,

Robin Afamefuna: Der Anruf

Robin Afamefuna: Bei Anruf Profi (Imago)

Nach einer Verletzung scheinen seine Tage in der Jugend von Borussia Mönchengladbach gezählt. Eine Alternative muss her. Die Wahl von Robin Afamefuna fällt auf die USA. Der Beginn einer bemerkenswerten Reise…

„Ich bin sein Bruder. Ich bin Robins Bruder. Können Sie mich bitte reinlassen?“, ruft Chika Afamefuna mit nervöser Stimme einem Ordner im Kabinentrakt des WakeMed Soccer Park entgegen und wedelt dabei mit einer Karte, die ihm Zutritt zu den Katakomben gewährt.

Der ältere Mann nickt, Chika betritt die Kabine der Virginia Cavaliers. Dann ist für 15 Minuten alles still. „Wahnsinnsspiel da draußen, was? Das gibt bestimmt Elfmeterschießen“, bricht der Ordner das Schweigen. In der Tat: Das Spiel hat es in sich.

Es ist der 15. Dezember 2019. In Cary, North Carolina, steht das Finale der College Meisterschaft an: Die University of Virginia aus Charlottesville gegen die Georgetown University aus Washington DC. Mittendrin ist ein Deutscher. Robin Afamefuna heißt er und spielt seit vier Jahren für Virginia. Es ist sein letztes Spiel für das Team und soll der krönende Abschluss einer durchaus bemerkenswerten College-Karriere werden.

Robin Afamefuna: Nicht der Floskel-Typ

„Weiß man schon, was er hat?“, fragt der Ordner und fügt hinzu: „Ich tippe auf eine Gehirnerschütterung, sah nicht gut aus, der Junge!“ Schlecht geraten ist das nicht. Später stellt sich heraus, Linksverteidiger Afamefuna hat sich bei einem Zusammenstoß in der 81. Minute mit einem Gegner eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen und dazu noch ein Stück eines Zahns verloren. Kurz danach macht Georgetown das 3:2.

Nach einer Weile kommt Chika, Robins Bruder, aus der Kabine. „Alles gut! Ihm geht’s wieder besser. Wir streamen jetzt das Spiel hier auf dem Handy und gehen dann zur Siegerehrung wieder ins Stadion“, sagt er und verschwindet wieder in den Raum.

Ein Tag zuvor: Robin Afamefuna sitzt in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels in Raleigh, der Hauptstadt North Carolinas. Der 22-Jährige ist selbstbewusst, drückt sich gut aus und verfällt auffällig selten in die typischen Fußballer-Floskeln. Er ist erfrischend direkt. „So lange mir niemand vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen habe, werde ich immer meinen Mund aufmachen“, sagt er.

Der etwas andere Kapitän

Eine Sache, die ihm in den USA nicht nur Freunde gemacht hat. „Viele Amerikaner kommen nicht gut mit Ehrlichkeit klar“, sagt Afamefuna. „Manchmal sagen mir Leute: ‚Wir müssen unbedingt mal abhängen‘ und wenn ich dann sage ‚Ne sorry, ich kenne dich doch gar nicht‘, dann gucken die mich an, als sei ich komplett verrückt.“

Vielleicht war seine Direktheit trotzdem ein Grund für die Coaches, ihn vor zwei Jahren zum Kapitän der Mannschaft zu machen.  Eine ziemlich große Verantwortung bei einer College Mannschaft: „Als Kapitän hast du viel mehr Aufgaben. In Deutschland gehst du nach dem Training getrennte Wege, hier hängst du 24/7 aufeinander und kümmerst dich um deine Mitspieler, wenn sie außerhalb des Platzes Probleme haben“, sagt Afamefuna.

Doch der Junge aus Würselen in der Nähe Aachens hat keine Angst vor der Aufgabe. Er ist erwachsen geworden, seitdem er alleine in die USA gegangen ist. Vor vier Jahren war das, als Afamefuna auswanderte, aufs College nach Virginia. Nicht ganz freiwillig, könnte man vielleicht sagen. Zumindest nicht geplant.

