Archiv für die Kategorie: Tennis

, , ,

Rapinoe, de Bruyne, Stich: Der Ehrgeiz des Wandels

Spätestens seit der Fußball-WM der Frauen ist Megan Rapinoe das Gesicht des Wandels in der Gesellschaft. Sie zeigt Ehrgeiz und findet Gehör. Auch Kevin de Bruyne und Michael Stich mögen den Stillstand nicht. Sie sprechen darüber in der aktuellen Ausgabe.

Megan Rapinoe: Furchtlose Heldin

Dürfen Sportler politisch sein? Dürfen sie mündig sein? Ja, sie dürfen, aber dann riskieren sie, viel Geld zu verlieren und setzen vielleicht sogar ihre Karriere aufs Spiel. All das spielt für Megan Rapinoe keine Rolle. Sie ist spätestens seit der Frauen-Fußball-WM das Gesicht des Wandels – das Gesicht des Protests. Ihre Unversöhnlichkeit und Nichtkäuflichkeit verleihen Rapinoe einen besonderen Wert.

Inzwischen gibt es sogar Vergleiche mit Muhammad Ali. Ist sie die neue Ali des Sports? Sicher ist nur: Sie tut vielen Weh, aber der Gesellschaft richtig gut und öffnet Augen. Unser Autor Daghan Irak über eine furchtlose Heldin unserer Zeit. Dazu: Die Kolumne von Fußballerin Carinna Wenninger, die aus ihrer Sicht beschreibt, welche Rolle Rapinoe für die Frauen spielt.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Kevin de Bruyne im Exklusiv-Interview

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. Dafür, dass er bei Manchester City unter Pep Guardiola phasenweise sogar Wunder vollbringt, ist er sogar ziemlich bescheiden. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Michael Stich im Exklusiv-Interview

Federer, Djokovic und Nadal – der Hype ist riesengroß. Doch Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Klopp vs. Pep: The Hunted One

The Normal One war mal. Jürgen Klopp ist spätestens nach dem Champions-League-Titel mit dem FC Liverpool seinem alten Image entwachsen und wird jetzt gejagt. Vor allem von einem Mann, der es noch schafft, Klopp wehzutun: Pep Guardiola. Wie es um das Duell auf hohem Niveau steht… in dieser Ausgabe.

Toni Kroos: Außergewöhnlich normal

Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging, dass der Mann mit dem feinen Fuß doch mehr kann als nur ein bisschen talentiert zu sein. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.

Basketball-WM: Maxi Kleber im Interview

Die Ligen sind zu Ende, die Ferien sind zu Ende, jetzt ist es an der Zeit, die Besten der Welt zu entscheiden. Nach US-dominierten Meisterschaften haben wir dieses Jahr sehr viel mehr Favoriten, sehr viel höhere Spannung. Wenn Sie sich vor dem ersten Pfiff in China ein paar Notizen machen wollen, können Sie zuerst auf unser 2019 Basketball-Weltmeisterschaft- Special einen Blick werfen. Dazu: Wir sprachen mit Maxi Kleber.

Dies und vieles mehr in Socrates #35!
,

Milos Raonic: „Ich dachte ans Aufhören“

Milos Raonic hat vielfältige Interessen: Reisen, Lesen, Kunst. Tennis würde er gerne mehr spielen, doch sein Körper zwingt ihn immer wieder zu Pausen. Wie er mit Rückschlägen, Langeweile und der Erinnerung ans Wimbledon-Finale 2016 umgeht, hat er Socrates erzählt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Milos Raonic, alle schimpfen immer über den übervollen Tourkalender, deshalb eine wichtige Frage: Wie schalten Sie ab von dem ganzen Rummel?

Meine große Leidenschaft ist das Reisen. Als Tennisprofi habe ich die fantastische Gelegenheit, die schönsten Städte der Welt zu sehen. Wissen Sie, was dabei aber stört?

Was?

Wir kommen jedes Jahr zur selben Jahreszeit in die immer gleichen Städte. Damit es mir nicht zu langweilig wird, stelle ich mir jedes Mal ein kulturelles Programm zusammen. Das ist stimulierend für den Kopf, ich bleibe mental frisch und verliere nicht viel Energie dabei. Wenn ich zu einem Turnier reise, freue ich mich also nicht nur auf die Spiele, sondern auch auf meinen Trip.

Spielen Sie doch den Reiseführer: Welche Museen können Sie besonders empfehlen?

Das Musée d’Orsay in Paris ist mein Lieblingsmuseum. Es ist faszinierend. Auch das Picasso-Museum in Barcelona gefällt mir richtig gut. Das Nationalmuseum Königin Sofía in Madrid ist ebenfalls interessant. Vor den Gemälden bleibe ich manchmal 20, 30 Minuten stehen und genieße einfach den Anblick.

Was machen Sie sonst noch in Ihrer Freizeit?

Ich lese unheimlich viele Bücher, im Schnitt zwischen 30 und 40 pro Jahr. Gleichzeitig versuche ich, nicht zu viel Zeit mit Fernsehen oder dem Handy zu verbringen. Die Spieler aus meiner Generation sind ziemlich süchtig nach ihren Smartphones. Zuletzt habe ich ein Buch über Buddhismus gelesen. Das entspannt wahnsinnig gut.

