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Tobias & Bastian Schweinsteiger: Deckname „Cantona“

Nach vielen Jahren beim FC Bayern wechselte Bastian Schweinsteiger 2016 zu Manchester United. Für ihn und Bruder Tobias ging damals ein Traum in Erfüllung. Die Liebe zu United schaffte es sogar bis zur Türklingel beider Schweinsteigers.

Tobias Schweinsteiger, als Ihr Bruder Bastian 2015 zu Manchester United wechselte, konnten Sie dann auch endlich das Old Trafford besuchen. Wie war es für Sie, das Stadion Ihres Lieblingsklubs zu besuchen?

Ich habe in England schon viele Spiele besucht, aber im Old Trafford war ich damals zum ersten Mal. Die Stimmung ist der reinste Wahnsinn. Nach dem ersten Spiel, das ich besucht habe, hat Ashley Young gesagt, dass die Atmosphäre an dem Tag nicht besonders gewesen sei. Da habe ich mich schon gefragt: Was ist hier los, wenn sie mal besonders ist? (lacht) Das Publikum ist anders in England, die Wertschätzung ist anders – sowohl gegenüber dem Spieler als auch dem Verein.

Sie haben als Fußballer viel erlebt und gesehen. Schafft es das „Theatre of Dreams“ dennoch einen mit über 30 Jahren nochmal vom Hocker zu reißen?

Das ist das Schöne am Fußball, dass es immer etwas Neues gibt, was einen fasziniert. Wir haben eine ganz eigene Fankultur in Deutschland und insbesondere beim FC Bayern. Diese Nähe, die wir hier den Fans bieten, gibt es in anderen Ländern vielleicht nicht so. Für meinen Bruder Bastian war es aber ein Reiz gewesen, etwas Neues zu erleben und auf der Insel eine neue Mentalität kennen zu lernen.

Lutz Pfannenstiel hat mal erzählt, dass er als Kind Fan von Flamengo Rio de Janeiro war. Sie und Bastian waren beide Fans von Man United, obwohl der FC Bayern und 1860 München nur ein paar Kilometer weg waren. Wie kommt denn das?

In einer Sportzeitschrift war ein Poster der Meistermannschaft von 1991/92. Das habe ich mir damals ins Zimmer gehängt. Und es war dann auch die Zeit, als Eric Cantona seine spektakulären Auftritte hatte, die nicht immer groß mit Fußball zu tun hatten. Cantona hat mich sehr interessiert, er hat mich fasziniert und ich habe nach ihm geforscht. Über Cantona entstand auch die Liebe zu Manchester United. Und irgendwann kam dann auch die goldene Generation, die „Class of 92“, mit Giggs, Scholes, Beckham, den Neville-Brüdern und Butt. Yorke, Cole, Solskjær kamen dann auch dazu. Das war eine riesen Truppe.

Bastian hatte an der Klingel seiner Münchener Wohnung den Namen Cantona stehen. Was stand bei Ihnen?

Ich hatte das in Regensburg auch. Wenn man mitten in der Stadt wohnt und „Schweinsteiger“ an der Klingel hat, kann man sich vorstellen, dass öfters mal einer klingelt. „Cantona“ ist unser Deckname gewesen. Es hat ganz gut gepasst, weil „Cantona“ hier in München oder Bayern auch nicht für jeden ein Begriff war. Zumindest nicht so wie „Schweinsteiger“.

Woher kam die besondere Bewunderung für Eric Cantona?

Er hat mich damals einfach fasziniert in seiner Spielweise, seinem ganzen Auftreten, seinem Revultionärem! Er hat immer polarisiert – und er tut es heute noch.

Gehen dem Fußball Typen wie er ab?

Es wird im Fußball immer wieder Typen geben, aber durch die flacheren Hierarchien und die Schulung schon ab dem Jugendalter werden sie nicht mehr diese Erscheinung haben wie früher.

Er war in einer Manchester- Mannschaft voller Stars. Und dennoch fiel er besonders auf. Das war nicht nur die sportliche Komponente, oder?

Die sportliche Komponente auf einer Seite, seine Führungsqualitäten und seine Ausstrahlung, hinter der sich diese vielen Talente entwickeln konnten, auf der anderen Seite.

Haben Sie Ihre Liebe zu Manchester United nach dem Finale 1999 eigentlich überdacht?

(lacht) Ich war hin- und hergerissen, das war nicht leicht. Aber damals war ich noch einen Tick mehr für Manchester United. Ich war 17 Jahre alt, das war die Revoluzzer-Phase. Man war für das, was nicht direkt vor der Haustür war.

Wie war es am nächsten Tag?

Ich war da schon nicht mehr in der Schule, sondern beim Bundesgrenzschutz. Beim Antreten in der Früh habe ich mich mit dem Man-United-Schal hingestellt und musste sofort zum Rapport. (lacht)

Hatten Sie sich dabei ertappt, in der Funktion als Fan bei Ihrem Bruder nachzufragen, wie es bei ManUnited so ist? „Wie ist der Rooney?“ „Wie ist die Kabine, usw.?“

Klar, das kommt aber automatisch. Wir leben in einer Zeit mit viel Technik. Da schickt man sich Bilder und Videos. Ich interessiere mich nicht nur als Fan, sondern auch als Bruder, wie es ihm geht und wie die Mitspieler sind. Ich habe mir auch selbst ein Bild machen können, als ich vor Ort war.

Der Socrates Newsletter

Bastian hatte in vielen Interviews über die Jahre immer wieder seine Zuneigung zu Manchester United geäußert, aber anscheinend hatte da keiner richtig zugehört. Der Bayern Fan Bastian geht zu seinem Lieblingsverein. Vielen ging es nicht so, aber Sie konnten es schon nachvollziehen, oder?

Ich war ja immer in seine Gedanken eingeweiht und es war die optimale Entscheidung für ihn, dorthin zu gehen. Man hätte davon ausgehen können, dass er beim FC Bayern noch zwei, drei Mal Meister geworden wäre. Er hatte aber die große Herausforderung gesucht und gefunden.

Interview: Fatih Demireli

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Pick’n’Roll mit Yannick Gerhardt: Hip-Hop-Hörender Welterkunder

Sie kennen Yannick Gerhardt (25) als Fußballprofi des VfL Wolfsburg? Aber heißt das, dass Sie den Mittelfeldspieler, der 2016 sein erstes und bisher einziges Länderspiel für Deutschland machte, wirklich kennen? Bei Pick’n’Roll verrät er, wohin er mit seiner Schwester Anna, die seit dieser Saison für Turbine Potsdam in der Bundesliga aufläuft, lieber geht als auf den Platz und in welchem Moment ein Traum für ihn wahr wurde.

Köln oder Wolfsburg?

„Auch wenn ich mich in Wolfsburg sehr wohl fühle, bleibt Köln immer meine Heimat.“

Luiz Gustavo oder Bastian Schweinsteiger?

„Gustavos Spielweise hat mir immer imponiert, er war ein Vorbild für mich in der Jugend. Als ich bei Wolfsburg in der Kabine neben ihm saß, wurde ein Traum wahr.“

Darts oder Billard?

„Ich finde beides cool, aber sehe meine Stärken eher im Billard.“

Städtereise oder Badeurlaub?

„Ich muss beides kombinieren. Sowohl nach einer anstrengenden Saison am Pool oder Meer entspannen, aber auch die freie Zeit nutzen, um die Welt zu erkunden und neue Kulturen und Länder kennenzulernen.“

Mit der Schwester kicken oder mit der Schwester ins Kino?

„Wenn wir uns sehen, wollen wir beide vom Fußball abschalten. Dann gehen wir lieber ins Kino.“

Sushi oder Schnitzel?

„Veganes Sushi!“

Papst oder Peter Stöger?

„Den Papst persönlich zu treffen, war eine außergewöhnliche Erfahrung. Peter Stöger habe ich jedoch auch einiges zu verdanken.“

Rap oder Rock?

„Ich höre am liebsten Hip-Hop und Rap.“

LeBron James oder Tom Brady?

„Beides absolute Topathleten in ihrer Sportart. Da man aber von LeBron mehr über Trainingsarbeit, Regenerationsmethoden, Motivation, Leadership und Denkweisen erfährt, ist er der GOAT.“

Anzug oder Trikot?

„Ich bevorzuge Trikots schon sehr gegenüber Anzügen als Arbeitskleidung.“

Facebook oder Instagram?

„Ich benutze Instagram öfter, Facebook kaum mehr. Ich sehe die Entwicklung von Social Media eher kritisch. Es macht süchtig und ist für mich wie eine Scheinwelt, in der es eher auf oberflächliche Aspekte wie Aussehen und materielle Dinge ankommt.“

Zlatan Ibrahimovic: Gott höchstpersönlich

Zlatan Ibrahimovic ist inzwischen 38 Jahre alt und immer noch nicht müde. In Ruhe die Karriere in Los Angeles ausklingen lassen? Nein, selbst in der MLS legt er sich noch mit allen an. Das hat Tradition, wie seine besten Sprüche zeigen. Eine Galerie…

Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Hinter dem Sprücheklopfer Zlatan Ibrahimovic verbirgt sich einer der besten Stürmer, die die Fußball-Welt je gesehen hat. Mit 38 Jahren trifft er immer noch wie am Fließband: In der MLS traf er (Stand: 3. Oktober 2019) 29 Mal in 28 Spielen für LA Galaxy. Ein unfassbarer Wert.

