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Javi Martinez Kolumne #4: Gierig wie Sammer

Javi Martinez vom FC Bayern München schreibt in seiner SOCRATES-Kolumne, was ihn mit Matthias Sammer verbindet. Er legt sich fest, dass Joshua Kimmich eines Tages den Rekordmeister als Kapitän anführt, allerdings nie so gut Spanisch sprechen wird wie er.

Von Javi Martinez

„Mia san mia“ ist ein Leitspruch, den ich wohl keinem Fußballfan in Deutschland erläutern muss. Für mich war er allerdings neu, als ich 2012 nach München kam. Was dahinter steckt, erklärte mir damals Matthias Sammer. Ich habe dieses besondere, bayerische Selbstverständnis sofort verinnerlicht und trage es mittlerweile wie selbstverständlich in mir.

Wenn du es als Mannschaft richtig lebst, kann „Mia san mia“ eine Waffe sein. Auch das hat mir Matthias Sammer vor Augen geführt. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr für den FC Bayern tätig ist, möchte ich sagen, dass er für mich zu meiner Anfangszeit in München eine sehr wichtige Person war. Er hat mir als sportlicher Ansprechpartner enorm geholfen. Natürlich schaust du als junger Spieler zu einem Mann wie Matthias Sammer auf.

Javi Martinez: „Klar und deutliche Ansprache, aber intern“

Er ist eine Legende. Er war einer der besten deutschen Spieler der vergangenen 25 Jahre. Zudem habe ich schnell festgestellt, dass wir beide ähnlich ticken, was uns auf eine gewisse Art und Weise miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für den Fußball ähnelt meiner stark. Wir haben auch einen ähnlichen Charakter, denke ich. Uns beiden ist die Kommunikation nach außen nicht so wichtig, wie die Dinge intern klar und deutlich anzusprechen.

Dabei geht es uns jedoch immer nur um eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Mannschaft und niemals um etwas Persönliches. Matthias Sammer liebt wie ich den Wettbewerb und die Herausforderung, sich auf dem Platz mit den besten Spielern und Klubs der Welt zu messen. Immer mit dem Ziel zu gewinnen. Und immer mit dem Antrieb, von Siegen nie genug zu haben. Ich denke, ich kann behaupten, dass ich genauso gierig nach Erfolgen bin wie Matthias Sammer.

Javier „Javi“ Martínez Aginaga spielt seit 2012 für den FC Bayern München, mit dem der Spanier sieben Meisterschaften, viermal den DFB-Pokal und 2013 sogar die Champions League gewann. Zuvor spielte er sechs Jahre für Athletic Bilbao in der Primera División. Martínez kam in 18 Länderspielen zum Einsatz und war Teil der Mannschaft, die 2010 Welt- und 2012 Europameister wurde. Seit 2019 ist er ständiger SOCRATES-Kolumnist.
Javi Martinez
FC Bayern

Sammer sagte: „Bleib geduldig“

Er nahm mich in den ersten Monaten oft beiseite und sagte mir: „Bleib geduldig, Javi. Die Saison ist sehr lang. Wir brauchen dich nicht am Anfang in einer super Form, sondern am Ende. Arbeite einfach weiter an deiner Leistungsstärke, aber setze dich nicht zu stark selbst unter Druck. Wir wissen, dass du gut bist. Und wir wissen, dass du uns in den entscheidenden Monaten helfen wirst.“ Und so kam es dann auch. Am Ende der Saison gewannen wir das Triple.

Wenn ich jetzt, sieben Jahre später, auf unsere Mannschaft schaue, sehe ich einige junge Spieler, die ebenfalls diese Gier in sich tragen und schon jetzt perfekt das angesprochene „Mia san mia“ verkörpern. Joshua Kimmich zum Beispiel.

