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Fritz von Thurn und Thaxis: Auf ewig Mensch

Fritz von Thurn und Taxis kommentierte jahrelang die Bundesliga

„Ich wurde gehasst“, sagt Fritz von Thurn und Taxis im Interview mit dem Socrates Magazin. Der Österreicher war dabei eigentlich immer er selbst und wurde so zu einer TV-Legende. Stolz ist er aber nur auf seine Frau.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #17

Fritz von Thurn und Taxis, nach 46 Jahren als Kommentator und Moderator im TV-Geschäft: Empfinden Sie im Rückblick auf Ihre Karriere Stolz?

Stolz ist nicht das richtige Wort. Das kommt mir nicht so gut über die Lippen. Eher Zufriedenheit und Dankbarkeit. Stolz bin ich auf meine Frau Bea. Es geht eher um die Anerkennung. Jeder Mensch möchte für das, was er macht, Anerkennung erfahren. Aber dafür geliebt zu werden? Das ist mir zu hoch gegriffen.

Zu Ihrem Abschied vom Mikrofon gab es zahlreiche Geschenke.

Wenn einige Leute finden, dass das alles ganz in Ordnung war, was du gemacht hast in deinem Beruf, gibt einem das ein gutes Gefühl. Sven Haist, ein Kollege von Sky, der auch für die Süddeutsche Zeitung schreibt, hat sich die Mühe gemacht, Briefe von Weggefährten und Kollegen einzufordern und als Buch binden zu lassen. Von Beckenbauer, Hoeneß, Wasmeier, Kühnhackl und so weiter. Als ich das gelesen habe, sind mir vor Rührung die Tränen gekommen. Von Sky bekam ich auf der Abschiedsfeier: mich selbst. In Lebensgröße! 1,90 Meter hoch, angezogen. Mit Schnurrbart, mit allem Drum und Dran. Die Figur passte tatsächlich nicht ins Auto, wurde mir einen Tag später geliefert. Als es klingelt, rufe ich: ‚Wer ist da?‘ –‚Post!‘ – ‚Was haben Sie denn?‘ – ‚Einen Mann?!‘ – ‚Ah, ich weiß schon.‘

Wo steht das gute Stück heute?

Im Speisezimmer, rechts an der Tür, etwas versteckt. Wenn meine Frau und ich wegfahren, kümmern sich Nachbarn um Blumen und Briefkasten. Wir hatten nichts gesagt, die gute Dame ist beim ersten Mal Blumen gießen beinahe in Ohnmacht gefallen vor Schreck. Selbst ich erschrecke immer noch, wenn ich mich da sehe. Weil die Figur im Gesicht so blass ist, hat meine Frau sie geschminkt und ihr eine Kappe aufgesetzt.

Wenn sich der Stolz nicht auf das Erreichte bezieht, dann auf Erlebnisse oder Ereignisse?

Im Radio und Fernsehen habe ich im Grunde alles gemacht – als Kommentator und Moderator. Bei Blickpunkt Sport im Bayerischen Fernsehen war ich ein Mann der ersten Stunde. Gut, die Sportschau habe ich nicht moderiert. Aber ich war auf der ganzen Welt unterwegs, habe Magic Johnson bei einem NBA-Auswahlspiel getroffen, habe Wayne Gretzky kommentiert, hatte mit Franz Klammer zu tun – und, und, und. Das alles konnte ich nur so ausleben, weil ich die richtige Frau gefunden habe. Sie hat mir in über 40 Jahren Ehe immer den Rücken freigehalten.

Ist in all Ihren Berufsjahren eine gute Freundschaft entstanden?

Mein bester Freund ist meine Frau. Prinzipiell habe und hatte ich gute Kontakte zu Sportlern, aber nie über eine gewisse Linie hinaus. Keine Freundschaften – ganz nach Hanns Joachim Friedrichs, dem ehemaligen Tagesthemen-Moderator, der gesagt hat: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Anders gefragt: Gibt es bestimmte Momente in Ihrer Karriere, auf die Sie stolz sind?

Ich formuliere es mal so: Im Rückblick bin ich glücklich und dankbar, außergewöhnliche Momente miterlebt zu haben. Etwa 1972, während der Olympischen Spiele in München, als IOC-Präsident Avery Brundage nach dem Terroranschlag auf die israelische Mannschaft während der bedrückenden Trauerfeier diesen legendären Satz sagte: „The Games must go on!“ Damals live im Olympiastadion dabei zu sein, war für mich als junger Reporter ein echtes Gänsehauterlebnis, das bis heute nachwirkt. Der Brundage-Satz ist in seiner Wirkung vergleichbar mit dem Ausspruch von US-Präsident John F. Kennedy 1963 vor dem Rathaus Schöneberg: „Ich bin ein Berliner.“ Auch dieser Satz bleibt für immer stehen. Ich erinnere mich an viele solcher Momente wie der 1972 in München in meiner Laufbahn.

Sky schenkte TuT zum Abschied - ihn selbst

Sky schenkte TuT zum Abschied – ihn selbst

Welche noch?

Für Sky-Vorgänger Premiere übertrug ich 2002 in Seoul das WM-Eröffnungsspiel Frankreich gegen Senegal, der Titelverteidiger mit dem großen Zinédine Zidane gab sich die Ehre. Als ich eine halbe Stunde vor Anpfiff im Stadion saß und mich vorbereitet habe, dachte ich mir: Gleich wird die ganze Welt über Fernsehen und Radio hier in Seoul in dieser Arena zusammengeschaltet – und ich mittendrin. Das hat mich sehr bewegt. Ähnlich war es wenige Monate zuvor in Salt Lake City.