Der Mann, der unzählige Meisterschaften gewann, füllte die Rolle des bösen Buben immer gut aus, aber verstand es auch, durch Leistung sein überschwängliches Selbstvertrauen zu untermauern. Und dieses hatte er überall: ob Paris, Manchester, Mailand oder in der Nationalmannschaft. Zlatan hatte immer einen Spruch sitzen.

Die zlatanische Galerie…

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Marc Overmars: „Karosserie von Mercedes, Motor von Opel“

Marc Overmars (46) gehörte zur Goldenen Generation von Ajax Amsterdam, die 1995 die Champions League gewann. Heute ist er als Sportdirektor für das Revival des niederländischen Kultklubs verantwortlich. Ein knallharter Job…

Marc Overmars, ist Ihnen bewusst, wie vielen Fußballfans das Herz aufging, als Ajax in der vergangenen Saison Real Madrid aus der Champions League warf?

Bei der Auslosung zum Viertelfinale in Nyon kamen alle Verantwortlichen des FC Barcelona zu mir, um mir zu unserer Spielergeneration zu gratulieren. Dennoch muss ich immer wieder betonen, woher wir kommen. Unser Budget ist viel geringer als das von Real. Wir spielen finanziell eher in einer Liga mit den Young Boys Bern. Aber ich weiß natürlich, dass sich das Publikum nach diesen Geschichten sehnt: Klein gegen Groß, David gegen Goliath.

Im europäischen Vergleich versteht sich Ajax also eher als kleiner Klub?

Historisch betrachtet gehören wir eher zu den Großen, aber wirtschaftlich gesehen sind wir ein kleiner Klub. Unsere TV-Einnahmen für ein Jahr liegen bei acht Millionen Euro. Es gibt Vereine in der zweiten deutschen Bundesliga, die einen höheren Etat haben als wir. Ich kann mich an ein Mittagessen mit den Verantwortlichen von Olympique Lyon vor unserem Halbfinale in der Europa League im April 2017 erinnern. Ich fragte, wie hoch der Etat von OL liege. 115 Millionen Euro, sagten sie. Als ich auf die Gegenfrage 25 Millionen sagte, wollten sie mir erst nicht glauben. Wir haben eine Karosserie von Mercedes und einen Motor von Opel. Mit solchen Bedingungen müssen wir leben.

Ist es unter diesen Voraussetzungen denkbar, langfristig konkurrenzfähig zu bleiben?

Ich denke schon. Ich bin gar nicht pessimistisch. Als wir vor zwei Jahren gegen Manchester United im Finale der Europa League standen, mussten wir danach etliche wichtige Spieler verkaufen. Zwei Jahre später sind wir zurück und auf höchstem europäischen Niveau konkurrenzfähig. Warum sollte uns das nicht in zwei Jahren erneut gelingen?

In dem Zwischenjahr aber verpasste Ajax die Qualifikation für das internationale Geschäft.

Ja, das ist richtig, und innerhalb des Vereins kam es dadurch zu gewissen Spannungen. Ein neuer Trainer kam. Es herrschte damals eindeutig zu viel Unruhe.

Warum hat es 13 Jahre gedauert, bis Ajax überhaupt wieder ins Achtelfinale der Champions League kam?

Zunächst mal muss man feststellen, dass wir seit 2014 nicht mehr Meister geworden sind. Für uns ist es extrem schwer, mit drei Wettbewerben gleichzeitig zu jonglieren. Wir haben keine zwei Mannschaften wie etwa Bayern München und die Spieler sind noch zu jung, um mit solchen Belastungen problemlos umzugehen. Außerdem ist unsere Bank nicht so breit und nicht so tief wie bei den Konkurrenten. Als wir 2017 ins Europa-League-Finale kamen, absolvierten wir 16 Spiele mehr als unsere Rivalen in der Liga. Das ist fast eine halbe Meisterschaft mehr. Würden wir uns allein auf die Eredivisie fokussieren, würden wir zweifelsohne sieben von acht Titeln gewinnen, aber unser Hauptziel heißt, unter den Top 20 in Europa zu sein und zwar mittel- bis langfristig.

Real Madrid kaufte im Sommer einen Star nach dem anderen und wird damit die enttäuschende Spielzeit schnell vergessen lassen. Sie dagegen standen nach einer überragenden Saison vor einem Neuanfang, weil Ihnen Ihre fantastischen Talente weggekauft wurden. Wie gehen Sie damit um?

Wir wussten schon lange, dass wir in der nächsten Saison erneut unsere Mannschaft umbauen müssen. Ich wusste das, ich akzeptierte es und ich erwartete einen sehr harten und stressigen Sommer. Das Wichtigste für mich ist: Wir müssen sehr schnell handeln, schneller als die anderen europäischen Top-Vereine. Sobald wir mit einem Spieler eine Einigung erzielen, unterschreiben wir auch sofort die Verträge. Jeder Tag ist ein Risiko.

Wie arbeiten Sie?

Timing ist meine wichtigste Waffe. Ich habe das Glück, Kollegen zu haben, die mich bestens kennen und mich jederzeit in Ruhe arbeiten lassen. Manchmal bin ich chaotisch und ich bin auch nicht der Typ, der eine Power-Point-Präsentation macht, aber wenn ich meinen Kollegen mitteile, dass wir diesen oder jenen Spieler kaufen müssen und zwar sofort, dann folgen Sie mir. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Răzvan Marin war immerhin bei drei Top-Klubs aus der Bundesliga auf dem Einkaufszettel, doch dank des richtigen Timings kam er zu uns. Wir haben damals sowohl Matthijs de Ligt als auch Frenkie de Jong geholt, weil wir im genau richtigen Moment Gas gegeben haben.

Haben Sie De Jong wirklich für nur einen Euro geholt?

Um ehrlich zu sein: Er kam sogar zum Nulltarif.

De Jong und De Ligt haben gerade mal zwei Spielzeiten bei Ajax verbracht. Jetzt sind beide weg. Das muss für Sie doch frustrierend sein?

Ich glaube nicht mehr daran, dass Spieler gleich fünf oder sechs Jahre bei uns bleiben. Das war einmal. Es gibt heute so viel Geld im Fußball, dass man auf einem bestimmten Niveau wohl nicht mehr mithalten kann. Die besten Spieler gehen immer früher. Insofern müssen sie noch schneller und intensiver ausgebildet werden, damit sie leistungsfähiger sind und zwar immer früher. Wir haben eine Schule aufgebaut in der Nähe unserer Trainingsanlagen. Die Jungs sind gleich dort, sie verlieren keine Zeit durch die Anfahrt. Sie können sich mehrere Stunden auf den Fußball fokussieren und zwar tagtäglich.

Besteht denn die absolute Notwendigkeit, die besten Spieler jedes Jahr zu Geld zu machen?

Heute nicht mehr. Aber als ich vor sechs Jahren als Verantwortlicher anfing, war unsere finanzielle Lage instabil und gefährlich. Wir haben Schritt für Schritt eine neue Mannschaft aufgebaut. Frank de Boer nahm als Trainer dabei eine sehr wichtige Rolle ein. Heute sind wir für holländische Verhältnisse sehr stabil.

Passiert es dennoch, dass ein Spieler Ajax zu früh verlässt?

Ein frisches Beispiel: Justin Kluivert. Er wurde an die AS Rom verkauft, als er erst 19 Jahre alt war. Das war viel zu früh und die reine Verschwendung. Er hätte mindestens ein bis zwei Jahre länger bleiben sollen. David Neres, der trotz großer Begehrlichkeiten geblieben ist, hat in dieser Saison einen wichtigen Schritt in seiner Entwicklung getan. Für einen jungen Spieler ist es fatal, nicht regelmäßig zum Einsatz zu kommen. Das „killt“ den Spieler langsam, aber sicher. Und dann versuche ich den Spielern zu vermitteln, dass es auch um das Interesse des Klubs geht. Ein Spieler, den wir teuer gekauft haben, der aber bereits nach einem Jahr wieder weg will wie zuletzt unser Linksverteidiger Nicolás Tagliafico, der bekommt von uns ein klares Veto. „Nico“, sagte ich zu ihm, „du kannst nicht schon nach einem Jahr wieder gehen, sondern eher im nächsten Sommer. Wenn du dann ein gutes Angebot erhältst, bist du der Erste, der gehen darf.“

Wie können junge Spieler diese Geduld lernen?

Diese Spieler erinnere ich regelmäßig daran, dass ich mit 20 auch an ihrer Stelle war. Man muss einfach lernen, geduldig zu werden. Vor allem für sich selbst. Es gibt keine Alternative.

Ist so eine Erinnerung denn genug?

Nicht immer. Manchmal kommt es zum Streit. Ein wichtiger Teil meines Jobs ist auch, die Spieler finanziell zu belohnen, die es am meisten verdienen. Die meisten jungen Spieler haben Vierjahresverträge, was aber heutzutage so gut wie nichts mehr bedeutet. Spielst du auf Top-Niveau, musst du entsprechend verdienen. Das ist sehr wichtig. Die Spieler tauschen sich untereinander aus, vergleichen sich. Ich verrichte eine ständige Anpassungsarbeit, was die Gehälter betrifft. Das ist Fein-Tuning, rund um die Uhr. Es kostet viel Zeit, ist aber notwendig. Mit den Spielerberatern ist es das Gleiche. Wir bezahlen kaum Kommission. Sie gehören zum Deal, wenn der Spieler einen großen Transfer abschließt.

Der Socrates Newsletter

Welche Rolle spielen die Eltern?

