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Knut Reinhardt: „Studium schwerer als die Champions League“

Knut Reinhardt ist heute Grundschullehrer

Knut Reinhardt hat als Profi von Borussia Dortmund sämtliche Titel geholt. Was danach geschah: Ein Absturz, Tränen und dann ein Studium. Heute ist Reinhardt Lehrer und feiert sein neues Leben. Darüber spricht er im Interview.

Das Interview erschien in der 12. Ausgabe

Das Interview erschien in der 12. Ausgabe

Knut Reinhardt, warum mussten Sie 2000 Ihre Karriere als Fußball-Profi beenden?

Meine Knie waren ein einziges Trümmerfeld, in einem Gelenk hatte ich einen irreparablen Knorpelschaden und als die Reha nach der letzten Operation auch nach einem halben Jahr keine wirklichen Fortschritte brachte, wusste ich: Das war es, du wirst niemals wieder Bundesliga spielen können. Da war ich einunddreißig Jahre alt. Und stand vor dem Nichts.

Sie waren ein junger Mann mit viel Geld auf dem Konto, zweifacher Deutscher Meister und Champions-League- Sieger. Wie kann man da vor dem Nichts stehen?

In kürzester Zeit stellte ich fest, was alles passieren kann, wenn der Körper eines Leistungssportlers nicht mehr funktioniert. Innerhalb von sechs Monaten blieben von Hundert Freunden nur noch eine Handvoll übrig, die Prominenz zieht viele falsche Kumpels an. Meine Beziehung zerbrach. Ich war zu diesem Zeitpunkt Vater von vier Kindern, für zwei Kinder musste ich Alimente zahlen, die anderen beiden wohnten unter meinem Dach. Ich hatte ein großes Haus, zwei Autos, einen gewissen Lebensstandard, den ich zunächst auch nicht bereit war, einzudampfen. Und viel entscheidender: Meine große Leidenschaft, meine Liebe Fußball, war auf einmal Vergangenheit. Der Mensch braucht eine Aufgabe im Leben, einen Beruf oder eine Berufung. Die hatte ich nun nicht mehr. Das einzige Handfeste, was mir aus diesen Jahren geblieben war, war eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Aber die Vorstellung, in Zukunft acht Stunden pro Tag im Büro abzureißen und mit den Kollegen Bild gegen Express zu tauschen, machte mich fertig und kam deshalb nicht in Frage.

Wie gingen Sie damit um?

Als ich das alles realisiert hatte, schloss ich mich eine Woche Zuhause ein. Da floss nicht nur eine Träne. Es fühlte sich so an, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Zumal ich als Fußballprofi vielleicht gelernt hatte, Spiele zu gewinnen und Gegenspieler zu stoppen, aber nicht, wie man ein selbstständiges Leben führt. Ich kam mir vor, als wenn ich noch einmal mein Elternhaus verlassen hätte.

Wie meinen Sie das?

Als Fußballprofi hast du Fußball zu trainieren und zu spielen, alles andere wird dir abgenommen. Eine neue Wohnung? Organisiert der Verein. Den Umzug, Gänge zum Amt, das neue Auto, Steuern, Finanzen? Regelt alles der Klub. Die Vereine erziehen ihre Spieler zu unselbstständigen und ziemlich verwöhnten Menschen. Ich musste nicht mal aufs Amt, wenn mein Pass verlängert werden musste. Den gab ich in der Geschäftsstelle ab und einen Tag später war alles in Ordnung. Das Rundum-sorglos-Paket. Und so steht man da nach der Fußballer-Laufbahn und fühlt sich wie ein Idiot.

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Was passierte, nachdem Sie sich Zuhause eingeschlossen hatten?

Zunächst verfiel ich in Selbstmitleid und machte andere für meine Misere verantwortlich. Nach einer Woche war mir klar, dass nur ich an der Situation etwas ändern können würde und erstellte einen Plan für meine Zukunft. Ein alter väterlicher Freund half mir dabei. Der ist Lehrer und meinte, dass er sich diesen Job auch für mich vorstellen könne. Darüber dachte ich nach, entschied mich tatsächlich für ein Lehramtsstudium und musste mich dann erstmal nachträglich bei meinen Eltern bedanken.

