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Novak Djoković: Als Mensch gegen Götter

Er schien dazu verdammt, ein Dasein im Schatten von Roger Federer und Rafael Nadal zu fristen. Doch dann erfand Novak Djoković sich neu – und eroberte den Tennis-Thron.

„Lache, solange du atmest.“ Mit diesem Ratschlag empfängt Novak Djoković seine fast neun Millionen Twitter-Follower. Es passt zu dem Mann, der vor vielen Jahren den Spitznamen „Djoker“ bekam, unter anderem auch deswegen, weil er das Publikum mit punktgenauen Imitationen der großen Tennis-Stars so gern zum Lachen brachte.

Dieser kecke, jugendliche Übermut ist beim mittlerweile zweifachen Familienvater einer gewissen Reife gewichen, die mit genügend Lebenserfahrung fast schon zwangsläufig einhergeht. Hier und da blitzt er aber noch auf, Noles Drang, die Zuschauer zu unterhalten. Wie nach seinem Sieg bei den Australian Open 2019, als er den Akzent eines italienischen Journalisten so perfekt imitierte, dass sich alle Zeugen auf der Pressekonferenz bogen vor Lachen.

„Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Ein halbes Jahr später war es allerdings ein ungläubiges Gelächter, das Djoković heraufbeschwor. Er hatte gerade Roger Federer in einem kolossalen Fünfsatzmatch im Finale von Wimbledon bezwungen, ein Match, in dem er nicht nur den besten Rasenspieler aller Zeiten gegen sich hatte, sondern auch die 15.000 Zuschauer auf dem Centre Court, die ihren Liebling ein neuntes Mal zum Titel peitschen wollten.

Dennoch hatte Djoković am Ende triumphiert.

Trotz einer für seine Verhältnisse recht schwunglosen Leistung, trotz zweier Matchbälle gegen ihn, trotz der Tatsache, dass Federer in so ziemlich allen Statistiken teilweise deutlich vorne lag. Die wichtigen Punkte gingen an Djoković, und so gewann er drei Tiebreaks, darunter den zum 13:12 im fünften Satz. Wie er mit der einseitigen Unterstützung von den Rängen für den Gegner umgegangen sei, wurde er anschließend gefragt. Seine Antwort: „Wenn die Menge ‚Roger!‘ ruft, höre ich ‚Novak!‘“

Niemand, selbst Djoković nicht, konnte den anwesenden Journalisten in diesem Moment ihr Auflachen verdenken, und so zuckte er nur mit den Schultern und lächelte nachsichtig: „Ich weiß, es hört sich albern an, aber es ist wirklich so. Ich versuche mich davon zu überzeugen.“ Der Unterschied im vielleicht dramatischsten Match der Wimbledon-Geschichte: ein fleischgewordener Simpsons-Witz. „Smithers, buhen die mich aus?“ – „Nein, die rufen nur Buh-urns!“

Der unbedingte Glaube an sich selbst

Eine amüsante Fußnote, die in den Tagen danach ihren Weg in zahllose Artikel fand, die allesamt dem Sieger Djoković huldigten. Und die allesamt nicht sonderlich gut aufgepasst hatten, denn die „Transmutation“, von der der alte und neue Wimbledon-Champ gesprochen hatte, war keineswegs neu. „Ich spielte ein Psychospielchen mit mir selbst: Sie schrien ‚Roger!‘ und ich stellte mir vor, sie schrien ‚Novak!‘“ Ein Zitat vom Tag nach dem US-Open-Finale 2015 – damals hatte Djoković Federer und das Arthur-Ashe-Publikum in vier Sätzen bezwungen. Es sind diese Matches, die Djoković den Ruf eines „mentalen Giganten“ eingebracht haben.

Matches, die er von Rechts wegen niemals hätte gewinnen dürfen. „Das war wahrscheinlich das mental härteste Match, das ich jemals gespielt habe“, sagte er nach dem fast fünf Stunden dauernden Wimbledon-Finale, und gab faszinierende Einblicke in sein Innenleben und seine Vorbereitung. „Ich spiele jedes Match in meinem Kopf durch, bevor ich auf den Court gehe, und versuche, mich selbst als Sieger zu sehen. Ich glaube, darin liegt Kraft“, erklärte er, und sprach über Willensstärke, ständig neues Fokussieren, über den unbedingten Glauben an sich selbst.

Der ungeliebte Eindringling

Ein Glaube, der ihm lange gefehlt hatte und den er sich hart erarbeiten musste. Novak Djoković ist ein überragender Tennisspieler. Sein Spiel von der Grundlinie ist makellos, er hat die Fähigkeit, jeden noch so aussichtslosen Ball zu erreichen und mit einem Winner zu kontern. Sein „Ausrutschen“ der Bälle auf Hartplatz ist legendär, sein Return der beste in der Geschichte des Herrentennis. Wie ein Supercomputer nutzt er die ersten Aufschlagspiele jeder Partie, um sein Spiel auf das des Gegners zu kalibrieren, kaum jemand hat so viele Möglichkeiten, sich das Gegenüber zurechtzulegen und die Schlinge dann zuzuziehen.

Aber Djoković hat nicht das Talent seiner beiden größten Kontrahenten. Wo Roger Federer und Rafael Nadal aus dem Tennis-Olymp herabgestiegen scheinen, der eine mit kühler Eleganz, der andere mit herkulischer Kraft, ist Novak bei all seinen Fähigkeiten „nur“ ein Mensch. Als er 2006 sein erstes ATP-Turnier gewann, hatten Roger und Rafa den Tennis Zirkus bereits unter sich aufgeteilt, die weltweite Fangemeinde inklusive.

Djoković war der ungeliebte Eindringling, jahrelang blieb er die dritte Kraft. Bis 2011 gewann er ein Grand Slam – Nadal stand da schon bei neun, Federer gar bei 16. Es gab nur eine Trumpfkarte, die ihm blieb: Auf dem Platz konnte er Federer und Nadal nicht bezwingen – doch im Kopf schon.

Nicht nur Fitnessstudio

Dafür musste er allerdings erst lernen, sich selbst zu besiegen. In seinem Buch Siegernahrung von 2013 schildert Djoković seinen Wandel vom Spaßmacher zum Asketen, man erfährt, wie er mit manischer Präzision jedes Fitzelchen Potenzial aus seinem Körper herauspresst. Viel wichtiger aber: Er lernte, seinen Respekt vor Federer und Nadal abzulegen, den eigenen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden.

Möglich machte dies jahrelanges mentales Training. Tag für Tag für Tag. Djoković setzt auf Meditation, auf ständige Visualisierung des Erfolgs: „Ich glaube fest daran, dass du die Dinge bekommst, die du dir vorstellst. So funktioniert das Leben einfach.“ Mindestens so viele Stunden wie auf dem Platz oder im Fitnessstudio müsse man in sich selbst investieren, in den eigenen Charakter, in die eigenen Fehler, sagte er einmal, sprach von ständigen inneren Kämpfen, die es auszufechten gilt.

Es ist ein holistischer Ansatz, der in seinen Interviews immer wieder durchscheint. Man mag ihn als krude Selbsthilfe belächeln, mit dem Verweis darauf, dass der spirituell stets wissbegierige Djoković damit schon in der einen oder anderen Sackgasse gelandet ist: Als er 2017 in einer Sinnkrise steckte, feuerte er sein gesamtes Team inklusive Erfolgstrainer Marián Vajda und nahm die Hilfe eines spanischen Gurus mit eher zweifelhaftem Ruf in Anspruch. Ein Jahr später kehrte Vajda zurück – und mit ihm der Erfolg.

„Du stehst hier nicht ohne Grund“

Oder man mag bewundern, mit welcher Konsequenz Djoković seine Erkenntnisse in die Tat umsetzt, und wie weit sie ihn gebracht haben. Als Siebenjähriger träumte er nicht einfach nur vom Sieg auf dem Heiligen Rasen, sondern bastelte sich eine Version der Wimbledon Trophäe dazu. 2011 hielt er endlich das Original in den Händen, 2019 folgte sein vielleicht größter Triumph, sein Meisterstück mentaler Stärke. Wie ihm das gelang? „Du musst dich immer wieder daran erinnern, dass du nicht ohne Grund hier stehst. Dass du besser bist als der Andere.“

Meditation, Visualisierung, Psychotricks. Derartigen Methoden scheint ein Federer längst entrückt zu sein – vielleicht auch deshalb, weil er vom Publikum geradezu überhöht wird. Schon 2006 sprach der Schriftsteller David Foster Wallace vom Schweizer als „religiöser Erfahrung“. Auch zu einem Nadal mag es nicht passen, dem Mallorquiner haftet in seinem Spiel und seinem Auftreten bis heute etwas unverbraucht Kindliches an.

