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Ewald Lienen im Interview: Am Rand der Selbstzerstörung

Getty | Ewald Lienen denkt über den Tellerrand hinaus

Hohe Ablösen, komplett vermarktete Klubs, Verlust der Fannähe: Für Ewald Lienen (66) sind das keine wichtigen Probleme mehr. Der technische Direktor des FC St. Pauli schlägt Alarm und appelliert nicht nur an die Fußballklubs, sondern auch an die Menschheit.

Ewald Lienen, was macht den FC St. Pauli so besonders?

Es ist ein Verein, der mitgliederbasiert ist. Es gibt also keine Ausgliederung der Profi-Abteilung. Der Vorstand ist zusammen mit der neuen Direktorenebene für alle Entscheidungen verantwortlich. Und die Mitglieder wählen den Vorstand. Das führt zu einer richtig engen Verbindung untereinander. Die Mitglieder haben durch die bereits vor 10 Jahren verabschiedeten Leitlinien die Richtung bestimmt, die der Verein einschlägt. Oder durch neuere Beschlüsse, wie etwa beim Merchandising, wo wir dem mehrheitlichen Wunsch nachkommen, generell auf nachhaltige Produkte zu setzen. Auch der Stadionname wird nicht vermarktet. Der FC St. Pauli ist ein Verein, der sich bestimmten Werten verpflichtet hat, die wir auch offen vertreten. Wir spielen nicht nur Fußball, wir sind uns auch unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und leben sie.

Der FC St. Pauli nimmt im deutschen Fußball in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. Viele andere Vereine vermarkten ihre Stadionnamen, werden von Investoren unterstützt. Lässt sich diese Entwicklung, die immer mehr Geld in den Fußball spült, überhaupt noch umkehren?

Das ist zumindest fraglich, aber wie so vieles auch nicht unmöglich und hängt vom sportpolitischen Willen ab. Aber das ist zurzeit nicht unser größtes Problem. Wir leben im Moment in einer Welt, die durch Umweltbelastung und Klimakrise am Rand der Selbstzerstörung wandelt. Der Grund dafür ist das egoistische, rücksichtslose und rein gewinnbasierte, konsumorientierte Denken, das in großem Maße unsere Wirtschaft und unser tägliches Leben dominiert. Es stellt sich nicht die Frage, ob sich das Umkehren lässt, sondern wann wir endlich umkehren. Wir können das nicht nur der Politik und den großen Konzernen überlassen, sondern müssen auch uns selbst und unser Konsumverhalten hinterfragen. Und natürlich auch die Art, wie wir Dinge produzieren und mit Mitmenschen und der Natur umgehen. Der jetzige Weg hat keine Zukunft. Die Erde ist etwas Wunderschönes. Und alle Menschen haben es verdient, in Würde und im Einklang mit der Natur zu leben. Aber dazu müssen wir radikal umdenken und können nicht noch 10 oder 20 Jahre warten. Dann ist es zu spät.

„Wir können nicht einfach weiter Fußball spielen“

Ihnen scheint die gesellschaftliche Verantwortung sehr am Herzen zu liegen…

Natürlich! Aber nicht nur, weil es mir nun mal am Herzen liegt, sondern weil es mittlerweile eine Frage des Überlebens geworden ist. Wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten, brauchen wir uns über andere Themen keine Gedanken mehr zu machen. Der Fußball ist ein Teil der Gesellschaft, und er handelt nach den gleichen oft lebensfeindlichen Maximen und Prinzipien, die überall in unseren Gesellschaften zu finden sind. Dass die Wirtschaft nicht für den einzelnen Menschen da ist und wir zumeist nur mit der Absicht produzieren, möglichst viel Gewinn zu erzielen, hat zu vielen Ungerechtigkeiten und unsozialen Folgen geführt. Aber mittlerweile hat es die Erde auch an den Rand des ökologischen Kollapses gebracht, mit allen damit verbundenen, unübersehbaren und existenzgefährdenden Konsequenzen. Dagegen müssen wir etwas tun, und zwar alle und sofort. Also auch die Vereine. Zum Glück ist der FC St. Pauli nicht der einzige Verein, der etwas auf der Basis gesellschaftlicher Verantwortung tut, auch wenn vielleicht nur wir uns in der Vermarktung aus Überzeugung Selbstbeschränkungen auferlegt haben. Fast alle Profiklubs sind bezüglich ihres sozialen Engagements auf einem guten Weg, und es gibt viele tolle andere Beispiele wie in Bremen, Freiburg oder Frankfurt. Beim FC St. Pauli unterstützen wir zusammen mit der sehr aktiven Techniker Krankenkasse aktuell das an meinen Namen angelehnte Projekt „e-Wald“, unter Zuhilfenahme einer App der Organisation „Plant for the Planet“.