In Gladbach kam das Aus

Es war dieser eine Schlüsselmoment, den es häufig im Leben junger Fußballer gibt, der entscheidet, in welche Richtung die Karriere verlaufen wird. Bei Afamefuna war es eine schwere Verletzung. 2015, kurz vor dem Youth-League-Spiel der U19 von Borussia Mönchengladbach gegen den FC Sevilla. Da spielte er noch mit, danach kam die Diagnose: innerer Meniskusriss, sechs Monate Pause, nach der Genesung nur noch ein Kurzeinsatz über zwei Minuten am letzten Spieltag der Junioren-Bundesliga.

Eine lange Leidenszeit für Afamefuna, vor allem, weil niemand mit ihm sprach. „Keiner ist wirklich direkt auf mich zugekommen“, erzählt Afamefuna. „Ich hatte während meiner Verletzungszeit die meisten Gespräche mit den Physiotherapeuten und von denen wurde mir sogar gesagt: ‚Robin, hör zu. Ich habe ein bisschen zugehört bei den Gesprächen von den Trainern und was ich so raushören kann, ist halt, dass du nächste Saison wahrscheinlich nicht mehr hier sein wirst.‘ Das war der Moment, in dem ich angefangen habe, mir Alternativen zu suchen.“

Ab Mai 2016 ist Afamefuna ohne Verein. Angebote von Vereinen aus unteren Ligen schlägt er aus. Er orientiert sich lieber in eine ganz neue Richtung: die USA. Es war ein Vortrag der Agentur Monaco Sports, der ihn dazu brachte. Monaco Sports vermittelt jungen Sportlern und Sportlerinnen Stipendien an US-Universitäten. Afamefuna erstellt zusammen mit der Agentur ein Highlight-Video von sich und schickt es an diverse Colleges in den Staaten.

Große Aufmerksamkeit in den Medien

Am Ende bekommt er Angebote von 28 verschiedenen Universitäten. Die University of Virginia ist von allen interessierten Colleges die Top-Adresse, sagt Afamefuna: „In Virginia hat die Mischung extrem gut gepasst. Sie ist akademisch eine der besten öffentlichen Universitäten im ganzen Land und hat sportlich seit Jahrzehnten eines der besten Teams.“

Seit vier Jahren ist er jetzt in Charlottesville, hat gerade seinen Bachelor of Arts in Global Studies abgeschlossen und will mit seinen Virginia Cavaliers das beste College-Team im Land werden. Er ist noch ein Spiel davon entfernt. Viele Scouts und Coaches aus der Major League Soccer sind angereist und sehen, wie Virginia drei Minuten vor dem Abpfiff den Ausgleich zum 3:3 erzielt.

Das College-Finale kann ein Sprungbrett für die jungen Fußballer sein. Nicht nur wegen der Scouts vor Ort, sondern auch wegen der riesigen medialen Aufmerksamkeit. Der Sender ESPN überträgt zur Primetime und große Tageszeitungen wie die Washington Post berichten. Wer hier zum Matchwinner wird, hat große Chancen auf einen Profivertrag. Umso bitterer, dass Afamefunas Arbeitstag schon vor dem Abpfiff zu Ende ist.

Zeigst du Schwäche…

Man merkt der Mannschaft aus Virginia an, dass hinten links nicht mehr ihr Kapitän spielt. Trotzdem schafft es das Team, das 3:3 über die Zeit zu bringen. Elfmeterschießen. Selbst die seriösen Print-Journalisten hält es nicht mehr auf den Sitzen. „Eines der torreichsten und spannendsten Spiele der letzten Jahrzehnte!“, sagt einer von ihnen. 15 Minuten und 14 Elfmeter später steht fest: Georgetown ist der neue College-Champion.

Afamefunas Cavaliers versagen im Sudden Death des Elfmeterschießens die Nerven. Ekstase bei den knapp 2.000 mitgereisten Fans des Colleges aus Washington D.C. Für die Uni ist es der erste Titel ihrer Geschichte. Robin Afamefuna steht während des letzten Elfmeters schon wieder auf dem Platz. Er wollte bei seinem Team sein im entscheidenden Moment.