Hol dir Socrates-Testabo für nur 10 Euro

Sie scheinen mit Ihrem Leben sehr zufrieden zu sein.

Extrem zufrieden. Ich bin Tennisprofi, aber eben nicht nur. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich nach meiner aktiven Laufbahn in der Branche bleiben würde, sage ich: Wahrscheinlich mache ich was ganz anderes. Ich würde noch einmal studieren und Ziele verfolgen, die ich wegen meiner Profi-Karriere zur Seite geschoben habe. Vor fünf Jahren war Kunst für mich ein Fremdwort, ich hatte auch jahrelang kein Buch gelesen. Was das betrifft, bin ich mit der Entwicklung meiner Persönlichkeit sehr zufrieden. Ich habe mich mehr geöffnet.

2016 standen Sie im Wimbledon-Finale gegen Andy Murray. Woran denken Sie?

An dieses unfassbar geile Gefühl. Wimbledon ist kein Turnier wie jedes andere. Die größte Gefahr lauert im Kopf, dass man sich zu viele Gedanken darüber macht, wo man sich eigentlich befindet und wie außergewöhnlich der Moment ist. Dadurch kann es leicht zu einer Art Lähmung kommen. Als wir den Rasen betraten, hatte ich meine Emotionen aber ganz gut im Griff, was sicher auch daran lag, dass ich ein sehr starkes Turnier auf diesem Court und dieser Anlage spielte. Ich war total fokussiert und voller Selbstvertrauen, um dieses Endspiel für mich zu entscheiden. Mir war es gut gelungen, die Begleitumstände in den Griff zu bekommen und mich allein auf das Spiel zu konzentrieren. Es war aber leider nicht genug, um Andy zu bezwingen.

2016 hieß Ihr Trainer John McEnroe. Wie groß war sein Anteil an Ihrem Erfolg?

McEnroe half mir, als die Rasen-Saison stattfand. Vom Wimbledon-Finale bleibt ein kleiner fader Beigeschmack hängen, weil ich mit Sicherheit mit gewissen Situationen hätte besser umgehen sollen. Zwei Tage zuvor gewann ich dieses unglaubliche Halbfinale nach einem Fünf-Satz-Krimi gegen Roger Federer. Es war eine Energie-Leistung, die mich also unheimlich viel Kraft gekostet hatte. Das war mein allererstes Grand-Slam-Endspiel, dementsprechend war ich leicht nervös und angespannt. Außerdem spielte Andy ein Weltklasse-Tennis. Aber ich bin eher der Typ, der noch mehr die negativen Momente im Kopf behält als die Positiven.

Seit diesem Finale in Wimbledon läuft es für Sie weniger rund. Was sind die Gründe?

Ich hatte viel Verletzungspech, eine Operation am Handgelenk, eine Sprunggelenksverletzung und mehrere muskuläre Probleme. Es kommt selten vor, dass ich mal mehrere Wochen am Stück schmerzfrei spielen kann. Das ist extrem frustrierend. Ich hatte 2018 mit Knie-Problemen zu kämpfen, die dazu geführt haben, dass ich für die French Open absagen musste.

Wie kommen Sie damit klar?

Es ist tatsächlich schwer, mit Verletzungen umzugehen. Es ist wohl das Schwerste überhaupt für einen Athleten. Wenn man sich zum ersten Mal verletzt, denkt man: Alles halb so wild, das war eh das letzte Mal. Aber wenn es immer häufiger der Fall wird, kommen die Zweifel. Psychisch kann das zur Hölle werden. Jedes Comeback wird von dem Gedanken begleitet: Wann wird es mich wieder erwischen? Worauf muss ich besonders achten, um die nächste Verletzung zu vermeiden? Sehr lange habe ich mich mit solchen Sachen auf dem Court beschäftigt. Das war Gift für mein Hirn. Das hatte ich mir als Kind anders vorgestellt. Ich dachte, man geht auf den Platz und spielt.

Haben Sie mal ans Aufhören gedacht?

Der Gedanke geisterte schon mal durch den Kopf. Sobald ich aber wieder fit war, war das kein Thema mehr. Es ist immer ein harter Schlag, wenn mir die Ärzte mitteilen, dass ich zehn Tage pausieren muss, weil mir nach drei schon langweilig wird. Am Tennis mag ich vor allem die Bewegung und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss. Sobald man in seinem Lauf plötzlich gestoppt wird, ist es mental ermüdend.

Womit richten Sie sich auf?

Man braucht sicherlich einen gefestigten Charakter, um sich immer wieder aufzurappeln. Mein Glück ist zudem mein Aufschlag: Auf ihn kann ich mich immer verlassen. Selbst wenn ich nach einer Verletzung noch nicht wieder ganz bei hundert Prozent bin, hilft er mir, andere Defizite zu kompensieren. Und es gibt auch bei all diesen Rückschlägen einen positiven Aspekt: Man schätzt es mehr, wenn man wieder spielt und genießt intensiver.

Sie arbeiten mit sehr namhaften Trainern zusammen. Nach John McEnroe, Carlos Moyá und Richard Krajicek ist jetzt Goran Ivanišević Ihr Coach. Wie läuft’s?

Bei uns passt die Kommunikation. Das ist für mich die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Als er mein Trainer wurde, hatte ich gerade eine achtmonatige Krise hinter mir. Ich bin froh, dass er für mich da ist.