Was steckt dahinter?

Dort haben Nutzer die Möglichkeit, mit ein paar Klicks durch Spenden Bäume zu pflanzen und sozusagen ihren eigenen elektronischen Wald, also den e-Wald, aufzuforsten und damit langfristig zur Reduzierung von CO2 in der Atmosphäre beizutragen. Pflanzen wir weltweit 1000 Milliarden neue Bäume, können wir den weiteren Anstieg der Erdtemperatur bremsen und uns Zeit für weitere grundlegende Veränderungen verschaffen. Der Klimawandel ist zur Zeit die gefährlichste, aber auch nur eine Folge unserer Art, Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren. Wir können die Dinge nicht losgelöst voneinander betrachten. Schaffen wir einen radikalen Wechsel in unserer Ausrichtung, bewahren wir die Erde nicht nur vor dem Kollaps, sondern können endlich auch Hunger, Armut und Ungerechtigkeit bekämpfen sowie für Gleichheit, Bildung, Frieden und nachhaltige Entwicklung auf der Welt sorgen. Ein Verein hat alle Möglichkeiten der Welt, etwas zu tun. Das muss unser Ziel sein. Wir können nicht einfach weiter Fußball spielen und so tun, als würde uns das alles nichts angehen. Das betrifft neben den Vereinen jeden einzelnen Menschen, aber auch Organisationen und alle Unternehmen.

Sie sprechen die gesellschaftliche Verantwortung der Vereine an. Inwiefern ist Fußball ein Spiegelbild dafür, was neben dem Rasen passiert?

Der Fußball findet ja nicht im luftleeren Raum statt. Wie schon angedeutet, geht es auch bei uns darum, wie wir Produkte für unser Merchandising herstellen lassen, wie wir an Spieltagen mit Lebensmitteln umgehen, wieviel Abfall oder Plastikmüll wir produzieren, wie wir mit Mitarbeitern oder Nachwuchsspielern umgehen, kurz: wie nachhaltig und sozial wir uns als Arbeitgeber und Organisation verhalten. Dazu sind wir als Verein in einer Konkurrenzsituation mit anderen Vereinen. Wir sind nicht in den USA, wo man ein Franchise-System hat und sich niemand Sorgen machen muss, dass er absteigt (dafür gibt es viele andere Nachteile). Ein Abstieg ist für die Vereine oftmals mit großen wirtschaftlichen Risiken verbunden. Vor allem wenn du in die 3. Liga absteigst, dann bist du im finanziellen Nirwana gelandet, was zumeist nur mit entsprechenden Financiers aufgefangen werden kann. Und wenn die anderen ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten nutzen und du nicht im gleichen Maße, dann hast du schon mal einen strukturellen Nachteil. Trotzdem müssen wir mitziehen, wenn wir mithalten wollen. Dabei gehen wir schon genug Kompromisse ein, und das wissen unsere Fans auch. Ansonsten müssten wir europaweit eine eigene Liga gründen. Nur mit Vereinen, die sich an unserer Ausrichtung orientieren.

Das Interview erschien in Ausgabe #37: Jetzt nachbestellen

„Viele Menschen haben den Glauben an die Politik verloren“

Was wiederum mit finanziellen Verlusten einhergehen würde…

Natürlich. Die Hauptfinanzierungsquelle sind die TV-Verträge und über den damit verbundenen Verbreitungsgrad unsere Sponsoren- und Werbeverträge. Und das in den großen Ligen mit Publikumswirksamkeit. Die Konkurrenzfähigkeit stößt an Grenzen, wenn in anderen Ligen wesentlich mehr Geld im Umlauf ist, wie z.B. in der englischen Premier League. Da verdienen die Spieler einfach besser. Ob der Fußball da so viel besser ist? Bei den Top-Vereinen schon, weil die sich die besten Spieler der Welt holen können. Dadurch ist dort die Konkurrenz an der Spitze auch größer als bei uns.

