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LeBron James: Nur ein Kind aus Akron

Es gibt viele Wege, nach Hause zurückzukehren. LeBron James machte es – welch Überraschung – auf spektakuläre Art und Weise. Bruce Arthur sah sich das ganze aus dem Norden an.

Autor: Bruce Arthur

Erster Akt

Das letzte Basketball-Match in Cleveland, bevor LeBron James ihnen vom Himmel geschickt wurde, war offen gestanden eine jämmerliche Angelegenheit. Die heimischen Cavaliers hatten 16 Siege zu verzeichnen, einen weniger als die bedauernswerten Denver Nuggets. Die Toronto Raptors waren ebenfalls miserabel, und in der NBA miserabel zu sein, ist eine Art Währung. Je schlechter man ist, desto besser stehen die Chancen bei der Draft-Lottery. Und alle wussten, dass LeBron James, der in Akron geborene künftige König, der Hauptgewinn sein würde.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #04

Zufällig hatten die Cavaliers in jener Nacht Glück, und Cleveland war ein denkbar lausiger Ort. Eine Stadt mit einer desolaten Wirtschaft, mit hoffnungslosen Sportklubs, ein Ort, den man sich mühelos als Geisterstadt vorstellen könnte. Cleveland, Ohio.

Aber sie gewannen die Lottery, und LeBron wurde in seine Heimatstadt geschickt, oder nahe genug heran. Geboren wurde er im 63 Kilometer südlich gelegenen Akron. Er wuchs bei seiner Mutter auf, lebte in armseligen Wohnungen, und wunderte sich immer wieder, wohin es sie als nächstes verschlagen würde. Er und seine Mutter zogen in sechs Jahren zehn Mal um und mussten sich oft auf die Güte von anderen Menschen verlassen. Der Sport war seine Rettung. Mit gerade mal siebzehn Jahren war er einer der besten Basketballspieler in den USA. Mit achtzehn stand er bei dem Draft an Position eins. Er baute sich ein Haus in Akron, die Nachbarschaft war schick, aber nicht übertrieben. Er war zu Hause.

Aber Rettung ist keine einfache Angelegenheit.

In den Finals 2007 wurden die Cavaliers von den Spurs weggefegt, und in den Playoffs 2010 gegen das erbitterte Team der Celtics sah es beinahe so aus, als würde LeBron … aufhören. In Spiel 5 stand er herum und behauptete später, er habe sich am Ellbogen verletzt. In Spiel 6 tat er jede Menge für seine Erfolgsstatistik: 27 Punkte, 19 Rebounds, 10 Assists – doch am Ende entschied er sich für die falschen Spielzüge. Dafür ist er doch eigentlich viel zu pfiffig, dachte man beim Zuschauen. Was macht er denn? Ich fragte den Coach der Celtics, Doc Rivers, ein paar Jahre später und er erzählte, er habe einen Spieler gesehen, der erkannt habe, dass er nicht gewinnen könne und nicht wusste, was er tun sollte. Etwa zur selben Zeit fragte ich jemanden, der LeBron gut kannte, ob er Cleveland verlassen könnte. Vorsichtig antwortete er: Er ist FÄHIG dazu.

Am Tag, an dem LeBron Cleveland, eine der ärmsten Großstädte der USA, verließ, saß er in einem Boys & Girls Club in Greenwich, Connecticut, eine der reichsten Postleitzahlen des Landes. Neunzehn Fragen stellte ihm Sportkommentator Jim Gray in einem Live Interview auf ESPN, bis die große Frage kam. „In diesem Herbst … man, das ist echt hart“, antwortete LeBron, „in diesem Herbst werde ich meine Talente nach South Beach tragen und mich den Miami Heat anschließen.“

In jener Nacht verbrannten Fans LeBron-Trikots auf den Clevelander Straßen. LeBron stammte nicht aus Cleveland, nicht ganz. Aber er überließ seine Heimat ihrem Schicksal, und das vor den Augen aller. Es war niederschmetternd.

