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PK mit Hansi Flick: Wenn Sie einen anderen wollen…

Kommentar: Jürgen Klinsmann ist Ihnen entfolgt

Jürgen Klinsmann war nur 76 Tage im Amt bei Hertha BSC. 76 Tage, die gereicht haben, um viel Schaden anzurichten. Für den „Big City Club“, aber auch für Klinsmann selbst. Der Kommentar von SOCRATES-Chefredakteur Fatih Demireli

Kommentar von Fatih Demireli

Der Lars. Ach ja, der Lars. Und übrigens: der Lars. Als Jürgen Klinsmann (55) Ende November 2019 als neuer Trainer von Hertha BSC vorgestellt wurde, sprach Klinsmann viel lieber über „den Lars“, gemeint war Investor Lars Windhorst, anstatt über sich selbst. Geholt eigentlich als Fußball-Experte im Aufsichtsrat und Consigliere für Windhorst sollte Klinsmann bis Saisonende als Trainer den bis dahin glücklosen Ante Covic ersetzen. Klinsmann wurde nicht nur als Trainer installiert, sondern auch als Flutlicht für den allzu durchschnittlichen Fußball-Verein. Hertha wollte gesehen werden. Klinsmann wusste, wie das geht.

Er installierte ein komplett neues Trainer-Team, einen Performance-Manger in Arne Friedrich, ließ die Kabine umbauen, gestaltete das Trainingslager in den USA neu (inklusive kräfteraubender Reise zur Yacht des Investors), holte Spieler für fast 80 Millionen Euro und machte dann die Biege. Mit einem Facebook-Post verkündete er nach 76 Tagen Amtszeit sein Aus als Hertha-Trainer. Vorbei am Klub, dessen Medienabteilung offenbar überhaupt keine Informationen hatte. Für alle Social-Media-Nerds: Jürgen Klinsmann stellte seinen Status auf „in einer Beziehung“ um, postete Liebes-Fotos mit seiner neuen Flamme, fuhr mit ihr den Urlaub, ließ sie ein paar tolle Sachen bei Amazon bestellen und machte die Biege, als es zuhause langweilig wurde. Jürgen Klinsmann ist Ihnen entfolgt.

Jürgen Klinsmann: Ein Rücktritt mit Kollateralschaden

Er wird als Aufsichtsratsmitglied weitermachen, als Kontrolleur mutmaßlich jener Leute), denen er in seiner Mitteilung „fehlendes Vertrauen“ vorwarf. Wie das funktionieren soll, auch wenn Klinsmann theoretisch und praktisch keine Handlungen wie Entlassungen vornehmen darf, ist ein Rätsel. Wird er in persönlichen Treffen mit Lars Windhorst in irgendwelchen Restaurants oder an Deck schmucker Boote erzählen, wie toll nach seiner Meinung Michael Preetz seinen Job macht? Der Preetz, den Klinsmann noch im November als guten Freund bezeichnete. Wohl kaum. Es ist ein Konstrukt, das zum Scheitern verurteilt ist. Klinsmanns Abgang ist nicht nur kein gewöhnlicher Trainer-Rücktritt, sondern ein Vorgehen mit Kollateralschaden.

Hertha hat seit jeher mit Image-Problemen zu kämpfen. Ein schlafender Riese, der nicht aufwachen will. Offenbar war es Anfang der 1990er Jahre sogar so schlimm, dass es folgende Durchsage bis in die Geschichtsbücher schaffte: „Die Toilettenbenutzung im Olympiastadion ist kostenlos. Für den Fall der Fälle.“ Es bedurfte damals eines expliziten Hinweises darauf, dass man einen bestimmten Ort aufsuchen müsse, um den natürlichen Bedürfnissen des Menschen nachzukommen.

Auf die Schnauze geflogen

Wie es der Klub schaffte, in nur wenigen Jahren einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, so dass nicht nur Menschen ins Stadion kamen, die wissen, wo und wie man sich seines Harndrangs entledigt, sondern auch solche, die den erfolgreichen Fußball des hiesigen Vereins genießen wollten, der zwischenzeitlich sogar mal Champions League spielte, war eine Erfolgsgeschichte. Aber eine, die immer wieder abrupt unterbrochen wurde, weil sich viele Hertha-Macher schnell größer fühlten, als sie und der Klub waren. Und wieder macht man nun den gleichen Fehler.

