als 22-jähriger Profi neben dem Fußball auch normal leben dürfen. Das erlaube ich mir.

Weshalb Sie in Fußball-Deutschland bereits als echter Typ mit klarer Haltung wahrgenommen werden. Empfinden Sie das als Kompliment?

Wenn damit Charakterstärke gemeint ist, freue ich mich durchaus darüber. Aber trotzdem bin ich in einem Alter, in dem ich mich noch nicht als riesigen Typen bezeichnen würde. In der Nationalmannschaft habe ich viele gestandene Personen um mich herum: einen Müller, einen Hummels, einen Kroos. Das sind alles Spieler, an denen ich mich orientiere. Das sind Spieler, die mit ihrer Willensstärke vorangehen und von denen ich noch viel lernen kann.

Spiegelt das öffentliche Bild des Fußballers Timo Werner, der auch mal aneckt, den privaten Timo Werner korrekt wider?

Ich bin schon jemand, der deutlich zeigt, dass ihm etwas nicht gefällt, wenn er unzufrieden ist. Und trotzdem bin ich eigentlich ein lieber Junge, der niemandem etwas Böses will. Besonders in den vergangenen Jahren habe ich einige Dinge erlebt, die mich haben reifen lassen. Als Fußballer und als Mensch. Ich habe auch kein Problem damit, in diesem Zusammenhang nochmal meine Schwalbe 2016 gegen Schalke zu erwähnen, für die ich viel Kritik einstecken musste, vor der ich mich aber nie verkrochen habe. Jeder hat ja so eine innere Stimme. Meine sagt mir, dass ich wirklich gut mit der Situation umgegangen bin und dass ich es durchaus verdient habe, nach allen Schwierigkeiten nun auch weiterhin Erfolg auf dem Platz zu haben.

Sie streben mehr danach, erfolgreich anstatt everybody’s darling zu sein?

Everybody’s darling – ich weiß gar nicht, ob das geht. Natürlich strebe ich nach Erfolg, ich bin schließlich Leistungssportler. Aber dennoch bin ich keiner, der es sich dabei mit allen Menschen verscherzen oder der da draußen der große Buhmann sein möchte. Ich will keine Show abziehen oder den großen Macker raushängen lassen. Ich will einfach meinen Traum leben, Fußball spielen und meine Leistung bringen. Für meinen Verein. Und für mein Land.

Welchen Anteil hat RB Leipzig an Ihrem Erfolg?

Ich habe RB sehr viel zu verdanken. Der VfB Stuttgart war mein Ausbildungsverein. Aber hier in Leipzig bin ich zu dem Profi geworden, der ich jetzt bin. Hier habe ich viel Neues im taktischen Bereich, aber auch bei der Arbeit mit dem Ball gelernt. Für mich steht fest: Ohne RB wäre ich nicht Nationalspieler geworden. Aber im Turnier hilft einem der Verein leider nichts. Da müssen mir meine persönlichen Stärken Flügel verleihen. Und die müssen mich auch durch meine Karriere tragen, selbst wenn ich RB irgendwann einmal verlassen sollte.

Der Socrates Newsletter

Wie wertvoll ist für dieses große Ziel der Austausch mit Trainer-Assistent und Ex-Stürmer Miro Klose?

Miro ist gerade für einen jungen Stürmer ein wichtiges Detail im Trainerstab. Er ist eine Persönlichkeit, die aufgrund ihrer großen Turniererfahrung wertvolle Tipps geben kann. Er kommt viel auf mich zu, weil er weiß, dass ich sehr viel zu lernen habe. Er gibt mir seine Empfehlungen weiter. Dabei waren auch schon zwei, drei Tipps, die sich in Länderspielen dann auch tatsächlich in Tore umgemünzt haben.

Dürfen Sie diese Tipps verraten oder sind diese so geheim, dass dadurch auch Ihre Sturm Konkurrenz umgehend besser trifft?

Es handelt sich dabei vor allem um Laufwege vor dem Tor und Gedanken, die man vor dem Torabschluss entwickelt. Das trainiere ich dann einfach zwei-, dreimal mit Miro und übernehme es dann eher instinktiv. Das geht bei mir relativ schnell. Miro ist daher sehr wichtig für mich.

Andere Frage: Wie froh sind Sie, dass Sie Werner heißen und nicht Schuh wie Ihr Vater, der selbst Fußballprofi war?

(lacht) Mein Papa ist darüber nicht froh, auch wenn er sich mittlerweile damit abgefunden hat. Für mich ist das kein Problem. Man gewöhnt sich an den Namen, den man trägt. Es wäre komisch, jetzt Schuh zu heißen.

Haben Sie mal über die möglichen Schlagzeilen im Boulevard nachgedacht?

Da hätten sich wahrscheinlich einige angeboten. Wahrscheinlich sollte ich also froh sein, Werner zu heißen. Der Name klingt ja auch typisch deutsch.

Interview: Felix Seidel

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Infos: Alexander Nübel nicht mehr im Schalke-Tor

Alexander Nübel oder Markus Schubert? Beim FC Schalke 04 ist offenbar eine Entscheidung gefallen, wer im DFB-Pokal-Spiel gegen den FC Bayern und im Rest der Saison im Tor stehen wird. 

Beim FC Schalke 04 scheint es eine Entscheidung zu geben, wonach Alexander Nübel fortan nicht mehr im Tor der Königsblauen stehen wird. Wie „Sky“ berichtet, hat sich Trainer David Wagner dazu entschieden, im DFB-Pokal-Viertelfinalspiel gegen den FC Bayern sowie in den restlichen Spielen der Saison auf Markus Schubert zu setzen. Nübel fiel zuletzt durch diverse Patzer auf. Nach der Niederlage beim 1. FC Köln am Samstag wurde er zudem Ziel von Protesten der Schalker Anhänger.

Video: Nübel nicht mehr Schalkes Nummer 1
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Kevin Kuranyi im Interview: „Ich war der Schlechteste“

Es gibt Fehler, die Kevin Kuranyi bereut, aber ansonsten ist der ehemalige Stürmer sehr zufrieden mit einer Karriere mit weit über 500 Spielen für den VfB Stuttgart, Schalke 04 und Co. Im Interview erzählt er, wie er aus wenig Talent viel machte und warum Julian Nagelsmann eine Universität ist.