Wir haben eine Broschüre kreiert: „Made in Ajax“. Darin erfahren die jungen Spieler und ihre Eltern, warum sie bei Ajax einen Vertrag unterschreiben sollten. Als wir vor zwei Jahren das Europa- League-Finale bestritten haben, hatten wir die jüngste Mannschaft der Europapokal-Geschichte, mit 21 Jahren und sieben Monaten im Durchschnitt. Das war großartig, und zeigt gleichzeitig, warum wir verloren haben. Schauen Sie sich das an: 82 Prozent der ausgebildeten Spieler bei Ajax unterschreiben einen Profivertrag. Bei uns sind sie bestens aufgehoben.

Klingt hervorragend. Wo ist der Haken?

Wir verlieren etliche junge Spieler, die unglaubliche Angebote von Manchester United, Manchester City oder Chelsea erhalten. Obwohl junge Spieler noch keinen Einsatz bei den Profis hatten, aber bereits einen festen Berater beschäftigen, verlangen sie immer öfter und immer früher einen Megavertrag, um zu bleiben. Sie setzen uns dabei massiv unter Druck. Ich finde diese Tendenz sehr gefährlich. Es sind eigentlich noch Kinder, aber sie sind schon Millionäre, bevor die Karriere überhaupt begonnen hat. 

Vor gut drei Jahren starb Johan Cruyff. Hat dieses Ereignis Ajax verändert?

Die Zeit mit ihm war unvergesslich, auch wenn ich ein paar Monate vor seinem Tod nicht immer auf einer Wellenlänge mit ihm lag. Irgendwie ist er immer noch bei uns. Er hatte eine besondere Gabe: Er konnte aus einer schwierigen Diskussion eine extrem einfache machen. Mit ihm lief alles wie geschmiert. Er ist und bleibt eine Art Inspiration für uns alle.

Interview: Alexis Menuge

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Kevin De Bruyne: „Acht Millionen sind Trinkgeld“

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Kevin De Bruyne, es heißt, Sie seien kein guter Verlierer. Stimmen Sie zu?

Es stimmt und war schon so, als ich noch ganz klein war. Mittlerweile läuft es besser, vor allem wenn wir zu Hause spielen, Monopoly zum Beispiel. Aber früher war Verlieren einfach ein Ding der Unmöglichkeit und ich war unerträglich.

Wie ist es auf dem Fußballplatz?

Ich bin kein schlechter Verlierer, sondern eher ein guter Gewinner. (lacht) Ich bin jetzt ein erwachsener Mann und Familienvater, das hat schon dafür gesorgt, dass ich ruhiger geworden bin.

Sie sprechen die Familie an. Wie war es für Sie, schon sehr früh das Elternhaus zu verlassen und nach Genk zu wechseln?

Das war nicht einfach. Ich war erst 13, 14 Jahre alt. Ich habe meine Eltern gebeten, ins Fußballinternat zu gehen und zu einer Pflegefamilie zu ziehen. Ich wollte meine Chance suchen. Und plötzlich war ich allein, ohne meine Eltern. Aber diese Zeit hat mich sicherlich geprägt. Ich bin zwar in einer neuen Familie gelandet, aber es war halt nicht meine. Als ich 18 wurde, habe ich allein gelebt. Ich musste also allein kochen, waschen, putzen und all diese Dinge erledigen. Das war eine gute Schule, dadurch bin ich schneller erwachsen geworden, weil ich gezwungen war, anders zu leben als ein normaler 18-Jähriger. Das gilt aber auch für andere Bereiche.

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Hatten Sie nie das Gefühl, etwas zu verpassen?

Ich sage immer: Wenn man es wirklich schaffen will im Leben, dann muss man selbstbewusst auftreten und alles geben. Wenn man aber ein paar Prozent nachlässt, wenn man etwa an seinen Zielen zweifelt, dann schafft man nichts. Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung ist. Bis heute ist das so: Wenn ich eine Entscheidung treffe, bin ich überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben. Als ich zum VfL Wolfsburg ging und anschließend zu Manchester City, waren das Entscheidungen aus tiefster Überzeugung. Ich war davon überzeugt, dass es zum jeweiligen Zeitpunkt die für mich beste Option war. Ich bin immer von dem überzeugt, was ich tue.

Ihrem Spiel wohnt eine große Leichtigkeit inne. Woher kommt die?

Fußball ist Business, aber es ist und bleibt auch ein Spiel. Auf dem Rasen will ich Spaß haben, ich will mich einfach amüsieren, das ist meine Einstellung. So sehe ich den Fußball.

Klingt kinderleicht. Was ist mit der immensen Erwartungshaltung, die von außen an Sie herangetragen wird?

Auch wenn der Druck bei jedem Spiel groß ist, will ich in erster Linie Spaß haben. Wenn ich keinen Spaß empfinde, dann kann ich mein Potenzial mit Sicherheit nicht abrufen. Egal ob wir gewonnen oder verloren haben, bleibe ich der Gleiche und verhalte mich zu Hause wie immer. Ob es um ein großes oder ein weniger großes Spiel geht, unterscheide ich gar nicht. Es ist und bleibt ein Spiel. Es gibt einige Spieler, die nach einem wichtigen Sieg abheben und bei einer Pleite nervös werden. Ich sehe mich irgendwo dazwischen. Egal was passiert, ich habe die Gabe, alles zu relativieren.

Echt?

Das finde ich wirklich. Ich liebe Fußball und in meinen Augen ist das das Entscheidende. Wenn man seinem Job ohne Freude nachgeht, dann wird man die Erwartungen nicht erfüllen können.

Sie sprachen an, welch gute Entscheidungen die Wechsel nach Wolfsburg und dann nach Manchester waren. Kein gutes Pflaster war hingegen der FC Chelsea.

Auch wenn ich selten zum Einsatz kam, war es eine gute Schule. Tagtäglich mit hochkarätigen Spielern zu arbeiten, hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Vielleicht habe ich damals nicht so oft gespielt, weil ich nur acht und nicht 50 Millionen gekostet hatte. Für mich sind acht Millionen eine Menge Geld, aber im Weltfußball und besonders in England ja inzwischen nur noch ein Trinkgeld.

Wie haben Sie sich gefühlt in dieser Zeit? Allzu viel Spaß kann es Ihnen dort ja nicht gemacht haben.

Es gab Momente, in denen ich frustriert war, vor allem weil man so gut wie nie mit mir gesprochen hat. Ich wusste ehrlich nicht, warum ich nie zum Einsatz kam. Das war schon brutal. Auch wenn ich im Endeffekt sechs Monate nicht gespielt habe, war es eine lehrreiche Zeit. Vielleicht wäre ich ohne diese Etappe nicht so weit gekommen. Außerdem war mir die Erfahrung nützlich, als ich nach der Zeit in Wolfsburg nach England zurückkehrte und die Liga schon kannte.

KRUSE, CHABAL UND THIEM EXKLUSIV: HOL DIR DIE NEUE AUSGABE
KRUSE, CHABAL UND THIEM EXKLUSIV: HOL DIR DIE NEUE AUSGABE

Kam der Wechsel zu Chelsea damals zu früh?

Das kann man wohl so sehen. Ich war erst 19. Es war ein völlig anderes Leben, eine neue Kultur. Aber es ist im Nachhinein betrachtet nicht dramatisch. Es dauerte ja nur ein halbes Jahr. Sechs Monate nicht zu spielen, ist in einer Karriere alles andere als schlimm.

Im Sommer 2015 waren Sie nicht mehr für ein Trinkgeld zu haben. City überwies gut 75 Millionen Euro nach Wolfsburg. Was macht das mit einem Spieler?

Diese Zahlen gehen mich nichts an. Sie sind einfach nicht mein Problem. Man sagt, dass der Druck damit automatisch noch größer wird, aber darum kümmere ich mich nicht. Das kann ich ganz gut ausblenden. Bei Manchester City verläuft alles extrem gut. Ich bin mehr als glücklich. Der Rest ist nicht wichtig. Aber mir ist auch bewusst, dass es im Fußball sehr schnell gehen kann. Es gibt in einer Profi-Karriere viele Höhen und Tiefen.

In der öffentlichen Wahrnehmung aber markierte der Transfer Ihren Aufstieg zu einem internationalen Superstar. Haben Sie das wahrgenommen?

Das mag ja sein, aber damit kann ich mich ja auch beschäftigen, wenn ich die Schuhe eines Tages an den Nagel gehängt habe. Momentan nehme ich es gar nicht wahr, weil ich mich allein auf die Spiele fokussiere und mich der Rest, ganz ehrlich, nicht wirklich interessiert.

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Träumen Sie konkret von bestimmten Zielen oder Titeln?

Eigentlich gar nicht. Ich möchte nur so viele Titel wie möglich gewinnen. Ich will nicht nur die Premier League holen, sondern auch den FA Cup und die Champions League. Und wenn es geht, würde ich am liebsten alles gleichzeitig gewinnen, um in die Geschichte einzugehen. Das wäre das Optimum. Aber um das zu schaffen, sollte man darüber so selten wie möglich nachdenken, sonst wird es wohl nicht klappen.

Hatten Sie als Jugendlicher ein Idol?

Michael Owen. Er war mein Lieblingsspieler. Er war schon immer meine Nummer eins. Bis auf den englischen Meistertitel hat er immerhin alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Sogar den Ballon d’Or hat er sich geangelt. Auch ich will alles gewinnen, und zwar mit Manchester City. Dort fühle ich mich pudelwohl.

