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Francesco Totti: Lang lebe der König

Francesco Totti bei seinem letzten Spiel in der Serie A (Getty)

Erst wollte ihn Lazio, dann wollte ihn sogar der AS Rom wegschicken. Doch Francesco Totti blieb und wurde zum Herzen der Roma. Wie alles mit einem Mountainbike begann…

Es war ein sonniger Tag in der italienischen Hauptstadt, der Calcio in einer anderen Ära. 60.000 fieberten dem Saisonstart im Stadio Olimpico entgegen. Die Rücken trugen keine Namenszüge in leuchtendem Art déco, den Rasen betraten gegen 16 Uhr die Roma und Foggia ordnungsgemäß sortiert von Nummer 1 bis 11. Der noch 17-jährige Römer mit der neun hatte keine Vorstellung mehr nötig.

Seit einiger Zeit erkannten die Tifosi ihren Goldjungen aus dem Viertel Porta Metronia auf der Straße. Und der Pennäler, der einst vom Leben als Tankwart träumte, errötete schüchtern bei jedem „Aoh, France, du bist ein ganz Großer!“ An jenem Sonntag begann die Masse nach 20 Minuten aber zu murren. Die ständigen langen Bälle über das pressende Mittelfeld des Gegners offerierten weder Brot noch Spiel. Neuzugang Jonas Thern versuchte sich in der 30. Minute aus dem linken Halbfeld mit dem nächsten hohen Ball in den Strafraum. Daniel Fonseca, ebenfalls neu im Team, legte stark bedrängt per Kopf zurück. Totti rauschte heran und drosch den Ball aus zwölf Metern grußlos mit links zur Führung ins Netz. 4. September 1994, 16.30 Uhr – Tottis erster Serie-A-Treffer.

Ein Fahrrad für ein Tor

Der Reporter der italienischen Sportschau vermittelte das Ereignis nüchtern: „Aus dem Lauf schießt Totti sofort und der Ball ist in den Maschen. Sehr gute Aktion des jungen Römers, der statt Abel Balbo von Beginn an spielte.“ Die Zeitungen ahnten noch nichts von dem historischen Datum und legten ob des enttäuschenden 1:1 schon nach 90 Saisonminuten die ersten Lunten. „Gellende Pfiffe, Roma, du strapazierst die Geduld. Das schwelende Feuer unter der Asche könnte schnell in einen Großbrand ausarten.“

Totti erhielt von der Gazzetta dello Sport eine ordentliche 3+, viel wichtiger erschien ihm allerdings das vereinbarte Treffen mit seinem Onkel. „Er hatte mir für mein erstes Ligator ein Mountainbike versprochen. Junge, ich war besessen von diesem Fahrrad in Azurblau. Eigentlich hätte ich es mir selbst leisten können, doch mit dem Ziel und der Belohnung vor Augen fühlte es sich umso besser an.“

Lazio war sich mit Familie Totti schon einig

Dem Mountainbike folgten 249 Treffer in der Liga, die ihn zum zweitbesten Torjäger in der ewigen Serie-A-Bestenliste machten. Zum führenden Silvio Piola (274) hat es nicht mehr gereicht. Doch um Rekorde muss er sich kaum sorgen, denn für die Roma hält er bei 785 Pflichtspielen und 307 Treffern ohnehin jede erdenkliche Bestmarke. Zudem realisierte kein

Profi der Ligageschichte mehr Doppelpacks (46) oder Elfmeter (71), niemandem gelang je eine zweistellige Torquote in neun Saisons hintereinander, keiner wurde öfter als Totti zum Spieler des Jahres gekürt (fünf Mal). 25 Profi-Spielzeiten insgesamt, das schaffte in Italien lediglich Paolo Maldini – wie Totti ein Leben lang in den gleichen Klubfarben. Nur drei Mal in der Karriere drohte eine befremdliche Couleur.

1989 einigte sich Lazio mit dessen Jugendverein Lodigiani über einen Transfer des 12-Jährigen. Die Roma schickte prompt Abgesandte ins Haus der flammenden Romanista Familie, die zuvor schon dem AC Milan abgesagt hatte, und verhinderte den Spuk. Totti zum Antichristen Lazio? Also wirklich. „Hätten meine Eltern damals Lazio zugesagt, hätte ich sie wohl umgebracht“, schmunzelt Totti bis heute. Zwischen den drei Vereinen entwickelte sich um den Youngster eine regelrechte diplomatische Causa, die die Roma dank 300.000 Mark an Lodigani archivierte.

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„Totti oder ich“

1996 setzte sich Carlos Bianchi auf die Bank, als Totti noch nicht wirklich Totti war. Ein Rotzlöffel, der nie zuhört, wetterte der Argentinier und forderte von Präsident Franco Sensi inständig Ajax-Stürmer Jari Litmanen. Totti stand vor einer Leihgabe zu Sampdoria Genua, als sich am Abend des 13. Februar 1997 Amsterdam und Gladbach zur Rom-Trophäe im Olimpico vorstellten. Der Goldjunge notierte aus 20 Metern gegen Ajax und nach einem Slalom per Lupfer gegen Uwe Kamps zwei Traumtore und die Sache war vom Tisch.