Wofür?

Dass sie mich damals, als ich achtzehn Jahre alt war und kurz vor dem Sprung in die Bundesliga stand, so lange pushten, bis ich mein Abi bestanden hatte. Meine Schulbildung war mir zu diesem Zeitpunkt herzlich egal, ich wollte ja Fußballprofi werden. Ich kenne so viele Kollegen, die ähnlich dachten wie ich und nicht die Unterstützung bekamen, von der ich damals profitierte. Die stehen dann nach der Sportler-Karriere als ungelernte Arbeitslose da und das ist dann noch einmal ein härterer Sturz, als ich ihn erleiden musste.

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Wie war das Studium?

Schwerer, als die Champions League zu gewinnen. Und am Ende noch mehr wert als der Henkelpott. Gleich im ersten Semester trug ich mich für acht Seminare ein und ging viermal heulend von den Klausuren nach Hause, weil mich das einfach überfordert hatte. Während meine Kommilitonen meistens sehr junge Menschen waren, die sich eigentlich nur um sich selbst zu kümmern hatten, war ich Anfang dreißig, hatte vier Kinder, finanzielle Verpflichtungen, ein ganz anderes Leben. Manchmal lag ich in der ersten Zeit nachts im Bett und konnte nicht schlafen, weil ich nicht wusste, wie ich das alles schaffen sollte. Dann kam der Leistungssportler in mir durch und das half mir letztlich, die Kurve zu bekommen.

Inwiefern?

Durch die Jahre als Profi war ich daran gewöhnt, diszipliniert und zielstrebig auf etwas hinzuarbeiten und diesen Gedanken transportierte ich auch aufs Studium. Außerdem genoss ich natürlich das entspannte Umfeld und Leben an der Uni. Ich war vielleicht nicht auf jeder Fachschaftsparty anwesend, durfte aber trotzdem vom Dasein eines Studenten profitieren. Nach sieben Jahren war ich durch. Etwa 400.000 Euro hatte mich diese Zeit gekostet. Es war an der Zeit, wieder Geld zu verdienen. Gleichzeitig hatte ich gelernt, dass es nicht die Kohle ist, die einen glücklich macht, sondern was man mit seiner Zeit anstellt. Ich lernte meine heutige Frau kennen und die Nächte in ihrer Einzimmer-Bude mit Sekt vom Aldi waren tausendmal schöner als die Abende mit Champagner in teuren Luxus-Hotels während meiner Zeit als Fußballer.

Sie sind jetzt seit acht Jahren Lehrer. Wie gefällt Ihnen der Job?

Er macht mich glücklich und ist tatsächlich zu meiner Berufung geworden. Ich unterrichte an der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, die 2006 zur besten deutschen Schule ausgezeichnet wurde und für uns Lehrer ein großartiges Arbeitsumfeld bietet. Die Schule liegt im sozialen Brennpunkt der Stadt und hat Schüler mit den unterschiedlichsten Migrationshintergründen in den Klassen. Multi-Kulti vom Feinsten.

Wie kommen Sie mit diesen sicherlich nicht ganz einfachen Kindern klar?

Es stimmt, wir haben viele verhaltensauffällige Kinder hier und sehr viele, die von Haus aus nicht die allerbesten Chancen mit auf den Weg bekommen. Aber das macht die Arbeit auch reizvoll. Denn für meine Kollegen und mich geht jedes Kind, egal mit welchem Hintergrund, grundsätzlich gerne zur Schule. Es liegt nur an den Lehrern, die Kinder auch anständig zu unterrichten. Ich will, dass meine Schüler Spaß in der Schule haben. Also versuche ich dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht. Damit ich weiß, was ihnen gut tut, muss ich sie verstehen und dafür muss ich sie kennenlernen. Das ist eine ganz wunderbare Aufgabe.

Und wie schafft man das?