Kimmich wird Kapitän

Er ist ein Spielertyp, der ideal zum FC Bayern passt. Der schon in jungen Jahren all die Werte des Klubs verinnerlicht. Gefühlt hat er schon über 1000 Spiele für den Klub gemacht. Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass er viele, viele Jahre beim Verein spielen und die Mannschaft vielleicht eines Tages auch als Kapitän anführen wird. Er ist ein echter Führungstyp. Er scheut sich nicht, voran zu gehen und Verantwortung zu übernehmen.

Da besteht zwischen Joshua und mir sicherlich eine Ähnlichkeit. Allerdings hat er mir eines schon jetzt voraus: Sein Deutsch wird immer besser sein als meines. Da muss ich einfach ehrlich sein: Manchmal ist die Sprache nach wie vor ein kleines Hindernis. Gerade wenn es mal schnell gehen muss, fällt mir nicht immer sofort das passende Wort auf Deutsch ein, obwohl ich wirklich fleißig lerne.

Ich denke, das ist normal. Und dennoch ärgert mich das gelegentlich. In diesen Momenten rette ich mich dann mit diesem Gedanken: Dafür wird Joshua wohl nie so gut Spanisch sprechen wie ich.

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Sylvain Wiltord Kolumne: „Die Liebe von Arsene Wenger war grenzlos“

Sylvain Wiltord spielte vier Jahre unter Arsene Wenger beim FC Arsenal. Es war die erfolgreichste Zeit der Gunners unter Wenger. In seiner Gast-Kolumne blickt Wiltord zurück, erklärt, wie Wenger arbeitet und glaubt auch: Die Trainer-Legende wird einen neuen Klub übernehmen und wird dort erfolgreich.

Von Sylvain Wiltord

Arsene Wenger war Mister Arsenal. Seine 22 Jahre bei den Gunners sind Ausdruck von Treue, Nachhaltigkeit und Identifikation. Ich durfte dort von 2000 bis 2004 unter seiner Leitung spielen und empfinde das im Nachhinein als großes Privileg. Ich fand sehr schnell heraus, was Arsène auf allen Ebenen im Verein bewegt hatte. Am deutlichsten sichtbar war sein Wirken natürlich auf dem Platz.

Aus dem „Boring, Boring Arsenal“ der frühen 1990er machte er mit seiner Philosophie des „One-Touch-Football“ eine attraktiv, spektakulär und erfolgreich spielende Mannschaft. Das war sein Verdienst. Heute ist der FC Arsenal dafür bekannt und beliebt, auch wenn am Ende zu wenige Trophäen herausgesprungen sind.

Arsene Wenger hat den „full day“ eingeführt

Arsène hat die Ernährung der Spieler von A bis Z umgestellt und viel dafür getan, Verletzungen vorzubeugen und die Regeneration zu verbessern. Er hat den „full day“ auf dem Trainingsgelände eingeführt und dafür gesorgt, dass alle zusammen frühstücken und zu Mittag essen. Und mit „alle“ waren die Spieler gemeint, aber auch alle Betreuer, Trainer, Physiotherapeuten, Fitness-Coaches. Seine Intention war, den FC Arsenal zu einer großen Familie zu machen und das ist ihm auch mehr als gelungen.

Er hatte gleich mehrere Funktionen: Er war Trainer und Manager, aber auch gleichzeitig der Architekt des Klubs. Er hat durchgesetzt, dass ein großes und modernes Stadion gebaut wird, weil er erkannt hat, dass dies notwendig ist, um sich im Konzert der Großen behaupten zu können. Genauso zeichnete er für die Runderneuerung des Vereinsgeländes verantwortlich, das seitdem zu den schönsten in Europa zählt.

„Er wird bei seinem neuen Verein etwas bewegen“

Seine Liebe zu diesem Verein war grenzenlos. Irgendwie haben sich Arsenal und Arsène gesucht und gefunden. Er war jeden Tag auf dem Gelände, sogar wenn trainingsfrei war. Es war ihm unmöglich, dort nicht vorbeizuschauen. Er brauchte das, es war sozusagen seine Droge. Ich bin nicht überrascht, dass er so lange im Amt blieb.