Kevin Kuranyi, wie sieht heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, bereite die Kinder für die Schule vor und fahre sie um viertel vor acht dort hin. Danach gehe ich ins Fitnessstudio, um fit in den Tag zu starten. Dann beginnen schon die Termine. Da kann es um meine Immobilien gehen oder um die Spieler, die ich betreue. Da steht viel an. Als Rentner hat man viel zu tun (lacht).

War das Leben als Fußballer entspannter?

Es war einfacher. Man wusste ganz genau: Am Morgen wird mit der Mannschaft gefrühstückt, dann gibt es Training und mittags ist man schon fertig. Und jetzt muss man genau planen, den Tag oder die Woche vorbereiten. Treffe ich heute den Stadtrat oder erst # morgen? Wann kommt der Projektplaner? Am Wochenende schaut man sich dann weiter die Fußballspiele an, aber das muss alles gut vorbereitet werden.

Sie sagen es: Als Spieler war ein Training oder ein Spiel immer ein Ziel. Was passiert, wenn dieser Ankerpunkt plötzlich weg ist? Wie kompensiert man diesen?

Ich musste mir Zeit geben. Ich musste das tatsächlich erst einmal verarbeiten und verstehen, wie mein Leben nun weitergeht. Ich war nicht mehr der Fußballer. Ich musste mir neue Ziele setzen, um neue Orientierungspunkte im Leben zu haben. Es war aber nicht so, dass es nur Nachteile hatte. Der Fußball ist auch mit viel Stress und Druck verbunden. Diesen nicht mehr zu haben und die Freizeit zu genießen, war sehr wichtig. Daher war es mir auch wichtig, nicht direkt irgendwo einzusteigen und den nächsten Schritt zu machen.

Wie viel Zeit haben Sie gebraucht?

Ein paar Monate. Es kann sein, dass ich etwas länger gebraucht habe als der eine oder andere. Aber es hat mir und meiner Familie gutgetan.

Ist die Familie von Ihnen eigentlich schon genervt?

Anfangs war sie das, ja. Da bin ich auch schon mal rausgeworfen worden (lacht). Spaß beiseite: Man gewöhnt sich an alles. Jetzt bin ich öfters und zu anderen Uhrzeiten zu Hause und kann viel mit meinen Kindern reden. Das kam ja in den Jahren als Profi oft zu kurz. Jetzt kann ich zum Beispiel auch öfter zum Training meines Sohnes gehen oder ihn den ganzen Tag begleiten, wenn er bei einem Turnier ist. Oder Dinge mit meiner Tochter unternehmen, die früher schwierig waren, als ich permanent unterwegs war.

Fänden Sie es okay, wenn Ihr Sohn Fußballprofi werden will?

Ja, natürlich. Jeder muss seinen Traum leben. Wenn es sein Traum ist, Profifußballer zu werden, werde ich ihm das nicht ausreden. Aber ich werde ihm auch sagen, dass er hart arbeiten muss, weil Millionen von Kindern den gleichen Traum haben. Träumen kann jeder, den Traum verwirklichen nicht.

Fragt er schon, wie Sie es geschafft haben?

Ja.

Und was sagen Sie ihm?

Schauen Sie … Ich hatte nicht viel Talent als Kind, aber das, was da war, habe ich gut ausgeschöpft. Als ich zehn Jahre alt war, war ich der Schlechteste. Ich dachte mir: Nein, das muss besser werden und ich habe mich Jahr für Jahr verbessert, bis ich es geschafft habe.

Jetzt müssen Sie aber allen schlechten Fußballern den ultimativen Tipp geben, wie Sie das geschafft haben.

Natürlich gehört da auch Glück dazu. Zu meiner Jugendzeit hatte der VfB Stuttgart nicht viel Geld, um teure Spieler zu holen und musste auf die Jugend setzen. Das war meine Chance. Ich habe sie genutzt. Ich war ein Kämpfertyp. Ich wollte immer besser werden. Ich wollte immer Neues lernen. Ich habe immer zugehört und ich habe den Personen, die mich besser machen wollten und mir das Fußballspielen beigebracht haben, immer Respekt gezeigt.

Weil Sie diese Respektspersonen auch gebraucht haben?

Ja. Ich war alleine in Deutschland. Es gab keinen Papa oder keine Mama, die mir den Kopf streicheln oder mir helfen konnten. Es gab nur mich und ich musste es schaffen – auch um meine Familie irgendwann nach Deutschland holen zu können, um sie in meiner Nähe zu haben. Gott sei Dank habe ich es geschafft.

Als jemand, der sich schon als Kind über Ziele definiert hat, müssen Ihnen Ziele nach wie vor wichtig sein.

Das stimmt. Ob ich jetzt Fußballer oder Frührentner bin, spielt keine Rolle. Es gibt immer etwas zu erreichen.

Gibt es Ziele, die Sie nicht mehr verfolgen?

Ich will nicht mehr Profifußballer werden.

Sind Sie zufrieden, wie Ihre Karriere verlaufen ist?

Eigentlich ja. Aber ich habe auch Fehler gemacht, obwohl sie vielleicht wichtig waren, um aus ihnen zu lernen. Eine Karriere ohne Fehler schafft kaum einer. Die, die es schaffen, werden zu Weltstars. Aber ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, denn es hätte auch schlechter laufen können.

Was war der größte Fehler?

Die Stadionflucht damals bei der Nationalmannschaf in Dortmund. Sie hat meine Karriere markiert. Eine andere Entscheidung wäre da wohl besser gewesen.

Glauben Sie, dass der Typ Kevin Kuranyi durch diese Aktion in Deutschland fortan anders gesehen wurde?

Es entstand dadurch sicherlich ein etwas anderes Bild von mir. Es entstand eine Figur, die ich nicht bin, sondern eine, die von den Schlagzeilen in den Zeitungen geformt wurde. Aber da bin ich selbst schuld.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass Sie nie eine Nebenrolle innehatten, sondern immer auffielen. Hat das mehr geholfen oder gestört?

