Schlagwortarchiv für: Bundesliga

Beiträge

, , ,

Javi Martinez Kolumne #1: Dem Himmel entgegen

Bayern-Star Javi Martínez gewährt in seiner Kolumne einen Einblick in seine Zeit als Kind und Jugendlicher. So leicht es war, auf dem Fahrrad das Glück zu erfahren, so schwer fiel der Verzicht auf Partys. Aber der Spanier ordnete alles seinem Traum unter.

Von Javi Martínez

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Ich möchte euch auf eine Reise mitnehmen. Auf eine Reise in meine Kindheit. Wenn wir dort ankommen, schreiben wir das Jahr 1998. Als Zehnjähriger schaue ich zum Gipfel des 1.046 Meter hohen Berges Montejurra empor. Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick über den Norden Spaniens.

Das weiß ich, weil ich selbst schon am Gipfelkreuz verweilt habe. Mein kleiner Heimatort Ayegui, der direkt am Fuße des Berges liegt, sieht von oben noch viel kleiner aus, als er ohnehin ist. Rund 1.000 Menschen leben hier. Ich lebe hier. Es ist einer dieser typischen Sommertage in den Ferien. Die Sonne scheint auf die Felder und lässt die Luft über dem Asphalt flimmern.

Als aus 100 Pesetas 200 wurden

Ich schnappe mir mein Rad und fahre los, ohne ein Ziel zu haben. Oder vielleicht habe ich es doch: einfach über die Hügel dem Himmel entgegen. Es ist dieses Gefühl von Freiheit, das mich glücklich sein lässt. In diesem Moment kann ich mir kein schöneres Leben vorstellen. Ich hoffe, ihr habt ähnlich schöne Erinnerungen an eure Kindheit. Wahrscheinlich werden wir nie wieder so unbeschwert leben wie damals mit zehn Jahren.

Die Ausgabe bestellen

Jetzt, 20 Jahre später, erinnere ich mich immer noch gut an diese Zeit: Einmal verließ ich das Haus mit 100 Pesetas, die ich von meiner Mutter zugesteckt bekommen hatte. Am Abend kehrte ich mit 200 Pesetas zurück. „Woher hast du das Geld?“, wunderte sich meine Mutter. Ich antwortete lediglich mit einem verschmitzten Lächeln.  Keine Sorge, ich hatte das Geld nicht gestohlen.

Diese Vorahnung

Sagen wir mal so: Ich hatte es mir kreativ verdient. Wenn ich mit meinem Rad unterwegs war, bin ich oft zu meinen Tanten und Onkels gefahren, um sie zu besuchen. Sie haben sich immer sehr gefreut, mich zu sehen und mich gefragt, ob ich etwas brauche. „Nein, nichts. Nur vielleicht ein bisschen Geld für Süßigkeiten“, sagte ich dann. Jetzt könnt ihr erahnen, woher das zusätzliche Geld in meinen Hosentaschen kam.

Doch für Süßigkeiten habe ich es nur in den wenigsten Fällen ausgegeben. Schließlich hatte ich diesen einen großen Traum: Fußballprofi zu werden. Ja, ich habe schon damals ganz fest daran geglaubt, es wirklich schaffen zu können. Vielleicht mag es jugendliche Unbekümmertheit gewesen sein, vielleicht aber auch schon eine Vorahnung.

Der Weg zum Profi ist hart

Rückblickend habe ich oft darüber nachgedacht: In den europäischen Top-Ligen gibt es nur wenige tausend Profifußballer, aber es gibt Millionen von Talenten, die es werden wollen. Es ist verrückt. Die Prozentzahl der Spieler, die es wirklich schaffen, ist so gering. Ich mache mir das immer wieder bewusst: Wir Profifußballer sind privilegiert.

Aber ich denke, dass wir uns für das Erreichte nicht entschuldigen müssen, sondern durchaus stolz darauf sein dürfen. Wichtig ist dabei nur, das Bewusstsein dafür zu haben, dass vielen anderen Menschen die Karriere nicht vergönnt war und ihnen stets mit Respekt zu begegnen. Für viele von euch klingt mein Weg sicherlich wie ein Traum. Ich denke, aus eurer Perspektive heraus würde ich es ähnlich bewerten. Aber lasst euch sagen: Der Weg zum Profi ist hart. Besonders in Teenagerjahren.

Die Freunde gehen mit Mädchen aus und du…

Der Teil, den die meisten Menschen nicht sehen können, ist der schwerste. Es ist der Verzicht auf Dinge, die für andere Leute völlig normal sind. Wenn du 15, 16, 17 bist und deine Freunde anfangen, Party zu machen, musst du zu Hause bleiben. Du bist außen vor, bist derjenige, der nicht dabei ist, weil er ja Fußballer werden will. Du musst morgens ins Training, danach gut essen, dich ausruhen und abends gut schlafen. Dann beginnen deine Freunde, das erste Mal mit Mädchen auszugehen.

Du erfährst von solchen Augenblicken nur aus ihren Erzählungen, du erlebst sie nicht. Du willst ja Fußballer werden. Und sagst dir selbst immer wieder: ‚Du kannst dir das nicht erlauben.‘ Es sind in diesen jungen Jahren einmalige Lebensmomente, die nicht zurückkommen. Aber nur so lässt sich die einmalige Gelegenheit nutzen, das Ziel zu erreichen, worauf du alles ausgerichtet hast. Verzicht, so schwer er auch fällt, kann dich nach vorne bringen.

„Was machst du hier?“

Mit 15 Jahren war mein Beruf bereits Fußballer. Ich spielte in der dritten spanischen Liga in der zweiten Mannschaft von Osasuna. Dort trainierte ich mit Männern, die 23, 24, 25 Jahre alt waren. Ich war 15! Anfangs gab es Tage, an denen ich mich gefragt habe: ‚Was machst du da eigentlich? Ist es das wirklich wert?‘ Im Nachhinein bin ich selbst verwundert, mit welcher Klarheit und Überzeugung ich mir selbst damals antworte: ‚Ja, natürlich ist es das wert! Wenn du ein richtig guter Profifußballer werden willst, hängt es jetzt nur noch von deiner Einstellung ab, Javi.‘

Ich wusste, dass meine körperlichen Voraussetzungen gut waren. Aber die Entscheidung für den Beruf fiel in meinem Kopf. Ich habe es geschafft, den Fokus zu behalten. Meine Konzentration lag darauf, in einer guten Verfassung zu bleiben und alles auszublenden, was nichts mit dem Fußball zu tun hatte. Ja, es ist schwer, aber noch schwerer wäre es gewesen zu versuchen, das Nachtleben mit dem Fußball zu kombinieren. Ich halte es für fast unmöglich.

Die neue Martinez-Kolumne in der neuen Ausgabe – im Handel und hier online erhältlich!

Die Lust auf Basketball

Um das noch mal klar zu formulieren – vor allem für Talente, die heute den gleichen Traum haben wie ich damals: Der Kopf ist genauso wichtig wie die Füße. Wenn du es wirklich schaffen willst, musst du 24 Stunden am Tag wie ein Profi leben. Wenn du im Training denkst: Hoffentlich ist es gleich vorbei, ich will noch mit Freunden was essen gehen und Party machen, dann wirst du nicht gut werden. Zumindest nicht gut genug.

Lasst mich noch ein Beispiel geben: Ich liebe es, Sport zu treiben, auch andere Sportarten in meiner Freizeit auszuüben. Nach vielen Trainingseinheiten beim FC Bayern würde ich am liebsten sofort in eine Halle fahren und dort mit Freunden Basketball spielen. Aber ich kann es nicht. Weil all das, was mich zum Profi gemacht hat, auch gilt, um Profi auf höchstem Niveau zu bleiben.