Dagegen verblüfft es mich zu sehen, dass er anscheinend noch lange nicht satt ist. Er ist noch nicht in Rente gegangen, dafür hat er noch zu viel Feuer und Leidenschaft in sich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er einen neuen Verein übernehmen und dort auch etwas bewegen wird.

Der Artikel erschien in Ausgabe #27: Jetzt nachbestellen

Das Pech mit dem FC Bayern

In den letzten Jahren geriet er stark in die Kritik, weil Arsenal seit 2004 keinen großen Titel mehr erringen konnte. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er nicht immer alles gegeben hätte. Überhaupt kann man ihm wenig vorwerfen. Man muss bedenken, dass sich Arsenal durch den Bau des neuen Stadions auf dem Transfermarkt stark beschränken musste und dadurch etwas den Anschluss verlor.

Und dennoch qualifizierte man sich zuverlässig Jahr für Jahr für die Champions League. Arsenal kam zwar meist nicht über das Achtelfinale hinaus, doch muss man auch festhalten, dass die Gegner fast immer Barcelona oder Bayern München hießen. Sehr bitter war allerdings das Ausscheiden 2015, als man auf AS Monaco traf und von einer Pflichtaufgabe ausgegangen war. Das tat weh und war gleichzeitig schlecht fürs Image.

„Wenger hat nichts dem Zufall überlassen“

Ich werde vor allem die Spielzeit 2003/04 immer in bester Erinnerung behalten, als wir vom ersten bis zum letzten Spieltag ohne Niederlage blieben und damit Geschichte schrieben. Bei diesem Triumph hat Arsène eine essenzielle Rolle gespielt. Er hat uns auf jeden Gegner und jedes Spiel extrem professionell eingestellt. Das war schon großes Kino. Dass wir nie den Fokus verloren, auch als wir klar vorne lagen, war allein sein Verdienst.

Er hat einfach nichts dem Zufall überlassen. Er hatte auch mit Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Robert Pires, Patrick Vieira, Jens Lehmann, Ashley Cole, Kolo Touré, Cesc Fabregas, Freddie Ljungberg, José Antonio Reyes oder auch Nwankwo Kanu eine sehr ausgeglichene, erfahrene, aber gleichzeitig unfassbar hungrige Mannschaft.

Der Socrates Newsletter

Ein echter Gentleman

Dank seiner Persönlichkeit, seiner Trainingsmethoden, seiner Liebe und Hingabe zum Beruf hat sich jeder Spieler bei ihm als Sportler, aber auch als Mensch prächtig entwickelt. Er war einfach klasse, sehr elegant, ein echter Gentleman eben, wie es nur noch wenige gibt. Auch ihm ist es zu verdanken, dass die Premier League heute die reichste Liga der Welt ist, weil er mitverantwortlich dafür war, dass diese Meisterschaft ihre Popularität weltweit immens steigern konnte.

Seine Duelle mit Sir Alex Ferguson oder José Mourinho waren stets voller Rivalität und Intensität. Arsène Wenger hat den englischen, aber auch den internationalen Fußball revolutioniert. Er hat die ganze Branche auf Vordermann gebracht. Er hat viel Vertrauen in junge Spieler gesetzt und war immer in der Lage, eine gesunde Mischung aus jungen und erfahrenen Profis zu finden.

Urlaub war ein Fremdwort

Er war einer der ersten Trainer überhaupt, der viel mit Videoanalysen arbeitete, sowohl bei der Vorbereitung auf den nächsten Gegner als auch in der Nachbetrachtung des eigenen Spiels. Er war den meisten anderen Trainern um Jahre voraus, weil er hervorragend antizipieren konnte, Entwicklungen und Trends frühzeitig erkannte und nutzte. 24 Stunden pro Tag investierte er in den Job. Er konnte nicht anders. Urlaub war für ihn ein Fremdwort.

