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Jürgen Klinsmann: Der Zeit voraus

Die Ausgabe 18 ist ab sofort im Handel! Neben Jürgen Klinsmann auch mit Neven Subotić, Bernhard Peters, Kenan Koçak, Marc Wilmots, James Rodríguez, Tiger Woods, Tommy Haas, Dwight Howard, Chris Fleming und vielen mehr.

Die Themen dieser Ausgabe

Jürgen Klinsmann | Der Zeit voraus

Jürgen Klinsmann wurde als Spieler mit Deutschland Weltmeister, als Trainer wurde er kritisch gesehen. Doch seine eins umstrittenen Methoden führten den deutschen Fußball zum Erfolg. Ein Gespräch über widrige Wege, Jogi Löw und eine deutliche Warnung an Deutschland.

Neven Subotić | Das Streben nach Glück

Neven Subotić ist Fußballspieler. Aber das ist nebensächlich. Mit Socrates spricht er über sein Engagement neben dem Fußball und warum es für ihn wichtigere Dinge gibt, als einen Meistertitel oder ein Champions-League Finale.

James Rodríguez | Vertreter des neuen Kolumbien

James Rodríguez wuchs in der Heimat Pablo Escobars auf. Doch der Star des FC Bayern schaffte es, die mächtigen Drogen-Kartelle weit weg zu halten. Wie das gelang, erzählt sein Biograf bei Socrates.

Sportwissenschaftler Dr. Karsten Schumann setzt sich in seiner Kolumne mit dem Begriff der Leistung auseinander. Leistung sei die Grundlage für den Erfolg, auf den es im Spitzensport letztendlich ankomme.

Mit Socrates spricht Peters über seinen Traum den deutschen Fußball zu verbessern und welche Eigenschaften Talente brauchen, die den Sprung zum Profi schaffen wollen. 

Kenan Koçak ist mit 37 Jahren einer der jüngsten Trainer im deutschen Profifußball. Koçak spricht über seinen sportlichen Werdegang und bricht eine Lanze für Thomas Tuchel.

Marc Wilmots hat viel erlebt. Er war Teil der berühmten Schalker Eurofighter und trainierte bereits die Nationalmannschaften von Belgien und der Elfenbeinküste. Mit Socrates spricht er unter anderem über sein Leben und den deutschen Fußball.

Chris Fleming ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des deutschen Basketballs im vergangenen Jahrzehnt. In Socrates redet er über seine Zeit in Deutschland und warum er den Abschied noch nicht verarbeiten konnte.

Steven Reinprecht ist bei den Nürnberg Ice Tigers eine Institution. Mit Socrates spricht er über den Gewinn des Stanley Cups in seinem Rookie Jahr und einen haarigen Unterschied zu Jaromír Jágr.

Tiger Woods | Das Leben ist schön

Tiger Woods hat in seinem Sportlerleben alles erreicht. Alles? Wohl nicht, sonst würde er ja vermutlich nicht weitermachen. Oder hat seine andauernde Karriere damit gar nichts zu tun? Was fehlt ihm noch?

Tommy Haas exklusiv | Der Winner-Typ

Tommy Haas war eines der größten deutschen Tennistalente. Der ganz große Durchbruch ist ihm aber nie gelungen. Socrates schreibt über die ergreifende Karriere einer Legende.

Dwight Howard exklusiv | Pariah

Dwight Howard war Megastar und Publikumsliebling… und hat fast alles verloren. Heute ist er geläutert – und versucht zurück zu erobern, was ihm einst durch die Finger glitt. Der Superman sprach mit Socrates über seinen Aufschwung bei den Charlotte Hornets.

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Corinne Diacre: Gestatten, Corinne!

Corinne Diacre trainierte ein Männer-Fußballteam. Sie war die einzige Frau in Europa. Bei SOCRATES erzählt sie, wie schwer das ist.

Autorin: Corinne Diacre

Damals, im Sommer 2014, war ich arbeitslos und nachdem Helena Costa – meine Vorgängerin bei Clermont – bereits nach ein paar Wochen das Handtuch geworfen hatte, kam Präsident Claude Michy auf mich zu. Er hat mir sofort den Trainerposten angeboten. Ich habe ein bisschen Zeit benötigt. Ich wollte mir sicher sein, dass das das Richtige für mich ist, denn es war ein gewagter Schritt, und ich wollte mir sicher sein und bloß nichts bereuen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #8

Ich habe mich unter anderem gefragt, ob es kein zu großes Risiko wäre, ob ich nicht lieber in meiner Komfortzone bleiben und wieder Frauen trainieren sollte. Aber zu diesem Zeitpunkt suchte ich ja einen Job und wollte unbedingt wieder aktiv werden. Auch gegenüber dem französischen Arbeitsamt wäre es nicht so gut gewesen, einen Job abzulehnen.

Als ich meinen Trainerschein machte, hätte ich nie gedacht, irgendwann mal bei einer Männer-Mannschaft als Cheftrainerin zu arbeiten. Ich hatte schon Angebote aus der Ligue 2, als Co-Trainerin mitzuhelfen und ich hatte bei verschiedenen Klubs aus dieser Liga hospitiert, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, jemals einen solchen Posten zu übernehmen. Es hat sich einfach so ergeben und diese Chance wollte ich nutzen. Wer weiß, ob sie ein zweites Mal in meiner Laufbahn gekommen wäre, wenn ich in Clermont abgelehnt hätte.

Im Endeffekt habe ich dieses Angebot als fantastische Angelegenheit und als aufregende Herausforderung betrachtet. Der Präsident hatte mich an einem Montag angerufen und 24 Stunden später habe ich ihn zurückgerufen. Zwei Tage später habe ich mich mit dem Trainerteam von Clermont getroffen, um einen Eindruck zu bekommen. Anschließend habe ich Claude Michy am Samstag bindend zugesagt. Dann wusste ich aber: Das mache ich, ohne Wenn und Aber. Natürlich war mir bewusst, dass ich in die Geschichte eingehen würde als erste Frau, die eine Männer-Profimannschaft übernimmt. Bis heute habe ich diese Entscheidung keine Sekunde bereut, auch wenn der Anfang alles andere als einfach war und es immer wieder Rückschläge gab.

Die ersten Wochen verliefen alles andere als positiv

Auch früher, ob als Spielerin oder Trainerin, habe ich Probleme mit Frauen bekommen. Und ich bin kein Mensch, der gleich nach der ersten Auseinandersetzung das Handtuch wirft. Im Gegenteil. Ich bin jemand, der sich voll reinhängt. Wichtig ist, dass ich mich voll auf meinen Trainerstab verlassen kann und dass er auch dieselbe Vision und die gleichen Ziele wie ich teilt. Wir kommunizieren unheimlich viel, wir sagen uns stets die Wahrheit unter vier Augen, ohne Tabu. Mein Glück ist, dass mein Stab kein großes Ego hat, dass alle bodenständig und ehrlich miteinander umgehen. Jeder weiß, was er zu tun hat. Damit ist die Basis gelegt, um den Fokus einzig und allein auf den Fußballplatz zu richten.

Die ersten Wochen verliefen alles andere als positiv. Nach fünf Spieltagen unter meiner Regie hatten wir keinen Sieg errungen. Ich spürte bereits die Egos mancher Spieler und die Unzufriedenheit mir gegenüber, weil ich eine Frau bin. Der Druck war immens. Für ein halbes Dutzend unserer Spieler war ich nicht wirklich legitim, eine solche Position auszuüben, nur mit dem Argument, dass ich eine Frau bin. Zwei, drei Spieler kamen sogar auf mich zu und meinten: „Passen Sie gut auf, so läuft es nicht mit einer Herrenmannschaft! Sie müssen anders auftreten und anders mit uns umgehen. Sonst hat es keine Zukunft.“ Für mich war es der eindeutige Beweis, dass sie lieber mir die ganze Schuld gegeben haben, statt sich selbst zu fragen, was wirklich schief läuft und was der Kern des Problems sein könnte.

Die Stimmung war natürlich angespannt und betrübt. Ich habe meinen Spielern einfach mitgeteilt, dass Clermont auf gar keinen Fall ein Wort im Aufstiegsrennen mitreden wird, sondern dass wir einzig und allein den Klassenerhalt anpeilen müssen, nicht mehr, nicht weniger. Ich habe betont, dass ich bereit bin, mir alle Wünsche und Kritik anzuhören, aber dass sie mir zeigen sollen, dass sie richtige Profis sind, die mit dieser Situation souverän und klug umgehen können. Nach dem ersten Halbjahr habe ich Konsequenzen gezogen und mich in der Winterpause von fünf Spielern getrennt. Ein paar Wochen später habe ich festgestellt, dass diese Spieler, die mit mir überhaupt nicht klar kamen, auch bei ihrem jeweiligen neuen Verein nicht mehr Einsatzzeit als in Clermont hatten. Das war der Beweis, dass nicht ich das Problem war.

Ich merke bis heute noch, dass ich zwar an Glaubwürdigkeit gewonnen habe, aber nichtsdestotrotz bleibt nach wie vor ein fader Beigeschmack hängen, weil manche Leute mich immer noch nicht ernst nehmen, oder zumindest nicht ernst genug. Dass ich eine Frau bin, ist für viele schwer zu akzeptieren und zu verinnerlichen, dass es auch mit einer Trainerin mit einer Männermannschaft funktionieren kann. Aber die Ergebnisse sprechen ja für mich. Ich bin absolut zufrieden. Wir haben in der ersten Saison den Klassenerhalt geschafft und in der vergangenen waren wir bis zum Schluss im Aufstiegsrennen, was eine Sensation war, weil wir nicht die gleichen finanziellen Mittel wie unsere Konkurrenten hatten. Aber wenn man jedes Jahr nur den Klassenerhalt anpeilt, dann werde ich mit Sicherheit eine neue Herausforderung suchen.

Ich gehe mit dem Druck ganz gut um

Mit Drucksituationen gehe ich inzwischen auch anders um als vorher: Ich hatte ehrlich gesagt das Glück, dass Helena Costa bereits vor mir ein paar Wochen diesen Posten übernommen hatte, sodass der Druck weniger groß war. Zwar bin ich die erste Frau, die eine Männer-Profimannschaft trainiert, aber als Costa verpflichtet wurde, gab es eine unglaubliche Medienpräsenz. Es war irgendwann nicht mehr auszuhalten: Erst wurde über das allererste Heimspiel mit einer Frau als Trainerin berichtet, dann über die erste Auswärtspartie, anschließend der erste Sieg, und so weiter. Dabei hatte man das Wichtigste vergessen: die sportliche Situation, die Leistungen meiner Mannschaft. Das wurde komplett ignoriert und das hat mir wirklich gestunken.

Ich habe das Ganze irgendwann einfach ausgeblendet: Hätte ich alle Kommentare über mich gelesen oder gehört, hätte ich wohl schnell wieder meine Koffer gepackt, und zwar bereits vor dem Saisonauftakt. Ich konnte mich gut schützen, auch dank der guten Zusammenarbeit mit meinem Stab. 

Ich gehe mit dem Druck ganz gut um und kann mich damit abfinden, wenn man über uns berichtet, dass nicht Clermont, sondern ich verloren habe, aber dass andererseits Clermont gewonnen hat und ich dann kaum erwähnt werde. Wenn es dazu führt, dass meine Spieler weniger Druck spüren, dann gerne… Das gehört auch zum Trainerjob, das ist bei den Männern nicht anders.

Alles, was rar ist, erregt Neugier. Aber manchmal ist es wirklich erdrückend. Nach drei Monaten ist es keine Neugier mehr. Ich werde nicht dafür bezahlt, mich als Frau in einer Männermannschaft zu rechtfertigen. Meine oberste Priorität ist es, mein Team zu trainieren und es weiterzuentwickeln. 

Das Schlimmste ist, dass man mit aller Macht versucht, in der Kabine eine klitzekleine Geschichte zu finden, um mir zu schaden. Es hat mich schon verletzt, weil man nicht der Trainerin geschadet hat, sondern mir als Person. Und das ist nicht zu akzeptieren. Man hat versucht, mich fertigzumachen. Wenn es sein muss, bin ich jederzeit in der Lage, die Rüstung rauszuholen. Man versucht bei jeder Kleinigkeit, eine große Geschichte daraus zu machen: Zum Beispiel muss man vor dem Anpfiff den gegnerischen Trainer begrüßen, was vom französischen Liga-Verband gefordert wird, normalerweise mit einem Händedruck. Aber nur weil ich eine Frau bin, weiß der gegnerische Coach nie, ob er mir die Hand oder zwei Küsschen auf die Wange geben soll. Jedes Mal ist das skurril.