Wieder spricht man vom „Big City Club“, von Europapokal und großen Zielen, obwohl die verunsicherte Hertha-Mannschaft seit Saisonbeginn im Abstiegskampf steckt. Man spürte in den Sozialen Medien regelrecht die freudige Erwartung darauf, dass Hertha und Klinsmann auf die Schnauze fliegen – und genau das ist nun passiert.

Der Mann, der „Big City Club“ vorlebte, sogar „Big City Club“ war, hat beim ersten Gegenwind einen Rückzieher gemacht und dem vermeintlichen Projekt großen Schaden zugefügt. In diesen 76 Tagen hat Klinsmann auch das schwer beschädigt, was Michael Preetz seit Jahren versucht hat, aufzubauen. Einen soliden Verein, der nicht mit seiner Klappe, sondern mit Sachverstand im Management und sportlicher Leistung auffällt.

Preetz muss nun vielleicht nicht von vorn anfangen, aber solange Klinsmann im Aufsichtsrat sitzt, wird es auch für ihn ein Spießrutenlauf. Dann wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Preetz die Freundschaft beendet.

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Lewan Kobiaschwili: Nie in der ersten Reihe

Lewan Kobiaschwili, als aktiver Fußballer gehörten Sie auf dem Platz zu den ruhigeren, introvertierten Zeitgenossen. Mussten Sie sich für Ihr Amt als Präsident des Georgischen Fußballverbandes sehr verändern oder hilft Ihnen diese Eigenschaft sogar?

Es ist definitiv ein Unterschied, als Funktionär in der Verantwortung zu stehen. Dennoch kam mir meine ruhige Art, mich immer auf meine Ziele als Fußballer zu konzentrieren und dabei trotzdem den unbedingten Willen zu zeigen, auch jetzt als Präsident zugute. Aber natürlich muss ich nun in den richtigen Momenten Dinge klar ansprechen und konsequent sein. Letztlich musste ich mich an das Gefühl, dass ich Dinge, anders als auf dem Platz, nicht mehr immer direkt beeinflussen kann, erst einmal gewöhnen. Denn die ganze Verantwortung trage ich ja trotzdem.

Sie spielen eine wichtige Rolle im Austausch zwischen Georgien und Deutschland – 2017 waren Sie Teil der Delegation samt des Präsidenten Ihres Landes beim Staatsbesuch in Berlin.

Es liegt mir sehr am Herzen, dass das Verhältnis und die Kommunikation bestmöglich funktionieren. Ich sitze ja ebenfalls im georgischen Parlament. Mit meiner Vorgeschichte ist es klar, dass ich immer präsent bin, wenn etwa deutsche Delegationen in Georgien zu Gast sind, was dieses Jahr öfter der Fall war.

Ihr ehemaliger Nationalmannschaftskollege Kachaber Kaladse wurde georgischer Energieminister und wurde danach zum Bürgermeister der Hauptstadt Tiflis gewählt worden. Stecken Ihre Landsleute besonderes Vertrauen in Ihre einstigen Fußballhelden?

Kachaber Kaladse hat seit seinem Start im Parlament 2012 eine unglaubliche Entwicklung genommen, ist unglaublich reif geworden und hat in seiner Rolle vieles zur Verbesserung der Energiepolitik unseres Landes beigetragen. Ohne diese Erfolge hätten ihn die Menschen von Tiflis nicht zum Bürgermeister gewählt. Das heißt nicht, dass jeder erfolgreiche Sportler für die Politik geeignet ist. Aber die Menschen respektieren, was wir für unser Land getan haben als sportliche Repräsentanten und unsere Lebensleistung: Ausdauer, voller Einsatz, Beharrlichkeit, der Glaube in die eigene Stärke, Verantwortung und harte Arbeit für dein eigenes Land.

Eigenschaften, die auch Politiker benötigen?

Genau, es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Erfolg im Sport und Erfolg in der Karriere jetzt als Politiker. Aber hinter beiden Laufbahnen steckt harte Arbeit.

