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Quigley und Vandersloot: „Das Männer-Publikum ist nicht so tolerant“

Allie Quigley (32) und Courtney Vandersloot (30)

Allie Quigley (32) und Courtney Vandersloot (30) sind ein Paar. Bei Chicago Sky in der WNBA spielen sie gemeinsam im Backcourt, im echten Leben sind sie frisch verheiratet. Ein Gespräch übers Glücklichsein, das Pro und Contra von Outings, Ungerechtigkeit und „sensible“ Zeiten.

Sie beide spielen seit Jahren eine wichtige Rolle in der WNBA und im europäischen Basketball. Wie haben Sie Ihre Liebe zu diesem Spiel entdeckt?

Allie Quigley: Ich habe drei Geschwister und alle treiben Sport. Die ganze Familie ist sportlich. Wir haben alles ausprobiert, aber Basketball lieben wir über alles. Ich habe immer draußen gespielt und dann in der Schule weitergemacht. Und dann merkte ich, dass ich ziemlich gut war. Dann bin ich ans College gegangen und später für die WNBA gedraftet worden.

Courtney Vandersloot: Bei mir war es sehr ähnlich. Auch ich habe sehr früh angefangen und schnell rausgefunden, dass Basketball mein Lieblingssport ist. Ich habe immer draußen mit den Jungs gespielt. Das hat mir Riesenspaß gemacht, weil ich sehr ehrgeizig bin. Es hat einfach perfekt gepasst. Erst viel später habe ich gemerkt, dass ich auf einem anderen Level spiele als andere. So kam ich ans College, in die WNBA und nach Europa.

Das letzte Jahr war für Sie beide sehr wichtig. Courtney trug sich in die WNBA-Geschichte ein mit den meisten Assists in einer Saison. Allie gewann den Dreier-Contest beim All-Star Weekend mit einer historischen Leistung. Allerdings lief es gar nicht gut für Chicago Sky.  Was war los?

CV: Für uns beide war das vergangene Jahr besonders und gleichzeitig merkwürdig, weil wir individuell sehr erfolgreich waren, aber mit dem Team große Probleme hatten. Das war eine Art Achterbahnfahrt. Es war frustrierend für uns, dass unsere persönliche Entwicklung nicht zu mehr Siegen beitrug. Es hatte aber auch einen positiven Effekt: Durch die ganzen Probleme haben wir umso härter an uns gearbeitet und uns tatsächlich verbessert.

Allie, Sie haben zum zweiten Mal in Folge den Dreier-Contest gewonnen und dabei sogar Devin Bookers Bestmarke von 2018 übertroffen. Das war unglaublich! Wie ging es Ihnen an diesem Abend?

AQ: Es macht auf jeden Fall Spaß, auch wenn das Lampenfieber groß ist. Man wirft vor einer wirklich großen Kulisse und hat ja nur diesen einen Versuch, die ganzen Würfe zu treffen. Eigentlich war es nur schön, weil ich gewonnen habe. (lacht) Nein, es war schon eine runde Sache. Courtney und meine ganze Familie haben zugesehen – und es macht natürlich schon Spaß, so gut zu werfen.

Sie sind ein großer Fan von Stephen Curry, aber jetzt macht ein Foto von Ihnen und ihm die Runde in den sozialen Medien und da steht: „Allie mit einem Fan“. Wie finden Sie das?

AQ: Es ist cool. Es beweist, wie treu die Fans ihren Idolen sind. (lacht) Das ist schon besonders, denn in meinen Augen ist Stephen der beste Shooter aller Zeiten, der GOAT. Es ist schon cool, überhaupt ein Foto mit ihm zu haben. Er ist ein Vorbild, jeder will so werfen können wie er.

Courtney, Sie haben ebenfalls eine neue Bestmarke aufgestellt und mit Ihrem 258. Assist die legendäre Ticha Penicheiro überflügelt.

CV: Das ist schon ein Ding, in einem Atemzug mit Ticha genannt zu werden, sie hatte schließlich alle Rekorde für Assists irgendwann innegehabt. Als wir für ein Jahr zusammenspielten, hat sie sich wirklich um mich gekümmert. Sie wollte, dass ich erfolgreich bin. Nicht zuletzt deshalb ist sie jetzt meine Beraterin.