Ich denke, es hat meinen Klubs geholfen. Klar habe ich immer polarisiert, aber ich habe immer für meine Mannschaften gekämpft, ging immer vorneweg und habe ab und zu meine Meinung gesagt, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Ich habe nur bei vier Klubs gespielt, bei drei Klubs sogar sehr lange. Wäre ich ein Problemfall gewesen, hätte ich nicht so lange bei diesen Klubs gespielt. Ich habe mich immer mit meinen Vereinen identifiziert und hatte immer viele Freunde innerhalb der Klubs. Das war das Wichtigste für mich.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Sie haben 212 Tore in Ihrer Laufbahn geschossen. Nur bei 1899 Hoffenheim gingen Sie komplett leer aus. Ist das ein Makel Ihrer Karriere, ohne Tor für Ihren letzten Klub abgetreten zu sein?

Oh ja! Das nervt mich immer noch. Ich habe leider nicht die Leistung zeigen können, die ich selbst von mir erwartet habe. Aber natürlich auch nicht die Erwartungen des Klubs erfüllt.

Dabei hatten Sie mit Julian Nagelsmann einen Trainer, der seine Offensivspieler fördert. Wie war die Zusammenarbeit?

Es gab Trainer in meiner Jugendzeit, die nicht so viel Ahnung von Fußball hatten. Das war wie an der Hauptschule. Julian Nagelsmann ist wie eine Universität.

Interessanter Vergleich. Inwiefern?

Er denkt vierundzwanzig Stunden Fußball. Darüber, was man besser machen kann und wie man eine Mannschaft taktisch so klug schult, dass sie innerhalb einer Minute die komplette Vorgehensweise ändern kann. Die Basis dafür ist sein Training, das einen Spieler zwingt, über Fußball nachzudenken. Du musst konzentriert sein und die Übung verstehen. Wenn du sie nicht verstehst, machst du sie falsch und bist raus. Dies entwickelt auch einen Spieler weiter, weil er automatisch mitdenkt und verstehen muss.

Was haben Sie gedacht, als der Klub ihn als Cheftrainer installiert hat?

Ich habe gedacht: „Oh, da kommt ja ein ganz Junger. Was will der mir sagen?“ (lacht). Ich war Nationalspieler, spielte bei Top-Vereinen, hatte viel Erfahrung. Ich überlegte, was er mir vormachen kann.

Und dann?

Dann kam seine Antrittsrede und all diese Gedanken waren weg. Ich war sofort überzeugt von ihm.

Warum?

Seine Rede war so intelligent und inhaltlich stark, dass alle wussten, was für ein Kaliber vor uns steht. Er hatte eine klare Idee davon, wie er Fußball spielen lassen will, was er von uns erwartet und was er für ein Typ ist. Ich wusste von da an, dass das Alter keine Rolle spielt und dass auch ein 30-Jähriger einem arrivierten Profi zeigen kann, wie Fußball geht.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Ich hatte viele Top-Trainer wie Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Rudi Völler oder Joachim Löw, um nur einige zu nennen. Aber Felix Magath hat mich am meisten geprägt. Er hat sich damals getraut, einem jungen Spieler die Chance zu geben, in der Bundesliga von Anfang an zu spielen. Ich weiß noch, dass ich damals ein Top-Trainingslager unter ihm absolviert hatte. Er hat das honoriert und dafür bin ich dankbar.

Gab es einen Trainer, bei dem es gar nicht gepasst hat?

Nein. Ich bin mit jedem Trainer zurechtgekommen und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass mich einer nicht weiterbringen kann. Wenn es in einer Mannschaft nicht läuft und die Ergebnisse nicht stimmen, werden die Fehler meistens beim Trainer gesucht. Aber oft ist es eigentlich die Mannschaft, bei der gesucht werden muss.

Werden wir einen Trainer Kevin Kuranyi erleben?

Nein, ich werde kein Trainer. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand eine Trainerkarriere startet oder es noch werden will, weil ich weiß, wie viel Arbeit das ist, eine Mannschaft erfolgreich zu trainieren und welchem Druck man dabei ausgesetzt ist. So eine Fußballmannschaft ist eigentlich wie ein Kindergarten mit 20-25 Kindern, die man zu einer Einheit formen soll. Es ist immer jemand unzufrieden. Es gibt immer Probleme, die man lösen muss. Diesen Stress will ich mir ehrlich gesagt nicht geben.

Der Socrates Newsletter

Sie haben sich für eine Zukunft als Spielerberater entschieden.

Ja, das stimmt. Hier kann ich meine Zeit selbst einteilen und meine Erfahrung, als einstiger Jugendspieler, der es in die Bundesliga geschafft hat, weitergeben. Ich glaube, dass ich es jungen Spielern einfacher machen kann, sich schneller zu entwickeln, weil ich weiß, wie sie ticken und welchen Gedankengängen sie haben. Ich bin zwar 35 Jahre alt, kann mich aber immer noch in einen jungen Menschen hineinversetzen.

Die Beraterszene ist umkämpft. Sind Sie dort willkommen?

Es ist ein Haifischbecken. Für einen Neuankömmling ist es nicht einfach, hineinzutreten. Aber mit Seriosität, Zuverlässigkeit und guten Kontakten kann man nach wie vor punkten. Ich weiß, dass es viele Rückschläge geben kann und viele Schwierigkeiten kommen werden. Es wird Neider geben, man wird mich als Konkurrent sehen. Ich weiß um die Hindernisse, aber wenn ich so bleibe wie ich bin und wie ich immer war, dann kann ich diesen Weg gehen und erfolgreich sein.

Wie war das erste Gespräch als Berater mit einem Klub?

Es war gut. Es war ein englischer Klub und auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist, kam ich ganz gut durch und habe es geschafft, die Verantwortlichen zu überzeugen (lacht). Letztlich sprechen wir über Fußball. Ein Element meines Lebens. Klar hat man verschiedene Ansichtsweisen, man diskutiert über die Stärken und Schwächen eines Spielers, über die Zukunftsplanung. Aber es ist eben alles, was ich selbst schon mal erlebt habe.