Jedes Kind ist anders drauf. Den einen musst du streicheln, die andere eher provozieren, das ist Menschenführung. Entweder man kann das, oder nicht. Und natürlich ist der Job wie jeder andere eine Frage der Routine, der Kollegen, des Arbeitsumfelds. Wir sind zum Beispiel ganz weit von der klassischen Schulform entfernt, also: Lehrer steht vorne und kritzelt was an die Tafel. Bei uns sitzen die Schüler in kleinen Gruppen zusammen und arbeiten gemeinsam, da spielt Alter und Intellekt keine Rolle. Nur die Freude am Lernen. Um den Bogen zum Fußball zu spannen: Eine Klasse ist für mich wie eine Mannschaft. Es gibt verschiedene Bereiche – Torwart, Abwehr, Mittelfeld, Angriff – und wenn das alles gut zusammen funktioniert und harmoniert, dann kommt auch der Erfolg.

Um noch einen Fußball-Vergleich zu wagen: Wie auch im Fußball gibt es Schulkinder, die mehr oder weniger Talent haben, die mehr oder weniger Pech hatten. Wie gehen Sie damit um?

Das ist in der Tat eine sehr große Aufgabe. Wir haben Kinder aus Familien, für die ist es das monatliche Highlight, wenn das Geld vom Amt kommt und sie gemeinsam im Taxi zur Pommesbude können. Andere können nicht balancieren, weil sie noch nicht im Wald über Bäume gelaufen sind. Manchmal stehen Schüler vor mir, die noch kein Frühstück hatten und in den Sachen von gestern aus dem Haus geschickt wurden. Auf der anderen Seite sorgen die so genannten Helikopter-Eltern dafür, dass ihr Kind nicht lernt, selbstständig und eigenständig zu denken und zu leben. Gerade in der Grundschule hat man nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag. Das ist schon sehr viel Verantwortung.

Wie bewerten Sie das deutsche Bildungssystem?

Als rückständig. Bundesweit fehlen aktuell 25.000 Lehrstellen, wir haben zum Teil noch Zustände wie im alten Preußen, da hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie gar nichts getan. Im internationalen Vergleich hinken wir hinterher, ich finde das beschämend, gerade für ein Land, das so reich ist und so viele Möglichkeiten hätte, die Bildung zu verbessern. Mich erinnert das an den deutschen Fußball zur Jahrtausendwende, als die Nationalmannschaft bei der EM 2000 in der Vorrunde rausflog und plötzlich jeder sah, wie schlimm es um die Ausbildung der Talente stand. Dann wurde Geld und Zeit investiert und heute stehen Jogi Löw fünfzig bis sechzig unglaublich gut ausgebildete Kicker zur Verfügung. Eine ähnliche Entwicklung wünsche ich mir auch für unser Bildungssystem. Wenn auch mit deutlich mehr Weitsicht als beim Fußball.

Was meinen Sie damit?

Inzwischen hat zwar jeder große Verein Internate, die eng mit Schulen zusammenarbeiten, man kümmert sich augenscheinlich um den Nachwuchs, aber eigentlich geht es nur darum, das nächste Super-Talent aus dem Hut zu zaubern, dass dann irgendwann viele Millionen Euro wert ist. Aber was ist mit den vielen anderen Spielern, die vielleicht Jahre ihres Lebens darauf verwendet haben, Leistungssportler zu werden und Schule oder Ausbildung hinten angestellt haben? Um die kümmert man sich nicht. Da wünsche ich mir deutlich mehr Verantwortungsgefühl bei den Klubs. Die Möglichkeiten hätten sie ja durchaus. Ähnlich ergeht es den Jungs, die später zu Sportinvaliden werden oder die Leistung einfach nicht mehr bringen können. Es fallen jedes Jahr so viele junge Fußballer durchs Raster und niemand hat sie auf die Zeit nach dem Fußball vorbereitet.

Machen Sie den Klubs Vorwürfe?

Ja, sie sind für diese jungen Menschen verantwortlich. Dieser Verantwortung müssen sie unbedingt nachkommen. Das Fußballgeschäft ist doch ein sehr oberflächliches, es interessiert nicht, ob du vielleicht aus einem schwierigen Haushalt kommst und dir viel größere Steine in die Biografie gelegt worden sind, sondern ob du gut genug bist, Profi zu werden.