Zweiter Akt

LeBrons Zeit in Miami war ein Triumph. Die Heat gewannen zwar nicht jeden versprochenen Titel, aber gemeinsam mit Dwyane Wade und Chris Bosh erreichten sie vier NBA Finals in Folge, von denen sie zwei gewannen. Währenddessen wurde aus dem Lokalhelden LeBron der Verräter LeBron, und nach seiner ersten Finalniederlage gegen Dallas, nachdem er bereits in den letzten vier Spielen geschwächelt hatte, war es deutlich zu erkennen: Es machte ihm zu schaffen, nicht geliebt zu werden.

„All die Leute, die mich anfeuerten, ich solle versagen, nun, am Ende des Tages werden sie morgen früh aufwachen und dasselbe Leben haben, das sie hatten, bevor sie heute aufgewacht sind“, sagte LeBron, nachdem Dallas Spiel 6 gewonnen hatte. „Sie werden dieselben privaten Probleme haben wie heute. Ich werde so weiterleben, wie ich es möchte, und ich werde weiterhin die Dinge tun, die ich für mich und meine Familie tun möchte und damit glücklich sein. Sie können sich ein paar Tage oder Monate oder wie lange auch immer darüber freuen, dass nicht nur ich, sondern auch die Miami Heat ihr Ziel nicht erreicht haben. Aber irgendwann müssen sie in die reale Welt zurückkehren.“

Als jemand, der mit siebzehn das Titelbild der Sports Illustrated zierte, hatte LeBron James ein Leben unter ständiger Beobachtung und frei von Fehltritten geführt. Aber im Augenblick des öffentlichen Versagens, nach einem Jahr öffentlicher Verbitterung, prügelte er auf die kleinen Leute, die weniger Glücklichen ein. Eine Unmenge solcher Leute lebte in Cleveland.

Und dann gewann er einen Titel, und einen zweiten, in einem der größten NBA Finals, das man je gesehen hatte. Er war auf dem Gipfel angekommen. Er war der King des Basketballs, spielte mit seinen Freunden, tat eben genau
das, was er schon tun wollte, als er gerade mal dieser Viertklässler war, der mit seiner Mutter von Wohnung zu Wohnung hüpfte. Nach dem zweiten Titel sagte er: „Ich bin LeBron James aus dem Stadtzentrum von Akron, Ohio. Ich sollte nicht einmal hier sein. Das genügt. Jede Nacht gehe ich in die Umkleide und sehe ein Trikot mit der Nummer 6 und James auf dem Rücken. Ich bin gesegnet. Was sie alle über mich außerhalb des Spielfelds reden, ist egal.“

In jenem Augenblick schien LeBron James alles zu haben, was er sich je wünschen könnte.

Dritter Akt

Niemand erwartete, dass er nach Hause gehen würde, nicht einmal nach der Finalniederlage der Heat 2014 gegen die Spurs. Miami erwartete es nicht. Cleveland erwartete es nicht. Das Wetter in Florida im Winter, ein Dach über dem Kopf – manchmal fuhr er mit dem Fahrrad zu den Spielen. Er hätte dort weiter siegen können. Die gesamte Liga wartete auf ihn, genauso wie im Jahr 2010.

Seine Rückkehr nach Cleveland verkündete er durch eine gemeinsam mit Lee Jenkins verfasste Meldung in der Sports Illustrated. Hier ein Auszug aus der Erklärung:

„Ich spüre, dass meine Berufung über den Basketball hinausgeht. Ich habe Verantwortung zu tragen, in mehr als nur einer Hinsicht, und das nehme ich sehr ernst. Meine Anwesenheit kann in Miami etwas bewirken, aber ich glaube, dass es dort, wo ich herkomme, viel mehr bedeutet. Ich möchte, dass die Kinder im Nordosten Ohios, wie viele Hunderte Drittklässler aus Akron, die ich mit meiner Stiftung fördere, erkennen, dass es zum Aufwachsen keinen besseren Ort gibt. Vielleicht kommen einige von ihnen nach dem College zurück und gründen eine Familie oder eröffnen ein Geschäft. Das würde mich zum Lächeln bringen. Unsere Community, die so sehr gekämpft hat, braucht jedes Talent, das sie bekommen kann … In Nordost-Ohio kriegst du nichts geschenkt. Alles muss man sich verdienen. Du arbeitest für das, was du hast. Ich bin bereit, die Herausforderung anzunehmen. Ich komme nach Hause.“