Welche Rolle spielt die Politik im Sport?

Sport und Politik hatten schon immer etwas miteinander zu tun. Das hat es schon im alten Rom gegeben. Schon damals wurden dem Volk Gladiatorenkämpfe präsentiert, um es zu beruhigen. Und die Gladiatorenkämpfe von heute sind offensichtlich Fußballspiele. Dass die Politik sich über den Sport präsentieren will, haben wir auch schon gefühlt hundert Mal erlebt. Sei es bei den Olympischen Spielen 1936 mit dem NS-Regime oder bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien, als unter den Augen einer Militärdiktatur gespielt wurde. Tausende Menschen wurden dort ermordet und wir sind hingefahren und haben Fußball gespielt. Das ist ein düsteres Kapitel unserer Nationalmannschaft.

Aktuell befindet sich die politische Landschaft in Deutschland im Wandel, Parteien wie die AfD fahren Rekordergebnisse ein. Merken Sie sowas auch auf den Rängen?

Beim FC St. Pauli eher nicht, denn unsere Fans haben sich da klar positioniert. Wenn ich mich aber in Europa umschaue, dann gibt es immer wieder Beispiele, wie leider auch in Italien, wo farbige Spieler rassistisch beleidigt werden. Das ist unterirdisch. Ich weiß aber nicht, ob das nur als Rechtsruck einzuordnen ist. Viele Menschen haben den Glauben an die Politik verloren. Weil wir in den letzten Jahrzehnten viele Politiker hatten, die mehr an ihrer Karriere als an den sozialen Werten interessiert waren, für die sie stehen sollten. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der rücksichtslos gewirtschaftet wird. Ohne Rücksicht auf den Menschen, ohne Rücksicht auf die Natur und ohne Rücksicht auf nachhaltige Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden. Seit Beginn der Kolonialisierung plündern wir Länder in Afrika oder sonst wo aus, haben ethnische Konflikte befördert, liefern dazu noch Waffen in alle Welt und wundern uns dann auch noch darüber, wenn Menschen aus diesen Ländern zu uns kommen, um der Armut und den Kriegen zu entfliehen. Die Politik und die Wirtschaft müssen für alle Menschen da sein und nicht nur für einige wenige Eliten oder die industrialisierten Länder.

Spiegeln sich solche Entwicklungen auch auf dem Fußballplatz wider. Verroht das Spiel immer mehr?

Auf dem Platz sicherlich nicht. Das Gegenteil ist eher der Fall. Zu meiner Zeit als aktiver Spieler hat ein Menschenleben, salopp gesagt, auf dem Fußballplatz nicht viel gezählt. Das ist schon besser geworden, auch wenn wir vor allem bei dem Spieltempo heutzutage andere Schwerpunkte setzen sollten. Wir diskutieren ewig über die Auslegung bei Handspiel, dabei sehe ich manchmal Fouls im höchsten Tempo, die viel schlimmer sind. Es weiß kaum noch jemand, wie brutal es früher auf dem Fußballplatz war, weil es eben nicht so sehr mit den Kameras eingefangen wurde. Bei vielen Spielen war gar keine Kamera dabei, heute siehst du jede Szene gefühlt aus 47 Perspektiven.

Sie haben eben diskriminierendes Verhalten gegen farbige Spieler im Ausland angesprochen. Was denken Sie, wenn Sie sehen, dass ein Spieler wie HSV-Profi Bakery Jatta wegen eines falschen Zeitungsberichts ausgepfiffen wird, wenn Vereine deswegen gegen eine Spielwertung Protest einlegen?

