Archiv für die Kategorie: Motorsport

,

Marc Marquez: Rock’n’Roll und Walzer

Marc Marquez dominiert die Königsklasse des Motorradsports nach Belieben. Stolz ist der junge Spanier auf sein Elternhaus und seine Ellbogen. Mit einer klaren Ansage an den Weihnachtsmann fing alles an.

Marc Marquez, warum sind Sie die Nummer eins?

Weil ich kaum Schwächen und die richtige Mischung aus Risiko und Vernunft gefunden habe. 2015 war ich extrem aggressiv und angriffslustig. Ich wurde nur Dritter, weil ich zu viele Stürze hatte und Punkte liegen ließ. 2016 hatte ich aus diesen Fehlern gelernt. Ich ging etwas weniger auf Risiko und wurde Weltmeister. Als ich 20 war, habe ich jedes Rennen als Finale genommen. Jetzt mit mehr Erfahrung kann ich auch mit zweiten und dritten Plätzen leben, weil ich weiß, dass sie fürs Gesamtklassement gar nicht so schlecht sind.

Haben Sie Angst?

Manchmal denke ich während eines Rennens, dass ich jederzeit sterben könnte. Ich gehöre zu den Piloten, die am häufigsten stürzen. Es sollte einem schon bewusst sein, dass diese Sportart sehr, sehr gefährlich ist, auch wenn die Sicherheit immer besser wird. Aber man sollte lieber zu Hause bleiben, statt mit solchen Gedanken zu viel Zeit zu verschwenden. Ich glaube, dass es für die Zuschauer und die Familie viel schwieriger ist. Meine Mutter leidet enorm; sie denkt immer, dass mir etwas Schlimmes passiert. Aber sie hat noch mehr Angst, wenn ich abends mit Freunden unterwegs bin, weil sie sich fragt, wer mich dann nach Hause bringt und in welchem Zustand derjenige ist. Bei den Rennen ist natürlich für mehr Sicherheit gesorgt.

Wie gehen Sie mit Druck um?

Wenige Leute wissen das, aber ich habe schon sehr früh unter Haarausfall gelitten. Ich wollte aber nicht schon mit 24 kahl sein, bin also zu meinem Arzt, und er hat mir dann gesagt: Das liege am Stress und man könne es nicht kontrollieren. Manche Piloten sind sehr angespannt, manche weniger. Man muss lernen, in den entscheidenden Momenten mit dem Druck und dem Stress klarzukommen. Das gelingt mir heute immer besser.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #29: Jetzt nachbestellen

Beschreiben Sie uns Ihre Beziehung zu Ihrem Motorrad.

Manchmal empfinde ich eine tiefe Harmonie zwischen mir und dem Motorrad. Das ist nicht so leicht zu erklären, weil es ja um eine Maschine geht, aber man fühlt sehr viel, wenn man Motorrad fährt. Es gibt Augenblicke, in denen es sich anfühlt, als sei es ein Teil meines Körpers.

Sprechen Sie mit Ihrem Motorrad?

Das kommt immer wieder vor. Natürlich gibt es keine Antwort, (lacht) aber es ist eine mentale Sache. Es spielt sich alles im Kopf ab. Sekunden vor dem Start spreche ich ihm Mut zu. Das kommt immer wieder vor. Aber während des Rennens rede ich nicht so oft mit meiner Maschine.

Was ist es für ein Gefühl, eine solche Maschine zu fahren?

Es ist wie tanzen. Manchmal ist es Rock’n’Roll, wenn das Rennen intensiv ist, manchmal Walzer, weil ich sehr geschmeidig in den Kurven fahre.

Wie kommt Ihre Lebenspartnerin mit Ihrer Leidenschaft zu Recht?

Momentan bin ich solo, weil meine Priorität der Wettbewerb ist. Aber für die Partnerin ist es alles andere als einfach zu verstehen. Sobald ich ein freies Wochenende habe, will ich unbedingt auf meiner Maschine sein. Irgendwie kann ich nicht ohne. Im letzten Sommer hatte ich zwei Wochen Urlaub. Bereits nach fünf Tagen ging ich wieder on tour.

Was genau macht die Faszination aus?