Für mich gehört Arsene Wenger wie Ferguson zu den größten Trainern aller Zeiten. Dass er im Mai 2018 seinen Hut nahm, nötigte mir den größten Respekt ab. Ich war sehr berührt, als mich die Nachricht erreichte. Neben dem Weltmeistertitel für Frankreich war sein Abschied von Arsenal aus meiner Sicht das wichtigste Fußballereignis jenes Jahres.

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Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Von Nuri Sahin

(Die Kolumne erschien im April 2017 in der Ausgabe #6)

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.

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Javi Martinez Kolumne #3: Eine Art Religion

Bayern-Star Javi Martinez spielte mit 17 Jahren seine erste Saison bei Athletic Bilbao; und zugleich mit dem Lebensinhalt der Leute in der Region. Eine Verantwortung, für die unser Kolumnist eine Schutzmaßnahme ergriff.

Von Javi Martinez

Wenn ihr mal in Bilbao seid, in einem Supermarkt an der Kasse steht und neben euch eine 93-jährige Frau seht, ist sie gewiss Fan von Athletic Bilbao. Wenn an gleicher Stelle ein Kind neben euch steht, ist es gewiss Fan von Athletic Bilbao. Und wenn ein Mann, egal welchen Alters, neben euch steht, ist er gewiss Fan von Athletic Bilbao. Jeder in Bilbao ist Fan von Athletic Bilbao. Und das ist keine Übertreibung.

Die Leute in Bilbao sind nicht zu vergleichen mit anderen Leuten auf dieser Welt. Zum einen sind Basken sehr stolze Menschen, zum anderen in gewisser Weise auch fanatische Menschen. Zumindest dann, wenn es um Athletic Bilbao geht. Athletic ist für sie eine Art Religion. Es ist verrückt. In Bilbao liebt jeder Athletic. Und wenn du für Athletic spielst, vergöttert dich jeder und projiziert damit Erwartungen auf dich, die nahezu unmenschlich sind.

Bilbao zahlte sechs Millionen Euro Ablöse

Damit musste ich erst mal umzugehen lernen, als ich im Alter von 17 Jahren von Osasuna nach Bilbao wechselte. Warum ich euch das erzähle? Weil ich anschließend sechs Jahre in Bilbao blieb und es für mich eine ganz entscheidende und prägende Station in meiner Karriere war. Die Station, von der ich dann ja 2012 zum FC Bayern wechselte.

Sechs Millionen Euro hatte der Klub für mich bezahlt. Das wusste jeder in Bilbao. Das war einerseits eine große Verantwortung, andererseits auch eine große Motivation für mich. Ich wollte beweisen, dass ich das Geld wert war. Ich sprühte vor Tatendrang. Unglücklicherweise lief es in meinem ersten Jahr in Bilbao für meine neue Mannschaft gar nicht gut. Wir standen am Saisonende kurz vor dem Abstieg.

„Ihr müsst gewinnen, Javi“

Bilbao in der Zweiten Liga in Spanien? Das wäre historisch gewesen. Historisch schlecht. Noch nie war der Klub abgestiegen. Dementsprechend könnt ihr euch vielleicht vorstellen, unter welchem Druck wir Spieler standen, wie nervös wir waren. Wir wussten: Wir spielen mit dem Lebensinhalt der Leute in Bilbao. Mit ihrem Glück, mit ihrer Zufriedenheit, mit ihrem Herzen. Und auch das ist keine Übertreibung.

Das Treffen mit der 93-jährigen Frau im Supermarkt hat es übrigens tatsächlich gegeben. Sie sagte zu mir: „Javi, du musst gewinnen. Ihr musst gewinnen. Für uns.“ Sie sagte es weder böse noch laut. Aber in ihren Worten schwang etwas Flehendes mit, das damals für mich zugleich bedrohlich wirkte. Wenn du für Bilbao auf den Platz gehst, weißt du, dass die Menschen für zwei, drei Tage überglücklich sein werden, wenn du gewinnst. Aber wenn du verlierst, werden die Menschen zwei, drei Tage enttäuscht und auch persönlich beleidigt sein. In einem Maße, das kaum nachzuempfinden ist, wenn du es nicht selbst erlebt hast.