Das Interview erschien in Ausgabe #35

Sie vermitteln stets den Eindruck, nie an sich zu zweifeln. Stimmt das?

Das stimmt. Im Endeffekt sollte man nie vergessen, auch wenn es mein Beruf ist, dass der Fußball ein Spiel ist und ein Spiel bleibt. Die Leute können erzählen, was sie wollen: Ich bin mit mir im Reinen und das ist in meinen Augen das Wichtigste, um mich bestens zu entwickeln. Wenn man 60 oder 70 Spiele pro Jahr bestreitet, dann kann man nicht immer gut sein. Das ist einfach unmöglich. Wir sind keine Maschinen.

Sie haben schon mit 23 eine Autobiographie geschrieben. Wie kam es denn dazu?

Ich wollte einfach ein paar Sachen klarstellen und ich hatte es satt, dass man immer wieder für mich sprach. Ich wollte erzählen, was in meinem Leben genau passiert ist, als ich 12, 13 Jahre alt war. Ich wusste von klein auf genau, was ich erreichen wollte. Wenn man als kleiner Junge seiner Familie erklärt, dass man von zu Hause wegmöchte, um bei einem großen Klub Fuß zu fassen, dann fällt die Reaktion unter Umständen nicht so aus, wie man sich das erhofft hat. Es hagelte damals Kritik. Das war hart. Ich wollte erklären, warum ich mich so verhalten habe und wer ich wirklich bin.

Interview: Alexis Menuge

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Max Kruse: „Einstein hat recht“

Max Kruse hat die Bundesliga verlassen und sucht nun mit Fenerbahçe in der Türkei eine neue Herausforderung. In der neuen Ausgabe des Socrates Magazins spricht er über Verantwortung, Perspektiven und die wichtigsten Sachen im Leben. Dies tun auch viele andere – wie Dominic Thiem oder Sebastien Chabal.

Max Kruse: Neue Sphären

Jahrelang hat Max Kruse in der Bundesliga großartige Leistungen gebracht. Doch nun sucht der 31 Jahre alte Fußballer eine neue Herausforderung und hat sich dem türkischen Spitzenklub Fenerbahçe angeschlossen. Hier will Kruse helfen, dass der Klub zur alten Stärke zurückfindet. Verantwortung ist ihm ohnehin ein wichtiges Thema.

Spricht man mit Kruse über die wichtigen Dinge des Lebens, gibt es für ihn nur eine Antwort. Im Exklusiv-Interview hat das Socrates Magazin Kruse mit diversen Zitaten wichtiger Personen der Zeitgeschichte konfrontiert – und Kruse wusste schnell, welche Zitat auf ihn zutrifft. Kruse spricht auch über Zukunftspläne und verrät, warum er in die Türkei gegangen ist.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Dominic Thiem im Exklusiv-Interview

Dominic Thiems Großeltern verkauften einst ihr Haus, um ihm eine Tennis-Karriere zu ermöglichen. Im Interview spricht der Österreicher über Preisgelder, Duelle gegen die großen Drei und über fehlende Duschen in Marokko.

Sebastien Chabal im Exklusiv-Interview

Sébastien Chabal (41) wurde wegen seines wilden Äußeren und seines leidenschaftlichen Spiels zu einem Rugby-Superstar. Mit SOCRATES sprach er pünktlich zum Start der Rugby-WM in Japan über die Professionalisierung seines Sports und das Phänomen der dritten Halbzeit.

Hamburg Towers starten durch

Marvin Willoughby (41) lernte als Spieler von Nowitzki-Mentor Holger Geschwindner, mittlerweile nimmt er selbst die Mentorenrolle ein. Im Interview mit SOCRATES erklärt der Geschäftsführer von BBL-Aufsteiger Hamburg Towers, welche Bedeutung Stiftungen für seinen Verein haben und warum ALBA Berlin seinem Klub als Vorbild dient.

Toni Kroos: Außergewöhnlich normal

Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging, dass der Mann mit dem feinen Fuß doch mehr kann als nur ein bisschen talentiert zu sein. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.

Floyd Mayweather: Money, Money, Money!

Dass aus Floyd Mayweather Money Mayweather wurde, war mehr als nur ein Spitznamenwechsel. Floyd war einerseits die bestverdienende, andererseits die meistgehasste Figur im Sport.

Dies und vieles mehr in Socrates #36!
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Rapinoe, de Bruyne, Stich: Der Ehrgeiz des Wandels

Spätestens seit der Fußball-WM der Frauen ist Megan Rapinoe das Gesicht des Wandels in der Gesellschaft. Sie zeigt Ehrgeiz und findet Gehör. Auch Kevin de Bruyne und Michael Stich mögen den Stillstand nicht. Sie sprechen darüber in der aktuellen Ausgabe.

Megan Rapinoe: Furchtlose Heldin

Dürfen Sportler politisch sein? Dürfen sie mündig sein? Ja, sie dürfen, aber dann riskieren sie, viel Geld zu verlieren und setzen vielleicht sogar ihre Karriere aufs Spiel. All das spielt für Megan Rapinoe keine Rolle. Sie ist spätestens seit der Frauen-Fußball-WM das Gesicht des Wandels – das Gesicht des Protests. Ihre Unversöhnlichkeit und Nichtkäuflichkeit verleihen Rapinoe einen besonderen Wert.

Inzwischen gibt es sogar Vergleiche mit Muhammad Ali. Ist sie die neue Ali des Sports? Sicher ist nur: Sie tut vielen Weh, aber der Gesellschaft richtig gut und öffnet Augen. Unser Autor Daghan Irak über eine furchtlose Heldin unserer Zeit. Dazu: Die Kolumne von Fußballerin Carinna Wenninger, die aus ihrer Sicht beschreibt, welche Rolle Rapinoe für die Frauen spielt.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Kevin de Bruyne im Exklusiv-Interview

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. Dafür, dass er bei Manchester City unter Pep Guardiola phasenweise sogar Wunder vollbringt, ist er sogar ziemlich bescheiden. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Michael Stich im Exklusiv-Interview

Federer, Djokovic und Nadal – der Hype ist riesengroß. Doch Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Klopp vs. Pep: The Hunted One

The Normal One war mal. Jürgen Klopp ist spätestens nach dem Champions-League-Titel mit dem FC Liverpool seinem alten Image entwachsen und wird jetzt gejagt. Vor allem von einem Mann, der es noch schafft, Klopp wehzutun: Pep Guardiola. Wie es um das Duell auf hohem Niveau steht… in dieser Ausgabe.

Toni Kroos: Außergewöhnlich normal

Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging, dass der Mann mit dem feinen Fuß doch mehr kann als nur ein bisschen talentiert zu sein. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.

Basketball-WM: Maxi Kleber im Interview

Die Ligen sind zu Ende, die Ferien sind zu Ende, jetzt ist es an der Zeit, die Besten der Welt zu entscheiden. Nach US-dominierten Meisterschaften haben wir dieses Jahr sehr viel mehr Favoriten, sehr viel höhere Spannung. Wenn Sie sich vor dem ersten Pfiff in China ein paar Notizen machen wollen, können Sie zuerst auf unser 2019 Basketball-Weltmeisterschaft- Special einen Blick werfen. Dazu: Wir sprachen mit Maxi Kleber.

Dies und vieles mehr in Socrates #35!
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Felix Magath: „Der Alte spinnt!“

An Felix Magath kleben viele Vorurteile, doch der 65 Jahre alte Fußballtrainer hält wenig davon. Er liebt seinen Sport und spricht darüber, wie er sich den Fußball vorstellt und wer ihn vom Rasenmähen abhält.

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Felix Magath, joggen Sie eigentlich?

Ich versuche, zweimal die Woche zu laufen. Wenn man fit genug ist, macht das den Kopf frei und sorgt für klare Gedanken.

Denken Sie dabei dann nur an Fußball?

Der Fußball ist weiterhin ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Natürlich kommt immer meine Familie an erster Stelle. Die Familie musste sehr oft hinter dem Fußball zurückstehen und hat mich dennoch ohne Klagen auf allen Stationen immer ganz toll unterstützt.

Spielen Sie noch Fußball?

Ich würde es gern, aber es ist schwierig, gleichwertige Partner zu finden. Ein Fußballspiel macht nur Spaß, wenn man Mit- und Gegenspieler hat, die in etwa auf dem gleichen Niveau stehen. Das wird vor allem dann deutlich, wenn Sie trotz taktisch und technisch guter Fähigkeiten gegen körperlich überlegene Gegenspieler antreten müssen. Dann werden Sie feststellen, Sie haben keinen Erfolg.

Was ist Erfolg heute?

Erfolg ist heute anscheinend, wenn man die ganze Saison schwache bis miserable Leistungen abliefert, in der Relegation aber fünf Minuten vor Abpfiff einen Freistoß bekommt und den verwandelt. Dann sind alle begeistert und feiern nur noch dieses Tor und den Schützen. Der Rest der Saison wird völlig vergessen. Der Spieler, der das Tor erzielte, kann vorher eine katastrophale Saison gespielt haben, ist dann aber sofort der Superstar.

Gibt es Ursachen für diese Entwicklung?

Selbstverständlich. Eine der Ursachen liegt natürlich in der Schaffung der Champions League.

Die Champions League?

