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N’Golo Kante: „Ich hatte beim Rugby keine Angst“

Gesetzt bei Chelsea und Frankreich: N'Golo Kante

Er wollte Forscher werden, jobbte als Buchhalter, heute ist N’Golo Kante einer der besten Mittelfeldspieler der Welt. Dabei hatte es der Superstar des FC Chelsea nie einfach. Ein ehrliches Interview mit einer ehrlichen Haut.

Herr Kanté, Sie gelten als einer der weltweit besten und laufstärksten „Box-to-Box-Spieler“. Aber hatten Sie auch Vorbilder und Spieler, von denen Sie sich etwas abgeschaut haben?

Ja, ich habe mich stets von anderen Spielern inspirieren lassen. Heute bei Chelsea gibt es viele Spieler, von denen man sich einiges abschauen kann. Cesc Fàbregas ist ein gutes Beispiel. Mich fasziniert, wie er ein Spiel lesen kann, aber auch seine hohe Spielintelligenz und wie er es immer wieder schafft, den tödlichen Pass zu spielen, auch wenn er vom Gegner unter Druck gesetzt wird. Auch bei Nemanja Matić, der mittlerweile bei Manchester United kickt, habe ich Einsatzwillen und Robustheit in den Zweikämpfen bewundert.

Als Kind?

Damals habe ich mir viele Videos von Ronaldinho, dem brasilianischen Ronaldo und Diego Maradona angeschaut. Keine Spieler also, die auf meiner Position gespielt haben (lacht). Ich habe aber auch ein paar Videos von Jean Tigana gesehen sowie von Claude Makélélé, der mir immer das Gefühl gab, dass er sich in einem Spiel nie ausruht. Man kann sich übrigens auch von anderen Sportarten etwas abgucken: Im Tennis ist Roger Federer ein Phänomen. Er hat eine unglaubliche Leichtigkeit in seinem Spiel und egal wie wichtig das Spiel ist, er bleibt immer cool.

Sind Sie wegen den Videos, die Sie gesehen haben, Fußballer geworden?

Ursprünglich wollte ich nicht unbedingt Fußballer werden, sondern eher Forscher. Mich hat besonders Erdkunde interessiert. Ich wollte entdecken, wie man in Asien lebt, in Afrika und in Südamerika, vor allem wie die Leute miteinander umgehen, wie die Mentalität dort ist. Doch in der Schule war ich nicht besonders motiviert, weil ich ständig an Fußball dachte. Es war wie eine Sucht. Eine Zeit lang habe ich auch als Buchhalter gejobbt, bis mir klar war, dass ich es eher im Fußball versuchen sollte.

Gab es andere Sportarten? Sie waren und sind ja sehr athletisch…

In der Schule habe ich auch viel Basketball und Rugby gespielt. Ich habe sogar in beiden Sportarten an diversen Turnieren teilgenommen. Beim Rugby hatte ich gar keine Angst, in die Tacklings zu gehen. Ich bin auch viel gelaufen und wenn es zur Sache ging, dann habe ich mich nicht versteckt, was dazu geführt hat, dass der Rugby-Klub mich unter Vertrag nehmen wollte. Aber ich spielte schon lang genug Fußball mit meinen Freunden und Fußball war einfach meine Lieblingssportart. Ihn aufzugeben war kein Thema. Dann habe ich in der Jugend von Suresnes (Vorort von Paris, Anm. d. Red.) – meinem Heimatort – gespielt, bevor ich in die Reserve von Boulogne wechselte.

Die spielte immer noch ziemlich unterklassig.

Ja, das war im Jahr 2010 und das war die schwerste Zeit überhaupt. Ich musste mich behaupten. Das Spiel ging schnell von einem Tor zum anderen, man musste viel antizipieren, vieles spielte sich im Zentrum ab und es ging darum, mit maximal zwei Ballkontakten zu spielen. Für mich war es ein anderer Fußball, als der, den ich bisher kannte. Damals war ich im Internat: morgens in der Schule und am Nachmittag gab es Fußball. Dort habe ich mich auch mit einer neuen Arbeitsmethode zurechtfinden müssen, die ich bis dahin nicht kannte.