Javi Martinez: Ich bin abends nicht aus dem Haus gegangen

Diese Verantwortung spürst du in Bilbao als Spieler jeden Tag. Das als 17-Jähriger richtig einzuordnen und auch zu verarbeiten, war nicht einfach. Nein, es war schwer. So schwer, dass ich in der Endphase der Saison abends nicht mehr aus dem Haus gegangen bin. Ich wusste zwar, dass es nicht meine Schuld war, dass die Mannschaft so schlecht dastand. Und dass ich persönlich eigentlich gute Leistungen gezeigt hatte.

Aber die Leute kamen in der Stadt immer näher auf mich zu. Sie haben das weder absichtlich gemacht, noch so wahrgenommen. Aber sie haben mich in diesen Wochen fast erdrückt. Wer glaubt, die Sorgen der Fans prallen an uns Fußballern ab, der irrt. Wir nehmen sie wahr – und mit nach Hause. Der eine mehr, der andere weniger. In der Endphase der Saison daheim zu bleiben, war eine Schutzreaktion. Ich befürchtete, dass sich die verunsicherte Stimmung in Bilbao auf meine Leistung auswirken könnte. Dieser Gefahr wollte ich unbedingt entgehen.

Mir ist wichtig, auf meine Mitmenschen zu achten

Mit meinen nun 30 Jahren denke ich, dass es eine Verbindung zwischen dem Fußballer Javi Martínez und dem Menschen Javi gibt. Wie ich auf dem Spielfeld agiere, spiegelt sicherlich einen Teil meiner Persönlichkeit wider. Ich bin sehr verantwortungsbewusst. Sowohl auf dem Platz als auch daneben. Mir ist es wichtig, auf meine Mitmenschen zu achten, ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Ich möchte die Dinge für meine Familie und Freunde, aber auch für meine Teamkollegen leichter machen. Ich will immer helfen. Und ein Unterstützer bin ich in gewisser Weise ja auch als Sechser auf dem Platz.

Aber zurück zu meiner ersten Bilbao-Saison. Zum Glück schafften wir es, die Liga zu halten. Und in den kommenden Spielzeiten deutlich bessere Leistungen zu zeigen. Wir erreichten einige Finals, darunter das Europa-League-Finale 2012 sowie 2009 und 2012 das Finale um die Copa del Rey. Wir spielten starke Saisons und spürten die Freude der Fans – im Stadion und in der Stadt. Am Ende war es eine tolle Zeit in Bilbao, die ich nicht missen möchte.

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Javi Martinez Kolumne #2: Einfach Javi sein

Javi Martínez besitzt ein Haus in den Pyrenäen. Die Gipfel in 3.000 Meter Höhe sind für ihn der perfekte Rückzugsort. Und zugleich der Platz, an dem der Bayern-Star wirklich er selbst sein kann.In seiner zweiten Kolumne schreibt er in SOCRATES, wo er wirklich er selbst sein kann.

Wie oft könnt ihr das? Einfach ihr selbst sein? Ohne im Beruf oder im Bekanntenkreis gewissen Erwartungen entsprechen zu müssen? Ich bin ganz ehrlich: Ich kann es nicht immer. Aber jetzt, in diesem Moment, in dem ich diese Kolumne verfasse, bin ich es. Ich schätze es, meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Sie in Worte zu fassen. Ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.

Ich liebe es, Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Mit ihnen gute Gespräche zu führen, mich mit ihnen über ihre Woche, ihre Ansichten und Erlebnisse auszutauschen. Zeit füreinander zu haben, ist mir wichtig.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #30: Jetzt nachbestellen

„Als Javi bewege ich mich anders“

Vielleicht klingt das außergewöhnlich für einen Fußballer: Aber mir gefällt es auch sehr, mit meiner Familie Brettspiele zu spielen. Wenn nun einige von euch sagen, ich sei ein einfacher Typ, kann ich dem nur zustimmen. Ich würde jedoch ergänzen, dass ich zudem ein sehr neugieriger Mensch bin, für den es großen Wert hat, fremde Länder zu bereisen und bisher unbekannte Speisen zu probieren. Ich möchte die Welt sehen und schmecken.

