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„Ehrlich sein“: Favre erklärt, warum Mario Götze nicht spielt

Wer gewinnt die Bundesliga-EM?

Die Bundesliga-Klubs kommen allmählich in Stimmung, um auch wieder über die Meisterschaft zu reden. Die einen reden von einem Turnier, die anderen reden über Meisterfeiern. Reicht das, um den FC Bayern nervös zu machen?

Die Konkurrenz sagt Bayern München den Kampf an, und der Serienmeister protzt vor dem Re-Start der Bundesliga auch nicht gerade mit seinem berühmten „Mia san mia“. Bietet die Coronakrise tatsächlich die Gelegenheit, den Branchenprimus nach sieben langen Jahren wieder vom Thron zu stürzen? Die Verfolger glauben: ja!

„Wir sind Tabellenzweiter und werden alles versuchen, um unsere Chance noch zu nutzen“, sagte Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung von Borussia Dortmund, der Welt. BVB-Kapitän Marco Reus hat trotz vier Zählern Rückstand die Hoffnung, „dass wir am Ende doch einen Punkt vor Bayern stehen werden“. Und Trainer Julian Nagelsmann, mit dem Dritten RB Leipzig fünf Punkte zurück, betonte im kicker: „Diese neun Spiele sind wie eine EM, und die wollen wir gewinnen.“

Geisterspiele: Vor- oder Nachteil?

Der Tabellenführer aus München hält sich dagegen mit forschen Tönen zurück. Dabei sollten die Geisterspiele für die Bayern doch zumindest kein Nachteil sein. Beim Re-Start am Sonntag bei Union Berlin hätte sie in normalen Zeiten eine aufgeheizte Atmosphäre erwartet, ebenso beim Liga-Gipfel Ende Mai in Dortmund. Doch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge meinte, die Bayern hätten „aus einem Hexenkessel gegen uns oft die Motivation gezogen, nach dem Motto: ‚Denen zeigen wir’s, Männer!‘ Die Mannschaft, welche sich am besten auf diese neuen Bedingungen einstellen kann, wird deutscher Meister.“

Die Eindrücke aus den Einheiten stimmen Rio-Weltmeister und Bayern-Urgestein Thomas Müller aber immerhin optimistisch. „Wenn ich sehe, welche Gefühle und Emotionen wir in den letzten Tagen selbst in einem Trainingsspiel entwickeln, so zeigt dies unsere Gier nach regelmäßigen Wettkämpfen“, schrieb er in einem Beitrag im Netzwerk LinkedIn. 

Kehl spricht über Meisterfeier

Der Rekordmeister aus München bleibe Favorit auf die Schale, betonte Nagelsmann: „Wenn die Bayern eine Top-Verfassung haben, wird normalerweise die Meisterschaft über sie entschieden, erst recht bei diesem Vorsprung.“ Während Kehl schon über eine mögliche BVB-Titelfeier ohne Fans sinniert („skurrile Vorstellung“), sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc: „Erst mal müssen wir Schalke schlagen.“

Unabhängig vom Ausgang des Titelrennens stehen die Bayern schon jetzt als Krisengewinner fest. Zwar räumte Rummenigge in der Sport Bild mit dem „Märchen“ auf, dass nicht auch der Branchenführer „den Gürtel enger schnallen“ müsse. Doch welcher andere Klub könnte es sich leisten, inmitten der größten Notlage des deutschen Fußballs mit seinem Trainer und zwei Topspielern wie Thomas Müller und Alphonso Davies zu verlängern?

Zudem wird das berühmte Festgeldkonto des FC Bayern nun zu einem immer größeren Trumpf. Rummenigge betonte zwar, dass dieses „nicht unerschöpflich“ sei, Ehrenpräsident Uli Hoeneß sprach dagegen von einem „Riesenvorteil“, werde das Geld bei der Konkurrenz doch knapper. Weil wegen der Krise zudem auf dem Transfermarkt die Preise fallen dürften, könnten die Münchner in der nächsten Phase ihres Kader-Umbruchs sogar noch Geld sparen. Hoeneß hofft beim Transfer von Nationalspieler Leroy Sane daher auf einen Schnäppchenpreis.