Die Regeneration ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Trainings. Da kann ich nicht einfach noch zwei Stunden Basketball spielen oder mich wie 1998 einfach aufs Rad schwingen und stundenlang ohne Ziel durch die Gegend fahren. So glücklich es mich für den Moment auch machen würde.

, ,

Bayern-Profi Javi Martinez schreibt für Socrates

Neuzugang für das Socrates Magazin: Javi Martinez, Profi des FC Bayern München, wird neuer Kolumnist. Der 30 Jahre alte Spanier schreibt jeden Monat über seine Sicht der Dinge. Im Exklusiv-Interview erklärt Martinez, warum er diesen Schritt gegangen ist.

Javi Martinez: „Einblicke ermöglichen“

Der Begriff Erfolgsgarant wird ja inzwischen sehr inflationär verwendet. Bei Javi Martinez trifft es sogar zu. Beim Gastspiel des FC Bayern München bei 1899 Hoffenheim feierte der Spanier seinen 100. Bundesliga-Sieg – im 120. Spiel. So schnell kam in der Bundesliga noch nie zu den 100 Siegen. Und Martinez hatte wieder einmal gehörigen Anteil am wichtigen Sieg in Sinsheim. Auf der Sechs präsentierte sich der Mittelfeldspieler in überragender Form.

Diese möchte Martinez künftig auch als Kolumnist des Socrates Magazins unter Beweis stellen. Der 30 Jahre alte Profi des FC Bayern schreibt jeden Monat seine Gedanken auf. Dies verkündete Martinez in der neuen Ausgabe des Socrates Magazins, das am Donnerstag im Handel erschienen ist.

Möchtest Du die Ausgabe bestellen? Hier klicken

„Ich freue mich sehr. Ich liebe es zu schreiben. Die Idee, den Lesern das Leben eines Fußballers aus einer sehr persönlichen Perspektive näher zu bringen, fasziniert mich. Es gibt viele Dinge, die Außenstehende nicht nachvollziehen oder wissen können. Ich möchte ihnen Einblicke ermöglichen, die ihnen ansonsten vorenthalten bleiben würden“, so Martinez im Exklusiv-Interview.

Auch bei Socrates ist Freude über den Neuzugang groß: „Javi Martinez ist ein Profi, aber vor allem ein Mensch, der über den Tellerrand hinausblicken kann – und will. Wir freuen uns, dass wir mit Javi Martinez eine Bundesliga-Größe für unser Magazin begeistern konnten, die hervorragend zu unserem Motto Die besten Storys schreibt der Sport passt“, sagt Socrates-Herausgeber Fatih Demireli.

Bereits im exklusiven Interview, das den Startschuss für die Zusammenarbeit zwischen Martinez und Socrates gibt, gewährt der Bayern-Star tiefe Einblicke in sein Innenleben, verrät aber auch, dass er sich einen Wechsel zu einem anderen Klub in dieser Größenordnung nicht mehr vorstellen kann.

Was gibt es sonst in Ausgabe #28?

Wo gibt es Socrates?

Hol‘ dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro!

,

Bekir Refet: Der erste „Bomber“ Deutschlands

Bekir Refet war der erste türkische Fußballer in Deutschland. Doch seine Wahlheimat bescherte ihm mehr Schicksalsschläge als ein paar Tore. Er starb sogar zwei Mal. Ein Porträt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Es waren die letzten Augusttage. Istanbul hatte die drückend heißen Temperaturen hinter sich gelassen und war so windig und kühl wie in einem gewöhnlichen Herbsttag. Die Zugzeit der Störche war längst gekommen. Eine Gruppe junger Männer hatte sich am Hauptbahnhof in Sirkeci getroffen und wartete auf ihren Zug. Das Leben in Anatolien war damals, um das Jahr 1920, durch den schmerzhaften Befreiungskrieg geprägt. Diese jungen Männer aus Istanbul sollten sich aber vom Krieg noch mehr entfernen und in anderen Ländern einen weiteren Kampf führen. Vor der Reise herrschte gute Stimmung. Die letzten Fotos, die letzten Gelächter…

Einer von ihnen schob seinen Holzkoffer mit seinem Fuß in die Nähe des Zuges. Er stellte sich darauf und schrieb mit der Kreide, die er aus seiner Tasche hervorholte, an das Äußere eines der Waggons auf Französisch: „Footballistes de Galatasaray“. Ein anderer füllte das strohgelbe Telegrammformular aus, das er am Rücken eines Freundes fixiert hielt: „Wir machen uns auf den Weg nach Lausanne. Hochachtungsvoll, Bekir.“

Bekir Refet: Wie wurde er zum Star?

Bekir spielte nicht bei Galatasaray. Damals war er im Kader von İttihatspor, dem Nachfolger von Altınordu, der als der Verein des Komitees für Einheit und Fortschritt, der mächtigsten Partei der Jungtürken, bekannt war. Im Istanbul der Besatzungsjahre gewann Altınordu alle Meistertitel. Diesen Erfolg verdankte der Verein den Stars, die mit verschiedensten Versprechungen von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş geholt wurden. Auch Bekir war einer dieser Spieler. Er war bereits mit 13 Jahren, als er noch zur Numune Mittelschule in Kadıköy ging, entdeckt worden, und hatte drei Jahre in der Jugend von Fenerbahçe gespielt, bevor er im Kader der ersten Mannschaft spielen durfte.

Nachdem er es dort schnell zu Ruhm gebracht hatte, wechselte Bekir ein Jahr später zu Altınordu. Und nun wurde er auf Bitten der Verantwortlichen für die Spiele in Europa in den Kader von Galatasaray aufgenommen. Was machte ihn im jungen Alter zu einem Star? Der kleinwüchsige, untersetzte, dunkelhäutige Junge hatte das Fußballspielen in Kadıköy, wo er geboren und aufgewachsen war, von Engländern gelernt. Aus späteren Interviews mit ihm geht hervor, dass er sich glücklich schätzte, weil er das Spiel von „Erfindern des Fußballs“ lernen konnte.

Hol dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro

Bekir bezauberte die Zuschauer vor allem mit seinem Talent. Er war so ein flinker Fußballer, dass er sogar sich selbst umspielen könnte. Seine Ballbeherrschung war beispiellos. Seine scharfen Augen schenkten seinen Schüssen Treffsicherheit und seine breiten, muskulösen Beine eine hohe Geschwindigkeit.

Als Fenerbahçe gegen die Besatzung des in Istanbul geankerten berühmten Schlachtkreuzers Goeben spielte, wurde er von den deutschen Matrosen „roter Teufel“ genannt. Und es wird erzählt, dass er in einem Spiel gegen die Mannschaft der französischen Besatzungsmacht einen alten Schuhputzer mit einem Schuss ins Krankenhaus beförderte. Er war eine Fußballlegende, die mit ihren Schüssen einen Büffel umlegen, den Holzzaun neben dem Spielfeld demolieren, die Torpfosten ins Netz jagen konnte. Er könnte als Urgroßvater Gerd Müllers gelten, denn er war der erste Träger des Spitznamens „Bomber“.

