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Kevin Kuranyi im Interview: „Ich war der Schlechteste“

Kevin Kuranyi ist Spielberater (Getty Images)

Es gibt Fehler, die Kevin Kuranyi bereut, aber ansonsten ist der ehemalige Stürmer sehr zufrieden mit einer Karriere mit weit über 500 Spielen für den VfB Stuttgart, Schalke 04 und Co. Im Interview erzählt er, wie er aus wenig Talent viel machte und warum Julian Nagelsmann eine Universität ist.

Kevin Kuranyi, wie sieht heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, bereite die Kinder für die Schule vor und fahre sie um viertel vor acht dort hin. Danach gehe ich ins Fitnessstudio, um fit in den Tag zu starten. Dann beginnen schon die Termine. Da kann es um meine Immobilien gehen oder um die Spieler, die ich betreue. Da steht viel an. Als Rentner hat man viel zu tun (lacht).

War das Leben als Fußballer entspannter?

Es war einfacher. Man wusste ganz genau: Am Morgen wird mit der Mannschaft gefrühstückt, dann gibt es Training und mittags ist man schon fertig. Und jetzt muss man genau planen, den Tag oder die Woche vorbereiten. Treffe ich heute den Stadtrat oder erst # morgen? Wann kommt der Projektplaner? Am Wochenende schaut man sich dann weiter die Fußballspiele an, aber das muss alles gut vorbereitet werden.

Sie sagen es: Als Spieler war ein Training oder ein Spiel immer ein Ziel. Was passiert, wenn dieser Ankerpunkt plötzlich weg ist? Wie kompensiert man diesen?

Ich musste mir Zeit geben. Ich musste das tatsächlich erst einmal verarbeiten und verstehen, wie mein Leben nun weitergeht. Ich war nicht mehr der Fußballer. Ich musste mir neue Ziele setzen, um neue Orientierungspunkte im Leben zu haben. Es war aber nicht so, dass es nur Nachteile hatte. Der Fußball ist auch mit viel Stress und Druck verbunden. Diesen nicht mehr zu haben und die Freizeit zu genießen, war sehr wichtig. Daher war es mir auch wichtig, nicht direkt irgendwo einzusteigen und den nächsten Schritt zu machen.

Wie viel Zeit haben Sie gebraucht?

Ein paar Monate. Es kann sein, dass ich etwas länger gebraucht habe als der eine oder andere. Aber es hat mir und meiner Familie gutgetan.

Ist die Familie von Ihnen eigentlich schon genervt?

Anfangs war sie das, ja. Da bin ich auch schon mal rausgeworfen worden (lacht). Spaß beiseite: Man gewöhnt sich an alles. Jetzt bin ich öfters und zu anderen Uhrzeiten zu Hause und kann viel mit meinen Kindern reden. Das kam ja in den Jahren als Profi oft zu kurz. Jetzt kann ich zum Beispiel auch öfter zum Training meines Sohnes gehen oder ihn den ganzen Tag begleiten, wenn er bei einem Turnier ist. Oder Dinge mit meiner Tochter unternehmen, die früher schwierig waren, als ich permanent unterwegs war.

Fänden Sie es okay, wenn Ihr Sohn Fußballprofi werden will?

Ja, natürlich. Jeder muss seinen Traum leben. Wenn es sein Traum ist, Profifußballer zu werden, werde ich ihm das nicht ausreden. Aber ich werde ihm auch sagen, dass er hart arbeiten muss, weil Millionen von Kindern den gleichen Traum haben. Träumen kann jeder, den Traum verwirklichen nicht.

Fragt er schon, wie Sie es geschafft haben?

Ja.

Und was sagen Sie ihm?

Schauen Sie … Ich hatte nicht viel Talent als Kind, aber das, was da war, habe ich gut ausgeschöpft. Als ich zehn Jahre alt war, war ich der Schlechteste. Ich dachte mir: Nein, das muss besser werden und ich habe mich Jahr für Jahr verbessert, bis ich es geschafft habe.

Jetzt müssen Sie aber allen schlechten Fußballern den ultimativen Tipp geben, wie Sie das geschafft haben.

Natürlich gehört da auch Glück dazu. Zu meiner Jugendzeit hatte der VfB Stuttgart nicht viel Geld, um teure Spieler zu holen und musste auf die Jugend setzen. Das war meine Chance. Ich habe sie genutzt. Ich war ein Kämpfertyp. Ich wollte immer besser werden. Ich wollte immer Neues lernen. Ich habe immer zugehört und ich habe den Personen, die mich besser machen wollten und mir das Fußballspielen beigebracht haben, immer Respekt gezeigt.