Die Mannschaft bereitet sich davon unberührt auf das Unternehmen Titelverteidigung vor. Neben dem Kracher in Dortmund sind das Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen Anfang Juni sowie die Heimpartie gegen den Tabellenvierten Borussia Mönchengladbach eine Woche darauf die Schlüsselspiele. Zur Einstimmung auf den Titelkampf gab es am Montag einen Kinoabend im Teamhotel. Gezeigt wurde: Gladiator.

SID

12:0

Der 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach lagen vor dem letzten Spieltag der Saison 1977/78 punktgleich an der Tabellenspitze der Bundesliga. Die Kölner hatten aber die um zehn Treffer bessere Tordifferenz. Was sollte also bei einem eigenen Sieg beim FC St. Pauli noch schiefgehen?

Doch dann mussten die Kölner trotz ihres 5:0-Erfolges zwischenzeitlich noch einmal kräftig zittern. Die Gladbacher überrannten im Düsseldorfer Rheinstadion Borussia Dortmund und führten nach 22 Minuten schon mit 4:0. 

Auch in der Folge setzten die Fohlen ihren Sturmlauf fort. Der BVB mit Torhüter Peter Endrulat war völlig überfordert. Trainer Otto Rehhagel appellierte in der Pause an die Ehre seiner Spieler. Doch es half nichts. Nach 66 Minuten stand es 9:0, während Köln nur 2:0 vorne lag. 

„Habt ihr sie nicht mehr alle?“

„Von der Ersatzbank rief man uns ständig zu, wie viel Tore wir noch machen mussten, um Köln zu packen“, sagte Jupp Heynckes später einmal. Als es dann 9:0 gestanden habe und man ihnen zurief, dass nur noch drei Tore fehlten, antwortete Heynckes: „Habt Ihr sie nicht mehr alle?“

Die drei Tore gelangen dennoch, am Ende stand mit 12:0 der bis heute höchste Bundesligasieg. Heynckes erzielte fünf Treffer. Doch der Titel ging an Köln.

Rehhagel hieß danach „Otto Torhagel“ und wurde am nächsten Tag entlassen. Der BVB belegte die Dortmunder Spieler aufgrund mit einer Strafe von jeweils 2000 Mark.

sid

               

Mats Hummels: „Training, essen, kochen, Playstation“

BVB-Verteidiger Mats Hummels nutzt die Zeit in der Quarantäne nicht für Selbstoptimierung und hat stattdessen ein Kind von früher entdeckt.

Mats Hummels hat nach vielen unsteten Fußballerjahren mit den plötzlichen Beschränkungen durch die Coronakrise gefremdelt. „Wir sind immer viel unterwegs, das war ein bisschen komisch, eine Woche am Stück zu Hause zu sein“, sagte der Weltmeister von 2014 dem Spotify-Podcast Gemischtes Hack: „Das habe ich normalerweise nie, wirklich nie.“

Seit „zwei, drei Wochen“ habe er sich allerdings voll auf die Situation eingelassen. „Wir trainieren in kleinen Gruppen, das ist Gold wert, mal rauszukommen“, berichtete er über die Lage bei Borussia Dortmund. „Sonst bin ich zu Hause und habe das 20-jährige Playstation-Kind in mir wiederentdeckt. Das nimmt wirklich viel Zeit vom Tag: Training, essen, kochen, Playstation.“

Das Thema Selbstoptimierung schiebt Hummels entgegen seines Vorhabens auf die lange Bank. „Mails, Briefe, Überweisungen, Haushalt, ich dachte, da würde ich mich so richtig reinhängen, das würde alles blitzeblank aussehen“, sagte er. „Aber das sieht alles aus wie früher, das mache ich maximal einen Tag in der Woche. Den Rest habe ich keinen Bock darauf.“

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Rassismus im Stadion: Bürki fordert Spielabbruch

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Haaland & Co.: Kauft Deutschland seine Zukunft?

Erling Haaland und Co. rocken die Bundesliga, die deutschen Nachwuchsstars werden seltener. DFB-Manager Oliver Bierhoff hat die Arbeit der deutschen Nachwuchsleistungszentren kritisiert und das mit Recht. Der Fußball hierzulande muss aufpassen, seine Basis nicht zu vernachlässigen.