Sie haben im eigenen Land inzwischen große Konkurrenz. Was sagen Sie zu den Shooting-Stars Denis Shapovalov und Félix Auger-Aliassime?

Das ist extrem spannend für Kanada. Seit eineinhalb Jahren entwickelt sich Shapovalov prächtig. Er hat diese Gabe, sehr schnell zu lernen. Ich hätte gedacht, dass er auf Sand nicht konkurrenzfähig wäre, doch genau das Gegenteil ist eingetreten, wie er etwa mit einem Halbfinale in Madrid bewiesen hat. Felix ist zwar noch relativ unbekannt, aber er hat großes Potenzial und ist für einen 18-Jährigen körperlich sehr weit. Und toll ist das natürlich auch für unser Davis-Cup-Team.

Davis Cup ist ein gutes Stichwort. Wie gefällt Ihnen die Reform?

Der Davis Cup hat eine Geschichte und ein Prestige, das seinesgleichen sucht. Der neue Modus wird wohl dafür sorgen, dass alle Topspieler daran teilnehmen und dann wird der neue Wettbewerb schnell Fuß fassen. Auf der anderen Seite gehen natürlich viel Charme und der typische Charakter verloren, den der Modus mit Heim- und Auswärtsspielen mitgebracht hat. Eine gesunde Mischung aus alt und neu wäre sicherlich optimal.

Sie werden Ende des Jahres 28. Wie fällt Ihre Karriere-Zwischenbilanz aus?

Sollte ich morgen den Schläger an den Nagel hängen, würde eine leichte Enttäuschung zurückbleiben. Gott sei Dank habe ich noch ein paar Jahre vor mir. Als ich 18 war, wollte ich in die Top 50 kommen. Aber es ist das alte Lied: Je erfolgreicher man wird, desto größer wird der Appetit auf mehr. Ich habe mir noch große Ziele gesteckt.

Interview: Alexis Menuge

, , ,

Löw, Kerber und James: Die Köpfe des Jahres

2018 war ein bewegtes Sportjahr. Der deutsche Fußball erlebte ein Desaster – und das nicht nur auf dem Platz. Angelique Kerber sorgte für das Highlight des Jahres und LeBron James arbeitet an seiner Unsterblichkeit. Socrates blickt in der neuen Ausgabe auf ein außergewöhnliches Sportjahr zurück.

Die Köpfe des Jahres: Löw, Kerber, James

Es musste ja nicht zwingend die Titelverteidigung sein, dafür war die Konkurrenz sehr stark und die eigene Schaffensqualität nicht ganz so hoch wie vor vier Jahren. Aber dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2018 schon in der Vorrunde Schluss machte, hatten die größten Pessimisten nicht mal erwartet. Der Totalschaden war perfekt. Es war die Quittung für Ignoranz, Selbstgefälligkeit und Arroganz und wird die Nationalmannschaft noch eine Weile beschäftigen. Und vor allem Joachim Löw.

Nach der Fabelsaison 2016 fiel Angelique Kerber in ein tiefes Loch und musste sich neu erfinden. Es sollte ein langer Anlauf werden, doch am Ende stand die Erfüllung des Traumes der Träume. Damit beendete Kerber auch eine deutsche Sehnsucht, die seit Jahren immer größer wurde.

LeBron James war in seiner Karriere vieles: Hometown Hero, Bösewicht oder Basketball-Alien. Er wechselte zu den LA Lakers und versetzte die gesamte Sportwelt in Aufruhr. In Los Angeles will er der Unsterblichkeit ein Stück näher kommen. Aber: Immer noch hat er stets Michael Jordan im Nacken.

Löw, Kerber und James – drei Figuren, die auf das Wirken des Sportjahrs 2018 entscheidend Einfluss genommen haben. Und deswegen sind sie auch für uns die Köpfe des Jahres und stehen auf dem Cover der 27. Ausgabe. Doch das ist natürlich längst noch nicht alles.

Was gibt es sonst in Ausgabe #27?

Wo gibt es Socrates?

Hol‘ dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro!

,

Stan Wawrinka: „Ich habe an Rücktritt gedacht“

Stan Wawrinka gewann im Vorjahr die French Open – zuletzt zwang ihn eine Knieverletzung aber zu einer Pause über mehrere Monate. Nun kehrt der Schweizer in Roland Garros wieder zurück. Bei Socrates spricht er über seine Ziele, Alex Zverev und seinen Lieblingsklub.

Interview: Alexis Menuge

Herr Wawrinka, Sie sind von Juli 2017 bis Januar 2018 aufgrund einer Knie-Operation außer Gefecht gewesen. Das war Ihr längster Ausfall in Ihrer Laufbahn. Was war dabei das Schwierigste?

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 19. Ausgabe

Nach der OP einfach nichts tun zu können, fiel mir unheimlich schwer. Da ist man gezwungen, sich in Geduld zu üben, was nicht immer einfach ist. Mental war es in den ersten Wochen schwer. Zum Beispiel auf die US Open verzichten zu müssen, fiel mir echt schwer, vor allem, weil ich ja in New York der Titelverteidiger war. In New York hätte ich wahnsinnig gern meinen Titel verteidigen wollen. Dann kamen gewisse Zweifel auf: Wann werde ich wieder fit? Werde ich die Operation gut verdauen? Werde ich mein Leistungspotenzial zu 100 Prozent wieder erreichen? Dann beginnt man die Reha, und man hat dabei das Gefühl, dass man wieder bei null anfängt. Wochenlang konnte ich mich nur mit der Hilfe von Krücken bewegen. Dadurch habe ich viel an Muskulatur verloren. Ich wollte ja sofort wieder alles geben, aber ich musste mich selbst bremsen, weil mein Körper dazu noch nicht bereit war.