Durch den Fußball habe ich das Glück, schon in vielen Ecken unserer Erde gewesen zu sein. Aber eben zumeist in meiner Rolle als Profispieler Javi Martínez. Und nicht als Javi. Als Javi bewege ich mich anders. Als Javi brauche ich den Himmel mehr als ein Hotel. An einem freien Wochenende zieht es mich in die Berge.

Die Berge nehmen dich wortlos auf

Ich besitze ein Haus, das in den Pyrenäen liegt, genauer gesagt in Formigal auf rund 1.500 Meter Höhe. Es ist für mich der schönste Fleck in Spanien – mit einem atemberaubenden Blick über die Gebirgskette, die zwischen Frankreich und Spanien verläuft.

Die Berge haben etwas Spezielles. Wenn du dich hineinbegibst, werden sie zu deinem Partner. Sie nehmen dich wortlos auf und an. Deswegen liebe ich es auch, gelegentlich alleine zu wandern. Ich bin dann ganz für mich teilweise sieben Stunden am Berg unterwegs.

Wenn ich mich umschaue, sehe ich die grünen Bäume, das graue Felsmassiv und den blauen Himmel. Ich fühle mich geliebt in dieser Umgebung. Es gibt Sommertage, an denen ich bis an die Bergspitzen in knapp 3.000 Metern Höhe hinaufsteige und dort oben in einem Schlafsack übernachte. In meinem Rucksack habe ich dann ein Buch, etwas zu essen und zu trinken dabei.

Mehr benötige ich nicht.

Bei minus acht Grad auf dem Gipfel

Manchmal möchte ich abstreifen, dass ich ein erfolgreicher Fußballer beim FC Bayern bin. Dass ich viele Fans habe. Dass auf meinen Schultern viel Verantwortung liegt. In diesen Momenten möchte ich einfach nur relaxen, den Kopf ausschalten und alles um mich herum vergessen.

Das ist eine wichtige Regeneration für mich. Einmal erklomm ich sogar im Winter mit Freunden, die erfahrene Bergsteiger sind, die Gipfel in den Pyrenäen. Oben zeigte das Thermometer minus acht Grad. Wir bauten uns für die Nacht ein Iglu. Und als wir dann morgens aufwachten, war es wie in einem Traum: Beim Sonnenaufgang verwandelte sich der Schnee in ein weißes, glitzerndes, leuchtendes Meer.

Ich habe so etwas Schönes noch nie gesehen.

Die Handykameras reichen nicht aus

Es war eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Amazing. Zum Glück war ein professioneller Fotograf damals ebenfalls in den Bergen unterwegs. Er konnte mit seiner Kamera die einzigartigen Bilder festhalten.

Unsere Handykameras hätten dafür bei weitem nicht ausgereicht. Es war ein Ansporn für mich, der Fotografie mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Mittlerweile habe ich meine eigene hochwertige Kamera. Zweifelsohne: Die Fotografie hat mich gepackt, auch wenn ich auf diesem Gebiet noch ein Anfänger bin.

Nach der Karriere…

Und leider ist das Material sehr schwer, so dass ich es auf die langen und anstrengenden Bergtouren nicht mitnehmen kann. Aus diesem Grund überlege ich, in einem der nächsten Winter mal mit einem Schneemobil Richtung Gipfel zu fahren, um die Ausrüstung mit in die Höhe nehmen zu können und ähnliche Bilder anzufertigen.

Ja, das bin ich. Jemand, der einfach seinen Interessen und seinem Herzen folgt. Ohne dabei beobachtet oder bewertet zu werden. Das geht aus bekannten und benannten Gründen aktuell (zu) selten. Aber die Zeit wird kommen, dass ich viel mehr Javi sein werde, als ich es jetzt sein kann.