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Bei den Olympischen Winterspielen?

Richtig. Wenige Monate nach 9/11, nach den Terroranschlägen von New York 2001. Eigentlich war geplant, dass ich für die Premiere vor Ort im deutschen olympischen Haus moderieren sollte. Einen Monat vorher beschlich mich ein diffuses Bauchgefühl: Ich wollte nicht hin. Also habe ich mit Premiere-Sportchef Carsten Schmidt gesprochen. Er hat es akzeptiert, ich sollte stattdessen die Moderation aus der Heimatredaktion übernehmen. Am Ende habe ich mich entschieden, doch zu fliegen. Für die Eröffnungsfeier der Winterspiele war Gerd Szepanski als Kommentator eingeplant, er fiel jedoch kurzfristig aus. Also sprang ich für ihn ein. Dann sitze ich plötzlich in diesem kleinen Stadion in Salt Lake City, bei gefühlt minus 30 Grad. US-Präsident George W. Bush eröffnet die Spiele, Flugzeuge der Army donnern über die Arena. Das ging mir sehr nahe, weil ich ja eigentlich gar nicht hinfliegen wollte.

Für Ihre spezielle Art zu kommentieren, haben Sie viel Kritik einstecken müssen.

Weil ich polarisiere. Aber nur wenn du polarisierst, wirst du interessant und unverwechselbar und bleibst nicht beliebig. Manche Zuschauer haben mich gehasst. Immer noch. Ich habe nicht gelesen, was in den sozialen Medien alles über mich geschrieben wurde – das hat mich gerettet. Wenn du da diskreditiert und geschmäht wirst, zum Teil auf übelste Art und Weise, geht dir das schon nahe.

Andererseits entstand im letzten Jahr Ihres Schaffens die Gegenbewegung mit dem Hashtag #fritzlove.

Als klar war, dass ich aufhöre, wurde es plötzlich Liebe. Eine späte Liebe. Die Initialzündung waren die Diagramme, die der Kollege Cord Sauer für FUMS erstellt hat. Die waren einfach gut, richtig witzig.

Auf der Website fussballmachtspass.de wurde nach jedem Spiel ein „Best of“ Ihrer Sprüche am Mikrofon präsentiert.

Herrlich. Viele Kollegen haben mir gesagt, es wird nie wieder jemand so kommentieren wie du, nie mehr. Ich habe meine eigene Sprache Ich wollte eine schöne Mischung hinbekommen, weil sich der Fußball heutzutage zusehends verwissenschaftlicht. Das sieht man an den Trainern und schlägt sich auch mehr und mehr bei den Kommentatoren nieder. Von Szene zu Szene wird da jede Aktion ins kleinste Detail seziert. Dreierkette, Viererkette, Pressing, Gegenpressing. Ich habe auch analytisch kommentiert, aber meine Kritiker haben gesagt: Zu wenig! Ich wollte aber lieber Bilder sprechen lassen.

Ein Beispiel, bitte.

Gerne. Mein Lieblingsbeispiel: In Darmstadt wird vor jedem Spiel das Vereinslied gespielt, der Titel lautet: „Die Sonne scheint“. Sky-Sportchef Burkhard Weber wollte immer, dass wir Kommentatoren schweigen, wenn im Stadion die Vereinshymnen gespielt werden. Damit der Zuschauer die Atmosphäre fühlen kann. Also gut. Bei einem Heimspiel der Lilien war ich vor Ort, der Himmel komplett bewölkt. Als der Song verklingt, beginne ich zu kommentieren: „Die Sonne scheint, aber ich seh sie nicht.“ Dieses Zitat wurde in manchen Medien aus dem Zusammenhang gerissen und verkürzt auf: „Di Sonne scheint, ich seh sie nicht.“ Sofort haben einige Leute geschrieben: „Ist der TT wahnsinnig geworden?“ Andere meinten: „Oder ist er ein Philosoph?“

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Wie verfolgen Sie heute Fußball im Fernsehen?

Ich habe immer noch mein Sky-Abo, schaue aber jetzt weniger. Heute muss mich ein Spiel fesseln. Wenn nicht, lese ich nebenher Zeitung oder gehe lieber mit meiner Frau ins Kino. Wir haben jetzt viel mehr Zeit als früher. Die Entscheidung, aufzuhören, war richtig, ich trauere den alten Zeiten nicht nach. Ich bin müde, habe den Job 46 Jahre gemacht, ununterbrochen an der Front. Ich bin jetzt Rentner – alles ist gut. Aber ganz ohne Fußball geht es nicht.

Ein Selbstlob sei gestattet. Welches wäre dies in Ihrem Fall?

Mich selbst zu loben, ist eigentlich nicht meine Sache. Ich habe immer versucht, die Dinge menschlich zu lösen, ganz normal und bescheiden aufzutreten. Und ich habe immer gedacht, gutes Benehmen ist das Normalste der Welt – aber nein: ist es nicht. Weil ich zu gutmütig bin, weil ich die Härte nicht habe, wollte ich nie Chef werden. Als Chef musst du häufig unangenehme Entscheidungen treffen.

Interview: Patrick Strasser

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