Aber es passt zu Novak Djoković, dem Getriebenen, dem ständig Suchenden. Suchend nicht unbedingt nach Perfektion, vielmehr nach Einklang mit sich und der Welt. Wenn die Welt wieder normal ist, wird er sich erneut auf die Suche machen, nach neuen alten Titeln und – wie so oft – der bedingungslosen Verehrung des Publikums.

Wie der Imperator

Vielleicht das Einzige, was ihm noch fehlt. „Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich leide mit ihm“, sagte seine Mutter Dijana im Interview mit GQ. „Sie respektieren seinen Erfolg, aber wenn er gegen Federer spielt, feuern sie Federer an.“ Doch auch sie weiß: Womöglich hat diese Tatsache, das jahrelange Ankämpfen gegen die Federers, Nadals und ihre Fans, ihren Sohn noch stärker gemacht.

Der US-Journalist Brian Phillips drückte es nach Wimbledon so aus: „Wir halfen ihm dabei, Siegen zu lernen – weil wir wollten, dass er verliert.“ Djoković ist 33 (Stand: 22. Mai 2020), er hat noch einige Jahre vor sich: Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. „Wenn sie mich nicht respektieren, wie können sie mich dann jemals lieben?“, fragt Imperator Commodus in Ridley Scotts Gladiator.

Den Respekt hat sich Novak bereits erkämpft, die Liebe wird irgendwann folgen. Und wenn nicht, weiß er schließlich um eine andere Lösung. So oder so – am Ende rufen alle seinen Namen.

Stefan Petri

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Yannick Noah: „Mir war langweilig“

Yannick Noah (60) denkt auch heute noch fast täglich an seinen Triumph in Paris 1983. Warum er den gegen die Stars von heute niemals gefeiert hätte, warum er sich über Nadal Triumphe nicht freuen kann und warum er sich damals einen Psychologen an seiner Seite gewünscht hätte, erzählt er im Interview mit SOCRATES.

Monsieur Noah, seit Ihrem Triumph 1983 wartet ein ganzes Land vergeblich auf einen französischen Sieger in Paris. Woran liegt das?

Das werde ich oft gefragt. Zunächst mal ist es unglaublich, wie viele Jahre inzwischen vergangen sind. Die Zeit vergeht so schnell. Bis heute bekomme ich jedes Mal Gänsehaut, wenn ich darüber spreche – und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an damals zurückdenke. Wenn mich Leute auf der Straße ansprechen, geht es fast immer um meinen Sieg bei den French Open. Es war ein unglaublicher Moment und das ganze Land hat sich damals mit mir gefreut.

Was empfinden Sie, wenn Sie darüber sprechen?

Dieser Moment war einer der glücklichsten in meinem Leben. Ich habe alle Erinnerungen daran wie einen Film in meinem Gedächtnis gespeichert. Das ist mein Luxus.

Wussten Sie damals sofort, was Sie „angerichtet“ hatten?

Das hat ein paar Tage gedauert. Es war damals eine Art historischer Moment, weil zuvor 37 Jahre lang kein Franzose in Paris gewonnen hatte. Diesen Moment mit meinem Vater zu teilen, war extrem emotional für mich. Plötzlich war ich einer der populärsten Menschen des Landes. Leute haben meinetwegen geweint. Anderen eine solche Freude zu bereiten, war für mich definitiv das Schönste überhaupt.

Ihr Leben hat sich vermutlich von heute auf morgen komplett geändert?

Stimmt. Mats Wilander, mein Gegner im Finale damals, sagte vor ein paar Jahren mal: „Weißt du eigentlich, was du mir schuldig bist? Ein Bier für jeden Tag seit damals.“ Ich habe ihn gefragt, wie er das meine. „Hätte ich 1983 gegen dich gewonnen“, sagte er, „dafür aber 1988 gegen Henri Leconte verloren, was denkst du, wie dein Leben dann ausgesehen hätte?“ Mats hat völlig recht. Es ist oft eine Frage von Kleinigkeiten. Ich hatte das große Glück, vor meinem Publikum und den wichtigsten Menschen in meinem Leben zu gewinnen. Das war perfekt.

Zurück zum Anfang: Wie lange muss Frankreich noch warten?

So wie ich es sehe, ist der Druck auf einen Franzosen in Paris unglaublich groß. Für manche ist das zu viel, das machen die Nervennicht mit. Wenn ich ehrlich bin – und ich weiß, dass das sehr egoistisch klingt –, ist es mir ziemlich egal, wann der nächste Franzose die French Open gewinnt. Aber wenn es doch mal einer schafft, überreiche ich ihm mit größtem Vergnügen den Pokal.

Hand aufs Herz: Wären Nadal und Co. zu Ihrer Zeit aktiv gewesen, hätten Sie dann auch den Titel geholt?

Nie im Leben! Keine Chance. Damals waren die Umstände nicht schlecht. Ich habe die Chance gewittert und zum Glück genutzt. In den 1990er Jahren gab es ein paar Spieler, die es auch hätten schaffen können, aber sie hatten Pech. Heute ist es aussichtslos. Darf ich ehrlich sein?

Bitte.

Als Björn Borg fünfmal hintereinander den Titel gewann, ging das Interesse am Tennis zurück. Das erleben wir heute mit der Ära Nadal ebenso. Für mich sind die Emotionen das Wichtigste in dieser Branche – und bei ihm empfinde ich gar nichts. Es gibt mir nichts mehr, wenn ich ihm dabei zusehe, wie er das Finale gewinnt, auf dem Boden liegt, seinen Pokal nimmt und sich bei den Sponsoren bedankt.

Woran haben Sie Spaß?

Wenn ich Zeit habe, gehe ich in den Prinzenpark und schaue mir ein Heimspiel von Paris Saint-Germain an. Daran habe ich wirklich Spaß. Wir haben in Paris sehr lange darauf gewartet, eine Truppe mit richtigen Stars zu erleben. Auch wenn es in der Champions League noch nicht klappt, ist dieses Team ein Traum.

Kürzlich erzählten Sie, Jimmy Connors sei der böseste Spieler auf der Tour gewesen. Wie meinten Sie das?

Das war er ganz sicher. Zunächst mal war es sehr unangenehm, gegen ihn zu spielen, weil er den Ball nur zurückgeschlagen hat und darauf wartete, dass ich den ersten Fehler mache. Außerdem war er immer übellaunig, irgendwie knurrig und unhöflich. Aber ich war nicht der einzige, der ihn kritisch gesehen hat. Er hatte keine Freunde auf der Tour. Er war irgendwie link und unberechenbar. John McEnroe war genau das Gegenteil von Connors. Der ist auf dem Platz zwar manchmal ausgerastet, dafür war er immer loyal und ehrlich.

Haben Sie also gegen Connors am liebsten gewonnen?

Absolut. Aber auch gegen Ivan Lendl zu gewinnen, war etwas Besonderes. Mit seiner Professionalität und Akribie war er so etwas wie ein Vorbild. Er überließ nichts dem Zufall. Ich war genau das Gegenteil von ihm. Um ihn zu besiegen, musste ich seinen Rhythmus stören, was mir ein paar Mal gelungen ist. Gegen Borg hatte ich nie eine Chance, weil er einfach zu stark war. Ich werde nie die Lehrstunde vergessen, die er mir bei den US Open 1980 erteilte.

3:6, 3:6, 0:6.

Danke für die Erinnerung. Schon im ersten Satz wechselte ich dreimal mein Shirt, weil ich so schwitzte. Er dagegen sah aus, als müsste er sich gar nicht anstrengen. Gegen Borg war es für mich immer eine „mission impossible“. Er machte so gut wie keine Fehler und spielte nahe an der Perfektion.

An Borgs Landsmann Wilander haben Sie da bessere Erinnerungen.

Ich denke gerne an das Viertelfinale in Key Biscayne 1987 gegen ihn zurück. Ich gewann im Tie-Break des fünften Satzes. Wir haben beide richtig stark gespielt. Das Match war ganz großes Kino und hatte eine unglaubliche Intensität. Die Zuschauer hatten jede Menge Spaß.

Hatten Sie Freunde auf der Tour?

Ich habe mich mit meinem Landsmann Guy Forget immer gut verstanden; wir bildeten auch ein starkes Duo im Doppel. Mit Mats Wilander verbinde ich nur tolle Momente. Wir waren gute Freunde und haben oft zusammen bis in den frühen Morgen gefeiert.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders machen, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten?