Eines Ihrer wichtigsten Ziele bei Amtsantritt 2015 war eine Umstrukturierung der heimischen, unattraktiven Liga mitsamt ihrer Geldsorgen. Wie weit sind Sie?

Wir haben bereits eine große Reform umgesetzt. Sechzehn Mannschaften in der ersten Liga waren viel zu viel für unser Land. Jetzt sind es zehn in der ersten und zehn in der zweiten Liga. Es gibt einen Sechs-Jahres-Plan, der auch von der Regierung gestützt wird. Die Geldverteilung ist in diesem Zeitraum gleichmäßiger, sodass die Teams vor der Saison eine klare Budgetplanung und damit Planungssicherheit haben – auch langfristig. Nur so ist eine langfristige, strategische Ausrichtung möglich, gerade was die Strukturen in der wichtigen Jugendarbeit angeht.

Sie sprechen die Budgetsicherheit der Teams an. Georgien war in der Vergangenheit anfällig für Spielmanipulationen. Es heißt, Sie sind zu einem unter Verdacht stehenden Spiel persönlich hingeflogen und haben es abgesagt …

Das stimmt, diesen Fall kann ich bestätigen. Nachdem mir die Hinweise zugetragen wurden, bin ich persönlich hingefahren, habe die Verantwortung übernommen und das Spiel abgesagt – das war keine einfache Entscheidung. Das ist natürlich im Alltag nicht jedes Mal umzusetzen. Aber die Vereine haben das unterstützt. Langfristig hilft wirklich nur eine finanzielle Sicherheit der Klubs und damit auch der Spieler, um das zu verhindern. In der Vergangenheit gab es Fälle von nicht oder viel zu spät gezahlten Gehältern. In solchen unruhigen Umfeldern sind gewisse Spieler anfälliger für Betrug, wenn Sie hohe Summen für eine Manipulation angeboten bekommen. Das heißt noch lange nicht, dass ich dafür Verständnis aufbringe, im Gegenteil. Ich hoffe dennoch, dass wir diese Problematik mit der Ligareform gelöst haben. Klar ist aber auch: Spielmanpiulation ist ein globales Problem.

Mit exakt 100 Einsätzen sind Sie noch immer Rekordnationalspieler Ihres Landes. Bei Ihrem Rücktritt sagten Sie, es schmerze sehr, sich nie für ein großes Turnier qualifiziert zu haben.

Dieser verpasste Traum schmerzt auch immer noch, ich wollte das als Spieler immer unbedingt. Aber jetzt habe ich einen neun Traum, dass dem Team in meiner Zeit als Präsident eine Qualifikation gelingt.

Das Interview erschien in Ausgabe #14: Jetzt nachbestellen

Wenn man sich in Freiburg, auf Schalke und in Berlin nach Ihnen umhört, sind Sie ob Ihrer bescheidenen Art überall noch sehr gut in Erinnerung. Was war denn Ihr Erfolgsrezept?

Zunächst einmal freut es mich ungemein, wenn ich so etwas höre. Ich wollte nie in der ersten Reihe stehen und mich mit großen Worten präsentieren. Für mich lag die Priorität immer auf dem Platz. Dort eine gute Leistung abzuliefern, mit harter Arbeit. Und ich wollte immer auf Augenhöhe kommunizieren, mit jedem zurechtkommen, vom Präsidenten bis hin zum Fan. Letztlich bleibt ein Spieler immer dank seiner Leistung für das Team in Erinnerung. Das habe ich immer probiert und das ist dann vielleicht das entscheidende Rezept – ein Teamplayer zu sein.

Sie hatten später auch auf Schalke ein richtig gutes Team beisammen. Trotzdem hat es nicht zu einem großen Titel gereicht.

Ein bisschen traurig macht mich das schon. Wir hatten ein richtig starkes Team. Man muss sich ja nur mal ansehen, welche Karrieren etwa Mesut Özil und Manuel Neuer hingelegt haben. Es schmerzt, dass wir 2007 nicht Meister wurden, als wir am vorletzten Spieltag gegen Dortmund verloren und Stuttgart noch Meister wurde. Das war sportlich die schwerste Zeit. Wir hatten damals zweimal Bayern geschlagen. Wir hatten das Potenzial, das Teamgefüge und die Fans im Rücken und standen am Ende dennoch mit leeren Händen da.