Mit der Champions League wurde ein europäischer Wettbewerb erschaffen, der den teilnehmenden Mannschaften so viel Geld in die Kassen spült, mit dem sie von den anderen Mannschaften regelmäßig die besten Spieler wegkaufen können. Dadurch entfernen sich diese wenigen Topklubs mit ihrem Leistungsniveau immer weiter von den nicht in der Champions League vertretenden Mannschaften. Somit können sich nur noch Mannschaften mit einem finanzstarken Investor in der Spitze Europas etablieren und dort festsetzen. Auch deswegen ist der Fußball längst nicht mehr das soziale Spiel, welches er einst war.

Ist er asozialer geworden?

Das Wort asozial möchte ich nicht verwenden. Der soziale Aspekt ging in jedem Fall verloren. Was die Verbände FIFA und UEFA sowie der DFB initiieren, zielt hauptsächlich darauf ab, noch mehr Geld zu verdienen. Da verstehe ich die vielen Fans, die sich von der Kommerzialisierung überrumpelt fühlen und abwenden, weil sie die sportliche Herausforderung im Fußball längst zu oft vermissen müssen. Klaren Anspruch auf sportlichen Erfolg vermisse ich ebenfalls, auch in der Bundesliga.

Wo fällt Ihnen dieses besonders auf?

Schauen Sie sich zum Beispiel die Entwicklungen in Hannover und Nürnberg an. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich – ausgenommen ein paar Spieler – die Verantwortlichen gegen einen drohenden Abstieg gestemmt haben. Man hat sich schon lange vor Saisonende mit dem Abstieg angefreundet und gesagt: „Nächstes Jahr steigen wir eben wieder auf.“ Zu einem Zeitpunkt, als deren Situation noch nicht mal schlecht, geschweige denn hoffnungslos war. In Nürnberg hat man sich sogar dafür gelobt, in der Winterpause nicht eingekauft zu haben. Damit wurde ein Abstieg billigend in Kauf genommen.

Hat die Show den Sport verdrängt?

Nicht überall. Eintracht Frankfurt ist in der Bundesliga ein positives Beispiel. Aber auch bei anderen Sportarten, zum Beispiel Eishockey und Handball, ist sportlich etwas los. Der Wille zum Torabschluss, Emotionen und Zweikämpfe bestimmen das Spiel und begeistern die Zuschauer. Es macht Spaß, dabei zuzuschauen. Da passiert immer etwas, keiner spielt auf Ballbesitz, obwohl es viel einfacher wäre als im Fußball. Warum setzt man im Fußball also auf Ballbesitz? Es geht doch darum, Tore zu schießen oder sie zu verhindern und nicht darum, wie oft man den Ball in seinen eigenen Reihen herumschiebt. Man hat doch bei der letzten Fußball-WM gesehen, dass es nicht zwangsläufig zum Erfolg führt.

Eintracht Frankfurt hat in der Bundesliga und in Europa gezeigt, dass es auch anders gehen kann.

Richtig. Frankfurt, aber auch Dortmund spielen in der Liga auf Torerfolg, da schaue ich wirklich gerne zu und vergesse darüber schon mal, den Rasen zu mähen.

Ist es Zufall, dass Frankfurt und Dortmund als Positivbeispiele herhalten? In Frankfurt führt Fredi Bobic die Geschicke, in Dortmund hat man sich nach einer Talfahrt vor der letzten Saison weitere Fußballkompetenz in Sebastian Kehl und Matthias Sammer hinzugeholt.

Kein Zufall. Ich glaube schon, dass bei diesen beiden Klubs der Blick auf den Sport um einiges stärker ist als in anderen Vereinen. Denn oftmals bestimmen Entscheider ohne Fußballfachwissen das Geschehen in den Bundesligavereinen. Es geht mittlerweile in der Bundesliga nicht mehr ausschließlich um die sportliche Leistung, sondern darum, wie ich das, was passiert, in der Öffentlichkeit am besten kommunizieren kann.

Wie schwierig ist der Umstand, dass die Kompetenzen der Trainer eingeschränkt sind und diese unter den Vorgaben und Entscheidungen anderer Personen im Klub arbeiten müssen?

Da kann ich nur für mich antworten. Ich kann nicht beurteilen, wer in der Bundesliga in den dortigen Vereinen die finalen Entscheidungen trifft. Es ist von außen nicht immer klar erkenntlich. Während ich beim VfL Wolfsburg fast alles entscheiden konnte, hatte ich beim FC Bayern München nur sehr geringen Einfluss auf die Kaderzusammenstellung gehabt. Aber verantworten musste ich bei beiden Vereinen die sportliche Leistung der Mannschaft gleichermaßen allein.

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Wie sah Ihr Alltag in München aus?

Da gab es die Absprache mit Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, dass wir einen Transfer nur dann machen, wenn alle drei ihre Zustimmung geben. (lacht)

Wie sah die Praxis aus?

Ich sagte: „Ich hätte gerne den Spieler.“ Dann bekam ich von einem der beiden Genannten gesagt: „Felix, das ist nicht Bayern München.“ Dann wurde der Spieler eben nicht geholt. Dasselbe hätte ich natürlich machen können: Wenn einer der beiden einen Spieler vorgeschlagen hat, diesen theoretisch auch abzulehnen. Aber dann wäre ich zu gar keinem neuen Spieler gekommen. So wurde der Kader mehr von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zusammengestellt und bestimmt als von mir. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass ich in Wolfsburg lieber gleich die Entscheidungen allein getroffen und verantwortet habe.

Genau das hat auch für Kritik gesorgt.

Das kann man gern kritisieren. Ich bin kein Superman. Ich kann nicht alles jeden Tag selbst machen. Täglich, teilweise zweimal, auf dem Trainingsplatz stehen und noch ständig Kontakte zu Aufsichtsratsmitgliedern und anderen Verantwortlichen pflegen, ihnen erklären, was ich warum vorhabe. Aber dafür habe ich sportlich gute Entscheidungen getroffen und verantwortet.

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Wie ging es eigentlich los in Wolfsburg?

Zuerst einmal mit sehr vielen Flugkilometern. Als Wolfsburg Kontakt aufnahm, weilte ich nämlich mit meiner Familie bei meinem Vater auf Puerto Rico. Ende Mai kam dann ein Anruf aus Wolfsburg. Ich bin gleich am nächsten Tag über New York und London nach Braunschweig geflogen. Dort habe ich mich mit verschiedenen Aufsichtsratsmitgliedern zusammengesetzt und sehr schnell Einigung über die Zusammenarbeit erzielt. Daraufhin bin ich sofort wieder in die Karibik zu meiner Familie. An Urlaub war natürlich nicht mehr zu denken. Ich habe dort umgehend begonnen, die Mannschaft für die neue Saison zusammenzustellen. Um einen Kader für die Ende Juni anlaufende Vorbereitung zusammenzustellen, hatte ich nur zwei, drei Wochen Zeit. Wenn die erste Saisonhälfte auch etwas wackelig war, hatten wir schon am Ende der Saison mit dem fünften Tabellenplatz den VfL Wolfsburg in den internationalen Wettbewerb gebracht.

Einer Ihrer Nach-Nachfolger in Wolfsburg war Bruno Labbadia, der einen starken Job gemacht hat, aber den Verein verlassen hat, weil er mit Sportchef Jörg Schmadtke atmosphärische Störungen hatte.

Egal, welchen Erfolg ein Trainer hat, wenn der Manager andere Vorstellungen hat, sitzt dieser grundsätzlich am längeren Hebel und der Trainer muss weichen.

Klingt nicht fair. Würden Sie mit einem Sportdirektor arbeiten?

Seit es diesen Posten des Sportdirektors oder Sportmanagers gibt, seit ungefähr Mitte der 80er Jahre, ist dennoch vieles unklar geblieben. Wer entscheidet was? Wer macht was? Dieses Konstrukt funktioniert eben nicht immer. Ich persönlich habe nie ein Problem gehabt, nur den Trainerjob zu machen und mit einem Sportdirektor und einem Sportvorstand zu arbeiten. Aber dann sind diese drei nicht nur für den Erfolg, sondern auch gemeinsam für den Misserfolg verantwortlich.

Kritiker stellten die Behauptung auf: Magath geht es um Macht. Stimmt das?

Wenn ich Macht beansprucht hätte, wäre ich wohl sicher nicht von Stuttgart zu Bayern gegangen. Es war doch klar, dass ich in München nicht so viel Einfluss habe, nachdem ich beim VfB schon Sportdirektor war. Oder nehmen Sie Wolfsburg: Da hätte ich als Meistertrainer alles machen können, was ich will. Ich habe nie Macht gesucht, sondern stets die sportliche Herausforderung. Die Frage war immer: Was traue ich mir zu? Darin war ich immer sehr klar und deutlich: Ich traue es mir zu, mit Schalke Meister zu werden. Punkt.

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Was war los auf Schalke?

Als ich dort ankam, war Schalke Neunter und hatte 35 Millionen Euro minus gemacht. Wochenlang waren die Medien voll mit der Sorge, ob Schalke noch zahlungsfähig ist. Ich habe drei Spieler aus der eigenen Jugend beziehungsweise aus der Amateurmannschaft zu den Profis geholt. Sie wurden alle zu Stammspielern. Mit Christoph Moritz, der heute in Darmstadt spielt, mit Lukas Schmitz, der heute in Österreich spielt und Joel Matip, den ich aus der Jugend geholt habe und der heute beim FC Liverpool spielt, wurden wir deutscher Vizemeister.

Sie haben auch über Ihre Situation beim FC Bayern geredet. Das war 2004 bis 2007. Hat Niko Kovač heute mehr Einfluss?