Mein Weg war lang und steinig, aber ich habe es am Ende geschafft

Ich glaube nicht, dass ich als Beispiel gelten soll und den anderen Frauen zeigen kann, dass auch andere das Gleiche machen könnten. Ich bin vor allem eine Fußballtrainerin. Klar bin ich eine Frau in einem Männer-Milieu, aber eine Trainerin, die immer schon in diesem Milieu aktiv war. Ich habe begonnen, Fußball mit Männern und Frauen zu spielen bis ich irgendwann in einer Frauenmannschaft gespielt bzw. diese trainiert habe, um dann während meiner Ausbildung wieder mit Männern zu arbeiten. Dementsprechend kenne ich mich mit dieser Welt ganz gut aus und für mich ist es kein Schock, diese Entwicklung durchlebt zu haben. Ich habe mich ausgebildet, ich habe alle möglichen Diplome. Der Weg war lang und steinig, aber ich habe es am Ende geschafft. Bei aller Bescheidenheit, ich bin erst durch meine Karriere mit der französischen Frauennationalmannschaft bekannt geworden. Nun will ich meinen Weg bei den Männern weitergehen.

Eine wichtige Rolle spielt dabei Clermont-Präsident Claude Michy, zu dem mein Verhältnis sehr gut ist. Wir verstehen uns blind. Für ihn war es auch damals ein gewisses Risiko, eine Frau als Trainer anzustellen. Auch in den schwierigsten Momenten war er immer für mich da. Egal, was passiert, ich weiß, dass auf den Präsidenten jederzeit Verlass ist. Und das ist umso wichtiger, als dass ein Trainer ohne seinen Präsidenten gar nichts ist.

Die gesamte Lage hat sich ein bisschen normalisiert, man nimmt mich immer ernster und die Fragen zu meinem Status als Frau werden immer weniger. Ich stelle auch bei jeder Pressekonferenz klar, dass ich nur Fragen zu unserem kommenden Spiel und zu unserer sportlichen Situation beantworten werde. Aber jedes Mal gibt es am Ende ein paar Fragen zu meinem Status, sodass ich dabei immer wieder leicht die Geduld verliere. Durch die Erfahrungen in den ersten Monaten bin ich auf einmal fünf oder zehn Jahre erfahrener und robuster geworden. Dadurch bin ich nicht mehr dieselbe Person. Im Grunde genommen betrachte ich die Anfangsschwierigkeiten als eine Art Ungerechtigkeit, mehr als als eine Leidenszeit.

Schritt für Schritt habe ich mich meinen Spielern angenähert, Barrikaden aufgelöst. Am Anfang waren diese Barrikaden notwendig, um mich durchzusetzen. Aber ich konnte nicht dauerhaft steif bleiben. Man muss immer versuchen, mit den Spielern zu kommunizieren. Das ist ein elementarer Aspekt meiner Trainer-Funktion.

Wenn ich will, dass man mir zuhört, dann weiß ich, was ich zu tun habe

Je größer die Herausforderung ist, desto größer wird meine Bereitschaft sein, sie anzunehmen. Je größer die Schwierigkeiten sind, desto angriffslustiger und kampfbereiter bin ich, um die Erwartungen zu erfüllen und die Kritiker verstummen zu lassen. Ich bin eine Frau, aber mir wird keiner verbieten oder die Lust nehmen, mein Hobby auszuleben. All das, was ich bei Clermont durchmachen musste, habe ich mehr oder weniger erwartet. Ich war darauf eingestellt. Mein Ziel ist es, dass die ganzen Vorurteile peu à peu verschwinden und dass ich mich durchsetze, um denjenigen, die nicht an mich geglaubt haben, zu zeigen, dass ich es doch kann.

Als mich Clermont im Juni 2014 kontaktiert hat, war ich ohne Job. Dementsprechend bin ich diesem Verein dankbar. Und Dankbarkeit bedeutet in meinen Augen Kontinuität im Verein und Treue. Gegenüber meinen Arbeitgebern war ich stets loyal und ehrlich. Auch wenn ich bereits im September 2016 vom französischen Verband kontaktiert worden bin, habe ich das Angebot, Nationaltrainerin zu werden, abgelehnt, einzig und allein weil ich meinen Verein auf keinen Fall im Stich lassen wollte. Das macht man einfach nicht. Nicht mittendrin. Auch wenn man dafür seinen Traum opfert. Aber das hat mit Loyalität zu tun und darauf lege ich sehr viel Wert.

Es gibt keine großen Unterschiede, eher Nuancen. Bei Frauen kann man mal ein Auge zudrücken, aber bei Männern darf man das auf keinen Fall tun. Sobald du irgendetwas erlaubst, ziehen sie daraus Profit und wollen dann noch mehr, um deine Coolness auszunutzen. Man muss stets versuchen, hart und konsequent in seinen Entscheidungen zu bleiben. Bei Gesprächen vor der Mannschaft in der Kabine sind die Männer nicht so konzentriert wie die Frauen. Manche Spieler quatschen sogar unter sich, während ich meine taktische Marschroute angebe. Und wenn sie untereinander diskutieren, können sie mir nicht zuhören. Das macht mich wütend, weil sie dann im Spiel orientierungslos wirken. Ich habe zwar nicht die gleichen Stimmbänder wie ein Mann, aber wenn ich will, dass man mir zuhört, dann weiß ich, was ich zu tun habe.

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Mats Hummels: Ein ganz normaler Junge

Die 17. Ausgabe ist ab sofort im Handel! Neben Mats Hummels sind auch sein Bruder Jonas sowie Marcell Jansen, Roman Weidenfeller, Max Verstappen, Kyrie Irving, N’Golo Kanté und viele weitere in unserem neuen Heft vertreten.

Die Themen dieser Ausgabe

Mats Hummels | Ein ganz normaler Junge

 

Mats Hummels ist einer der besten Abwehrspieler der Welt. Der Profi des FC Bayern München ist stolz auf das Erreichte und besteht dennoch auf den Normalo-Status. Ein Interview über den Menschen hinter dem Fußballstar.

Roman Weidenfeller | Der Profi

 

Roman Weidenfeller ist bei Borussia Dortmund eine Führungsfigur, sportlich aber nicht die Nummer 1. Wie wirkt sich das auf das Alphatier aus? Ein Gespräch über das Innenleben eines Profis.

N'Golo Kanté | Prototyp eines Vorbilds

 

Vor sieben Jahren spielte N’Golo Kanté noch unterklassig. Heute ist er zweifacher englischer Meister, Spieler des Jahres und will mit Frankreich Weltmeister werden. Ein Gespräch über eine verrückte Laufbahn mit jeder Menge Leidenschaft.

Jonas Hummels spricht in seiner Kolumne über das Verhältnis zu seinem Bruder Mats und warum Neid dort nur selten eine Rolle spielt.

Marcell Jansen beendete mit nur 29 Jahren seine Karriere als aktiver Profifußballer. Doch was macht er jetzt? Der erfolgreiche Geschäftsmann berichtet über seien Weg und warum dieser ihn stolz macht.

SOCRATES stattet Sie zum Saisonstart mit allen Infos zu Regeländerungen, neuen Fahrern uns Strecken aus. Und was ist eigentlich genau der „Halo“?

Fritz von Thurn und Taxis wurde gehasst – sagt er selbst. Warum das so war, erzählt er uns in unserer aktuellen Ausgabe #17.

Die tragische Geschichte um Hank Gathers, der am Spielfeldrand zusammenbricht und stirbt, während sein Team auf dem Weg zum Titel war. Eine Tragödie mit vielen Helden

Kyrie Irving | Der eigenwillige Onkel Drew

 

Dass er kein gewöhnlicher NBA-Star ist, zeigte Kyrie Irving nicht nur mit seiner Flucht vor LeBron James. Der Literatur-Liebhaber verblüfft auch mit Leistung. Bei SOCRATES spricht er darüber.

Max Verstappen | Der jüngste Weltmeister aller Zeiten?

 

Seine Konkurrenten wünschen sich ihn als WM-Herausforderer, die Experten vergleichen ihn mit Senna und Co. Doch hat Max Verstappen das Zeug zum nächsten Weltmeister?

Axel Kromer | Die neue Generation ist jetzt

 

Der deutsche Handball steht im Umbruch – Für DHB-Sportvorstand Axel Kromer bedeutet das viel Arbeit, aber ihm ist nicht Bange. Mit SOCRATES spricht er über die neuen Strukturen.

 

  

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Şenol Güneş Interview: „Eine Gedankenrevolution“

Şenol Güneş ist einer der erfolgreichsten Trainer in der Türkei und trifft mit Beşiktaş in der Champions League nun auf den FC Bayern München. Den Deutschen ist er auf ewig dankbar – besonders einem ganz Großen. SOCRATES traf ihn zum Interview.

Autor: Fatih Demireli

Şenol Güneş (65) stand ununterbrochen 15 Jahre im Tor von Trabzonspor und der Nationalmannschaft der Türkei. Nach einer Zeit als Lehrer der Mittelschule wurde er Trainer und feierte seither große Erfolge, u.a. wurde er WM-Dritter 2002 und zuletzt zwei Mal in Folge Meister mit Beşiktaş.

Herr Güneş, können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit einer deutschen Mannschaft erinnern?

War es Kaiserslautern?

1982 als Vereinsspieler von Trabzonspor, ja. Die erste Begegnung gab es aber als Nationalspieler.

Helfen Sie mir weiter.

Das Interview erschien in Ausgabe #16

Am 17. November 1976 gastierten Sie mit der Türkei in Dresden bei der Nationalmannschaft der DDR. Das WM-Quali-Spiel endete 1:1. Beim Rückspiel fehlten Sie, das wurde verloren. Am 1. April 1979 spielten Sie dann erstmals gegen das von Jupp Derwall trainierte Westdeutschland. Am Ende stand es 0:0 in Izmir.

Das Rückspiel gegen Westdeutschland war im Park-Stadion, Gelsenkirchen. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen den Fans. Ich ging dazwischen und bekam dafür einen Fairplay-Preis. Ich konnte es nicht verstehen, weshalb Türken und Deutsche miteinander streiten. Sie leben doch zusammen. Der Fußball sollte verbinden, nicht trennen.

Welche Erinnerungen haben Sie sonst an Deutschland?

Deutschland war schon immer etwas Besonderes. Ich habe ja meine Trainerausbildung zum Teil in Deutschland gemacht. Ich war in Hennef, später dann auch einige Zeit in Berlin in der Ausbildung. Für mich ist Deutschland, was die Ausbildung und die Disziplin angeht, das Vorzeigeland überhaupt. Und wenn sie mal Defizite haben, finden sie schnell Wege diese auszugleichen. Das finde ich beeindruckend.

Als Sie 1979 im Tor gegen Westdeutschland standen, war Derwall Trainer des DFB-Teams. Kurze Zeit Später kam er in die Türkei zu Galatasaray und veränderte den Fußball in diesem Land. Heute ist er eine Legende in der Türkei. Haben Sie damals schon als Spieler verstanden, dass da jemand im hohen Stile Veränderungen angeht?

Schauen Sie, ich war immer Fan des deutschen Fußballs. Schon Helmut Schön hat mich beeindruckt. Aber Derwall ist sowohl für den deutschen, als auch für den türkischen Fußball eine extrem wichtige Figur. Er hat in der Türkei unter widrigen Umständen nicht nur eine Weiterentwicklung vorangetrieben, sondern visionär gehandelt und ein Fußballland verändert.

Eigentlich machen Lehrer und Trainer den gleichen Job

Was hat er getan?

Das, was Derwall in der Türkei getan hat, war eine Gedankenrevolution. Wir Türken haben uns jahrelang gefragt, was wichtig ist, um im Fußball erfolgreich zu sein. Ist es die richtige Taktik? Ist es die richtige Technik? Ist es die Kondition? Wir haben Fragen gestellt und wussten die Antwort nicht. Er hat uns die richtigen Antworten gegeben. Es begann mit ihm, aber dann kamen immer mehr Deutsche und beantworteten unsere Fragen.

