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Kenan Kocak im Interview: „Ich bin kein Träumer!“

Kenan Kocak gehört mit 38 Jahren zu der jungen Trainergeneration Deutschlands. Ein einfaches Leben hatte der neue Trainer von Hannover 96 aber nie. Ein Gespräch über Träume und Arbeit.

Kenan Kocak, können Sie sich daran erinnern, wovon Sie als Kind geträumt haben?

Es war der Traum einer großen Fußballerkarriere. Ein Traum, der meine Kindheit getragen und geprägt hat.

Wer waren Sie auf dem Bolzplatz?

Diego Maradona war ein großes Thema in meiner Kindheit. Ronaldo oder Zinédine Zidane später ebenfalls. Aber auch Lothar Matthäus war ein Spieler, zu dem man aufgeschaut und versucht hat, Dinge zu machen, so wie er sie tat. Das waren besondere Spieler.

Sie sind in Kayseri, in der Türkei, geboren, kamen aber schon als Zweijähriger nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Mein Opa war schon als Gastarbeiter in Deutschland. Und so wie es damals war, kamen die Familienangehörigen peu à peu nach. Erst mein Onkel, dann mein Vater, der meine Mutter und mich nachgeholt hat. Ich war noch sehr klein, habe von alldem nichts mitbekommen. Ich hatte keine Kindheit, in der ich mich neu integrieren musste. Ich begann dann in der F Jugend mit dem Fußballspielen.

Das ist die Altersgruppe der 7- bis 8-Jährigen.

Richtig. Ich wurde bei Phoenix Mannheim angemeldet, weil der Verein gleich in der Nähe unserer damaligen Wohnung war. Ich war schon immer sehr ehrgeizig, ich wollte meinen Traum erfüllen und habe viel investiert, um den Sprung zu schaffen.

Das Interview erschien in Ausgabe #18: Jetzt nachbestellen

Oliver Kahn hat mal bei SOCRATES gesagt, dass er auf dem Weg zum Erfolg deutlich mehr Emotionen verspürte als beim erreichten Erfolg selbst. Wie war es bei Ihnen, als Sie Fußballer wurden?

Ich hatte natürlich nicht die große Karriere eines Oliver Kahn, sodass ich das vergleichen könnte, aber als mich damals Uwe Rapolder zum ersten Mal zum Training der ersten Mannschaft eingeladen hat, war das für mich ein Highlight. Da habe ich registriert: „Hey Kenan, was läuft denn da?“ Ich bin stolz darauf, behaupten zu können, dass ich mein Ziel habe. Aber eine Woche nach meinem ersten Profivertrag lernte ich die negativen# Seiten des Profilebens kennen.

Sie haben Ihren ersten Kreuzbandriss erlitten.

Das war 1998. Die Medizin war noch nicht so fortgeschritten wie heute. Das war natürlich ein großes Handicap, wenn man als junger Profi so zurückgeworfen wird. Mir blieb letztlich die große Karriere aufgrund einiger Verletzungen und auch vieler falscher Entscheidungen verwehrt.

Sie mussten nach dem zweiten Kreuzbandriss Ihre aktive Karriere beenden. Entstehen da Existenzängste, weil Sie nichts anderes außer Fußball hatten?

Ich habe keine Angst vor Sachen, die ich sehen kann. Auch nicht vor etwas, das kommen kann.

Demnach konnten Sie das Karriereende auch einfacher verarbeiten?

Es war ja leider nicht so, dass bis zu meinem 27. Lebensjahr alles glatt gelaufen ist. Ich war oft verletzt, hatte viele Ausfallzeiten. Durch die vielen Rückschl.ge konnte ich mich darauf vorbereiten. Natürlich war ich im ersten Moment enttäuscht, aber mir blieb ja keine andere Wahl, als die Situation anzunehmen. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.

Wie lange haben Sie gebraucht, entscheiden zu können, was Sie danach machen wollen?

Fußballer denken selten darüber nach, was danach kommen könnte. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir der Trainerjob Spaß macht und dass ich mich in diese Richtung entwickeln möchte.

Sie haben direkt nach Ihrem Karriereende aber erst einmal bei der Stadt Mannheim ein Projekt mit schwer erziehbaren Jugendlichen geleitet und versucht, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hat sich Ihr eigenes Unglück relativiert, als Sie diese jungen Menschen gesehen haben?