Wie geht man damit um, wenn man zum Nichtstun gezwungen ist?

Psychisch war es sicher anstrengend. Sobald ich etwas tun wollte, sah ich die Krücken. Es war nicht leicht, sich damit abzufinden. Die OP verlief gut, aber sie war schwerwiegend, so dass ich eigentlich, so oft es ging, mein Bein ruhigstellen musste. Ich musste mein Knie stets schonen, aber gar nichts tun fiel mir schwer, das machte mich nervös, weil es etliche Wochen dauerte, bis ich die Krücken wieder loshatte.

Haben Sie an einen Rücktritt gedacht?

Diese Idee spielte sich in meinem Kopf immer wieder ab, auch als ich mit der Reha begann, weil ich ja praktisch bei null wieder anfing. Das war eine sehr schwere Erfahrung. Um mich herum hatte ich aber rund um die Uhr ein tolles Team, das mir jederzeit die nötige Unterstützung gab und mir geholfen hat, das richtige Programm zu absolvieren. Es war mental sehr wichtig, dass sie für mich da waren.

Sie sind aber nicht der einzige Star, der in den vergangenen Monaten monatelang ausfiel. Auch Novak Djoković, Andy Murray und Rafael Nadal fielen mehrere Monate aus. Ist es nur Zufall, oder hat es in Ihren Augen mit dem Spielplan zu tun, der vielleicht die Spieler zu sehr belastet?

Ich glaube eher, dass es mit dem Alter der jeweiligen Spieler zu tun hat. Schauen Sie sich diese absoluten Top-Spieler an: Sie sind alle 30 oder älter. Sie spielen seit bereits 15 Jahren auf dem höchsten Niveau, sie haben vieles erlebt und sie sind immer wieder in Grand-Slam-Finals. Sie sind auch ganz oben in der ATP-Rangliste, so dass sie extrem viele Spiele in den Beinen haben. Irgendwann bekommt man dafür die Quittung. Auch der Druck spielt dabei eine wesentliche Rolle.

War es früher anders?

Vor 10, 15 Jahren hörten die meisten Spieler mit 30 Jahren auf. Mittlerweile spielen viele bis 35, siehe Roger.

Sind Sie stolz, zu dieser Generation zu gehören, die ja ein paar Ausnahme-Spieler hat, wie Roger Federer oder Rafa Nadal?

Mit Roger, Rafa, Novak und Andy haben wir ein magisches Viereck. Sie bilden definitiv ein unglaubliches Quartett. Man braucht sich nur ihre Ergebnisse bei den Grand-Slam-Turnieren in den letzten Jahren anzuschauen. In den vergangenen Jahren haben sie alles gewonnen.

Wer ist denn der Größte der vier?

Ich glaube, dass es keine besondere Überraschung ist, wenn ich Roger als besten Spieler aller Zeiten nenne. Gleich dahinter kommt für mich Nadal, der auch eine unglaubliche Konstanz zeigt. Alle vier haben sich auch oft heiße Duelle geliefert. Sie schreiben die Geschichte dieser Sportart. Sie sind einzigartig.

Was ist denn für Sie persönlich das Wichtigste in Ihrer Karriere?

Mich ständig weiter zu entwickeln und meine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Natürlich bin ich besonders stolz auf meine Ergebnisse, vor allem mit Triumphen bei drei verschiedenen Grand-Slam-Turnieren und das in der Zeit, wo vier solche Ausnahme-Spieler aktiv sind. Es gibt keine anderen Spieler, die in den letzten Jahren einen Grand Slam gewinnen konnten, bis auf wir fünf. Das ist schon überragend.

Was ist das für ein Gefühl, zu dieser besonderen Generation zu gehören?

An erster Stelle ist es mir bewusst, dass ich ein Privilegierter bin, der seinen Traumjob ausüben darf. Dazu zu dieser Generation zu gehören, ist mein großes Glück. Wir pushen uns auch immer gegenseitig nach vorne, so dass jeder von dem anderen jederzeit profitiert. Wir sorgen dafür, dass sich das Tennis stetig in die richtige Richtung weiterentwickelt.

WM-Sonderheft: Die 20. Ausgabe ist im Handel!

Das WM-Sonderheft ist da!

Die 20. Ausgabe des Socrates Magazin ist da! Alles über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, Interviews mit Timo Werner und Co. / WM-Spielplaner und Deutschland-Poster als Geschenk dazu.

Welche Ziele haben Sie sich nun für die kommenden Monate gesteckt?

Ich will wieder an mein Leistungsvermögen von vor der OP kommen. Das ist meine Priorität. Sobald ich spüre, dass ich mental und körperlich wieder bei 100 Prozent bin, werde ich mir dann konkretere Ziele setzen und mich dann hoffentlich wieder mit den Besten messen können.

Welches Grand-Slam-Turnier ist am schwierigsten zu gewinnen?