Das Adrenalin. Das ist einzigartig. Nach zwei Tagen Urlaub habe ich mir ein Rennen auf dem PC angeschaut. Ich brauche es. Motorrad ist eine Art Lebensstil. Es gibt viele Jungs, die verrückt nach Fußball, Laufen oder Boxen sind. Manchmal macht es gar keinen Spaß, aber dann kommt das Adrenalin. Das Größte für mich ist der Sonntag mit dem Rennen. Ohne Rennen würde ich gar nicht Motorrad fahren.

Ein Rennen dauert im Schnitt 45 Minuten. Wie fühlt man sich danach?

Körperlich top, weil ich eine gute Kondition habe. Manchmal denke ich, dass ich sofort noch ein Rennen fahren könnte. Aber nach gut zwanzig Minuten spürt man immer mehr die Müdigkeit, bis man in einen Zustand der Erschöpfung kommt. Mir tut dann nichts weh, aber ich kriege die Quittung für das Adrenalin und die maximale Konzentration.

Was ist das Schwierigste während eines Rennens?

Dass man innerhalb weniger Sekunden Entscheidungen treffen muss. Die körperliche Vorbereitung ist ungeheuer wichtig, denn nur wenn man topfit ist, funktioniert das Gehirn optimal. Wenn man müde ist, hat man nicht mehr alles im Griff.

Sie fahren bis zu 350 Stundenkilometer schnell. Wie fühlt sich das an?

Schon mehrfach, unter anderem in Mugello, dem schnellsten Kurs. Um ehrlich zu sein: Wenn man nur geradeaus fährt, spürt man die Geschwindigkeit nicht wirklich. Es ist so, als würde man ganz normal durch die Gegend fahren und an den Bäumen am Straßenrand sehen, dass man schnell unterwegs ist. Aber wenn es kurvig wird oder windig ist und man bremst, dann ist es gewaltig.

Die Gegner sitzen Ihnen oft buchstäblich im Nacken. Wie gehen Sie damit um?

Das mag ich überhaupt nicht. Man muss mental brutal stark sein, um den kleinen Vorsprung zu verteidigen.

Dann liegen Sie lieber in Lauerstellung?

Ja. Wenn ich ein Stück hinter meinem Konkurrenten bin, kann ich ihn analysieren und dementsprechend agieren. Wenn man vorne ist, muss man permanent verteidigen.

Der Socrates Newsletter

Ist es wahr, dass Sie mit vier Jahren ihr erstes Motorrad zu Weihnachten bekommen haben?

Ja, das stimmt. Damals hatte ich dem Weihnachtsmann einen Brief geschrieben und mir ein Motorrad gewünscht. Nachdem ich bis dahin nur Elektro-Motorräder bekommen hatte, sollte es diesmal ein echtes sein. Und tatsächlich bekam ich ein echtes Motorrad, das kleinste Modell. Ich war völlig aus dem Häuschen. Am nächsten Tag stand ich ganz früh auf, um es zu testen.

Wie kamen Sie überhaupt mit dem Sport in Berührung?

Meine Familie war verrückt nach Motorrädern. Meine Mutter arbeitete als Angestellte und mein Vater war in der Baubranche tätig. Aber am Wochenende fuhren wir mit dem Wohnmobil zu den Rennen. Meine Mutter kümmerte sich um die Verpflegung, mein Vater hisste die Flagge. Ich war immer dabei. Es war eine wunderbare Zeit.

Stimmt es, dass Sie mit viereinhalb Jahren schon an einem Rennen teilnahmen?

Das ist richtig. Wir gingen damals ein gewisses Risiko ein, weil es erst ab fünf erlaubt war. Ich habe meinem Vater damals dermaßen Druck gemacht, dass er das Nachsehen hatte und mich fahren ließ. Er fuhr direkt hinter mir.

Bestand jemals die Gefahr, dass Sie die Lust verlieren?