Ich bin ein großer Verfechter von Bescheidenheit und Demut. Grundsätzlich müssen wir, die mit Fußball ihren Lebensunterhalt verdienen, wissen, dass wir einen privilegierten Beruf haben und auf einem hohen Niveau jammern. Wenn man sieht, welche sozialen Fälle und Probleme es gibt, sollten wir dankbar sein, dass wir von diesen Dingen verschont geblieben sind.

Hilft Ihnen die Erfahrung von damals in Ihrem Trainerjob?

Menschenführung ist ein schwieriges Thema. Es ist schwer zu lernen, denn es liegt im Naturell und im Charakter eines Menschen, wie er Führungsaufgaben und Positionen definiert und ausführt.

Menschenführung war auch ein Teil des Unterrichts in der DFB-Trainerausbildung. Sie gehörten 2015/16 zum auserwählten Kreis der 25 Trainer, die teilnehmen durften. Sie kamen mit einer anderen Lebensgeschichte als die übrigen Teilnehmer. Haben Sie das gespürt?

Schon. Der Kurs war voller Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten, mit Domenico Tedesco oder Julian Nagelsmann waren Trainer dabei, die heute bundesweit bekannt sind. Da waren Teilnehmer dabei, die ein abgeschlossenes Studium hatten. Sie kamen direkt von der Uni und taten sich leichter. Ich musste erst einmal das Lernen lernen.

Inwiefern?

Ich musste erst einmal wieder herausfinden, welche Optionen es beim Lernen gibt, herausfinden, was für ein Lerntyp ich bin. Ich musste mich regelrecht reinkämpfen. Mithilfe der Dozenten, aber auch der anderen Teilnehmer, ist mir das aber gelungen. Es gab keine Ausgrenzung.

Und Sie konnten sich nicht einmal aufs Lernen konzentrieren. Sie waren Trainer bei Waldhof Mannheim, mussten im Zuge der Ausbildung auch eine Hospitanz beim SV Darmstadt 98 machen…

…und ich war noch Sportlicher Leiter bei Waldhof – als einzig hauptamtlicher Angestellter.

Wie haben Sie das durchgehalten?

Es war eine große Verantwortung. Waldhof ist ein großer Traditionsverein, der versucht, in den Profifußball zurückzukommen. Es war eine sehr intensive Zeit. Der Dank gilt meiner damaligen Mannschaft, dem Trainerteam, den Führungsspielern um Hanno Balitsch oder Michael Fink, die mir das Leben einfach gemacht haben. Wir haben das gemeinsam geschafft.

Hat Sie der Traum, es als Profitrainer zu schaffen, – salopp gesagt – am Leben gehalten?

Ich bin kein Träumer. Es bringt mir nichts, davon zu träumen, in ein paar Jahren irgendwo sein zu wollen oder sein zu müssen. Die wichtigste Zeit ist die Gegenwart. Ich versuche, das Beste aus ihr herauszuholen und zu arbeiten, dass gewisse Dinge passieren. Träume machen nur Sinn, wenn man täglich an ihnen arbeitet.

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Ihr Name wurde immer wieder mit Bundesliga gehandelt. Wie reagieren die Kinder? Schreien sie: „Papa, schau mal, Stuttgart will dich haben. Wann unterschreibst du?“

Meine Kinder sind noch zu klein, um das zu registrieren, daher bleiben mir diese Situationen zum Glück noch erspart, aber das kann sich mit der Zeit ja noch ändern (lacht).

Was ist Ihre Maxime als Trainer?

Meine Aufgabe als Trainer ist es nicht, mich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern die Mannschaft. Ich bin ein Teil des Klubs. Ich möchte, dass meine Spieler eines Tages über mich sagen, dass ich sie inhaltlich, aber auch persönlich weitergebracht habe. Das ist meine Maxime. Ich weiß, dass ich sehr fordernd bin, aber ich unterstütze meine Spieler auch.

Dann ist es eine große Freude für Sie, wenn Ihr früherer Spieler Denis Linsmayer vom SV Sandhausen sagt, dass er seit Ihrer Ankunft ein besserer Fußballer geworden ist…

Das liegt vor allem erst einmal daran, dass Denis hervorragend arbeitet und selbst diesen Weg geht. Ich kann meinen Spielern meine Hilfe anbieten, meine Ideen weitergeben und Ihnen die Tür öffnen. Sie müssen durch diese Tür gehen.