Eine Saison zuvor sind Ihre drei Tore in der Champions League gegen Eindhoven in Erinnerung geblieben. War das das beste Spiel Ihrer Karriere?

Das Spiel werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen und dieses Match ist auch noch vielen Leuten in meiner Heimat in Erinnerung. Ich bin der einzige Georgier, der in einem Spiel in der Königsklasse dreimal traf. Dabei sind mir sonst nicht mal im Training drei Tore gelungen. (lacht)

Später in der Saison 2005/06 sind sie im damaligen UEFA Cup erst im Halbfinale am FC Sevilla gescheitert. War da mehr drin?

Das Halbfinale ist noch sehr präsent. Meiner Meinung nach gab es in diesem Wettbewerb damals nur zwei gute Teams – Sevilla und uns. Wir haben im Rückspiel in der Nachspielzeit ein Tor kassiert und Sevilla gewann dann das Finale klar. Dabei hatten wir eigentlich eine gute Leistung gezeigt – bitter.

Rudi Assauer hatte einst bekundet, Sie seien eine der besten Verpflichtungen der letzten Dekade gewesen. Haben Sie das Maximum aus Ihrer Karriere herausgeholt?

Nein, das würde ich niemals von mir selbst behaupten. Ich finde, dass es bei einer Karriere nach oben hin keine Grenze geben sollte. Meine Laufbahn hätte schlechter verlaufen können, es wäre aber auch noch mehr drin gewesen. Ich weiß aber, dass ich alles investiert habe, was damals drin war. Das stellt mich zufrieden.

Sie sind in ganz jungen Jahren über die russische Liga nach Freiburg gekommen. Versuchen Sie, Ihre Erfahrungswerte an junge georgische Talente weiterzugeben?

Ich spreche regelmäßig mit den Spielern in Georgien. Heute ist es aber schwerer, sich international durchzusetzen. Der Markt ist groß, die Spieler sind vielerorts gut ausgebildet. Hinzu kommt, dass viele junge Spieler zu früh, zu schnell zufrieden mit sich sind. Das blockiert eine Entwicklung. Ein großer Vorteil für mich war damals, dass ich im ruhigen Freiburg gelandet bin und mich in diesem Umfeld in Ruhe entwickeln konnte, auch mal ein schwaches Spiel abliefern durfte. Freiburg ist für junge Spieler ein Segen.

Bei Ihrer letzten Station gab es viele Aufs und Abs. Negativer Höhepunkt war Ihre Attacke auf Schiedsrichter Wolfgang Stark während der Tumulte beim Relegationsspiel der Hertha gegen Düsseldorf. War damals, 2012, ein Karriereende ob der fast sieben Monate dauernden Sperre denkbar?

Das war damals die schlimmste Zeit in meinem Leben. Es gab nur zwei Möglichkeiten: ein sofortiges Karriereende oder hartes Training, um ohne Spiele das Niveau zu halten. Ich habe mir damals dann gedacht: So ein Karriereende habe ich nicht verdient. Also habe ich nochmal alles investiert in der täglichen Trainingsarbeit, um nach der Sperre gute Leistungen zu bringen. Da bin ich Hertha BSC und den Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich danach noch schöne Spielzeiten hatte.

Interview: Jannik Schneider

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Marcus Thuram, Andy Murray & Matthias Sammer: Die #40!

Die 40. Ausgabe ist da! Auf dem Cover von SOCRATES versammeln sich diesmal Marcus Thuram von Borussia Mönchengladbach, Tennis-Profi Andy Murray und Matthias Sammer, Berater von Borussia Dortmund. Sie vereint der Centre  Court „Mentalität“.

Marcus Thuram: Die Frohnatur

Marcus Thuram ist eine der Entdeckungen der Bundesliga. Aber er ist nicht nur ein unverschämt talentierter Stürmer, sondern auch ein geistreicher wie charmanter und humorvoller Gesprächspartner, wie er im Gespräch mit SOCRATES zeigte. Unser Kollege Ali Fahrat traf seinen Landsmann zu einem Gespräch am Trainingsgelände der Borussen. Herauskam ein Gespräch, in dem viel gelacht, aber auch viel Hintergründiges gesprochen wurde.

