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Tom Brady: Perfektion mit Makel

NFL-Superstar Tom Brady, der gerade die New England Patriots nach einer unfassbar erfolgreichen Ära verlassen hat, ist der Inbegriff eines perfekten Sportlers, der aufgrund seiner Erfolge und seines Auftretens unantastbar wirkte. Wäre da nicht Deflategate.

Im November 2015 stellte Chuck Klosterman in seinem Artikel für GQ die Frage, ob Tom Brady der größte Quarterback aller Zeiten sei. Klosterman, ein amerikanischer Autor mit Faible für die moderne Gesellschaft und ihre Popkultur, beantwortete die Frage für sich selbst im ersten Absatz. Für ihn ist Brady der Beste.

Bei keinem anderen Athleten könne sie, statistisch betrachtet, klarer beantwortet werden. Mittlerweile sechs Super-Bowl-Siege, viermal Super-Bowl-MVP. Während die Zahlen also ein Plädoyer sind, den 42-Jährigen aufs höchste Podest zu hieven, wird Brady gesellschaftlich kontrovers diskutiert.

Eigentlich stellt sich die Frage bei Tom Brady nicht

Eine Krux, die deutlich macht, warum Klosterman nicht einfach eine Story schrieb, in der er seine Meinung mit scharfer Feder gegen die lauten Proteste verteidigt. Ist Tom Brady der beste Quarterback aller Zeiten? Und wenn nicht, warum? Wo die Objektivität Fakten liefert, gewinnt in der Causa Brady zum Teil die Subjektivität. Klostermans Abhandlung samt Interview wird Monate nach „Deflategate“ publiziert.

Bewusst, denn was den Autor interessiert, ist nicht der ewige Streit über „wer ist besser“; die alltäglichen Diskussionen in den Bars und Firmenküchen, in denen sich Sportinteressierte über den Weg laufen und den Athleten des Herzens gegen die fehlgeleiteten Andersdenkenden verteidigen. Bei Brady stellt sich die Frage eigentlich nicht. Eigentlich.

Der Artikel erschien in Ausgabe #6 im April 2017: Statistiken wurden Stand März 2020 aktualisiert.

Die Makellosigkeit

Klosterman wollte dem Phänomen der emotionalen Subjektivität auf den Grund gehen, die dem pluralen Wertesystem folgt. Abseits der Zahlen und Debatten, ob Yards und gewonnene Spiele bloße Playoff-Bilanzen übertrumpfen und das eigene Argument validieren. Wie sieht die Gesellschaft den professionellen Athleten als öffentliche Person unter Bezug auf die eigenen Werte, präziser die Moralvorstellung, die vom Sport oftmals völlig unabhängig zu sein scheint? Positiv wie negativ.

Tom Brady ist für dieses Phänomen eine Galionsfigur. Während „Deflategate“ wie auch heute. Bradys Lebenslauf liest sich wie ein Drehbuch. Ein weißer, gutaussehender Mann, der auf der prestigeträchtigsten Position der amerikanischen Sportwelt spielt und sich als Sechstrunden-Pick seinen Weg auf den Olymp erarbeiten muss. Der in Kalifornien geborene Brady besitzt eine gewisse Makellosigkeit. Sein Fokus liegt einzig und allein auf seiner Profession und dem Ziel, zu gewinnen.

Die Beliebtheit nahm Schaden

Klosterman definiert Brady als einen Winner. Was Neider und Missgunst schafft. In jedem Sport, in jeder Branche. Sein Privatleben lässt nur das Offenkundige zu. Bradys Image portraitiert Fleckenfreiheit. Bis zu eben jenem Skandal im Winter 2015, der sich bis zum Saisonstart im Herbst 2016 hinzieht. „Deflategate“ wird zu einem großen Fleck auf Tom Bradys Weste.