Nach der Saison gehen viele WNBA-Spielerinnen nach Europa oder anderswohin. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, die Heimat zu verlassen und auf einem anderen Kontinent Fuß zu fassen?

AQ: Es ist schon nicht einfach. Du kommst in eine fremde Kultur und kannst nicht einfach ins Auto oder ins Flugzeug steigen und deine Familie sehen. Das ist manchmal hart und man kommt sich einsam vor. Es kommt vor, dass du alle fünf Monate einen neuen Coach und neue Teamkollegen hast. Alles neu. Nach ein paar Jahren gewöhnst du dich aber daran und entdeckst die positiven Seiten: die vielen Erfahrungen, die kulturellen Unterschiede, das andere Essen, die Sprachen…

Ein Grund für diese Offseason-Engagements ist schlicht das Geld. Die Frauen verdienen im Profibasketball viel weniger als die Männer. In anderen Sportarten wie Tennis oder Fußball wird darüber schon lange debattiert. Wie ist Ihr Standpunkt und wie ist die Perspektive in der WNBA?

AQ: Es ist ein kompliziertes Thema. Auf der einen Seite halte ich uns für privilegiert, weil wir aus unserer Leidenschaft Basketball einen Beruf machen können. Auch gibt es Schlimmeres als unsere Gehälter, denn so schlecht sind die auch wieder nicht. Was wir wirklich brauchen, ist mehr Unterstützung durch die Medien, mehr Aufmerksamkeit. Wenn wir präsenter wären, hätten wir mehr Zuschauer und das Geld käme von allein. Meiner Meinung nach kriegen wir im Vergleich mit den Männern keine faire Chance.

CV: Ungerechtigkeit gibt es ja nicht nur im Sport, sondern überall. Frauen bekommen für die gleiche Arbeit weniger Geld, was frustrierend ist. Aber wir sind nicht hier, um uns mit anderen zu vergleichen. Jeder würde doch gerne mehr verdienen, oder? Wie Allie sagte, wird das Geld kommen, wenn die Liga wächst. Damit das passiert, müssen wir guten Basketball spielen, gute Unterhaltung bieten. Das tun wir schon, aber es geht noch besser. Ich bin inzwischen seit acht Jahren in der Liga und alles ist besser geworden. Ich glaube, dass die WNBA in guten Händen ist und die Kluft in Zukunft schrumpfen wird.

Ein großes Ereignis haben wir noch gar nicht angesprochen: Sie beide haben am 27. Dezember 2018 geheiratet. Sie sind also nicht mehr nur auf dem Court unzertrennlich. Frisch Verheiratete werden oft gefragt: Und, fühlt es sich jetzt anders an?

CV: Die Chemie zwischen uns stimmt einfach auf dem Platz und außerhalb davon. Unsere Karrieren nahmen gerade Fahrt auf, als unsere Beziehung begann. Wir können uns gegenseitig vielleicht mehr pushen als andere Leute, weil da Vertrauen da ist. Manchmal ist es auch schwierig. Wir treiben uns gegenseitig an, wir verbringen viel, sehr, sehr viel Zeit miteinander, was großartig und gleichzeitig schlecht sein kann. Aber mich macht es glücklich, mit meiner besten Freundin Tag zu Tag zur Arbeit zu gehen.

AQ: Es ist toll, dass wir gemeinsam die Welt entdecken und so viele Erfahrungen zusammen machen. Und zu Hause in den USA genießen wir das Leben zusammen, indem wir tun, was uns gefällt. Wir wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und nicht alle so ein Glück haben wie wir. Es ist einfach perfekt.

Klubwechsel, die Trennung von der Familie sind für Profisportler an der Tagesordung. Welche Rolle spielt Ihre Beziehung bei Vertragsgesprächen oder Verhandlungen? 

AQ: Eine große Rolle. Deshalb spielen wir sei fünf Jahren immer in der gleichen Stadt. Zum Glück ließ sich das so einrichten. Wir haben drei Jahre in Istanbul gespielt und auch in Polen beim gleichen Team. Dieses Jahr hat es leider nicht funktioniert. Aber manchmal muss man Opfer bringen und einen Kompromiss finden, der unseren Karrieren und gleichzeitig unserer Beziehung gerecht wird. Letztes Jahr haben wir die bestmögliche Lösung gefunden, auch wenn es hart ist.