Kevin Kuranyi, wo ist eigentlich Ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. Die stelle ich mir manchmal selbst. Ich bin in Brasilien aufgewachsen, habe zwei Jahre in Panama gelebt, danach bin ich nach Deutschland gekommen. Ich fühle mich in allen drei Ländern zu Hause, fühle mich überall sehr wohl, aber Heimat ist, wo meine Familie ist, und das ist Stuttgart.

Interview: Fatih Demireli

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Zidane nach dem Clasico: Einblicke in die Real-Kabine

Real Madrid hat den Clasico in der Primera Division gegen den FC Barcelona gewonnen. Doch Zinedine Zidane verrät: Die Stimmung war nicht besonders gut im Vorfeld. Die Pressekonferenz des Real-Trainer im Video.

Zinedine Zidane: Einblicke ins Seelenleben

Erst Vinicius nach toller Vorarbeit von Toni Kroos, dann der eingewechselte Mariano: Real Madrid hat den Erzrivalen FC Barcelona im „El Clasico“ mit 2:0 besiegt und sonnt sich an der Spitze der Liga. Nach einer schwachen ersten Halbzeit steigerten sich die „Königlichen“ im zweiten Durchgang und triumphierten im Estadio Bernabeu.

Der Sieg ist allerdings kein Ergebnis von überschwänglichem Selbstvertrauen, wie Trainer Zinedine Zidane auf der Pressekonferenz verraten hat. Der Franzose spricht über die Stimmung nach der Pleite gegen Manchester  City in der Champions League, lobt aber auch seine Mannschaft in höchsten Tönen.

Video: Zidane über das Seelenleben

Dietmar Hopp: Falsche Prioritäten

Dass sich DFL und DFB gegen die Anfeindungen von Dietmar Hopp wehrt, ist richtig. Allerdings setzt die Bundesliga falsche Prioritäten, denn Fußball-Deutschland hat weitaus größere Probleme. Der Kommentar von SOCRATES-Chefredakteur Fatih Demireli.

Philippe Coutinho oder Joshua Zirkzee waren sicherlich etwas genervt. Es war ihr Fußball-Nachmittag, an dem sie in der Bundesliga endlich mal von Anfang an glänzen durften. Coutinho schoss zwei Tore, nachdem man ihm wochenlang Formschwäche attestierte. Zirkzee war haalandisch unterwegs und erzielte bei seinem Startelf-Debüt für den FC Bayern in Hoffenheim sein drittes Bundesliga-Tor, benötigte dafür insgesamt 26 Minuten.

Gut möglich, dass die beiden Filigrantechniker aus Brasilien und den Niederlanden erstmal nicht wussten, was da gerade in der PreZero Arena zu Sinsheim geschieht. Warum Schiedsrichter Christian Dingert das Spiel erst einmal unterbrach, dann Minuten später beide Mannschaften in die Kabine schickte, während ihre Vorgesetzten vor der Kurve, wo die Bayern-Fans sitzen (oder stehen), wild gestikulieren. Inzwischen sollten sie erfahren haben, dass Zuschauer im Fanblock Banner ausrollten, in denen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp auf heftigster Weise beleidigt wurden. Ein komplettes Unding, völlig klar, dass man da eingreifen muss.

Deutschlands Antwort auf Rassismus ist Cacau

Coutinho wird sich vielleicht gedacht haben: „Wow! Schön, wie sensibel sie hier in Deutschland mit diesen Themen umgehen.“ Vielleicht wird er ja in der Heimat davon erzählen, ja davon schwärmen, welch solidarische Kraft hinter dem deutschen Fußball steht. Vielleicht werden die brasilianischen TV-Sender dann einen Beitrag produzieren, Mitschnitte vom Live-Kommentar des Spiels Hoffenheim gegen Bayern München zeigen (die DFL wird da mal sicher eine Ausnahme machen und es erlauben) und dokumentieren, wie der Kommentator mit voller Inbrunst gegen Beleidigungen vorging, wie er klatschte, als es die Zuschauer, Spieler, Funktionäre und Milliardäre in Sinsheim taten. Wie er sich seinen journalistischen Pflichten entledigte, um Solidarität zu demonstrieren.

Deutschlands Antwort auf Beleidigungen dieser Art ist geschlossene Solidarität, werden sie sagen und merken. Dann werden sie Coutinho fragen, wie es beim Rassismus aussieht. Das ist ja auch ein großes Thema in Brasilien. Und Coutinho wird sagen: Deutschlands Antwort auf Rassismus ist Cacau. Ein Landsmann, der einst sogar deutscher Nationalspieler war, ist Integrationsbeauftragter beim Deutschen Fußball-Bund und soll sich darum kümmern, dass… ja… irgendwas mit Integration. Cacau weiß das selbst nicht so genau.

Welche Phase bei Torunarigha?

Cacau weiß leider eigentlich selten etwas. Das Einzige, was er offenbar gut kann, ist bestürzt zu sein, wenn sich irgendwo im deutschen Fußball-Umfeld ein rassistischer Vorfall ereignet. Dann darf dieser Cacau ins Fernsehen, ein paar auswendig gelernte Antworten vortragen, traurig gucken und wieder gehen. Man darf dem DFB sicher nicht unrecht tun, Cacaus Anstellung wird nicht die einzige Maßnahme in der Bekämpfung von Rassismus sein. Aber was es auch ist: Es ist nicht genug.

So einen Drei-Stufen-Plan, den es im Fall von Dietmar Hopp gab, der dafür gesorgt hätte, dass die Bayern das Spiel, das sie mit 6:0 geführt hatten, am grünen Tisch verlieren, wurde tatsächlich erstmals im Fall von Hopp richtig bekannt. Welche Phase wurde eigentlich eingeleitet, als Jordan Torunarigha in Gelsenkirchen rassistisch beleidigt wurde? Auch wenn er es in seinen Tagebüchern nie schrieb, ist bekannt, dass Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann den Fall beim Schiedsrichter meldete. Doch dessen nächste Stufe war die Gelb-Rote-Karte für den aufgelösten Torunarigha.