Ich glaube nicht. Schauen Sie sich den Kader der abgelaufenen Saison an. Dass man den Kader nicht gravierend verändert hat, fand ich ziemlich optimistisch. Wenn es aber mit dieser Entscheidung nicht läuft, macht man dem Trainer die Vorwürfe. Eigentlich ist er nicht schuld daran, hat aber die dadurch entstandenen Probleme. Ich kann mich da an einen Fall beim VfB Stuttgart erinnern.

Erzählen Sie bitte.

Ich hatte dort einen Spieler namens Krassimir Balakow. Ein Weltklassemann. Er hatte seine Karriere beendet und wir brauchten einen Ersatz. Er war ein wichtiger Faktor unseres Spiels. Unser Finanzvorstand hat mir gesagt: „Eine Million Euro können Sie ausgeben.“ Das war ja schon damals im Profifußball sehr wenig Geld. Wie soll ich einen Weltklassespieler mit einer Million Euro ersetzen? Ein Ding der Unmöglichkeit, und trotzdem habe ich mich nicht an die Medien gewandt und geweint oder mich öffentlich beschwert.

Es kam dann der Schweizer Hakan Yakin vom FC Basel, der für den VfB Stuttgart neun Bundesliga-Spiele machte und dann wieder ging.

Mir war völlig klar, dass es ein Risiko ist, ihn zu verpflichten und er es vielleicht nicht schaffen würde, Balakow zu ersetzen. Das war wahrscheinlich mit einer Million Euro auch nicht möglich.

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Wir führten ein Interview mit Kingsley Coman. Er erzählte, dass er zu Gast bei Uli Hoeneß am Tegernsee war und bei einer Runde Kekse seine Situation bei Bayern besprochen wurde.

(lacht) Das ist das Schicksal jedes Trainers bei Bayern München. Der Vorstand sucht dort auch häufiger den Kontakt zu Spielern, ohne den Trainer darüber zu informieren. Sobald ein Spieler zum Aufsichtsrat, zum Präsidenten, zum Manager oder zum Sportdirektor gehen kann, schwächt das die Position des Trainers. Ich verstehe Uli Hoeneß ja sogar, dass er sich um den FC Bayern kümmert, weil er das alles aufgebaut hat, aber so macht er es dem Trainer natürlich nicht einfach, wenn er sich mit den Spielern trifft und vielleicht über den Trainer redet.

Bald soll Ihr Ex-Spieler Oliver Kahn beim FC Bayern Sportvorstand werden. Trauen Sie ihm den Job zu?

Oliver Kahn war immer Profi. Er ist sehr ehrgeizig und hatte immer den nötigen Siegeswillen. Er kennt die Strukturen einer Mannschaft und die Wirkungsweisen in einem Klub. Er weiß, wie es läuft. Aber wie er den Job machen wird, kann ich nicht beurteilen. Das wäre Kaffeesatzleserei.

Stoßen wir in eine neue Zeit vor, wie man Klubs führt?

Ich hatte es vorhin schon mal erwähnt: Heute geht es vor allem um die Beherrschung der Kommunikation und das Bild in der Öffentlichkeit. Es geht weniger darum, was sie konkret leisten. Das ist mittlerweile leider längst nicht mehr so wichtig.

Haben Sie sich über die Jahre verändert?

Viele Menschen haben Probleme mit Veränderungen. Ich musste mich aber in meinem Fußballerleben ständig verändern. Jeder wird sich wohl vorstellen können, dass man zum Beispiel in China nicht so erfolgreich arbeiten kann wie in der Bundesliga, ohne sich an die neuen Gegebenheiten und Lebensumstände anzupassen.

Sind Sie stolz darauf, von der „alten Schule“ zu sein?

Ich bin stolz darauf, was ich bis heute geleistet habe. Man kann nachlesen, was ich erreicht habe. Es gibt eben keine modernen oder unmodernen Trainer, sondern nur die nicht erfolgreichen oder eben erfolgreichen Trainer.

Ihnen wird ja viel nachgesagt, aber Emotionen zu zeigen, gehört nicht dazu. Nehmen Sie Entlassungen eigentlich emotional mit?

Nein. Mittlerweile nicht mehr. Die erste Entlassung beim HSV war natürlich schlimm und hat mich auch sehr getroffen. Diese Erfahrung hat mich verändert und dann stärker gemacht, mir sehr geholfen, nur noch nach vorne zu schauen. Die späteren Entlassungen bei den Bayern oder auf Schalke haben mich nicht mehr sonderlich belastet. Ich bin Profi.

Ihre Spieler kennen Sie als harten Hund. Unser ehemaliger Kolumnist Andreas Görlitz hat uns erzählt: Unter Magath gab’s keine Info, wann am nächsten Training ist. Dafür haben Sie aber dann alles mitgemacht und das hat den Spielern imponiert.

Ein Spieler, der einen siebenstelligen Betrag verdient, muss seinem Arbeitgeber Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Ich habe keine Trainingspläne herausgegeben, weil sie sich auf ihren Job konzentrieren sollen und nicht auf ihre Freizeitgestaltung. Geben sie einen Trainingsplan raus: Dienstagsvormittag ist Training und dann wieder am Mittwochnachmittag. Der Spieler fährt Barcelona, Paris, London, macht einen Werbetermin oder ein Fotoshooting, abends geht’s dann noch irgendwo hin. Er fliegt am nächsten Tag um 14 Uhr zurück und kommt direkt zum Training. Dann sagt er nach der Trainingseinheit: „Boah, der Alte spinnt. Hat der wieder hart trainiert heute.“ Das ist nicht meine Vorstellung von Professionalität.

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Ist es für Sie das größte Kompliment, wenn ein Spieler sagt: „Unter Magath war ich am fittesten.“

Fitness ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Aber stolz war ich, dass wir mit unserer Arbeit im Trainerteam auf allen Stationen sehr wenige Verletzungsprobleme hatten. Weh getan hat mir, dass Andreas Görlitz und Patrick Helmes sich während eines Spiels jeweils mit einem Kreuzbandriss schwer verletzt hatten.

Sie waren 2014 beim FC Fulham. Haben Sie das gemacht, um einmal Premier League Luft zu schnuppern?

Schon als junger Trainer war ich mal in England, um mir das alles genau anzuschauen. Ich habe mir das Training in Liverpool bei den Reds, bei Manchester United und bei Arsenal in London angesehen. Mit Arsène Wenger habe ich dann auch gut zu Abend gegessen. Nach einer Woche bin ich aber nach Hause gefahren und habe mir gesagt: ‚Und jetzt?‘ Training und Abläufe waren super, aber nicht anders, als ich es schon gekannt habe. Da habe ich mir gesagt: ‚Sei du selbst, schaue nicht nach anderen. Gehe deinen eigenen Weg.‘ Das ist dann auch authentischer gegenüber den Spielern, wenn du das machst, wofür du stehst.

Hat das Essen mit Wenger wenigstens geschmeckt?

Ausgezeichnet. Frau Wenger hat wunderbar gekocht.

Und Fulham und die Premier League?

Schon als Jugendlicher wollte ich mal im Ausland leben. England und die Premier League haben mich dann natürlich ungemein gereizt. Auch wenn Fulham mir kein optimales Angebot unterbreitet hatte, war ich zu heiß auf den Traum Premier League und habe die mir durchaus bewussten Gefahren dieser Konstellation verdrängt. Ich war nämlich nach zwei Transferperioden schon der dritte Trainer in der laufenden Saison. Die Mannschaft hatte zu viele alte Spieler, die längst über ihren Zenit hinaus waren. Da war einfach nichts mehr zu machen. Trotzdem war es für mich privat eine wunderbare Zeit in London. Die Stadt, das Leben in England und die Menschen dort habe ich sehr schätzen gelernt.

Als Fazit: Nun nie mehr Ausland oder doch noch ein neuer Anlauf?

Sicher würde ich auch wieder gerne im Ausland arbeiten. Mir geht es vordergründig nicht um die Beschäftigung, sondern vor allem um eine Herausforderung und eine neue Aufgabe. Wo ich den Eindruck habe und zu der Überzeugung gelange, auf Menschen und Verantwortliche zu treffen, die etwas bewegen und wirklich Erfolg haben wollen, da bringe ich mich und meine Erfahrung gerne ein und bin dabei. Ob national oder international ist egal.

Könnte der DFB Sie anrufen?

Das ist wohl eher Utopie. Ich bin immer sehr kritisch nicht nur mit mir selbst gewesen und sage offen meine Meinung – auch gegenüber dem DFB. In puncto Nachwuchsleistungszentren ist dies zum Beispiel der Fall. Es wurden Millionen dafür ausgegeben, um diese zu entwickeln. Jetzt werden in der Bundesliga Millionen ausgegeben, um junge Spieler aus dem Ausland zu holen. Sie glauben wohl nicht, dass man das beim DFB gerne hört oder liest. (lacht)

Joachim Löw stand ja auch in der Kritik.

Zu Recht, wenn er nach einer schlechten WM sagt, dass er Verantwortung übernimmt und dann sechs Wochen in den Urlaub geht. Solche Art „Verantwortung“ kann jeder übernehmen.

Die Nationalmannschaft ist bei der WM krachend gescheitert, die Klubs im Europapokal – bis auf Eintracht Frankfurt – ebenso. Wo steht denn der deutsche Fußball?