Cleveland verlor im ersten Jahr in den Finals, mit LeBron, der versuchte, das auf seinen Schultern zu tragen, was von seinen gesunden Teamkameraden noch übrig war. 2016 widmete er dem Versuch, seine Teamkameraden anzutreiben, mitzuziehen, zu zwingen und zu unterrichten, denn sie begriffen die Gepflogenheiten des Siegens noch nicht. Er baute ein neues Haus. Nach einem Rückstand von 1:3 gegen Golden State, die den Rekord von 73 Siegen hielten, gelangen LeBron James drei der besten Back-to-back-to- back-Spiele in der Basketballgeschichte. In Spiel 7, bei dem es hin und her ging, legte er seinen höchsten Gang ein; er wuchs über sich hinaus und stellte einen Rekord auf – „The Block“.

Er war der erste Spieler in der Finals-Geschichte, der beide Teams in Punkten, Rebounds, Assists, Steals und Blocks anführte. Das war es, worauf es ankam. Als es vorüber war, weinte er und fiel auf die Knie, hämmerte mit der Faust auf den Boden und bedeckte seine Augen. LeBron weinte, tausende Meilen weg von zu Hause, in Oakland.

„Ich kam nicht ohne Grund zurück“, sagte er, als er sich wieder gefasst hatte. Man fragte ihn nach jenen in Ohio, die glücklich seien, jenen, die sich nie über seinen Weggang geärgert hätten. Er biss nicht an. „Das spielt keine Rolle. Das ist Schnee von gestern. Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand für das Gestern interessiert. Morgen werden sie erfahren, dass ich nach Hause komme. Ich komme nach Hause mit dem, was ich versprochen hatte.“

Sie führten seinen Teamkollegen, den Veteranen Richard Jefferson, ans Podium, und er sagte – die Worte schossen förmlich aus ihm heraus: „Ich habe noch nie in meinem Leben einen Mann gesehen, der einem ganzen Staat sagt: ‚Steig mir auf den Rücken, und ich halte dich. Steig mir auf den Rücken, und ich werde dich tragen, und es ist mir egal, ob wir scheitern. Ich werde am nächsten Morgen aufwachen und mit der Vorbereitung fürs nächste Jahr beginnen. Mir ist egal, was die Leute sagen, es ist mir vollkommen wurscht.‘ Nennen Sie mir eine Person in der Geschichte, die es mit einem ganzen Staat aufnehmen würde. Er hat nicht zurückkommen müssen. Er hätte in Miami bleiben oder woanders hingehen können. Er sagte: ‚Weißt du was? Ich gehe zurück nach Hause, weil ich ihnen versprochen habe, dass ich etwas tun kann.‘ Und er hat uns auf dem ganzen Weg unterstützt.“

Schluss

Mein Bild von LeBron James sah stets so aus: Sein Talent ist atemberaubender als alles, was wir bisher gesehen haben. Er ist so groß, so stark, so schnell, so wendig. Es gibt niemanden mit einem solchen Körper. Niemanden, der bei dieser Größe mit solcher Schnelligkeit über das Feld sprinten könnte, der imstande ist, den Sprung zu timen und dann zu fliegen, um diesen Wurf zu blocken.

Und es gibt niemanden, der, mit einem solchen Körper ausgestattet, so am Gegner vorbeiziehen kann wie er, der sehen kann, was er sieht. Wenn er auf dem Feld nach vorne zieht, tänzeln seine weit aufgerissenen Augen vor und zurück, denn er überblickt den gesamten Court. Dwyane Wade erzählte mir einmal, LeBron würde mitten im Lauf das Spiel ändern, um einem Mitspieler zu helfen, der den Ball berühren muss. Der Basketballspieler LeBron zu sein, ist so ähnlich wie der reichste Mann der Welt zu sein: Auf dem Platz kann er beinahe so ziemlich alles machen, was er will.

Außerhalb des Spielfelds war es genau dasselbe. Damals konnte er Cleveland verlassen, denn wer hätte ihn aufhalten können? Er hätte im tropischen Miami bleiben, die strahlenden Lichter von LA jagen, oder nach Houston, Phoenix, Chicago, oder wohin auch immer gehen können. Er hatte zwei Titel. Er hatte alles. LeBron James hätte alles tun können, was er wollte.

Er ging nach Hause.

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