Der Besuch von Emil Oberle

Die Europatour im Jahre 1921 war ein Wendepunkt in Bekirs Leben. Nach den Spielen in der Schweiz kam die Mannschaft nach Deutschland. Ihre erste Station war Karlsruhe. Dort brillierte Bekir im Spiel gegen den FC Phönix. Danach waren Frankfurt, Ludwigshafen und Köln an der Reihe. Die Mannschaft kehrte nach einer ermüdenden Tour, bei der sie in 45 Tagen 17 Städte besucht hatte, schließlich in die Heimat zurück. Aber in dem Zug, der nach Sirkeci fuhr, war der von Altınordu ausgeliehene Bekir nicht dabei. Er hatte sich bei einem Spiel in Hamburg verletzt und war für die medizinische Behandlung in Deutschland geblieben.

Im Krankenhaus besuchte ihn Emil Oberle, ein Spieler des FC Phönix, der in der Vergangenheit auch bei Galatasaray gespielt hatte. Der FC Phönix wollte Bekir verpflichten. Emil sagte zu ihm: „Beiß zwei Jahre lang die Zähne zusammen, danach kannst du nach Istanbul zurückkehren und dort mit dem Geld dein eigenes Geschäft eröffnen.“ Als Bekir Refet im Oktober 1921 den Vertrag unterschrieb, ging er nicht nur als der erste türkische Fußballspieler in Deutschland, sondern ebenfalls als der erste türkische Fußballprofi überhaupt in die Geschichte ein.

Bekir war vielleicht der erste der türkischen „Gastarbeiter“, die sich später mit einem unaufhörlichen Traum von der Heimkehr an ihrem Leben in Deutschland festhielten und dieses im Schatten des Traums in Deutschland fristeten. Zunächst heiratete er und bekam ein Kind. Seinem Sohn gab er den Namen seines Vaters sowie seines besten Freundes, mit dem er Jahre lang bei Fenerbahçe und Altınordu zusammengespielt hatte: Nuri. Später ließ sich Bekir von seiner Frau scheiden; Nuri blieb bei seiner Mutter. Bekirs Heimweh vermengte sich mit der Sehnsucht nach seinem Sohn, die letztendlich überwog. So blieb Bekir in Deutschland, während sein Sohn aufwuchs, um ihn wenigstens ein Mal die Woche sehen zu können, und seine Heimkehr musste für einige Zeit aufgeschoben werden.

Bekir besuchte 1924 und 1927 auf Einladung seines ehemaligen Vereins Fenerbahçe hin Istanbul, um gegen Slavia Prag zu spielen. Als er am 3. Juni 1927 seinen Fuß auf den Boden des Hauptbahnhofs in Sirkeci setzte, wurde er von seinen Freunden empfangen und direkt zum Taksim-Stadion gebracht. Als er auf der Ehrentribüne gesichtet wurde, brach in der Menge, die dem Spiel zwischen Galatasaray und Slavia beiwohnte – fast 5000 Zuschauer –, für die Fußballlegende ein stürmischer Beifall los. Bekir war nicht vergessen.

Die Gelb-Blauen gewannen gegen Slavia Prag, die damals unbesiegbare Mannschaft Europas, mit einem Kopfballtor Bekirs. Ein Sieg, der damals als eines der größten Ereignisse im türkischen Fußball angesehen wurde. Bei seinem vorerst letzten Besuch blieb Bekir fünf Monate in Istanbul und spielte in weiteren Freundschaftsspielen für Fenerbahçe. Bekir hatte Istanbul vermisst und wollte bleiben. Aber: In der Türkei war professioneller Fußball verboten. Als ihm die Erlaubnis, in seiner Heimat zu spielen, verweigert wurde, kehrte Bekir verbittert nach Deutschland zurück. Er war sauer auf die verantwortlichen des türkischen Fußballbunds. Fast 25 Jahre kehrte er nicht in sein Heimatland zurück.

Allerdings widerstand er aber auch den beharrlichen Bitten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er lebte weiter als ein einsamer Türke in Karlsruhe. Vielleicht entschied er sich auch deswegen für den Nachnamen Teker (Anm. d. Red. Einsamer Soldat auf Türkisch). Als er 1951 als Ehrengast des Türkischen Fußballbunds in sein Land kam, um dem Länderspiel zwischen der Türkei und Deutschland beizuwohnen, sprach er mit einem gebrochenen Türkisch zu den Zeitungen und erklärte sich mit dem Interesse der Jugendlichen zufrieden, die ihn zum ersten Mal gesehen hatten.

Der Fußballmigrant, der seine Karriere nach dem FC Phönix beim Karlsruher FV und dem FC Pforzheim fortsetzte, schaffte es, überall Publikumsliebling zu werden. Die Presse sprach davon, dass ein Türke in Deutschland Geschichte schrieb. Der Kicker machte den „Bomber“ sogar zur Titelstory. Er besaß alle Eigenschaften, die ein guter Fußballspieler brauchte. Wenn er den Ball am Fuß hatte, dribbelte er großer Geschwindigkeit, brachte die gegnerische Abwehr durcheinander, raubte mit seinen Toren den Zuschauern den Atem.

Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris schoss er im Spiel gegen die Tschechoslowakei als Kapitän die beiden Tore der türkischen Nationalmannschaft. Bei Olympia 1928 in Amsterdam, als die Türkei gegen Ägypten sieben Tore kassierte, kam der Ehrentreffer ebenfalls von Bekir. Nach seinem letzten Auftritt im Taksim-Stadion hatte Bekir in Karlsruhe ein Zeitungs- und Tabakgeschäft eröffnet, das seinen Namen trug.

Nachdem er mit dem Ende seiner Fußballkarriere im Alter von 38 Jahren als Einzelhändler ins Zeitungsgeschäft eingestiegen war, wurde er zum Zeitungsgroßhändler. Seine Geschäfte liefen bis zum Kriegsausbruch gut. Aber die Bombardierung Karlsruhes brachte sein Leben wieder durcheinander. Sein Kiosk war niedergebrannt und geplündert, die Kommunikation mit seiner Heimat völlig zusammengebrochen.

Zu dem Zeitpunkt berichteten türkische Medien sogar über Bekirs Tod. Der berühmte Sportmoderator Sait Çelebi brach sogar in Tränen aus, als er von Bekir erzählte, und es wurde berichtet, dass der damalige Außenminister, Şükrü Saraçoğlu, sich mit Deutschland in Verbindung setzte, um den Leichnam des legendären Fußballers abholen zu lassen. Nach der einwöchigen Trauer in der Sportwelt kam jedoch heraus, dass es sich um einen anderen Türken namens Bekir handelte, der in Deutschland gestorben war.

Der falsche Tod

Der „Bomber“ hatte Glück, er lebte. Aber unter den Verwundeten waren Freunde von ihm. Als er sie im Krankenhaus besuchte, konfrontierte das Leben ihn mit einer neuen Überraschung. Oberschwester Else und Bekir verliebten sich. Nach zwei Jahren Partnerschaft heirateten sie 1945. Else an seiner Seite zu haben, half Bekir dabei, über seine Einsamkeit hinwegzukommen.

Bekir, der finanziell schwer angeschlagen war, klammerte sich durch materielle sowie moralische Unterstützung seiner deutschen Frau wieder am Leben fest. Nach dem Kriegsende konnte er nach intensiven bürokratischen Auseinandersetzungen zusammen mit seiner Frau seinen Laden wieder eröffnen. Obwohl er sich danach sehnte, konnte er nach 1951 die Türkei nie wieder sehen.

Socrates Facebook

1959 beendete er seine Karriere als Inhaber eines Ladens, in dem neben Tabak und Zeitungen auch Magazine, Bücher und Sportartikel verkauft wurden, und ging in Rente. Danach führte er zusammen mit seiner Frau ein asketisches Leben in einer Wohnung in Ettlingen, nahm aber regelmäßig türkische Migranten auf, die allmählich nach Deutschland kamen.