Ich hätte mit Sicherheit noch erfolgreicher sein können, wenn ich einen Mentalcoach gehabt hätte. Heute ist das modern und fast Standard, damals gab es so gut wie keinen. Ich hörte bereits mit 30 auf, weil ich das Gefühl hatte, mich nicht weiterzuentwickeln. Ich sah keinen Sinn mehr darin, weiter auf dieser Tour mitzuspielen. Mir war langweilig. Ein Psychologe hätte mir womöglich gutgetan und, wer weiß, vielleicht hätte ich noch ein paar Jahre drangehängt.

Inwieweit haben Sie Einfluss auf Ihren Sohn Joakim genommen?

Wie ein ganz normaler Vater. Joakim hat sich schon sehr früh für Sport und insbesondere Basketball begeistert und erwies sich als sehr talentiert. Ich habe ihm nur geraten, seinem Herzen zu folgen und alles in die Waagschale zu werfen, was er hat, um seine Träume zu erfüllen. Es ist ihm ziemlich gut gelungen.

Sind Sie stolz auf ihn?

Natürlich, er ist ein Star in der NBA. Wenn ich ihn in den Staaten besuche und sehe, wie populär er dort ist, dann macht mich das wahnsinnig stolz.

Was braucht man, um sich im Sport durchzusetzen?

Man muss die richtigen Menschen um sich haben, man braucht Einsatzwillen, die Bereitschaft zu leiden und die Fähigkeit, mit der Enttäuschung zu leben, auf vieles verzichten zu müssen, was für andere Menschen ganz normal ist. Aber ich bereue nichts. Ich hatte ein tolles Leben als Profi, habe viel gesehen und erlebt. Es war wunderbar.

Interview: Alexis Menuge

Monica Seles: Das Attentat

Vor 27 Jahren stach ein Zuschauer während einer Partie auf Tennis-Königin Monica Seles ein. Ein Ereignis, das die Sportwelt veränderte. Für das Opfer gab es nur ein bedingtes Happyend.

Der Tag, an dem nicht nur der Tennissport seine Unschuld verlor, ging gerade in einen lauen Frühlingsabend über, als ein schriller Schrei über den Centre Court am Hamburger Rothenbaum gellte. Monica Seles griff sich geschockt an den Rücken und brach mit einem Stöhnen zusammen.

Der gelernte Dreher Günter Parche, ein glühender Verehrer der deutschen Tennis-Ikone Steffi Graf, war da bereits überwältigt, bevor er ein zweites Mal auf die damalige Weltranglisten-Erste aus Serbien einstechen konnte. Rein physisch hatte die seinerzeit 19-Jährige Glück: Das Ausbeinmesser des Attentäters drang nur knapp zwei Zentimeter in ihren Rücken ein.

Monica Seles klagte ohne Erfolg

Parche hasste Seles, weil sie sein Idol als Nummer eins der Weltrangliste abgelöst hatte. Ordner kamen seinerzeit, wenn überhaupt, bei der Einlasskontrolle zum Einsatz, die Spielerinnen und Spieler waren beim Seitenwechsel völlig ungeschützt.

Ein derartiges Verbrechen war so unvorstellbar, dass eine Seles-Klage auf Schadenersatz in Höhe von umgerechnet rund zwölf Millionen Euro gegen den Deutschen Tennis Bund mit der Begründung abgelehnt wurde, ein solches Ereignis sei nicht vorhersehbar gewesen. Auch Parche kam glimpflich mit einer Bewährungsstrafe davon, weil ihm Gutachter vor Gericht eine psychische Störung attestierten.

Ironie des Schicksals: Zumindest indirekt erreichte Parche sein Ziel. Die Fleischwunde von Seles heilte schnell, psychisch aber konnte sie die brutale nie mehr komplett hinter sich lassen. Seles pausierte zwei Jahre, spielte nie wieder ein Turnier in Deutschland und verlor fünf Wochen nach dem schrecklichen Ereignis die Weltranglisten-Führung – an Steffi Graf.

sid         

Dominik Koepfer: „Man ist körperlich und mental müde“

Dominik Koepfer gelang mit seinem Achtelfinaleinzug bei den US Open 2019 die Überraschung des Turniers. Anschließend sei er in ein körperliches und mentales Loch gefallen, sagte der 25-Jährige nun im „Advantage – der Tennis & Sportpodcast“. Dort berichtete er ausführlich über seine Laufbahn sowie die Coronabeschränkungen in seiner amerikanischen Wahlheimat.
„Die Aufmerksamkeit bei und nach den US Open mir gegenüber war viel höher, als ich es je erlebt hatte. Plötzlich war ich nicht mehr unsichtbar“, sagte der Weltranglisten-93. in „Advantage – der Tennis & Sportpodcast. Es sei für ihn eine Umstellung gewesen, Interviews zu geben. „Das benötigt Zeit und Übung. Das erlebt man im normalen Leben nicht.  Dass hat mir nach den US Open ein bisschen geschadet und es hat eine Zeit lang gebraucht, mich daran zu gewöhnen. Dass mich Leute jetzt kennen und dass ich nicht mehr irgendjemand bin“, so Koepfer, der erst gegen den späteren Finalisten Daniil Medvedev im Achtelfinale scheiterte.
 
Auch der Umstand, dass Menschen jetzt Erwartungen an ihn hatten und „ich auch größere Erwartungen an mich selbst hatte“, hätten eine Rolle gespielt. „Ich denke, das hat sich auch in den Ergebnissen danach ein bisschen wiedergespiegelt“, erklärte Koepfer.
 
Der gebürtige Furtwanger aus dem Schwarzwald hatte sich über Jahre vom Nobody am Tulane College in New Orleans zum besten Collegespieler der USA entwickelt und sich dann auf Future- und Challengerturnieren den Weg auf die ATP-Tour ermöglicht. Nach eigenen Angaben war und ist das Tourleben aber nach wie vor eine Umstellung für den Newcomer.
 
„Körperlich ist es echt anstrengend, jede Woche wo anders hinzufliegen mit der Zeitverschiebung. Jede Woche in einem anderen Hotel. Das hört sich erst mal toll an, ist es aber nicht immer. Es wird anstrengend. Man ist körperlich und mental müde“, erklärt Koepfer. Es sei schwer, sich dann jede Woche neu motivieren zu können und 100 Prozent aus sich heraus zu holen.
„Dann habe ich auch wieder einen Job“
 
In der Coronakrise hält sich Koepfer in seiner Wahlheimat in Tampa, Florida fit. Öffentliche Tennsanlagen sind in Florida wegen des Lokdowns geschlossen. Der Davis Cup-Spieler hätte aber Zugang zu den in den USA verbreiteten privaten Anlagen. „Ich habe die letzten drei Wochen aber gar nicht gespielt, da ich Probleme an der Ferse hatte – eigentlich schon seit den Australian Open Knöchelprobleme hatte“, erklärte Koepfer. Danach habe sich eine kleine Entzündung am Fersenbein gebildet. „Um das auszukurieren war die Zeit jetzt gut. Ich mache nun jeden Tag Fitness- und Krafttraining und fange langsam wieder an mit Tennistraining ein paar Mal die Woche. Aber voll durchtrainieren macht keinen Sinn für mich.“
 
Koepfer will Alexander Zverev in den kommenden Tagen kontaktieren. „Die Saddlebrook Tennis Akademie an der er und auch ein paar WTA-Spielerinnen trainieren, ist nicht so weit weg von Tampa. Sein Bruder Mischa und Marcelo Melo sind ja auch bei ihm. Die können da auch bleiben, weil es eine private Anlage ist. Da werde ich dann sicher bald vorbeischauen.“
 
Auch die vom deutschen und österreichischen Tennisverband angestrebte gemeinsame Turnierserie mit 32 Herren und 24 Damen an vier Standorten zur Überbrückung der Pause sei für Koepfer eine Option.
 
„Da ich deutscher Staatsbürger bin, dürfte ich einreisen und dank des Visums auch wieder in die USA zurückkehren. Es ist auf jeden Fall eine gute Sache für uns Spieler Matchpraxis zu sammeln.“ Auch finanziell sei es eine Anregung zu spielen. „Aber ich sollte mich finanziell momentan nicht beschweren. Es gibt viele Menschen, die es finanziell schwerer haben als ich. Ich bin zuversichtlich, dass die Tour 2021 weitergeht und dann habe ich auch wieder einen Job.“
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Kehrer, Zverev, Phelps: Das ist die Ausgabe #42

Thilo Kehrer spielt bei Paris-Saint Germain, ist Nationalspieler und hat ein erfülltes Leben. Doch das reicht dem 23-Jährigen nicht und setzt sich für die Bildung von jungen Menschen in Afrika ein. Kehrer sowie Tennis-Star Alexander Zverev und Schwimm-Legende Michael Phelps sind auf dem Cover der 42. Ausgabe.