Der deutsche Fußball hat sich derzeit im Mittelmaß eingerichtet. Der FC Bayern kann sicher, sofern er genügend Geld in die Hand nimmt, international wieder mit den Besten mithalten. Auch Lucien Favre traue ich zu, den BVB so positiv weiterzuentwickeln, dass Dortmund auch international wieder etwas konkurrenzfähiger wird. Ansonsten macht mir die Eintracht aus Frankfurt sehr viel Freude. Ich hoffe, Fredi Bobic kann die Mannschaft weiterentwickeln.

Keine großen Endspiele mit deutscher Beteiligung in Aussicht?

Nach jetzigem Stand der Dinge sehe ich das in den nächsten vier Jahren nicht.

Abschließend eine persönliche Frage. Sie nahmen unlängst in München an einem Organspendelauf teil. Brauchen Sie ein Spenderorgan?

Glücklicherweise nicht. Ich möchte dabei helfen, wie viele engagierte Mitstreiter auch, mit meiner und der Popularität des Fußballs dieses Thema der Öffentlichkeit bewusster zu machen. Der engagierte Augsburger Klinikdirektor und Chirurg Prof. Matthias Anthuber hat mich für diese Thematik sensibilisiert. Derzeit stehen in Deutschland circa 10.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Jeden Tag sterben Menschen, weil für sie kein Spenderorgan gefunden wurde. Ein unhaltbarer Zustand. Es kann jederzeit jeden von uns treffen, Sie, mich, Menschen, die wir lieben aus unserem Familien- oder dem Freundes- und Bekanntenkreis. Jeder Einzelne von uns kann mit seiner individuellen Bereitschaft zur Organspende zu einem Lebensretter werden. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Deswegen engagiere ich mich.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Thomas Müller: Bayerns Sheldon Cooper

Zwar muss Thomas Müller seit Jahren neben der Toilette sitzen – dennoch fühlt er sich bei Bayern und in München zu Hause. Warum er da weiter Filme anschauen will und was in der Kabine passiert, erzählt er Socrates.

Das Interview erschien in Ausgabe #4

Das Interview erschien in Ausgabe #4

Thomas Müller, ein Sprichwort besagt: Wer sich überall zu Hause fühlt, ist nirgends daheim. Finden Sie sich darin wieder?

Ich fühle mich auch wohl, wenn ich unterwegs bin. Aufgrund meines Berufs war ich ja schon viel unterwegs auf dem Planeten und bin überall zurechtgekommen. Aber ja, es gibt diesen Platz, an dem ich daheim bin. Hier in Bayern ist es einfach schön.

Haben Sie Ihre Heimat durch die vielen Reisen noch mehr zu schätzen gelernt?

Die Frage ist, ob es immer nur an der geografischen Lage liegt, wo man daheim ist. Klar, man hat eine Verbindung zu dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Aber der Wohnort kann durch einen Umzug ja auch wechseln. Der zentrale Anker ist die Familie. Das ist ja eigentlich das wahre Gefühl von Heimat – dass die Menschen, die einem am wichtigsten sind, um einen herum sind.

Die Menschen beim FC Bayern scheinen dann wie eine Familie für Sie zu sein.

Seit ich zehn Jahre alt bin fahre ich fast täglich an die Säbener Straße. Ich fühle mich beim FC Bayern daheim. Ich kenne alle handelnden Personen im Verein. Nicht nur diejenigen, die direkt um mich herum sind. Wenn ich mich am Trainingsgelände umschaue: Der Hattab Khalfallah, der die Balljungen betreut, der war schon mein Betreuer in der Jugend. Im Leistungszentrum kenne ich die Jugendtrainer, die Verantwortlichen. Man grüßt sich, man kennt sich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das woanders ist. Ich war bisher eben nur hier. Wenn wir über Heimat sprechen, dann kann ich auf den Fußball bezogen schon sagen: Der FC Bayern ist mein Wohnzimmer.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass Bequemlichkeit aufkommt?

Ich kann es mir nicht auf der Couch bequem machen, sondern habe was zu tun. Es macht schon Spaß, diesen Wettbewerb im vertrauten Wohnzimmer anzunehmen. Es macht Spaß daran zu arbeiten, dass der FC Bayern am Ende wieder ganz vorne steht.

Es kommen ja jährlich neue Darsteller in Ihr Wohnzimmer. Sehen Sie es als Aufgabe an, diese sich dort wohlfühlen zu lassen?

Ich sehe mich da schon auch neben dem Platz in der Verantwortung, meinen Teil dazu beizutragen, dass die Mannschaft funktioniert. Dass die Voraussetzungen gegeben sind, dass wir Ergebnisse liefern können. Und diese sind am besten, wenn sich jeder Spieler bei Bayern wohlfühlt.

Hat sich Ihr Blick darauf mit den Jahren verändert?

Es ist ja so: Wenn du jung bist, musst du erstmal schauen, dass du selbst funktionierst. Mittlerweile schaue ich vermehrt auf das Große und Ganze. Der Verein entwickelt ja auch eine gewisse Erwartungshaltung an einen. Jahr für Jahr steigt meine Verantwortung. Es muss Spieler in einem Team geben, die über den Tellerrand hinausschauen und sich auch darum scheren, dass der ganze Laden läuft. Das ist eine spannende Aufgabe.

Welche Rolle spielt dabei die Kabine?

Sie ist der zentrale Punkt auf dem Trainingsgelände. Die Kabine ist ein Ort, an dem sich viel Wichtiges abspielt. An dem man immer wieder zusammenkommt. Aber auch ein Ort, der einem ständigen Wandel unterlegen ist. Nicht nur während einer Saison, sondern über viele Saisons gesehen. Wenn man sieht: Wer kommt? Wer geht? Mit wem habe ich schon vor fünf Jahren zusammengespielt? Wie viele sind von denen noch da? Man lernt viele neue Persönlichkeiten kennen. Ich bin in dieser Situation bei Bayern der Sheldon Cooper – der hat bei der Big Bang Theory schon ewig seinen Platz auf dem Sofa. Und diesen Platz habe ich in der Kabine auch. Allerdings ist meiner schlechter gelegen – nämlich direkt neben der Toilette. Aber den Platz werde ich nicht mehr abgeben. Ich kann von dort aus gut handeln.

Handeln im Sinne eines bayerischen Integrators oder Imperators?

Integrator passt auf jeden Fall. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter einem Imperator?

Jemanden, der seine Männer in die Schlacht führt und kommandiert.

Es erinnert mich zu sehr an früher. Damals wurde immer der Eindruck vermittelt: Der Kapitän ist der Alleinherrscher. Das ist aber kein Spieler. Es ist ja schon längere Zeit so, dass Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird. Das Geschäft untereinander ist ein bisschen menschlicher geworden. Aber natürlich muss man auch mal Ansagen machen, wobei da nach wie vor der Kapitän der erste ist, der das veranstaltet und der dafür auch der richtige Mann ist. Grundsätzlich bin ich ein Typ, der versucht, dass die Leute um mich herum Spaß haben und sich wohlfühlen. Wenn ich sehe: „Da zwickt es!“, dann versuche ich so gut es geht positiv einzuwirken. Aber eines ist mir dabei wichtig.

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Bitte.

Es ist nicht so, dass ich mich rund um die Uhr mit den anderen Spielern beschäftige. Das dürfen wir nicht verwechseln. Man muss schon erstmal schauen, dass die Voraussetzungen für einen selbst gegeben sind, dass man seine Leistung bringen kann. Ich will jetzt nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich mich nicht mehr aufs Fußballspielen konzentriere. Aber es gibt eben diese Momente in der Kabine oder auch auf den vielen Reisen, in denen geredet wird und in denen man zwischenmenschlich in die richtige Richtung lenken kann. Es sind eher die kleinen Dinge, die später eine große Wirkung entfalten können.

Geht es in diesen Gesprächen auch um die Übermittlung der Siegermentalität des FC Bayern?

Die kannst du keinem einreden. Die musst du spüren. Jeden Tag. Ich spitze deswegen gerne junge Spieler im Training an, mache aus vermeintlich lockeren Spielchen Wettbewerbe, indem ich sage: Wer gewinnt, muss danach die Getränke für alle holen. Du musst gerade die jungen Spieler mit ins Boot holen. Das schafft Anreize.

Wettbewerb schafft Gewinner?

Was dabei ganz wichtig ist: Du musst vorleben, worauf es ankommt. Worauf es in dem Verein ankommt. Die Spieler, die neu kommen, die lesen überall dieses Mia san mia. Die müssen ja auch ein Gefühl dafür bekommen, was das eigentlich bedeutet. Die müssen das Gefühl bekommen, der FC Bayern ist nicht einfach ein Arbeitgeber. Sondern die müssen spüren: Hier war schon immer eine gewisse Siegermentalität vorhanden. Der Verein ist etwas Besonderes. Man steht immer unter Erfolgsdruck. Dem muss man erstmal gewachsen sein. Und es geht immer um die Performance auf dem Platz. Diese Siegermentalität kann ich mittlerweile gut vorleben.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Steven Gerrard: „Unsere Fans sind ausgerastet“

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben.

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Steven Gerrard, seit einem Jahr sind Sie Trainer bei den Glasgow Rangers. Wie läuft es bis jetzt?

Die Rangers sind meine erste Station als Profitrainer. Davor war ich für die U18 in Liverpool verantwortlich, was eine sehr lehrreiche Zeit war. Aber jetzt ist das eine andere Welt, ich habe hier natürlich viel mehr Verantwortung. Die erste Saison war ein Traum. Schon der Empfang war gigantisch. Ich hätte nicht gedacht, hier mit so viel Herz und Sympathie aufgenommen zu werden. Für mich ist Glasgow eine große Chance. Als das Angebot der Rangers kam, musste ich nicht lange überlegen.