Das ist schwer zu sagen. Natürlich könnte man meinen, dass Wimbledon das Härteste ist, weil es das Einzige ist, das ich noch nie gewinnen konnte. Aber alle vier sind gleich schwer, jedes mit seinen Besonderheiten. Wenn man bei einem solchen Turnier triumphiert, ist das ein herrliches Gefühl, weil man ja zwei Wochen lang sein Bestes mit Drei-Satz-Siegen geben muss, und dadurch muss man irgendwie seinen Schweinehund auf dem höchsten Niveau überwinden, egal, ob in Australien, in Paris, in Wimbledon oder bei den US Open.

Wimbledon zu gewinnen, ist also Ihr größtes Ziel, vor allem wenn man bedenkt, dass wenige Spieler alle vier Grand Slams gewinnen konnten, wie Boris Becker, der nie in Paris triumphierte oder Ivan Lendl, der auch in Wimbledon nie den Titel holen konnte?

Es wäre zwar schön, aber mir ist auch bewusst, dass ich ein großes Stück davon entfernt bin. Nicht nur, weil ich erst wieder die absolute Top-Fitness zurückholen muss, sondern auch, weil ich in Wimbledon nie wirklich weit kommen konnte. Jedes Jahr gebe ich mein Bestes, um dort weit zu kommen, aber ich weiß auch, dass ich drei Grand Slams gewonnen habe, was bereits unglaublich ist. Ich hätte nie gedacht, dass ich soweit kommen würde. Ich wollte immer hart an mir arbeiten, um mich kontinuierlich zu verbessern, was mir auch gelungen ist, aber man kann auch nicht immer alles kontrollieren.

Warum haben Sie so große Schwierigkeiten auf Rasen?

Meine Spielweise passt sich dem Rasen nicht so gut an. Ich komme nicht oft ans Netz und ich bin kein typischer Serve-and-Volley-Spieler. Ich mag es lieber, von der Grundlinie zu spielen, mehr Zeit zu haben. Auf Rasen ist es komplett anders, aber es gab zwei Jahre, wo ich sehr gut gespielt habe mit jeweils einer Viertelfinal-Teilnahme. Ich hatte auch Pech, dass ich bisher in Wimbledon nicht oft mein bestes Tennis zeigen konnte.

Was war der bisher größte Moment Ihrer Karriere?

Natürlich die drei Triumphe bei den Grand Slams, die eine besondere Bedeutung haben. Auch der Sieg im Davis Cup war sensationell. Es handelt sich um verschiedene Emotionen, die schwer zu vergleichen sind. Auch der Olympia-Sieg 2008 im Doppel in Peking gehört zu den größten Momenten. Das waren definitiv die fünf wichtigsten Momente.

Wurden Sie mit einem Tennisschläger quasi geboren?

Nein, eigentlich habe ich kaum Sport getrieben, bis ich acht war, was eher spät ist. Aber es war die einzige Sportart, die ich dann ausüben wollte.

Welche Idole hatten Sie, als Sie noch in der Jugend waren?

Drei komplett verschiedene Spieler: Pete Sampras, Àlex Corretja und Patrick Rafter. Drei Spieler, denen ich richtig gern zugeschaut habe. Es geht dabei nicht um den Stil, sondern um die Persönlichkeit, die Ausstrahlung sowie auch die Einstellung.

Das Socrates-WM-Gewinnspiel

Beantworte die Preisfrage und gewinne mit etwas Glück einen von fünf tollen Preisen! Hier klicken.

Gibt es einen Spieler aus der neuen Generation, der das Potenzial besitzt, künftig für ein paar Jahre die Nummer eins der Welt zu werden?

Es sind mehrere große Talente, die vor einer großen Zukunft stehen. Mir gefällt Dominic Thiem ganz gut. Er ist trotz seines jungen Alters bereits sehr abgeklärt und er ist ein kompletter Spieler. Auch Alexander Zverev und Nick Kyrgios sind sehr interessant. Also sehe ich nicht einen besonderen Spieler, sondern mehrere, die in der Lage sein werden, mehrere Grand-Slam-Turniere zu gewinnen.

Kann Zverev irgendwann mal die Nummer eins der Weltrangliste werden?

Zweifelsohne. Er ist jetzt bereits die Nummer vier. Gegen ihn ist es schwer zu spielen, weil er unberechenbar ist. Ich habe bereits mehrfach gegen ihn gespielt und verloren. Er arbeitet hart und diszipliniert. Außerdem ist er elegant auf dem Court. Das Potenzial ist definitiv vorhanden.

Sie sind nun 33. Ist es noch möglich nach so vielen Jahren auf der Tour gewisse Aspekte in Ihrem Spiel zu verbessern?

Um auf dem höchsten Niveau mehrere Jahre zu bestehen, darf man bloß nicht anfangen, nachzulassen. Man muss immer hart an sich arbeiten und eine große Portion Disziplin an den Tag legen. In den vergangenen Jahren habe ich viel mehr Akzente auf mein Offensiv-Spiel bei den Trainingseinheiten gelegt. Konkreter gesagt: früher zum Abschluss kommen, manchmal auch ans Netz stürmen und die Punkte schneller abschließen.

Was ist in Ihren Augen das Wichtigste, um jahrelang auf dem höchsten Level erfolgreich zu sein? Der mentale oder der physische Aspekt?