Sie waren zwischen 2000 und 2004 Nationaltrainer. Bei der WM 2002 wurden Sie in Südkorea und Japan Dritter, 2003 beim Konföderationen-Pokal erfolgte erneut ein dritter Platz – und dies mit einer sehr jungen Mannschaft. Dennoch war es ein steiniger Weg. Warum ist das Trainer-Dasein in der Türkei so schwer?

Ich war mit meinen Mannschaften oft in Deutschland, um Trainingslager zu absolvieren. Selbst in den kleinsten Dörfern gibt es hervorragende Trainingsplätze, wo Jung und Alt trainieren können. In der Türkei wurden in den letzten Jahren tolle Stadien gebaut, aber das reicht nicht. Wir müssen in die Ausbildung investieren, wir müssen den Kindern mehr Möglichkeiten geben. Stattdessen arbeiten wir oberflächlich an kurzfristigen Lösungen und über die strukturellen Lösungen reden wir nur.

Kann die Türkei so irgendwann fußballerisch zu den großen Nationen aufschließen?

Vereinzelte Ergebnisse auf dem Platz sind immer möglich, aber für das Große und Ganze muss investiert werden. Die Engländer haben es zuletzt auch vorgemacht. Sie waren gegenüber äußeren Einflüssen verschlossen, haben sich aber geöffnet, in die Ausbildung investiert und stellen jetzt die beste Liga der Welt und die Nationalmannschaften kommen nun auch nach.

Sie waren nach Ihrer Zeit als Profifußballer Schullehrer, erst dann sind Sie Trainer geworden. Haben Sie aus der Zeit Ihres Lehrerlebens etwas in den Fußball transportieren können?

Fußballer stehen voll im Leben, haben viel Geld, ein großes Ansehen und dazugehörig oft auch eine Berühmtheit. Man muss natürlich damit umgehen können, aber eigentlich machen Lehrer und Trainer den gleichen Job. Es ist ein anderer Beruf, aber die Praktiken sind gleich. Es ist ein Vorteil, über Pädagogik und Psychologie Bescheid zu wissen, wenn man Menschen einen Weg zeigt, indem man ihnen Wissen mitgibt – und nichts Anderes ist es, was man als Lehrer oder Trainer tut.

Bayern wird für Beşiktaş eine Reifeprüfung

Was ist schwieriger?

Der Schüler muss in die Schule kommen. Der Fußballer auch, aber kann auch aus freien Stücken aufhören, wenn er nicht mehr will. Vielleicht ist daher der Fußballer etwas schwerer zu erziehen, aber es gibt Wege.

Wie gut Ihre pädagogischen Fähigkeiten sind, haben Sie im Fall von Mario Gómez bewiesen. Er kam als Problemfall in die Türkei, schaffte aber unter Ihnen den Aufschwung und wurde wieder Nationalspieler. Wie haben Sie ihn hinbekommen?

Er war immer ein großer Fußballer. Seine Probleme waren Verletzungen, die ihn runterzogen und sein Leistungsbild beeinträchtigten. Er brauchte einen Neuanfang und es war eine Chance für beide Seiten. Wenn wir schon beim Bild Schüler und Fußballer sind: Er hat wie ein emsiger Schüler gearbeitet, seine Perspektive verändert und so Erfolg erfahren. Und er hat es mir einfach gemacht, indem er meiner Art und Weise ihm zu helfen, Vertrauen geschenkt hat. Er hätte ja auch sagen können: „Nein, ich gehe meinen Weg!“

Er hat zugehört.

Weil er auch ein sehr anständiger und höflicher Typ ist. Er liebt Fußball und wollte seit Tag eins beweisen, welches Kaliber er hat. Es ist nicht einfach, in dem Alter noch einmal so einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Er hat es geschafft.

Wie traurig sind Sie, wenn ein Erfolgsfall wie Mario Gómez Ihre Mannschaft verlässt?

Ich möchte meine Arbeit gut machen und erfolgreich sein. Erfolg bedeutet aber nicht, zu gewinnen oder Meister zu werden, sondern den Lohn einer Arbeit zu ernten. Es bedeutet mir viel, wenn sich meine Spieler entwickeln. Freude und Enttäuschungen gehören dazu, aber sie sind wiederkehrend. Wichtig ist, dass sie nicht auf Zufällen beruhen.

Kein Zufall ist, dass Beşiktaş nun im Achtelfinale der Champions League aufden FC Bayern trifft. Nachdem Beşiktaş  in der Gruppenphase zwei Mal RB Leipzig besiegt hat, schrieben türkische Medien: „Leipzig hat seinen großen Bruder geschickt!“ Ist gegen den Big Brother der Pädagoge oder der Trainer Şenol Güneş gefragt?

Es ist kein Geheimnis, dass der FC Bayern in vielen Belangen uns weit voraus ist. Wir wissen, wer wir sind, was wir können und was nicht. Das bedeutet aber nicht, dass wir ein Team sind, das ihm Vorbeigehen zu schlagen ist. Wir haben bisher – auch in der Champions League – unseren eigenen Stil des Fußballs durchgezogen und möchten dies auch gegen Bayern tun. Bestenfalls spielen wir guten Fußball und kommen eine Runde weiter. Schlechtestenfalls möchten wir mit unserer Art und Weise, wie wir spielen, einen positiven Eindruck hinterlassen und so von der Bühne abtreten. Die Duelle werden für uns eine Reifeprüfung.

Der Sport sollte Freundschaft, Liebe, Respekt und Frieden darstellen

Jupp Heynckes fand für Sie lobende Worte…

…er gehört ja auch zum alten Eisen wie ich (lacht).

Was halten Sie von ihm?

Ich habe für seine Worte zu danken. Er war ein überragender Fußballer und ist dann auch ein überragender Trainer geworden. Seine Erfahrung spricht für sich. Ich fange jetzt aber nicht an, ihn zu loben. Jedes Lob könnte an dieser Stelle zu kurz geraten und wäre Heynckes nicht gerecht. Nicht umsonst holt ihn der FC Bayern jedes Mal zurück, wenn Bedarf besteht. Ich weiß noch, wie ich damals sein vermeintlich letztes Spiel im Stadion live gesehen habe. Das würde bei uns gar nicht gehen. Oder die Sache in Dortmund…

Was meinen Sie konkret?

Dass Dortmund einen Trainer holt, der in Köln die Saison über drei Punkte geholt hat, finde ich beeindruckend. Das würde in der Türkei nie gehen, die Aufruhr wäre groß. Wir sind leider noch nicht soweit, tun aber alles, dies zu erreichen.

Sind Topklubs nur von Älteren trainierbar?

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Erfahrung ist nur ein Hilfsmittel, mehr aber auch nicht. Julian Nagelsmann ist auch nicht alt und macht einen tollen Job in Hoffenheim. Ob es jetzt schon für Bayern München reichen würde, weiß ich nicht. Vielleicht sollte man das mal testen.

Sie waren im Dezember in München, als der FC Bayern im Pokal gegen Dortmund gespielt hat. Dort kam es auch zum Treffen mit den Verantwortlichen der Münchener.

Es war ein sehr warmer Empfang. Ich mag die Bescheidenheit der Deutschen, da ist keine Überheblichkeit zu spüren. Die Hoeneß-Brüder waren da, Karl-Heinz Rummenigge war da – es war schön. Es ist wichtig, dass die Beziehungen gut sind. Nicht nur im Fußball, sondern auch allgemein. Die Türkei braucht diese freundschaftliche Beziehung. Ich verstehe nicht, was es bringt, die Stimmung zu verschärfen. In Deutschland leben so viele Türken – das bringt doch nichts.

Kann denn ein Fußballspiel verbindende Wirkung zwischen zwei Ländern erzielen, die auf politischer Ebene Spannungen haben?

Es sollte! Der Sport sollte Freundschaft, Liebe, Respekt, Frieden darstellen und die Menschen nicht auseinander bringen. Aber das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch für die Politik. Auch da sollten die Politiker darauf aufpassen, was sie sagen. Große Nationen sollten sich wie große Nationen verhalten. Die Spannungen sind mir bekannt, aber ich glaube, dass das für die Menschen keine Rolle spielt und dass das vergänglich sein wird. Mir persönlich ist es egal, welche Herkunft oder Glaube mein Gegenüber hat. Das sollte nirgendwo auf der Welt eine Rolle spielen. Von Boshaftigkeit hat noch nie jemand etwas gewonnen.

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Football Leaks: Was danach geschah

Die „Football Leaks“ hatten weltweit für Empörung gesorgt, nur die Fußballindustrie ließ sich von den Enthüllungen nicht beirren. Autor Rafael Buschmann schreibt für SOCRATES, was sich seit Mai 2017 getan hat.

Autor: Rafael Buschmann

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #15

Es ist fast ein Jahr her, seitdem John zu mir diese Sätze sagte. Wir saßen in einer Bäckerei, irgendwo in Osteuropa, vor uns ein dampfender Laib Brot, in dessen Mitte ein Loch mit Schmelzkäse gefüllt war. Deftige Küche gegen die furchtbare Kälte.

John wirkte erschöpft, ernüchtert, schwer genervt. Nur wenige Wochen zuvor hatten wir in DER SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE Dutzende Artikel über die dunkle, schmutzige, kriminelle Seite der Fußballbranche veröffentlicht. Die Football Leaks, Johns Baby, hatten uns zuvor mehr als sieben Monate lang in Beschlag genommen. John ist unser Whistleblower, er lebt bis heute in der Anonymität. Anfang 2016 übergab er uns mehr als 18,6 Millionen Dokumente, rund 1,9 Terabyte. Es ist das größte Datenleck in der Geschichte des Sports.

Gemeinsam mit unseren Medienpartnern aus dem European Investigative Collaborations (EIC), insgesamt über 60 Kollegen, haben wir anschließend in mühsamer Detailarbeit die dubiosen Steuerpraktiken von Cristiano Ronaldo, Mesut Özil, José Mourinho und Dutzenden weiteren Fußballern enthüllt. Wir schrieben über den nahezu kriminellen Umgang mancher Klubs mit ihren Talenten, der eher einem Menschenmarkt denn einer sinnvollen Ausbildung junger Nachwuchsspieler gleicht. Unsere Recherchen zeigten, wie tief sich Spielerberater mittlerweile im Fußballbusiness eingenistet und welche Macht sie erlangt haben. Eine Macht, die sie teilweise schamlos ausnutzen, wie im Falle eines niederländisch argentinischen Spielerberaterrings, der seit Jahren die eingefahrenen Millionen-Honorare mit einem komplexen Firmengeflecht an der Steuer vorbeischiebt. Wir deckten auf, mit welchen Mitteln der Sportvermarkter Doyen sich – vergleichbar mit einem Virus – im Fußballmarkt ausbreitete.

Ihn wurmte es, dass sich keiner zu Football Leaks äußerte

Mit all unseren Artikeln leuchteten wir eine Branche aus, die eigentlich unter akuter Transparenzallergie leidet. Wir dachten, wir hätten mit unseren Veröffentlichungen gezeigt, wie enthemmt, zügellos, teils kriminell der Profifußball mittlerweile agiert. Dass in der Branche die meisten moralischen oder ethischen Grenzen keine Rolle mehr spielen. Und dann sitzt John da, futtert Schmelzkäse und zerschießt unsere gesamte Arbeit mit wenigen Sätzen. Ich war bedient.

Ihn wurmte damals vor allem, dass kaum einer der Verbände und auch sonst nahezu keine Spieler, Funktionäre oder Trainer sich zu den Football Leaks äußerten. John erwartete nach all den Artikeln einen Sturm der Entrüstung, auch bei den Fans. „Ihr habt beschrieben, dass Cristiano Ronaldo, einer der besten Fußballer unserer Zeit, 150 Millionen Euro aus seinen Werbegeldern auf die British Virgin Islands transferieren lässt und am Ende nur sechs Millionen Euro Steuern darauf zahlt. In Spanien haben fast 40 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit. Trotzdem gibt es keine Proteste. Das ist doch absurd!“, sagte John. Ich erklärte ihm, dass auch nach Edward Snowden NSA-Enthüllungen trotzdem weitere Rekorde im Absatz von iPhones und auch bei Facebook-Anmeldungen stattgefunden haben, obwohl jeder mittlerweile weiß, welch hohes Gut die eigenen Daten eigentlich sind.