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Javi Martinez Kolumne #1: Dem Himmel entgegen

Bayern-Star Javi Martínez gewährt in seiner Kolumne einen Einblick in seine Zeit als Kind und Jugendlicher. So leicht es war, auf dem Fahrrad das Glück zu erfahren, so schwer fiel der Verzicht auf Partys. Aber der Spanier ordnete alles seinem Traum unter.

Von Javi Martínez

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Ich möchte euch auf eine Reise mitnehmen. Auf eine Reise in meine Kindheit. Wenn wir dort ankommen, schreiben wir das Jahr 1998. Als Zehnjähriger schaue ich zum Gipfel des 1.046 Meter hohen Berges Montejurra empor. Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick über den Norden Spaniens.

Das weiß ich, weil ich selbst schon am Gipfelkreuz verweilt habe. Mein kleiner Heimatort Ayegui, der direkt am Fuße des Berges liegt, sieht von oben noch viel kleiner aus, als er ohnehin ist. Rund 1.000 Menschen leben hier. Ich lebe hier. Es ist einer dieser typischen Sommertage in den Ferien. Die Sonne scheint auf die Felder und lässt die Luft über dem Asphalt flimmern.

Als aus 100 Pesetas 200 wurden

Ich schnappe mir mein Rad und fahre los, ohne ein Ziel zu haben. Oder vielleicht habe ich es doch: einfach über die Hügel dem Himmel entgegen. Es ist dieses Gefühl von Freiheit, das mich glücklich sein lässt. In diesem Moment kann ich mir kein schöneres Leben vorstellen. Ich hoffe, ihr habt ähnlich schöne Erinnerungen an eure Kindheit. Wahrscheinlich werden wir nie wieder so unbeschwert leben wie damals mit zehn Jahren.

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Jetzt, 20 Jahre später, erinnere ich mich immer noch gut an diese Zeit: Einmal verließ ich das Haus mit 100 Pesetas, die ich von meiner Mutter zugesteckt bekommen hatte. Am Abend kehrte ich mit 200 Pesetas zurück. „Woher hast du das Geld?“, wunderte sich meine Mutter. Ich antwortete lediglich mit einem verschmitzten Lächeln.  Keine Sorge, ich hatte das Geld nicht gestohlen.

Diese Vorahnung

Sagen wir mal so: Ich hatte es mir kreativ verdient. Wenn ich mit meinem Rad unterwegs war, bin ich oft zu meinen Tanten und Onkels gefahren, um sie zu besuchen. Sie haben sich immer sehr gefreut, mich zu sehen und mich gefragt, ob ich etwas brauche. „Nein, nichts. Nur vielleicht ein bisschen Geld für Süßigkeiten“, sagte ich dann. Jetzt könnt ihr erahnen, woher das zusätzliche Geld in meinen Hosentaschen kam.

Doch für Süßigkeiten habe ich es nur in den wenigsten Fällen ausgegeben. Schließlich hatte ich diesen einen großen Traum: Fußballprofi zu werden. Ja, ich habe schon damals ganz fest daran geglaubt, es wirklich schaffen zu können. Vielleicht mag es jugendliche Unbekümmertheit gewesen sein, vielleicht aber auch schon eine Vorahnung.

Der Weg zum Profi ist hart

Rückblickend habe ich oft darüber nachgedacht: In den europäischen Top-Ligen gibt es nur wenige tausend Profifußballer, aber es gibt Millionen von Talenten, die es werden wollen. Es ist verrückt. Die Prozentzahl der Spieler, die es wirklich schaffen, ist so gering. Ich mache mir das immer wieder bewusst: Wir Profifußballer sind privilegiert.

Aber ich denke, dass wir uns für das Erreichte nicht entschuldigen müssen, sondern durchaus stolz darauf sein dürfen. Wichtig ist dabei nur, das Bewusstsein dafür zu haben, dass vielen anderen Menschen die Karriere nicht vergönnt war und ihnen stets mit Respekt zu begegnen. Für viele von euch klingt mein Weg sicherlich wie ein Traum. Ich denke, aus eurer Perspektive heraus würde ich es ähnlich bewerten. Aber lasst euch sagen: Der Weg zum Profi ist hart. Besonders in Teenagerjahren.

