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Hapoel Petach Tikwa: Wie man Fan von Nichtskönnern wird

Das HaMoshava-Stadion: Hier spielt Hapoel Petach Tikwa

Wie wird man Fan eines Klubs, dessen Trainer dafür bekannt Ist, sein Geschlechtsteil zu entblößen und notorisch keinen Erfolg hat? Der israelische Schriftsteller Etgar Keret mit einem Erklärungsversuch bei SOCRATES, wie er Fan von Hapoel Petach Tikwa wurde.

Ich heiße Etgar Keret und ich bin ein Fan der Fußballmannschaft Maccabi Petach Tikwa. Während ich diesen Satz schreibe, fühle ich mich wie ein alternder Trinker auf einem Treffen anonymer Alkoholiker – nur mit einem bedeutsamen Unterschied: Wie jemand dem Alkoholismus verfallen kann, ist wesentlich einfacher zu verstehen.

Hier sind ein paar schmerzliche Fakten über Maccabi Petach Tikwa: Obwohl der Verein vor über hundert Jahren gegründet wurde (er ist der zweitälteste Fußballverein Israels), hat er bisher noch nie eine Meisterschaft und in den letzten seltsamen 60 Jahren auch keinen einzigen Pokal gewonnen.

Weit von Stolz entfernt

Der legendäre Trainer des Vereins, Itzik Luzon, erlangte unter den Sportliebhabern weltweit Ruhm, als er während eines Derbys den gegnerischen Fans sein Geschlechtsteil entblößte. Petach-Tikwa-Spieler sind nur dann in den Wiederholungen im Fernsehen zu sehen, wenn sie ihre Gegner anspucken oder treten, und das ist berechtigterweise so, denn auch nur einmal ihre anderen brillanten Moves zu sehen, wäre ein Mal zu viel.

Das Sprichwort besagt, dass man seine Liebhaberin wählen kann, seine Familie aber nicht. Aber wo genau auf der Achse zwischen der Liebhaberin und der Familie liegt die Liebe zu einer Fußballmannschaft? Für mich ähnelt die Liebe zu einer Fußballmannschaft, zumindest die zu Maccabi Petach Tikwa, der Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Krankheit – es ist etwas, was man nie wollte, und man ist weit davon entfernt, darauf stolz zu sein, aber wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, muss man dafür Verantwortung übernehmen

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Es begann mit fünf Jahren

Schließlich hat mich niemand dazu gezwungen, Fan einer Mannschaft zu sein, die so wenig Fans und Talent besitzt und weder aus meiner Heimatstadt Ramat Gan kommt, noch sie vertritt. Und so wie in jeder Geschichte über sexuell übertragbare Krankheiten steckt auch hinter der Geschichte meiner Liebe zu dieser Mannschaft ein beschämender Moment, den ich mein ganzes Leben lang bedauern werde.

Die traurige Geschichte davon, wie ich zu einem Fan von Maccabi Petach Tikwa wurde, beginnt an meinem fünften Geburtstag. Ein entfernter Verwandter, der im Trainerstab der lokalen Fußballmannschaft arbeitete, versprach, mich zum Geburtstag zu einem Heimspiel mitzunehmen, und als ein besonderes, einmaliges Geschenk erlaubte er mir, mit auf der Mannschaftsbank zu sitzen.

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Die toughe Typen weinten

Es war ein besonders wichtiges Spiel, denn der Verlierer würde absteigen; also war es sicher, dass das Stadion mit lautstarken Fans gerammelt voll sein würde. Als ein hyperaktives Kind mit einem milden ADHS-Syndrom schenkte ich dem langweiligen, torlosen Spiel keine besondere Beachtung – bis zur letzten Minute, in der die Gäste etwas völlig Unerwartetes taten: Sie schossen das Siegestor, das die Gastgeber absteigen ließ.

Die Fans auf den Tribünen waren am Boden zerstört, sogar einige der tough aussehenden Ersatzspieler, die neben mir auf der Bank saßen, brachen in Tränen aus und alle Spieler der Heimmannschaft auf dem Spielfeld ließen sich elend aussehend auf den Rasen fallen. Die Mitglieder der gegnerischen Mannschaft waren dagegen vor Freude außer sich. Sie sangen fröhliche Lieder und kletterten einander auf den Rücken, was nach einer lustigen Art aussah, miteinander verbunden zu sein.

Etgar Keret wurde in Ramat Gan bei Tel Aviv geboren, wo er immer noch an der Filmakademie Drehbuchschreiben unterrichtet. Er schreibt u.a. Kurzgeschichten und Drehbücher. Sein erster Film "Jellyfish" wurde 2007 auf den Filmfestspielen in Cannes als bestes Debüt ausgezeichnet. Keret lebt mit seiner Familie in Tel Aviv.
Etgar Keret
Schriftsteller
„Gückwunsch, du verrückter Mistkerl“

Meine opportunistische Persönlichkeit kam an meinem fünften Geburtstag zum ersten Mal zum Vorschein. Anstatt auf der bedrückenden Bank zu bleiben, rannte ich wild jubelnd auf das Spielfeld und sprang auf den Haufen gegnerischer Spieler. Unser Verwandter, der immer noch neben der Bank der verlierenden Mannschaft stand und seine Spieler zu trösten versuchte, gab mir das Zeichen, dass ich zurückgehen sollte.  Aber das erschien mir als eine sehr unattraktive Idee.

Warum sollte ich mit einem Haufen enttäuschter, verschwitzter Typen Zeit verbringen, wenn ich die Alternative hatte, mit gespreizte Beinen auf den Schultern eines lächelnden und jubelnden Torwarts zu sitzen, der in Ekstase um das Feld herumrannte?

Auf dem ganzen Nachhauseweg sprach unser Verwandter kein Wort. Das Schweigen dauerte acht lange Jahre, in denen ich auf Vergebung wartete. Nur auf meiner Bar-Mitzwa-Feier schüttelte er, von meinen Eltern unter Druck gesetzt, mir die Hand und sagte: „Glückwunsch, du verrückter Mistkerl. Selbst wenn ich hundert werde, werde ich dir niemals verzeihen, was du getan hast.“

Dann kam die Scham

Er wurde nicht hundert, sondern starb mit etwas über sechzig. Sein Herz konnte all den Freuden und Enttäuschungen nicht standhalten, die er mit seiner Mannschaft durchmachen musste. Und ich war, nach langen Verhandlungen zwischen ihm und meinen Eltern, wegen der schrecklichen Schande, die ich über die lokale Mannschaft und meine Familie gebracht hatte, für immer von ihren Tribünen verbannt.

Die Scham führte dazu, dass ich Fan dieser furchtbaren Mannschaft aus der Nachbarstadt, Maccabi Petach Tikwa, wurde, und der schmachvolle Akt, den ich mit fünf Jahren beging, verfolgt mich bis heute wie ein grausamer Fluch der Götter, wenn ich bei einem Fußballspiel versuche, meine schmerzhaft peinliche Mannschaft anzufeuern.

Aber egal wie qualvoll die Strafe und wie groß die Scham ist, es gibt immer eine klitzekleine Hoffnung. Denn der Ball ist, wie Physiker und Mathematiker nach wie vor beharren, immer noch rund und wenn die Götter und Linienrichter es wollen, gewinnen wir nächstes Jahr vielleicht endlich die Liga oder zumindest einen Pokal, was unserem noblen Trainer mit Sicherheit einen wunderbaren neuen Grund gäbe, vor den Zuschauern sein Geschlechtsteil abermals zu entblößen.

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