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Marc Overmars: „Karosserie von Mercedes, Motor von Opel“

Die Ajax-Macher: Marc Overmars und Edwin van der Sar

Marc Overmars (46) gehörte zur Goldenen Generation von Ajax Amsterdam, die 1995 die Champions League gewann. Heute ist er als Sportdirektor für das Revival des niederländischen Kultklubs verantwortlich. Ein knallharter Job…

Marc Overmars, ist Ihnen bewusst, wie vielen Fußballfans das Herz aufging, als Ajax in der vergangenen Saison Real Madrid aus der Champions League warf?

Bei der Auslosung zum Viertelfinale in Nyon kamen alle Verantwortlichen des FC Barcelona zu mir, um mir zu unserer Spielergeneration zu gratulieren. Dennoch muss ich immer wieder betonen, woher wir kommen. Unser Budget ist viel geringer als das von Real. Wir spielen finanziell eher in einer Liga mit den Young Boys Bern. Aber ich weiß natürlich, dass sich das Publikum nach diesen Geschichten sehnt: Klein gegen Groß, David gegen Goliath.

Im europäischen Vergleich versteht sich Ajax also eher als kleiner Klub?

Historisch betrachtet gehören wir eher zu den Großen, aber wirtschaftlich gesehen sind wir ein kleiner Klub. Unsere TV-Einnahmen für ein Jahr liegen bei acht Millionen Euro. Es gibt Vereine in der zweiten deutschen Bundesliga, die einen höheren Etat haben als wir. Ich kann mich an ein Mittagessen mit den Verantwortlichen von Olympique Lyon vor unserem Halbfinale in der Europa League im April 2017 erinnern. Ich fragte, wie hoch der Etat von OL liege. 115 Millionen Euro, sagten sie. Als ich auf die Gegenfrage 25 Millionen sagte, wollten sie mir erst nicht glauben. Wir haben eine Karosserie von Mercedes und einen Motor von Opel. Mit solchen Bedingungen müssen wir leben.

Ist es unter diesen Voraussetzungen denkbar, langfristig konkurrenzfähig zu bleiben?

Ich denke schon. Ich bin gar nicht pessimistisch. Als wir vor zwei Jahren gegen Manchester United im Finale der Europa League standen, mussten wir danach etliche wichtige Spieler verkaufen. Zwei Jahre später sind wir zurück und auf höchstem europäischen Niveau konkurrenzfähig. Warum sollte uns das nicht in zwei Jahren erneut gelingen?

In dem Zwischenjahr aber verpasste Ajax die Qualifikation für das internationale Geschäft.

Ja, das ist richtig, und innerhalb des Vereins kam es dadurch zu gewissen Spannungen. Ein neuer Trainer kam. Es herrschte damals eindeutig zu viel Unruhe.

Warum hat es 13 Jahre gedauert, bis Ajax überhaupt wieder ins Achtelfinale der Champions League kam?

Zunächst mal muss man feststellen, dass wir seit 2014 nicht mehr Meister geworden sind. Für uns ist es extrem schwer, mit drei Wettbewerben gleichzeitig zu jonglieren. Wir haben keine zwei Mannschaften wie etwa Bayern München und die Spieler sind noch zu jung, um mit solchen Belastungen problemlos umzugehen. Außerdem ist unsere Bank nicht so breit und nicht so tief wie bei den Konkurrenten. Als wir 2017 ins Europa-League-Finale kamen, absolvierten wir 16 Spiele mehr als unsere Rivalen in der Liga. Das ist fast eine halbe Meisterschaft mehr. Würden wir uns allein auf die Eredivisie fokussieren, würden wir zweifelsohne sieben von acht Titeln gewinnen, aber unser Hauptziel heißt, unter den Top 20 in Europa zu sein und zwar mittel- bis langfristig.

Real Madrid kaufte im Sommer einen Star nach dem anderen und wird damit die enttäuschende Spielzeit schnell vergessen lassen. Sie dagegen standen nach einer überragenden Saison vor einem Neuanfang, weil Ihnen Ihre fantastischen Talente weggekauft wurden. Wie gehen Sie damit um?

Wir wussten schon lange, dass wir in der nächsten Saison erneut unsere Mannschaft umbauen müssen. Ich wusste das, ich akzeptierte es und ich erwartete einen sehr harten und stressigen Sommer. Das Wichtigste für mich ist: Wir müssen sehr schnell handeln, schneller als die anderen europäischen Top-Vereine. Sobald wir mit einem Spieler eine Einigung erzielen, unterschreiben wir auch sofort die Verträge. Jeder Tag ist ein Risiko.

Wie arbeiten Sie?

Timing ist meine wichtigste Waffe. Ich habe das Glück, Kollegen zu haben, die mich bestens kennen und mich jederzeit in Ruhe arbeiten lassen. Manchmal bin ich chaotisch und ich bin auch nicht der Typ, der eine Power-Point-Präsentation macht, aber wenn ich meinen Kollegen mitteile, dass wir diesen oder jenen Spieler kaufen müssen und zwar sofort, dann folgen Sie mir. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Răzvan Marin war immerhin bei drei Top-Klubs aus der Bundesliga auf dem Einkaufszettel, doch dank des richtigen Timings kam er zu uns. Wir haben damals sowohl Matthijs de Ligt als auch Frenkie de Jong geholt, weil wir im genau richtigen Moment Gas gegeben haben.

Haben Sie De Jong wirklich für nur einen Euro geholt?

Um ehrlich zu sein: Er kam sogar zum Nulltarif.

