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Stefanos Tsitsipas im Interview: Der glücklichste Mensch der Welt

Stefanos Tsitsipas ist Tennis-Weltmeister

Mit gerade mal 21 Jahren gewann Stefanos Tsitsipas die ATP Finals – der jüngste Gewinner seit 18 Jahren. Der Grieche hatte keine einfache Kindheit, wie er im exklusiven Interview mit SOCRATES erzählt. Und er erzählt auch von kühnen Träumen.

Stefanos Tsitsipas, spätestens seit Ihrem Sieg gegen Roger Federer bei den Australian Open zählen Sie zur Weltspitze. Wie gehen Sie mit Ihrem neuen Status um?

Ich möchte vorausschicken, dass ich hart dafür gearbeitet habe, dort zu stehen, wo ich jetzt bin. Meine konstant guten Leistungen in dieser Saison sind der verdiente Lohn dafür. Ganz einfach: Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich auf Stars wie Rafael Nadal, Roger Federer oder Novak Djoković treffe. Jahrelang habe ich sie am Bildschirm verfolgt und jetzt darf ich selbst gegen sie spielen. Ein Traum wurde wahr.

In welchem Bereich Ihres Spiels haben Sie sich zuletzt besonders weiterentwickelt?

In meinem Defensivspiel an der Grundlinie. Ich habe in den letzten Monaten extrem viel geschuftet, sowohl auf dem Court als auch im Kraftraum. Dazu habe ich meine Ernährung komplett umgestellt. Mittlerweile kann ich sagen, dass ich mich komplett aufopfere, um die höchsten Ziele zu erreichen.

Was ist noch neu?

Ich bin konstanter geworden, mache weniger Fehler. Das liegt auch daran, dass ich nicht mehr so hektisch wie früher bin. So ist mein Spiel insgesamt effizienter. Ich bin auch klüger geworden und habe festgestellt, dass ich unter Druck immer besser spiele. Ich bin auf einem guten Weg, habe aber nicht vor, mich darauf auszuruhen, das können Sie mir glauben. Ich bin sehr hungrig und fest davon überzeugt, dass ich noch viel weiterkommen kann.

Wie wichtig war der Durchmarsch bis ins Halbfinale der Australian Open im Januar?

Wenn man bei einem Grand-Slam-Turnier so lange dabei ist, bekommt man automatisch einen Schub für die kommenden Aufgaben. Wichtig ist dann aber, sich realistisch einzuschätzen und weiter hart an sich zu arbeiten. Ich bin überzeugt davon, dass ich noch viel besser spielen kann und bald in der Lage sein werde, wichtige Turnier und auch Majors zu gewinnen.

Gibt es einen Tennis-Boom in Ihrer Heimat oder einen Tsitsipas-Hype?

Absolut. Ich genieße jetzt in Griechenland deutlich mehr Aufmerksamkeit als noch im vergangenen Jahr. Wenn ich so weitermache, dann wird diese Sportart wieder richtig populär in meinem Land. Ich bin froh und stolz, eine Art Tennis-Botschafter zu sein.

Können Sie sich noch völlig ungezwungen und frei bewegen?

Das wird immer schwieriger. Immer mehr Fans halten mich auf und wollen ein Autogramm oder ein Selfie mit mir machen.

Die neue Generation um Sie, Denis Shapovalov, Daniil Medwedew oder Borna Ćorić spielt sehr offensiv. Ist das die Zukunft des Tennis?

Das hoffe ich doch. Angreifen ist schließlich das beste Rezept. Ich finde aber, dass ohnehin nur noch wenige Spieler ausgesprochen defensiv agieren. Viele Leute sagen, dass Nadal ein Defensivspieler sei. Diese Meinung teile ich nicht. Vielleicht war er das in den Anfängen seiner Karriere auf der Tour, aber inzwischen geht er sehr aggressiv zu Werke.

Sie sind einer der wenigen Spieler neben Federer, der die Rückhand mit einer Hand spielt. Ist das schon immer so gewesen?

Bis ich acht Jahre alt war, habe ich tatsächlich beidhändig gespielt. Aber mit einer Hand passt es mir besser. 2014 kam die große Veränderung und zwar beim Orange Bowl, als ich immer öfter die Rückhand mit nur einer Hand spielte. Das Selbstvertrauen wurde immer größer und mittlerweile ist die Rückhand meine größte Stärke. Ich glaube nicht, dass ich mit einer beidhändigen Rückhand die gleiche Entwicklung genommen hätte.