Als er 1977 in einem Krankenhauszimmer seine letzte Reise antrat, stand die Frau an seinem Bett, mit der er die letzten 32 Jahre seines Lebens geteilt hatte. Sein Tod, diesmal handelte es sich um den „richtigen“ Bekir, löste in der Türkei wieder große Trauer aus. Selbst Jahre nach seiner Karriere noch wurde in türkischen Medien an Bekir Refet erinnert wie an einen Märchenhelden: „Wer war nun dieser Bekir? Hatte er wirklich gelebt? Ist es wahr, dass man sein linkes Bein festkettete, damit er die Torhüter nicht mit seinen erbarmungslosen Schüssen verletzte? Sind die Gerüchte, dass einer seiner Schüsse die Rippen eines Ochsen, ein anderer den Torpfosten brach, nur Märchen gewesen? (…) Für diejenigen, die jene Tage miterlebten, war Bekir ein legendärer Mann, der aus einer mythologischen Welt gekommen war.“

Bekir Refet war ein Held, um den zwei Mal getrauert wurde…

Sevecen Tunç

Das könnte Sie auch interessieren

  • Ada Hegeberg spricht bei SOCRATESAda Hegerberg: „Ich bin keine Frau, die Fußball spielt“7. Juni 2019 - 13:06

    Ada Hegerberg ist erst 23 und aktuell die beste Fußballerin der Welt. Was sie zum Thema Gleichberechtigung, zum Sexismus-Eklat von Paris und ihrem Rücktritt aus der Nationalmannschaft zu sagen hat, verrät sie im Exklusiv-Interview. Ada Hegerberg, im vergangenen Dezember gewannen Sie den erstmals an eine Frau vergebenen Ballon d’Or als weltbeste Spielerin. Wie haben Sie […]

  • Gesetzt bei Chelsea und Frankreich: N'Golo KanteN’Golo Kante: „Ich hatte beim Rugby keine Angst“29. Mai 2019 - 16:25

    Er wollte Forscher werden, jobbte als Buchhalter, heute ist N’Golo Kante einer der besten Mittelfeldspieler der Welt. Dabei hatte es der Superstar des FC Chelsea nie einfach. Ein ehrliches Interview mit einer ehrlichen Haut. Herr Kanté, Sie gelten als einer der weltweit besten und laufstärksten „Box-to-Box-Spieler“. Aber hatten Sie auch Vorbilder und Spieler, von denen […]

  • Javi Martinez schreibt für das Socrates MagazinJavi Martinez Kolumne #1: Dem Himmel entgegen29. Mai 2019 - 14:46

    Bayern-Star Javi Martínez gewährt in seiner Kolumne einen Einblick in seine Zeit als Kind und Jugendlicher. So leicht es war, auf dem Fahrrad das Glück zu erfahren, so schwer fiel der Verzicht auf Partys. Aber der Spanier ordnete alles seinem Traum unter. Von Javi Martínez Ich möchte euch auf eine Reise mitnehmen. Auf eine Reise […]

  • Felix Magath: „Nicht Superman. Profi!“23. Mai 2019 - 15:55

    An Felix Magath kleben viele Vorurteile, doch der 65 Jahre alte Fußballtrainer hält wenig davon. Er liebt seinen Sport und spricht darüber, wie er sich den Fußball vorstellt und wer ihn vom Rasenmähen abhält. In dieser Ausgabe sprechen u.a. auch Mick Schumacher und Eden Hazard. Felix Magath: Die Sache mit dem Mittelmaß Felix Magath war […]

  • Die Ravensburg Towerstars sind Meister in der DEL2DEL2: Ravensburg Towerstars holen den Titel29. April 2019 - 12:20

    Es ist vollbracht: Die Ravensburg Towerstars küren sich in der DEL2, der zweitgrößten Eishockey-Liga Deutschlands, zum Meister. In der Finalserie setzen sich die Ravensburger gegen Frankfurt durch. Am Ende wurde es dann doch deutlich: Mit 5:1 fegten die Ravensburg Towerstars die Löwen Frankfurt vom Platz. Es war der entscheidende vierte Sieg im sechsten Spiel für […]

,

Serge Gnabry: „Offen für Vieles“

Nationalspieler Serge Gnabry profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Ein klarer Plan brachte ihn von London über Bremen und Hoffenheim zum FC Bayern. Dort ist der 23-Jährige nun der Mann für alle Schnauzer. Bei Socrates spricht er aber nicht nur darüber.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Serge Gnabry, googlen Sie Ihren Namen?

Klar, das habe ich zu Beginn meiner Karriere schon gemacht. Da wollte ich wissen, was im Internet über mich geschrieben steht. Aber ich bin jetzt nicht so ein Computerfreak, dass ich wüsste, wie viele Treffer es zu meinem Namen gibt.

Es sind über 1,2 Millionen.

Das ist viel.

In der Tat. Wie wichtig ist Ihnen Popularität?

Im Fußballbusiness stehst du in der Öffentlichkeit, ob du willst oder nicht. Das akzeptiere ich und begreife es als Teil meines Jobs. Privat versuche ich, alles etwas ruhiger zu gestalten. Das tut mir persönlich gut. Ich sitze nicht daheim und denke darüber nach, wie populär ich möglicherweise bin.

Denken Sie daheim über Frisuren nach? In der Bildersuche tauchen Sie mit auffällig vielen Looks auf.

Es gefällt mir auf jeden Fall, immer mal wieder etwas zu verändern. Ich bin bei meiner Optik gerne kreativ und offen für vieles. Bei mir wachsen die Haare relativ schnell nach, weswegen ich bei dem Thema auch sehr entspannt bin. Bevor ich zu diesem Interview gekommen bin, habe ich meinen Bart verändert, jetzt trage ich Schnauzer. Daran ist Joshua Kimmich übrigens nicht ganz unschuldig.

Erzählen Sie.

Sagen wir es mal so: Ich hatte Joshua stark bearbeitet, dass er sich einen Schnauzer schneidet. Dann klopfte es irgendwann im Mannschaftshotel an meiner Zimmertür. Joshua stand mit unschlüssigem Gesicht und einem Schnauzer vor mir. Ich musste lachen und sagte spontan: „Wenn du ihn stehen lässt, bin ich der nächste, der einen Schnauzer hat.“ Ich hoffe, dass noch einige von den anderen Jungs uns barttechnisch folgen werden. Sandro Wagner habe ich den Schnauzer bereits wärmstens empfohlen. Der braucht allerdings noch Bedenkzeit.

Hol dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro

Zurück zu Ihren Haaren. Stehen Frisuren bei Ihnen für Lebensabschnitte?

Ich hatte wirklich schon viele. Mal die Haare hoch, dann ganz kurz wie jetzt. Einmal hatte ich auch einen blonden Streifen. Aber damals war ich 17 – also why not? Meistens kommen die Anstöße für Frisuren von Freunden. Ich ziehe es dann durch. Sie stehen eher für eine Laune als für Lebensabschnitte.

Inwiefern haben sich nicht nur Optik, sondern auch Träume verändert?

Ich trage tatsächlich immer noch die gleichen Träume in mir wie damals mit 16, als ich zum FC Arsenal ging. Das war sicherlich ein sehr gewagter Schritt zu dem Zeitpunkt. Aber schon damals wollte ich auf dem höchsten Level Fußball spielen und Titel gewinnen. Und das will ich noch immer.

