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Sandkastenliebe in Chicago

Chicago oder besser: Windy City

Socrates-Chefredakteur Fatih Demireli begab sich auf eine Reise nach Chicago, um zum einen die spannende Stadt zu erkunden und zum anderen seine Liebe zu den Bulls aufleben zu lassen. Ein Date mit unerwartetem Ende.

Was ist der Grund meiner Reise, will die Dame von mir wissen. Ja, was erzähle ich ihr denn? Warum bereist man eine Stadt? Geschäftlich oder privat? Sightseeing oder Einkaufsbummel? Freunde oder ein Konzert besuchen? Muss es denn überhaupt einen Grund dafür geben, dass man reist? Vielleicht will man einfach woanders sein, ohne Grund. Aus purem Fernweh.

Gut, meinen philosophischen Ansatz wird die Sicherheitskraft am Münchener Flughafen nicht nachvollziehen. Ich muss ihr schon etwas Handfestes sagen, damit sie mir das Okay für den Check-in am Schalter gibt. Ich erzähle ihr, dass ich ein Spiel der Chicago Bulls besuchen will. Die Erfüllung eines Kindheitstraums.

Früher, als nebst Michael Jordan auch Scottie Pippen, Dennis Rodman, Toni Kukoč und Co. das Interesse an Basketball in mir weckten. Mit Grundschulkumpel Dimitrios feierte ich die Bulls – und natürlich MJ. Jetzt also Jahre später der erste Besuch im United Center. Als sie mich fragt, welche Spieler ich mag, sag ich ihr, dass die Bulls nicht mehr so schillernd auftreten wie früher. Ich muss zugeben, dass ich nicht alle Namen der Spieler draufhabe.

Bulls nicht mehr so schillernd

Zum einen ist seit dem Zerfall der Bulls-Dynastie in den 1990er Jahren mein Interesse an den Bullen aus Chicago verflacht (Erfolgsfan!!!), zum anderen auch meine Begeisterung für die NBA an sich. Mir ist die Euro- League fast schon lieber geworden. Ich zähle ein paar Namen auf, sie guckt interessiert und sagt dann, dass sie keine Ahnung von Basketball habe, mir aber eine gute Reise wünsche.

Meine erste Reise nach Chicago beginnt mit diesem Gespräch. So ein ähnliches habe ich dann auch am O’Hare International Airport. Der Sicherheitsbeamte ist aber mit der Antwort, dass ich die Bulls sehen will, schneller zufrieden, stempelt meinen Pass ab und verabschiedet mich Richtung Stadt. Hätte mich der Herr, dessen Namen ich hier aus Sicherheitsgründen sicher nicht schreiben darf, gefragt, ob das alles sei, hätte ich das natürlich verneint.

Chicago hat so viel mehr zu bieten als eine Basketball-Mannschaft, die zugegeben schon mal besser war, dass sich eine Reise in die Stadt im Bundesstaat Illinois wirklich sehr lohnt. Nun ist es nicht mein erster Besuch in den USA, sodass ich mit meinen Weggefährten vor Ort durchaus Vergleiche anstellen kann. Los Angeles? Pff, klar. Las Vegas, sowieso. Und New York erst. Meine Herren. Doch irgendetwas begeistert mich dann doch sehr an Chicago.

Deutsch mit amerikanischem Akzent

Als jemand, der die EuroLeague mehr mag als die NBA, liegt der Verdacht nahe, dass mir die Ordnung in dieser Stadt zusagen könnte. Aber alleine das? Nein. Europäisch mag Chicago durch den Einfluss vieler Bürger mit den Wurzeln in Übersee durchaus wirken. Wer Deutsch gerne mit amerikanischem Akzent hört, ist hier gut aufgehoben. Ich frage jeden, der mir über den Weg läuft, ob man sich auf Bastian Schweinsteiger gefreut habe, als dieser hier beim MLS-Klub Chicago Fire anheuerte.

„Bastian, wer?“

Gut, mag ja mal sein, dass der eine oder andere keinen Fußball mag. Aber mit jedem neuen Ansprechpartner, der keinen blassen Schimmer davon hat, wer dieser Schweinsteiger ist, bin ich dann doch irritiert. Uber-Fahrerin Diana, übrigens auch mit deutschen Wurzeln, hat eine Begründung: „Die Stadt liebt Sport, aber wir sind so sehr mit Baseball und Basketball beschäftigt, dass für Fußball keine Zeit ist.“

Dieser Artikel erschien zunächst in Ausgabe #42: Hier klicken und bestellen
Das Cubs-Gefühl

Als ich Maria treffe, die meine Gruppe bei einem ewigen Spaziergang durch die Stadt führt, weiß sie durchaus, wer Schweinsteiger ist. „Er sieht wirklich gut aus“, sagt sie schmunzelnd. Ja, das tut er. „Aber er ist doch mit dieser Tennis-Spielerin verheiratet, oder?“ Ja, Ana Ivanović. Aber auch Maria kommt schnell auf Baseball zu sprechen. Über das Duell der White Sox aus dem Süden gegen die Cubs aus dem Norden.