Man kann ja Oliver Bierhoff für Vieles kritisieren. An Ort und Stelle ist dies auch schon ein paar Mal passiert. Zu viel PR, zu viel Marketing, zu viel Hashtag, zu wenig Fußball. Zu wenig Konzentration auf das Wesentliche. Das sportliche Versagen bei der WM 2018 wurde auch etwas an Bierhoff festgemacht, vielmehr war er willkommen bei der Suche nach Sündenböcken, die man brauchte. Seither ist es tatsächlich etwas ruhig geworden um Bierhoff. Womöglich ist diese Zurückhaltung gewollt. Weniger ist mehr.

Bierhoff: Das DFB-Team ist kein Favorit bei der EURO 2020

Neulich äußerte sich Bierhoff beim Parlamentarischen Abend in Berlin, bei dem auch der neue DFB-Präsident Fritz Keller zu Gast war. Bierhoff sagte, dass das DFB-Team bei der EURO 2020 nicht zu den Favoriten gehöre, was medial äußerst viel Beachtung fand. Begründet hat Bierhoff das mit der mangelnden Erfahrung der aktuellen Mannschaft, wobei die Schützlinge von Joachim Löw eigentlich ganz so unerfahren auch nicht sind. Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Toni Kroos, Serge Gnabry, Marco Reus, Timo Werner, Ilkay Gündogan, Deutschlands Nationalspieler des Jahres Matthias Ginter. Da ist ja doch durchaus Substanz vorhanden.

Deutschland hat ein Nachwuchsproblem

Viel interessanter ist die Kritik Bierhoffs an der Nachwuchsförderung in Deutschlands Nachwuchsleistungszentren: Das Denken in den Akademien sei teilweise „sehr deutsch“ und zu korrekt, sagte Bierhoff. Mangelnde Individualität attestiert der DFB-Manager der Jugend: „Wir müssen bei Spielern auch wieder eine Bolzplatzmentalität fördern. Weil die aber nicht mehr so gegeben ist durch den Alltag in der Jugendförderung, müssen wir das in den Akademien ein Stück weit künstlich erzeugen.“

Deutschland hat im Jahr 2020 offenbar ein Nachwuchsproblem. Gut, man ist jetzt nicht auf dem Niveau der Jahrtausendwende, als es einer Task Force bedurfte, um eine gute Idee zu finden, aber tatsächlich ist es so, dass der deutsche Fußball sich offenbar nicht nur auf den Erfolgen des Anfangs der 2010er Jahre ausgeruht hat, sondern auch die falsche Strategie in der Entwicklung junger Spieler gewählt hat.

Haaland, Kabak und Co. stark, aber wie lange noch in der Bundesliga?

Das Ergebnis sieht man in der aktuellen Mannschaft, allerdings auch in der Bundesliga. Erling Haaland, Dani Olmo, Alphonso Davies, Ozan Kabak, Moussa Diaby und Co.: Die Bundesliga wurde zuletzt durch einige hochkarätige Nachwuchsspieler aus dem Ausland bereichert. Sie heben das Niveau ihrer Mannschaften und haben eine großartige Perspektive. Aber diese wird

sie wahrscheinlich mittelfristig in eine andere Liga führen, bevorzugt in die Premier League. Die ganz großen Hochkaräter aus den Nachwuchszentren der Liga? Sie werden immer weniger. Die Bundesliga kauft sich derzeit die Zukunft aus dem Ausland, anstatt sie selbst zu entwickeln.

Als der FC Bayern im Januar den 500-Millionen-Euro-Deal mit Audi verkündete, freute sich Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge über den Geldsegen, weil die Klubs auf das große Geld angewiesen seien, „um international mitzuhalten“. Der Druck, international Erfolg zu haben, wird immer größer, weil der Geldtopf der Champions League extrem groß und lukrativ ist. Da kann man nicht darauf warten, bis die eigenen Junioren reifen. Darunter leiden die Nationalmannschaften: Auch wenn Deutschland für die EM 2020 immer noch eine schlagkräftige Truppe hat, darf man aktuell doch etwas zurückhaltend sein, was den Enthusiasmus für die kommenden Jahre angeht. Sollte die Entwicklung nicht in eine andere Richtung gehen, wird diesmal Bierhoff als Sündenbock alleine nicht reichen.