„Alles okay, bitter fürs Team. Ich hätte uns das so gegönnt. Aber das Leben geht weiter“, sagt er. In der Tat muss das Leben für Afamefuna sehr schnell weitergehen. Zwei Tage später fliegt er nach Las Vegas zu einem Probetraining – trotz leichter Gehirnerschütterung. Die Docs geben grünes Licht, vielleicht auch weil sie wissen, wie es in den USA läuft: Zeigst du Schwäche, kommt ein anderer und nimmt deinen Platz ein.

Der schwere Weg in die MLS

Mittlerweile herrscht auch im US-Fußball ein großer Konkurrenzkampf. Immerhin gibt es 204 Universitäten, die in der höchsten College-Liga spielen – der NCAA Division I. Jedes Jahr vergibt die MLS nur knapp über 100 Profiverträge. Wenig Plätze für mittlerweile viele talentierte Nachwuchsspieler. Die Vergabe läuft wie in allen amerikanischen Sportarten über einen Draft, in dem die Vereine der Reihe nach Collegespieler auswählen dürfen.

Vor allem für ausländische Studierende ist es schwer, von einem Team ausgewählt zu werden. In der MLS gibt es nämlich ein Limit von vier internationalen Spielern pro Mannschaft – und diese Plätze gehören bekanntlich oft den Ibrahimovićs, Schweinsteigers und Pirlos, die ihre Karriere in den Staaten ausklingen lassen wollen. Die MLS braucht die bekannten Spieler für ihre Einschaltquoten.

Talentförderung sei für die NCAA, den College-Liga-Verband, ein Fremdwort, erzählt ein Journalist. Es gehe nur um die Vermarktung der Liga. In der Regel seien die spektakulären Spieler, die Torjäger, diejenigen, die früh gedrafted würden und Chancen auf einen langfristigen Profivertrag in der MLS bekämen.

Der Anruf

Als ausländischer Linksverteidiger ist Robin Afamefuna dementsprechend nervös, als am 9. Januar der MLS-Superdraft beginnt. Er sitzt in Atlanta mit seinem Bruder Chika vor dem Fernseher, als an erster Stelle der Stürmer Robbie Robinson von David Beckhams Team Inter Miami gezogen wird. 25 weitere Spieler werden von den MLS-Teams ausgewählt, dann ist die erste Runde des Drafts zu Ende.

Afamefunas Name ist nicht gefallen. „Bei manchen Vereinen gibt es eine zu große Skepsis, was internationale Spieler vom College angeht. Ich war deswegen total angespannt“, erzählt er. Dann klingelt Robins Handy. Der Manager eines MLS-Teams ist dran. Einige Minuten später wird klar: Als 37. Spieler im Draft wird Afamefuna von den Colorado Rapids ausgewählt. Der Traum des 22-Jährigen hat sich nach vier Jahren Collegefußball erfüllt.

„Als ich meinen Namen im Fernsehen gesehen habe, war als allererstes viel Ungläubigkeit da und danach einfach nur Freude. Ich bin jetzt so unglaublich nah dran und habe wirklich die Möglichkeit zu sehen, auf welchem Level ich bin. Jetzt kann ich mich beweisen“, sagt Afamefuna.

Es ist eine Art gesunder Druck, den er sich macht. Gesund, weil er weiß, dass er schon viel erreicht hat – unabhängig davon, ob es mit der Fußballkarriere klappt: „Für mich war’s wichtig, dass ich mich nicht nur als Fußballer weiterentwickle, sondern auch als Mensch und als Student. Jetzt mit meinem Abschluss bin ich natürlich unglaublich froh, dass mir so viele Möglichkeiten auch außerhalb des Platzes zur Verfügung stehen. Die wichtigsten Probleme in meinem Leben, die werde ich nicht auf dem Fußballplatz, sondern außerhalb vorfinden“, sagt Afamefuna.

Es ist dennoch schön zu wissen, dass ihm zunächst Leute wie Ulises Segura Probleme bereiten könnten. Der ist nämlich rechter Flügelstürmer von D.C. United, dem ersten Gegner der Colorado Rapids in der neuen Saison – und in Afamefunas Profi-Karriere.

Gian-Luca Delbach & Jim Laage

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.