Thilo Kehrer: Der Angekommene I

Thilo Kehrer legt das hin, was man unter einer Bilderbuch-Karriere versteht. Aufgewachsen beim FC Schalke 04, dort zum Nationalspieler geworden, dann zur Weltauswahl von Paris Saint-Germain gewechselt und dort Seite an Seite mit den größten Stars der Welt. Hätte die EURO 2020 stattgefunden, wäre Kehrer wohl dabei gewesen. 

Aber dem 23 Jahre alten Außenverteidiger reicht es nicht, nur als Sportler eine gute Figur abzugeben. Er gründete eine Stiftung, um in Burundi jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Im Interview mit Socrates erzählt Kehrer, was er genau macht. Aber: Er spricht auch über Hass, den er nicht verstehen kann.

Alexander Zverev: Der Angekommene II

Bei den Australien Open ist Alexander Zverev erst im Halbfinale gescheitert. Das große Ganze – sein Selbstverständnis, einer de besten Spieler der Welt zu sein – das war auch in dem Moment der Niederlage unzweifelhaft sichtbar. In seiner Karriere hat der Tennis-Star bereits extreme Höhen und Tiefen erlebt. Das liegt an der Ungeduld und dem Selbstverständnis des 22-Jährigen. Zverev-Kenner Jannik Schneider über einen, der angekommen ist, aber noch weiterreisen will.

Michael Phelps: Der Angekommene III

Michael Phelps hat 23 Mal Gold bei Olympischen Spielen und 26 Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften gewonnen. Heute ist der 34-Jährige Rentner und ein viel glücklicherer Mann als früher. SOCRATES traf den besten Schwimmer der Geschichte in Baltimore. Er spricht über junge Sportler, die er nicht verstehen kann und über einen Punkt in seine Leben, an dem er eigentlich keine Kraft mehr hatte. Eigentlich.

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Marcus Thuram, Andy Murray & Matthias Sammer: Die #40!

Die 40. Ausgabe ist da! Auf dem Cover von SOCRATES versammeln sich diesmal Marcus Thuram von Borussia Mönchengladbach, Tennis-Profi Andy Murray und Matthias Sammer, Berater von Borussia Dortmund. Sie vereint der Centre  Court „Mentalität“.

Marcus Thuram: Die Frohnatur

Marcus Thuram ist eine der Entdeckungen der Bundesliga. Aber er ist nicht nur ein unverschämt talentierter Stürmer, sondern auch ein geistreicher wie charmanter und humorvoller Gesprächspartner, wie er im Gespräch mit SOCRATES zeigte. Unser Kollege Ali Fahrat traf seinen Landsmann zu einem Gespräch am Trainingsgelände der Borussen. Herauskam ein Gespräch, in dem viel gelacht, aber auch viel Hintergründiges gesprochen wurde.

Wie es Thuram schaffte, in kürzester Zeit zu einem der gefährlichsten Angreifer der Liga zu werden und vor allem wie er es schaffte, aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu treten, erzählt der 22 Jahre alte Franzose im Interview. Ach ja; Er spricht auch über seinen Spitznamen.

Andy Murray: Der Kämpfer

Anstatt bei den Australian Open um den Titel zu spielen, arbeitet Andy Murray derzeit an seinem Comeback: Die ehemalige Nummer eins wird auch den Turnieren in Montpellier und Rotterdam nicht an den Start gehen. Eigentlich wollte der Brite den Schläger 2019 sogar an den Nagel hängen, kam dann aber nach heikler OP und langer Pause zurück. Jetzt will er genießen und einfach sehen, wie weit ihn seine Hüfte aus Metall noch trägt. Im Interview mit SOCRATES spricht ein besonnener Murray über seine Karriere.

Matthias Sammer: Der Flüsterer

Matthias Sammer hat im Fußball als Spieler, Trainer und Funktionär nahezu alles gewonnen. Weil er bis heute den höchsten Anspruch an sich selbst und seine Umgebung hat. Und im Laufe seiner Karriere eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zum Spiel aufbaute, die nicht jeder verstehen, aber jeder bewundern kann. SOCRATES-Autor Felix Seidel über einen Mann, der Mentalität lebt, wie kaum ein anderer.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?
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Stefanos Tsitsipas im Interview: Der glücklichste Mensch der Welt

Mit gerade mal 21 Jahren gewann Stefanos Tsitsipas die ATP Finals – der jüngste Gewinner seit 18 Jahren. Der Grieche hatte keine einfache Kindheit, wie er im exklusiven Interview mit SOCRATES erzählt. Und er erzählt auch von kühnen Träumen.

Stefanos Tsitsipas, spätestens seit Ihrem Sieg gegen Roger Federer bei den Australian Open zählen Sie zur Weltspitze. Wie gehen Sie mit Ihrem neuen Status um?

Ich möchte vorausschicken, dass ich hart dafür gearbeitet habe, dort zu stehen, wo ich jetzt bin. Meine konstant guten Leistungen in dieser Saison sind der verdiente Lohn dafür. Ganz einfach: Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich auf Stars wie Rafael Nadal, Roger Federer oder Novak Djoković treffe. Jahrelang habe ich sie am Bildschirm verfolgt und jetzt darf ich selbst gegen sie spielen. Ein Traum wurde wahr.

In welchem Bereich Ihres Spiels haben Sie sich zuletzt besonders weiterentwickelt?

In meinem Defensivspiel an der Grundlinie. Ich habe in den letzten Monaten extrem viel geschuftet, sowohl auf dem Court als auch im Kraftraum. Dazu habe ich meine Ernährung komplett umgestellt. Mittlerweile kann ich sagen, dass ich mich komplett aufopfere, um die höchsten Ziele zu erreichen.

Was ist noch neu?

Ich bin konstanter geworden, mache weniger Fehler. Das liegt auch daran, dass ich nicht mehr so hektisch wie früher bin. So ist mein Spiel insgesamt effizienter. Ich bin auch klüger geworden und habe festgestellt, dass ich unter Druck immer besser spiele. Ich bin auf einem guten Weg, habe aber nicht vor, mich darauf auszuruhen, das können Sie mir glauben. Ich bin sehr hungrig und fest davon überzeugt, dass ich noch viel weiterkommen kann.

Wie wichtig war der Durchmarsch bis ins Halbfinale der Australian Open im Januar?

Wenn man bei einem Grand-Slam-Turnier so lange dabei ist, bekommt man automatisch einen Schub für die kommenden Aufgaben. Wichtig ist dann aber, sich realistisch einzuschätzen und weiter hart an sich zu arbeiten. Ich bin überzeugt davon, dass ich noch viel besser spielen kann und bald in der Lage sein werde, wichtige Turnier und auch Majors zu gewinnen.

Gibt es einen Tennis-Boom in Ihrer Heimat oder einen Tsitsipas-Hype?

Absolut. Ich genieße jetzt in Griechenland deutlich mehr Aufmerksamkeit als noch im vergangenen Jahr. Wenn ich so weitermache, dann wird diese Sportart wieder richtig populär in meinem Land. Ich bin froh und stolz, eine Art Tennis-Botschafter zu sein.

Können Sie sich noch völlig ungezwungen und frei bewegen?

Das wird immer schwieriger. Immer mehr Fans halten mich auf und wollen ein Autogramm oder ein Selfie mit mir machen.

Die neue Generation um Sie, Denis Shapovalov, Daniil Medwedew oder Borna Ćorić spielt sehr offensiv. Ist das die Zukunft des Tennis?

Das hoffe ich doch. Angreifen ist schließlich das beste Rezept. Ich finde aber, dass ohnehin nur noch wenige Spieler ausgesprochen defensiv agieren. Viele Leute sagen, dass Nadal ein Defensivspieler sei. Diese Meinung teile ich nicht. Vielleicht war er das in den Anfängen seiner Karriere auf der Tour, aber inzwischen geht er sehr aggressiv zu Werke.

Sie sind einer der wenigen Spieler neben Federer, der die Rückhand mit einer Hand spielt. Ist das schon immer so gewesen?

Bis ich acht Jahre alt war, habe ich tatsächlich beidhändig gespielt. Aber mit einer Hand passt es mir besser. 2014 kam die große Veränderung und zwar beim Orange Bowl, als ich immer öfter die Rückhand mit nur einer Hand spielte. Das Selbstvertrauen wurde immer größer und mittlerweile ist die Rückhand meine größte Stärke. Ich glaube nicht, dass ich mit einer beidhändigen Rückhand die gleiche Entwicklung genommen hätte.