Wie es Thuram schaffte, in kürzester Zeit zu einem der gefährlichsten Angreifer der Liga zu werden und vor allem wie er es schaffte, aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu treten, erzählt der 22 Jahre alte Franzose im Interview. Ach ja; Er spricht auch über seinen Spitznamen.

Andy Murray: Der Kämpfer

Anstatt bei den Australian Open um den Titel zu spielen, arbeitet Andy Murray derzeit an seinem Comeback: Die ehemalige Nummer eins wird auch den Turnieren in Montpellier und Rotterdam nicht an den Start gehen. Eigentlich wollte der Brite den Schläger 2019 sogar an den Nagel hängen, kam dann aber nach heikler OP und langer Pause zurück. Jetzt will er genießen und einfach sehen, wie weit ihn seine Hüfte aus Metall noch trägt. Im Interview mit SOCRATES spricht ein besonnener Murray über seine Karriere.

Matthias Sammer: Der Flüsterer

Matthias Sammer hat im Fußball als Spieler, Trainer und Funktionär nahezu alles gewonnen. Weil er bis heute den höchsten Anspruch an sich selbst und seine Umgebung hat. Und im Laufe seiner Karriere eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zum Spiel aufbaute, die nicht jeder verstehen, aber jeder bewundern kann. SOCRATES-Autor Felix Seidel über einen Mann, der Mentalität lebt, wie kaum ein anderer.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?
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Video: Ohne Haaland fahren wir zur EM

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Jürgen Klinsmann: Özil? Boateng? „Jede Kategorie denkbar“

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Joachim Löw hinterfragt Nübel-Entscheidung

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Josuha Guilavogui im Interview: „Mir fehlen die Supermärkte“

Eigentlich wollte Josuha Guilavogui nie nach Deutschland ziehen. Jetzt ist er Kapitän des VfL Wolfsburg und kann sich vorstellen, die Autostadt nie wieder zu verlassen. Warum Franck Ribéry dabei eine Rolle spielt und was das einzige Manko ist, erzählt er im Interview.

Josuha Guilavogui, wie lebt es sich als Franzose in Deutschland?

Es ist toll, auch wenn in den ersten Monaten nicht unbedingt alles einfach verlief. Das Wichtigste war bei mir, als ich von Atlético Madrid kam, dass ich zwar der einzige Franzose im Kader war, aber dank der tollen Französischkenntnisse von Kevin De Bruyne, Diego Benaglio und Ivan Perišić besser und schneller Fuß fassen konnte. Ich konnte mich durch ihre großartige tägliche Hilfe gut und schnell integrieren. Sie waren immer für mich da und hilfsbereit, vor allem wegen der Übersetzung. Das war im Nachhinein mein großes Glück. Heute bin ich froh, dass ich diese Rolle übernehmen kann und zum Beispiel meinen Landsmann Jérôme Roussillon jederzeit zur Verfügung stehe und für ihn dadurch als Art großer Bruder gelte.

Und sportlich?

Von der Mentalität her sind es ja zwei verschiedene Länder. In den ersten Wochen beim VfL musste ich erst lernen, dass man bei den Trainingseinheiten ständig Gas geben muss und zwar bis zur letzten Sekunde. In Frankreich war es so, dass je näher das Spiel kam, desto weniger gemacht wurde. In Deutschland ist es kein Problem, 48 Stunden vor dem Spiel elf gegen elf zu spielen und dabei genauso fokussiert und engagiert zu sein wie im Spiel selbst. Das musste ich erst mal lernen und nun gebe ich auch bei jeder Einheit Vollgas, das ist schon längst kein Problem mehr.

War die Bundesliga immer ein Ziel für Sie in Ihrer Karriereplanung?

Überhaupt nicht. Und das ist ja das Unglaublichste in meiner Geschichte. Ich habe zu Beginn meiner Karriere eher Richtung Süden tendiert und Deutschland war für mich zu diesem Zeitpunkt nie ein Thema.

Warum?

Ich dachte in Deutschland ist es eher kalt und mir machte insbesondere die Schwierigkeit der Sprache zu schaffen, so dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals in der Bundesliga unter Vertrag zu stehen.

Was ist dann passiert?

