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Michael Stich: Die Abrechnung mit der Jugend

Michael Stich holte als Profi 18 Einzel-Titel

Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Michael Stich, auch dieses Jahr war wieder Wimbledon in aller Munde. Ist es das Größte, was Tennis zu bieten hat?

Zumindest ist es das Turnier mit der größten Tradition. Deswegen gilt es als das Lieblingsturnier vieler Spieler. Mein Favorit war jedoch das Turnier in Hamburg, weil es mein Heimatturnier war und daher mit vielen Emotionen verbunden.

Novak Djoković, Roger Federer und Rafael Nadal haben gezeigt, dass sie# auch 2019 eine Klasse für sich sind. Was sagen Sie zu diesen drei Außerirdischen?

Es sind herausragende Spieler, die Jahr für Jahr eine unglaubliche Konstanz zeigen, das steht völlig außer Frage. Aber ich sehe das inzwischen auch als Kritik an der jungen Generation, die nicht in der Lage ist, diesen drei Spielern Paroli zu bieten und den nächsten Schritt zu gehen. Es liegt mit Sicherheit an der fantastischen Qualität dieser drei Spieler, aber eben auch daran, dass die jungen Spieler von heute nicht genügend Ehrgeiz entwickelt haben, um eine realistische Chance zu haben.

Sind Djoković, Federer und Nadal dennoch die besten Spieler aller Zeiten?

Mit Vergleichen über die Epochen hinweg tue ich mich relativ schwer. War Rod Laver der Größte aller Zeiten oder doch Björn Borg? In meiner Zeit war Pete Sampras bärenstark, aber er hatte mit starker Konkurrenz zu kämpfen, so dass viele verschiedene Spieler die Grand Slams gewannen. In den vergangenen zwölf Jahren war das nicht wirklich der Fall, denn es gab nur fünf oder sechs verschiedene Grand-Slam-Sieger.

Haben Djoković, Federer und Nadal Tennis auf ein neues Level gehoben?

Nein, das finde ich nicht. Wir haben eine ganz andere Epoche. Tennis ist in der heutigen Zeit wesentlich athletischer, als es je zuvor war. Nichtsdestotrotz ist es eindimensionaler geworden. Es besitzt nicht mehr die Variabilität und Kreativität wie zu Zeiten von John McEnroe, Borg oder zu meiner Zeit. In der aktuellen Epoche ragen diese drei Spieler auf jeden Fall heraus. Ich würde mir aber wünschen, dass unser Sport kreativer wird und die Spieler flexibler agieren.

Wer war der stärkste Gegner, auf den Sie jemals getroffen sind?

Andre Agassi, ohne Wenn und Aber. Gegen ihn konnte ich kein einziges Mal gewinnen. Er ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe. Er hat einfach eine Begabung gehabt, die kein anderer Spieler hatte. Dabei hatte er durchaus auch ein paar Schwächen, aber er hat aus seinen Fähigkeiten unfassbar viel gemacht. Für mein Spiel war es nicht gut, auf ihn zu treffen.

Wer war der verrückteste Gegner?

So viele Verrückte gab es gar nicht zu meiner Zeit, aber McEnroe hatte schon einen Knall auf dem Court. Ich durfte noch gegen ihn und sogar mit ihm Doppel spielen. Ich schätze ihn sehr als Menschen, er ist ein toller Freund.

Sie sind aber auch mal kräftig aneinandergeraten.

Mit John habe ich mal auf dem Platz sehr gestritten. Das war das Jahr, als wir zusammen in Wimbledon im Doppel gewannen. Dieser Streit ereignete sich beim Turnier in Rosmalen. Es wurde so heftig, dass er in Wimbledon gar nicht mehr mit mir antreten wollte. Nach einem dringend notwendigen Vier-Augen-Gespräch haben wir uns aber zusammengerauft.

Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik
Michael Stich: Illustration von Socrates-Art-Director Hüseyin Sandik

Welche Spieler haben Sie besonders geschätzt?

Nach der Karriere haben sich Freundschaften entwickelt wie etwa mit Richard Krajicek, Jim Courier und eben John McEnroe. Mit Ivan Lendl war es keine Freundschaft an sich, aber über all die Jahre wurde der Respekt immer größer. Wir haben uns immer besser verstanden und wir waren ja keine Konkurrenten mehr, so dass sich eine Art intellektuelles Verständnis entwickelt hat. Mit diesen Menschen tausche ich mich sehr gern aus.