Skandale setzen nur selten direkt etwas beim Publikum oder Nutzer frei. Ich habe John gesagt, dass ich glaube, dass bereits rund um unsere Buchveröffentlichung viele Veränderungen sichtbarer werden.

Im Jahr 2018 dürfte es zu einigen Prozessen kommen

Im Mai erschien unser SPIEGEL-Buch Football Leaks – die schmutzigen Geschäfte im Profifußball, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Michael Wulzinger, und viel tatkräftiger Unterstützung aus unserer Redaktion schrieb. Wir zeigten darin viele weitere dubiose, illegale Geschäfte auf. Der Fußball, das wird mit jeder weiteren Enthüllung deutlich, hat ein horrendes Kontrollproblem. Sehr deutlich beschrieben wir das im Buch am Beispiel des Weltrekordtransfers von Paul Pogba. Sein Berater Mino Raiola kassierte über mehrere Firmen insgesamt 49 Millionen Euro an dem Deal. Juventus Turin, Manchester United und Pogba selbst zahlten dieses Honorar. Eine irrwitzige Summe, die in keiner Relation mehr zum Markt steht und die Frage aufwirft, wo dieses Geld am Ende eigentlich landet?

Abgesehen von den neuen Enthüllungen konnten wir in unserem Buch aber auch beschreiben, was seit den ersten Veröffentlichungen passiert ist: Es gab Razzien und Hausdurchsuchungen bei Paris Saint-Germain und seinen Spielern Ángel Di María und Javier Pastore. Zahlreiche Spielerberater stehen seitdem auch im Fokus der Ermittlungsbehörden, es geht um mutmaßlich illegale Honorarzahlungen und Kickbacks.

Der AS-Monaco-Stürmer Radamel Falcao, die Real-Madrid-Spieler Ronaldo, Fábio Coentrão, Daniel Carvajal, Pepe, Manchester-United- Startrainer José Mourinho und etliche weitere Spitzenfußballer wurden von Staatsanwälten vernommen. Ihnen wird Steuerbetrug vorgeworfen, im Jahr 2018 dürfte es deshalb zu einigen Prozessen kommen.

Falcao sagte vor Gericht aus, er habe komplett seinem Agenten vertraut, selbst keine Ahnung von seinen Steuerkonstruktionen. Der Name des Beraters: Jorge Mendes. Er betreute beinahe alle der beschuldigten Spieler, wir schrieben deshalb von einem „Mendes-System“. Seine Finanzexperten sollen für etliche seiner Klienten solche Steuerrutschen gebaut haben, an deren Ende meistens ziemlich viel Geld auf Konten in Übersee plumpste. Mendes, seine Finanzexperten und auch die Spieler bestreiten alle Vorwürfe. Trotzdem haben die portugiesischen Behörden mittlerweile zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen seine Firma Gestifute eingeleitet und prüfen aktuell fast jeden Transfer, den Mendes in den vergangenen vier Jahren durchgeführt hat.

Paris machte das Financial-Fair-Play lächerlich

Nur wenige Tage nach unserer Buchenthüllung veröffentlichten auch spanische Ermittler ein Dokument. So schnörkellos die Pressemittelung auch formuliert war, ihr Inhalt hatte es mächtig in sich: 14,8 Millionen Euro soll Cristiano Ronaldo, der portugiesische Stürmerstar, demnach „bewusst“ und „willentlich“ an der Steuer vorbeigeschoben haben. Sollte es zu einem Prozess kommen, drohen ihm nun bis zu sieben Jahre Gefängnis. Auch er beteuert seine Unschuld.

Viele Kollegen aus in- und ausländischen Medien baten uns anschließend um Interviews, wollten wissen, wie es nun mit Ronaldo und auch generell mit dem Fußball weitergehen würde. Wir sagten, dass wir niemandem die Hoffnung machen möchten, dass die Absurditäten und schmutzigen Geschäfte im Fußball zeitnah abnehmen würden. Im Gegenteil: Die Geldspirale würde sich gerade durch die zusätzlichen Investoren- und TV-Millionen dermaßen schnell drehen, dass mit vielen weiteren Exzessen und auch mit zunehmender Kriminalität gerechnet werden kann.

Dann kam der Transfersommer, ganz so, als bräuchte es einen schnellen Beleg für unsere Worte.

Welche Auswüchse Investorenmodelle – eines der zentralen Themen der Football-Leaks-Enthüllungen – annehmen können, durfte die gesamte Welt anhand des Neymar-Transfers begutachten. Der Superstar wechselte mit Hilfe katarischen Öl-Geldes für ein Gesamttransfervolumen von mehr als einer halben Milliarde Euro von Barcelona nach Paris. Dazu verpflichteten die katarischen Großinvestoren noch Kylian Mbappé, ein Supertalent vom AS Monaco. Auch sein Transfer wird inklusive der Beraterhonorare und seinem eigenen Gehalt mehr als 400 Millionen Euro kosten.

Die Katarer brauchten nur wenige Sommerwochen, um das Financial-Fair-Play der darauf so stolz gewesenen UEFA der Lächerlichkeit preiszugeben. Und auch um zu demonstrieren, dass sportlicher Wettbewerb jederzeit im aktuellen Profifußball durch entsprechendes Kapital ausgehebelt werden kann.

Die Football Leaks werden weiter vorangetrieben

Ich traf John im Spätsommer erneut. Wir saßen in einem Park, schauten Kindern beim Fußballspielen zu. „Durch die vielen Football-Leaks-Enthüllungen ist einige Bewegung in die Branche gekommen“, sagte er. Er klang nun wieder deutlich zuversichtlicher, wieder angriffslustiger. „Ich sehe, dass viele der Manager und Funktionäre sich deutlich mehr Gedanken über ihre Geschäfte machen, weil sie Angst haben, damit demnächst selbst im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Und auch so ein Deal wie der von PSG und Neymar wird nun viel kritischer betrachtet“, sagte John.

Er überreichte mir eine kleine, schwarze Festplatte.

Zurück in Hamburg stellten wir fest, dass die meisten der Dokumente auf dem Datenträger den Neymar-Deal, aber auch das Geschacher um den Ex-Dortmunder Ousmane Dembélé sowie den Liverpooler Philippe Coutinho beleuchteten. Wir schrieben auch darüber eine lange Geschichte in DER SPIEGEL.

Wenige Wochen später fand in Brüssel ein Hearing des EU-Parlaments zu Football Leaks statt. Auf der Grundlage unserer Enthüllungen debattierten die Europa-Politiker mit Vertretern der FIFA, UEFA sowie der Spielerberatervereinigung über mögliche Veränderungen im Profifußball. Es war eine zähe, ergebnisoffene Veranstaltung. Und sie zeigte, wie schwierig der Prozess hin zu einem transparenteren Business tatsächlich ist. Fußball ist ein globales Geschäft, die Protagonisten haben die finanziellen Möglichkeiten, um die besten Anwälte, Finanzexperten und Steuertrickser einzustellen und ihre Gelder vor nationalen Behörden und Verbänden zu verstecken. Es bedarf großem politischen Gestaltungswillens, um diesen Geldflüssen adäquate Kontrollinstanzen entgegenzusetzen. Ein erster Schritt wäre beispielsweise die Etablierung einer europäischen Schwerpunktstaatsanwaltschaft „Fußball“, die sich ausschließlich mit auffälligen Geldflüssen beschäftigt.

John, das signalisierte er uns zuletzt wieder sehr vehement, wird auch in den nächsten Monaten versuchen, solche Veränderungen durch seine Leaks weiter voranzutreiben.

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Max Eberl: Ehrlich, nachhaltig, Max

Eigentlich war er schon weg, doch dann schrieb Max Eberl bei Borussia Mönchengladbach sein eigenes Märchen. Den Heldenstatus lehnt er ab, einen Fanclub hat er trotzdem. Bei SOCRATES spricht der 43-Jährige über den Gladbacher weg.

Autor: Stefan Rommel

Herr Eberl, gibt es eigentlich den „Max Eberl Fan-Club“ noch?

Die Fahne hängt noch bei jedem Heimspiel.

Der Fanklub stammt aus Ihrer Zeit als aktiver Spieler und hatte genau zwei Mitglieder. Mittlerweile sind Sie aber längst zum Gesicht von Borussia Mön- chengladbach geworden. Wie fühlt sich das an?

Es ist ein schönes Gefühl, bedeutet aber auch verdammt viel Verantwortung. Die Wahrnehmung meiner Person hat sich sehr verändert. Früher konnte ich als Jugendkoordinator Spiele scouten und kein Mensch hat mich erkannt. Wenn ich heute bei einem Spiel war, steht am nächsten Tag die Frage im Raum, welchen Spieler Eberl denn nun gescoutet hat. Dabei ist es einfach Teil meines Jobs, Spiele zu sehen.

Sie sind seit acht Jahren als Sportdirektor für die Borussia tätig. Welche Überschrift würden Sie dieser Zeit verpassen?

„Die märchenhafte Geschichte“. Einige Dinge der letzten Jahre fühlten sich – wie im Märchen – nicht besonders real an. Wir hatten 2008 einen „normalen“ Start, konnten die Mannschaft nach dem Aufstieg in der Liga halten, danach im Mit- telfeld platzieren. Dann kam die Saison 2010/11, die sportlich in die völlig falsche Richtung gegangen ist. Wir wurden angefeindet, mussten uns erklären und ich habe mir am Ende die Frage gestellt: „Gehe ich in diesen Kampf, den ich nicht gewinnen kann? Oder kümmere ich mich lieber um die Mannschaft, weil sie das Elementare ist?”. Ich habe die Dinge dann links und rechts liegen gelassen, sie haben mich nicht mehr interessiert. Auch heute übrigens nicht: Social Media, Twitter, Facebook – alles irrelevant. Mich interessiert die Mannschaft, was läuft gut und was weniger gut, wo können wir uns verbessern? Wir waren damals gerade dabei eine neue Mannschaft aufzubauen mit Spielern aus der eigenen Jugend, mit Herrmann, Korb, ter Stegen, Younes. Dazu Talente wie Reus, Neustädter, Nordtveit und ein paar Erfahrene, wie zum Beispiel Dante, Arango, Stranzl oder Brouwers.

Und im Hintergrund wurde Politik betrieben.

Auf einmal spielten Emotionen und Traditionen eine Rolle. Man ist aber nicht irgendwelchen Lemmingen hinterhergelaufen, sondern hat sich auf die Inhalte und Programme konzentriert. Der Verein hat die Probleme dann in einer unglaublich seriösen Art und Weise gelöst, sowohl sportlich als auch strukturell. Was danach kam, ist ein reines Märchen. Der Klub war 15 Jahre quasi in der Versenkung verschwunden, war eine Fahrstuhlmannschaft und spielte dann in fünf Jahren vier Mal international, darunter zwei Mal in der Champions League.

Gab es diesen einen Wendepunkt in dieser langen Zeit?

Es gibt viele wichtige Entscheidungen. Aber die Mitgliederversammlung nach der überstandenen Relegation 2011 war wohl einer der prägendsten Momente. Da hat der Klub den Leuten mitgeteilt, was möglich ist – und was eben nicht. Wir hatten Tradition und ein neues Stadion. Und trotzdem gab es den Abstieg 2007. Es gehört also ein bisschen mehr dazu, man benötigt Strukturen und einen Plan. Die Rettung war gleich mehrfach wichtig: Wir konnten in der Bundesliga bleiben, wir mussten keine Spieler verkaufen. Wir konnten den Mitgliedern erklären, was wir vorhaben und was mit unserem Budget möglich ist. Wir waren nanziell gesund, aber nicht reich. Die Leute konnten damit nichts anfangen, also haben wir es Ihnen erklärt: Unser Budget damals bedeutete, dass man um die Plätze 14, 15 oder 16 spielt. Wir waren, was wir konnten. Das haben wir den Leuten mit Nachdruck gesagt und die meisten haben verstanden: Die Tradition, die goldenen 70er – das war einmal. Jetzt müssen wir neu anpacken. Die Kraft dieser Mitgliederversammlung, das Bewusstsein, gemeinsam etwas schaffen zu können und zu wissen, was man kann, war für mich rückblickend der wichtigste Moment.