Wer waren Ihre Idole in Ihrer Jugendzeit?

Federer und Pete Sampras, der auch griechische Wurzeln hat. Beide Spieler haben oder hatten die schönste Rückhand auf der Tour. Für mich waren sie eine Art Inspiration. Ich hoffe, dass wieder mehr Spieler die Rückhand mit nur einer Hand spielen.

Erzählen Sie uns von Ihrer Kindheit.

Ich hatte es in der Schule nicht einfach, weil ich oft allein war. Keiner wollte mich in seinen Freundeskreis lassen. Mein Nachteil war, dass ich ständig auf Reisen war, um irgendwo an Turnieren teilzunehmen. Ich hatte das Gefühl, dass etliche Mitschüler neidisch auf mein Leben waren. Ich habe damals versucht, diese Dinge nicht so wahnsinnig wichtig zu nehmen und immer schön die Ruhe zu bewahren. Das war nicht immer leicht.

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Sie gelten auch auf der Tour eher als Einzelgänger, als einer, der gerne für sich ist und nicht viele Freunde hat. Stimmt das?

Das ist absolut richtig. Ich genieße es, in meiner eigenen Welt zu leben. Ich habe nicht viele, dafür aber sehr gute Freunde in meinem ganz engen Umfeld. Mit ihnen verbringe ich gerne Zeit, aber das Schönste für mich ist, komplett allein zu sein und allein zu entscheiden, was ich machen will. Mir ist sehr wichtig, kreativ und unabhängig zu sein.

Wollten Sie immer Tennisspieler werden oder gab es auch andere Optionen?

Ja, ich wäre beinahe Fußballer geworden. Auch die Schauspielerei war mal eine Idee. Aber vor allem als Fußballer war ich in Griechenland sehr aktiv.

Ihrer Leidenschaft für die Schauspielerei gehen Sie mit Ihren Video-Blogs nach. Stimmt es, dass Sie immer eine Drohne dabeihaben?

In meiner Reisetasche ist immer eine drin. Ich setze sie immer wieder für einen Videodreh ein.

Ihre Mutter reagiert oft sehr emotional in der Loge. Wie gehen Sie damit um?

Meine Mutter versteht sehr gut, was ich auf dem Platz mache, weil sie früher selbst Profi war. Sie ist der Grund dafür, dass ich im Laufe der Zeit immer disziplinierter wurde. Dabei ist Disziplin gar keine typisch griechische Tugend. Meine Mutter lässt mich aber in Ruhe, mein Vater ist viel strenger.

Könnte das mal zum Problem werden? Schließlich ist Ihr Vater auch Ihr Trainer?

Vielleicht hole ich mir irgendwann einmal einen zweiten Coach, weil es nie verkehrt ist, sich mehrere Meinungen einzuholen. Heute ist das aber überhaupt kein Thema. Ich habe zu meinem Vater eine ganz besondere Beziehung. Wir sind uns sehr nah und verstehen uns blind. Wenn ich ihn an meiner Seite habe, dann fühle ich mich wohl und selbstbewusst. Er kennt mich am besten und er weiß genau, wie ich ticke. Ich wüsste nicht, wer es besser machen könnte als er. Er hat einen großen Anteil an meiner Entwicklung und mir viel gegeben. Er hat ja sogar seinen Beruf aufgegeben, um mich auf der Tour zu begleiten.

Sie wirken auf dem Platz ausgesprochen furchtlos. Woher kommt das?

Als Kind wäre ich fast ertrunken. Mein Vater hat mir damals das Leben gerettet. Seitdem betrachte ich viele Sachen anders. Ich genieße jeden Augenblick mehr als früher. Auf dem Court beschäftige ich mich nur mit meinem Spiel, nicht mit dem Gegner. Es spielt sich alles im Kopf ab und wenn ich eine falsche Entscheidung treffe, dann bin ich allein schuld. Angst habe ich nie, wenn ich spiele.

Wenn die Leute in vielen, vielen Jahren Ihren Namen googeln: Was sollen sie über Sie finden?

Da sollte stehen: „Die ehemalige Nummer eins der Welt“ oder besser noch: „Der beste Spieler aller Zeiten“.

Interview: Alexis Menuge

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