Wen mochten Sie gar nicht?

Der Gegner, den ich am wenigsten auf dem Platz mochte, war Petr Korda. Erstens, weil er an einem guten Tag einfach unfassbares Tennis zeigte, zweitens, weil er sich auf dem Platz häufig nicht so nett verhalten hat.

„Agassi ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe."
Michael Stich

Wer war der Lustigste?

Henri Leconte. Vor allem war er dann lustig, wenn er am Verlieren war. Wenn er geführt hat, war er dagegen extrem seriös. Aber sobald er merkte, dass ihm das Match aus der Hand glitt, hat er immer durch Späße versucht, das zu kaschieren. Insofern war es nicht so einfach, gegen ihn zu bestehen.

Viele ehemalige Profis versuchen sich als Trainer. Warum Sie nicht?

Das war für mich nie wirklich ein Thema, weil ich schon am Ende meiner Spielerkarriere nicht mehr so gerne gereist bin. Zu Hause in Hamburg habe ich immer wieder mit jungen Spielern zusammengearbeitet und dabei versucht, mein Wissen und meine Erfahrung weiter zu geben, aber allein die Vorstellung, 25 Wochen im Jahr durch die Welt zu reisen, war nicht mein Ding.

Viele Menschen würden es als tollen Nebeneffekt sehen, die ganze Welt zu bereisen.

Wenn man das zehn Jahre lang gemacht hat – und es gibt auch etliche Spieler, die es ja fast 20 Jahre lang durchziehen –, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, da man nicht mehr reisen möchte. Heute reisen die Frauen oft mit, die Kinder und sogar die Hunde. Das hat sich geändert, zu unserer Zeit fing das gerade an.

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Sie haben 18 Einzeltitel gewonnen. Welchen haben Sie am meisten gefeiert?

Das war nicht etwa mein Sieg 1991 in Wimbledon, weil ich gleich am nächsten Morgen weiter zum Turnier nach Gstaad reisen musste, sondern 1993 in Hamburg am Rothenbaum. Natürlich ging es auch da gleich wieder weiter und die Beine waren schwer, aber diesen Sieg habe ich richtig ausgekostet.

Gab es einen Moment, als Sie sich unschlagbar fühlten?

Ja, beim Turnier in Queen’s 1993. Damals spielte ich mit einer unglaublichen Leichtigkeit. Anschließend bin ich nach Wimbledon gefahren und war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich nicht aufzuhalten wäre. Aber da hatte ich mich geirrt und es war bereits im Viertelfinale Schluss.

Sie konnten sich auch richtig ärgern. Gerne über sich selbst…

Die größte Wut auf mich hatte ich beim French-Open-Finale 1996, das ich verlor. Das war mit Sicherheit die größte Enttäuschung, weil ich ganz allein dafür verantwortlich war.

Das war 1996 gegen Jewgeni Kafelnikow. Anschließend hielten Sie eine Rede auf Französisch.

Das war eher eine spontane Aktion. Damals war ich der erste Ausländer, der bei einer Siegerehrung bei den French Open Französisch sprach. Es war mir einfach ein Bedürfnis.

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War das Ihre schmerzhafteste Niederlage?

Dieses Endspiel und das Davis-Cup-Halbfinale in Moskau gegen Russland 1995, als ich neun Matchbälle hintereinander vergab. Hätte man mir vorher gesagt, ich könnte neun Matchbälle am Stück vergeben, hätte ich wahrscheinlich sehr, sehr viel Geld darauf gewettet, dass mir das nie passieren würde.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Zeit als Spieler, die Sie bis heute nicht erzählt haben?

Ich hätte tatsächlich eine. Als ich das erste Mal bei den Australian Open mitspielte, befand ich mich in der Spieler-Kabine, wo sich die gesetzten Spieler aufhielten. Plötzlich stand Ivan Lendl vor mir und fragte mich, was ich denn an diesem Ort verloren hätte. Ich war ja nie wirklich kontaktscheu und hatte mir einfach einen Platz ausgesucht. Ich habe ihm geantwortet, dass ich mich umziehen möchte. Darauf sagte er: „Bis du hier mal reindarfst, solltest du erst mal ein bisschen mehr erreichen.“ Damit war klar, dass ich in diesem Bereich nichts zu suchen hatte, aber bereits ein Jahr später durfte ich rein.

Interview: Alexis Menuge

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