Die Antwort auf diese und viele andere Fragen in der aktuellen Ausgabe.

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Max Kruse im Interview: „Einstein hat recht“

Max Kruse hat die Bundesliga verlassen und sucht nun mit Fenerbahçe in der Türkei eine neue Herausforderung. Ein Gespräch über Verantwortung, Perspektiven und die wichtigsten Sachen im Leben.

Max Kruse, was bedeutet Ihnen Verantwortung?

Vorneweg zu gehen und auch andere Menschen zu unterstützen. Aber Verantwortung ist keine Art von Perfektion.

Wie meinen Sie das?

Niemand ist perfekt. Wichtig ist es, authentisch und sich selbst treu zu bleiben. Für den Fußball bedeutet das, dass man versucht, durch die Art und Weise, wie man veranlagt ist, eine Mannschaft nach vorne zu bringen.

Sie spielen bei Fenerbahçe in einer ziemlich neu zusammengestellten Mannschaft, müssen sich aber selbst erst integrieren. Verantwortung und Eingewöhnung: Geht beides?

Meiner Meinung nach geht schon beides. Ich habe genug Erfahrung, um Verantwortung zu übernehmen, auch wenn ich neu bin. Klar ist es ein anderes Land und die Art und Weise, wie Fußball gespielt wird, ist etwas anders. Aber letztlich ist es immer noch Fußball, also 11 gegen 11. Ich habe mich bei meiner Mannschaft schnell eingewöhnt, so dass ich sicher bin, dass ich mich schnell auf die Verantwortung konzentrieren und meine Leistung direkt abrufen kann.

Sie haben immer wieder neue Herausforderungen bei sehr verschiedenen Klubs gesucht: FC St. Pauli, SC Freiburg, Borussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg, Werder Bremen und nun Fenerbahçe – all diese Klubs sind schwer in ihrer Art und Weise zu vergleichen. Spornt Sie das Neue, das Unbekannte an?

Ehrlich gesagt gehe ich nicht nach bestimmten Kriterien, wenn ich mich um die Vereinswahl kümmere. Für mich muss der Eindruck passen, für mich muss das Gesamtpaket passen. Ich muss das Gefühl haben, dass das der richtige Weg ist. Ich würde nicht sagen, dass das Unbekannte mich anspornt, aber klar bin ich dafür, meinen Horizont zu erweitern.

Wie entsteht dieses Gefühl?

Wenn ich mich mit den Leuten unterhalte, muss ich denken: „Wow, darauf hast du Lust.“ Das war bei Fenerbahçe der Fall, genauso wie bei allen anderen Vereinen in meiner Karriere.

Haben Sie bewusst die Komfortzone Bundesliga verlassen?

Ja, die Entscheidung fiel bewusst. Ich würde aber nicht von Komfortzone sprechen. Ich habe eine lange Zeit in Deutschland gespielt und gelebt und hatte eine sehr schöne Zeit, aber mich hätte in der Bundesliga ehrlich gesagt nicht viel mehr gereizt. Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, dass ich auf jeden Fall noch Erfahrung im Ausland sammeln will.

Das Interview erschien in Ausgabe #36: Jetzt nachbestellen

Fenerbahçe zeigt Interesse, hinterlegt das bei Ihrem Berater, der Sie dann davon informiert. Hand aufs Herz: Was war die erste Reaktion?

Sie war: „Wow, Istanbul! In der Stadt zu leben, das wäre schon geil.“

Wie ging es dann weiter?

Ich habe mich bei Nuri Şahin informiert, der ja bekanntlich Türke ist und mit dem ich bei Werder Bremen zusammengespielt habe. Wir haben darüber gesprochen, wie man in der Türkei Fußball spielt. Dann habe ich mit einem meiner Berater gesprochen, der Deutsch-Türke ist, und mit Fenerbahçes Sportdirektor Damien Comolli. Letztendlich habe ich Mehmet Ekici kontaktiert, der schon länger bei Fenerbahçe spielt. Bei allen habe ich mich über die Stadt, den Verein, die Kultur und die Liga informiert.

Es gibt inzwischen sicherlich viele Fußball-Länder, in denen man mehr verdienen kann als in der Türkei. Ist die Süper Lig dennoch lukrativ, weil man eine sportliche Herausforderung geboten bekommt und dennoch ordentlich entlohnt wird?

