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Kevin De Bruyne: „Acht Millionen sind Trinkgeld“

Kevin De Bruyne wechselte für 75 Millionen Euro zu Manchester City

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Kevin De Bruyne, es heißt, Sie seien kein guter Verlierer. Stimmen Sie zu?

Es stimmt und war schon so, als ich noch ganz klein war. Mittlerweile läuft es besser, vor allem wenn wir zu Hause spielen, Monopoly zum Beispiel. Aber früher war Verlieren einfach ein Ding der Unmöglichkeit und ich war unerträglich.

Wie ist es auf dem Fußballplatz?

Ich bin kein schlechter Verlierer, sondern eher ein guter Gewinner. (lacht) Ich bin jetzt ein erwachsener Mann und Familienvater, das hat schon dafür gesorgt, dass ich ruhiger geworden bin.

Sie sprechen die Familie an. Wie war es für Sie, schon sehr früh das Elternhaus zu verlassen und nach Genk zu wechseln?

Das war nicht einfach. Ich war erst 13, 14 Jahre alt. Ich habe meine Eltern gebeten, ins Fußballinternat zu gehen und zu einer Pflegefamilie zu ziehen. Ich wollte meine Chance suchen. Und plötzlich war ich allein, ohne meine Eltern. Aber diese Zeit hat mich sicherlich geprägt. Ich bin zwar in einer neuen Familie gelandet, aber es war halt nicht meine. Als ich 18 wurde, habe ich allein gelebt. Ich musste also allein kochen, waschen, putzen und all diese Dinge erledigen. Das war eine gute Schule, dadurch bin ich schneller erwachsen geworden, weil ich gezwungen war, anders zu leben als ein normaler 18-Jähriger. Das gilt aber auch für andere Bereiche.

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Hatten Sie nie das Gefühl, etwas zu verpassen?

Ich sage immer: Wenn man es wirklich schaffen will im Leben, dann muss man selbstbewusst auftreten und alles geben. Wenn man aber ein paar Prozent nachlässt, wenn man etwa an seinen Zielen zweifelt, dann schafft man nichts. Ich wusste, dass es die richtige Entscheidung ist. Bis heute ist das so: Wenn ich eine Entscheidung treffe, bin ich überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben. Als ich zum VfL Wolfsburg ging und anschließend zu Manchester City, waren das Entscheidungen aus tiefster Überzeugung. Ich war davon überzeugt, dass es zum jeweiligen Zeitpunkt die für mich beste Option war. Ich bin immer von dem überzeugt, was ich tue.

Ihrem Spiel wohnt eine große Leichtigkeit inne. Woher kommt die?

Fußball ist Business, aber es ist und bleibt auch ein Spiel. Auf dem Rasen will ich Spaß haben, ich will mich einfach amüsieren, das ist meine Einstellung. So sehe ich den Fußball.

Klingt kinderleicht. Was ist mit der immensen Erwartungshaltung, die von außen an Sie herangetragen wird?

Auch wenn der Druck bei jedem Spiel groß ist, will ich in erster Linie Spaß haben. Wenn ich keinen Spaß empfinde, dann kann ich mein Potenzial mit Sicherheit nicht abrufen. Egal ob wir gewonnen oder verloren haben, bleibe ich der Gleiche und verhalte mich zu Hause wie immer. Ob es um ein großes oder ein weniger großes Spiel geht, unterscheide ich gar nicht. Es ist und bleibt ein Spiel. Es gibt einige Spieler, die nach einem wichtigen Sieg abheben und bei einer Pleite nervös werden. Ich sehe mich irgendwo dazwischen. Egal was passiert, ich habe die Gabe, alles zu relativieren.

Echt?

Das finde ich wirklich. Ich liebe Fußball und in meinen Augen ist das das Entscheidende. Wenn man seinem Job ohne Freude nachgeht, dann wird man die Erwartungen nicht erfüllen können.

Sie sprachen an, welch gute Entscheidungen die Wechsel nach Wolfsburg und dann nach Manchester waren. Kein gutes Pflaster war hingegen der FC Chelsea.

Auch wenn ich selten zum Einsatz kam, war es eine gute Schule. Tagtäglich mit hochkarätigen Spielern zu arbeiten, hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Vielleicht habe ich damals nicht so oft gespielt, weil ich nur acht und nicht 50 Millionen gekostet hatte. Für mich sind acht Millionen eine Menge Geld, aber im Weltfußball und besonders in England ja inzwischen nur noch ein Trinkgeld.

Wie haben Sie sich gefühlt in dieser Zeit? Allzu viel Spaß kann es Ihnen dort ja nicht gemacht haben.