Warum sträuben Sie sich davor, den VfL als Ausbildungsklub zu bezeichnen?

Weil das hieße: Unsere Grundidee ist, für andere auszubilden. Unsere Grundidee aber lautet: Wir möchten erfolgreich sein mit diesem Klub. Den Weg dorthin beschreiten wir mit jungen, hungrigen Spielern. Auch mit der Perspektive, diese Spieler irgendwann verkaufen zu müssen. Aber nicht zur direkten Konkurrenz auf Augenhöhe. Sondern zu Arsenal, zu den Bayern oder Barcelona. Deswegen wehre ich mich, diesen Begriff offensiv zu benutzen. Die Idee ist, mit jungen Spielern zu arbeiten. Das Ziel ist, mit diesem Klub neue, erfolgreiche Kapitel zu schreiben.

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Borussia Dortmund: Die Wette auf den Tod

Der Anschlag auf das Team von Borussia Dortmund im April hat den deutschen Fußball verändert. Die Tat hinterlässt verunsicherte Stars und Klubs, deren Markenkern auf dem Spiel steht. Die Liga steckt im Dilemma zwischen Abschottung und Fannähe.

Autor: Ibrahim Naber

Der Tag, an dem Nuri Şahin überlebte, begann mit einem Ritual. Stunden vor dem Viertelfinale gegen die AS Monaco am 11. April 2017 legte sich der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund auf sein Hotelbett. Er schaltete Musik ein, schloss die Augen und ließ seinen Atem gehen. Wie vor jeder großen Partie in der Champions League stellte er sich in Bildern vor, wie das Spiel für ihn laufen könnte. Danach rief Şahin zu Hause an, Frau und Kinder waren wohlauf. Also schaltete der damals 28-Jährige sein Handy aus und verließ das Zimmer in Richtung Teambus. Weder Şahin noch sonst ein BVB-Akteur ahnte an jenem Aprilabend, dass in Zimmer 402 des Teamhotels ein Mann wohnte, der offensichtlich eine Wette auf ihren Tod platziert hatte.

Sergej W., ein 28 Jahre alter Elektroniker aus dem Schwarzwald, soll laut Anklage versucht haben, aus Habgier 28 Menschen zu töten. Konkret soll der mutmaßliche Attentäter geplant haben, den Aktienkurs des BVB mit einem Angriff auf den Mannschaftsbus abstürzen zu lassen. Laut Ermittlern hatte Sergej W. für seine perfide Wette sogenannte Put-Optionsscheine gekauft, die im Falle eines Kursabsturzes der BVB-Aktie Profit versprachen. Kalkül: je verheerender das Attentat, desto stärker der Kursabfall. Je steiler der Kursabsturz, desto höher der Gewinn. 

Um 19.15 Uhr rollte der Teambus des BVB am Anschlagsabend vom Hotelgelände. Kurz nach der Ausfahrt zündete Sergej W. laut Anklage aus seinem Hotelzimmer per Fernbedienung drei Sprengsätze, die in einer Hecke am Straßenrand platziert worden waren. Die Detonation war so gewaltig, dass sie die Scheiben des BVB-Busses zum Zerbersten brachte. Socrates-Kolumnist Şahin erinnert sich an den Moment: „Innerhalb von Sekunden dachte ich an mein gesamtes Leben. Ich dachte ans Sterben, und ich dachte ans Leben.“

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema

Monate sind seit dem ersten Anschlag auf eine deutsche Profimannschaft vergangen. Die äußeren Wunden sind verheilt, auch Marc Bartra, dem sich bei der Explosion Metallsplitter in den Arm gebohrt hatten, spielt wieder Fußball. Was das Attentat auf den BVB wirklich hinterlassen hat, offenbart sich erst hinter der Fassade. Es geht um Profis, die von den Bildern des Anschlags bis heute im Alltag eingeholt werden. Und es geht um Klubs, die ihre Stars mittlerweile stärker schützen müssen, aber die Nähe zu den Fans nicht aufgeben wollen. Ein Spagat, der den Markenkern von Vereinen wie Borussia Dortmund gefährdet.

Dieser Artikel erscheint in der aktuellen Ausgabe #15

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„Echte Liebe“ propagiert der BVB weltweit. Der Slogan bedeute bedingungslose Liebe, erklärte Şahin nach dem Anschlag im April, das sei der Borussia-Spirit, das sei ihre Stärke. Man kann das romantisch oder kitschig nden, ganz egal, doch Dortmunds Motto beschwört den Bund zwischen Klub und Fans. Liebe meint hier auch Nähe, Fußballpro s sind in Deutschland Stars zum Anfassen. Nur: Bis zu welchem Punkt können Vereine das heute noch verantworten?

In der Bundesliga ist Sicherheit ein heikles Thema. Wenige wollen sich dazu äußern, auch weil es um viel Geld geht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) beteuert zwar, Stadien seien die wahrscheinlich sichersten Plätze in Deutschland. Doch Experten sprechen weiterhin von Sicherheitslücken. Und der Anschlag auf den BVB hat gezeigt, dass es um viel mehr geht: um Anfahrtswege, Teambusse, Mannschaftshotels und Trainingsplätze. Fußballfans fürchten eine Entwicklung wie bei anderen europäischen Spitzenklubs: keine öffentlichen Trainings, strikte Abschottung der Stars durch Personenschützer.

Wer sich etwa aufmacht, um das Trainingsgelände von Manchester United zu besuchen, trifft auf kilometerlange Stacheldrahtzäune inmitten von endlosen Maisfeldern. 3,60 Meter hoch steht das Metall in der Luft, Überwachungskameras sind daran montiert. 24 Stunden am Tag patrouillieren Wachmänner, um das gigantische Areal vor Unbefugten ab- zuschotten. Der Trainingskomplex des größten Fußballklubs der Welt ist ein Hochsicher- heitstrakt im Nirgendwo. „Fortress Carrington“ nennen sie das Gelände in Manchester spöttisch – „Festung Carrington“. Auch auf Übungsplätzen anderer Premier-League-Verei- ne sind Fans unerwünscht.

"Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern."
Björn Bergmann
Sicherheitsbeauftragter Schalke 04

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Im Vergleich dazu zeigen sich deutsche Klubs volksnah: Das Trainingsareal von Schalke 04 am Berger Feld ist frei zugänglich. Wer will, kann dort ein Bier trinken und den Pro s beim Schwitzen zuschauen. „Wir sind ein offener Verein“, sagt Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratschef, stets. Und sein Wort hat Gewicht. Königsblau hält an den öffentlichen Trainingseinheiten auch nach dem Anschlag auf Erzrivale Dortmund fest: „Wir wollen uns nicht abschotten. Das sollen andere Vereine machen. Hier wird es vor einem Spiel maxi- mal eine Trainingseinheit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geben“, versprach Trainer Domenico Tedesco im Juni. Auch der BVB bietet seinen Fans weiterhin die Möglichkeit, beim Training der Profis vorbeizuschauen; seltener jedoch als der Konkurrent aus Gelsenkirchen. Im Oktober und November setzte der Klub insgesamt drei öffentliche Trainingseinheiten an.

Hinter den Kulissen haben die Klubs ihre Sicherheitskonzepte deutlich ausgewei-tet. Als Reaktion auf den Anschlag kündigte BVB-Klubboss Hans-Joachim Watzke den Aufbau einer eigenen Abteilung Sicherheit an. Erste Vorstellungsgespräche mit ehemaligen GSG-9- und BKA-Leuten führten die Verantwortlichen der Borussia bereits Ende April.

Ins Dortmunder Anforderungsprofil hätte Björn Borgmann gepasst, der sich um die Sicherheit bei Schalke 04 kümmert. Der 44-Jährige ist einer der bekanntesten Personenschützer der Liga. Mit seiner Firma Shield Security sorgt er auch für die Sicherheit der Nationalmannschaft. „Wir benötigen höhere Standards: eine bessere Ausbildung, keine Dumpinglöhne mehr. Es gibt zu viele Sicherheitsdienste, die Amateure anheuern“, erklärte er der Welt am Sonntag. Borgmanns Truppe macht vor Spieltagen eine Gefahrenanalyse, observiert das Hotel und überprüft Zufahrtswege von Teambussen.

Ligaklubs wie Hamburg oder Leipzig engagierten schon vor dem BVB-Anschlag Sicherheitsdienste, die das Team bei Reisen begleiten. Vereine der französischen Ligue 1 gehen bereits einen Schritt weiter. Paris Saint-Germain soll unter anderem Motor- radfahrer engagieren, die den Profus bei Stadtfahrten Begleitschutz bieten. Auch die Sicherheitsanlagen rund um die Anwesen der PSG-Stars sind ausgebaut worden. Über eine Millionen Euro soll der Klub für die Maßnahmen in sieben Monaten gezahlt haben.

Die Sicherheitskonzepte der Klubs sind geheim

Sorgen macht den Klubs die Sicherheitslage schon länger. Die schrecklichen Bilder von 2015 rund um das Pariser Stade de France sind vielen Fans in Erinnerung geblieben. Bei den Anschlägen auf Frankreichs Hauptstadt wollten die Attentäter Bomben im Stadion zünden. Dies wurde jedoch von Sicherheitskräften vereitelt. Die Attentäter sprengten sich vor der Arena in die Luft. Spätestens seitdem versuchen sich Vereine mit Anti-Terror-Konzepten gegen solche Angriffe zu wappnen.

Auch der BVB hat ein Anti-Terror-Konzept, das beim Anschlag im April zum Einsatz kam. Norbert Dickel, Stadionsprecher des BVB, hatte einen Text parat, der für die Gefahrenlage eines Terrorangriffs verfasst wurde. „Wenn so etwas passiert, ist es sehr wichtig, dass die 80.000 Menschen im Stadion die vertraute Stimme ihres Stadionsprechers hören und nicht eine Durchsage der Polizei“, sagt Dickel. Dabei ginge es vor allem darum, den Ausbruch von Panik zu vermeiden, erklärt der 56-Jährige und fügt hinzu, dass man sich im Stadion und im Verein sehr genau auf solche Bedrohungslagen vorbereite.

Die konkreten Sicherheitskonzepte der Klubs sind natürlich geheim und eng mit der Polizei abgestimmt. Joachim E. Thomas, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung deutscher Stadi- onbetreiber, hält weitere Schutzmaßnahmen in Fußballarenen für überfällig: „Ich persönlich glaube, dass wir in Zukunft an den Eingängen deutscher Stadien Ganzkörperscanner haben werden“, sagt er.

Tatsächlich könnten die Geräte dabei helfen, eine Sicherheitslücke zu schließen: das Hin- einschmuggeln von Gegenständen. „Die Vereine müssen sich fragen, wie schwer es aktuell ist, Sprengstoff in ein Stadion zu bringen“, erläutert ein Personenschützer, der anonym bleiben will. Bei einem Ligaspiel des BVB strömen rund 80.000 Menschen innerhalb von 60 Minuten ins Stadion. Experten sind sich uneinig, ob sich dies mit Körperscannern bewältigen ließe. Der Zugewinn an Sicherheit könnte dazu führen, dass Fans wesentlich früher anreisen, länger warten – oder ganz wegbleiben. Konsens besteht darin, dass die bisherigen Einlasskontrollen eklatante Schwächen haben. Immer wieder gelangen verbotene Pyrotechnik und Wurfgeschosse in Stadien. Im Terrorfall könnten ganz andere Dinge reingeschmuggelt werden.

Beruhigend, dass der Attentäter ein Einzeltäter sei

Nur wenige Fußballer haben bislang die Situation eines Anschlags erlebt. Matthias Ginter war gleich zweimal das Ziel eines Attentäters: als Nationalspieler beim Länderspiel in Paris 2015 und als Pro von Borussia Dortmund im April 2017. Im SZ-Magazin hat der 23-Jährige zuletzt in einem bemerkenswerten Interview über die Momente des Schreckens und die Folgen gesprochen: „Unmittelbar nach einem Anschlag muss man funktionieren. Man hat gar nicht die Zeit, das Erlebte zu verarbeiten“, sagte Ginter, der derzeit für Borussia Mönchengladbach spielt. Das Viertelfinale des BVB gegen Monaco sei nur um einen Tag verschoben worden, danach musste er schon wieder im Drei-Tage-Rhythmus auflaufen. „Ich glaube, an Ostern hatten wir dann mal ein, zwei Tage frei. Zeit, um nachzudenken. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr ich noch unter Schock stand. Ich saß daheim und dachte: Ich höre mit dem Fußballspielen auf“, erklärte der Weltmeister von 2014.