Klingt so, als hätten Sie sich sehr vom Fußball distanziert. Wie viel ist geblieben von Ihrer Leidenschaft?

Das Spiel an sich liebe ich weiterhin, daran hat sich nichts geändert, seit ich als kleiner Junge beim Zähneputzen den Ball zwischen den Füßen tanzen ließ. Ich war genauso verrückt nach Fußball wie viele andere Kinder, schlief in HSV-Bettwäsche und wollte so werden wie mein Idol Kevin Keegan. Dass ich mir diesen Jungs-Traum tatsächlich erfüllen konnte, ist eigentlich unglaublich und macht mich sehr dankbar. Das heißt aber nicht, dass ich alles toll finde, was im aktuellen Fußball passiert. Im Gegenteil.

Ihr Trainer zu Dortmunder Zeiten war Ottmar Hitzfeld, ein studierter Mathematik- Lehrer. Was haben Sie sich von ihm abschauen können?

Wie man einen Haufen verrückter und völlig unterschiedlicher Menschen führt und mit ihnen auch noch Erfolg hat. In den großen Jahren Mitte, Ende der Neunziger war das beim BVB eine schwierige Aufgabe. Da waren Typen wie Matthias Sammer, der immer lichterloh in Flammen zu stehen schien, was natürlich ein gewisses Fingerspitzengefühl erforderte. Oder Spieler wie Andreas Möller und Stefan Reuter, die in den Jahren zuvor in der Serie A gespielt hatten und nun ganz weltmännisch beim Training vom ‚passaggio lungo‘ statt vom ‚langen Pass‘ sprachen. Und natürlich Julio Cesar, einen recht eigenwilligen Brasilianer, der regelmäßig zu spät aus dem Urlaub kam. Für den organisierte Hitzfeld in einer Sommerpause gar extra mal ein Trainingslager in Brasilien. Und wer tauchte nicht auf? Julio! Den sahen wir dafür abends im Fernsehen als Teilnehmer eines Futsal-Turniers. Am Tag des Abflugs stand er dann auf der Matte und war topfit.

Welcher ehemalige Mitspieler hätte das Zeug, einen guten Lehrer abzugeben?

Höchstens mein alter Freund Wolfgang Feiersinger. Aber der betreibt eine Alm-Hütte und hat sich entschlossen, in der Natur glücklich zu werden. Was ihm hoffentlich auch gelungen ist.

Knut Reinhardt, sind Sie denn glücklich?

Ja. Ich bin aus dem Loch gekrabbelt, in das ich nach der Fußball-Karriere gefallen bin, habe mich aufgerappelt, bin inzwischen in einer wunderbaren Beziehung, bin Vater von vier tollen Kindern und mache einen Job, der viel nachhaltiger ist als mein früherer Beruf. Früher ging es mir um die nächsten drei Punkte und um die Meisterschaft, heute will ich Kindern dabei helfen, dass sie in der Lage sind, ein zufriedenes Leben zu führen. Das ist sehr erfüllend.

297 Bundesliga-Spiele, sieben Auftritte für die Nationalmannschaft, zweifacher Deutscher Meister, Champions-League- Sieger, Gewinner des Uefa-Cups, Weltpokalsieger – was sind die großen Erfolge des Lehrers Knut Reinhardt?

In meinem ersten Jahr als Referendar hatte ich einen marokkanischen Jungen in meiner Klasse, der ziemlich verhaltensauffällig war. Zu dem baute ich schnell ein Vertrauensverhältnis auf und am Ende verstanden wir uns großartig. Er wurde ein richtig guter Schüler. Nach der vierten Klasse verlor ich ihn aus den Augen. Vor kurzem sah ich ihn beim Einkaufen in Dortmund wieder. ‚Herr Reinhardt‘, sagte er, ‚ich mach jetzt Abitur!‘ Das war schöner als jeder Titelgewinn.

Interview: Alex Raack

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