Einer, der für Sie die Tür geöffnet hat, ist Frank Wormuth, Ihr Ausbilder beim DFB. Er hat bei uns im Interview gesagt, dass Taktik, insbesondere eine Systemdiskussion, überbewertet wird, weil es primär um den Menschen geht und es der Mensch ist, der die Taktik überträgt. Das klingt sehr nach Ihnen.

Wenn ein Trainer vor der Mannschaft steht, aber die Fachkompetenz nicht mitbringt, kann er noch so ein guter Typ sein, wie er will – es wird nicht helfen. Es braucht eine gewisse Fachkompetenz, um den Spielern erklären zu können, für welchen Fußball man steht. Aber Frank Wormuth hat recht. Wenn man die beste Fachkompetenz hat, aber keinen Zugang zu den Spielern findet, dann bringen dir die Inhalte auch nichts. Die Vermittlungskompetenz ist extrem wichtig und wird in Zukunft noch wichtiger.

Warum?

Wir Trainer haben heutzutage nur eine bestimmte Zeit, um gewisse Details am Spiel und am Spieler zu verbessern. Da gilt es, mit höchster Konzentration und mit Besessenheit daran zu arbeiten und es schnellstmöglich zu entwickeln.

Merken Sie eigentlich, wenn mal Ihre Ansprache zur Mannschaft nicht fruchtet?

Das merkt man schon. Aber ich denke, dass passiert jedem Mal. Ich bin keiner, der Ansprachen nach Schema F macht oder sie irgendwo abliest. Ich verlange von mir und meiner Mannschaft Authentizität. Wenn ich mal schlecht gelaunt bin, dann bin ich es. Ich werde niemals schauspielern. Und ich will auch nicht, dass das meine Spieler tun. Sie sollen offen sein. Ehrlichkeit ist ein wichtiger Faktor.

Haben Sie Trainervorbilder?

Es gibt Kollegen, die ich bewundere und deren Spiele ich mir ansehe. Irgendwer hat mal gesagt, dass Stillstand Rückschritt ist. Das stimmt. Ich darf nicht den Fehler machen, dass ich denke, dass ich alles besser weiß. Ich bin offen und neugierig auf neue Sachen.

Wer sind die Trainer, die Sie bewundern?

Pep Guardiola spricht für sich. Marcelo Bielsa ist ein fantastischer Trainer aus Argentinien. Johan Cruyff habe ich bewundert. Joachim Löw beeindruckt mich mit seiner Art. Er ist Weltmeister geworden und ist dennoch Mensch geblieben. Auch Thomas Tuchel darf nicht vergessen werden. Er war der Wegbereiter für junge Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren. Er hat die Türen geöffnet, sodass heute zahlreiche junge Trainer in der Bundesliga arbeiten.

Sie kennen Thomas Tuchel gut. Wie bewerten Sie es, dass er in der Öffentlichkeit oft auf seine zwischenmenschlichen Fähigkeiten reduziert wird?

Ich habe Thomas als wunderbaren Menschen kennengelernt. Und zu was er als Trainer im Stande zu leisten ist, steht außer Frage. Natürlich fragt man sich schon, wie so ein Image, das Thomas bei manchen gerade leider hat, entstehen kann, wenn man persönlich ganz andere Erfahrungen gesammelt hat. Das finde ich sehr schade.

Bei der Trainerausbildung ist es die erste Aufgabe, auf einem DIN-A4-Blatt den Fußball zu erklären. Was stand bei Ihnen darauf?

Der Mensch im Mittelpunkt. Fertig.

Interview: Fatih Demireli

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Marvin Knoll: „Werte? Das ist kein Gerede“

Marvin Knoll hat es aus dem Berliner Block zum Fußball-Profi geschafft. Im Interview spricht der St.-Pauli-Spieler über Beleidigungen von Familienvätern, seine Zeit in der Regionalliga und surreale Ablösesummen.

Marvin Knoll, spielen Sie als Sechser oder Innenverteidiger nicht eigentlich auf der falschen Position?

(lacht) In der Jugend war ich immer vorne dabei und habe als Stürmer gespielt. Aber im Nachhinein ist es gar nicht so schlecht, dass ich aus der Offensive nach hinten gewechselt bin, weil ich weiß, wie die Stürmer ticken und was sie so probieren wollen. Aber als Jugendlicher habe ich daran natürlich nicht gedacht. Damals wollte ich nur Tore schießen.

War der Positionswechsel für Sie eine große Umstellung? Haben Sie sich dagegen gewehrt?