Kein Mensch verdient Beleidigungen

In Münster wurde Würzburgs Leroy Kwadwo rassistisch angegangen. Aktiv wurden dort aber vielmehr die Fans von Preußen Münster, die Eigeniniative ergriffen hatten, um den Rassisten unter sich ausfindig zu machen. Griff dort der Stufen-Plan des DFB, der für die 3. Liga zuständig ist? Ach ja: Wie sieht es eigentlich um die Ermittlungen gegen Daniel Frahn aus? Der Mann, der seine Nähe zur rechtsradikalen Szene offen zur Schau trug und nun völlig ohne Hürden nach Babelsberg wechseln durfte.

Leider lässt sich diese Liste ewig weiterführen, doch auf ein Exempel musste man leider ewig warten. Dieser wurde bei Hopp statuiert. Ich muss zugeben, dass er mir leidgetan hat. Kein Mensch verdient Beleidigungen dieser Art. Hopp war sichtlich mitgenommen, aber reicht das, um bei ihm den Anfang zu machen? „Hopp hat so viel getan und verdient Respekt“, hört man immer wieder als Argument, warum man den SAP-Gründer nicht beleidigen darf.

Das falsche Exempel

Erstmal bedarf er keiner Gründe, irgendjemanden zu beleidigen oder zu diffamieren, andererseits stellt sich dann die Frage: Darf man also jeden anderen, der nicht so viel getan hat, also vielleicht dann doch mal beleidigen? Hätte Leroy Kwadwo einfach mal sein ganzes Hab und Gut investieren sollen, damit man von ihm sagen kann: „Er hat so viel für Würzburg und die Region getan.“ Reicht es nicht, dass er und Jordan Torunarigha einfach nur Menschen sind?

Das Argument zieht nicht und Hopp ist auch das falsche Exempel, um gegen Diskriminierung vorzugehen. In Zeiten des Rechtsrucks, in Zeiten von Hanau, in Zeiten von AfD gibt es genug Anlässe und genug Exempel, um wirksam zu reagieren und der viel zitierten Vorbildsfunktion gerecht zu werden. Hoffenheims Geschäftsführer Dr. Peter Görlich sagte nach den Vorfällen in Sinsheim, dass das Vorgehen gegen die Beleidigungen ein tolles Beispiel sei, „bis runter zu den Amateurligen“. Dr. Görlich mag recht haben, aber die größten Probleme an der Basis sind nicht gekränkte Milliardäre, sondern rassistisch und leider auch antisemitisch angefeindete Hobbysportler.

Wenn die DFL und DFB den Fall Hopp nun zum Anlass nehmen, ab sofort gegen jede Art von Diskriminierung vorzugehen – und zwar auf exakt gleicher Weise – dann hat die Aktion etwas gebracht. Wenn ab sofort jedes Spiel unterbrochen wird, wenn in Stadien beleidigt wird, dann war es eine gute Tat. Wenn nicht, wird Coutinho nicht viel Gutes zu berichten haben.

Fatih Demireli

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Hertha BSC: Dickes B, Digga!

Hertha BSC war lange Zeit nicht das liebste Kind der Hauptstadt, aber das Schicksal meinte es gut mit den Berlinern, so dass selbst die Bayern nervös wurden. Wiederholt sich die Geschichte?

Durchsagen in Fußballstadien sind ja immer so eine Sache. „Der Fahrer des PKW mit dem amtlichen Zeichen xyz möge bitte sein Auto sofort wegfahren. Sie stehen an der Stadioneinfahrt.“ Oder: „Der vier Jahre alte Nils-Torben sucht seine Eltern. Bitte melden Sie sich an Eingang C.“ In München gab es vor Jahren die Durchsage, dass ein Besucher doch bitte zu Hause anrufen möge, die Wehen bei seiner hochschwangeren Frau hätten eingesetzt.

In Berlin, Mitte der 1990er Jahre, gab es diese Probleme nicht. Die Geburtenrate war damals völlig okay, Autos sind die Menschen auch gefahren. Ob die Kinder der Berliner damals Nils Torben hießen, sei mal dahingestellt. Das Problem war vielmehr, dass die Berliner nicht ins Stadion gingen. Zumindest nicht zu Hertha BSC. Die Blau-Weißen waren sportlich zu uninteressant und zu wenig erfolgreich, die Klientel im maroden Berliner Olympiastadion nicht einladend.

Wie kam es zum Paradigmenwechsel bei Hertha BSC?

Offenbar war es phasenweise sogar so schlimm, dass es folgende Durchsage bis in die Geschichtsbücher schaffte: „Die Toilettenbenutzung im Olympiastadion ist kostenlos. Für den Fall der Fälle.“ Es bedurfte damals eines expliziten Hinweises darauf, dass man einen bestimmten Ort aufsuchen müsse, um den natürlichen Bedürfnissen des Menschen Rechnung zu tragen.

Wie es ein Klub schaffte, in nur wenigen Jahren einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, so dass nicht nur Menschen ins Stadion kamen, die wissen, wo man sich seines Harndrangs entledigt, sondern auch solche, die den erfolgreichen Fußball des hiesigen Fußballvereins genießen wollten, der plötzlich so angesagt war, dass selbst der FC Bayern München nervös wurde, war eine Erfolgsgeschichte.

Gerichtsvollzieher grüßte man beim Namen

Der Wandel begann eigentlich schon Anfang der 90er Jahre, aber damals war das Elend noch zu tief verwurzelt, als dass man es hätte sofort schaffen können, sich davon zu befreien. Überhaupt war ganz Berlin in jener Zeit viel zu sehr damit beschäftigt, die Wende schadlos über die Bühne zu bringen. Was ist da schon ein Fußballverein, der seit Jahren erfolglos Schulden anhäufte und sich nicht zu helfen wusste?

Regelmäßige Besucher an der Geschäftsstelle waren nicht Dauerkarten-Interessenten, sondern Gerichtsvollzieher, die man irgendwann mit dem Namen begrüßte, weil sie so oft da waren. Bernd Schiphorst gehört zu den Menschen, die wissen, wie es war, als die Hertha noch eine „junge Dame“ war und es in der Tat als eine vorzeigbare Freizeitbeschäftigung galt, die Spiele des Klubs zu besuchen.