Das Eine kann man eigentlich nicht vom Anderen trennen, aber um mittel- bis langfristig zu bestehen, muss man über sich hinauswachsen, und die Basis ist und bleibt der Körper. Dann kommt das Psychische, um sich noch mehr zu pushen. Der mentale Aspekt hängt im Prinzip mit dem körperlichen Aspekt zusammen. Das heißt, wenn man nicht genug motiviert ist, wird man automatisch physisch nachlassen. Dementsprechend ist es umso wichtiger, stets frisch im Kopf zu bleiben, aber auch körperlich fit zu sein, damit der Wille immer noch vorhanden ist, sich weiterentwickeln zu wollen.

Wie erklären Sie, dass die Spieler von heute länger auf dem höchsten Niveau spielen können als noch vor 15, 20 Jahren?

Ich habe das Gefühl, je mehr die Zeit vergeht, desto länger werden die Top-Spieler auf der Tour spielen können. Man braucht sich nur die Beispiele Roger und Rafa zu nehmen. Sie sind nach wie vor in Top-Form und sie hören nicht auf, diverse Rekorde zu brechen. Sie sind mehr als beeindruckend. Persönlich bin ich 33 und ich will noch ein paar Jahre spielen.

Was glauben Sie: Wie wird das Tennis im Jahr 2050 aussehen?

Man sieht ja, dass diese Sportart immer schneller und athletischer wird. Auch das Material hat sich verändert. Also kann man davon ausgehen, dass sich das Tennis so weiterentwickeln wird.

Sie gehören zu den wenigen Spielern, die ihre Emotionen auf dem Court zeigen. Ist es Ihnen wichtig, dass die Leute sehen, wie Sie wirklich sind?

Absolut. Ich halte es für wichtig, normal zu sein und zu spielen, wie ich im Leben wirklich bin: leidenschaftlich, emotional und kämpferisch. So werde ich auch immer bleiben. Authentisch zu sein, ist mir ein wichtiger Begriff.

Welche anderen Sportarten verfolgen Sie?

Ich liebe Fußball sowie auch Eishockey, in der Schweiz ja ein Volkssport. Auch zuletzt fand ich es cool, mit anderen Schweizer Sportlern die Olympischen Spiele von PyeongChang zu verfolgen. Wir entdecken immer neue Sportarten und drücken dabei unseren Landsleuten die Daumen.

Bald startet ja die Fußball-WM in Russland.

Ich freue mich schon drauf. Das wird echt spannend. Sie wird erneut stattfinden, wenn wir in Wimbledon sind. Es ist immer eine Art Tradition, dort ein Haus zu mieten und die WM-Spiele mit anderen Spielern zu verfolgen. Das macht immer Spaß. Ich werde natürlich der Schweiz die Daumen drücken.

Was trauen Sie Ihrem Team zu, vor allem in der Vorrunde gegen Brasilien?

Es ist immer alles möglich, in die eine wie in die andere Richtung. Aber klar hat die Schweiz das Potenzial, erneut ins Achtelfinale einzuziehen. Gegen Brasilien wird es mit Sicherheit eine Herkules- Aufgabe.

Und dann könnte der Gegner im Achtelfinale Deutschland heißen. Ihr Vater ist ja Deutscher. Wem drücken Sie dann die Daumen?

Da gibt es gar keine Diskussionen: Ich werde die Schweiz unterstützen. Ich bin kein großer Fan der DFB-Elf, aber egal, wo und wann, die Deutschen gewinnen fast immer. Diese Konstanz ist atemberaubend.

Haben Sie einen Lieblingsklub?

Real Madrid. Dort spielen immer die Besten. Und mit Zinédine Zidane hat Real einen unglaublichen Trainer.

,

Novak Djokovic: Eindringling wider Willen

Tennis-Ass Novak Djokovic hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Der Wandel eines unkonventionellen Underdogs zum Weltstar…

Autor: Jörg Allmeroth

In der Welt des Tennis-Wanderzirkus war er schon alles. Er war der ewig Verletzte, das Weichei, der Spaßvogel, der Klassenclown, der scheinbar Unvollendete. Und dann auch der grandiose Djoker, der Meister der Konstanz, der einsamste Nummer-1-Spieler aller Zeiten, der Seriensieger, der Triumphator, der alle vier Grand-Slam-Titel gleichzeitig in seinem Besitz hielt. Und ganz zuletzt, da war er auf einmal in der letzten seiner vielen Verwandlungen wieder der rätselhaft Schwächelnde, eine sportliche Sphinx, der Strauchelnde und Stolpernde aus höchsten Höhen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Nein, langweilig ist es einem wirklich nicht geworden mit diesem Novak Djokovic, mit einem Spieler, den einst seine Entdeckerin Jelena Genčić als „goldenes Kind“ bezeichnete. Mit einem, der den Wirren des Balkankrieges entfloh und später auszog, die Tenniswelt für sich zu erobern. Und der, als Eroberer der Macht von Roger Federer und Rafael Nadal, auch automatisch eine polarisierende Figur wurde. Wer das Wort Hassliebe im Zusammenhang mit dem Höchstbegabten aus Belgrad verwendet, meint wohl, dass es zwei schroff gegeneinander stehende Fraktionen gibt. Die eisernen Anhänger des Maestro Federer und des Matadors Nadal, die Djokovic immer als eine Art Eindringling in die duale Machtstruktur betrachteten. Und jene, die den aufstrebenden Djokovic als willkommene Bereicherung in der Führungsspitze sahen, als einen, der mit einer gewissen Langeweile dort droben auf dem Gipfel aufräumte.