De Jong und De Ligt haben gerade mal zwei Spielzeiten bei Ajax verbracht. Jetzt sind beide weg. Das muss für Sie doch frustrierend sein?

Ich glaube nicht mehr daran, dass Spieler gleich fünf oder sechs Jahre bei uns bleiben. Das war einmal. Es gibt heute so viel Geld im Fußball, dass man auf einem bestimmten Niveau wohl nicht mehr mithalten kann. Die besten Spieler gehen immer früher. Insofern müssen sie noch schneller und intensiver ausgebildet werden, damit sie leistungsfähiger sind und zwar immer früher. Wir haben eine Schule aufgebaut in der Nähe unserer Trainingsanlagen. Die Jungs sind gleich dort, sie verlieren keine Zeit durch die Anfahrt. Sie können sich mehrere Stunden auf den Fußball fokussieren und zwar tagtäglich.

Besteht denn die absolute Notwendigkeit, die besten Spieler jedes Jahr zu Geld zu machen?

Heute nicht mehr. Aber als ich vor sechs Jahren als Verantwortlicher anfing, war unsere finanzielle Lage instabil und gefährlich. Wir haben Schritt für Schritt eine neue Mannschaft aufgebaut. Frank de Boer nahm als Trainer dabei eine sehr wichtige Rolle ein. Heute sind wir für holländische Verhältnisse sehr stabil.

Passiert es dennoch, dass ein Spieler Ajax zu früh verlässt?

Ein frisches Beispiel: Justin Kluivert. Er wurde an die AS Rom verkauft, als er erst 19 Jahre alt war. Das war viel zu früh und die reine Verschwendung. Er hätte mindestens ein bis zwei Jahre länger bleiben sollen. David Neres, der trotz großer Begehrlichkeiten geblieben ist, hat in dieser Saison einen wichtigen Schritt in seiner Entwicklung getan. Für einen jungen Spieler ist es fatal, nicht regelmäßig zum Einsatz zu kommen. Das „killt“ den Spieler langsam, aber sicher. Und dann versuche ich den Spielern zu vermitteln, dass es auch um das Interesse des Klubs geht. Ein Spieler, den wir teuer gekauft haben, der aber bereits nach einem Jahr wieder weg will wie zuletzt unser Linksverteidiger Nicolás Tagliafico, der bekommt von uns ein klares Veto. „Nico“, sagte ich zu ihm, „du kannst nicht schon nach einem Jahr wieder gehen, sondern eher im nächsten Sommer. Wenn du dann ein gutes Angebot erhältst, bist du der Erste, der gehen darf.“

Wie können junge Spieler diese Geduld lernen?

Diese Spieler erinnere ich regelmäßig daran, dass ich mit 20 auch an ihrer Stelle war. Man muss einfach lernen, geduldig zu werden. Vor allem für sich selbst. Es gibt keine Alternative.

Ist so eine Erinnerung denn genug?

Nicht immer. Manchmal kommt es zum Streit. Ein wichtiger Teil meines Jobs ist auch, die Spieler finanziell zu belohnen, die es am meisten verdienen. Die meisten jungen Spieler haben Vierjahresverträge, was aber heutzutage so gut wie nichts mehr bedeutet. Spielst du auf Top-Niveau, musst du entsprechend verdienen. Das ist sehr wichtig. Die Spieler tauschen sich untereinander aus, vergleichen sich. Ich verrichte eine ständige Anpassungsarbeit, was die Gehälter betrifft. Das ist Fein-Tuning, rund um die Uhr. Es kostet viel Zeit, ist aber notwendig. Mit den Spielerberatern ist es das Gleiche. Wir bezahlen kaum Kommission. Sie gehören zum Deal, wenn der Spieler einen großen Transfer abschließt.

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Welche Rolle spielen die Eltern?

Wir haben eine Broschüre kreiert: „Made in Ajax“. Darin erfahren die jungen Spieler und ihre Eltern, warum sie bei Ajax einen Vertrag unterschreiben sollten. Als wir vor zwei Jahren das Europa- League-Finale bestritten haben, hatten wir die jüngste Mannschaft der Europapokal-Geschichte, mit 21 Jahren und sieben Monaten im Durchschnitt. Das war großartig, und zeigt gleichzeitig, warum wir verloren haben. Schauen Sie sich das an: 82 Prozent der ausgebildeten Spieler bei Ajax unterschreiben einen Profivertrag. Bei uns sind sie bestens aufgehoben.

Klingt hervorragend. Wo ist der Haken?

Wir verlieren etliche junge Spieler, die unglaubliche Angebote von Manchester United, Manchester City oder Chelsea erhalten. Obwohl junge Spieler noch keinen Einsatz bei den Profis hatten, aber bereits einen festen Berater beschäftigen, verlangen sie immer öfter und immer früher einen Megavertrag, um zu bleiben. Sie setzen uns dabei massiv unter Druck. Ich finde diese Tendenz sehr gefährlich. Es sind eigentlich noch Kinder, aber sie sind schon Millionäre, bevor die Karriere überhaupt begonnen hat. 

Vor gut drei Jahren starb Johan Cruyff. Hat dieses Ereignis Ajax verändert?

Die Zeit mit ihm war unvergesslich, auch wenn ich ein paar Monate vor seinem Tod nicht immer auf einer Wellenlänge mit ihm lag. Irgendwie ist er immer noch bei uns. Er hatte eine besondere Gabe: Er konnte aus einer schwierigen Diskussion eine extrem einfache machen. Mit ihm lief alles wie geschmiert. Er ist und bleibt eine Art Inspiration für uns alle.

Interview: Alexis Menuge

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