Wie groß war die Umstellung?

Als ich dann das erste Mal den Boulogne-Trainer über Taktik reden hörte, dachte ich mir: Das wird ja nicht so einfach. Für mich war das ein anderer Fußball. Als ich dort ankam, war ich verletzt und als ich verfolgte, was meine Mitspieler durchmachen mussten, dachte ich, das würde ich wohl nicht so leicht hinkriegen und ich würde sicherlich Zeit brauchen. Das war die größte Hürde auf dem Weg zur europäischen Spitze. Ich habe aus dieser schweren Erfahrung unheimlich viel gelernt. Dort konnte ich mich insofern bestens entwickeln. Von dieser Zeit profitiere ich bis heute noch.

Sie mussten einige Enttäuschungen verkraften bis dahin.

Noch als ich in Suresnes war, habe ich mit älteren Spielern zu tun gehabt, weil man mich für zu gut für die Spieler meines Alters gehalten hatte. Es gab viele Scouts, die unsere Spiele angeschaut haben. Dann gab es Kontakte, um in den Jugendzentren von Sochaux, Rennes, Lorient, Amiens und Clairefontaine getestet zu werden. Aber ich bin bei jedem Verein gescheitert und ich bekam von keinem Klub einen Vertrag. Es war zwar eine bittere Erfahrung, aber mir wurde auch bewusst, dass ich noch mehr arbeiten muss und dass es auch viele Spieler meines Alters gibt, die einfach besser sind. Dann hat mich Boulogne-sur-Mer unter Vertrag genommen.

In der dritten Liga wurden Sie rasch Stammspieler.

Im Grunde genommen kann man von einer unglaublichen Geschichte sprechen. Ich habe so viele Hindernisse überwältigen müssen, dass ich mittlerweile an einem Punkt angelangt bin, wo ich jeden Augenblick genieße. Man darf nie vergessen, wo man herkommt. Das ist die Basis. Auf meinem Weg zum Profi habe ich auch mit Sicherheit viel Glück gehabt, dadurch, dass ich wichtige und vertrauensvolle Leute kennengelernt habe, die mir sehr hilfreich waren und ich zum richtigen Moment entdeckt wurde. Ich habe aber auch viel arbeiten und mich aufopfern müssen, sprich früh von der Familie getrennt zu sein, was alles andere als einfach war.

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Ist das eine Charakterfrage?

Mich konnte so gut wie nichts umwerfen und es kommt sicher auf den Charakter an, der bei mir sehr stark ist. Ich komme ja aus Suresnes und als ich dort gespielt habe, wollte ich ganz weit kommen. Ich wusste, dass das nötige Potenzial vorhanden war. Aber so weit zu kommen, also bei Chelsea Stammspieler zu sein sowie in der französischen Nationalmannschaft eine tragende Rolle zu spielen, hätte ich mir niemals erträumen lassen.

Geschweige denn eine Meisterschaft mit Leicester City.

Oh, ja. Ich denke gerne an meine Zeit bei den Foxes zurück. Das war ein großartiges Abenteuer, gekrönt mit der sensationellen Meisterschaft, die keiner erwartet hatte. Ursprünglich wollten wir einfach so früh wie möglich den Klassenerhalt sichern. Allein diese Meister-Saison bei Leicester wird für immer ein besonderer Teil meiner Laufbahn bleiben. In den ersten Tagen hatte ich dort gewisse Schwierigkeiten, weil es meine erste Auslandserfahrung war und weil ich damals noch kaum Englisch sprechen konnte. Es war komplettes Neuland.

Wer hat Ihnen dort geholfen?