Es gab Momente, in denen ich frustriert war, vor allem weil man so gut wie nie mit mir gesprochen hat. Ich wusste ehrlich nicht, warum ich nie zum Einsatz kam. Das war schon brutal. Auch wenn ich im Endeffekt sechs Monate nicht gespielt habe, war es eine lehrreiche Zeit. Vielleicht wäre ich ohne diese Etappe nicht so weit gekommen. Außerdem war mir die Erfahrung nützlich, als ich nach der Zeit in Wolfsburg nach England zurückkehrte und die Liga schon kannte.

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Kam der Wechsel zu Chelsea damals zu früh?

Das kann man wohl so sehen. Ich war erst 19. Es war ein völlig anderes Leben, eine neue Kultur. Aber es ist im Nachhinein betrachtet nicht dramatisch. Es dauerte ja nur ein halbes Jahr. Sechs Monate nicht zu spielen, ist in einer Karriere alles andere als schlimm.

Im Sommer 2015 waren Sie nicht mehr für ein Trinkgeld zu haben. City überwies gut 75 Millionen Euro nach Wolfsburg. Was macht das mit einem Spieler?

Diese Zahlen gehen mich nichts an. Sie sind einfach nicht mein Problem. Man sagt, dass der Druck damit automatisch noch größer wird, aber darum kümmere ich mich nicht. Das kann ich ganz gut ausblenden. Bei Manchester City verläuft alles extrem gut. Ich bin mehr als glücklich. Der Rest ist nicht wichtig. Aber mir ist auch bewusst, dass es im Fußball sehr schnell gehen kann. Es gibt in einer Profi-Karriere viele Höhen und Tiefen.

In der öffentlichen Wahrnehmung aber markierte der Transfer Ihren Aufstieg zu einem internationalen Superstar. Haben Sie das wahrgenommen?

Das mag ja sein, aber damit kann ich mich ja auch beschäftigen, wenn ich die Schuhe eines Tages an den Nagel gehängt habe. Momentan nehme ich es gar nicht wahr, weil ich mich allein auf die Spiele fokussiere und mich der Rest, ganz ehrlich, nicht wirklich interessiert.

Socrates auf Facebook

Träumen Sie konkret von bestimmten Zielen oder Titeln?

Eigentlich gar nicht. Ich möchte nur so viele Titel wie möglich gewinnen. Ich will nicht nur die Premier League holen, sondern auch den FA Cup und die Champions League. Und wenn es geht, würde ich am liebsten alles gleichzeitig gewinnen, um in die Geschichte einzugehen. Das wäre das Optimum. Aber um das zu schaffen, sollte man darüber so selten wie möglich nachdenken, sonst wird es wohl nicht klappen.

Hatten Sie als Jugendlicher ein Idol?

Michael Owen. Er war mein Lieblingsspieler. Er war schon immer meine Nummer eins. Bis auf den englischen Meistertitel hat er immerhin alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Sogar den Ballon d’Or hat er sich geangelt. Auch ich will alles gewinnen, und zwar mit Manchester City. Dort fühle ich mich pudelwohl.

Das Interview erschien in Ausgabe #35

Sie vermitteln stets den Eindruck, nie an sich zu zweifeln. Stimmt das?

Das stimmt. Im Endeffekt sollte man nie vergessen, auch wenn es mein Beruf ist, dass der Fußball ein Spiel ist und ein Spiel bleibt. Die Leute können erzählen, was sie wollen: Ich bin mit mir im Reinen und das ist in meinen Augen das Wichtigste, um mich bestens zu entwickeln. Wenn man 60 oder 70 Spiele pro Jahr bestreitet, dann kann man nicht immer gut sein. Das ist einfach unmöglich. Wir sind keine Maschinen.

Sie haben schon mit 23 eine Autobiographie geschrieben. Wie kam es denn dazu?

Ich wollte einfach ein paar Sachen klarstellen und ich hatte es satt, dass man immer wieder für mich sprach. Ich wollte erzählen, was in meinem Leben genau passiert ist, als ich 12, 13 Jahre alt war. Ich wusste von klein auf genau, was ich erreichen wollte. Wenn man als kleiner Junge seiner Familie erklärt, dass man von zu Hause wegmöchte, um bei einem großen Klub Fuß zu fassen, dann fällt die Reaktion unter Umständen nicht so aus, wie man sich das erhofft hat. Es hagelte damals Kritik. Das war hart. Ich wollte erklären, warum ich mich so verhalten habe und wer ich wirklich bin.

Interview: Alexis Menuge

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