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Ferenc Puskás mag mich

Ferenc Puskás starb am 17. November 2006 (Getty Images)

Der englische Schriftsteller Rogan Taylor schreibt für SOCRATES über die Verbundenheit mit seinem Jugendidol Ferenc Puskás. Wie aus einem Vorbild ein Freund wurde und aus einem Mann ein glückliches Kind.

Von Rogan Taylor

Alles begann an einem sonnigen Nachmittag in Liverpool 1991. Ich war gerade dabei, meine Karriere als freischaffender Autor aufzubauen. Ich war 46 Jahre alt. Wenn ich Zeit hatte, setzte ich mich gerne in meinen kleinen Garten, wo die Sonne leicht durch die Bäume durchschien, und überlegte, was ich als nächstes tun möchte.

Meistens kam mir eine Idee, wohin ich reisen könnte, um einen Zeitungsartikel zu schreiben oder eine Idee für eine Radiosendung. Aber an jenem Tag, als ich mit geschlossenen Augen da saß und die Sonne mein Gesicht wärmte, platzte ein einziges Wort aus mir heraus: „Puskás.“

Ferenc Puskás: Es war Liebe auf den ersten Blick

Ich fragte daraufhin: „Na gut, was würdest du denn mit Puskás machen? Etwas über ihn schreiben? Und was willst du wirklich von Puskás? Ein signiertes Trikot?“ Und da ist mir klar geworden: „Ich will, dass er mich mag…“ Ferenc Puskás war meine erste große Liebe. Ich erinnere mich genau an den Tag, die Stunde und sogar die Minute, als er mein Herz eroberte.

Es war am 25. November 1953 um 14:19 Uhr. Ich war acht Jahre alt und alle waren von der Schule nach Hause geschickt worden, um das „Spiel des Jahrhunderts“ im Fernsehen anzuschauen (oder es anzuhören). England gegen Ungarn in Wembley. Als ich Puskás sah, wie er wunderbar geschickt am Rand des Fünf-Meter-Raums den Ball mit der Sohle zurückzog und ihn an Torhüter Merrick vorbeischoss, war ich verzaubert. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Es musste ein Film werden

Zurück im Garten, dachte ich mir, wenn ich wirklich möchte, dass er mich auch in sein Herz schließt, dann bedarf es eines gigantischen Projekts, das Jahre dauern würde. Und während dieser langen Zeit würden wir zusammenarbeiten und Puskás würde erkennen, was er mir bedeutet – und er würde mich genauso schätzen lernen. So einfach!

Es musste ein Film werden. Er sollte zum 40. Jahrestag des besagten Wembley-Spiels veröffentlicht werden. Ich begann damit, das Drehbuch zu schreiben. Die Eingangsszene spielt an Josef Stalins Totenbett, 5. März 1953. Chruschtschow und Beria warten auf seinen Tod, aber Stalin kommt immer wieder kurz zu Bewusstsein.

Schließlich zieht Stalin den Chef des KGB nah zu sich heran und flüstert: „Hören Sie, Beria, wir können noch viel von den Ungarn lernen“. Und der große Diktator stirbt mit einem einzigen Wort bei seinem letzten Atemzug: „Puskás.“

Die Begegnung mit Bragard

Und los ging es. Mir war klar, dass es kein Film für das Kino, sondern für das Fernsehen war. BBC2 oder Channel 4? Ich versuchte die Filmidee verschiedenen TV-Produzenten schmackhaft zu machen, aber erreichte nichts. Bis ich einen wundervollen Mann kennenlernte, Jean-Claude Bragard, der als Produzent einer sechsteiligen Fernsehreihe für BBC2 ausgewählt worden war. Ein Zeitzeugenbericht über den englischen Fußball.

Er wollte die dritte einstündige Sendung vollständig über England gegen Ungarn 1953 drehen und schickte mich nach Ungarn, um alle noch lebenden Spieler des „Goldenen Teams“ zu finden und zu interviewen. Ich war im siebten Himmel und wurde auch noch dafür bezahlt.

Dann saß ich da mit Puskás, Grosics, Buzánszky, Czibor, Hidegkuti

Der erste, den ich traf, war Ferenc Puskás. Er war damals gerade erst zurück in Ungarn nach 35-jährigem Exil in Spanien und lebte in einem Hotel. Er war fantastisch. Sein Englisch war dürftig, aber ich hatte eine sehr talentierte, junge ungarische Radiojournalistin und Linguistin dabei als Dolmetscherin und Produktionsassistentin.

Zusammen fanden wir alle noch lebenden ungarischen Spieler. Ich verbrachte viele Stunden mit Puskás, in denen wir über Taktik, das 6:3-Spiel und große Trainer sprachen. Ein paar Monate später kehrte ich zurück. Am 25. November 1993 in Budapest war es soweit. Es gab ein großes Bankett zur Feier des 40. Jahrestags des „Jahrhundertspiels“. Fast alle ungarischen und englischen Spieler, die noch lebten, waren anwesend. Mit dabei war auch ich.

Irgendwann saß ich mit Puskás, Grosics, Buzánszky, Czibor, Hidegkuti, Stanley Matthews, Billy Wright, Tom Finney und den anderen am Tisch und dachte mir: ,,Jetzt ist es fast auf die Minute genau 40 Jahre her, seit ich vor dem Fernseher saß und mich in Puskás und den Fußball verliebte. Dieser Moment prägte mein Leben – und hier sitzen nun die, die das möglich gemacht haben. Ein großer Kreis meines Lebens schließt sich. Würde ich jetzt hier sterben?“

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Mein Freund, Rogan

Als ich gerade kurz vor meiner Rückreise nach mehreren Wochen in Budapest stand, rief mich Brian Barwick von BBC TV an, der Puskás nach London und in die große alljährliche Sendung „Sportpersönlichkeit des Jahres“ einladen wollte. „Überrede ihn zu kommen und du wirst ihn eine Woche lang in London begleiten“, sagte Brian. Also verbrachte ich Zeit mit ihm.

Wir aßen in jedem ungarischen Restaurant in Soho – wenn wir eintraten, standen alle auf! Schließlich entschieden wir zusammen, das ultimative Puskás-Buch zu schreiben. Wir gingen zur Sendung und Puskás war müde. Ich kümmerte mich darum, dass er durch einen Seiteneingang herausgehen konnte (wie ein Rockstar), weil immer noch hunderte Sportfans draußen auf Autogramme warteten. Wir verloren uns, als jemand Puskás in dunkle Korridore leitete und ich noch zurückbleiben musste, um einen Wagen zu besorgen.

Ich sah, wie Puskás am Arm um eine Biegung gelenkt wurde und dann aus meinem Blickfeld wich. Er blieb stehen, drehte sich um, um nach mir zu schauen und sagte: „Entschuldigen Sie, ich warte noch auf meinen Freund Rogan.“ Er mag mich.

Rogan Taylor, der 1945 in Liverpool geboren wurde, ist ein bekannter Autor mehrerer Bücher, u.a. schrieb er auch über Ferenc Puskás. Er produzierte mehrere TV-Sendungen, Dokumentationen und moderierte auch viele Radio-Formate. Wenig überraschend, dass sich auch seine Masterarbeit um Fußball handelte.
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