Die frühere WNBA-Spielerin Candice Wiggins behauptet, 98 Prozent der Frauen in der Liga seien lesbisch und sie sei schikaniert worden, weil sie heterosexuell ist. Haben Sie jemals etwas von Übergriffen mitbekommen und was sagen Sie überhaupt zu Ihren Statements?

CV: Ich kann nichts über ihre Erfahrungen sagen. Ich weiß nicht, ob sie Schikanen ausgesetzt war. Ich kann nur über meine eigenen Erfahrungen in der WNBA sprechen. Meiner Einschätzung nach haben alle Lebensentwürfe ihren Platz hier. Es ist egal, welcher Religion jemand angehört und welche sexuellen Präferenzen jemand hat. Wir sind alle gleich. Ich habe nie etwas von Übergriffen oder Anfeindungen aus welchem Grund auch immer mitbekommen.

AQ: Mir geht es genauso. Ich habe auch nie negative Erfahrungen gemacht oder etwas Derartiges gehört.

Viele Spielerinnen in der WNBA machen keinen Hehl aus ihrer sexuellen Orientierung, während Outings von Männern im Sport sehr selten sind. Jason Collins, der als erster NBA Spieler zugab, schwul zu sein, sagte einmal: „Es gibt offiziell immer noch keine homosexuellen Spieler in der NFL, der NHL oder der MLB. Glaubt mir: Es gibt sie doch.“ Woher kommt der Unterschied zwischen Frauen- und Männerwelt?

AQ: Ich weiß es nicht, vielleicht weil die Welt eben so ist. Man rechnet im Männersport nicht im gleichen Maß mit Outings wie bei den Frauen. Vielleicht ist das Publikum bei den Männern nicht so tolerant, wenn es um Homosexualität geht. Vielleicht liegt es an den Fans. Männer müssen immer stark sein und gewisse Erwartungen erfüllen. Wahrscheinlich fühlen sich die Männer in ihrer Rolle nicht wohl.

CV: Ich habe leider auch nicht die Antwort parat. Ich glaube, ein Grund ist auch, dass sie ihr Privatleben schützen wollen, denn ein Outing wäre eine Riesengeschichte. Was sie aber hinter verschlossenen Türen machen, geht wirklich niemanden was an. Keine Ahnung, ob das der Hauptgrund ist, aber es ist jedermanns Sache, wie er mit seinen privaten Angelegenheiten umgeht. Das ist ihr gutes Recht.

Der Socrates Newsletter

Wenn wir an Colin Kaepernick denken, stellen wir fest, dass sich Sportler großen Widerständen aussetzen, wenn sie für ihre Rechte einstehen und ihre Freiheit verteidigen. Wir leben in turbulenten Zeiten. Muss man besser aufpassen, was man sagt?

CV: Es ist eine sehr sensible Zeit gerade. Wie jeder Bürger in Amerika haben auch Sportler das Recht auf Protest, das Recht auf Meinungsfreiheit. Weil sie aber in der Öffentlichkeit stehen, werden sie für alles kritisiert, was sie sagen oder auch nicht sagen. Das meine ich mit sensibel. Ich finde aber, dass es wichtig ist, dass sich Menschen für das einsetzen, woran sie glauben. Kaepernick hat das getan und viele sind ihm gefolgt. Ich glaube, dass Menschen ehrlich mit sich sein müssen. Immer. Egal was kommt.

AQ: Ich stimme Dir zu. Auch oder gerade Sportler haben das Recht zu sagen, was sie wollen. Man muss sich aber der Konsequenzen bewusst sein, gerade wenn man ein großer Star ist. Es wird viel Kritik geben und viel Zuspruch. Das eine und das andere, Schwarz und Weiß, aber nichts dazwischen. Ich glaube, dass wir heutzutage mehr aufeinander zugehen müssten, als immer nur Partei zu ergreifen. Immer heißt es: „Hier bin ich und da sind die anderen.“ Das bringt uns immer weiter auseinander. Man muss auch Verständnis für Leute haben oder entwickeln können, die eine andere Meinung vertreten.

Interview: Furkan Karasoy

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