Da war mir Claudio Ranieri, der ja Französisch aus seiner Trainer-Zeit bei der AS Monaco beherrschte, eine große Hilfe. Er hat an mich geglaubt und er stand mir immer zur Seite. Auch auf dem Rasen war es eine riesen Umstellung: In der Premier League wird schnell gespielt, es geht in jedem Zweikampf rustikal zu und jedes Wochenende trifft man auf absolute Weltstars. Wir waren der krasse Außenseiter, und am Ende haben wir es geschafft, Meister zu werden. Das war mein allererster Titel bei den Profis. Es war so was von unerwartet. Auf der menschlichen und professionellen Ebene habe ich in Leicester viele interessante Leute kennengelernt. Von Caen nach Leicester zu wechseln, war im Nachhinein ein Glücksgriff, weil ich auch mit dieser Entscheidung ein großes Risiko einging und es hätte auch locker in die andere Richtung gehen können.

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Dass das nicht der Fall gewesen ist, hängt mit Ihrer aggressiven Spielweise zusammen, die auf der Insel sehr gut ankommt.

Meine Hauptaufgabe vor der Abwehr besteht nun mal darin, Bälle zurückzuerobern, Zweikämpfe zu gewinnen und für die Balance zwischen der Defensive und der Offensive in meiner Mannschaft zu sorgen. Ich liebe es, permanent zu laufen. Meine große Stärke liegt ja im Laufbereich. In jedem Spiel absolviere ich ein großes Laufpensum. Dafür muss mein Fitness-Zustand absolut top sein. Ich habe ein Motto.

Verraten Sie es uns?

Das ist einfach: Im Spiel immer alles geben, egal, wer der Gegner ist und völlig egal, ob es sich um die Champions League oder um ein Freundschaftsspiel handelt, weil ich das Glück habe, Fußball-Profi zu sein. Das ist zweifelsohne ein Privileg und das sollte man nie aus den Augen verlieren. Mehr Tore und Assists dürften es aber demnächst mal sein. Da kann ich noch deutlich ein paar Schippen drauflegen und gefährlicher im gegnerischen Strafraum werden. In den letzten dreißig Metern muss ich mich noch mehr einbringen, wenn es das Spiel erlaubt, auch wenn es nicht meine oberste Priorität ist. Ich hoffe, dass ich meine Statistiken in naher Zukunft ein bisschen verbessern kann.

Inwieweit helfen Ihnen Ihre Trainer dabei?

Mit Didier Deschamps als Nationaltrainer und Antonio Conte als Vereinstrainer habe ich zwei Coaches, die in Ihrer Spielerkarriere auf genau meiner Position gespielt haben. Ich profitierte von beiden unheimlich viel. Es handelt sich um zwei absolute Spitzen-Trainer. Sie haben unglaublich viel Erfahrung sammeln können, erst in ihrer Spieler-Karriere und anschließend als Trainer. Beide standen zum Beispiel bei Juventus Turin sowohl als Spieler als auch als Trainer unter Vertrag. Wenn sie vor der Mannschaft oder unter vier Augen sprechen, dann muss man alles aufsaugen. Mit solchen Hochkarätern als Trainer entwickelt man sich als Spieler automatisch weiter. Auch mit Claudio Ranieri bei Leicester habe ich viel Erfahrung sammeln können. Er wusste mit den Spielern umzugehen. Er war gleichzeitig eine Art Papa, Trainer und Kumpel. Er war der Garant unseres Erfolgs, weil er mit uns perfekt umzugehen wusste. Seine Bürotür war für uns jederzeit offen.

Zum Abschluss: Was bedeuten Ihnen persönliche Auszeichnungen? Sie wurden Premier-League-Spieler des Jahres 2017…

Individuell betrachtet, habe ich in meiner Karriere keine besonderen Ziele, weil für mich eher die Titel mit der Mannschaft zählen, auch wenn mich die Auszeichnung zum besten Spieler der Premier League geehrt hat. Die ganze Zeremonie bleibt auch eine besondere Erinnerung. Das war echt berührend.

Interview: Alexis Menuge

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