Fatih Demireli

Der Artikel ist Bestandteil der aktuellen Ausgabe. Exklusiv-Interviews u.a. mit Domenico Tedesco, Giulia Gwinn, Christian Fuchs und Features zu Zlatan Ibrahimovic gibt es in dieser Ausgabe. Hier klicken und bestellen.

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Marcus Thuram, Andy Murray & Matthias Sammer: Die #40!

Die 40. Ausgabe ist da! Auf dem Cover von SOCRATES versammeln sich diesmal Marcus Thuram von Borussia Mönchengladbach, Tennis-Profi Andy Murray und Matthias Sammer, Berater von Borussia Dortmund. Sie vereint der Centre  Court „Mentalität“.

Marcus Thuram: Die Frohnatur

Marcus Thuram ist eine der Entdeckungen der Bundesliga. Aber er ist nicht nur ein unverschämt talentierter Stürmer, sondern auch ein geistreicher wie charmanter und humorvoller Gesprächspartner, wie er im Gespräch mit SOCRATES zeigte. Unser Kollege Ali Fahrat traf seinen Landsmann zu einem Gespräch am Trainingsgelände der Borussen. Herauskam ein Gespräch, in dem viel gelacht, aber auch viel Hintergründiges gesprochen wurde.

Wie es Thuram schaffte, in kürzester Zeit zu einem der gefährlichsten Angreifer der Liga zu werden und vor allem wie er es schaffte, aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu treten, erzählt der 22 Jahre alte Franzose im Interview. Ach ja; Er spricht auch über seinen Spitznamen.

Andy Murray: Der Kämpfer

Anstatt bei den Australian Open um den Titel zu spielen, arbeitet Andy Murray derzeit an seinem Comeback: Die ehemalige Nummer eins wird auch den Turnieren in Montpellier und Rotterdam nicht an den Start gehen. Eigentlich wollte der Brite den Schläger 2019 sogar an den Nagel hängen, kam dann aber nach heikler OP und langer Pause zurück. Jetzt will er genießen und einfach sehen, wie weit ihn seine Hüfte aus Metall noch trägt. Im Interview mit SOCRATES spricht ein besonnener Murray über seine Karriere.

Matthias Sammer: Der Flüsterer

Matthias Sammer hat im Fußball als Spieler, Trainer und Funktionär nahezu alles gewonnen. Weil er bis heute den höchsten Anspruch an sich selbst und seine Umgebung hat. Und im Laufe seiner Karriere eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zum Spiel aufbaute, die nicht jeder verstehen, aber jeder bewundern kann. SOCRATES-Autor Felix Seidel über einen Mann, der Mentalität lebt, wie kaum ein anderer.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?
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Video: Ohne Haaland fahren wir zur EM

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Javi Martinez Kolumne #4: Gierig wie Sammer

Javi Martinez vom FC Bayern München schreibt in seiner SOCRATES-Kolumne, was ihn mit Matthias Sammer verbindet. Er legt sich fest, dass Joshua Kimmich eines Tages den Rekordmeister als Kapitän anführt, allerdings nie so gut Spanisch sprechen wird wie er.

Von Javi Martinez

„Mia san mia“ ist ein Leitspruch, den ich wohl keinem Fußballfan in Deutschland erläutern muss. Für mich war er allerdings neu, als ich 2012 nach München kam. Was dahinter steckt, erklärte mir damals Matthias Sammer. Ich habe dieses besondere, bayerische Selbstverständnis sofort verinnerlicht und trage es mittlerweile wie selbstverständlich in mir.

Wenn du es als Mannschaft richtig lebst, kann „Mia san mia“ eine Waffe sein. Auch das hat mir Matthias Sammer vor Augen geführt. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr für den FC Bayern tätig ist, möchte ich sagen, dass er für mich zu meiner Anfangszeit in München eine sehr wichtige Person war. Er hat mir als sportlicher Ansprechpartner enorm geholfen. Natürlich schaust du als junger Spieler zu einem Mann wie Matthias Sammer auf.

Javi Martinez: „Klar und deutliche Ansprache, aber intern“

Er ist eine Legende. Er war einer der besten deutschen Spieler der vergangenen 25 Jahre. Zudem habe ich schnell festgestellt, dass wir beide ähnlich ticken, was uns auf eine gewisse Art und Weise miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für den Fußball ähnelt meiner stark. Wir haben auch einen ähnlichen Charakter, denke ich. Uns beiden ist die Kommunikation nach außen nicht so wichtig, wie die Dinge intern klar und deutlich anzusprechen.