Schiphorst: Erst Fan, dann Vermarkter

„Das war Mitte der 60er Jahre“, erinnert sich Schiphorst. „Ich studierte an der Freien Universität Berlin und Hertha bestritt spannende Aufstiegsspiele zur Ersten Liga. Gegen SV Alsenborn strömten 80.000 Zuschauer ins Olympiastadion. Ich war ein Landei aus Oldenburg und kam fußballerisch von der Hölle des Nordens, vom VfB Oldenburg, nach Berlin und erlebte Hertha.“

30 Jahre später war Schiphorst dann Chef der Ufa, ein Sportrechtevermarkter, der später zu Sportfive überging und heute in Lagardère Sports Germany aufgegangen ist. 4,5 Millionen D Mark investierte die Ufa, sicherte sich dadurch die Rechte an der Bandenwerbung im Olympiastadion.

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Hertha wurde zum Glück gezwungen

Viel Geld für einen Verein mit einem Zuschauerschnitt von 3.000 bis 4.000, aber Schiphorst und sein Unternehmen „sahen das Potenzial“ beim Berliner Sport-Club. Immerhin handelte es sich hier um einen Hauptstadtklub in einer Weltmetropole, auch wenn diese gerade nicht wirklich Sportbegeisterte elektrisierte. Natürlich kam die Investition der Vermarkter nicht aus Liebe zum Maroden. 1994 übernahm die Ufa die Komplettvermarktung. Ein Deal besagte, dass das Unternehmen 40 Prozent aller Werbeeinnahmen kassierte.

Eine Menge Kohle, die man teilen musste, aber Hertha BSC hatte zu dieser Zeit keine andere Wahl. Vielleicht war das auch ganz gut so, denn die Berliner wurden gezwungen, fähiges Personal einzusetzen. Robert Schwan, der vielleicht erste moderne Manager des deutschen Profifußballs, rückte in den Aufsichtsrat des Klubs auf. Natürlich nicht ganz ohne Zufall, war er doch als Lobbyist für die Ufa tätig. Auch die Verpflichtung von Dieter Hoeneß als Manager war ein wichtiger Schachzug.

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Keine Durschsagen mehr

Beim VfB Stuttgart arbeitete er fünf Jahre erfolgreich und wusste, wie man eine Mannschaft aufbaut. Den Job, der heute neudeutsch als Kaderplaner firmiert, führte Hoeneß schon in den 90er Jahren aus – neben eigentlichen Manager-Aufgaben. Mit Jürgen Röber holte Hoeneß einen ihm vertrauten Trainer. Als die Hertha am 7. April 1997 bei einem Zweitliga Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern 75.000 Menschen ins Stadion lockte, war bundesweit jedem klar: Dickes B, Digga! Hier ist etwas gewachsen. Zwar gelang es der Hertha noch, es unnötig spannend zu machen, dennoch stieg sie in die Bundesliga auf.

Keine Durchsagen mehr, dass es Klos im Stadion gebe. Hertha war in für alle. Auch für die zahlenden Fans. Hertha verdiente durch Merchandising so viel Geld wie noch nie. Geld, das auch in die Mannschaft investiert wurde.

Und dann traf Wosz

20. Oktober 1999. Abstoß Gábor Király. Alessandro Costacurta klärt per Kopf, Leonardo nimmt den Ball aber zu schlampig an. Ballverlust. Pál Dárdai reagiert schnell, spielt den Ball in die Spitze, Ali Daei leitet direkt zu Dariusz Wosz weiter, aber Luigi Sala geht dazwischen. Wieder Ballverlust. Wosz schaltet schnell, dringt in den Strafraum ein und schiebt den Ball ins lange Eck. Keine Chance für Christian Abbiati im Tor des AC Mailand.

Vierter Spieltag in der Champions-League-Gruppenphase: Hertha BSC ist nach dem Sieg gegen Milan, das mit Weltstars wie Paolo Maldini, Andriy Shevchenko, Oliver Bierhoff oder Leonardo angetreten ist, Tabellenführer der Gruppe. Vor Chelsea, Milan und Galatasaray. Dort bleibt die Hertha auch nach dem letzten Spieltag. Dort, wo noch vor gar nicht allzu langer Zeit vergeblich nach Spuren zumindest fußballähnlicher Betätigung gefahndet worden war, spielte jetzt eine Mannschaft, die einen Weltklub wie den AC Mailand (das war er damals sportlich wirklich noch) besiegte. Und das nicht rein zufällig.

Klinsmann und der Scherbenhaufen

 Zwischendurch stieg die Hertha sogar ab, ist aber inzwischen geerdet und unter der Führung von Michael Preetz zu alter Kontinuität zurückgekehrt. 27. Juni 2019. Die Hertha gibt bekannt, dass man mit der global agierenden Investmentfirma Tennor Holding B.V. eine strategische Partnerschaft geschlossen hat. 125 Millionen Euro pumpt die Firma in die Hertha. Investiert werden soll in die Bereiche Sport, Digitalisierung und Internationalisierung.

Sprich: Die Hertha will wieder angreifen und hat dafür viel Spielgeld in der Hand. „Die stabile Zahlenbasis und die beeindruckende Management-Arbeit bei Hertha BSC haben uns überzeugt, diese Partnerschaft einzugehen“, so Tennor-Chef Lars Windhorst damals. Kurze Zeit später holte er Jürgen Klinsmann, erst als Berater und Aufsichtsratmitglied, dann als Trainer. Dieser begann Tagebücher zu schreiben und hinterließ einen großen Scherbenhaufen.

Inzwischen soll Windhorst Klinsmann gar von seinen Aufgaben als persönlicher Berater entbunden haben. Als Windhorst 16 Jahre jung war und in Berlin sein erstes Unternehmen gründete, spielte die Hertha in der 2. Liga. Und wer weiß, vielleicht saß er damals im Block unter den 3.000 Trostlosen, und eine Stimme aus dem Off sagte ihm, dass es im Stadion ein Klo gebe. Für den Fall der Fälle.

Fatih Demireli

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Rassismus im Stadion: Bürki fordert Spielabbruch

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Diego Maradona: Eines Abends im Mai

Dreck, Kriminalität, Drogen, Scheiß-Süditaliener. Neapel war für viele der ungeliebte Sohn Italiens. Doch dann kam Diego Maradona und der größte Arschtritt der Geschichte begann.