Wer waren Ihre Idole in Ihrer Jugendzeit?

Federer und Pete Sampras, der auch griechische Wurzeln hat. Beide Spieler haben oder hatten die schönste Rückhand auf der Tour. Für mich waren sie eine Art Inspiration. Ich hoffe, dass wieder mehr Spieler die Rückhand mit nur einer Hand spielen.

Erzählen Sie uns von Ihrer Kindheit.

Ich hatte es in der Schule nicht einfach, weil ich oft allein war. Keiner wollte mich in seinen Freundeskreis lassen. Mein Nachteil war, dass ich ständig auf Reisen war, um irgendwo an Turnieren teilzunehmen. Ich hatte das Gefühl, dass etliche Mitschüler neidisch auf mein Leben waren. Ich habe damals versucht, diese Dinge nicht so wahnsinnig wichtig zu nehmen und immer schön die Ruhe zu bewahren. Das war nicht immer leicht.

Dominic Thiem traf sich mit Socrates zum Exklusiv-Interview
Dominic Thiem im Exklusiv-Interview: "Doping? Tennis ist sauber!"

Sie gelten auch auf der Tour eher als Einzelgänger, als einer, der gerne für sich ist und nicht viele Freunde hat. Stimmt das?

Das ist absolut richtig. Ich genieße es, in meiner eigenen Welt zu leben. Ich habe nicht viele, dafür aber sehr gute Freunde in meinem ganz engen Umfeld. Mit ihnen verbringe ich gerne Zeit, aber das Schönste für mich ist, komplett allein zu sein und allein zu entscheiden, was ich machen will. Mir ist sehr wichtig, kreativ und unabhängig zu sein.

Wollten Sie immer Tennisspieler werden oder gab es auch andere Optionen?

Ja, ich wäre beinahe Fußballer geworden. Auch die Schauspielerei war mal eine Idee. Aber vor allem als Fußballer war ich in Griechenland sehr aktiv.

Ihrer Leidenschaft für die Schauspielerei gehen Sie mit Ihren Video-Blogs nach. Stimmt es, dass Sie immer eine Drohne dabeihaben?

In meiner Reisetasche ist immer eine drin. Ich setze sie immer wieder für einen Videodreh ein.

Ihre Mutter reagiert oft sehr emotional in der Loge. Wie gehen Sie damit um?

Meine Mutter versteht sehr gut, was ich auf dem Platz mache, weil sie früher selbst Profi war. Sie ist der Grund dafür, dass ich im Laufe der Zeit immer disziplinierter wurde. Dabei ist Disziplin gar keine typisch griechische Tugend. Meine Mutter lässt mich aber in Ruhe, mein Vater ist viel strenger.

Könnte das mal zum Problem werden? Schließlich ist Ihr Vater auch Ihr Trainer?

Vielleicht hole ich mir irgendwann einmal einen zweiten Coach, weil es nie verkehrt ist, sich mehrere Meinungen einzuholen. Heute ist das aber überhaupt kein Thema. Ich habe zu meinem Vater eine ganz besondere Beziehung. Wir sind uns sehr nah und verstehen uns blind. Wenn ich ihn an meiner Seite habe, dann fühle ich mich wohl und selbstbewusst. Er kennt mich am besten und er weiß genau, wie ich ticke. Ich wüsste nicht, wer es besser machen könnte als er. Er hat einen großen Anteil an meiner Entwicklung und mir viel gegeben. Er hat ja sogar seinen Beruf aufgegeben, um mich auf der Tour zu begleiten.

Sie wirken auf dem Platz ausgesprochen furchtlos. Woher kommt das?

Als Kind wäre ich fast ertrunken. Mein Vater hat mir damals das Leben gerettet. Seitdem betrachte ich viele Sachen anders. Ich genieße jeden Augenblick mehr als früher. Auf dem Court beschäftige ich mich nur mit meinem Spiel, nicht mit dem Gegner. Es spielt sich alles im Kopf ab und wenn ich eine falsche Entscheidung treffe, dann bin ich allein schuld. Angst habe ich nie, wenn ich spiele.

Wenn die Leute in vielen, vielen Jahren Ihren Namen googeln: Was sollen sie über Sie finden?

Da sollte stehen: „Die ehemalige Nummer eins der Welt“ oder besser noch: „Der beste Spieler aller Zeiten“.

Interview: Alexis Menuge

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Dominic Thiem im Interview: „Tennis ist sauber“

Seine Großeltern verkauften einst ihr Haus, um Dominic Thiem eine Tennis-Karriere zu ermöglichen. Im Interview spricht der Österreicher über Preisgelder, Duelle gegen die großen Drei, Doping im Tennis-Sport und über fehlende Duschen in Marokko.

Dominic Thiem, schauen Sie eigentlich noch Grand-Slam-Finals?

Natürlich, wieso auch nicht?

Gefühlt gewinnen seit Jahren doch immer die gleichen Spieler…

Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation: Roger Federer, Novak Djoković und Rafael Nadal haben alle 16 oder mehr Grand-Slam-Turniere gewonnen; mehr als jemals ein anderer Spieler zuvor. Das ist für uns junge Spieler Pech, aber gleichzeitig auch Glück, dass wir in einer Zeit mit den drei besten Spielern aller Zeiten spielen dürfen.

Was unterscheidet einen Roger Federer, einen Novak Djoković oder auch einen Rafael Nadal noch von Ihnen?

Der größte Unterschied ist die Konstanz. Ich habe alle drei schon geschlagen, auch bei großen Turnieren, aber die Drei leisten sich kaum Fehler. Egal auf welchem Belag, egal bei welchem Turnier. Das ist der einzige, aber große Unterschied.

In welcher Hinsicht spüren Sie das auch auf dem Platz?

Du bekommst von ihnen nichts geschenkt. Überhaupt nichts. Ich musste im Halbfinale in Paris gegen Djoković fünf Stunden auf höchstem Niveau spielen, um ihn zu schlagen. Und wenn du das schaffst, dann wartet direkt der nächste von ihnen auf dich. Das ist brutal und macht es noch mal deutlich schwerer für uns junge Spieler, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.

Warum gewinnen Sie ein Grand-Slam- Turnier, bevor einer der großen Drei zurücktritt?

Weil ich in den großen Spielen immer besser werde. Letztes Jahr stand ich in Paris zum ersten Mal im Finale. Da war alles noch neu und ich habe keine gute Vorstellung abgeliefert. Dieses Jahr habe ich gegen Nadal zwei Sätze lang mein bestes Tennis aller Zeiten gespielt. Danach ist mir dann zum Verhängnis geworden, dass ich davor vier Tage durchgespielt hatte. Wenn ich das nächste Mal in einem Grand-Slam-Finale stehe, dann will ich es endlich gewinnen.

Wie wollen Sie das anstellen, wenn selbst ihr „bestes Tennis“ nicht reicht?

Ich habe einen kleinen, aber gravierenden Fehler gemacht. Nach dem 1:1 in Sätzen war Nadal auf der Toilette, und ich bin etwas zu lange sitzengeblieben. Danach hat er mich komplett überrollt. Ich muss es einfach schaffen, über fünf Sätze konstant meine Leistung abzurufen.

Hätte ein Titel für Sie einen größeren Wert, wenn Sie ihn gegen Federer, Nadal oder Djoković gewinnen würden?

Nein, denn dafür ist ein Grand-Slam-Titel an sich zu wichtig. Aber es ist trotzdem jedes Mal ein irrsinniger Prestige-Erfolg, wenn ich gegen einen der großen Drei gewinne.

Warum spielen Sie auf Sand so viel besser als auf anderen Belägen?

Ich bin auf Sand groß geworden. Bis ich 16 oder 17 Jahre alt war, habe ich auf keinem anderen Belag gespielt. Daran arbeite ich natürlich, in Indian Wells habe ich dieses Jahr meinen größten Titel auf Hartplatz gewonnen, aber Sand wird immer mein Lieblingsbelag bleiben.

Sie sprechen den Beginn Ihrer Karriere an. In welchem Alter haben Sie daran geglaubt, dass Sie Tennis-Profi werden können?

Der Knackpunkt kam 2013 in einem Match gegen Jo-Wilfried Tsonga in Wien. Das war mein erstes Spiel gegen einen Top-10-Spieler. Ich habe den dritten Satz im Tiebreak verloren, aber gespürt, dass ich gar nicht so weit weg bin und es bis ganz nach vorne schaffen kann.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten, es nicht schaffen zu können?

