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Jason Kidd und Steve Nash: Gegen den Strom

Als Jason Kidd und Steve Nash in die NBA kamen, waren sie Sonderlinge, die teilweise sogar belächelt wurden. Zwei Jahrzehnte später gelten sie als Visionäre und werden völlig verdient in die Hall of Fame aufgenommen.

Text: Ben Golliver

Als Jason Kidd und Steve Nash zum ersten Mal die Bühne der NBA betraten, es war Mitte der 90er Jahre, ähnelten sie dem besten Basketballer aller Zeiten in keiner Weise. Der „nächste Michael Jordan“ zu werden, war eine Bürde, mit der sich ein gewisser Kobe Bryant plagen durfte. Kidd und Nash waren Point Guards, gesegnet mit Brillanz und darauf gepolt, ihre Mitspieler mit dem richtigen Spielzug zu finden. Ihre persönlichen Stärken standen in krassem Gegensatz zu Jordans gnadenloser Mentalität und ihre Schwächen machten den Graben nur noch tiefer. Kein Gegner wagte es jemals, Jordan einen Wurf zu überlassen oder es mit ihm in der Defensive aufzunehmen. Kidd hingegen wurde spöttisch „Ason“ genannt, da er in seinen ersten Jahren keinen Jumper besaß, während Nashs schmächtige Erscheinung ihn zur Sollbruchstelle in der Verteidigung machte.

Abseits des Prismas Jordan überkamen Kidd und Nash die für ihre Position klassischen Wesenszüge. Kidd war groß, kräftig und in der Lage, kleinere Gegenspieler physisch zu dominieren. Er verteidigte über seine Karriere hinweg auf All-Defense-Team-Niveau und startete Fast Breaks gewöhnlich selbst, dank seiner überragenden Reboundarbeit. Seine Vielseitigkeit erinnerte viele an Magic Johnson, doch fehlte es Kidd an Charisma und Körpergröße. Nash erinnerte an John Stockton: klein, unermüdlich und unendlich selbstlos. Nash spielte seine Pässe mit einer einzigartigen Intuition, und einer Spontaneität, die an einen Spielmacher im Fußball erinnerte, und ihn klar von Stocktons roboterhaftem Stil abgrenzte.

Kidd und Nash schwammen zu Beginn ihrer Karriere gegen den Strom in einer Liga, die von Big Men wie Shaquille O’Neal und Tim Duncan beherrscht wurde. Kidd brachte die New Jersey Nets in den Jahren 2002 und 2003 im Alleingang in die Finals, nur um dort von den Lakers und Spurs, angeführt von Shaq und Duncan, besiegt zu werden. Drüben im Westen kam Nash nie ins Finale. Immer wieder blieb er mit Dallas und später mit Phoenix an Los Angeles oder San Antonio hängen.

Selbst von ihren eigenen Teams wurden die beiden Aufbauspieler bisweilen missverstanden und nicht ausreichend wertgeschätzt. Im Alter von 30 Jahren hatte Kidd Wechsel von den Mavericks zu den Suns und den Nets erlebt, während Nash von Phoenix nach Dallas und wieder zurück transferiert worden war. Kidd wurde insgesamt drei Mal in seiner Karriere abgegeben, stets für weniger talentierte Spieler wie Sam Cassell und Stephon Marbury. Nash hingegen wurde erst im dritten Jahr zu einem Starter. In der Hochzeit seiner Karriere beging Dallas einen fatalen Fehler, ließ den Kanadier in der Free Agency ziehen und zerstörte so die einzigartige Partnerschaft zwischen Nash und Dirk Nowitzki.

Diese häufigen Wechsel wären heute undenkbar, sind Franchise-Point-Guards in der NBA doch mittlerweile ein Luxusgut geworden. Wären beide zehn Jahre später in die Liga gekommen, sie wären behutsam aufgebaut, ausreichend entlohnt und von ihren Teams augapfelgleich beschützt worden. Wie Russell Westbrook, Stephen Curry und Damian Lillard. Stattdessen sammelten Kidd und Nash Siege und Assist-Kronen (beide je fünf), während sie darauf warteten, dass die NBA-Intelligentsia entdecken würde, wie sie am besten einzusetzen seien.