Man macht sich natürlich über alles Gedanken. Wenn man die Entscheidung trifft, den Verein zu verlassen, bei dem man spielt und eine neue Herausforderung sucht, denkt man über alles nach, was auf dem Tisch liegt. Für mich waren aber gewisse Vereine keine Option, egal wie viel Geld auf dem Tisch lag. Die Türkei, vor allem wenn man in Istanbul lebt, ist sehr europäisch, mit verschiedenen Kulturen, die dort zusammenkommen. Und natürlich hat mich auch ein Verein wie Fenerbahçe mit solchen Fans gereizt. Das Stadion ist immer ausverkauft, die Stimmung ist überragend und das ist natürlich eine Motivation, diesen Verein wieder nach vorne zu bringen. Ich glaube auch, dass die türkische Liga unterbewertet wird. Ich glaube, sie ist besser, als sie medial dargestellt wird. Die Liga ist körperlich hart und der Druck ist enorm, wenn man für einen Verein mit 25 Millionen Anhängern spielt.

Oscar Wilde sagte mal: „Als ich klein war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben. Heute, da ich alt bin, weiß ich: Es stimmt.“ Wie ist es bei Ihnen?

Geld ist definitiv wichtig, weil man sich das Leben dadurch erleichtern kann und vielleicht ein paar Sorgen weniger hat. Ich stimme aber nicht zu, dass es das Wichtigste im Leben ist. Das geht mir etwas zu weit.

Dann halten Sie es wie Albert Einstein, der sagt: „Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt.“

Ja, da hat er recht. Ich habe ein gutes Beispiel dafür: meinen Sohn. Den könnte ich mir für kein Geld der Welt kaufen. Von daher gilt auch für mich: Die besten Dinge des Lebens gibt’s nicht für Geld.

Viele Fußballer hört man immer wieder sagen, dass sie an die Zukunft und an die Familie denken müssen, wenn es um ihre Planungen geht. Hört irgendwann tatsächlich die Romantik auf, wenn man sich woanders finanziell besser absichern kann?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich finde diesen Ansatz gar nicht so verwerflich. Dass man dorthin geht, wo man am meisten Geld verdient. Egal ob man Fußballer ist oder einen anderen Job auf der Welt macht, versucht man am Ende des Tages das meiste für die Familie und für sich selbst herauszuholen. Vielleicht nicht für eine 1,50 Mark mehr, aber wenn es in andere Sphären geht, dann schon. Ich glaube, dass dann die Romantik aufhört. Vielleicht nicht mit 24, 25 Jahren, aber wenn man irgendwann weiß, dass man nicht mehr ein Leben lang Fußball spielen wird, denkt man ans Absichern. Das ist doch normal.

Das sind die Spitzenverdiener des Sports 2019

Machen Sie sich schon Gedanken über das Leben nach der Karriere?

Gedanken machen würde ich nicht sagen. Ich habe noch einige Jahre vor mir als Profi und will vor allem Akzente setzen für Fener in der Türkei: Meister werden, Champions League mit Fenerbahçe spielen. Diese ganzen Ziele kommen noch. Bis zum Ende meiner Karriere werde ich wahrscheinlich noch einige Menschen kennenlernen und weitere Interesse entwickeln. Nur eine Sache weiß ich sicher…

…wir sind gespannt.

Ich steige in ein Rennauto.

Immer mehr Fußballer werden Business Manager. Oliver Kahn hat Firmen aufgebaut, René Adler hat ein Start-up für Torwart-Handschuhe, Philipp Lahm ging Richtung Pharmaunternehmen. Jonas Hofmann aus Mönchengladbach hat Fastfood-Filialen. Wäre das etwas für Sie?

Über solche Dinge habe ich mir tatsächlich schon mal Gedanken gemacht. Eine App habe ich schon mal probiert, das hat aber leider nicht funktioniert. Ich weiß nicht, ob genau diese Sachen etwas für mich wären, aber natürlich bin ich offen für interessante Businessideen und die werden auch kommen. Der Fokus liegt aber erst mal absolut auf Fußball.