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NBC News veröffentlicht im Herbst 2015 eine Umfrage, in der sich die Beliebtheit des Quarterbacks der New England Patriots drastisch ins Negative dreht. „Deflategate“ kommt in den Köpfen der Menschen an. Wer ihn zuvor verteidigte, tut dies auch weiter und stellt die NFL in der Rolle des Schurken dar. Bill Simmons beispielsweise sieht im Verhalten von NFL-Commissioner Roger Goodell das eigentliche Vergehen. Eine Hexenjagd. Ein Exempel, das nach andauernder Kritik an Goodells Führungsstil seitens der Besitzer in Bezug auf seine Beziehung mit Patriots-Inhaber Robert Kraft statuiert werden muss. Um das eigene Gesicht zu wahren.

Der Deflategate-Skandal
Im Mai 2015 veröffentlichte die NFL den Wells Report, in dem festgestellt wurde, dass elf der zwölf Footballs, die die Patriots gegen die Colts im AFC Championship Game benutzt hatten, mit zu niedrigem Druck (mindestens 12,5 psi) aufgepumpt waren. In diesem als „Deflategate“ (engl.: „deflate“ = Luft entweichen lassen) bezeichneten Regelverstoß wurde Brady eine Mitwisserschaft unterstellt. Brady wurde von der NFL für vier Spiele gesperrt, die Patriots verloren insgesamt zwei Draftpicks. Am 3. September wurde diese Sperre vor Gericht für ungültig erklärt.
„Tom Brady ist ein Betrüger“

Die Kritiker Bradys erhalten unverhofft Munition. Die Argumentation geht weg von sportlichen Vergleichen mit den Manning-Brüdern hin zur These „Tom Brady ist ein Betrüger“. Und wenn er 2015 betrogen hat, wer garantiert, dass er dies nicht auch vorher tat? Bradys Verhalten während der Untersuchung und des anschließenden Prozesses um die Strafe von vier Spielen Sperre wird in der Öffentlichkeit kritisch betrachtet.

Gerüchte und Fakten wechseln sich ab, die aus dem bekanntesten Gesicht der NFL einen Täter skizzieren, der aufgrund seiner Mentalität, immer gewinnen zu wollen, vielleicht keinen Fehler zugeben kann. Hier liegt die erste von vielen Fallen für die Gesellschaft aus. Das Zeitalter digitaler Medien verschafft Menschen eine Stimme. Was zwangsläufig dazu führt, dass sich unter Fakten und Wahrheiten auch Falschmeldungen und Mutmaßungen mischen.

Früher genossen Spitzensportler gesellschaftliche Anonymität

Gefährlich, da heutzutage die erste Aussage stecken bleibt. Ob anschließend revidiert oder nicht. Dieses Wirrwarr will Klosterman im Interview mit Brady entzerren, der keine Frage zu „Deflategate“ beantwortet. Der Schattenwurf eines Schuldigen, der eine Lüge nicht weiter wiederholen möchte, oder der Versuch, diese Affäre endlich hinter sich zu lassen und – wie immer – den Sport in den Vordergrund zu stellen?

Nicht zum ersten Mal wählt der Quarterback den „Stick to Sports“-Ausweg und weicht unbehaglichen Fragen aus. Tom Bradys Entscheidung, außersportliche Belange ausblenden zu wollen, lässt ihn in der Vergangenheit leben. Die Spitzensportler der Achtziger und Neunziger genossen gesellschaftliche Anonymität. Michael Jordan wird noch immer von den Menschen, die mit ihm aufwuchsen, für seine Leistungen auf dem Feld vergöttert.

Die Spitzenverdiener des Sports

Die NFL am kulturellen Rand

Zu seiner aktiven Zeit präsentiert er sich als Familienmensch. Jordans übermenschlicher Wettbewerbseifer und sein Hang zum Glücksspiel treten erst später zutage. Sein mittlerweile berühmtes Zitat „Republikaner kaufen auch Schuhe“ ist der Slogan einer Welt, in der die Stars gesellschaftlich ignorant sein konnten. Zum Teil auch mussten. Denn während dieser Satz heute einen medialen Tsunami auslösen würde, erregte er damals nur wenige Gemüter.