Dabei geht es uns jedoch immer nur um eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Mannschaft und niemals um etwas Persönliches. Matthias Sammer liebt wie ich den Wettbewerb und die Herausforderung, sich auf dem Platz mit den besten Spielern und Klubs der Welt zu messen. Immer mit dem Ziel zu gewinnen. Und immer mit dem Antrieb, von Siegen nie genug zu haben. Ich denke, ich kann behaupten, dass ich genauso gierig nach Erfolgen bin wie Matthias Sammer.

Javier „Javi“ Martínez Aginaga spielt seit 2012 für den FC Bayern München, mit dem der Spanier sieben Meisterschaften, viermal den DFB-Pokal und 2013 sogar die Champions League gewann. Zuvor spielte er sechs Jahre für Athletic Bilbao in der Primera División. Martínez kam in 18 Länderspielen zum Einsatz und war Teil der Mannschaft, die 2010 Welt- und 2012 Europameister wurde. Seit 2019 ist er ständiger SOCRATES-Kolumnist.
Javi Martinez
FC Bayern

Sammer sagte: „Bleib geduldig“

Er nahm mich in den ersten Monaten oft beiseite und sagte mir: „Bleib geduldig, Javi. Die Saison ist sehr lang. Wir brauchen dich nicht am Anfang in einer super Form, sondern am Ende. Arbeite einfach weiter an deiner Leistungsstärke, aber setze dich nicht zu stark selbst unter Druck. Wir wissen, dass du gut bist. Und wir wissen, dass du uns in den entscheidenden Monaten helfen wirst.“ Und so kam es dann auch. Am Ende der Saison gewannen wir das Triple.

Wenn ich jetzt, sieben Jahre später, auf unsere Mannschaft schaue, sehe ich einige junge Spieler, die ebenfalls diese Gier in sich tragen und schon jetzt perfekt das angesprochene „Mia san mia“ verkörpern. Joshua Kimmich zum Beispiel.

Kimmich wird Kapitän

Er ist ein Spielertyp, der ideal zum FC Bayern passt. Der schon in jungen Jahren all die Werte des Klubs verinnerlicht. Gefühlt hat er schon über 1000 Spiele für den Klub gemacht. Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass er viele, viele Jahre beim Verein spielen und die Mannschaft vielleicht eines Tages auch als Kapitän anführen wird. Er ist ein echter Führungstyp. Er scheut sich nicht, voran zu gehen und Verantwortung zu übernehmen.

Da besteht zwischen Joshua und mir sicherlich eine Ähnlichkeit. Allerdings hat er mir eines schon jetzt voraus: Sein Deutsch wird immer besser sein als meines. Da muss ich einfach ehrlich sein: Manchmal ist die Sprache nach wie vor ein kleines Hindernis. Gerade wenn es mal schnell gehen muss, fällt mir nicht immer sofort das passende Wort auf Deutsch ein, obwohl ich wirklich fleißig lerne.

Ich denke, das ist normal. Und dennoch ärgert mich das gelegentlich. In diesen Momenten rette ich mich dann mit diesem Gedanken: Dafür wird Joshua wohl nie so gut Spanisch sprechen wie ich.

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Nuri Sahin: Das Spiel des Lebens

Wird ein Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund irgendwann zur Routine? Nein, schreibt Nuri Sahin in seiner Socrates-Kolumne. Und er erinnert an einen Tag, an dem die Borussen ihre Ehre retteten.

Von Nuri Sahin

(Die Kolumne erschien im April 2017 in der Ausgabe #6)

Es gibt da diese Ansprache von Rio Ferdinand, die er mal an die U15 von Manchester United hielt. Die Jungs hatten gerade 0:9 gegen Manchester City verloren. „Wenn euch das nicht peinlich ist, wenn ihr nicht enttäuscht seid, wenn das euch nicht verletzt hat, solltet ihr hier nicht sein“, sagte er und verließ sichtlich enttäuscht die Kabine.