Nein, gewehrt habe ich mich nicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich von Saison zu Saison in meiner Karriere immer weiter hinten aufgestellt wurde und habe mir gedacht: ‚Uh, das könnte vielleicht auch ganz hinten enden.‘

Also sehen wir Sie irgendwann im Tor?

(lacht) Nein, obwohl ich im Tor gar nicht so schlecht bin. Abschläge kann ich echt gut. Aber Spaß beiseite, da haben wir in der Mannschaft natürlich unsere Experten.

Sie sind seit knapp einem Jahr beim FC St. Pauli. Inwiefern unterscheidet sich der Verein von Ihren vorherigen Stationen?

Es sind die Werte, die dieser Verein vertritt. Das ist nicht nur irgendein Gerede, wir lassen auch Taten sprechen. Ein Beispiel: Als wir in Amerika waren, haben wir vor dem Trump Tower in New York die Regenbogenfahne gehisst. Das ist ein Zeichen, hinter dem der Verein auch nach außen steht. Auch die Nähe zu den Fans ist einfach eine ganz andere und eine ganz besondere. Das sehe ich vor allem bei unseren Heimspielen. Auch wenn die Leistung mal nicht stimmt, wird trotzdem applaudiert und unsere Arbeit honoriert. Die Leute identifizieren sich voll mit dem Verein und ich bin einfach stolz darauf, hier zu spielen. Das sieht man auch an unseren Trikots von Under Armour, die im Design herausstechen und auch die Werte des Vereins repräsentieren.

Sie haben in der Jugend von Hertha BSC gespielt. Wie sehr haben Sie damals daran geglaubt, es zu den Profis zu schaffen?

Natürlich hoffst du, dass du bei deinem Jugendverein irgendwann einen Profivertrag bekommst. Im Fußball ist es aber eben selten so, dass du die ganze Zeit bei einem Verein bleibst.

Auch Sie haben ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen, sind trotzdem durch Ihre Offensivstärke ein ungewöhnlicher Spieler. Ist die Kritik berechtigt, dass den Spielern die Individualität im Jugendbereich abtrainiert wird?

Die Unterschiede zwischen den Nationen sind ja deutlich zu sehen. Wenn ich an Frankreich denke, kommen da schon richtig gute Jungs nach. Die haben einfach dieses Freche in sich oder machen einfach mal einen Trick, den du eigentlich nicht machen musst. Das fehlt uns ein wenig. Klar sind wir körperlich auf einem guten Niveau, aber du musst einem Spieler auch Freiraum geben, eine Persönlichkeit zu entwickeln. Wir haben keine Charaktere mehr, es fehlt das Individuelle. Aber wir haben bei der U21-EM gesehen, dass wir richtig gute Talente haben. Übrigens auch beim FC St. Pauli. Die jungen Spieler, die diese und letzte Saison hochgezogen wurden, gehen auch wieder ins Eins-gegen-Eins.

Was machen Sie, wenn Sie von denen getunnelt werden?

Dann lachen sie frech. Und ich grätsche natürlich hinterher. (lacht)

Sie waren ein paar Jahre im Kader, wurden aber auch verliehen. Wie haben Sie reagiert, als es dann bei der Hertha nicht weiterging?

Wir sind damals in die erste Liga aufgestiegen und ich hatte 14 Spiele in der Saison gemacht, übrigens unter meinem jetzigen Trainer Jos Luhukay. Ich wollte regelmäßig auf hohem Niveau spielen und wusste, dass die Konkurrenz mit dem Aufstieg sicherlich nicht kleiner wird. Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, weg von zu Hause und andere Perspektiven kennenlernen. Ich bin viel rumgekommen und konnte von jedem Verein etwas mitnehmen, auch wenn ich sportlich vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen getroffen habe. Als Menschen hat mich das aber sehr weitergebracht.

Mit Anfang 20 sind Sie zum SV Sandhausen in der Provinz gewechselt. Das klingt nicht gerade nach dem Traum eines jungen Fußballers…

Ich hatte damals erst beim MSV Duisburg unterschrieben. Wir hatten eine sehr gute Mannschaft zusammen und wollten eigentlich um den Aufstieg mitspielen. Wir waren schon voll in der Vorbereitung und dann wurde dem Verein plötzlich die Lizenz für die 2. Liga entzogen. Dann stand ich erst mal da. Mein Vertrag war nur für die 2. Liga gültig, ich war vereinslos.

Aber es gab doch sicherlich noch Angebote.