Wieso die Rangers? Sie hatten doch bestimmt auch andere Angebote.

Ich hatte drei oder vier Anfragen, als sich die Rangers meldeten. Ich habe stets betont: Ich unterschreibe nur, wenn ich absolut überzeugt bin. Das war bei den Rangers sofort der Fall. Dieser Verein hat eine unglaubliche Tradition und wird getragen von Emotionen. Das wollte ich erleben und ein Teil davon sein. Das Gesamtpaket der Rangers hat einfach gepasst.

Als Liverpool-Legende sind Sie leidenschaftliche Fans gewöhnt. Ist der Rangers-Anhang so gut, wie man ihm nachsagt?

Gleich beim ersten Testspiel habe ich die Kraft der Fans gespürt. Sie stehen hinter uns und sie sind definitiv der zwölfte Mann Daraus entsteht aber eine große Verantwortung und ein Riesendruck. Und man muss damit umgehen können, dass sie schnell ihren Unmut zeigen, wenn die Ergebnisse und Leistungen nicht stimmen. Die Spieler brauchen ein robustes Nervenkostüm. Wenn es läuft, ist die Stimmung aber unbeschreiblich und Gänsehaut ist garantiert.

Das Ende Ihrer aktiven Zeit ist noch nicht lange her. Wann wussten Sie, dass Sie Trainer werden wollten?

Ich habe mich einige Jahre mit dem Gedanken daran beschäftigt. Als ich dann in die Dreißiger kam und immer öfter feststellen musste, dass mein Körper die permanenten Strapazen nicht mehr aushält, wurden die Pläne konkreter.

Welche Ihrer Trainer haben Sie am meisten geprägt?

Mit Gérard Houllier und Rafael Benítez habe ich mehrere Jahre in Liverpool gearbeitet, und sie gehören zu den besten Trainern, die ich hatte. Mit Houllier holten wir 2001 den UEFA Cup, den europäischen Super Cup, den FA Cup und den Ligapokal, mit Benitez 2005 die Champions League. Nach jeder Trainingseinheit machte ich mir damals heimlich Notizen.

Was haben Sie aufgeschrieben?

Ich habe aufgeschrieben, was mir bei den Trainingseinheiten besonders gut gefallen hat, aber auch meine Eindrücke davon, wie Gérard und Rafa ihren Beruf betrachten. Ich habe immer gewusst, dass ich diese Notizen einmal gut gebrauchen könnte.

Das Interview mit Steven Gerrard erschien in der Ausgabe #33: Jetzt im Shop nachbestellen

Welche Ziele mit den Rangers haben Sie sich notiert?

Nachdem der Klub durch den Zwangsabstieg in den unteren Ligen spielen musste, spürt man hier eine gewisse Ungeduld. Die Leute wollen wieder ganz nach oben. Man muss aber Schritt für Schritt denken, um dauerhaft wieder konkurrenzfähig zu sein und dabei viel Geduld haben.

Die Messlatte ist der ewige Rivale Celtic, der zum achten Mal in Folge die schottische Meisterschaft gewonnen hat.

Das ist richtig. Jeder im Klub muss verstehen, dass wir hart dafür arbeiten müssen, um den Abstand zu Celtic zu verringern. In den vergangenen Jahren hatten sie gar keine Konkurrenz in der Meisterschaft. Dieser Konkurrent wollen wir wieder werden und befinden uns dabei auf einem sehr guten Weg.

Und wann greifen die Rangers in Europa wieder richtig an?

Das erste Ziel ist, unsere Identität wiederherzustellen. Diese besteht im Gewinnen und hat in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Meine Aufgabe besteht darin, uns kontinuierlich zu entwickeln und nie stillzustehen. Unsere Gegner müssen sofort sehen, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie uns gegenüberstehen. An dem Tag, an dem wir wieder in der Champions League sind, wird alles gut sein. Ich möchte diese magischen Nächte bald wieder erleben.

„Magische Nächte“ klingt fast ein wenig wehmütig. Woran denken Sie?

An das Champions-League-Finale 2005 natürlich. Das war zweifelsohne der schönste Tag in meinem Leben als Fußball-Profi. Weil ich leider nie mit Liverpool Meister geworden bin, war dieser Titel umso schöner. Istanbul war ein perfekter Rahmen. Was für eine Stadt! Was für eine Stimmung! Das Stadion und – ich erinnere mich genau – auch der Rasen waren perfekt. Das Spiel selbst war natürlich total verrückt. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich heute darüber spreche.

Der AC Mailand führte bekanntlich 3:0 zur Pause. Wie war die Stimmung in der Kabine?

Die Führung war auch in dieser Höhe absolut verdient. Milan hatte das Spiel dominiert. Wir haben uns dann in der Halbzeit in die Augen geschaut und alle wussten, dass wir nicht gut gespielt hatten und unseren Fans etwas schuldig waren.

Sie haben dann selbst mit dem Tor zum 1:3 zur Aufholjagd geblasen.

Der Schlüssel war aber die Unterstützung unserer Fans, die mit dem Anschlusstreffer wieder an uns glaubten und uns nach vorn peitschten. Es war der absolute Wahnsinn. Jeder von uns hat 15, 20 Prozent mehr aus sich herausgeholt. Nur zwei Minuten nach meinem Tor machte Vladimír Šmicer das 2:3 und unsere Fans sind ausgerastet. So eine Unterstützung hatte ich zuvor noch nie erlebt. Liverpool-Fans leben für ihren Klub, ich weiß das aus eigener Erfahrung.

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14 Jahre sind seither vergangen. Was bedeutet Ihnen dieses Endspiel?

Istanbul wird immer einen besonderen Platz in meinem Herz haben. Das war die schönste Nacht meiner Laufbahn und eine der schönsten in meinem Leben. Und es war mit Sicherheit das beste Champions-League-Finale der Geschichte.

In Glasgow sind Sie nicht nur Trainer, sondern auch Manager. Aus welchem Holz muss ein Spieler geschnitzt sein, damit Sie ihn verpflichten?

Es gibt den Spieler mit seinen fußballerischen Fähigkeiten und dann gibt es eine Persönlichkeit, die dahintersteckt. Wie tickt er? Wie ist er erzogen und ausgebildet worden? Kann er kämpfen? Kann er sich mit unserem Verein voll identifizieren?

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Ist es einfacher, gute Spieler zu bekommen, wenn man Steven Gerrard heißt?

Es besteht immer das Risiko, dass der Spieler sofort wieder auflegt. (lacht) Am Anfang war es extrem schwierig, namhafte Spieler zu holen, weil unser finanzieller Rahmen nicht viel hergibt. Mein Kader ist zwar relativ unerfahren, aber unglaublich hungrig. Wir haben vor allem Spieler geholt, die in ihren jeweiligen Vereinen kaum eine Rolle spielten und sich beweisen wollten. Die Rangers sind ein toller Klub, um sich wieder ins Rampenlicht zu spielen. Das wichtigste Kriterium für mich ist aber, dass ein Spieler eine hohe Eigenmotivation mitbringt.

Wie ist die Konkurrenz in der Liga?

Wir müssen sehr flexibel sein, weil die Teams sehr unterschiedliche Herangehensweisen haben. Manche spielen nur mit langen Bällen. Andere suchen ihr Heil in Standardsituationen. Und wieder andere wollen gar nicht mitspielen, sondern kämpfen nur und lauern auf zweite Bälle.

Wie war Ihr erstes Derby gegen Celtic?

Ich habe es genossen, auch wenn wir leider knapp verloren haben. Wir haben nicht genug an uns geglaubt, daraus müssen wir lernen. Für die meisten meiner Spieler war es auch ihr erstes Old Firm. Kurz vor Weihnachten haben wir den Spieß umgedreht und gegen Celtic gewonnen. Das war das Zeichen, dass wieder mit uns zu rechnen ist.

Illustration: Hüseyin Sandik

Ist die Stimmung vergleichbar mit dem Merseyside Derby gegen Everton?

Es ist relativ ähnlich und gleichzeitig ganz anders. Es gibt die religiöse und politische Komponente, die dafür sorgt, dass wir ein besonderes Derby haben. Es ist nicht einfach zu erklären. Man muss es einfach erleben, um es zu verstehen. Wenn das Derby angepfiffen wird, hört das Leben in Glasgow auf. Da fährt nicht mal mehr ein Auto.

Wie erklären Sie es sich, dass die Top- Klubs der englischen Premier League nur ausländische Trainer haben?

All diese Trainer sind extrem kompetent, und die Premier League besitzt die Strahlkraft und die finanziellen Mittel, sich die besten Coaches zu leisten. Man muss doch realistisch sein: Es gibt auf der Welt eben bessere Trainer als die englischen.

Eigentlich müssten Sie doch irgendwann den FC Liverpool übernehmen. Wann können wir denn damit rechnen?

Ich bin bei den Rangers wahnsinnig glücklich. Ich will für diesen Klub mein Bestes geben und unsere Ziele erreichen. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Jürgen Klopp macht einen hervorragenden Job in Liverpool und passt als Typ großartig zu diesem Klub. Für mich ist Liverpool ein besonderer Ort und vielleicht werde ich dort einmal anheuern. Wir werden sehen.

Interview: Alexis Menuge