Tom Brady bewegt sich in ähnlichen Sphären, nur gut 20 Jahre später. In einer Gesellschaft, die sich gewandelt hat. Die NFL, lange Mittelpunkt und Liebling der amerikanischen Kultur, generiert zwar immer noch das meiste Geld. Autor Malcolm Gladwell vertritt jedoch die These, dass Football kulturell an den Rand gedrängt wird. Die NFL scheint in gesellschaftlichen Themen rückwärtsgewandt, statt progressiv. Vor allem im Vergleich zum Basketball, der die Post-Jordan-Ära überlebt hat und zu einem Spiegelbild kultureller Vielfalt herangewachsen ist. Die Athleten sind dafür ein Beleg.

Athleten sollen eine Stimme haben

Als Superstar Stephen Curry sich kürzlich zu einem Zitat des Under-Armour-CEO Kevin Plank bezugnehmend auf Donald Trump äußerte, erhielt er Beifall. Curry steht bei Under Armour unter Vertrag, was früher dazu geführt hätte, dass er sich nach seiner Äußerung hätte entschuldigen müssen, oder von vornherein gar nichts gesagt hätte. Das Unternehmen ruderte mehr oder weniger zurück und unterstrich, Athleten zu wollen, die ihre Meinung sagen. Anders als damals Jordan, der sich zu einer umstrittenen Wahl in seinem Heimatstaat North Carolina neutral gab und anmerkte, dass auch Republikaner Kunden seien. Was damals gesellschaftlich als richtig angesehen wurde – „Stick to Sports“ –, ist heute undenkbar.

Die Gesellschaft erwartet von den Athleten, eine Stimme zu haben. Teilweise. Oder besser formuliert, je nach Sport. Ein interessantes Phänomen, dem auch die Demographie zugrunde liegt. Basketball als moderner, junger Sport, in der die Gesichter die Liga prägen, ganz gleich welcher Hautfarbe. Football hingegen zieht weiterhin die Zuschauer an, die dem klassischen Rollenbild der Liga und den gesundheitlichen Auswirkungen des Sports wenig Beachtung schenken.

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Der Fall Kaepernick

Der umjubelte Quarterback, beschützt von seinen Mitspielern und einem garantierten Vertrag. Die Beschützer hingegen fürchten bei jeder Verletzung das Karriereende mit Spätfolgen aufgrund der Härte des Sports. Als 49ers-Quarterback Colin Kaepernick bei der Nationalhymne niederkniete, entbrannte ein Sturm der Entrüstung. Kaepernick begründete seine Entscheidung damit, dass er keine Hymne unterstützen könne, die Menschen nach ihrer Hautfarbe ungleich behandelt. Dies wurde diametral aufgenommen und spaltete den Sport.

Die einen begrüßten die Abkehr eines NFL-Stars vom Stillschweigenden zum Aktivisten. Die anderen warfen ihm mangelnden Patriotismus vor. Die Athleten sind in einer prekären Situation. Längst können Sport und Politik nicht mehr getrennt bleiben. Warriors-Headcoach Steve Kerr sieht in den Problemen der Welt praktisch einen Aufruf, gesellschaftlich aktiv zu werden. Wo passt Tom Brady da hinein? Statistisch über jeden Zweifel erhaben. Gesellschaftlich kontrovers.

Muss Brady so werden wie James?

Ähnliches erlebt LeBron James seit Jahren. Einer der besten Spieler, den der Basketball je hervorgebracht hat. Dieselbe Anerkennung wie Jordan oder sogar Kobe Bryant erhält er nicht. Seine Kritiker sehen den Kontroll-Menschen, der nichts dem Zufall überlässt und Image-Pflege betreibt. Tatsächlich hat sich James‘ soziales Engagement unter Barack Obamas zweiter Amtszeit verstärkt. Während seiner ersten Jahre in Cleveland wich James politischen Themen aus. Mittlerweile ist er zu einem der aktivsten Athleten seiner Generation herangewachsen.