Das Kuriose dabei ist: Djokovic möchte am liebsten genau so sein wie Federer und Nadal, wie diese beiden Übefiguren der Branche und herausragenden Botschafter ihres Sports. Vieles, sehr vieles, was Djokovic in den letzten Jahren tat und ließ, war einem übergeordneten Ziel geschuldet – ähnliche Liebe und Zuneigung des Publikums zu gewinnen wie die beiden alten Helden. Größer, bedeutender zu werden als das Tennis selbst. Ein sinn- und zweckloses Unterfangen? Djokovic lässt sich so gut wie nie auf dieses Thema ein, er lobt Federer und Nadal stets nur in höchsten Tönen und fordert auf, „dass nur andere über mich und meinen Status urteilen sollen“: „Ich bin nicht der Richter über Novak Djokovic“, sagt Djokovic.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #6

Djokovic war nicht überzeugt von sich selbst

Vielleicht wird erst die Geschichte zeigen, wie Djokovic zu beurteilen ist. Seine persönliche Geschichte ist ja noch nicht auserzählt, er hat potenziell noch ein paar gute, möglicher Weise sogar beeindruckende Jahre vor sich. Was er bisher geschafft hat, ist imponierend genug – trotz aller Stör- und Nebengeräusche, die ihn immer wieder umgaben. Trotz mancher Anfeindungen in der Frühzeit seiner Laufbahn, in jener Epoche, in der er sich als Faxenmacher verdingte und an den Autoritäten kratzte, auch ohne die in Tenniskreisen gewohnte Etikette. Ein aufrührerisches Bürschchen war er schon damals, der junge Djokovic. Gerade mal 20, 21 Jahre alt, aber sich nicht zu schade, um schon auf den Centre Courts der Welt Leute wie Nadal, Roddick, Federer oder Frau Scharapowa zu verulken. Man kann die Mitschnitte dieser Djokovic-Auftritte heute noch bei YouTube bestaunen, etwa bei den New Yorker US Open, aber man staunt eben auch, wie sehr sie aus der Zeit gefallen sind – wie sehr Djokovic sich plötzlich auf allen Ebenen zu einem grundseriösen Professional verwandelte. Wie sehr er sich selbst Jux und Tollerei austrieb. „Irgendwann war das Ganze nur noch zwanghaft. Ich reiste zu einem Turnier, und früher oder später kam irgendein Moderator oder Platzansager und sagte: Mach doch mal den Nadal, mach doch mal die Scharapowa. Da dachte ich mir: Zeit, damit aufzuhören.“

Djokovic hatte mit manchen Sticheleien und Provokationen durchaus für Unruhe im Esta- blishment gesorgt, bei den hohen Herren aus der Schweiz und Spanien. Doch so sehr diese Nadelstich-Politik auch Erfolg hatte, ihm selbst, dem Emporkömmling, fehlte noch der letzte Glaube an eine Machtübernahme. Überzeugt war er nicht von sich selbst, nicht jedenfalls in den paar Matches, die über den Gehalt eines ganzen Jahres entscheiden – bei den Grand Slams im Halbfinale oder Endspiel: „Wenn ich auf den Platz ging gegen Roger und Rafa, dann war diese hundertprozentige, diese allerletzte Überzeugung nicht da. Ich hatte schlicht zu viel Respekt“, sagt Djokovic, „irgendwann erkannte ich, dass es tatsächlich nur an mir selbst liegt. Ich musste, das war die Notwendigkeit, mein ganzes Leben im Tennis auf den Kopf stellen.“

Das Beste sollte noch kommen

Djokovic veränderte sich so radikal wie kein zweiter Spieler in der modernen Tennis-Historie. Zwar auch neben dem Platz, da wurde er zum geschliffen parlierenden Diplomaten, der sich in mehreren Sprachen druckreif über Gott, die Welt und das Tennis ausließ. Aber vor allem auf dem Platz. Er, der zuvor pausenlos Lahme  und Lamentierer, der Spaßvogel ohne letzte sportliche Bedeutung, wurde zum verblüffenden Iron Man? Wenn man ihn in der Blüte seiner Berufszeit sah, mit den flinksten Beinen aller Spieler im Wanderzirkus, mit einer Ausdauer- und Willenskraft, die sogar Spieler wie Nadal übertraf, dann dachte man oft, es könne sich nicht um ein und denselben Spieler handeln. „In dieser Umbruchphase habe ich eigentlich alles verändert in meinem Leben, nur meine Frau, die ist zum Glück geblieben“, sagt Djokovic, „meine Schläge, meine Strategie auf dem Platz, meine Ernährung, mein Fitnesstraining – alles wurde neu. Und besser.“