Unsere Gesellschaft ist so aufgebaut, dass fast immer das Geld an erster Stelle steht. Auch im Fall Bakery Jatta. Weil die Sport Bild ihre Magazine verkaufen will. Da ging es nicht um Gerechtigkeit. Weil niemand geschädigt wurde. Selbst wenn er falsche Angaben gemacht haben sollte, liegt er hier niemandem auf der Tasche. Sollen wir ihn jetzt zurückschicken nach Gambia, drei Scouts hinterherschicken und ihm dann wieder einen Vertrag geben? Das ist doch absurd. Man kann förmlich fühlen, wie verlogen diese ganze Geschichte ist. Das Verhalten der Vereine möchte ich gar nicht kommentieren. Das war armselig.

Bakery Jatta spielt seit 2016 für den Hamburger SV
Bakery Jatta spielt seit 2016 für den Hamburger SV (Getty Images)
„Die NPD rekrutierte Mitglieder in den Fan-Gruppen“

Ein anderes Beispiel ist der Chemnitzer FC, wo Kapitän Daniel Frahn wegen Kontakten zu rechtsradikalen Gruppen gehen musste. Der Verein wurde dafür von den Fans kritisiert. Sind Rassismus und Ausgrenzung im Fußball größer geworden?

Das denke ich nicht. In den 1970er- oder 80er-Jahren hatten wir viel schlimmere Situationen, als die NPD in die Fan-Gruppierungen hineingegangen ist, um Mitglieder zu rekrutieren. Die grundsätzliche Ausrichtung und auch das Bewusstsein sind positiver und besser geworden. Wir wissen heutzutage  auch viel mehr, alleine durch die sozialen Medien. Wir müssen allerdings hellwach sein, um unsere Demokratie, unser beeindruckendes Grundgesetz und unsere Kultur zu verteidigen. Die Historie hat auch gezeigt, dass rechte Ideologien und Diktaturen oft nur ein Deckmantel dafür sind, handfeste wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, wie z.B. aktuell in Brasilien auf dem Rücken der Natur und der Lebensräume indigener Völker.

Fußball an sich definiert sich oft als weltoffen und als ein Sport, den jeder ausüben kann und in dem alle gleich sind. Passt das heutzutage überhaupt zusammen?

Natürlich, und zwar mehr denn je. Fußball und andere Mannschaftssportarten bieten ideale Voraussetzungen und Möglichkeiten, Menschen aus verschiedensten Kulturen und mit unterschiedlichstem Hintergrund zusammen zu führen. Wenn man dann noch die Chance nutzt, gemeinsame Wertvorstellungen und Lebensprinzipien wie Solidarität, Loyalität, Respekt, Toleranz, Fairness usw. zu leben und besonders im Jugendbereich zu vermitteln, reden wir von viel mehr als einfachem Sporttreiben. Sport verbindet und kann vieles vermitteln, und zwar in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. Nicht nur in Vereinen, sondern auch im Kindergarten und in der Schule. Auch in der sozialen Arbeit, in der Integration und der Inklusion. Überall bietet auch und insbesondere der Fußball als weltweit beliebteste Sportart diese Chancen. Und der Profifußball kann und sollte trotz aller Suche nach dem Erfolg mit gutem Beispiel vorangehen, denn in der heutigen Medienwelt schauen alle auf das Verhalten der bekanntesten Sportler.

„Wir überlassen das Internet irgendwelchen Influencern“

Was kann der Einzelne tun, was tun Sie persönlich dafür, Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden?

Oft hat man gar nicht die Zeit, wirklich nachhaltig etwas zu tun, wenn man in seinem beruflichen Umfeld im alltäglichen Tunnel ist. Mir als Trainer ist das auch nicht anders gegangen. Als Spieler hatte ich damals mehr Zeit, mich auch politisch zu engagieren. Zeit, die mir in dem sehr aufwendigen und oft stressigen Trainerberuf kaum vergönnt war. Und ähnlich wird es vielen Menschen gehen, je nachdem, wie sehr sie durch ihre jeweiligen Tätigkeiten eingespannt und belastet sind. Trotzdem müssen wir alle uns heute die Zeit nehmen, inne zu halten und die generelle Richtung zu überdenken. Wir können täglich etwas tun durch unser Konsumverhalten, können damit auch Druck machen auf Industrie und Politik. Und wir können nachhaltige Projekte unterstützen, aktuell insbesondere für den Klimaschutz, weil es die vordringlichste Aufgabe ist. In meiner jetzigen Position beim FC St. Pauli kann ich zusammen mit unseren Mitarbeitern und Partnern aus dem Kreis unserer Sponsoren und Unterstützer Menschen auf derartige Projekte aufmerksam machen, wie das oben bereits angesprochene Baumpflanzprojekt von „Plant for the Planet“.