Der Gedanke an einen Rücktritt war für den Verteidiger nicht die einzige Folge. Präzise beschreibt Ginter im Interview Situationen aus dem Alltag, in denen ihn die Erinnerungen an die Attentate einholten. Die erste Szene spielte sich beim Confederations Cup 2017 in Russland ab. „Der Teambus ist über etwas drübergefahren, es hat etwas heftiger geruckelt, und ich habe sofort aus dem Fenster gesehen. Da meinte mein Mitspieler Lars Stindl zu mir: ‚Ich glaube, ich weiß, was du jetzt denkst. Keine Angst, da war nichts.‘“ Die zweite Situation, an die er sich erinnert, erlebte er im Stadionin Leverkusen: „So um die 80. Minute herum nahm ein Mann Platz, der da vorher nicht saß, er hatte einen Rucksack dabei. Wir haben uns angesehen, und meine Freundin meinte: ‚Lass uns lieber reingehen.‘“ Tatsächlich hätten sie daraufhin ihre Plätze verlassen, erzählt Ginter.

Für den Fußballprofi sei es im Rückblick beruhigend, dass der BVB-Attentäter wohl ein Einzeltäter sei und keine organisierte Gruppe, für die er weiterhin eine Zielscheibe darstellen könnte. „Es hat mir bei der Verarbeitung geholfen. Auch dass Sergej W. gefasst wurde und er kein Pro war – mehr als die Hälfte der Sprengladung verfehlte den Bus, sonst säße ich vielleicht nicht hier“, sagt Ginter.

Der Prozess gegen Sergej W., den mutmaßlichen Attentäter, beginnt am 21. Dezember vor dem Landgericht Dortmund. Bislang soll der Tatverdächtige jede Schuld von sich weisen: In dem Hotel, vor dem er laut Anklage die Bomben zündete, habe er nur Urlaub gemacht.

Ginter sagt, dass er den Prozess verfolgen werde. Für sich selbst habe er einen Entschluss gefasst: „Ich habe beschlossen, dass ich mir nicht nehmen lasse, was ich mit am meisten liebe“, erklärt er. Und das sei eben das Fußballspielen.

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Harun Farocki: Der Filmemacher als Linksverteidiger

Als der Videokünstler Harun Farocki noch eher unbekannt war, spielte er als vermeintlicher Promi-Fußballer im alten Berlin. Seine Kameraden von „Tasmania Bühne und Sport“ haben etwas zu erzählen.

 

von Stefan Pethke

Harun war Linksverteidiger bei TAS Bühne & Sport, passend zu seiner Weltanschauung. Aber er spielte altmodisch und hielt seine Position auch dann, wenn sich das Geschehen in der gegnerischen Hälfte abspielte. Ich habe Harun nie jenseits der Mittellinie erlebt. Unser Angriffsspiel wollte er wohl nicht stören. Der Dokumentarfilmer entschied sich auch auf dem Fußballfeld für eine Beobachter-Position.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #11

Ich glaube, für Harun war Fußball ein Weg, mit der ganzen Gesellschaft in Berührung zu kommen. Ein „Reality Check“. Er wollte mit unterschiedlichen Menschen zu tun haben, nicht nur mit Leuten aus der eigenen sozialen Blase. Ich weiß nicht, wieviel Einfluss er auf die Zusammenstellung der Mannschaft zwischen Ende der sechziger und Ende der achtziger Jahre genommen hat, aber in seinen Erzählungen tauchten immer wieder Namen von Mitgliedern der Westberliner Subkultur auf, die eigentlich nur er selbst zu TAS gebracht haben kann.

Ich stieß dann Ende der achtziger Jahre dazu, als einer von Haruns fußballaffinen Schülern. Harun gehörte zum ersten Studienjahrgang der 1966 gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). 25 Jahre später gab er dort selbst Seminare. Doch obwohl TAS damals dringend frisches Blut brauchte, zögerte er lange, weitere Filmfreunde einzuladen. Auch von seinen bürgerlich gewordenen Alt-Linken-Freunden, mit denen er noch im ruhigen Wilmersdorf kickte – darunter sehr gute Fußballer – holte er keinen zu TAS. Offensichtlich suchte Harun bei TAS eine Abgrenzung zu seinem Milieu.

Aus dem Filmern wurde eine Künstler-Mannschaft

Ab Mitte der Neunziger mutierte TAS trotzdem zu einer Mannschaft aus Jungfilmern und artverwandter Bohème. Das veränderte natürlich ihren Charakter. Die Neuköllner Prominenten-Elf erlebte den Rückzug des klassischen Proletariats, ein Umbruch nicht nur im Fußball, sondern in der gesamten Gesellschaft. Die Geschichte des Muttervereins ist eine Westberlin-Story. Das kleine Tasmania Neukölln spielte Mitte der sechziger Jahre sogar eine Saison in der großen Bundesliga. Ausschließlich aus politischen Gründen: Westberlin sollte auch im Fußball als Teil des kapitalistischen Westdeutschlands sichtbar bleiben. Was folgte, war ein sportlich-finanzielles Fiasko. Noch heute kennen alle Fußballfans in Deutschland den Namen dieses Vereins, denn sämtliche relevanten Statistiken belegen: Tasmania war der schlechteste Klub der über 60-jährigen Bundesliga-Geschichte.

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung war es nicht nur mit der DDR vorbei, sondern auch mit Westberlin. Man organisierte viele Matches zwischen TAS Bühne & Sport und Mannschaften aus dem Berliner Umland. Wir fuhren dann in den ehemals real existierenden Sozialismus – Reisen auf einen anderen Planeten: Die bizarre Westberliner Melange aus subventionierter Arbeiterschaft, Halbwelt und linken Schöngeistern traf auf eine mindestens ebenso undurchsichtige Mischung Befreiter und Enttäuschter vom Dorf. Für Harun mag da noch einmal zusammengekommen sein, woran ihm so viel lag: eine konkrete Erfahrung von Gesellschaft im besonderen Kontext Fußball, ein authentisches Abbild von entfremdeten Verhältnissen.

Später spiegelte die Mannschaft wider, was immer deutlicher nicht nur das Leben in der neuen alten Hauptstadt ausmachte, sondern auch Haruns eigene Produktionsrealität: Berlin zog ehrgeizige Persönlichkeiten aus der Zeitgenössischen Kunst an, ein Betrieb, über den Harun immer stärker seine Filmprojekte (teil-)finanzierte. Mitte der 2000er Jahre hatten Haruns soziale Kontakte TAS Bühne & Sport zum letzten Mal ein neues Gesicht verliehen: Aus der Filmer- wurde eine Künstler-Mannschaft.

DER MIKROKOSMOS: Ein Kurzgespräch zwischen zwei TAS-Freunden

Vincenzo Lenz: Ende der Sechziger fing Harun bei TAS an und spielte dort fast vierzig Jahre lang. Die Mannschaft war eine Abspaltung der Prominenten-Elf von Tennis Borussia aus Charlottenburg, gegründet vom TV-Showmaster Hänschen Rosenthal. Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war. Selbst Harun war etwas für absolute Spezialisten. Trotzdem kam es vor, dass ein paar von uns bei Auswärtsspielen um Autogramme gebeten wurden. Auf Fahrten nach Westdeutschland wurden unsere Namen mit erfundenen Biografien über Lautsprecher bekanntgegeben.

Holger Wilke: Aber es gab immer mal wieder bekannte Leute, von Anfang an: Boxer, Trabrennfahrer, Kabarettisten, auch frühere Fußball-Profis. Später wurden ja auch einige Filmer ein bisschen berühmt, zum Beispiel Christian Petzold oder Thomas Arslan. Der türkische Regisseur Züli Aladağ kickte ein paar Mal mit, Schauspieler wie Sebastian Koch, Wanja Mues oder James-Bond-Bösewicht Anatole Taubman. Trotzdem fühlte sich keiner als Prominenz. „Prominenten-Elf“, das war wie ein Witz. Wir sagten immer: Wir sind höchstens eine „1/4-Prominenten-Elf“.

Vincenzo Lenz: Fahrten nach Westdeutschland gab es bis Ende der Achtziger. Vielleicht ein, zwei Mal im Jahr – und Harun war immer dabei. Wir lachten uns alle tot, wenn Willi Domack, ein Stalingrad-Veteran und Gründer von TAS Bühne & Sport, am Abend vor dem Spiel um 23 Uhr an jede Tür klopfte, um die Leute ins Bett zu schicken. Wir waren ja eine Freizeitmannschaft, wir haben nie um Punkte gespielt. Von den paar Reisen abgesehen, hatten wir nur Heimspiele, immer abwechselnd eine Woche auf Rasenplatz, die nächste Woche auf Schotter. Und nach jedem Spiel ging’s ins Vereinsheim. Unfassbar, was es da für Abende gab!

Die Bezeichnung „Prominenten-Elf“ hatte oft eine komische Wirkung. Anfang der Neunziger gab es in der Mannschaft niemanden, der bekannt war.
Vincenzo Lenz

Holger Wilke: Als ich in den Neunzigern zu TAS kam und Harun das erste Mal auf dem Feld gesehen habe, da merkte ich gleich: Man musste gewisse kulturelle Standards mitbringen, um in die Mannschaft zu passen. Es ging nicht um die Erfüllung eines bestimmten Charakters, sondern um eine Vielfalt, die dadurch entstand, dass jeder Mensch in dieser Gruppe etwas repräsentierte. Das unterschied sich vom proletarischen Aspekt, wo eher die Leistung auf dem Platz zählte.

Vincenzo Lenz: Harun war bewusst, dass er in einer qualitativ hochwertigen Mannschaft sehr gut integriert war, obwohl sein eigenes Spiel nicht die Qualität hatte, wie er sie sich vielleicht gewünscht hätte. Wir haben uns immer amüsiert, wenn er Pässe aus kürzester Distanz nicht an den Mann brachte. Dann entschuldigte er sich jedes Mal.

Holger Wilke: Später hat er auch organisatorisch leitende Aufgaben übernommen, als Kassenwart. Es hat ihn genervt, wenn Leute ihre Mitgliedsbeiträge nicht zahlten. Dann liefen Schulden beim Mutterverein auf. Wir mussten einmal fast ein ganzes Jahr kalt duschen. Wahrscheinlich gab es da einen Zusammenhang…

Total bei der Sache

von Haim Peretz

Harun und ich haben nicht so lang zusammen gespielt. Er ist der Vater meiner Frau Anna, über sie bin ich zu Harun und TAS gekommen. Er fragte mich einmal, ob ich mitspielen wollte. Die Antwort war klar. Ich wurde schnell ein Mitspieler bei TAS, ohne den kleinen Test von Harun bestehen zu müssen: das Vorspielen im Volkspark Hasenheide.

Er war ein väterlich beschützender Mann. Für TAS hat er auch lange die schmutzigen Trikots nach Hause genommen und am nächsten Spieltag sauber zurückgebracht. Darüber gibt es auch eine lustige Geschichte. Der Jens, ein jüngerer Mitspieler bei TAS, fragte einmal, ob die Flecken in einem Trikot, das oft gewaschen wurde, ohne dass es richtig sauber wurde, Blutflecken von Harun sein könnten. Die, die Harun noch hatten spielen sehen, mussten lachen, weil das Bild „aggressiver Fußballer“ überhaupt nicht zu Haruns Spielweise passte. Und schon gar nicht zu seinem Charakter. Er war ein sehr ruhiger, beobachtender Spieler. Und Mensch.

Fußballerisch war Harun der Schlechteste, aber auch der Ruhigste. Fast jedes Spiel wurde er ausgewechselt. Aber das war kein Problem für ihn. Er hat mit sechzig aufgehört, obwohl er noch sehr fit war – er hat sogar jedes Jahr das deutsche Sportabzeichen gemacht. Er war immer noch total bei der Sache, aber er fand, dass er die Mannschaft schwächer machte. Und das enttäuschte ihn.

