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Real Valladolid: Ronaldos Welt

Roberto Carlos auf Visite beim Ex-Kollegen Ronaldo in Valladolid (Getty)

Ronaldo war einst ein Weltklassestürmer bei den besten Klubs der Welt. Nun ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann und neuer Eigentümer von Real Valladolid. Doch warum ausgerechnet Valladolid? SOCRATES war vor Ort, um das herauszufinden.

Antonio mag die Ruhe. Und die Ruhe scheint ihn zu mögen. Der Mann, ein Mittdreißiger, wirkt so, als hätte er noch nie die Fassung verloren. Das Lächeln steht in seinem Gesicht Gewehr bei Fuß. „Möchtest du einen Kaffee? Er ist hier wirklich gut. Aber wenn du möchtest, kannst du auch etwas anderes trinken.“

Antonio sagt das in einer so freundlichen Art und Weise, dass man gar nicht auf die Idee kommt, diese Höflichkeit nicht zu erwidern. Das Wetter schließt sich der Freundlichkeit an diesem Tag an. „Letzte Woche war es hier sehr kalt. Wir haben Glück“, sagt er. Mit hier ist Valladolid gemeint.

Eine Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern, gelegen nordöstlich von Madrid. Mit dem Zug dauert es knapp eine Stunde, bis man von der Hauptstadt in das sehr beschauliche Valladolid kommt. Die Stadt, in der 1506 Christoph Kolumbus starb. Valladolid wirkt wie Antonio. Valladolid ist Antonio. Aufregung ist hier ein Fremdwort. Daran kann selbst Real Madrid nichts ändern.

Standards ohne Tore

Am nächsten Tag wird hier der größte Klub der Welt beim heimischen Real Valladolid Club de Fútbol gastieren. Das Abschlusstraining direkt am Estadio José Zorrilla ist komplett öffentlich. Eine Unmöglichkeit bei vielen Klubs der Welt, die sich am liebsten komplett von der Außenwelt abkapseln und aus ihren taktischen Übungen kurz vor den Spielen ein Staatsgeheimnis machen.

Doch in Valladolid haben sich trotz der Möglichkeiten nur ein paar Zuschauer an den Trainingsplatz verirrt. Trainer Sergio González Soriano lässt fast ausschließlich mit dem Ball trainieren. Vor allem viele Defensivstandards werden geübt. Soriano hat offenbar eine Vorahnung. Da aber nur selten ein Tor fällt, halten sich die Emotionen am Spielfeldrand in Grenzen.

Ein etwas korpulenter Mann hat seinen Klappstuhl mitgenommen, es sich direkt am Spielfeldrand bequem gemacht. Aber er vergnügt sich lieber an einem Handyspiel. Ein paar Groupies sind auch da, aber sie haben eher Spaß an gefühlt 1.300 Selfies. Motivierende Schlachtrufe vor dem großen Spiel? Nichts. Es hat wohl nicht einmal etwas mit der sportlich prekären Situation des Aufsteigers zu tun, dass hier selbst vor einem Real-Spiel keine Euphorie aufkommt. Auch am Tag danach, als die Partie gegen die Königlichen steigt und Valladolid spielerisch einen vielversprechenden Start hinlegt, gibt es im ausverkauften Stadion Stimmung nur auf Sparflamme.

Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #31 im Mai 2019: Hier klicken und nachbestellen

Valladolid hat keinen Rivalen

Die Spiele im Estadio José Zorrilla, das nach einem bekannten Dichter benannt ist, sind gut besucht, aber man versteht das Ganze eher als okaye Abwechslung im Alltag und weniger als große Liebesromanze mit dem Lokalmatador. Gehören Rivalitäten zwischen Klubs im Fußball zum guten Ton, hat Valladolid nicht einmal einen Gegner, an dem man sich aufreibt. „Vielleicht ist es Salamanca, weil der Klub aus der Nähe kommt, aber das ist eigentlich auch keine echte Rivalität“, sagt Antonio, der sich um die Klub-Kommunikation in Valladolid kümmert.