In London arbeiteten Sie unter Arsène Wenger. Was von ihm ist Ihnen besonders im Kopf geblieben?

Arsène Wenger ist ein sehr beobachtender Typ. Ich fand sehr bemerkenswert, dass er jedem Spieler viel Freiheit gegeben hat. Und dass er den Spielern auch viel Verantwortung übertragen hat. Dadurch ergab sich für jeden die Möglichkeit, auch als Person zu wachsen. Das hat meine Entwicklung ganz sicher positiv beeinflusst.

Insgesamt verbrachten Sie vier Jahre in England. Inwiefern hat Sie die Zeit im Ausland verändert?

Allein der Schritt ins Ausland war damals ein Riesending. Man lässt Familie und Freunde zu Hause, kommt in ein neues Land, trifft auf eine neue Kultur. Man lernt, sich zu adaptieren, mit einer anfangs ungewohnten Situation zurechtzukommen. Es war sicher nicht immer easy. Gerade die Zeit von 16 bis 20 oder 21 ist vielleicht die Zeit, in der du als heranwachsender Mann alles erleben willst. Dass ich das in London erleben durfte, hat mir auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel gegeben.

Auch familiär profitieren Sie von unterschiedlichen Perspektiven. Ihr Vater stammt aus der Elfenbeinküste, Ihre Mutter aus Schwaben. Sind Sie froh, nicht eindimensional aufgewachsen zu sein, sondern Vielfalt zu verkörpern?

Ich sehe in dieser Vielfalt tatsächlich nur Vorteile. Je mehr du von der Welt mitbekommst, je mehr Erfahrungen du machst, desto mehr hast du die Möglichkeiten zu vergleichen, Dinge anders einzuordnen.

Sind Sie mehr Ivorer oder mehr Schwabe?

Der Schwabe spart.

Trifft das auf Ihre Mutter zu?

Ja. Das kriegst du aus ihr nicht raus.

Und, haben Sie die Sparsamkeit von ihr übernommen?

Teils, teils. Ich habe zum Glück von beiden Seiten etwas mitbekommen. Die Sparsamkeit und die typisch deutschen Tugenden von meiner Mutter. Und von meinem Vater das Lebhafte, den Spaß, den Genuss und die Freude an afrikanischer Musik. Ich weiß gar nicht, wie die beiden sich gefunden haben. (lacht)

Zeichnet Sie diese bunte Mischung auch als Fußballer aus?

Es fällt mir in der der Tat schwer, mich als Fußballer klar einem bestimmten Spielstil zuzuordnen. Nur Fußball zu arbeiten, das trifft auf mich nicht zu. Ich muss ihn auch leben können.

Welcher Gedanke treibt Sie konkret an?

Am wichtigsten ist mir, Freude an dem zu haben, was ich tue. Und die Zeit zu genießen, so lange ich gesund bin. Ich habe das Glück, dass der Fußball dafür sehr gute Rahmenbedingungen bietet, um viel Freude an seinem Beruf zu entwickeln.

Geht das im harten Fußballgeschäft überhaupt: immer Spaß zu haben?

Das geht schon. Klar, du musst mit Dingen wie Ergebnisdruck und Medienpräsenz zurechtkommen. Aber wenn du dir vor Augen führst, was dir da ermöglicht wird, musst du doch gute Laune haben: einfach Fußball spielen zu dürfen. Das war früher mein Hobby, meine Leidenschaft. Jetzt ist genau das mein Beruf. Dann muss das doch Spaß machen.

Bis Sie nach Ihren ersten beiden A-Länderspielen 2016 wieder von Jogi Löw für die Nationalmannschaft berufen worden sind, verging viel Zeit. Schoss Ihnen da im Vorfeld der WM mal die Frage durch den Kopf: Warum nominiert Jogi Löw mich nicht, der braucht mich doch?

Deutschland hat genug gute Spieler. Ich denke, ich habe auch vergangene Saison gute Leistungen gezeigt, war in einer guten Verfassung. Leider wurde ich dann durch die Verletzung gestoppt. Jetzt bin ich froh, wieder fit zu sein und auch für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Hat Deutschland seit dem Gruppenaus bei der WM seinen Top-Team-Status verloren?

Das sehe ich nicht so. Es gab auch andere Weltmeister, die ebenfalls früh beim nächsten Turnier die Heimreise antreten mussten. Und trotz der sicherlich nicht perfekten Ergebnisse in der Nations League kann ich nicht erkennen, dass die Nationalmannschaft an sportlicher Wertigkeit verloren hat. Ich denke, andere Nationen haben nach wie vor großen Respekt vor uns, weil jeder weiß, wie gefährlich Deutschland ist. Und das werden in Zukunft ganz sicher auch die Ergebnisse wieder belegen.

Bis Sie beim FC Bayern durchstarten konnten, dauerte es aufgrund Ihrer im Sommer noch nicht vollständig auskurierten Verletzung ebenfalls. Ist Geduld eine Stärke oder Schwäche von Ihnen?

Eine Schwäche. Als Fußballer willst du spielen. Das kann jeder der Jungs unterschreiben. Da Geduld aufzubringen, ist innerlich am schwersten. Äußerlich geht das. Man ringt in so einer Phase mit sich selbst: Man weiß zwar, dass es nicht geht, jedes Spiel zu machen und sein Ego über das Team zu stellen. Aber man will trotzdem auf den Platz. Du versuchst dann einfach, jedes Training Gas zu geben. Es bringt ja nichts, eine beleidigte Miene zu schieben. Aber ganz ehrlich: Nicht zu spielen, das ist mit das Schlimmste für einen Fußballer.

Gab es im Zuge Ihres Bayern-Wechsels Zweifel, ob Sie eine echte Chance haben, solange Arjen Robben und Franck Ribéry noch spielen?

Ich war relativ jung, als Franck bereits bei Bayern wirbelte. Da saß ich teilweise vor dem Fernseher und staunte. Mir war jedoch immer klar, dass eine Mannschaft, die in drei Wettbewerben vertreten ist, mehr als nur zwei Außenspieler benötigt. Und jeder von uns Flügelspielern geht mit dem gleichen Ehrgeiz an die Sache ran und will spielen. Im sportlichen Sinne ist es meine Konkurrenz. Aber ich bin auch ihre. Da spielt Alter keine Rolle.

Arjen Robben lobt Sie als „Freund im Fitnessraum“.

Das ist ein schönes Kompliment. Aber Arjen verbringt dort immer noch etwas mehr Zeit als ich. Er hat ein sehr straffes Programm. Ich habe mein eigenes. Aber es gibt auch viele andere Jungs, die im Kraftraum gut dabei sind.

Welche?

Meine beiden Schnauzer- Freunde zum Beispiel: Joshua und Sandro. Gerade von Sandro haben einige Menschen möglicherweise ein falsches Bild. Er ist einer der ehrgeizigsten Spieler, die ich kenne. Einer, der auch im Gym immer alles gibt.

Kommt da bei Ihnen im Fitnessraum wieder die Mutter durch – auch außerhalb des Rasens sehr hart für den Erfolg arbeiten zu müssen?

Das ist sehr gut formuliert. In der Frage steckt viel Wahrheit drin. Ich möchte damit nicht sagen, dass mein Vater nicht auch hart arbeitet. Aber als kreativer Offensivspieler bist du von der Körpersprache zumeist ein bisschen lockerer als ein Verteidiger oder ein Defensiver wie Joshua. Diese Lockerheit empfinde ich im Spiel, da bin ich etwas mehr mein Vater. Im harten Trainingsalltag profitiere ich von den Eigenschaften meiner Mutter.