„Wegen der beiden Tore bin ich am Ende doch bei der Roma geblieben“, verriet Totti. Litmanen flog zurück in die Niederlande und als Bianchi insistierte: „Totti oder ich“, flog auch er wenige Wochen darauf. Zuletzt sinnierte Totti vor zwölf Jahren ernsthaft, dem Werben von Real Madrid nachzugeben: „Ich besprach die Situation mit Frau und Eltern. Meine Mutter Fiorella ist schließlich immer noch der Chef. Ich verstand, dass das Zuhause alles ist, wichtiger als mehr Titel, und blieb.“

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„Ich werde bei der Roma sterben“

Die Romanisti atmeten auf, „No Totti, No Party“ — seit 25 Jahren, in denen er zum ältesten Torschützen der Champions League avancierte. Ende September 2014 bei Manchester City cool und doch genial eingeschoben, 38 Jahre und drei Tage. In der Capitale kommt nichts und niemand am „Tottismus“ vorbei. Keine Frage, wer hier neben dem Papst der bedeutendere Francesco ist. Selbst undercover unterm Vespahelm kann er sich nicht ins Zentrum wagen, ohne Massenhysterie und eine überforderte Polizei im Einsatz zu provozieren. Francesco hat für alle herzuhalten.

Die Einwohner der Porta Metronia benannten vor zwei Jahren ihre Piazza um. Dort hängt nun die Plakette: „Piazza Francesco Totti, König von Rom“. Freilich hätte er Rom zum Titelscheffeln verlassen müssen, doch sein Herz ließ ihm keine Wahl. „Ich bin bei der Roma groß geworden, war immer Fan des Vereins und werde bei der Roma sterben“, sagte er einmal. Aus Tottis Mund klingt das nicht nach schalem Pathos.

Totti-Witze machten die Runde

Man würde schließlich auch nicht das Kolosseum aus Rom transferieren, geschweige denn den König der Stadt. Für den Rest des Landes hingegen war Totti eher ein italienisches Pendant zum Ostfriesen. Italien amüsierte sich begeistert an den allerorts kursierenden Witzen, die den Verstand des Capitano durch die Schlucht der Schadenfreude trieben. „Name? – Francesco. – Nachname? – Totti. – Geboren? – Ja.“ Bei einer Reise an den Nil sieht Totti Krokodile und sagt zu seiner Frau erstaunt: „Lacoste hat es echt drauf. Jetzt sind die schon Sponsor von Flüssen.“

Er lachte über sich selbst, sammelte die Kalauer und gab zwei Bücher heraus – Alle Witze über Totti, von mir gesammelt, der komplette Erlös ging an UNICEF. Die Selbstironie fand Anklang. „Die meisten waren ja tatsächlich sehr lustig. Außerdem war es eine selbstreinigende Phase, die Bücher herauszubringen. Man versteht mehr von den Schattenseiten der Popularität“, begründete der Römer. Von Popularität kann er reichlich plaudern. Geboren? Si. In der Ewigen Stadt und seither Ikone.

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Die Hochzeit live im Fernsehen

Totti ist die letzte so genannte „Bandiera“ (Flagge) des Calcio, weil er nie für einen anderen Klub kickte. Auch deshalb geht sein Status in einer der hysterischsten Fußballstädte Italiens weit über den des Spielers hinaus. Sein Name und Konterfei zieren Wände, sie rufen ihn „unser Jungchen“.

Die Hochzeit mit TV-Sternchen Ilary Blasi am 19. Juni 2005 wurde zum Medienereignis. Der Sender Sky24 berichtete auf seiner Nachrichtenplattform damals stundenlang, am Ende mussten aufgrund des großen Andrangs sogar Bushaltestellen verlegt oder gesperrt werden. „Manchmal ist es erdrückend, doch ich stehe bei dieser Stadt in der Schuld“, sagt Totti. „Letztens wollte ich meinem Sohn beim Kicken zuschauen, schrieb jedoch die ganze Zeit Autogramme und sah keine Sekunde des Spiels. In solchen Momenten wäre ich gerne Vater, nicht Francesco.“

In Roms Krankenhäusern besucht er ohne Medienhype regelmäßig krebskranke Kinder, er unterstützt die römischen Tierheime, und sein Labrador Ariel rettete 2008 ein Mädchen in Seenot – viel mehr geht nicht. Oder?

„Ich hätte irgendwann gerne das Sagen bei der Roma. Dann würde ich alle rauswerfen, nur meine besten Kumpels einstellen und ein Weltklasse-Team aufbauen“, sinnierte er kürzlich.

So ganz wird er wohl nie aus dem Panorama der Heimat verschwinden. Damals, noch vor dem ersten Tor, rahmte er sich eine Zeitungs-Kolumne von Mitspieler Giuseppe Giannini ein: „In zwei Jahren hinterlasse ich Francesco mein Erbe.“

Giannini riefen sie den Prinzen, er hinterließ die gelbrote Nummer zehn auf ewig dem König.

Oliver Birkner

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