Weil Sie diese Respektspersonen auch gebraucht haben?

Ja. Ich war alleine in Deutschland. Es gab keinen Papa oder keine Mama, die mir den Kopf streicheln oder mir helfen konnten. Es gab nur mich und ich musste es schaffen – auch um meine Familie irgendwann nach Deutschland holen zu können, um sie in meiner Nähe zu haben. Gott sei Dank habe ich es geschafft.

Als jemand, der sich schon als Kind über Ziele definiert hat, müssen Ihnen Ziele nach wie vor wichtig sein.

Das stimmt. Ob ich jetzt Fußballer oder Frührentner bin, spielt keine Rolle. Es gibt immer etwas zu erreichen.

Gibt es Ziele, die Sie nicht mehr verfolgen?

Ich will nicht mehr Profifußballer werden.

Sind Sie zufrieden, wie Ihre Karriere verlaufen ist?

Eigentlich ja. Aber ich habe auch Fehler gemacht, obwohl sie vielleicht wichtig waren, um aus ihnen zu lernen. Eine Karriere ohne Fehler schafft kaum einer. Die, die es schaffen, werden zu Weltstars. Aber ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, denn es hätte auch schlechter laufen können.

Was war der größte Fehler?

Die Stadionflucht damals bei der Nationalmannschaf in Dortmund. Sie hat meine Karriere markiert. Eine andere Entscheidung wäre da wohl besser gewesen.

Glauben Sie, dass der Typ Kevin Kuranyi durch diese Aktion in Deutschland fortan anders gesehen wurde?

Es entstand dadurch sicherlich ein etwas anderes Bild von mir. Es entstand eine Figur, die ich nicht bin, sondern eine, die von den Schlagzeilen in den Zeitungen geformt wurde. Aber da bin ich selbst schuld.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass Sie nie eine Nebenrolle innehatten, sondern immer auffielen. Hat das mehr geholfen oder gestört?

Ich denke, es hat meinen Klubs geholfen. Klar habe ich immer polarisiert, aber ich habe immer für meine Mannschaften gekämpft, ging immer vorneweg und habe ab und zu meine Meinung gesagt, ohne dabei den Respekt zu verlieren. Ich habe nur bei vier Klubs gespielt, bei drei Klubs sogar sehr lange. Wäre ich ein Problemfall gewesen, hätte ich nicht so lange bei diesen Klubs gespielt. Ich habe mich immer mit meinen Vereinen identifiziert und hatte immer viele Freunde innerhalb der Klubs. Das war das Wichtigste für mich.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Sie haben 212 Tore in Ihrer Laufbahn geschossen. Nur bei 1899 Hoffenheim gingen Sie komplett leer aus. Ist das ein Makel Ihrer Karriere, ohne Tor für Ihren letzten Klub abgetreten zu sein?

Oh ja! Das nervt mich immer noch. Ich habe leider nicht die Leistung zeigen können, die ich selbst von mir erwartet habe. Aber natürlich auch nicht die Erwartungen des Klubs erfüllt.

Dabei hatten Sie mit Julian Nagelsmann einen Trainer, der seine Offensivspieler fördert. Wie war die Zusammenarbeit?

Es gab Trainer in meiner Jugendzeit, die nicht so viel Ahnung von Fußball hatten. Das war wie an der Hauptschule. Julian Nagelsmann ist wie eine Universität.

Interessanter Vergleich. Inwiefern?

Er denkt vierundzwanzig Stunden Fußball. Darüber, was man besser machen kann und wie man eine Mannschaft taktisch so klug schult, dass sie innerhalb einer Minute die komplette Vorgehensweise ändern kann. Die Basis dafür ist sein Training, das einen Spieler zwingt, über Fußball nachzudenken. Du musst konzentriert sein und die Übung verstehen. Wenn du sie nicht verstehst, machst du sie falsch und bist raus. Dies entwickelt auch einen Spieler weiter, weil er automatisch mitdenkt und verstehen muss.

Was haben Sie gedacht, als der Klub ihn als Cheftrainer installiert hat?

Ich habe gedacht: „Oh, da kommt ja ein ganz Junger. Was will der mir sagen?“ (lacht). Ich war Nationalspieler, spielte bei Top-Vereinen, hatte viel Erfahrung. Ich überlegte, was er mir vormachen kann.