Muss Tom Brady diesem Beispiel folgen? Nicht zwangsläufig. Die Rolle einiger Sportler als Stimme der Vernunft darf nicht als Mantra angesehen werden. Einige werden immer aktiver sein als andere. Die Gesellschaft fordert Authentizität. Wäre es nicht heuchlerisch, von allen das Gleiche zu verlangen?

Die Sache mit Donald Trump

„Deflategate“ war nicht die letzte Kontroverse um Tom Brady. Während des vergangenen U.S.-Wahlkampfes und auch schon im Interview mit Klosterman, ging Brady offen mit seiner Freundschaft zu Donald Trump um. Brady kokettiert förmlich damit. Nachdem die Öffentlichkeit aufgeregt reagierte, brachte Brady ein Baseball-Cap mit Trumps Wahlkampf Slogan in die Kabine der Patriots. Er schuf willentlich diesen Konflikt und versuchte, die anschließende Empörung dann klein zu reden. Für ihn „ist Trump ein Freund. Und es sei normal, nicht immer mit Freunden einer Meinung zu sein.“ Stick to Sports.

Die Beurteilung eines Athleten durch die Öffentlichkeit hat ihren Ursprung in dem romantischen Glauben an einen perfekten Menschen. Anhänger eines Teams oder Fan eines Spielers zu sein, bedeutet Identifikation. Teil von etwas zu sein, das als gut empfunden wird. Nicht nur aus Wettbewerbssicht. Auch aus charakterlicher. Der grandiose Sportler soll auch eine grandiose Person sein. Und schlussendlich ein makelloses Spiegelbild von einem selbst.

Ist er denn nun der Beste?

Ein Schwierigkeitsgrad, dem manche gerecht werden, andere nicht. Diese subjektive Anforderung seitens der Gesellschaft sollte in der Beurteilung der Leistung allerdings nur eine bedingte Rolle spielen. Für die Entscheidung, Fan eines Spielers oder eines Teams zu werden oder zu bleiben, ist es hingegen eine nützliche Grundlage. In der individuellen Betrachtung eines Athleten wird die eigene Moralvorstellung immer vordergründig sein.

Können Fans der New York Knicks über die Taten und politische Philosophie des Inhabers, James Dolan, hinwegblicken und nur den Sport sehen? Ist der Mensch generell in der Lage, in allen Situationen die gleiche Wertvorstellung anzusetzen, oder ist er dabei selektiv – ganz nach Bequemlichkeit?

Wo der individuelle Fan emotional an seine Grenzen stößt, bleibt in der Betrachtung eines Athleten schlussendlich nur seine objektive Leistung im Spiel. Der kleinste Nenner, der die Besten der Besten schon immer identifiziert hat. Ob nun Vorbild, oder einfach nur Athlet mit herausragendem Können.

Tom Brady ist der beste Quarterback aller Zeiten. Punkt.

Robert Jerzy

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Wade Phillips: Der Defense-Flüsterer

Die Los Angeles Rams gehören spielen beim Super Bowl um den Titel in der NFL  – auch dank Wade Phillips. Mit mittlerweile 71 Jahren ist der „Son of Bum“ das Gegenstück zum jungen Head Coach Sean McVay. Zum alten Eisen aber gehört er noch lange nicht.

Der Artikel ist in der Ausgabe #23 erschienen

Der Artikel ist in der Ausgabe #23 erschienen

Ein neuer Anfang muss her… Als die Los Angeles Rams am 12. Dezember 2016 Head Coach Jeff Fisher feuern, neigt sich eine miserable Premierensaison dem Ende zu. Der Hype um die Rückkehr von St. Louis in die Stadt der Engel ist abgeklungen, wenn es ihn überhaupt gegeben hat – mit den Playoffs hat man nichts zu tun. Um auf dem proppenvollen Markt der Möglichkeiten in L.A. zu bestehen, braucht es schnellen sportlichen Erfolg.