Als ich das Video gesehen habe, habe ich mich an meine Jugendzeit erinnert, wie wir damals die Derbys angegangen sind. Wie wir uns gefühlt haben. Welche Anspannung wir fühlten. Welche Bedeutung das für den Verein und jeden Einzelnen im und um den Klub hat.

„Es wird nie zur Routine“

Ich kann mich auch an mein erstes Derby erinnern. Das war in der U14, wir spielten auf Schalke, auf Kunstrasen und gewannen mit 4:3. Und ich schoss das 4:3. Was für ein triumphales Gefühl. Ich hatte bis zu diesem Tag keinen blassen Schimmer davon, was ein Derby für eine Bedeutungskraft hat.

Das änderte sich nach diesem Erlebnis schlagartig. Spielen heute unsere Jugendmannschaften ein Derby, weiß das jeder im Klub. Für mich persönlich ist es auch jedes Mal eine Besonderheit, weil ich dem Klub viel zu verdanken habe. Ich verdanke mein Leben, das ich heute führe, dem BVB.

Jeder Sieg, jedes Erfolgserlebnis bedeutet mir daher sehr viel. Ich weiß gar nicht, wie viele Derbys ich in meiner Karriere schon gespielt habe. Es wird niemals zur Routine werden. Dafür sorgt schon allein mein Umfeld. Ich habe viele Freunde, die Hardcore-Fans der Borussia sind.

Die sind auf mich persönlich sauer, wenn wir mal ein Derby verlieren. Ich weiß, dass es platt klingt, aber für sie bedeutet es sehr viel, dass wir gegen Schalke alles geben und Herzblut zeigen. Es ist für sie das wichtigste Ereignis des Jahres. Und ich kann versichern, dass die Bedeutung auch für uns Spieler genauso hoch ist. Daher geben wir, die erfahrenen Spieler, auch jedem neuen Spieler oder jedem Jugendlichen mit auf den Weg, was es heißt, für den BVB zu spielen oder was es heißt, ein Derby zu spielen. Diese Aufgabe machte sich früher vor allem Kevin Großkreutz zu eigen, der auf jedes Spiel gegen Schalke besonders heiß war und dieses Gefühl jedem transportieren wollte. Er sprach wirklich mit jedem Spieler. Ich weiß, dass er damals auch extrem polarisiert hat, aber das war okay. Das gehört dazu. Auch dieser Druck, den man sich selbst auferlegt. 

„Ich bin froh, dass es Schalke gibt“

Am 12. Mai 2007 war dieser Druck besonders groß. Für uns ging es in dieser Saison um nichts mehr, aber Schalke konnte mit einem Sieg in unserem Stadion Meister werden. Einige Schalker Spieler sagten im Vorfeld des Spiels, dass sie in diesem Fall die B1 runter nach Gelsenkirchen laufen würden.

Alex Frei und Ebi Smolarek trafen, wir gewannen 2:0 und ein Stück Ehre war gerettet. Das hätte uns ein Leben lang verfolgt. Die Freude in dem Stadion bleibt mir immer in Erinnerung. Dortmund gegen Schalke – das ist eine große Rivalität. Davon lebt der Fußball und es wäre ein extremer Verlust, wenn wir diese Rivalität nicht hätten. Daher bin ich froh, dass es Schalke gibt.

Ich kenne ja auch die Derbys aus der Türkei. Ich versuche, kein einziges Derby im Fernsehen zu verpassen. Die Brisanz ist extrem, die Art und Weise, wie die Fans mitgehen, ist der reinste Wahnsinn. Der Fanatismus dort ist krasser als überall sonst auf der Welt und ich hoffe, dass ich in irgendeiner Funktion irgendwann ein Teil eines Istanbuler Derbys sein kann. Ich war bisher ein Mal live im Stadion, als Galatasaray und Beşiktaş aufeinandertrafen.

Ich bin ja sehr verwöhnt, aber bei diesem Spiel habe ich die ersten zehn Minuten nichts mehr gehört. Ich glaube, ich habe die Spieler auf dem Platz beneidet. Bei aller Liebe für die Derbys ist aber klar, dass trotz der Konkurrenzgedanken kein Platz für Gewalt ist. Letztlich geht es um Fußball und wir Spieler können in unserer Funktion als Vorbild nur jedes Mal daran erinnern, dass der sportliche Gedanke im Vordergrund sein muss. Anders macht es auch keinen Spaß.