Die Vorbereitung lief wie gesagt schon, die meisten Vereine hatten keinen Platz mehr im Kader. Auf einmal kommen dann 30 gute Spieler auf den Markt. Sandhausen war für mich eine der wenigen Optionen in der Liga, die ich noch hatte. Und der Verein hat mir damals auch ein gutes Gefühl gegeben, auch wenn es im Rückblick sportlich nie so richtig gepasst hat.

Im Winter 2015 sind Sie nach Regensburg gewechselt und in die Regionalliga abgestiegen. Der Tiefpunkt Ihrer Karriere?

Ich kam zu Beginn der Rückrunde in den Verein, der da schon sehr wenig Punkte auf dem Konto hatte. Es sah also schon danach aus, dass es in die Regionalliga gehen würde. Für mich war es nach der Situation in Sandhausen, wo ich nicht viel gespielt hatte, wichtig, wieder Freude an meinem Beruf zu finden: nicht nur unter der Woche zu trainieren, sondern auch am Wochenende wieder regelmäßig zu spielen.

Trotzdem konnten Sie den Abstieg nicht verhindern. Und ihr Vertrag lief im Sommer aus.

Ich stand wieder vor der Entscheidung: Suche ich mir jetzt wieder was anderes oder baue ich mir meine eigene Sache auf. Regensburg hatte gerade ein neues Stadion gebaut, für den Verein ging es um sehr viel. Und die Verantwortlichen haben mich sehr gut behandelt und aus der schweren Zeit in Sandhausen herausgeholt. Natürlich war es keine Wunschvorstellung für mich, Regionalliga zu spielen. Viele haben mich damals abgeschrieben und gesagt: „Wenn du einmal in der vierten Liga bist mit 24, dann kommst du da nicht mehr raus. Dann war’s das mit dem Profigeschäft.“

Wie haben Sie es in dieser Situation geschafft, nicht die Motivation zu verlieren?

Ich wollte es diesen Leuten einfach mal zeigen. Wenn die Leute einem Respekt entgegenbringen, dann bleibe ich auch in so einer schwierigen Zeit bei meinem Verein. Ich bin ein ehrgeiziger Typ. Ich habe das Glück, dass ich schon einige Jahre im Fußball dabei bin und weiß, dass ich immer das Maximale aus meiner Situation machen muss. Klar waren ein paar Jahre dabei, die nicht optimal liefen. Aber ich bin jetzt in einem sehr guten Alter und will noch mal alles aus mir rausholen und noch einiges erreichen.

Sie sind mit dem SSV Jahn zweimal in Serie aufgestiegen. Wie wichtig war diese Zeit für Ihre Karriere?

Ich habe dort etwas zusammen mit dem Team hinterlassen. Die Fans sagen über mich: „Hey, das ist ein Spieler mit Charakter. Der hat seinen Teil dazu beigetragen und uns da mitrausgeholt.“ Das ist mir wichtiger als Geld oder die Tatsache, dass ich jetzt schon 30 Spiele mehr in der 2. Liga gemacht haben könnte.

Was war an Ihrer Regensburger Zeit so besonders?

Wir waren finanziell nicht die stärkste Mannschaft, aber wir waren die Mannschaft mit dem meisten Herz. Deswegen sind wir zweimal in Folge aufgestiegen, obwohl uns vor der Saison jeder in Frage gestellt hat.

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Sind der FC St. Pauli oder Jahn Regensburg Beispiele dafür, dass Geld im Fußball nicht alles ist?

Natürlich ist Geld nicht alles, aber es ermöglicht einem teilweise gewisse Dinge, die man sonst nicht hätte. Aber das garantiert weder mehr Erfolg noch mehr Freude. Im Fußball ist es wichtig, dass man eine gute Truppe beisammen hat, die schwierige Zeiten durchmacht. Bei Regensburg hatten wir einen Mannschaftskern, der auch in der vierten Liga mit dabei war. Die Karriere geht nicht immer bergauf, sie hat auch mal Wellen und manchmal kommt man an einem Tiefpunkt an. Aber es ist nicht schlimm, wenn man manchmal richtig auf die Fresse bekommt. Man muss nur wieder aufstehen und die Ärmel hochkrempeln.

Wollen Sie in Ihrer Karriere noch einmal Bundesliga spielen?

Ja. Meine Wunschvorstellung wäre natürlich, wenn es mit dem FC St. Pauli klappen würde. Wenn es nicht klappt, wäre ich auch nicht traurig. Aber es wäre für meine Karriere noch mal toll.

Würden Sie dafür auch den FC St. Pauli verlassen?