Dafür ist man im Front Office bereit, neue Wege zu gehen: Genau einen Monat nach Fishers Entlassung geben die Rams die Verpflichtung von Sean McVay bekannt. Der 30-Jährige, bis dahin aufstrebender Offensive Coordinator der Washington Redskins, ist der jüngste Head Coach der NFL-Geschichte.

McVays Job war nur eine Frage der Zeit

Wobei das keine allzu große Überraschung ist: McVay gilt als Football-Wunderkind. Der Jungspund hat in der Hauptstadt mit Kirk Cousins für Aufsehen gesorgt und soll nun das eigene QB-Talent Jared Goff in die Spur bringen. McVays erste Stelle als Head Coach, sie war eigentlich nur eine Frage der Zeit. Überraschender ist da schon, wen McVay nur Stunden später als seine neue rechte Hand präsentiert. Sein Wunschkandidat ist nämlich so ziemlich das genaue Gegenteil von ihm selbst, kein Hotshot mit neuen Ideen und frischem Blut für den Coaching Tree der NFL.

Stattdessen vertraut er seine Defense einem echten NFL-Urgestein an: Wade Phillips. Wenn sich Gegensätze wirklich anziehen, dann passt Phillips zu McVay wie die Faust aufs Auge. Der jüngste Coach der Liga holt sich eine 69-Jährigen ins Haus, mit 39 Spielzeiten Erfahrung auf dem Konto.

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Phillips ist kein Auslaufmodell

Unterschiedlicher können sie eigentlich nicht sein: Auf der einen Seite wirkt McVay wie einer Hollywood-Produktion entsprungen, durchtrainiert, mit Reibeisenstimme, Model-Freundin im Arm und im schwarzen BMW unterwegs. Auf der anderen Seite steht ein gemütlicher, beleibter Texaner, schlohweißes Haar, im Gepäck ein ganzes Arsenal an „Dad Jokes“.

Doch McVay weiß, was er tut. Er hat sich kein Auslaufmodell ins Team geholt, auch wenn Phillips’ Vertrag nach zwei Jahren bei den Denver Broncos ausgelaufen war und nicht verlängert wurde. In seiner ersten Station als Head Coach will er einen alten Hasen an seiner Seite. Phillips hat, zählt man seine Stationen als Interimscoach dazu, bereits sechsmal als Head Coach fungiert.

„Wade hat alles gesehen“

Bekannter ist der Altmeister freilich für seine Rolle als Defensivspezialist. 1981 tritt Phillips

seine erste Station als Defensive Coordinator bei den New Orleans Saints an – eine Position, die er in Los Angeles schon zum neunten Mal betreut. Um es mit McVay selbst zu sagen: „Wade hat in unserer Liga schon alles gesehen.“

Zuletzt mit den Broncos, die dank ihrer überragenden Defense Super Bowl 50 gewinnen, obwohl Quarterback Peyton Manning in seiner letzten Saison kaum noch brillante Momente beisteuern kann. McVay kümmert sich als Head Coach selbst um das Playcalling der Offense. Warum will er in der Defense keinen ähnlich jungen, innovativen Coach an seiner Seite?

Offense ist Trumpf

Schließlich könnte er auch ohne Phillips’ leitende Hand in seine Position hineinwachsen. Weshalb ist in einer Liga, in der – sieht man mal von einer Handvoll Quarterbacks ab – alles jünger, dynamischer, moderner wird, für ihn plötzlich „Old School“ angesagt?

Das liegt auch daran, dass der 32-Jährige weiß, wie die NFL funktioniert. Seit 2008 arbeitet er in der Liga, immer auf der offensiven Seite des Balles, von den Wide Receivern über die Tight Ends bis hin zur gesamten Abteilung Attacke. Er hat die Entwicklung miterlebt, die der Sport genommen hat. Offense ist Trumpf.