Sie haben vor geraumer Zeit James Harden von den Houston Rockets imitiert, indem Sie nach geschossenen Toren einen Koch mimten. Nach dem Motto: „Wer viele Punkte macht, ist der Chefkoch.“ Wo ist gerade Ihr Platz in der Bayern-Küche?

Regelmäßig auf dem Platz, hoffe ich.

Kochen Sie zu Hause?

Ich bin kein wirklich guter Koch. Ab und zu probiere ich mich an einem Gericht. Aber das ist ein Platz, an dem ich mich eher zurückhalte.

Der Schwabe geht essen?

Durchaus gerne. Aber wenn ich das zu oft mache, beschwert sich meine Mutter. Sie mahnt mich dann an, doch auch mal die Reste daheim zu essen.

Zurück zur Bundesliga-Küche: Wird die Meisterschaft in Ihrer ersten Bayern-Saison schwerer als erwartet?

Ein seriöses Urteil kann man da nicht fällen. Aber die Überzeugung, dass wir auch in dieser Saison Meister werden, ist zu 100 Prozent da. Die trage ich in mir. Und der Wille, ganz oben zu stehen, ist bei jedem einzelnen von uns jeden Tag spürbar. Der FC Bayern hat nach wie vor die Chance, Meister zu werden.

Sie haben bereits unter vielen großen Trainern gearbeitet: Wenger, Nagelsmann, Löw, jetzt Kovač. Müssen Fußballer heute vielfältig sein, um zu „überleben“?

Ich kann es nur für mich beurteilen: Die vielfältige Ausbildung hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Die vielen Trainer haben einen ähnlichen Einfluss wie die vielen Stationen: Wenn du vieles erlebst, bist du für vieles offen. Du lernst, zu adaptieren. Jeder Trainer hat seine Philosophie, seine persönliche Art. Beispielsweise ist die Schule Nagelsmann sehr technisch, bei Arsenal war sehr viel auf Ballbesitz ausgerichtet, sehr viel auf One-Touch.

Inwiefern war der Weg von London über Bremen und Hoffenheim nach München eigentlich geplant?

Ich hatte bei meinem Weg zum Glück wirklich genug Möglichkeiten, die eine Entscheidung notwendig machten. Am Ende waren die genannten Vereine genau die Klubs, zu denen ich zum jeweiligen Zeitpunkt wollte. Anfangs war für mich wichtig, viel Spielzeit in der Bundesliga zu erhalten, mich in einem ruhigen Umfeld unaufgeregt weiterentwickeln zu können. Dafür war Bremen eine perfekte Station. In Hoffenheim ging es dann viel um das Fußballerische, um das Lernen. Es war eine Art Vorbereitung auf den größtmöglichen Schritt in Deutschland, dem Schritt zum FC Bayern. Und hier spiele ich nun auf internationalem Top-Niveau, auf dem ich mich jeden Tag beweisen muss.

Ihr Weg zum FC Bayern war also kein Zufall.

Das war der Plan. Und ich denke, mein Plan ist bis jetzt aufgegangen.

Bei Ihrer Vorstellung in München wurde zunächst allerdings mehr über Ihr rot-weiß gestreiftes Oberteil statt über Ihr Fußballkönnen diskutiert. Sind wir Deutschen manchmal zu eindimensional?

Den einen interessiert es, den anderen nicht. Dass das zu einem Thema in der Öffentlichkeit wurde, war meines Erachtens etwas übertrieben. Geärgert habe ich mich darüber aber nicht. Ich bin immer noch überzeugt von dem Polo. Ich finde, es sieht klasse aus.

Ist es Ihnen wichtig, was die Menschen über Sie denken?

Du willst als Mensch nie schlecht dastehen. Ich auch nicht. Abgesehen davon ist mir bewusst, dass Menschen verschiedene Meinungen zu Personen haben, die in der Öffentlichkeit stehen. Wenn ich mir über jede einzelne Meinung Gedanken mache, kann das schnell schiefgehen. Generell bin ich aber jemand, der an Menschen sehr interessiert ist.

Das belegt Ihr Engagement für die Initiative „Common Goal“. Sie gehören zu den Sportlern, die ein Prozent Ihres Gehaltes für soziale Zwecke spenden. Warum?

Erstens: Ich bin so erzogen worden, dass man teilt. Zweitens: Der Fußball ermöglicht dir, viele Länder zu bereisen. Und wenn du auf diesen Reisen mal nach rechts und links blickst, wird dir bewusst, dass es anderen Menschen wesentlich schlechter geht. Und drittens: Durch die Herkunft meines Vaters habe ich natürlich einen engen Bezug zu Afrika. Dort zu sein, öffnet mir jedes Mal nicht nur die Augen, sondern macht mich auch betroffen. Weil ein Teil meiner Familie dort eben unter völlig anderen Bedingungen lebt. Und obwohl sie wenig haben, versprühen trotzdem alle gute Laune, sind extrem hilfsbereit. Da schaust du dich um und denkst: ‚Wow!‘

Wie oft bekommen Sie ein persönliches „Wow“ von Ihrem Freund Per Mertesacker zu hören?

Ein „Wow“ von Per? Von ihm gibt es immer nur Feuer, immer Kritik. Er möchte, dass ich das Bestmögliche aus mir heraushole. Er steht für mich exemplarisch für die deutschen Tugenden: Immer arbeiten, immer versuchen, alles zu geben. Zu sehen, wie er arbeitet und den Fußball lebt, hat mich ebenfalls ein Stück geprägt.

Per wäre also eine gute Mutter.

Ich würde eher sagen, ein anstrengender Vater.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

,

Rudi Völler im Exklusiv-Interview: „Geschichte bleibt hängen“

Rudi Völler ist Weltmeister, Champions-League-Sieger und Fußballidol. Aber auch Liebhaber des Souls, Verehrer von Ali und Freund des persönlichen Gesprächs. Zudem Familienvater, den die Liebe seiner Tochter auf die Probe stellt. Das Gespräch mit einer lebenden Legende.

Der Artikel erschien in Ausgabe #21

Der Artikel erschien in Ausgabe #21

Es gibt nur einen…?

Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?

36.

Von Leuten Ihrer Generation werde ich oft auf die Vergangenheit angesprochen. Da fallen die Namen Klinsmann, Matthäus, Brehme und Völler. Selbst im Ausland. Im Mai hatte mich das Präsidium des AS Rom zum Champions-League-Halbfinalrückspiel gegen Liverpool eingeladen. Als ich vom Parkplatz zum Stadion ging, kamen viele Menschen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf mich zu, riefen: „Rudi, Rudi. Ach, war das schön, als du noch hier gespielt hast.“

Es gibt eben nur einen…

Ja, ich weiß schon, worauf Sie hinaus möchten. Einen Rudi Völler.

Der dank der Gruppe La Rocca 2002 zum Partykracher avancierte.

Natürlich freut es mich, dass es einen Song über mich gibt. Aber nach der WM 2002 nahm das Ganze eine Zeit lang kaum auszuhaltende Formen an. Egal, zu welcher Veranstaltung ich kam – irgendeiner drückte auf den Knopf, damit alle das Lied hören und mitgrölen konnten. Daraufhin gab es ein Verbot von mir. Ich sagte: „Passt auf, ich komme zu euch. Aber nur, wenn ihr den Song sein lasst.“ Die Leute fragten dann beinahe entsetzt nach: „Warum denn, Herr Völler?“ Ich antwortete dann nur: „Nee, nee. Ich kann das nicht mehr hören.“ Aber jetzt ist es wieder okay, gelegentlich kann ich es bei öffentlichen Auftritten wieder tolerieren.