Das ungeliebte andere Italien kann sich warm anziehen. Von wegen Dreck, Kriminalität, Drogen, Scheiß-Süditaliener. Jetzt werden wir euch in den Hintern treten. Der beste Fußballer der Welt gehört Neapel, einer Stadt außer Rand und Band. Maradona verschwindet in den Katakomben, es folgt die Apotheose. In den Straßen bricht die Hölle los, stundenlang ist der Verkehr paralysiert. Hupende Autos, knatternde Vespas, Veitstänze, Schlachtgesänge. „Mamma, Mamma, Mamma, weißt du, warum mein Herz so pocht? Ich habe Maradona gesehen, und, Mamma, ich habe mich verliebt!“

Tragik kratzt an der entwaffnenden Anmut und am Lebenswillen der Stadt, dem turbulenten Charme der Neapolitaner. „Wenn du kommst, weinst du zweimal“, sagen sie. „Bei der Ankunft und bei der Abreise.“ Viele Italiener fühlen sich bei der Ankunft allerdings, als müssten sie nun den Reisepass hervorkramen, weil sie beargwöhntes, exotisches Terrain betreten. Andere treten die Reise erst gar nicht an. In den Stadien des Nordens hängen sie Transparente auf: „Wascht euch!“, „Benvenuti in Italia“, „Wir grüßen den Afrika-Meister“, „Neapel – Tuberkulose und Cholera“, „Kloake Italiens“, „Wir sind keine Rassisten, ihr seid ja Neapolitaner“ und „Forza Vesuvio!“, der Stadt und Umgebung doch endlich mit Lava von der Landkarte spülen soll.

Napoli antwortet mit süffisanter Ironie. In Shakespeares imaginärer Heimat von Romeo und Julia, Verona, rollte man das Spruchband aus: „Giulietta è una zoccola!“ – „Julia ist eine Nutte!“ Herrlich. Der Norden bleibt trotzig abfällig. Er palavert von „terroni“ (Erdfressern) und „Afrikanern“, da viele alles unter Rom am liebsten vom Stiefel sezieren würden. Die sieben goldenen Jahre des Maradona-Epos verwandelten Napoli deshalb in eine Insel der Glückseligkeit und eine kontinuierliche Kirmes um den stets ausverkauften Ballsaal San Paolo.

Seit der Vereinigung Italiens 1861 blickte die Stadt nicht nur geografisch stets nach oben, während der präpotente Norden permanent auf sie herabschaut. Die meridionale Frage beschäftigt das Land seit den Kämpfen der Einheitsbewegung „Risorgimento“. „Kloake“ und „niedere Rasse“ schnaubten die Besetzer aus dem Piemont schon damals, der Süden („Mezzogiorno“) zahlte mit Bedeutungsverlust und Verarmung. Die 150-Jahrfeier des Stiefels wurde nicht von jedem mit Trompeten und Konfetti zelebriert. Kurz vor dem offiziellen Festtag schwadronierte Premier Silvio Berlusconi aus Anlass der Partie Milan gegen Napoli, sein AC würde heute den Süden schlagen.

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Die Lokalpresse zürnte, weil ihm Neapel Jahre zuvor zum Stimmenfang ja noch gut genug gewesen wäre. Die Stadt habe er, wie die meisten aus dem Norden, aber sowieso nie verstanden. Infolge einer Existenz zweiter Klasse wurde der Fußball zur Metapher, die

in puncto der verlorenen Grandezza der einstigen Hauptstadtmetropole weit über den Sport hinausging. „Wer denkt, in Neapel sei der Fußball lediglich Fußball, hat weder den Calcio noch Neapel verstanden“, sagte der neapolitanische Journalist Marco Bellinazzo einmal.

Ein Paradigma aller Schichten traf Maradona demnach zur sonntäglichen Familienmesse der sozialsportlichen Revanche. Man verneigte sich vor der Mannschaft, die das nationale Gefälle kippte und die norditalienische Machtachse durchbrach. Parallel verschärfte sich der Ton der Rivalen. Ein Plakat im Mailänder San Siro las: „Maradona – Hitler hat dich vergessen.“ Maradonas Präsenz erhob sich über das Sportliche. In der unmittelbaren Adoption des Argentiniers verschwammen die Grenzen zwischen der verarmten Peripherie von Neapel und Buenos Aires. Der „Pibe de oro“ (Goldjunge) wurde zum „Scugnizzo“ stilisiert, dem neapolitanischen Gassenjungen – vorlaut, gerissen, überlaufender Pathos, mit dem er sich in den brausenden Nordwind stellte.

Er kanalisierte die Stimmen der Neapolitaner, die ab 1984 zigtausende Söhne Diego, einige Töchter gar Diega tauften. Bei den Kommunalwahlen erhielten 20.000 Stimmzettel das Votum „Viva Maradona!“. Das Crescendo im Prestige begleitete eine willkommene Metamorphose der Fankultur. Wo es in der Vergangenheit Steine, Flaschen und Platzsperren hagelte, regierte fortan eine wundersame Benimmschule. 1987 verlieh man den SSC-Tifosi die internationale Auszeichnung „fairstes Publikum Europas“, bis zu Maradonas Abschied 1991 wurden weder Ausschreitungen noch unsportliche Zwischenfälle registriert.

Der Soziologe und Direktor des Camorra- Observatoriums Amato Lamberti, notierte: „In Neapel kann man aus nichtigen Beweggründen sterben oder misshandelt werden. Dann gehst du ins Stadion und dieselbe Person, die gerade noch wegen eines simplen Streits bereit war, die Faust zu ballen, überkommt ein Feierklima. Ich denke, es handelt sich auch um ein Klima des Respekts, eine ungewollte Konvention der organisierten Kriminalität die Fußballmannschaft in Frieden zu lassen. Bei der Partie treffen sich mehrfach vorbestrafte Figuren, die im Stadion tadelloses Benehmen und einzigartige Höflichkeit vorzeigen.“

Im berstenden Bauch der Arena avancierte der Nachmittag lange vor Anpfiff zu einer folkloristischen Festivität dionysischer Lebensfreude, die man in den letzten Jahren bei der Rückkehr in die Champions League nach langer Einöde im Post-Maradona-Trauma wiederfand. Einzigartig bleibt jedoch die Klimax des ersten Scudetto, nach dem man symbolisch die Särge der Machtzentralen aus Mailand und Turin durch die Stadt trug.