Überhaupt nicht. In meiner Kindheit habe ich viele Jungs kennengelernt, die das moderneste Motorrad und den teuersten Anzug hatten. Bei uns war es anders: Mein Vater hat mir Bescheidenheit und Bodenständigkeit beigebracht. Wir haben immer gebrauchte Motorräder gekauft. Motorrad sollte ein reines Hobby sein. Sobald ich Fußball mit meinen Freunden spielen wollte, gab es nie ein Problem. Es war wichtig, sich nicht ausschließlich aufs Motorradfahren zu konzentrieren.

Acht Weltmeisterschaften in jungen Jahren. Wie wollen Sie weiterhin an der Spitze mitmischen?

Ich will mit aller Macht versuchen, nicht zu stagnieren. Ich will für neue Ideen sein und meinen Fahrstil weiterentwickeln. Ich stürze heute nicht mehr so oft wie noch vor ein paar Jahren, ich kann mit dem Druck der Gegner besser umgehen und habe auch verstanden, dass es manchmal ratsam ist, weniger Risiko zu gehen. In dieser Saison bin ich die Rennen sehr schnell angegangen, um mir einen Vorsprung zu erarbeiten. Dann habe ich das Feld kontrolliert, um im Finish noch mal Vollgas zu geben.

Wie sollen sich die Leute mal an Sie erinnern?

Dass ich derjenige war, der dafür gesorgt hat, dass man die Ellbogen in den Kurven benutzt. Das macht mittlerweile jeder Rennfahrer. Mich würde es freuen, wenn man sich an mich als einen Piloten erinnert, der immer alles gegeben hat. Privat bin ich cool und ruhig, aber sobald ich meinen Helm aufsetze, bin ich ein anderer Mensch. Ich gebe immer Vollgas, weil ich ruhig schlafen will und mir nichts vorzuwerfen haben möchte. Wenn man alles gibt, kann man nichts bereuen. Das ist ein wunderbares Gefühl.

Interview: Alexis Menuge

, , ,

Vettel, Gerrard, Jović: Männer mit Plan

Sebastian Vettel war noch nie Fahrer, der nur an das Hier und Jetzt denkt. Der Ferrari-Pilot macht sich daher auch Sorgen um die Sorgen der Formel 1. Sorgen hatte sich auch Luka Jovic gemacht. Doch das ist alles Vergangenheit. Gestern wie heute erfolgreich – das ist Steven Gerrard. Und er will damit nicht aufhören. Vettel, Gerrard, Jović: Drei Männer mit Plan auf dem Cover der Ausgabe #33.

Sebastian Vettel: Die Sorgen

Man muss keinen Hehl daraus machen: Sebastian Vettel erlebt im Cockpit von Ferrari eine schwierige Saison in der Formel 1. Die Konkurrenz fährt davon, die Hoffnung auf den Weltmeistertitel haben früh einen Dämpfer bekommen. Aber Sebastian Vettel denkt nicht nur an heute, sondern liebt die Formel und macht sich ernsthafte Sorgen.

Im exklusiven Interview mit SOCRATES spricht Vettel darüber, was ihm missfällt und mahnt, dass „die Formel 1 nicht zu weit gehen darf“. Er spricht aber auch über die Probleme bei seinem Rennstall und berichtet, seit wann man Probleme bei der Entwicklung des Autos hat.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Steven Gerrard im Exklusiv-Interview

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben. Gerrard nennt seine Trainer-Vorbilder und natürlich bricht er natürlich eine Lanze für Jürgen „The Normal One“ Klopp.

Luka Jović: Der Beste

Luka Jovic ist der Spieler der Saison. Da lassen wir nicht mit uns diskutieren. Sein Aufstieg ist atemberaubend, obgleich sein enormes Talent schon früh unübersehbar war. Die Geschichte hätte aber auch ganz anders laufen können, wenn Fredi Bobic und Niko Kovac nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wären.

Daniel Abt im Exklusiv-Inteview

Daniel Abt ist Rennfahrer, hat aber auch 250.000 Abonnenten auf YouTube. SOCRATES erzählt er, wie er mit Hass unter seinen Videos umgeht und warum sein Teamchef ihn nachts um halb fünf mit einem Döner erwischt hat.