Was hören Sie denn privat?

Ich bin ein Kind der 1960er, 70er Jahre und der amerikanischen Kasernen, die nach dem Krieg über Jahrzehnte das Stadtbild und Lebensgefühl in Hanau stark beeinflusst haben. Die amerikanische Musik, der Soul, hat mich geprägt. Ich bin mit den Temptations aufgewachsen. Die kennen meine fünf Kinder, die alle zwischen 20 und 30 sind, gar nicht. Sie protestieren immer lautstark, wenn die Temptations bei mir im Auto laufen. Aber in meinem Auto bestimme ich die Lieder.

Sie bewahren sich den Soul.

Der ist und bleibt ein Teil von mir, ja. Es muss aber auch nicht immer Soul sein. Auch den Rock und Pop der 70er, 80er Jahre höre ich gerne. Aber nicht den Käse, der bei unseren Spielern hier und in anderen Vereinen in der Kabine läuft. (schmunzelt) Hip-Hop oder Rap – das geht für mich gar nicht.

Hole dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro

Wenn über einen ein Lied geschrieben wurde, das bis heute jedes Kind kennt, fällt es dann leichter, sich als Legende wahrzunehmen?

Legende – das ist schon ein gewichtiger Begriff. Ich soll eine sein, weil ich ein bisschen Fußball gespielt habe? Das ist mir einen Tick zu hoch gegriffen. Ich sehe es so: Eine Legende wirst du irgendwann aus Altersgründen. Je älter du wirst, desto größer werden die Ehrungen.

Wer ist Ihre Legende?

Der größte aller Zeiten – logischerweise Muhammad Ali. Er ist für mich immer auch eine Erinnerung an meinen Vater. Ali-Kämpfe haben unser Vater-Sohn-Verhältnis geprägt. Anfang der 70er hat mich mein Vater trotz starker Widerworte meiner Mutter nachts geweckt, um gemeinsam mit mir Ali im Fernsehen zu schauen. Obwohl ich dann morgens zur Schule musste. Das werde ich nie vergessen.

Fehlen solche Lebensmomente in der Gegenwart?

Es war damals einfach eine andere Zeit. Heute für irgendeinen Boxkampf nachts aufzustehen, für Boxer, deren Namen mir meist gar nichts sagen, ist nicht mehr vorstellbar. Früher haben wir alle Ali nachgeeifert oder auch Gerd Müller, der für mich ebenfalls eine Legende ist.

Weil?

Als er mit Deutschland 1974 Weltmeister wurde, war ich ein 14-jähriger Bub. Nach dem Endspiel sind wir Kinder alle sofort runter auf den Fußballplatz gerannt – und jeder wollte Gerd Müller sein. Nicht umsonst stellen alle Bayern-Verantwortlichen noch heute heraus, dass Gerd Müller einen ganz entscheidenden Anteil am Aufstieg und Erfolg des FC Bayern hat. Er hat eben die meisten Dinger reingehauen. Und das zählt im Fußball.

Der deutsche Fußball zählt seit 2006 auf Jogi Löw als Bundestrainer. Erreicht er, wie Sie, Legendenstatus?

Lassen Sie mich an dieser Stelle eines meiner Lieblingsbeispiele anbringen: Wenn du heute Deutscher Meister wirst, ist das schön. Das feierst du zwei Tage. Danach kommt die Pause, der Urlaub, die neue Saison und dann ist dieser Titel schon fast wieder vergessen. Weltmeister gibt’s zwar auch neue, aber eben nur alle vier Jahre. Den Weltmeistertitel trägst du für immer. Und Jogi hat ihn als Trainer ja bereits gewonnen. Damit geht er in die Geschichte ein.

Haben Sie in den zwölf Jahren eine Veränderung bei Löw wahrgenommen?

Auf ihm lastete in den vergangenen Jahren ein immenser Druck. Weil von allen Seiten gesagt wurde, dass wir unwahrscheinliches Potenzial haben, so viele starke Talente wie nie zuvor. Jogi war dennoch schon vor dem WM-Erfolg 2014 ein ruhiger, angenehmer und immer freundlicher Zeitgenosse. Aber mit welcher Gelassenheit er seitdem sein Ding durchzieht und trotz des Erfolgs so angenehm bescheiden bleibt, ist beeindruckend. Das macht ihn noch sympathischer und tut Deutschland unheimlich gut.

Auch Sie haben die deutsche Nationalmannschaft als Teamchef von 2000 bis 2004 geprägt und formten die Mannschaft 2002 zum Vize-Weltmeister, nachdem Sie 1990 den WM-Titel als Spieler gewonnen hatten. Fehlt Ihnen dennoch etwas in Ihrer Karriere, zum Beispiel ein Deutscher Meistertitel?

Ich bin nicht mit Deutschen Meisterschaften gesegnet gewesen, das stimmt. (lacht) Dafür habe ich die richtig wichtigen Titel gewonnen: die Weltmeisterschaft und 1993 auch die Champions League mit Olympique Marseille. Diese Erfolge würde ich nicht eintauschen wollen. Als Vereinsspieler hängen nationale Titel wesentlich davon ab, bei welchem Klub du gerade bist. Wenn du bei Bayern München einen Fünfjahresvertrag unterschreibst, wirst du mindestens viermal Deutscher Meister, meistens sogar fünfmal. Ob du willst oder nicht. Du kannst es nicht verhindern. Du wirst es. Das hört sich vielleicht etwas abfällig an.

In der Tat.

So ist es aber nicht gemeint. Das wissen auch die Bayern. Ich finde nur, dass die Meisterschaften der Bayern aus den 80er und 90er Jahren wesentlich höher einzuschätzen sind als ihre heutigen, weil damals die Konkurrenz einfach größer und wirtschaftlich zum Teil noch auf Augenhöhe war. Aktuell sind die Bayern so weit entfernt vom Rest der Liga, dass ihre vielen Meisterschaften der vergangenen Jahre etwas an Wert verloren haben. Und trotzdem muss man vor einer Sache ohne Neid einfach den Hut ziehen.

Vor welcher?

Dass die Bayern mit dem vielen Geld relativ wenig Fehler machen. Es gibt Klubs, vor allem in England, die geben noch mehr aus, machen aber deutlich mehr Fehler. Klar, auch bei Bayern gibt es mal einen Spieler, der nicht einschlägt – das Problem kennen alle Klubs –, aber im Großen und Ganzen sind die Münchner vorbildlich, wenn es darum geht, die richtigen Spieler für eine funktionierende Mannschaft zu verpflichten.

Zurück zu Ihnen. Auf was hätten Sie in Ihrer Karriere gerne verzichtet: die Spuckattacke von Frank Rijkaard oder den Weißbier-Spruch an Waldemar Hartmann?

Darf ich ein bisschen ausholen?

Bitte.

Ich habe vier Weltmeisterschaften für Deutschland mitgemacht, drei als Spieler, eine als Trainer. Dreimal stand ich dabei im Finale. Ich bin hier Fußballer des Jahres geworden und Torschützenkönig. Doch egal, wo ich im deutschsprachigen Raum auch hinkomme, werde ich immer zuerst auf die Nummer mit Waldi angesprochen.

Ein legendärer TV-Moment.