SONNTAG, 10. MAI 1987

Maradona verhängt per Aufruf ein Fahrverbot für die Stadt. Die Tifosi machen sich artig zu Fuß auf. Zehntausende pilgern um acht Uhr morgens zum Teamquartier „Centro Paradiso“. Der Teambus rollt aus der Pforte, nichts zu machen. Ein königlicher Geleitzug eskortiert ihn bis zum Stadion – in Schrittgeschwindigkeit benötigt der Bus durch in Farbe getünchte Straßen und ein endloses Fahnenmeer vier Stunden für zirka zehn Kilometer. Am Theater San Carlo hängt ein Plakat: „Ihr seid wie die Zehnte von Beethoven“.

Dank waghalsigem Espressokonsums und unnachahmlicher Hingebung bringt TV-Journalist Michele Plastico auf dem Lokalsender Teleoggi Beispielloses hinter sich: Er hat von Samstag neun Uhr morgens bis Sonntag 15 Uhr ununterbrochen durch einen Vorspielmarathon geführt. Ins San Paolo zwängen sich offiziell 90.000, inoffiziell erreicht man eine sechsstellige Zahl. Um die Arena drängeln sich Hunderttausende. Und die Sicherheitsbestimmungen? Also bitte. Anpfiff um 16:01 Uhr. Das Geplänkel auf dem Rasen gerät im bengalischen Rauch zur Marginalie. Der Countdown beginnt. In der Stadt sind die Straßen leergefegt. Das Dritte hat sich zu einer außerordentlichen Live-Übertragung entschlossen.

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TV-Rechte? Also bitte. „Ab heute Abend wird Napoli nicht mehr nur die Stadt der Sonne, Pizza und Liebe sein, sondern auch die der Tricolore“, summt es aus dem Fernseher. Es ist nie zu spät, Stereotypen abzuarbeiten. Referee Pierluigi Pairetto aus Turin nimmt den Ball an der Mittellinie in beide Hände, ein heiserer Schrei aus dem TV: „17:47 Uhr, 10. Mai, Napoli Campione d’Italia!“ Auf der Anzeigetafel blinkt: Auf Wiedersehen im Europapokal der Landesmeister, ein Fallschirmspringer schwebt mit dem Scudetto-Pokal vom Himmel – die erste Meisterschaft Süditaliens. Maradona dreht Ehrenrunden. „Als ich den Rasen betrat und die leuchtenden Augen der Tifosi sah, ihre Hoffnungen, da kamen mir die Tränen. Jetzt weiß ich, dass Gott gerecht ist“, krächzt der Goldjunge.

In der Kabine hüpfen die halbnackten Spieler und singen „Mamma, Mamma, Mamma, ich habe Maradona gesehen und mich verliebt“. Diego stimmt ein. Um 18:30 Uhr erscheint die Montagausgabe des Giornale di Napoli. Warum bis zum nächsten Morgen warten, wenn es eh keine wichtigeren Nachrichten gibt? Über neun Spalten ziehen sich die Letter „È nostro!“ – der Titel gehört uns. Über Nacht haben mehrere Tifosi eine Linienmaschine azurblau bemalt – die Alitalia drückt heute mal ein Auge zu und hebt koloriert ab. Ein Polizist kutschiert auf seinem Motorrad zwei Tifosi mit schwenkenden Fahnen, Lokale verteilen Gratispizza unter den Schwebenden.

 

Die Spitzenverdiener des Sports

Die Straßenhändler verscherbeln ihren Krimskrams aus Uhren (made in Japan), Bällen (made in Taiwan) über Sonnenschirme und Lampen bis zu Flaschenkorken. Der spontane Volksgenius wird über 20 Millionen D-Mark Reibach eintragen. Die Camorra hat Hasardeure mit hohen Einsätzen auf Napolis Titel „höflich eingeladen“, ihre Wetten zurückzuziehen, um ihre Verluste halbwegs in Grenzen zu halten. Ein fünfstöckiges Haus ist komplett mit einer Maradona-Figur bemalt – bis auf ein Fensterchen an seinem Herzen. Der Statue des Heiligen Gennaro wurden drei Finger abgemeißelt, er präsentiert jetzt das Victoryzeichen. Etwas weiter hält Dante Alighieri das Napoli-Wappen in der Hand und führt einen Ball am Fuß – eine echt Göttliche Komödie.

Ein Tifoso schluchzt unter Tränen, er wolle nun sterben, um seinem verstorbenen Papa von diesem Tag zu berichten. Auf die Friedhofsmauer kritzelt jemand „Habt ihr was verpasst!“. Sehr bald erscheint darunter: „Woher wollt ihr das wissen?“ Über die Mattscheibe flimmert der grandiose neapolitanische Schauspieler Massimo Troisi und stellt die Anhänger aus dem anderen Teil Italiens ins Abseits: „Es ist besser, Meister von Nordafrika zu sein, als Transparente im Südafrika-Duktus aufzuhängen.“

In Anlehnung eines Troisi-Films wurde in einer Gasse ein Spruchband aufgezogen: „Entschuldigt die Verspätung“. Doch das meist fotografierte Transparent hängt einige Straßen weiter, die Zeile einer neapolitanischen Canzone der 1930er: „E me diciste sì ’na sera ’e maggio“ – Und du sagtest mir Ja, eines Abends im Mai. „Im Vergleich zu unserem Fest wird der Karneval in Rio zum Kindergeburtstag“, hatten sie angekündigt. Die Tifosi hielten ihr Versprechen mit einer Stadtfete, die eine Woche lang andauerte.

Über Jahrzehnte fantasierte man von der ersten Meisterschaft, nun war die Tricolore hier. Ein Happening, als wäre es die Geburt des ersten Sohnes, ein Kind mit Millionen von Eltern. Manch einer denkt, das Paradies kann warten. Neapel hatte es 61 Jahre nach Klubgründung nicht mehr ausgehalten. Ein exaltierter Schrei, mitten ins Gesicht des anderen Italiens.

Oliver Birkner

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