Isabell Werth im Exklusiv-Interview

Isabell Werth ist die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten und allein mit sechs olympischen Goldmedaillen dekoriert. Ihre Begeisterung für den Sport und ihr Tatendrang sind dennoch ungebremst. Ein Gespräch über Pläne, Wertewandel und Diskussionskultur zwischen Pferd und Reiter.

Aito Garcia Reneses im Exklusiv-Interview

ALBA Berlins EuroCup-Traum endete im Finale gegen Valencia. Es war nicht das erste Mal, dass Aíto García Reneses ein Finale verlor. Der 72-jährige Trainer gehört aber nicht zu den Menschen, die sich lange mit Niederlagen aufhalten.

Dies und vieles mehr in Socrates #33!
, , ,

Felix Magath: „Nicht Superman. Profi!“

An Felix Magath kleben viele Vorurteile, doch der 65 Jahre alte Fußballtrainer hält wenig davon. Er liebt seinen Sport und spricht darüber, wie er sich den Fußball vorstellt und wer ihn vom Rasenmähen abhält. In dieser Ausgabe sprechen u.a. auch Mick Schumacher und Eden Hazard.

Felix Magath: Die Sache mit dem Mittelmaß

Felix Magath war noch nie ein Typ, der klaren Worten aus dem Weg geht. Der 65 Jahre alte Fußball-Trainer sagt das, was er für richtig hält – und dies zumeist unmissverständlich. Im Exklusiv-Interview für die 32. Ausgabe von SOCRATES blieb sich Magath treu. Die Bundesliga? „Nur noch Mittelmaß!“ Die Spieler? „Eine katastrophale Saison, aber ein Tor reicht, um Superstar zu werden!“ 

Dabei will Magath gar nicht als Knorrer oder Quälix wahrgenommen werden. An ihm kleben viele Vorurteile, aber eigentlich liebt er den Fußball und will, dass er besonders in Deutschland von Erfolg gekrönt ist. Im Interview spricht Magath auch darüber, ob ihn der DFB anruft und wohin die Reise für ihn gehen könnte.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Mick Schumacher im Exklusiv-Interview

Mick Schumacher hat mehr Druck als jedes andere Motorsport-Talent in Deutschland. Selbstbewusst ist der Sohn von F1-Legende Michael Schumaccher trotzdem, auch wenn er sich selbst in Sachen Formel 1 keinen Druck macht. Wir sprachen mit ihm darüber.

Eden Hazard im Exklusiv-Interview

Der Mann ist in aller Munde. Eden Hazard wird im Sommer wohl den Verein wechseln. Weg von Chelsea, hin zu… Spätestens seit der WM in Russland in der absoluten Weltklasse angekommen. Verändert hat er sich deshalb nicht. Der Belgier erzählt, was ihm wichtiger ist als Tore und Titel.

Schrei der Herzen

Fußball ist alles in Neapel: Ersatz für Religion, Projektionsfläche für Sehnsüchte und Träume. Die anhaltende Erfolglosigkeit des SSC Napoli aber sorgt für Frust und Resignation. Doch Vorsicht: Manchmal reicht ein Nichts – und eine ganze Stadt steht in Flammen.

Yannick Noah im Exklusiv-Interview

Yannick Noah (59) denkt auch heute noch fast täglich an seinen Triumph in Paris 1983. Warum er den gegen die Stars von heute niemals gefeiert hätte, warum er sich über Nadal-Triumphe nicht freuen kann und warum er sich damals einen Psychologen an seiner Seite gewünscht hätte, erzählt er im Interview mit SOCRATES.

Kristina Vogel im Exklusiv-Interview

Kristina Vogel ist zweifache Bahnrad-Olympiasiegerin und elffache Weltmeisterin. Seit einem Trainingsunfall am 26. Juni 2018 ist die 28-Jährige querschnittgelähmt. SOCRATES erzählt sie von ihrem neuen Leben, ihren Plänen und Begegnungen mit dem Schicksal.

Dies und vieles mehr in Socrates #32!
,

Sophia Flörsch und Co.: Auf der Überholspur

Die Motorsport-Szene ist bevölkert von echten Machos. Doch gerade diese sollten sich warm anziehen. Das vermeintlich schwache Geschlecht drängt in die Cockpits: Sophia Flörsch und Juju Noda sprechen jetzt schon von Formel-1-Siegen.

