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Lauf, Kathrine, Lauf!

Kathrine Switzer beim Boston-Marathon 1967 (Getty)

Die Rennleitung wollte ihr die Nummer abreißen, ihr Freund ihren Lippenstift abwischen. Doch Katherine Switzer blieb hart und lief vor über 50 Jahren einen denkwürdigen Marathon in Boston.

Boston, Massachusetts, 19. April 1967. Der älteste jährlich ausgetragene Marathon in der Geschichte, der Boston Marathon, steht kurz vor dem Startschuss. Eine der 741 Teilnehmer auf der Liste, die in Amberg geborene Journalismus-Studentin K.V. Switzer, spürt das Zittern in ihrem Körper, als sie sich an diesem verschneiten Wintertag die Startnummer 261 ans Shirt heftet.

Während sie langsam zur Startlinie trabt, kommt ihr Tom Miller, ihr Freund, entgegen. Tom gefällt nicht, was er sieht: „Mein Gott, du trägst ja Lippenstift!“ „Ich trage immer Lippenstift. Und? Was ist falsch daran?“ „Jemand könnte merken, dass du ein Mädchen bist, und dich nicht mitlaufen lassen. Wisch ihn ab.“

„Ich werde mir meinen Lippenstift nicht abwischen.“

Dass sie am Marathon teilnehmen kann, hat sie dem Umstand zu verdanken, dass sie große Autoren bewundert und auch selbst eines Tages eine großartige Autorin werden will. Ihre Idole sind T.S. Eliot, J.D. Salinger, E.E. Cummings und W.B. Yeats. Deshalb hat sie ihren Namen auf dem Teilnahmeformular des Marathons als K.V. Switzer angegeben. Ihre Anmeldung geht durch, weil die Verantwortlichen K und V für die Anfangsbuchstaben von Männernamen halten.

Eines der 100 Fotos, die die Welt verändert haben

Nur deshalb kann Kathrine Switzer mit all den anderen Teilnehmern an den Start gehen. Sie hat dabei überhaupt nicht vor, im Namen der Frauenrechte ein politisches Statement zu setzen, sie will nur diesen Marathon laufen, mehr nicht. Sie hat keine Ahnung, dass sie Geschichte schreiben oder in einem der „100 Fotos, die die Welt veränderten“ die Hauptrolle einnehmen wird.

Kathrine ist nicht allein auf der Strecke; ihr Trainer Arnie Briggs, ihr Schulkamerad John Leonard und ihr Freund Tom begleiten sie. Als sie die ersten vier Meilen in lockerem Tempo zurückgelegt haben, kommt ein Pickup mit Pressefotografen vorbeigefahren. Die Journalisten bemerken Kathrine. Alle Objektive sind plötzlich auf sie gerichtet: eine Frau beim Bostoner Marathon! Sogar mit offizieller Startnummer auf der Brust!

„Renn, als wäre der Teufel hinter dir!“

Das rege Interesse der Fotografen lässt beim Rennleiter Jock Semple ein Licht aufgehen. Er stürzt sich zwischen die Läufer und dann direkt auf Kathy: „Verschwinde verdammt noch mal aus meinem Rennen und gib mir die Startnummer!“, faucht er sie an. Kathrine ist verunsichert und bekommt plötzlich Angst vor der eigenen Courage.

Der Boston Marathon ist vielleicht der konservativste aller Marathons und jetzt hat ausgerechnet sie ihm seinen Zauber geraubt und für so ein Durcheinander gesorgt. Doch weiter ins Grübeln kommt sie nicht, denn es wird noch turbulenter.

Als Semple eben im Begriff ist, ihr die Startnummer vom Rücken zu reißen, geht ihr Freund Tom dazwischen und stößt den Rennleiter rigoros zur Seite, und ihr Trainer ruft ihr zu: „Renn, als wäre der Teufel hinter dir her!“ Es ist jetzt kein gewöhnliches Rennen mehr. Kathrine begreift, dass es um mehr geht als ihre fixe Idee, einen Marathon zu laufen, um viel mehr. „Ich werde dieses Rennen zu Ende laufen – und wenn es sein muss auf Händen und Knien!“, schreit sie und rennt los.

Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #25: Hier klicken und nachbestellen
Fußstapfen hinterlassen

Aus ihrer anfänglichen Furcht ist Wut erwachsen, aus ihrer Wut wird unbändige Kraft. Sie läuft und läuft. Vier Stunden und 20 Minuten sind vergangen, als Kathrine Switzer die Ziellinie überquert. Und zwar mit Ohrringen und aufgetragenem Lippenstift. Die Sportwelt hat sich geirrt: Auch Frauen können Marathon laufen. Sogar nach einer groben Attacke eines neunmalklugen Besserwissers.

Die 20-jährige K.V. Switzer hat mit ihrem Einsatz eine Männerdomäne in ihren Grundfesten erschüttert und den Lauf der Sportgeschichte nachhaltig verändert, auch wenn sie und ihre Leidensgenossinnen noch einige Jahre erbittert um Gleichberechtigung kämpfen mussten. 1972 kippte das Dogma in Boston, seit 1984 laufen Frauen den Marathon bei Olympischen Spielen. So wurde sie zur „Suffragette“ des Marathons.

Wenn Switzer heute an das in Boston Geschehene zurückdenkt, stellt sie fest: „Ich startete beim Boston-Marathon als Mädchen und beendete es als erwachsene Frau.“ 2017, am 50. Jubiläum des unvergesslichen Tages, lief sie wieder mit, um diesen Tag zu ehren.

Am Ende des Marathons verabschiedete sich die Nummer 261 dann ein für allemal vom Marathon. K.V. Switzer mag nie eine bedeutende Schriftstellerin wie ihre Idole T.S. Eliot, J.D. Salinger, E.E. Cummings oder W.B. Yeats geworden sein, aber sie hat zum Trotz aller sexistischen Bestrebungen, die in fast allen Sparten des Sports Fuß fassen wollten, ihre Initialen in der Sportgeschichte hinterlassen.

Furkan Karasoy

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