Die Erfahrung hilft

Von Commissioner Roger Goodell bis hin zum gemeinen Fan am Sonntagnachmittag in einer Bar in Wisconsin, Pennsylvania oder Arizona: Sie alle wollen mehr Scoring, mehr Big Plays, mehr Touchdowns. Es geht auch um Sicherheit, ein bisschen um Fantasy Football, aber vor allem um Unterhaltung. Deshalb neigt sich das Regelwerk von Jahr zu Jahr mehr in Richtung Quarterback, während es für dessen Gegner immer schwerer wird. Dazu kommt die Analytics-Welle, die althergebrachte Weisheiten hinwegspült.

Auch sie betrifft vor allem die Offense: Two-Point-Conversion statt Extrapunkt, ein vierter ausgespielter Versuch statt Punt oder Field Goal. Den Ball behalten. Druck ausüben. All das hat McVay geprägt. Die Offense agiert, während die Defense Jahr für Jahr weiter zurückgedrängt wird. Sie muss reagieren, auf neue Regeln und neue Strategien. Der einzige Trumpf, der ihr und ihren Protagonisten noch bleibt, ist die Erfahrung.

Der „Son of Bum“

Und davon hat kaum jemand so viel angehäuft wie Wade Phillips. Schließlich entstammt er einer waschechten Football-Familie: Sein Vater ist der legendäre Bum Phillips, dessen Karriere als Coach an High Schools, Colleges und in der NFL fast vier Jahrzehnte umfasst. Eine beeindruckende Persönlichkeit, an der Seitenlinie stets mit imposantem Stetson auf dem Kopf unterwegs. Texas eben.

1967, ein halbes Jahr nach Super Bowl I, übernimmt Bum Phillips seinen ersten NFL-Job als Defensive Coordinator der San Diego Chargers. Über ihn wächst Sohn Wade in den Sport hinein, unter ihm coacht er zuerst an der Oklahoma State, später als sein Assistant bei den Houston Oilers und den New Orleans Saints. Vater und Sohn sind unzertrennlich, bis heute trägt Wade voller Stolz den Spitznamen „Son of Bum“.

„Es gibt zwei Sorten von Coaches…“

„Er hat mir alles über das Coaching beigebracht. Er hat mich gelehrt, richtig und falsch zu unterschieden. Und er hat mich gelehrt, das Leben zu genießen“, sagt Phillips über seinen Vater. Sein Spitzname wird gleichzeitig der Titel eines Buches, dass er im Mai 2017 veröffentlicht: Son of Bum – Weisheiten, die mich mein Vater über Football und das Leben gelehrt hat.

Weisheiten, die er bis heute in sich trägt, die ihm zu seiner unerschütterlichen Art verholfen haben. Wie etwa folgender Satz seines Vaters: „Es gibt nur zwei Sorten Coaches: die, die schon gefeuert wurden und die, die noch gefeuert werden.“ Für zehn Franchises hat Wade Phillips mittlerweile gearbeitet, fast ebenso häufig wurde er entlassen. Dennoch ruht er in sich. „Es hat mich nicht angestachelt“, schreibt er etwa über die Tatsache, dass er 2015 eigentlich nur zweite Wahl bei den Broncos ist. „Wenn man nicht ohnehin schon sein Bestes gibt, sollte man es gleich sein lassen.“

Der Mann mit den Simpons-GIFs

Es ist diese Mischung aus Erfahrung, gelebten Beziehungen im Locker Room und einer unaufgeregten Persönlichkeit, die Wade Phillips so populär macht. Kaum jemand im Haifischbecken NFL präsentiert sich so locker und unprätentiös wie er, und trotz seines hohen Alters macht er Twitter seit Jahren mit schlechten Witzen, Simpsons-GIFs und einer Menge Selbstironie unsicher: „Danke für die Glückwünsche“, schreibt er im Juni anlässlich seines 71. Geburtstags. „Die Feuerwehr war alarmiert, als wir die Kerzen anzündeten. Allen geht es gut.“