Ihr Präsident bei Fenerbahçe, Ali Koç, ist einer der erfolgreichsten Geschäftsmänner der Welt. Haben Sie mal überlegt, ein Praktikum bei ihm zu machen?

Tatsächlich jetzt, nachdem ich die Frage gestellt bekommen habe: Ja, ich kann es mir durchaus vorstellen. Und nicht nur bei ihm. Ich war positiv überrascht, wie viele Möglichkeiten Istanbul bietet im Bereich Events, Design oder Medien und ich habe schon einige interessante Geschäftsleute kennengelernt. Ich kann mir schon vorstellen, mir einiges in den Bereichen anzugucken und anzuhören.

Max Kruse, sind Sie zufrieden mit dem bisher Erreichten Ihrer Karriere?

Ja, ich bin sehr, sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Es hätte sicherlich noch etwas dazukommen können, was aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hat, aber ich habe mich bei allen meiner Karriereschritte immer gut gefühlt und habe nie etwas bereut. Vielleicht bin ich nicht einer der besten Fußballer der Welt geworden, aber ich habe meine Qualität und meine Persönlichkeit bis jetzt unter Beweis gestellt. Ich habe auch noch einiges vor, von daher heißt es: Gas geben, es geht immer weiter.

Interview: Fatih Demireli

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Ribery, Lessort, Tuchel: Eine Sache der Liebe

Es wird Französisch! Die Ausgabe #38 dreht sich um das Thema Frankreich und die Franzosen. Wie Franck Ribery sich durch die Liebe definiert, wie Bayern Münchens Basketballer Mathias Lessort durch seine Sportart zum Glück fand und wie es Thomas Tuchel bei PSG schaffte, sich in die Herzen der  Spieler zu hieven… in der #38!

Franck Ribery: Eine Sache der Liebe

So richtig loslassen kann Franck Ribery natürlich nicht. Als Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern verabschiedet wurde, tauchte der Franzose auf und erwies dem ehemaligen Bayern-Präsident die Ehre. Eine tolle Geste und auch Ribery, der Spieler mit den meisten Meistertiteln im Trikot des Rekordmeister, wurde geehrt.

Zwölf Jahre genoss Franck Ribéry in München das Gefühl, geliebt zu werden. Auch in Florenz spürt der Franzose nun die Zuneigung der Fans, die er aber in seiner Heimat nie erhielt. Aber die er auch mit 36 Jahren noch benötigt, um als Fußballer und Mensch zu bestehen.

Die gesamte Story lesen Sie in der neuen Ausgabe, das sie hier bestellen können. Alternativ können Sie auch ein Jahresabo bestellen oder das ePaper lesen.

Was hat die Ausgabe #38 noch zu bieten?

Exklusiv-Interview mit Mathias Lessort

Mathias Lessort vermisst den Strand, aber den Basketball liebt der Star des FC Bayern so sehr, dass sich selbst Heimatgefühle hinten anstellen müssen. Mit Bayerns Franzosen sprachen wir über Mentalitätsunterschiede, das Umfeld FC Bayern und Besuche aus der Heimat.

Thomas Tuchel: Le Patron

Thomas Tuchel ging mit einem Rucksack voller Klischees nach Frankreich zu Paris Saint-Germain. Doch dann kam alles anders. Der ehemalige Trainer des BVB wurde zum Chef von Paris, weil sich Tuchel veränderte und sich selbst bei einem Diven-Klub extrem beliebt machte.

Exklusiv-Interview mit Josuha Guilavogui

Eigentlich wollte Josuha Guilavogui nie nach Deutschland ziehen. Jetzt ist er Kapitän des VfL Wolfsburg und kann sich vorstellen, die Autostadt nie wieder zu verlassen. Warum Franck Ribéry dabei eine Rolle spielt und was das einzige Manko ist, erzählt er im Interview.

Ajax in Grün

Der französische Fußball hatte in den 1970er Jahren einen neuen Tiefpunkt erreicht. AS Saint-Étienne kämpfte sich zunächst aus dem Sumpf heraus und danach auf den Gipfel des europäischen Fußballs hoch. Und das schaffte der Verein mit seinen eigenen Mitteln. Wir sprachen mit einem Helden von damals: Dominique Rocheteau.