Und dann?

Dann kam seine Antrittsrede und all diese Gedanken waren weg. Ich war sofort überzeugt von ihm.

Warum?

Seine Rede war so intelligent und inhaltlich stark, dass alle wussten, was für ein Kaliber vor uns steht. Er hatte eine klare Idee davon, wie er Fußball spielen lassen will, was er von uns erwartet und was er für ein Typ ist. Ich wusste von da an, dass das Alter keine Rolle spielt und dass auch ein 30-Jähriger einem arrivierten Profi zeigen kann, wie Fußball geht.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Ich hatte viele Top-Trainer wie Ralf Rangnick, Mirko Slomka, Rudi Völler oder Joachim Löw, um nur einige zu nennen. Aber Felix Magath hat mich am meisten geprägt. Er hat sich damals getraut, einem jungen Spieler die Chance zu geben, in der Bundesliga von Anfang an zu spielen. Ich weiß noch, dass ich damals ein Top-Trainingslager unter ihm absolviert hatte. Er hat das honoriert und dafür bin ich dankbar.

Gab es einen Trainer, bei dem es gar nicht gepasst hat?

Nein. Ich bin mit jedem Trainer zurechtgekommen und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass mich einer nicht weiterbringen kann. Wenn es in einer Mannschaft nicht läuft und die Ergebnisse nicht stimmen, werden die Fehler meistens beim Trainer gesucht. Aber oft ist es eigentlich die Mannschaft, bei der gesucht werden muss.

Werden wir einen Trainer Kevin Kuranyi erleben?

Nein, ich werde kein Trainer. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand eine Trainerkarriere startet oder es noch werden will, weil ich weiß, wie viel Arbeit das ist, eine Mannschaft erfolgreich zu trainieren und welchem Druck man dabei ausgesetzt ist. So eine Fußballmannschaft ist eigentlich wie ein Kindergarten mit 20-25 Kindern, die man zu einer Einheit formen soll. Es ist immer jemand unzufrieden. Es gibt immer Probleme, die man lösen muss. Diesen Stress will ich mir ehrlich gesagt nicht geben.

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Sie haben sich für eine Zukunft als Spielerberater entschieden.

Ja, das stimmt. Hier kann ich meine Zeit selbst einteilen und meine Erfahrung, als einstiger Jugendspieler, der es in die Bundesliga geschafft hat, weitergeben. Ich glaube, dass ich es jungen Spielern einfacher machen kann, sich schneller zu entwickeln, weil ich weiß, wie sie ticken und welchen Gedankengängen sie haben. Ich bin zwar 35 Jahre alt, kann mich aber immer noch in einen jungen Menschen hineinversetzen.

Die Beraterszene ist umkämpft. Sind Sie dort willkommen?

Es ist ein Haifischbecken. Für einen Neuankömmling ist es nicht einfach, hineinzutreten. Aber mit Seriosität, Zuverlässigkeit und guten Kontakten kann man nach wie vor punkten. Ich weiß, dass es viele Rückschläge geben kann und viele Schwierigkeiten kommen werden. Es wird Neider geben, man wird mich als Konkurrent sehen. Ich weiß um die Hindernisse, aber wenn ich so bleibe wie ich bin und wie ich immer war, dann kann ich diesen Weg gehen und erfolgreich sein.

Wie war das erste Gespräch als Berater mit einem Klub?

Es war gut. Es war ein englischer Klub und auch wenn mein Englisch nicht perfekt ist, kam ich ganz gut durch und habe es geschafft, die Verantwortlichen zu überzeugen (lacht). Letztlich sprechen wir über Fußball. Ein Element meines Lebens. Klar hat man verschiedene Ansichtsweisen, man diskutiert über die Stärken und Schwächen eines Spielers, über die Zukunftsplanung. Aber es ist eben alles, was ich selbst schon mal erlebt habe.

Kevin Kuranyi, wo ist eigentlich Ihre Heimat?

Das ist eine gute Frage. Die stelle ich mir manchmal selbst. Ich bin in Brasilien aufgewachsen, habe zwei Jahre in Panama gelebt, danach bin ich nach Deutschland gekommen. Ich fühle mich in allen drei Ländern zu Hause, fühle mich überall sehr wohl, aber Heimat ist, wo meine Familie ist, und das ist Stuttgart.

Interview: Fatih Demireli

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