Das kann ich schwer sagen. Ich weiß, was ich am FC St. Pauli habe, aber man sollte niemals Sachen im Leben ausschließen. Ich würde auf jeden Fall lieber mit St. Pauli in der Bundesliga spielen als mit jedem anderen Verein. Ich weiß, was ich hier habe und passe perfekt zu diesem Klub.

Gibt es sowas wie Vereinsliebe überhaupt aus Sicht eines Spielers?

Das kommt immer darauf an, wie nah du den Verein an dich heranlässt. Ich kommuniziere gerne mit Fans, ich lasse mir Zeit für Fotos, unterhalte mich mit ihnen und nehme auch Kritik an. Die Leute kommen ins Stadion, um mich spielen zu sehen. Sie zahlen dafür viel Eintrittsgeld. Wenn ich dann nach dem Spiel als Erster immer zu meinem Auto laufe, wäre das eine Katastrophe.

Ihr Wechsel aus Regensburg nach St. Pauli war der erste, bei dem für Sie eine Ablösesumme gezahlt wurde. Wie denken Sie über Millionen-Transfers wie den von Antoine Griezmann oder Neymar?

Das kann eigentlich niemand begreifen. Warum wird für Menschen so viel Geld bezahlt? Klar sind das Ausnahmesportler, die die Spiele auch mal entscheiden können. Aber trotzdem sind das im Moment Summen, bei denen eine realistische Wahrnehmung fehlt. Aber so entwickelt sich gerade der Fußball. Eben weil so viel Geld drinsteckt. Da können wir beim FC St. Pauli echt froh sein, dass wir mit solchen Summen nichts zu tun haben. In meinen Augen ist kein Spieler, nicht mal ein Neymar, 222 Millionen Euro wert.

Gibt es Dinge, die Sie am Fußball hassen?

Nein, aber es gibt Sachen, für die ich mich schäme, weil sie nichts mit dem Fußball zu tun haben. Wenn wir auswärts spielen, müssen mich die Fans nicht mögen, das ist in Ordnung. Wenn ich dann aber mal in die Fan-Massen reingucke und einen Familienvater neben seinem Kind sehe und der mich auf eine ganz krasse Art und Weise beleidigt – das gehört für mich einfach nicht zu diesem Sport dazu. Da muss man auch manchmal daran denken, dass man eine Vorbildfunktion hat.

Wie haben Sie auf die Anfeindungen reagiert?

Ich reagiere auf solche Dinge gar nicht. Das würde alles nur noch schlimmer machen. Ich denke mir meinen Teil, aber darauf gehe ich grundsätzlich nicht ein.

Sie haben als Fußballer ein privilegiertes Leben. Wie schwer ist es manchmal, auf dem Boden zu bleiben?

Gott sei Dank weiß ich, wie es ist, wenn man nicht viel hat. Ich bin in Berlin im Block groß geworden. Wir hatten nicht viel, meine Mutter hat mir aber trotzdem alles ermöglicht. Ich kann diesen Beruf nicht für immer ausüben und werde nicht immer so viel Geld verdienen. Meine Eltern haben mich gut erzogen und ich weiß deshalb, wie ich damit umzugehen habe. Da merke ich auch, dass ich anders ticke als andere Fußballer. Ich brauche nicht das dickste Auto oder irgendeine Uhr am Arm. Das wäre nicht ich.

Sie engagieren sich für den Verein Mitternachtssport e.V. in ihrer Heimatstadt# Berlin. Hat das auch mit ihrer Erziehung zu tun?

Das Projekt bietet in dem Bezirk, in dem ich aufgewachsen bin, einen Zufluchtsort für Kinder. Sie können da hingehen, wenn sie# Hilfe brauchen. An dem Projekt sehe ich immer, wie wir mit wenig Aufwand den Kids viel geben können. Bevor sie auf der Straße herumlaufen oder auf Partys gehen oder irgendwelchen Mist bauen, mieten wir eine Halle und spielen mit ihnen dort Fußball. Vor Kurzem haben wir ein Café aufgemacht. Da steht ein Kicker drin, da steht eine Playstation drin, da gibt es Pädagogen. Zu denen können die Kinder nach der Schule gehen, wenn sie mal keine Lust auf ihre Eltern haben. Das sind Kleinigkeiten, die den Kindern so viel bedeuten. Ich bin stolz darauf, für diese Kinder ein großer Bruder zu sein.

Interview: Sebastian Hahn