Der Artikel erschien in Ausgabe #23

Es ist nicht so, dass es überhaupt keine Vorbilder gäbe, an denen sich Mädchen und junge Frauen orientieren könnten, die im Motorsport weit nach oben, vielleicht sogar in die Formel 1 kommen wollen. Danica Patrick ist so jemand, die Amerikanerin, die wohl erfolgreichste Frau im Rennsport, die Ende Mai mit einem letzten Start bei den Indy 500 ihre Karriere beendete. Sie gewann 2008 in Motegi als bisher einzige Frau in der Indycar-Serie ein Rennen, war 2007 außerdem zweimal Dritte und einmal Zweite.

Aber natürlich ist sie eine Ausnahme – eine sehr seltene sogar. „Eigentlich auch nicht verwunderlich“, glaubt der viermalige Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, obwohl er es grundsätzlich durchaus für möglich hält, dass Frauen im Rennsport mit den Männern mithalten können. „Aber das ist einfach eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Unter 1000 Kindern, die mit dem Kartsport anfangen, sind doch maximal 50 Mädchen. Und von den Jungs schafft es doch höchstens auch einer bis ganz nach oben.“

„Lieber mit Puppen“

Warum das so ist, dass sich nur so wenige Mädchen im Kart versuchen, ob es wirklich nur an ihrem mangelnden Interesse liegt, wird durchaus kontrovers diskutiert. Man kann es sich relativ einfach machen, so wie Nico Hülkenberg. Der deutsche Formel-1-Pilot, sowieso eher einer der klassischen Rennsport-Machos, die die Szene auch heute noch prägen, ist sich sicher: „Mädchen spielen halt lieber mit Puppen, Jungen mit Autos.“

Untersuchungen, auf die man sich etwa bei Mercedes stützt, zeigen aber: Bis etwa zum Alter von sieben oder acht Jahren ist das Interesse bei Mädchen an Technik durchaus gleich, erst dann entwickeln sich die Geschlechter auseinander. Was stark für einen Einfluss der Erziehung, der entsprechenden Sozialisierung, spricht. Weswegen man bei Mercedes gegensteuert und gerade für Mädchen in dieser Altersgruppe dieses Jahr einen besonderen Event organisierte: Am „International Women in Engineering Day“ begleiteten 15 der 100 im Mercedes-Formel-1-Chassis-Team in Brackley beschäftigten Ingenieurinnen 50 Schülerinnen aus der Umgebung den ganzen Tag über durch das Werk, um ihnen einen Blick hinter die Kulissen zu geben.

Familie spielt eine Rolle

Die Mädchen konnten außerdem an einer Reihe unterschiedlicher Aktivitäten teilnehmen, von Pit Stop Challenges über Fahrten im Simulator bis zur Herausforderung, ein eigenes Hoverboard in 45 Minuten zu bauen. Zum Abschluss standen der Besuch des 3. Freien Trainings und des Qualifyings beim Großen Preis von Frankreich.

Um eben das Gefühl zu verlieren, Rennsport und Technik seien reine Männersache. Dass das allgemein aber immer noch so ist, sieht auch die Ex-Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn so: „Der Rennsport wird leider immer noch als ‚Männerdomäne‘ wahrgenommen. Es ist für Mädchen daher schwieriger, überhaupt eine Chance beziehungsweise Förderung im Rennsport zu bekommen. Im Ergebnis führt das dazu, dass nur verhältnismäßig wenige Mädchen eine Rennsportlaufbahn wagen.“ Grundsätzlich müsse man ein Mädchen genauso fördern wie einen Jungen. „Darüber hinaus ist es wichtig, Mädchen gerade in männerdominierten Sportarten das nötige Selbstvertrauen zu geben. Dabei spielt das sportliche und familiäre Umfeld eine maßgebliche Rolle.“