Als am nächsten Tag der Bus von Real Madrid vorfährt, gibt es die obligatorischen Pfiffe der wartenden Valladolid-Anhänger. Als der gesperrte Sergio Ramos aus dem Bus steigt, wird der Protest ein klein wenig lauter, aber einige wollen mit dem Kapitän Reals und der spanischen Nationalmannschaft auch viel lieber abklatschen. Eine Stadt voller Antonios eben.

Frenetisch wird es an diesem Tag nur einmal. Kurz nachdem die Spieler aus Valladolid und Madrid das Stadion betreten und die Busse sich allmählich zu ihren Parkplätzen zurücksetzen, taucht aus dem Nichts Ronaldo Luís Nazário de Lima auf. Der ehemalige Weltklassestürmer von Real Madrid, Barcelona und Co. wird gefeiert, bejubelt und geliebt. Ronaldo winkt kurz verlegen und verschwindet dann ebenfalls im Stadion.

„Er hat uns auf die Landkarte gesetzt“

Ronaldo ist nicht gekommen, um seinen ehemaligen Klub, für den er Anfang der 2000er Jahre in 177 Spielen unfassbare 104 Tore erzielte, zu beobachten. Ronaldo ist der Gastgeber. Im Sommer 2018 verkündete Real Valladolid, dass der Brasilianer 51 Prozent der Klub-Aktien gekauft habe und fortan Hauptanteilseigner sei. Ronaldo investierte 30 Millionen Euro, um künftig dem Klub vorzustehen.

„Er hat uns mit seinem Kommen auf die Landkarte gesetzt, sowohl als Klub als auch als Stadt“, sagt der bisherige Präsident Carlos Suárez Sureda. Im Sommer verkaufte der Klub 20.000 Dauerkarten, verkaufte Trikots wie nie. Natürlich mit der Nummer 9 und dem Schriftzug Ronaldo. Der Hype um den einsteigen Weltstar ist riesig. Aber warum gerade Valladolid? Warum ein Klub, der ohne ihn auf keiner Landkarte steht und sportlich eher als Fahrstuhlmannschaft anzusehen ist? Ein Klub, der mehr Abstiege als Pokale vorzuweisen hat?

Gerüchte, wonach er als Strohmann für unsichtbare Investmentunternehmen fungiert, wiegelt Ronaldo vehement ab. „Das ist mein Geld.“ Und man nimmt es ihm ab, wenn man die Vita des 41 Jahre alten Brasilianers begutachtet. Seine vielen Verletzungen führten dazu, dass Ronaldo viel Zeit hatte, über die Zeit nach der Karriere nachzudenken. Erste Firmenbeteiligungen soll es schon früh gegeben haben. 2014 gründete er dann in Brasilien eine Vermarktungsagentur, anschließend zog er nach London um, wo er drei Jahre lebte, sein Englisch verbesserte und Kurse in den Bereichen Finanzen und Kommunikation belegte.

In den USA beteiligte er sich an den Fort Lauderdale Strikers, aber Ronaldo wollte mehr. Er wollte einen Klub führen. Die Frage, warum es dann ausgerechnet Valladolid wurde, lässt sich damit noch immer nicht beantworten, aber zumindest gibt es erste Hinweise. Denn hört man sich in Spanien um, ist Valladolid zwar sportlich (noch) keine große Nummer, aber wirtschaftlich durchaus gesund. Die Kostenstruktur hält sich in Grenzen, die Schulden auch.