Die Freunde gehen mit Mädchen aus und du…

Der Teil, den die meisten Menschen nicht sehen können, ist der schwerste. Es ist der Verzicht auf Dinge, die für andere Leute völlig normal sind. Wenn du 15, 16, 17 bist und deine Freunde anfangen, Party zu machen, musst du zu Hause bleiben. Du bist außen vor, bist derjenige, der nicht dabei ist, weil er ja Fußballer werden will. Du musst morgens ins Training, danach gut essen, dich ausruhen und abends gut schlafen. Dann beginnen deine Freunde, das erste Mal mit Mädchen auszugehen.

Du erfährst von solchen Augenblicken nur aus ihren Erzählungen, du erlebst sie nicht. Du willst ja Fußballer werden. Und sagst dir selbst immer wieder: ‚Du kannst dir das nicht erlauben.‘ Es sind in diesen jungen Jahren einmalige Lebensmomente, die nicht zurückkommen. Aber nur so lässt sich die einmalige Gelegenheit nutzen, das Ziel zu erreichen, worauf du alles ausgerichtet hast. Verzicht, so schwer er auch fällt, kann dich nach vorne bringen.

„Was machst du hier?“

Mit 15 Jahren war mein Beruf bereits Fußballer. Ich spielte in der dritten spanischen Liga in der zweiten Mannschaft von Osasuna. Dort trainierte ich mit Männern, die 23, 24, 25 Jahre alt waren. Ich war 15! Anfangs gab es Tage, an denen ich mich gefragt habe: ‚Was machst du da eigentlich? Ist es das wirklich wert?‘ Im Nachhinein bin ich selbst verwundert, mit welcher Klarheit und Überzeugung ich mir selbst damals antworte: ‚Ja, natürlich ist es das wert! Wenn du ein richtig guter Profifußballer werden willst, hängt es jetzt nur noch von deiner Einstellung ab, Javi.‘

Ich wusste, dass meine körperlichen Voraussetzungen gut waren. Aber die Entscheidung für den Beruf fiel in meinem Kopf. Ich habe es geschafft, den Fokus zu behalten. Meine Konzentration lag darauf, in einer guten Verfassung zu bleiben und alles auszublenden, was nichts mit dem Fußball zu tun hatte. Ja, es ist schwer, aber noch schwerer wäre es gewesen zu versuchen, das Nachtleben mit dem Fußball zu kombinieren. Ich halte es für fast unmöglich.

Die neue Martinez-Kolumne in der neuen Ausgabe – im Handel und hier online erhältlich!

Die Lust auf Basketball

Um das noch mal klar zu formulieren – vor allem für Talente, die heute den gleichen Traum haben wie ich damals: Der Kopf ist genauso wichtig wie die Füße. Wenn du es wirklich schaffen willst, musst du 24 Stunden am Tag wie ein Profi leben. Wenn du im Training denkst: Hoffentlich ist es gleich vorbei, ich will noch mit Freunden was essen gehen und Party machen, dann wirst du nicht gut werden. Zumindest nicht gut genug.

Lasst mich noch ein Beispiel geben: Ich liebe es, Sport zu treiben, auch andere Sportarten in meiner Freizeit auszuüben. Nach vielen Trainingseinheiten beim FC Bayern würde ich am liebsten sofort in eine Halle fahren und dort mit Freunden Basketball spielen. Aber ich kann es nicht. Weil all das, was mich zum Profi gemacht hat, auch gilt, um Profi auf höchstem Niveau zu bleiben.

Die Regeneration ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Trainings. Da kann ich nicht einfach noch zwei Stunden Basketball spielen oder mich wie 1998 einfach aufs Rad schwingen und stundenlang ohne Ziel durch die Gegend fahren. So glücklich es mich für den Moment auch machen würde.