Flörsch genießt ihre Rolle

Eine, die das Selbstvertrauen hat, sich den Weg nach oben zuzutrauen, ist Sophia Flörsch. Die gebürtige Münchnerin begann ihre Karriere als Fünfj.hrige im Kart. Nach dem Wechsel in den Formelsport ging sie nach Großbritannien und gewann zwei Rennen der Ginetta Junior Championship. 2016 und 2017 fuhr Flörsch in der Formel 4 und schaffte dort als erste Frau eine Podestplatzierung. In diesem Jahr pausierte die 17-Jährige eine Weile, um in Ruhe das Abitur zu machen, stieg dann aber in der zweiten Saisonhälfte in die Formel-3-EM ein. „Ich muss mir mehr Respekt verschaffen“, sagt sie. „Schnell sein, erfolgreich sein, jede Lücke ausnutzen. Man muss sich immer durchsetzen, auch Sponsoren gegenüber. Das macht Spaß, vor allem wenn sich Jungs nach einem erfolgreichen Überholmanöver von mir ärgern.“

Sie gibt zu, ihre Sonderstellung manchmal auch ein bisschen zu genießen: „Wenn man als Mädchen aber mit der richtigen Einstellung herangeht und einem das sogar Spaß macht, ist das ein zusätzlicher Motivationsschub. Nach einem guten Rennen ist es umso schöner, wenn ich aus dem Auto steige, die langen Haare zum Vorschein kommen und mich alle anschauen.“ Das immer wieder vorgebrachte Argument, schon rein physisch seien Frauen nicht dazu in der Lage, Männern in einem Formel-1-Auto Paroli zu bieten, kann sie schon nicht mehr hören.

Der Artikel erschien in der 25. Ausgabe

Physis spielt keine Rolle

Genauso wie Tatiana Calderón, Testpilotin bei Sauber und parallel im dritten Jahr in der GP3 Serie unterwegs. „Wir müssen im physischen Bereich einfach härter arbeiten, vielleicht mehr trainieren. Wir haben 30 Prozent weniger Muskelmasse, aber das ist kein Problem“, ist sich die Kolumbianerin sicher, und erfahrene Physiotherapeuten geben ihr Recht.

Der Österreicher Josef Leberer etwa, in den 1980ern und 90ern zunächst bei McLaren Betreuer von Ayrton Senna und Alain Prost, stets einer der engsten Senna-Vertrauten und jetzt seit vielen Jahren bei Sauber: „Früher, als es noch keine Servolenkung gab, als manuell geschaltet wurde, als das Fahren noch viel mehr reine Kraft erforderte, wäre es wesentlich schwieriger für eine Frau gewesen, wirklich konkurrenzfähig zu sein. Heute wäre das wohl viel eher möglich. Es geht ja nicht um Maximalkraft, sondern um Kraftausdauer und da kann auch eine Frau mit entsprechendem Training auf die notwendige Fitness kommen.“

Ellbogen ist gebraucht

Er sieht freilich noch einen anderen Punkt: „Körperliche Fitness ist allerdings nicht alles, es geht auch um mentale Stärke, Durchsetzungsvermögen, auch den entsprechenden ‚Ellbogeneinsatz‘, der oft nötig ist. Und gerade da kommt vielleicht oft auch noch die Erziehung und die immer noch an vielen Stellen herrschende klassische Denkweise ins Spiel: Mädchen werden doch immer noch oft von Anfang an eher dazu erzogen, zurückhaltend und brav zu sein, sich nicht unbedingt auch mit vollem – körperlichen – Einsatz durchzusetzen. Das könnte es ihnen dann schwerer machen, die entsprechende Härte mitzubringen.“

Bringt eine Frau sie dann aber mit, tun sich die Konkurrenten entsprechend schwer: „Wenn mir die Jungs nach einem Rennen nicht in die Augen schauen, weiß ich, dass ich einen guten Job gemacht habe“, sagt Calderón mit einem leichten Schmunzeln. Sie hofft, in ihrer Testfahrerrolle bei Sauber vielleicht einmal zu einem Freitags-Einsatz zu kommen, einmal ein freies Formel-1-Training mitfahren zu können, dort zu beweisen, dass sie mithalten kann, das wäre schon ein ganz großer Schritt für die 25-Jährige, die von ihrer älteren Schwester gemanagt wird.