Das erste Profi-Jahr war wirklich hart. Ich war erfolgsverwöhnt und die Nummer zwei bei den Junioren gewesen – dann ging es auf die Future-Tour. Da habe ich dann erst mal sieben oder acht Erstrunden-Niederlagen in Folge kassiert. Da habe ich gemerkt: „Uff, die spielen noch mal so viel besser als die weltbesten Junioren.“ Ich war 19 Jahre alt und stand um Platz 900 der Welt. Da bin ich schon ins Grübeln gekommen, ob das mit der Tennis-Karriere klappt. Andere Spieler in meinem Alter hatten schon sehr viel gewonnen, ich dagegen nur verloren.

Und den Komfort der großen ATP-Turniere gibt es auf der Future-Tour wahrscheinlich auch nicht.

Das sind komplett unterschiedliche Welten. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Organisation und die Spieler sind auf der ATP-Tour um Welten besser.

Wobei die Qualifikation auf der ATP-Tour auch nicht vor Glamour strotzt. Nehmen wir Wimbledon…

Natürlich sind da viele Plätze nebeneinander, aber die Verpflegung ist gut, die Plätze ebenfalls. Ich habe meinem Freund Dennis Novak erst in diesem Jahr dort bei der Qualifikation zugeschaut. Tennis bleibt aber ein harter Sport. Um in Wimbledon die Qualifikation zu spielen, musst du unter den besten 230 der Welt sein. Und wenn du Pech hast, schaffst du es nicht mal auf die Hauptanlage. Du musst im Tennis oft taffe Niederlagen einstecken.

Wie Sie auf der Future-Tour?

Ja klar. Ich war Ende 2012 für zwei Future-Turniere in Marokko. Es war unglaublich kalt, gleichzeitig wurde landesweit gestreikt. Das Hotel war nicht auf die Temperaturen vorbereitet, es waren zwischen 0 und 5 Grad. Ich hatte kein warmes Wasser, war eine Woche nicht duschen. Essen war quasi nicht vorhanden. Und das ist kein Einzelfall. Die Future-Tour ist harter Tobak. Das Einzige, was tröstet, ist: Alle Spieler haben die gleichen Bedingungen.

Können Sie sich noch an ihr erstes Profi-Match erinnern?

Ja, wie eigentlich an jedes Match. Das war 2011 gegen Daniel Gimeno Traver in Kitzbühel. Auch da habe ich gesehen, wie weit ich noch weg bin von den Profi-Spielern.

In einem Interview mit SOCRATES hat Robin Söderling mal erzählt, dass es nicht schwierig sei, in die Top 30 zu kommen, sondern dort zu bleiben. Haben Sie das ähnlich empfunden?

Es ist eher schwer, in die ersten 100 zu kommen. Du musst dir die Punkte hart erarbeiten. Wenn du aber erst mal auf dem Level bist, dann kannst du dich da ganz gut halten.

Wie groß ist noch mal der Schritt aus den Top 20 oder Top 30 der Welt in die Top 10? Was unterscheidet Sie von Spielern, die auf Weltranglistenposition 15, 16 oder 17 stehen?

Als ich auf der Tour angefangen habe, waren die Top-30- oder Top-40-Spieler noch deutlich schwächer als die ganz vorne. Mittlerweile stehen auch auf diesen Positionen absolute Top-Kaliber, die nicht schlechter sind als die in den Top 10. Das Niveau im Tennis ist mittlerweile enorm hoch.

Gegen welchen Spieler, abgesehen von den Top 3, spielen sie besonders ungern und warum?

Ich spiele nicht gerne gegen David Goffin und Kei Nishikori, weil sie meine Waffen ganz gut entschärfen. Das ist natürlich unangenehm, aber deswegen gehe ich die Partie nicht anders an.

Sie hatten Anfang des Jahres mit frühen Niederlagen in Doha und bei den Australian Open eine schlechtere Phase. Gibt es Wochen und Monate, in denen es einfach nicht laufen will?

Das hatte gewichtigere Gründe. Ich war einfach nicht fit und hatte vor den Turnieren nicht genug trainiert. Da wusste ich, woran es liegt. Das ist deutlich besser, als wenn du eine Niederlagenserie startest und eigentlich top in Form bist.

Wie gehen Sie mit Enttäuschungen und Niederlagen um? Haben Sie da feste Leitlinien, feste Gewohnheiten?

Ich versuche immer, die Gründe für eine Niederlage zu finden. Gibt es die, ist es einfacher zu verarbeiten. Ganz bitter sind die Spiele, in denen du super spielst, aber trotzdem verlierst. Wenn der Gegner einfach so viel besser ist, dass du dir Sorgen machen musst. Das war zum Beispiel in meinem ersten Match gegen Federer der Fall. Da war ich viel zu weit weg.

Sie sind als Tennis-Spieler viel unterwegs. Wie vertreiben Sie sich die Zeit im Flugzeug?

Ich lese viel, vor allem Biographien, und schaue Serien.

Welche Biographie haben Sie zuletzt gelesen?

Die von Jamie Vardy, davor die von Robbie Williams. Und ansonsten habe ich die der Tennis-Spieler eigentlich schon alle durch. Die meisten Biographien suche ich zufällig aus, manche finde ich aber auch über Sport-Dokus, die ich gerne schaue.

Welche Nachteile bringt ihr Leben als Tennis-Profi mit sich?

Mir gefällt mein Leben sehr gut. Ich schätze es sehr und weiß, dass das nicht ewig so weitergeht. Leider sehe ich meine Freundin und Familie nur sehr selten.

Wie groß ist der Druck, der aus Ihrem Heimatland Österreich kommt?

Der Druck, den ich mir selbst mache, ist sicher größer als der von außen. Aber natürlich will ich bei den Heim-Turnieren gut abschneiden. Es ist unglaublich, wenn das ganze Stadion für dich ist. Ich genieße es sehr, wenn ich in Österreich spielen kann.

Mit der Operation „Aderlass“ befindet sich der Sport gerade in der Aufarbeitung eines Doping-Skandals. Inwiefern ist Doping auch im Tennis ein Thema?

Immerhin gab es mit Marija Scharapowa vor wenigen Jahren einen prominenten Fall. Tennis ist sauber. Ich würde für alle Top-Spieler, die ich kenne, meine Hand ins Feuer legen. Wir werden oft kontrolliert. Und selbst wenn sich jemand etwas reinhauen würde, glaube ich nicht, dass er dadurch besser spielen würde.

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Welche Rolle spielen Social-Media-Kanäle wie Instagram, Twitter oder Facebook für Sie?

Es gehört zur heutigen Zeit dazu, das sollte jeder akzeptieren. Solange ich bei den Turnieren nicht zu viel am Handy hänge, ist das für mich auch vollkommen in Ordnung. Wir als prominente Sportler haben die Chance, diese Netzwerke für unglaublich positive Dinge zu verwenden. Wir können positive Energie versprühen und Vorbilder sein. Vielleicht noch mehr, als das früher der Fall war.

Social Media bedeutet nicht nur mehr Reichweite, sondern auch Häme und Kritik. Wie gehen Sie mit Hasskommentaren um?

Ich kriege eigentlich seit meinen ersten Spielen auf der Challenger-Tour die ärgsten Droh-Nachrichten von denjenigen, die ihre Wetten verloren haben. Man sollte das nicht zu ernst nehmen. Das ist ein kleiner, negativer Beigeschmack, der dazugehört. Das muss einem einfach egal sein. Die Nachrichten sind teilweise aber so schlimm, dass es schon fast wieder unterhaltsam ist.

Über die sozialen Medien setzen Sie sich für den Umwelt- und Klimaschutz ein, unterstützen die Organisation 4ocean. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Das ist natürlich ein bisschen widersprüchlich zu meinem Lebensstil. Aber Plastikmüll in den Ozeanen ist einfach ein unfassbar wichtiges Thema, auf das aufmerksam gemacht werden muss. Das Gleiche gilt für den Tierschutz. Das beides liegt mir sehr am Herzen, auch weil ich so erzogen wurde. Es ist noch nicht zu spät und wenn alle an einem Strang ziehen, dann ist die Welt noch zu retten. Die Erde ist so schön, dass hoffentlich noch viele Generationen darauf leben können.

Wie lässt sich dieses Anliegen mit der Tatsache vereinbaren, dass sie als Tennisspieler ständig im Flieger sitzen?

Mein ökologischer Fußabdruck ist nicht optimal, aber ich versuche es an anderen Stellen auszugleichen. Ich versuche, so sparsam und umweltfreundlich zu leben, wie es eben geht.