Mit dem anderen Körpergefühl baute sich bei Djokovic auch langsam, aber unaufhaltsam, jenes Selbstbewusstsein auf, das nötig war, um zwei der Allzeitbesten seines Sports, Federer und Nadal, aus ihrer Wohlfühlzone zu stoßen – und sie schlussendlich auch von ihren angestammten Positionen 1 und 2 zu verdrängen. Der Djokovic des ersten Prunkjahres 2011 etwa war plötzlich nicht mehr nur auf Augenhöhe mit dem eleganten, selbstgewissen Maestro aus der Schweiz und mit dem kraftstrotzenden Muskelprotz aus Mallorca, sondern ein gutes Stück voraus. „Er hat das Spiel damals bereits auf einen unglaublichen Level gehoben“, sagt der australische Coach und Analytiker Darren Cahill, „das war ein Tennis, wie man es vorher noch nicht gesehen hatte.“ 

Freilich sollte das Beste noch kommen, später in seiner ungewöhnlichen Karriere. In der gemeinsamen Zeit mit dem Cheftrainer Boris Becker, in der Ära „Beckovic“, in drei Jahren der beispiellosen Siegesserien. „Er ist der absolute Souverän im Circuit gewesen“, sagt der Amerikaner John McEnroe, selbst einst die Führungs gur der Szene, „und er hat auch die Anerkennung bekommen, die er verdiente. Die, die ihn früher auspfiffen, bewunderten ihn plötzlich.“ Zwar war Djokovic nicht der bedingungslos Geliebte, auf einer Stufe mit Eurer sentimentalen Majestät Federer, aber doch eine Respektsperson – einer, der neben sportlicher Grandezza auch mit den richtigen Fairnessgesten und den passenden Worten überzeugte. Als Nummer 1 des Sports machte er eine gute, über die Jahre immer bessere Figur.

Wohin führt Djokovics Weg?

Auf den Centre Courts war sowieso nicht an ihm herumzudeuteln. Und zwar vor allem, weil er seine Brillanz nicht nur in blitzlichtartigen Momenten aufschimmern ließ, sondern in einer atemraubenden Konstanz über Wochen und Monate. „Du siehst seine Bilanz und denkst: Ist der Kerl verrückt? Ist das wahr?“, sagt Boris Becker, der sich schon vor seinem Amtsantritt gewundert hatte, „was aus dem mageren Bürschchen geworden ist, das dauernd verletzt war“. Nichts weniger als ein Mann, der seine Gegner mit einer uner- schütterlichen Zuversicht und Hartnäckigkeit aus dem Weg stieß, einer, der absolut keine Zweifel mehr kannte nach seiner rasend xen Transformation zum eisernen Fighter, zum nahezu Unantastbaren. 2015, im größten Traumjahr seiner Karriere, ließ sich die komplette Saison eigentlich auf zwei Worte verdichten: Novak Djokovic. „Es ist eigentlich unnormal, was ich da spiele“, sagte Djokovic damals, „aber es ist wunderschön.“

Die letzte Volte in seinem Berufsleben kam – ausgerechnet oder doch nicht ganz überraschend – in einem Moment der Vollendung. Viele Jahre war Djokovic vergeblich dem Titel im Stadion Roland Garros zu Paris nachgelaufen, im roten Sand platzten wiederholt seine Träume, den letzten noch fehlenden Major-Pokal zu gewinnen. Das selbstbewusste, eigensinnige Publikum pfiff lange auf ihn, feierte jene, die ihn aus allen Hoffnungen stürzten. Doch seine Siegeskampagne 2016 war von Sympathie begleitet – Djokovic hatte nach dem Eindruck der Fans genug und ausreichend hart gelitten, um sich nun den Beifall verdient zu haben. Schließlich, er war gerade Champion geworden, malte der Djoker ein großes Herz in die „terre battue“. Und wusste noch nicht, dass in diesem Triumph schon ein Stück der kommenden Mühsal angelegt war, eines doch heftigen Absturzes.

Der Mann, der eben noch alles im festen Griff gehabt hatte, der im ersten Halbjahr 2016 so gut wie kein wichtiges Spiel verlor, dieser Mann war jäh nur noch ein mattes Abbild seiner selbst. „Er wirkte auf einmal ausgelaugt, ohne klare Ziele. Er stellte sich die Frage: Wo soll es von hier aus für mich hingehen. Es war eine Sinnkrise, eine Motivationskrise“, sagt Beobachter Mats Wilander. Jedenfalls verlor Djokovic danach nicht nur wichtige Titel, sondern auch Platz 1 in der Welt. Der Außergewöhnliche wurde, vorübergehend allemal, wieder zum gewöhnlichen Pro – eingefangen von irdischer Schwerkraft. „Er hat auch nicht mehr so trainiert wie vorher. Da hat er einige Schwächen offenbart, war nicht mehr so mit dem Herzen bei der Sache“, sagt Becker, der das Team Djokovic zum Ende der vorigen Saison verließ. Dem deutschen Chefcoach hatte vor allem missfallen, dass sich Djokovic eher esoterischen Ideen und einer Figur wie dem Spanier Pepe Imaz zuwandte, einem früheren Spieler, der in Tenniskreisen auch der Kuschelguru genannt wurde.

Kuschelig war es zuletzt allerdings nicht mehr so sehr für Djokovic, wenn er auf einen der großen Tennisplätze marschierte. Zu besichtigen war da einer, dessen Spiel keine innere Harmonie mehr ausstrahlte, auch keine unverbrüchliche Zuversicht. Die Frage, wohin sein Weg führt, der Weg des wieder rätselhaften Djokers, ist eine der großen Fragen für dieses Jahr. Und für die Tennis-Zukunft überhaupt.