Seine Fußballbegeisterung konnte man leicht merken, wenn man mit ihm Fußball guckte. Er war ein sehr guter Fußball-Analytiker, der ein Spiel wie einen Film schaute, ganz konzentriert, und erst danach kommentierte. Ich habe die Szene genau im Kopf, als ich einmal mit meinem Sohn bei Harun Fußball gucken wollte. Es war das Halbfinale der WM 2006, Deutschland gegen Italien. Mein Sohn war damals noch jung und schrie die ganze Zeit. Nach zehn Minuten sagte Harun: „Wenn du deinen Mund nicht hältst, schmeiße ich dich raus! Wir wollen Fußball gucken.“

Redaktion: Cem Pekdoğru & Göksu Bulut

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Mario Gómez: Ein Mann mit sich im Reinen

Mario Gómez kehrt VfB Stuttgart zurück. Im Mai 2017 sprach der Stürmer mit Socrates über seine bewegten Jahre und die Erfahrungen, die ihn als Menschen verändert haben. Ein Interview über einen Mann, der die Welt noch erobern will.

Mario Gómez, hoffen Sie, dass Andries Jonker nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël Ihr letzter Trainer beim VfL Wolfsburg ist?

Ja, das hoffe ich tatsächlich. Wenn die Situation sich weiter so gut entwickelt, wie sie angefangen hat, dann wäre es ja auch unabhängig von meiner Person für Wolfsburg schön, wenn Andries Jonker die nächste Epoche des Vereins prägen würde. Ich würde es ihm wünschen. Die Chemie stimmt zwischen Mannschaft und Trainer.

Reicht die Chemie für ein Saisonende ohne Relegationsstress?

Wir dürfen die Situation nicht schönreden. Wir kämpfen um den Klassenerhalt, brauchen in jedem Spiel unbedingt Punkte. Aber positiv festzuhalten ist: Die Ergebnisse unter Andries Jonker kommen nicht glücklich zustande. Was wir auf dem Platz abliefern, hat Hand und Fuß. Er hat es in kürzester Zeit geschafft, dass wir Spieler verstehen, was er von der Mannschaft will, dass wir auch in dieser schwierigen Situation Fußball spielen können. Auch wenn wir spielerisch noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen und auch hinkönnen.

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Das Interview erschien in der 7. Ausgabe

Eine Holland-Hilfe zur richtigen Zeit?

Man unterstellt den Holländern ja immer dieses positiv Arrogante. Ich finde nicht, dass es Arroganz ist. Eher Selbstbewusstsein. Ich hatte vom ersten Tag an das Gefühl: Andries Jonker geht es einzig und allein darum, uns unabhängig vom Tabellenplatz seine Philosophie und Taktik zu vermitteln. Das große Ganze zu sehen, das ist für mich das A und O. Es gibt immer wieder Beispiele, bei denen sich alle die Augen reiben und sich wundern, warum es so läuft, wie es läuft. Leipzig ist so ein Beispiel. Die haben 15 oder mehr Spieler im Kader, die vergangene Saison noch in der Zweiten Liga gespielt haben. Und diese Saison zählen sie in der Ersten Liga zu den Besten. Warum? Weil sie eine ganz klare Philosophie haben, diesen Plan schon seit Jahren verfolgen und jeder weiß, was zu tun ist. Das ist Fußball 2017.

Ist Wolfsburg in den kommenden Jahren in der Lage, auch wieder oben mitzumischen?

Langfristig ist das die Vision und auch das Ziel dieses Vereins. Wir müssen da auch gar nicht drum herum reden: Wenn man sich die Qualität unseres Kaders und die Investitionen des Vereins anschaut, dann kann der Anspruch hier nicht der Kampf um den Klassenerhalt sein. Aber es gibt immer mal wieder Situationen, die sich komplett anders darstellen, mit denen man sich dann auseinandersetzen muss. Nehmen wir Dortmund. Die waren vor zwei Jahren zur Winterpause Zweitletzter – mit einer Wahnsinnsqualität in der Mannschaft. Keiner hat verstanden, warum das so war. Man muss dann nach den Ursachen forschen, diese intern aufarbeiten. Genau das wurde und wird hier in Wolfsburg gemacht. Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt einen Trainer haben, der perfekt zu dieser Mannschaft passt.

Der Wolfsburg auch wieder zu Titeln führen kann?

Ob es selbst bei der besten Arbeit zu Pokalen und Titeln reicht, sei mal dahingestellt. Es gibt mit Bayern und Dortmund zwei Mannschaften in der Liga, die den anderen Teams so sehr überlegen sind, dass es verdammt schwer wird für die anderen Klubs, in den kommenden Jahren etwas zu gewinnen. Ich befürchte auch, dass sich diese Situation nur schwer ändern wird, solange die 50-plus-1-Regel gilt.

Sie sind gegen 50 plus 1?

Ich kann die Fans der Traditionsteams verstehen. In meinen Augen besteht jedoch die Chance, die Bundesliga an der Spitze wieder spannender zu machen, darin, diese Regel zu überdenken. Ansonsten wird die nächsten zehn Jahre zehnmal Bayern Meister. Wenn sie schwächeln, vielleicht mal Dortmund oder früher oder später Leipzig. Man sieht das doch beispielsweise in England, wo es viel mehr Mannschaften gibt, die um den Titel spielen, die echte Chancen auf Pokale haben. Ich glaube zwar, dass in Wolfsburg wie auch in Leipzig das Potenzial aufgrund der besonderen finanziellen Möglichkeiten vorhanden ist, aber der Vorsprung von Bayern und Dortmund auch für diese Klubs in den kommenden Jahren nicht aufzuholen sein wird. Der Vorsprung ist zu riesig. Das wird viele Jahre dauern. Aber besser ein paar Jahre als nie.

Heißt im Umkehrschluss: Der Abstiegskampf wird in Zukunft immer spannender als das Meisterschaftsrennen sein?

Ja, und das finde ich wahnsinnig schade. Gefühlt sind 14 Mannschaften jede Woche gestresst, sind jede Woche unter Druck. Diese Mannschaften spielen überhaupt nicht den Fußball, den sie eigentlich können, weil es immer nur um den Moment geht. Man kann fast sagen: Nervosität beherrscht die Bundesliga. Ich würde mir wünschen, dass wir bei aller sportlichen Brisanz wieder mehr dahinkommen, dass Vereine ihrer Grundausrichtung und Idee folgen und nicht immer nur das Aktuelle gesehen wird. Und die Trainer nur ums Überleben kämpfen und gar nicht mehr ihre Philosophie einer Mannschaft einimpfen können, weil sie nach jeder Niederlage in Frage gestellt werden.

Haben Sie Lösungsansätze?

Vielleicht müssen viele Vereine die Erwartungen ein bisschen runterschrauben. Nehmen wir Stuttgart. Die haben jahrelang gegen den Abstieg gespielt, hatten überhaupt keine schöne Zeit. Als sie vergangene Saison abgestiegen sind, haben alle geschrien: „Um Gottes willen, das ist eine Katastrophe.“ Doch für die Gesamtstimmung im Verein hatte die Situation vielleicht sogar eine positive Wirkung, indem sich der Verein auch von innen ein Stück weiter erneuern konnte und musste. Es wurde vieles hinterfragt, mit Mut aufgeräumt und neu ausgerichtet. Nun haben sie in Stuttgart aktuell wieder ein Jahr mit Erfolg. Das gibt dem ganzen Verein Ruhe, ein breiteres Kreuz und auch wieder strahlende Gesichter. Das kann für den Verein ein super Neustart sein. Noch schöner wäre es doch aber, wenn sie diesen Mut ohne Abstieg gehabt hätten. Diese Freude, wie beispielsweise aktuell in Stuttgart, vermisse ich derzeit so ein bisschen in der Bundesliga.

In Wolfsburg endet Ihr Vertrag 2019. Dann sind sie 33 Jahre alt. 33, die Zahl, die sie seit Beginn Ihrer Profikarriere auf dem Rücken tragen. Schöner kann sich der Kreis doch eigentlich nicht schließen.

Lustigerweise hatte ich von Anfang bis Ende 20 genau diesen Gedanken im Kopf: ‚Mit 33 Jahren höre ich auf.‘ Genau deswegen: Weil die 33 eben immer eine so besondere Rolle in meiner Karriere gespielt hat. Ich war früher extrem abergläubisch, bin davon aber in den vergangenen Jahren ein bisschen weggekommen. Okay, ich habe immer noch meine Macken vor jedem Spiel: Erst linker Schuh, dann rechter Schuh und diese Dinge. Aber so einen großen Schritt wie ein Karriereende mache ich sicherlich nicht vom Aberglauben abhängig. Ich entscheide das nach Empfinden. So lange ich das Gefühl habe, dass ich mich noch durchsetzen kann und Spaß daran habe, so lange werde ich auch spielen.

Könnten Sie sich nach Wolfsburg noch einen weiteren Verein in der Bundesliga vorstellen?

Schwer. Aber ich gebe ungern endgültige Statements ab, weil man einfach nie weiß was kommt. Ich habe in der Vergangenheit auch schlechte Erfahrungen gemacht mit Plänen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Ich versuche jetzt einfach nur noch, den Moment zu leben und zu nutzen. Das entspannt mich wahnsinnig. Was sportlich als nächstes kommt, interessiert mich gerade nicht.

Eine finale Station im Ausland reizt auch nicht?

Ich bin happy mit der Situation, wie sie ist, zurück in Deutschland zu sein, zurück in der Bundesliga. Die Stadien sind voll, es herrscht dort eine gute Atmosphäre. Außerdem bin ich viel näher an meiner Familie, die es umgekehrt auch viel einfacher hat, mich und meine Frau zu besuchen. Wir haben in der Familie mittlerweile viele Kleinkinder, die wir auch erleben möchten. Und nicht erst das nächste Mal sehen, wenn die dann auf einmal schon fünf sind.

Eine Rückkehr zu Beşiktaş nach Istanbul wird trotz der Gerüchte in den türkischen Medien also kein Thema sein?

Wenn ich die Berichterstattung in der Türkei richtig überliefert bekommen habe, war ich ja schon drei Mal wieder da und habe auch schon drei Mal unterschrieben. Aber im Ernst: Die Türkei-Zeit war für mich total hilfreich. Es war einfach alles mega. Die Leute waren unheimlich nett, ich hatte ein Wahnsinnsjahr dort. Allerdings sind die Medien dort schon extrem. Ich konnte zum Glück nicht verstehen, was in der Zeitung steht. Aber natürlich habe ich mitbekommen, dass da viele Geschichten auf den Tisch kamen, die so nie passiert sind und auch viele Aussagen von mir völlig falsch wiedergegeben wurden.

Ihre Reaktion darauf?

Gar keine. Ich habe das nie revidiert, habe mich nie auf diesen Schlagabtausch eingelassen. Ich habe die Dinge einfach laufen lassen und mich nur auf das Sportliche konzentriert. Daher war ich auch zu allen Journalisten immer nett (lacht). Im Nachhinein war das schon irgendwie lustig. Diejenigen, die eine schlechte Story über mich veröffentlicht hatten, waren über mein freundliches Verhalten beim nächsten Wiedersehen ganz schön irritiert. Aber ich wusste ja gar nicht: Ist das jetzt der Böse oder der Gute? Und das habe ich übernommen. Irgendwie fahre ich gut damit, weil es für mich keine Rolle mehr spielt, wie ich von anderen oder von Journalisten gesehen werde. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein. Und dabei allen Leuten freundlich gegenüberzutreten. Deshalb war die Türkei sehr entscheidend für mich. Aber jetzt bin ich mit beiden Beinen in Wolfsburg. Und um es nochmal klarzustellen: Was in der Türkei geschrieben wird – nach dem Motto, ich würde mich in Deutschland nicht wohlfühlen und zurück wollen –, das sind alles Märchen.

Sind denn Gedanken über die Zeit nach Ihrem Karriereende bereits wahrhaftig?

Natürlich trage ich diese Gedanken in mir. Und ich muss sagen, es sind sogar schöne Gedanken. Ich habe überhaupt keine Torschlusspanik. Ich denke überhaupt nicht: Oh je, vielleicht sind es nur noch zwei Jahre. Es sind eher Gedanken wie: Was habe ich in meinem Leben alles verpasst wegen des Fußballs? Was für Dinge habe ich versäumt, was will ich noch sehen? Das sind Reisen, Sportarten, Adventures, die ich erleben möchte.