Wie viel hat der Dominic Thiem auf Instagram mit dem richtigen Dominic Thiem zu tun?

Schon viel, ich betreibe Instagram komplett selbst. Wenn ich ein Bild gut finde, dann poste ich das einfach. Ich pose da nicht rum und setze mich in Szene.

Gibt es eine WhatsApp-Gruppe unter den Top-Spielern? Also zum Beispiel mit Ihnen, Federer, Nadal, Djoković und Alexander Zverev?

Wir haben eine Laver-Cup-Gruppe, die ist sicherlich die berühmteste. Die Nummern, die da drin sind, hätten viele Leute gerne. (lacht)

Gibt es etwas aus dieser Gruppe, was Sie verraten können? Worüber schreiben Sie?

Hauptsächlich sprechen wir darin Treffen ab, um für das Team Europe ein bisschen Teambuilding zu betreiben. Nach guten Spielen wird gratuliert oder nach schlechten kondoliert, je nachdem… (lacht)

Gibt es so etwas wie richtige Freundschaft unter den Spielern auf der Tour?

Dennis Novak wird bald unter den Top 100 stehen und ist einer meiner besten Freunde, das wird auch so bleiben. Gleiches gilt für Diego Schwartzman oder Jan-Lennard Struff. Aber auf dem Platz sind wir so professionell, dass wir das ausblenden können.

Sie haben neben dem Tennis auch eine große Leidenschaft für den Fußball. Woher stammt ihre Liebe zum FC Chelsea?

Anfang 2004 habe ich begonnen, mich für Fußball zu interessieren und habe ein Champions- League-Spiel zwischen dem FC Arsenal und dem FC Chelsea gesehen. Das hat Chelsea gewonnen. Wäre es andersherum ausgegangen, wäre ich heute vielleicht Arsenal-Fan. (lacht)

In vielen Sportarten gibt es auch eine politische Komponente, inwiefern ist Tennis auch Politik?

Die Tour an sich ist sicherlich politisch. Aber ich interessiere mich zu wenig für die Politik im Sport, um da wirklich im Thema zu sein.

ATP-Chef Chris Kermode wurde Anfang März Berichten zufolge auf Anraten der Spielervertreter abgewählt, sein Vertrag nicht verlängert. Was können Sie dazu sagen?

Wie gesagt, politisch kann ich dazu wenig sagen. Aber uns Spielern geht es so gut wie nie zuvor. Daher verstehe ich nicht ganz, warum da was geändert werden musste.

Ist die Belastung für die Spieler heutzutage zu hoch? Es gibt immerhin auch mehr Turniere als je zuvor.

Manche Regelungen führen sicher dazu, dass wir gezwungen sind, einige Turniere zu spielen. Einen Nuller bei den Masters-Turnieren kannst du dir eigentlich nicht erlauben. Aber wir sind das gewohnt und müssen uns unsere Kräfte dementsprechend einteilen.

Wünschen Sie sich weniger Turniere im Jahr?

Es ist jetzt schon ziemlich ausgereizt, das Davis-Cup-Finale liegt nicht optimal. Der Dezember ist der einzige Monat, in dem eine seriöse Vorbereitung möglich ist.

Welche Rolle hat das Preisgeld am Anfang Ihrer Karriere gespielt? Ihre Großeltern haben immerhin ihr Haus verkauft, um Ihnen einen guten Start zu ermöglichen…

Zum Start deiner Karriere brauchst du zwischen 50.000 und 100.000 Euro, um ein Jahr vernünftig zu finanzieren. Das wird natürlich  immer mehr, aber wenn du ein paar Sponsoren findest, wird es auch einfacher. Auf der Future-Tour kommt natürlich nicht viel zusammen. Da musste ich immer schauen, dass ich keinen Euro mehr ausgebe, als nötig war. Wir hätten als Familie keine Existenzängste gehabt, wenn ich kein Tennis-Profi geworden wäre, aber zeitweise war es schon grenzwertig.

Tritt das Preisgeld angesichts des sportlichen Niveaus in den Hintergrund?

Das hat sich nie geändert für mich. Ich gehe immer noch so in ein Match, wie ich es mit elf oder zwölf Jahren gemacht habe. Für 99 Prozent der Tennis-Spieler geht es darum, das Match zu gewinnen, wenn sie auf den Platz gehen. Niemand würde es in die Weltspitze schaffen, wenn das Geld an erster Stelle stünde.

Sie haben seit dieser Saison mit Nicolás Massú einen neuen Coach. Inwiefern ist er anders als ihr langjähriger Trainer Günter Bresnik?

Sie sind sehr unterschiedlich. Österreich und Südamerika sind zwei unterschiedliche Kulturen. Nicolás ist positiv, energiegeladen und jünger, was auch gewisse Sachen erleichtert. Ganz wichtig für mich ist, dass er selbst Spieler war und mir in dieser Hinsicht Tipps geben kann. Immerhin hat er zwei olympische Goldmedaillen gewonnen.

Sie sprechen die Olympischen Spiele an. Spielen Sie 2020 in Tokio?

Nein, denn ich habe schon für das Turnier in Kitzbühel zugesagt, das parallel stattfindet. Aber 2024 in Paris möchte ich auf jeden Fall dabei sein.

Zurück zu Ihrem Coach: Inwiefern war Ihr Erfolg in Indian Wells eine Bestätigung für den Trainerwechsel?

Indian Wells selbst nicht so, weil es zu kurz danach war. Ich habe dort die Befreiung von den ganzen Problemen und den ganzen negativen Gedanken der vorangegangenen Monate gespürt. Dort habe ich mich frei gefühlt. Die Erfolge in Barcelona, Madrid, aber auch in Paris waren dann durchaus Nachwirkungen des Trainerwechsels.

Haben Sie mit Günter Bresnik gesprochen, seitdem Sie die Zusammenarbeit beendet haben?

Ja, wir haben ein ordentliches Verhältnis. Es war natürlich nicht einfach, weil wir so lange zusammengearbeitet und weil wir auch viel Zeit abseits des Platzes miteinander verbracht hatten. Aber es ist gut so, wie es gelaufen ist.

Wie schwierig war es für Sie, so eine langjährige Zusammenarbeit zu beenden?

Sehr schwierig, weil es eben eine besondere Spieler-Trainer-Beziehung war. Ich habe schon Wochen zuvor mit dem Gedanken gespielt, das ganze durchzuziehen, es war aber nicht einfach. Am Ende ist eine Spieler-Trainer-Trennung aber das normalste, was es gibt. Es ist teilweise mehr in diese ganze Trennungsgeschichte hineininterpretiert worden, als tatsächlich dahintersteckte. Sowas passiert nun mal im Sportgeschäft. Am Ende waren es nicht nur sportliche Gründe, was in so einer Beziehung aber normal ist.

Haben Sie, eventuell auch in Zusammenarbeit mit Nicolás Massú, in einem Jahr ein Grand-Slam-Turnier gewonnen?

Ich kann’s nicht garantieren. Aber ich werde jeden Tag alles dafür geben, dass mein Traum Wirklichkeit wird.

Interview: Sebastian Hahn

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Michael Stich: Die Abrechnung mit der Jugend

Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Michael Stich, auch dieses Jahr war wieder Wimbledon in aller Munde. Ist es das Größte, was Tennis zu bieten hat?

Zumindest ist es das Turnier mit der größten Tradition. Deswegen gilt es als das Lieblingsturnier vieler Spieler. Mein Favorit war jedoch das Turnier in Hamburg, weil es mein Heimatturnier war und daher mit vielen Emotionen verbunden.

Novak Djoković, Roger Federer und Rafael Nadal haben gezeigt, dass sie# auch 2019 eine Klasse für sich sind. Was sagen Sie zu diesen drei Außerirdischen?

Es sind herausragende Spieler, die Jahr für Jahr eine unglaubliche Konstanz zeigen, das steht völlig außer Frage. Aber ich sehe das inzwischen auch als Kritik an der jungen Generation, die nicht in der Lage ist, diesen drei Spielern Paroli zu bieten und den nächsten Schritt zu gehen. Es liegt mit Sicherheit an der fantastischen Qualität dieser drei Spieler, aber eben auch daran, dass die jungen Spieler von heute nicht genügend Ehrgeiz entwickelt haben, um eine realistische Chance zu haben.

Sind Djoković, Federer und Nadal dennoch die besten Spieler aller Zeiten?