Sophia Flörsch will in die Formel 1

Sophia Flörsch möchte es innerhalb der nächsten fünf Jahre in die Formel 1 schaffen. „Es gibt schon einen Karriereplan. Aber im Motorsport ändert sich jedes Jahr etwas, und man muss zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute kennen.“ Und dann auch noch das nötige Geld finden: Von Seiten ihrer Familie hat sie nur ein begrenztes Budget – keinen Milliardärs-Papa im Hintergrund wie etwa Lance Stroll, der aktuelle Williams-Pilot: „Ich brauche Sponsoren oder Investoren, die an mich glauben und mich auf dem Weg nach oben unterstützen. Das kann holprig werden, aber ich will das schaffen.“

Ein ganz junges Mädchen aus Japan möchte freilich auf dem Weg nach oben alle ihre Mitkonkurrentinnen überholen: Juju Noda, gerade erst einmal zwölf Jahre alt, gilt als Riesentalent mit entsprechendem familiären Hintergrund. Sie ist die Tochter von Hideki Noda, der 1994 drei Formel-1-Rennen für das marode Larrousse-Team fuhr, allerdings ziemlich erfolglos. Beim Heimrennen in Suzuka drehte er sich gleich mal in der Startrunde. „Sie hat mehr Talent als ich“, sagt der Papa über sein Töchterchen. „Sie kann das Limit des Rennwagens und der Reifen genau spüren. Das kann ich ihr nicht beibringen, das ist Naturtalent.“

Das Naturtalent aus Japan

Mit neun Jahren steckte er Juju schon in einen 160 PS starken Formel-4-Flitzer. In der Kategorie hält sie inzwischen einen Rundenrekord in Okayama. Mittlerweile testet sie schon 240 PS starke Formel-3-Flitzer, düst mit Tempo 250 die Start-Ziel-Gerade der gefährlichen Okayama-Strecke entlang. Sie ist die Prinzessin des Motorsports in Japan. Freilich, bei ihr sind die auftretenden Kräfte schon noch ein gewisses Problem. Auf Videos sieht man: Wenn sie bremst, fällt ihr Kopf noch ein bisschen nach vorn.

Das zierliche Mädchen wiegt keine 40 Kilogramm, muss aber schon Kräften von 4G, dem Vierfachen ihres Körpergewichts also, standhalten können. Sie selbst stört das angeblich nicht: „Wenn ich im Auto sitze, merke ich das nicht. Nur am nächsten Tag tun mir ein bisschen die Nackenmuskeln weh“, erzählt sie cool bei einem ihrer inzwischen zahlreichen Fernsehauftritte.

Immer jüngere Frauen

Ellen Lohr, die 1992 als bisher einzige Frau ein DTM-Rennen gewann, findet: „Der Trend, dass alle immer jünger anfangen, ist eigentlich schon verrückt. Aber mit so einem motorsportlichen Umfeld kann sie schon in der Lage sein, solche Autos zu bewegen.“ In  Japan wird Juju Noda längst gefeiert wie ein Star. Ein solcher will sie auch mal sein. Dabei reicht es ihr nicht, als erste Frau seit Giovanna Amati 1992 Formel-1- Fahrerin zu werden. „Ich will Formel-1-Rennen gewinnen – als erstes Mädchen überhaupt!“ Dafür übt sie, wenn sie nicht testend auf einer Strecke unterwegs ist, im Simulator. Ihr erstes Rennen in einem Formel-Auto darf sie erst 2021 bestreiten, dann ist sie mit 15 Jahren alt genug…

Sollte sich ihr Talent dann wirklich bestätigen, würde sich wahrscheinlich schon ein Team für sie finden. Monisha Kaltenborn, die in ihrer Sauber-Zeit die Schweizerin Simona de Silvestro in die Formel 1 bringen wollte, was dann aber unter anderem an geplatzten Sponsoren- Deals scheiterte, weiß um die Wirkung, auch wenn sie betont: „Als ich Simona ins Team aufnahm, war ich von ihrem Talent überzeugt und wollte ihr die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten in einem Formel-1-Auto zu zeigen. Aber jedes Team, das als erstes eine kompetitive Formel-1-Fahrerin hat, wird von einem enormen PR-Effekt profitieren.“

Karin Sturm