Bezogen darauf. Was halten Sie von den sozialen Medien?

Wir überlassen die sozialen Netzwerke und das Internet zu sehr irgendwelchen Influencern, die Kindern und Jugendlichen erzählen, wie sie sich schminken oder was sie anziehen sollen. Die User dieser Portale sind die Währung von heute, mit der über die Werbung viel Geld verdient wird. Und natürlich wird damit unsere völlig überzogene Konsumwelt nur noch weiter reproduziert. Wir müssen diese Netzwerke für andere Entwicklungsziele nutzen. Dafür, einen Perspektivwechsel herbeizuführen, von der gescheiterten Wachstumsphilosophie hin zu einer nachhaltigen und gerechten Entwicklung unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaften. Dafür, auf nachhaltige Projekte aufmerksam zu machen, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, Menschen von der Notwendigkeit einer Umkehr zu überzeugen.

„Dietmar Hopp hat viel gemacht“

Trägt der Fußball mit seinen astronomisch hohen Ablösesummen eine Mitschuld daran?

Die Summen stehen in überhaupt keinem Verhältnis zum Sport. Aber wir haben es zugelassen, dass Leute, die mit dem Fußball gar nichts zu tun haben, Vereine kaufen dürfen und die Ablösesummen in derartige Höhen getrieben haben. Ich wage zu bezweifeln, dass sie damit irgendwelche Gewinne machen. Aber sie können sehr viel zum Negativen bewirken, besonders in der Außendarstellung. Es gibt aber durchaus Investoren, die mit ehrbaren Absichten in einen Verein gehen und ihm treu bleiben, statt wieder Anteile verkaufen zu wollen. Dietmar Hopp hat mit 1899 Hoffenheim sicherlich auch kein Geld verdient, wird aber traditionell angefeindet, weil solche Investitionen natürlich als unfairer Vorteil einer Anschubfinanzierung gesehen werden. Aber er hat für die Region viel gemacht. Ich habe für ihn viel Respekt, weil er sich seiner sozialen Verantwortung bewusst ist.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Profi-Fußballs in der heutigen Zeit?

Das ist ein sehr weites Feld, und wie gesagt, sehen wir Entwicklungen der Globalisierung und unserer generellen Art, zu wirtschaften, natürlich auch im Profi-Fußball. Die Schere zwischen arm und reich geht auch dort immer weiter auf, insbesondere durch die Champions League. Und auch für die Spieler ist körperliche und mentale Belastung durch die inflationäre Gestaltung der Wettbewerbe nicht gerade förderlich, um so lange wie früher auf einem hohen Niveau spielen zu können. Andererseits verdienen sie heute in viel kürzerer Zeit wesentlich mehr Geld als wir seinerzeit in der ganzen Karriere. Der Grund dafür ist die riesige Menge Geld, die mittlerweile im Fußball bewegt und eingenommen wird, in erster Linie über Fernsehrechte und Marketing.

Ihr Klub bleibt davon nicht verschont.

Auch wir beim FC St. Pauli machen das Spiel im Rahmen unserer Leitlinien mit, weil wir mithalten wollen. Weil wir den Fußball auf unsere Art und Weise organisieren und spielen wollen, nämlich unter Beibehaltung unserer Werte und Prinzipien. Und damit eine gewisse Strahlkraft entwickeln, die von vielen Menschen in Deutschland, aber auch international gesehen wird. Wir wollen nachhaltiger werden, unseren geliebten Fußball nicht aus der Hand geben, und gleichzeitig unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Das alles geht aber nur mit Hilfe unserer Sponsoren und Partner, die uns finanziell und strukturell unterstützen, und das deshalb, weil sie ähnlich denken wie wir. Weil sie erkennen, dass rücksichtsloses Wirtschaften und Produzieren ausgedient haben. Und dass die gemeinsame Förderung sozialer und ökologischer Projekte für unsere Zukunft unerlässlich sind.

Interview: Sebastian Hahn

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