Abenteuer wie Bungee-Jumping?

Um Gottes willen. Ich denke eher an so Dinge wie Skifahren im Winter. Ich liebe München und bin da mittlerweile auch heimisch. Dort haben wir so grandiose Möglichkeiten mit den Bergen und den Seen. Im Sommer möchte ich nach der Karriere zum Beispiel einfach mal Wasserski fahren. Es sind diese kleinen Dinge, die für andere ganz normal sind. Für mich waren sie bisher nicht möglich. Weil ich immer daran gedacht habe: Mario, du hast lange Haxen. Das heißt: Man verdreht sich schnell das Bein, und dann sitzt man da im Profifußball und schaut eine Weile zu. Deshalb habe ich das nie getan.

Aber reisen können Sie doch.

Es geht für mich vielmehr darum, Länder zu bereisen, wann immer man darauf Lust hat. Als Profifußballer kann ich nur wenige Wochen im Sommer oder Winter tun und lassen, was ich will. Und selbst da achtet man darauf, dass man nicht in zu vielen Zeitzonen unterwegs ist, dass man nicht komplett raus aus seinem Rhythmus kommt. Ich freue mich wahnsinnig auf das Spontane. Zu sagen: Morgen möchte ich das machen. Und es dann auch zu tun. Dafür werde ich mir viel Zeit nehmen. Diese Spontanität habe ich seit 20 Jahren nicht mehr. Ich werde mich auch auf keinen Fall sofort in eine nächste Aufgabe stürzen. Ich werde erstmal durchatmen, runterkommen und Dinge verwirklichen, die ich schon lange im Kopf habe, aber nie gemacht habe.

Das klingt wie eine persönliche Befreiung.

Nein, gar nicht. Ich liebe den Fußball und mein aktuelles Leben. Und ich hoffe auch auf noch viele gute Jahre. Aber wenn Sie mich auf die Zeit danach ansprechen, sind das meine Gedanken. Ich möchte einfach einiges noch ausprobieren. Vielleicht macht mir auch vieles davon gar keinen Spaß. Das werde ich dann sehen. Ich möchte auch viel mehr Zeit mit meinen Liebsten verbringen. Freunde im Ausland besuchen, die ich über all die Jahre kennengelernt habe. Es sind rundum positive Gefühle, wenn ich an die Zeit danach denke. Ich bin mit mir total im Reinen. Selbst wenn es morgen vorbei wäre, könnte ich sagen: Ich hatte eine wunderschöne Karriere.

Sind auch die Gedanken da: Endlich mal sesshaft werden, endlich keine Umzüge mehr?

Ja, wobei ich jetzt schon zwei, drei Heimaten für die Zeit nach dem Fußball habe. Ich bin durch meinen Vater sehr mit Spanien verbunden, werde sicherlich auch immer einige Zeit in Spanien sein. Dann eben München als Familienstandpunkt. Dazu kommt meine ursprüngliche Heimat im Schwabenland, wo ich immer noch sehr gerne bin. So fix an einem Punkt werde ich also sicher nicht leben. Der Fußball hat mich zu einem offeneren Menschen gemacht.

Inwiefern?

Weil ich während meiner Karriere so viele verschiedene Kulturen kennenlernen durfte. Dementsprechend werde ich wahrscheinlich immer ein Globetrotter sein. Aber ich bin mir sicher, dass ich irgendwann auch mal froh sein werde, zu sagen: So, jetzt bin ich mal drei Monate in Folge in München, gehe in den Englischen Garten, danach in der Stadt einen Kaffee trinken und dann vielleicht noch abends ins Kino. Und sonst bin ich eben einfach nur daheim und genieße es, Zeit zu Hause und Zeit für meine Freunde zu haben. Zeit, die man selten hatte.

Ist ein Leben komplett ohne Fußball für Sie vorstellbar?

Ja. Vorstellbar auf jeden Fall. Ich möchte mich da aber heute noch gar nicht festlegen. Wer weiß schon, was in ein paar Jahren ist. Außerdem werde ich mir auch nach meinem Karriereende noch einige Spiele, beispielsweise von Bayern oder Barcelona, anschauen. Ich werde auch oft in Barcelona im Stadion sein. Das habe ich schon als kleines Kind getan, und das werde ich auch nach meiner Zeit als Profifußballer wieder tun, weil ich dafür einfach zu sehr diesen Klub und diese Stadt liebe. So werde ich dem Fußball auf jeden Fall schon mal verbunden bleiben. Aber eben als Fan statt in irgendeiner Funktion für einen Verein oder einen Verband.

Den Konkurrenten Gómez muss Miro Klose als Trainer nicht fürchten?

Trainer oder Manager kommt für mich, Stand heute, definitiv nicht in Frage. Weil ich diese Spontanität, von der ich eben sprach, in meinem Leben haben möchte. Ich kann es mir nach meinem Karriereende nicht vorstellen, dass ich freitagabends in irgendeinem Hotel sitze und mir über den anstehenden Spieltag Gedanken machen muss. Das ist nicht das, was ich mir für meine Karriere danach vorstelle.

Haben Sie zu Klose deshalb mal gesagt: ‚Miro, bist du bescheuert, dir das anzutun? Da spielst du bis 38 – und dann kannst du immer noch nicht aufhören mit dem Fußball.‘

Nein, nein. Noch ist sein Trainer-Dasein ja relativ entspannt. Die Sachen, die er jetzt gerade macht, machen Spaß. So könnte ich mir es auch noch vorstellen, Trainer zu sein: Da mal ein Lehrgang und da nochmal ein Lehrgang. Begleitet von einem schönen Länderspiel (lacht). Der Traineralltag wird dann allerdings schon ein anderer sein.

Können Sie sich Klose als Bundesliga- oder Bundestrainer vorstellen?

Natürlich, absolut. Er war ja auch als Spieler immer schon wahnsinnig intelligent. Er hat es auch immer geschafft, auf den Punkt da zu sein. Das ist eine große Qualität. Es muss ja irgendwas in ihm stecken, das diese mentale Stärke bekräftigt. Ihm ist das Talent nicht nur in die Füße, sondern auch in den Charakter gelegt worden. Und auch dieses Talent kann er an junge Spieler weitergeben. Ich glaube, Miro kann ein sehr, sehr guter Trainer werden.

Deutschland wird Weltmeister 2018 mit Klose als Co-Trainer und Gómez als Stürmer.

Eine schöne Geschichte.

Traum oder realistisches Ziel?

Mit Deutschland ist es immer realistisch, Weltmeister zu werden. Vor allem mit der Mannschaft, die wir aktuell zur Verfügung haben. Aber ob es dann auch so kommt, hängt von so vielen Faktoren ab – unter anderem der Tagesform, die auf allerhöchstem Niveau einfach oftmals entscheidend ist. Für mich ist aber schon jetzt klar: Wir reisen als einer der üblichen Favoriten 2018 nach Russland.

Eine Reise, die dann womöglich Ihre letzte Reise als aktiver Fußballer ist.

Voraussichtlich wird es mein letztes Turnier werden. Irgendwie ist das auch so ein rundes Ding: Als ich 2014 verletzt zu Hause saß und nicht in Brasilien dabei sein konnte, habe ich mir immer gesagt: Eine EM und eine WM kommen noch für mich. Die lasse ich mir nicht mehr nehmen. Das war und ist auch weiterhin mein täglicher Antrieb. Bei der EM war ich schon mal dabei. Nun trage ich im Hinblick auf die WM eine große Zuversicht und auch Hoffnung in mir.

Wissen Sie noch, was Hoffnung auf Türkisch heißt?

Das wusste ich noch nie.

Umut.

Umut? Ich glaube, das Wort haben sie mir in der Türkei doch mal gesagt. Wollen Sie mit mir jetzt über meine Hoffnung für die Türkei sprechen?

Gerne.

Ich möchte mich an den großen politischen Diskussionen nicht beteiligen. Ich wünsche mir einfach für die Menschen in der Türkei, dass nach all den Unruhen jetzt wieder Normalität einkehrt. Ich wünsche mir Frieden. Nicht nur in der Türkei, weltweit!

Bereitet Ihnen die weltpolitische Lage generell Sorgen?

Es gibt ja immer so Zyklen. Es wurden irgendwann die Gemeinschaften gegründet: EU, NATO und so weiter. Sogar ganze Nationen haben sich zusammengeschlossen, weil man gemerkt hat: Zusammen ist man stark. Dann hat es lange ganz gut funktioniert. Jetzt hat man das Gefühl: Alle müssen sich mal austesten, reiben und streiten. Um dann zu merken, dass es doch nur zusammen geht. Ich hoffe, dass wir uns jetzt in dieser Phase befinden, die dann zu einem guten und friedlichen Abschluss kommt. Das ist mein großer Wunsch für die Zukunft.

Sie tragen also auch hier viel Hoffnung in sich?

Ich bin von Hause aus ein positiver Mensch. Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Respekt natürlich, weil man die genaue Entwicklung momentan nicht abschätzen kann. Aber ich glaube, dass wir alle unter dem Strich erkennen, dass es eben nur zusammen geht und wir alle eins sind.

Lassen Sie uns den Fokus nochmal auf den Fußball richten. Warum ist Paris für Julian Draxler so viel besser als Wolfsburg?

Weil er dort befreit aufspielen kann. Ich glaube, dass er irgendwann in seinem Kopf hatte, dass er hier aus Wolfsburg weg muss. Ab dem Moment ist es dann schwierig, gut Fußball zu spielen. Das hat nichts mit  Wolfsburg zu tun. Wenn sich ein Spieler im Verein nicht wohlfühlt – egal, wo auf der Welt –, wenn er mit dem Kopf nicht mehr da ist, dann kann er nicht die Leistung bringen, zu der er eigentlich im Stande ist. Dass  Julian ein begnadeter Fußballer ist, wissen wir alle. Dass er große Dinge leisten kann, wissen wir auch. Für mich hat das auch gar nichts mit Paris zu tun. Es hat einfach damit zu tun, dass er jetzt da ist, wo er hin wollte und deswegen da auch gut Fußball spielen kann.

Ein anderer Nationalspieler, der auch einen Wechsel in der Hoffnung auf persönliche Verbesserung vollzogen hat, ist Mario Götze.

Ich wünsche ihm einfach nur, dass er schnell wieder zu 100 Prozent gesund und fit wird. Weil er einer der besten Spieler ist, die wir in Deutschland jemals hatten. Und von diesem Satz bin ich wirklich ganz, ganz tief überzeugt. Ich muss ganz oft an seine Trainingseinheiten im Vorfeld seines ersten Länderspiels 2010 in Schweden denken. Ich habe damals nur gedacht: ‚Leck mich am Arsch, was ist das denn?‘ Wo kommt der denn her? Der hatte mit 18 Jahren eine Selbstverständlichkeit in seinem Spiel, bei der ich mir dachte: ‚Hut ab. Da haben wir einen!‘

Im Basketball haben wir mit Dirk Nowitzki ebenfalls einen. Wie eng sind Sie wirklich mit ihm befreundet?

Freundschaft würde ich es nicht nennen, denn ich habe ihn erst einmal getroffen. Wir haben denselben Sponsor. Aus diesem Grund hatten wir 2015 auch das Champions-League-Finale zusammen gesehen, hatten ein tolles Wochenende in Berlin. Dirk ist ein lustiger, aufgeschlossener Typ. Er ist wahnsinnig interessiert an allem im Fußball, hat Miro Klose und mich während des Finales mit Fragen gelöchert. Manchmal saß ich da, habe ihn einfach nur angeschaut und musste schmunzeln. Dirk ist ein Unikat. Eine Erscheinung. Alle sagen über ihn, er sei so bodenständig. Und wenn man ihn dann erlebt, sagt man sich: Der ist wirklich so bodenständig. So normal, als ob er noch kein einziges NBA-Spiel gemacht hätte. Beeindruckend und ein Vorbild für jeden Sportler.

Und wer beendet als erster seine Karriere: Dirk Nowitzki oder Mario Gómez?

Ich weiß nicht, was der Lange vorhat. Lassen wir uns überraschen. Anscheinend wird er nie älter. Aber gefühlt mache ich noch länger.

Felix Seidel / Fatih Demireli

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