Phillips setzt in seiner 3-4-Defense auf flexible Personnel Packages, im Training legt er vor allem Wert auf gute Grundlagen. Über allem steht sein Motto: „Die Spieler arbeiten nicht für mich, wir arbeiten zusammen.“ Im Spiel vertraut er seinen Playmakern – und lässt sie von der Leine. „Er sagt: ‚Spielt schnell – die Fehler gehen auf mich‘“, verrät Broncos-Linebacker Brandon Marshall. Das kommt gut an.

Wade wird’s schon richten

So hat sich Phillips mittlerweile den Ruf eines Defensiv-Flüsterers erworben, der auch mit schwierigen Charakteren in der Umkleide umzugehen weiß. Auch hier gilt schließlich: Er hat alles gesehen. Bereits auf seiner ersten NFL-Station als Defensive-Line-Coach der Oilers in den Siebzigern arbeitete er mit zukünftigen Hall of Famern zusammen.

Seitdem hat wohl kein anderer Coach so viele Hochkaräter geformt und gefördert, von Reggie White über J.J. Watt und Von Miller bis hin zu Aaron Donald bei den Rams. Er weiß sie zu packen. Auch deshalb zögerten die Rams nicht, als sich im März die Chance bot, mit Cornerback Aqib Talib und Defensive Tackle Ndamukong Suh zwei hochveranlagte, aber nicht gerade pflegeleichte Stars zu verpflichten – der „Son of Bum“ wird es schon richten.

Eine Art Pep Guardiola

„Er ist ein Guru darin, das Maximum aus dir herauszuholen“, erklärt Talib, der unter Phillips bei den Broncos glänzte. „Ich habe mich nie wohler gefühlt als unter Wade Phillips.“ Auf den Coach kommt nun eine etwas andere Rolle zu als noch im Vorjahr: 2017 war Phillips als Turnaround-Spezialist gefragt – mit Erfolg.

Zum achten Mal in Folge erreichte er im ersten Jahr mit einem neuen Team die Postseason. 2018 spielen die Rams, mit spektakulären Neuzugängen im Gepäck, um den Titel. Phillips ist dabei eine Art Pep Guardiola: Wie der Trainer von Manchester City ist er immer dann am stärksten, wenn er aus einer Menge Talent das Optimum herauskitzeln darf. Der jetzige Kader erinnert dabei in Ansätzen an die Broncos vor einigen Jahren, mit starken Pass Rushern und risikofreudigen Cornerbacks – perfekt für aggressive Blitzes und erzwungene Turnover.

Keine Finger krumm – ab mittags

In der Offense steht McVay mit Goff, Running Back Todd Gurley und Receiver-Neuzugang Brandin Cooks ebenfalls Big-Play-Material zur Verfügung.  Würde Phillips im Falle eines Erfolgs und eines zweiten Super-Bowl-Rings seine Coaching-Schuhe an den Nagel hängen? Noch macht ihm der Job eine Menge Spaß, sein Vertrag läuft bis Ende 2019. Der Umgang mit den Spielern, das Kräftemessen mit McVay im Training, die spontanen Tanzeinlagen im Locker Room, die Witze auf Twitter.

Noch will er das nicht missen. „Ich mache mir nicht viele Gedanken über das Alter, sonst würde ich nicht mehr coachen“, sagt er. Andererseits bliebe mehr Zeit für seine Frau Laurie, mit der er mittlerweile über 49 Jahre verheiratet ist, und die beiden Kinder. Und er könnte es einmal mehr Vater Bum gleichtun.

Der zog sich im Alter auf eine Ranch in Texas zurück und garnierte das mit folgendem Bonmot: „Ich mache keinen Finger krumm – und damit fange ich frühestens mittags an.“

Autor: Stefan Petri