Nash fand sein Glück Mitte der 2000er mit zwei MVP-Titeln, als er die „Seven Seconds or Less“-Suns bis tief in die Postseason führte. Headcoach Mike D’Antoni erkannte, dass es schlauer sei, ein System um Nash herum zu bauen – schnell zu spielen, seine magischen Qualitäten als Spielmacher zu fördern und Schützen um den Point Guard herum zu positionieren. Nash mit Konventionen zu behaften, war erfolglos. Und während die Phoenix Suns ihre Gegner überrannten, wuchs Nash zu einem bedeutenden Gegenpol zu den Jordans, Bryants und Allen Iversons der Welt heran. Die Message: Team-Basketball, der alle Beteiligten einbezog, konnte genauso produktiv sein wie die besten Isolation-Scorer der Liga und dabei sogar effizienter. Das Gesicht dieser Philosophie war Nash, der mit einem der makellosesten Sprungwürfe der NBA-Geschichte regelmäßig 50/40/90-Saisons auflegte und trotzdem stets den Pass zum freien Mitspieler bevorzugte.

Über Jahre hinweg schien es so, als würde Jason Kidds Karriere daran scheitern, dass er allein gelassen wurde. Er schaffte es in All-NBA-Teams und genoss individuellen Erfolg, fand jedoch nie einen kongenialen Partner, wie ihn Magic in Kareem Abdul-Jabbar hatte und Stockton in Karl Malone. Mit Mitte 30 kehrte Kidd zurück nach Dallas. Er war ein anderer Spieler, langsamer und besser aufgehoben, aus der zweiten Reihe zu dirigieren. Allerdings war sein Jumper mittlerweile zuverlässig und er selbst mit mehr Wissen gesegnet. In dieser Zeit fand Kidd, wonach Nash bis an sein Karriereende suchte – eine Meisterschaft. Mit 38 Jahren hatte Kidd erhebliche Spielanteile bei den Mavericks, fütterte Nowitzki, versenkte offene Dreier und trickste LeBron James in den Schlüsselsituationen der Finals 2011 aus.

Obwohl Steve Nash und Mike D’Antoni nie den Titel gewannen, um ihre Revolution zu vollenden, war die Niederlage der Suns gegen die Spurs in den Playoffs 2007 ein markanter Wendepunkt in der Geschichte der Liga. San Antonio malträtierte Nash. Im ersten Spiel der Serie verpassten ihm die Spurs eine blutige Nase, in Spiel 4 kam es zu Robert Horrys berüchtigtem Check mit der Hüfte. San Antonio überstand die Serie und gewann anschließend ohne weitere Niederlage die Meisterschaft. Doch der Suns-Stil, geprägt von Spielwitz, Ballbewegung, Small Ball und vielen Dreiern begann sich in der Liga zu manifestieren und schlussendlich durchzusetzen.

San Antonio gewann 2007 den Kampf, Jahre später ergaben sie sich im Krieg der Philosophien. Als die Spurs 2013 erneut in den Finals standen, spielten sie wunderschönen Team-Basketball und keinen „Bully-Ball“ mehr. Der folgende Aufstieg der Golden State Warriors, die Pace-and-Space zelebrieren, hat das Erbe von Steve Nash manifestiert.

Gemessen an den Normen Mitte der 1990er wirkten Kidd und Nash wie Sonderlinge, als sie in die Liga kamen. 20 Jahre später gingen sie als Vorreiter und Visionäre. Kidd verabschiedete sich 2013 in den Ruhestand, jeweils als Zweitplatzierter in der Ewigen Rangliste für Assists (hinter Stockton) und Triple-Doubles (hinter Magic). Nash verabschiedete sich ein Jahr später als drittbester Vorlagengeber der NBA-Geschichte und dem unglaublichen Verdienst, neun Jahre in Folge der Dirigent einer revolutionären Offensive gewesen zu sein.

All diese Rekorde sind nur teilweise dafür verantwortlich, dass Kidd und Nash in diesem Sommer in die Hall of Fame aufgenommen werden. Mit seinen herausragenden Fähigkeiten in allen Bereichen des Spiels wurde Kidd zur Blaupause für Russell Westbrook und all die anderen Allrounder wie Giannis Antetokounmpo und Ben Simmons. Nash revolutionierte das Tempo, das Layout und die Strategie der modernen NBA-Offensive und bereitete damit die Bühne für Stephen Curry und James Harden, zwei herausragende Talente, die D’Antonis Philosophie mit ihren eigenen Stilmitteln erweiterten.

Gemeinsam haben Jason Kidd und Steve Nash für eine Neuorientierung des Spiels gesorgt. In ihre Fußstapfen tritt eine ganze Generation von unangepassten Spielmachern, die Normen auseinanderbrechen und die NBA in eine fruchtbare Zukunft tragen.

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