Zwei MLB-Teams, deren Rivalität schon eine Ewigkeit währt und besonders emotional gelebt wird. „Wir werden gleich am Stadion der Cubs vorbeilaufen“, sagt sie. Ich bin schon ganz gespannt. Als wir dann am Wrigley Field ankommen, bin ich erdrückt. Das Stadion wurde 1914 gebaut. Dass es aber danach mehrmals renoviert wurde, muss man erst mal noch glauben. Es sieht so wunderbar nach Tradition aus, dass man auch als Baseball-Ignorant in seinen Bann gezogen wird.

Um das Baseball-Erlebnis noch intensiver zu gestalten, bauten die Besitzer des Klubs einst einfach ein ganzes Dorf um das Stadion herum. Hotels, Bars, Restaurants. Wer 24 Stunden und 7 Tage lang ein Cubs-Gefühl haben möchte, kann sich hier einfach hinsetzen und genießen. Heute ist kein Spiel, aber viele Cubs-Fans sind dennoch da und essen gemeinsam. Wie muss es hier zugehen, wenn gespielt wird?

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Das ist kein Meer?

„Na, Baseball-Fan geworden, mein deutscher Freund?“, fragt mich Maria. Ja, wo kann ich unterschreiben? Ich bin zwar tatsächlich traurig, dass heute kein Spiel der Cubs stattfindet, aber ich darf ja noch zu den Bulls. Das wird mich trösten. Ich weiß es.

Ich mag das Meer. Ich könnte stundenlang am Meer sitzen und in die Ferne sehen. Der Michigansee ist kein Meer, aber er wirkt so mächtig, dass mir keiner weismachen kann, dass das nur ein See ist. Der Michigansee ist einer der fünf großen Seen in den USA. 494 Kilometer lang, 190 Kilometer breit. Die Fläche beträgt 58.016 Quadratkilometer. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Die Schweiz hat eine Fläche von 41.287 Quadratkilometer. Er grenzt gleich an vier US-Bundesstaaten.

Genug Wikipedia-Wissen. Hier merke ich zum ersten Mal, warum Chicago den Beinamen „Windy City“ trägt. Der Wind ist gerade im Winter omnipräsent, doch überhaupt nicht unangenehm. Die Kombination aus der unendlichen Weite des Sees und dem Sausen des Windes ist irgendwie idyllisch. Viele Jogger, viele Hundebesitzer laufen am Michigansee entlang. Etwas Entspannung, auch für mich.

Das Wrigley Field im Norden Chicagos
Das Wrigley Field im Norden Chicagos
Das beste Popcorn der Welt

Chicago hat so viel zu bieten, dass die Ruhe eine willkommene Abwechslung ist. Der Blick vom Skydeck, einem der höchsten Gebäude der Welt, der Besuch in der Andy-Warhol Ausstellung und natürlich das Schlangestehen im Garrett. Ich habe keinen Hang zur Übertreibung, aber das ist das beste Popcorn der Welt. Platz 2 gibt es nicht.

Wer aber eine Dose frisches Popcorn haben will, muss sich an der Michigan Ave ewig anstellen. Alles okay, es lohnt sich. Als ich mit dem Schiff eine Stadtrundfahrt mache und die Kollegen von „Chicago’s First Lady Cruises“ die Architektur der Stadt erklären, muss ich ja gestärkt sein.

Vor allem, weil abends die Bulls anstehen. Endlich. Ich bin noch mal im Hotel angekommen. Frischmachen, man will ja für seine Sandkastenliebe gut aussehen. Ich schaue nach, der Weg vom Hotel mit dem Taxi ist nicht weit. Aber egal, ein bisschen früher ankommen im United Center, ein paar Schnappschüsse, den Fanshop leerkaufen und dann „Go, Bulls!“.

„Die Stimmung ist cool“

Uber Fahrerin Jenny erzählt, dass sie früher selbst oft bei den Bulls war, aber dass es nicht mehr so einfach ist, weil ihr neuer Freund lieber Football guckt und sie zu den Bears gehen. „Und, wie sind die so?“, will ich wissen. „Naja, die Stimmung ist cool.“ Ich bin gespannt, wie es gleich bei den Bulls ist.

Ich komme endlich an. Jenny lässt mich vor dem Haupteingang raus. Mensch, denke ich mir. Wie ruhig es doch hier ist, vor so einem Spiel. Die müssen schon alle drin sein, denke ich mir. Oder bin ich zu früh da? Naja egal, erst mal gucken, wo hier das richtige Gate zu meinem Sitzplatz ist. Hm. Das muss der falsche Eingang sein. Keine Menschenseele. Ich werde allmählich nervös.

Bin ich falsch gefahren worden? Doch, das ist das United Center. Und draußen laufen auf den Billboards auch Bulls- Clips. Ich sehe ein, zwei Typen, die ihr Hab und Gut auf zwei Einkaufswagen vor sich herschieben.

„Hi“, sagt der eine ganz freundlich. Soll ich ihn fragen, wo ich hier den richtigen Eingang finde. Nein, ich gucke lieber nach. Ich zücke mein Handy, tippe „Chicago Bulls“ in Google, um auf die Seite der Franchise zu kommen. Doch als erstes sehe ich das Ergebnisservice des Suchanbieters.

Bulls vs. Heat. 108:116. Endstand. Der Schock meines Lebens.

Das Spiel war am Abend zuvor.

Fatih Demireli

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