Mit Vergleichen über die Epochen hinweg tue ich mich relativ schwer. War Rod Laver der Größte aller Zeiten oder doch Björn Borg? In meiner Zeit war Pete Sampras bärenstark, aber er hatte mit starker Konkurrenz zu kämpfen, so dass viele verschiedene Spieler die Grand Slams gewannen. In den vergangenen zwölf Jahren war das nicht wirklich der Fall, denn es gab nur fünf oder sechs verschiedene Grand-Slam-Sieger.

Haben Djoković, Federer und Nadal Tennis auf ein neues Level gehoben?

Nein, das finde ich nicht. Wir haben eine ganz andere Epoche. Tennis ist in der heutigen Zeit wesentlich athletischer, als es je zuvor war. Nichtsdestotrotz ist es eindimensionaler geworden. Es besitzt nicht mehr die Variabilität und Kreativität wie zu Zeiten von John McEnroe, Borg oder zu meiner Zeit. In der aktuellen Epoche ragen diese drei Spieler auf jeden Fall heraus. Ich würde mir aber wünschen, dass unser Sport kreativer wird und die Spieler flexibler agieren.

Wer war der stärkste Gegner, auf den Sie jemals getroffen sind?

Andre Agassi, ohne Wenn und Aber. Gegen ihn konnte ich kein einziges Mal gewinnen. Er ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe. Er hat einfach eine Begabung gehabt, die kein anderer Spieler hatte. Dabei hatte er durchaus auch ein paar Schwächen, aber er hat aus seinen Fähigkeiten unfassbar viel gemacht. Für mein Spiel war es nicht gut, auf ihn zu treffen.

Wer war der verrückteste Gegner?

So viele Verrückte gab es gar nicht zu meiner Zeit, aber McEnroe hatte schon einen Knall auf dem Court. Ich durfte noch gegen ihn und sogar mit ihm Doppel spielen. Ich schätze ihn sehr als Menschen, er ist ein toller Freund.

Sie sind aber auch mal kräftig aneinandergeraten.

Mit John habe ich mal auf dem Platz sehr gestritten. Das war das Jahr, als wir zusammen in Wimbledon im Doppel gewannen. Dieser Streit ereignete sich beim Turnier in Rosmalen. Es wurde so heftig, dass er in Wimbledon gar nicht mehr mit mir antreten wollte. Nach einem dringend notwendigen Vier-Augen-Gespräch haben wir uns aber zusammengerauft.

Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik
Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik

Welche Spieler haben Sie besonders geschätzt?

Nach der Karriere haben sich Freundschaften entwickelt wie etwa mit Richard Krajicek, Jim Courier und eben John McEnroe. Mit Ivan Lendl war es keine Freundschaft an sich, aber über all die Jahre wurde der Respekt immer größer. Wir haben uns immer besser verstanden und wir waren ja keine Konkurrenten mehr, so dass sich eine Art intellektuelles Verständnis entwickelt hat. Mit diesen Menschen tausche ich mich sehr gern aus.

Wen mochten Sie gar nicht?

Der Gegner, den ich am wenigsten auf dem Platz mochte, war Petr Korda. Erstens, weil er an einem guten Tag einfach unfassbares Tennis zeigte, zweitens, weil er sich auf dem Platz häufig nicht so nett verhalten hat.

„Agassi ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe."
Michael Stich

Wer war der Lustigste?

Henri Leconte. Vor allem war er dann lustig, wenn er am Verlieren war. Wenn er geführt hat, war er dagegen extrem seriös. Aber sobald er merkte, dass ihm das Match aus der Hand glitt, hat er immer durch Späße versucht, das zu kaschieren. Insofern war es nicht so einfach, gegen ihn zu bestehen.

Viele ehemalige Profis versuchen sich als Trainer. Warum Sie nicht?

Das war für mich nie wirklich ein Thema, weil ich schon am Ende meiner Spielerkarriere nicht mehr so gerne gereist bin. Zu Hause in Hamburg habe ich immer wieder mit jungen Spielern zusammengearbeitet und dabei versucht, mein Wissen und meine Erfahrung weiter zu geben, aber allein die Vorstellung, 25 Wochen im Jahr durch die Welt zu reisen, war nicht mein Ding.

Viele Menschen würden es als tollen Nebeneffekt sehen, die ganze Welt zu bereisen.

Wenn man das zehn Jahre lang gemacht hat – und es gibt auch etliche Spieler, die es ja fast 20 Jahre lang durchziehen –, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, da man nicht mehr reisen möchte. Heute reisen die Frauen oft mit, die Kinder und sogar die Hunde. Das hat sich geändert, zu unserer Zeit fing das gerade an.

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Sie haben 18 Einzeltitel gewonnen. Welchen haben Sie am meisten gefeiert?

Das war nicht etwa mein Sieg 1991 in Wimbledon, weil ich gleich am nächsten Morgen weiter zum Turnier nach Gstaad reisen musste, sondern 1993 in Hamburg am Rothenbaum. Natürlich ging es auch da gleich wieder weiter und die Beine waren schwer, aber diesen Sieg habe ich richtig ausgekostet.

Gab es einen Moment, als Sie sich unschlagbar fühlten?

Ja, beim Turnier in Queen’s 1993. Damals spielte ich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Anschließend bin ich nach Wimbledon gefahren und war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich nicht aufzuhalten wäre. Aber da hatte ich mich geirrt und es war bereits im Viertelfinale Schluss.

Sie konnten sich auch richtig ärgern. Gerne über sich selbst…

Die größte Wut auf mich hatte ich beim French-Open-Finale 1996, das ich verlor. Das war mit Sicherheit die größte Enttäuschung, weil ich ganz allein dafür verantwortlich war.

Das war 1996 gegen Jewgeni Kafelnikow. Anschließend hielten Sie eine Rede auf Französisch.

Das war eher eine spontane Aktion. Damals war ich der erste Ausländer, der bei einer Siegerehrung bei den French Open Französisch sprach. Es war mir einfach ein Bedürfnis.

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War das Ihre schmerzhafteste Niederlage?

Dieses Endspiel und das Davis-Cup-Halbfinale in Moskau gegen Russland 1995, als ich neun Matchbälle hintereinander vergab. Hätte man mir vorher gesagt, ich könnte neun Matchbälle am Stück vergeben, hätte ich wahrscheinlich sehr, sehr viel Geld darauf gewettet, dass mir das nie passieren würde.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Zeit als Spieler, die Sie bis heute nicht erzählt haben?

Ich hätte tatsächlich eine. Als ich das erste Mal bei den Australian Open mitspielte, befand ich mich in der Spieler-Kabine, wo sich die gesetzten Spieler aufhielten. Plötzlich stand Ivan Lendl vor mir und fragte mich, was ich denn an diesem Ort verloren hätte. Ich war ja nie wirklich kontaktscheu und hatte mir einfach einen Platz ausgesucht. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mich umziehen möchte. Darauf sagte er: „Bis du hier mal reindarfst, solltest du erst mal ein bisschen mehr erreichen.“ Damit war klar, dass ich in diesem Bereich nichts zu suchen hatte, aber bereits ein Jahr später durfte ich rein.

Interview: Alexis Menuge

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Max Kruse: „Einstein hat recht“

Max Kruse hat die Bundesliga verlassen und sucht nun mit Fenerbahçe in der Türkei eine neue Herausforderung. In der neuen Ausgabe des Socrates Magazins spricht er über Verantwortung, Perspektiven und die wichtigsten Sachen im Leben. Dies tun auch viele andere – wie Dominic Thiem oder Sebastien Chabal.

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Jahrelang hat Max Kruse in der Bundesliga großartige Leistungen gebracht. Doch nun sucht der 31 Jahre alte Fußballer eine neue Herausforderung und hat sich dem türkischen Spitzenklub Fenerbahçe angeschlossen. Hier will Kruse helfen, dass der Klub zur alten Stärke zurückfindet. Verantwortung ist ihm ohnehin ein wichtiges Thema.

Spricht man mit Kruse über die wichtigen Dinge des Lebens, gibt es für ihn nur eine Antwort. Im Exklusiv-Interview hat das Socrates Magazin Kruse mit diversen Zitaten wichtiger Personen der Zeitgeschichte konfrontiert – und Kruse wusste schnell, welche Zitat auf ihn zutrifft. Kruse spricht auch über Zukunftspläne und verrät, warum er in die Türkei gegangen ist.

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Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging, dass der Mann mit dem feinen Fuß doch mehr kann als nur ein bisschen talentiert zu sein. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.

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Dass aus Floyd Mayweather Money Mayweather wurde, war mehr als nur ein Spitznamenwechsel. Floyd war einerseits die bestverdienende, andererseits die meistgehasste Figur im Sport.

Dies und vieles mehr in Socrates #36!