Valladolid: Solide Wirtschaft

Im Gegensatz zu vielen anderen Klubs, die auch bedingt durch verschiedene Wirtschaftskrisen und Fehlinvestitionen in der Klemme stecken und durch einen Investor gerettet werden müssen. Ronaldo muss nicht erst damit anfangen, Schulden zu bezahlen. Da würden die läppischen 30 Millionen Euro auch nicht helfen. Er kann sofort in die Weiterentwicklung investieren – und das will er höchstpersönlich. „Glaubt ihr, ich kaufe einen Klub, um am nächsten Tag in den Urlaub zu fahren?“

Ronaldo bringt sich ein. „Neulich saß er zu Hause und hat einen Social-Media-Post gesehen, der ihm nicht gefallen hat. Er hat dann persönlich angerufen und gefragt, ob man das nicht hätte anders formulieren können“, erzählt Antonio. Es ist aber keineswegs königliches Gehabe, das Ronaldo praktiziert. Er zeigt Nähe, lässt sich gerne in der Stadt und auch in der Kabine blicken, um mit dem Trainer, den Spielern und mit den Vereinsmitarbeitern zu sprechen. Es ist Ronaldos Welt. „Es ist schon wahnsinnig aufregend, wenn dir El Fenómeno gegenübersteht“, sagt Enes Ünal, seit Saisonbeginn Stürmer bei Valladolid, im Gespräch mit SOCRATES.

Ronaldo gibt Tipps über Laufwege, darüber, wie man am besten schießt, über das Stellungsspiel. Und jeder im Klub nimmt die Hilfe gerne an. Dass Alltagstipps für den Erfolg nicht ausreichen werden, weiß Ronaldo. Die Mannschaft, in der nur drei Ausländer spielen, hat nur bedingt La-Liga-Niveau. Als im Sommer Gespräche über die Übernahme durch Ronaldo geführt wurden, ließ der Klub alles stehen und liegen und vergaß vollkommen, die Mannschaft zu verstärken. Die Quittung: Abstiegskampf.

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Hilfe von Real Madrid?

Gegen Real Madrid geht Valladolid zweimal in Führung, beide Male annulliert der Schiedsrichter per VAR die Tore. Als Valladolid noch einen Elfmeter verschießt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Real die Fehler bestraft und das Spiel nach Hause schaukelt. Einen Tag später werden die Königlichen die Rückkehr von Zinédine Zidane verkünden und die Fußballwelt überraschen.

Im Stadion ist noch die Rede davon, dass José Mourinho zurückkommen wird. Aber Real entscheidet sich für Zidane, den Erfolgstrainer der vergangenen Jahre und Ronaldos einstigen Mitspieler. Wahrscheinlich ist er sogar eingeweiht, verbringt er doch den ganzen Tag mit Reals Präsidenten Florentino Pérez, mit dem den Brasilianer ein freundschaftliches Verhältnis verbindet.

Sehr wahrscheinlich, dass er sich künftig Hilfe vom großen Nachbarn holt. Denn Ronaldo sagt: „Wir wollen so weit wachsen,wie es unsere Träume zulassen.“ Verwaltungsratmitglied Suárez ergänzt: „Wir stoßen in eine Dimension vor, von der wir nicht einmal zu träumen gewagt hatten.“ Dazu gehören dann auch Spielertransfers, die Valladolid im Sommer vorhat.

Aber teure Stars wird der Klub nicht holen, sondern – auch mithilfe des großen Namens im Rücken – vielversprechende Talente an Land ziehen, damit sie gemeinsam mit dem Klub wachsen. Der Standort, unweit von Madrid, wird dabei natürlich helfen.

Und was sagt Antonio? Emotionen sind nicht sein Ding, aber er freut sich für die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen ist. Dass die Menschen hier mal aus der Langeweile herauskommen und ihren Spaß haben. Jahrelang lebte er in Kapstadt, Südafrika. Doch irgendwann packte ihn die Sehnsucht und er kam zurück. Die Sehnsucht nach der Ruhe und vielleicht nach dem guten Kaffee am Trainingsplatz. Und Antonio hatte recht. Er ist wirklich gut.

Fatih Demireli

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