Mit dem ich gut leben kann. Was schwieriger für mich ist, ist die private Situation einer meiner beiden Töchter. Sie hat im Griechenland-Urlaub vor fünf Jahren leider einen total sympathischen Australier kennengelernt und hat sich in ihn verliebt – jetzt lebt sie in Melbourne. Ich sage immer: Mir wäre lieber gewesen, sie hätte einen Mann aus Köln-Nippes kennengelernt. Aber die Liebe hat Australien gewählt, weshalb meine Frau und ich zumindest einmal im Jahr dorthin fliegen. Und jetzt kommen wir auch zurück zu Rijkaard.

Nur zu.

Zuletzt waren wir an Weihnachten in Australien, um unsere Tochter zu besuchen. Wir übernachteten im Hotel. Und was machst du, wenn du da mal ein bisschen Pause hast? Klar, du fährst morgens mal in die Innenstadt. Wir nahmen uns also ein Taxi. Und es dauerte keine halbe Minute, da drehte sich der Taxifahrer um und sagte auf Englisch: „How was it with Rijkaard 1990? Are you friends now?“ Was ich damit sagen will: Diese Geschichte bleibt hängen. Sie ist in den Köpfen einer ganzen Generation hängen geblieben. Sie ging um die Welt. Egal, wo ich hinkomme: Es geht nicht darum, ob es im Finale ein Elfmeter war, ob ich wirklich gefoult worden bin oder nicht. Es geht nur um Rijkaard. Diese Nummer wird mich ein Leben lang verfolgen.

Und macht sie Ihnen zu schaffen?

Was Rijkaard getan hat, war natürlich nicht in Ordnung. Aber das hätte ich ganz schnell wieder abgehakt, wir haben uns ja später dann auch vertragen. Was mir wirklich zu schaffen machte, ist die Tatsache, dass der argentinische Schiedsrichter Juan Carlos Loustau mich damals vom Platz gestellt hat. Er ist ja mittlerweile verstorben und hat diese Geschichte mit ins Grab genommen. Ich kann mir die Rote Karte gegen mich bis heute nur so erklären, dass so viel Hass in diesem Spiel steckte, dass der Schiedsrichter sich dachte: ‚Ich stell jetzt einfach beide vom Platz und dann ist Ruhe.‘

Zumindest diese Einschätzung war korrekt.

Ja, dann war Ruhe. Und ich war fertig. In diesem Moment brach eine Welt für mich zusammen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht, dass es ein Happy End geben würde. Mit diesem Platzverweis 1990 im Achtelfinale umzugehen, war viel schlimmer als die Spuckerei von Rijkaard.

Herr Völler, wir haben in Deutschland eine große Stürmer-Tradition. Warum fehlen uns aktuell diese Tor-Typen?

Das ist kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Obwohl ich anmerken muss, dass ich auch nie der ganz klassische Mittelstürmer war wie Karl-Heinz Riedle oder Jürgen Klinsmann. In jungen Jahren habe ich bei Kickers Offenbach und 1860 München als Linksaußen angefangen. Später gab es dann diese Position kaum mehr, weil zumeist mit zwei Spitzen gespielt wurde. Ich konnte diese Position spielen, aber bin auch weiterhin gerne über den Flügel gekommen, habe gerne die Tore vorbereitet.

Und trotzdem haben Sie selbst auch zahlreiche Tore gemacht.

Ja, die Buden sind mir auch gelungen. Es war einfach eine andere Generation an Spielertypen. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass mir der heutige Spielstil – ohne diesen klassischen Mittelstürmer – zugutegekommen wäre. Ich hätte vorne alle Positionen bekleiden können.

Müssen wir uns damit abfinden, dass der klassische Stürmer ausstirbt?

Ich bin mir sicher: Es wird den einen oder anderen klassischen Stoßstürmer auch in Zukunft geben. Doch der Spielstil hat sich generell verändert. Jetzt erzielen Typen die Tore, die viel mehr von ihrer enormen Geschwindigkeit und ihrem starken Tempodribbling leben. Typen wie Messi, Ronaldo, Reus und Brandt. Im modernen Fußball ist die Ballan- und mitnahme in höchster Geschwindigkeit das A und O. Darunter leiden so ein wenig Spieler wie Gómez oder Wagner, die noch diese Eigenschaften eines klassischen Stürmers in sich tragen. Auch bei Stefan Kießling war in seinen letzten Jahren als aktiver Spieler zu beobachten, dass er langsam an seine Grenzen kam.

Folgerichtig beendete er am Saisonende seine Karriere. Trauen Sie Kießling in Leverkusen einen ähnlichen Weg wie Miro Klose zu, der seine Erfahrungen ab der kommenden Saison beim FC Bayern als Trainer der U17 an die Jugend weitergibt?

Stefan Kießling wird in irgendeiner Form bei uns weitermachen. Er ist nicht nur ein verdienter Spieler von Bayer 04 Leverkusen. Er ist eine Klublegende wie Ulf Kirsten. Es ist unsere Aufgabe, die Spieler, die so viel für den Klub geleistet haben, hier zu halten und an den Klub zu binden – auch in dieser Hinsicht arbeitet Bayern München vorbildlich.

Weil Identifikation ein wichtiger Bestandteil der Faszination Fußball ist?

Es darf kein reiner Aktionismus sein. Nur Identifikation reicht auch nicht. Der Spieler muss schon Potenzial für eine andere Aufgabe mitbringen. Und er muss auch wollen. Aber da bin ich bei Stefan optimistisch. Ich blicke bei diesen Entscheidungen auch immer auf mich. Ich bin jetzt 58 Jahre alt. Natürlich möchte ich noch ein paar Jährchen hier weitermachen, diese Position jedoch nicht bis in alle Ewigkeit bekleiden. Es beginnt langsam die Zeit, sich nach potenziellen Nachfolgern umzuschauen und diesen die Möglichkeit zu geben, sich ohne Druck einarbeiten und die Abläufe auf der anderen Seite des Platzes kennenlernen zu können.

Sie fingen nach Ihrer Spielerkarriere 1996 als Sportdirektor bei Bayer Leverkusen an.

Reiner Calmund war damals noch da, Wolfgang Holzhäuser kam dazu. Ich habe den beiden in meinen Anfangsjahren ein bisschen über die Schulter schauen dürfen. Für mich war das ideal. Und als ich dann nach vier Jahren merkte: So, Rudi, jetzt kannst du ein bisschen mehr – bin ich plötzlich Bundestrainer geworden. (lacht)

Ihr Weg führte Sie nach einem kurzen Abstecher nach Rom dennoch zurück nach Leverkusen. Bleibt Bayer der letzte Verein in Ihrem Lebenslauf?

Es ist für mich überhaupt kein Thema mehr, noch mal ein anderes Abenteuer einzugehen. Ich habe in all den Jahren eine wunderbare, angenehme Nähe zum Klub entwickelt. Deswegen wird Leverkusen auch meine letzte Station sein, das ist für mich zu 100 Prozent klar.

Wie schwierig ist es, für alle Deutschen Liebling Rudi, für die eigenen Spieler aber Respektsperson zu sein?

Wenn du so einen Vornamen hast wie ich, dann bist du eben für alle der Rudi. Daran habe ich mich gewöhnt. Die etwas älteren Spieler hier in Leverkusen duzen mich, die etwas jüngeren Spieler siezen mich. Im Grunde versuche ich auch intern, der Kumpeltyp zu sein. Aber wer mich kennt, der weiß: Ich kann auch anders. Nicht nur mit Waldi oder den Medien. Auch mit meinen Spielern. Wenn ich das Gefühl habe: Jetzt muss ich mal dazwischenhauen, dann mache ich das.

Erlauben Sie sich auch, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben?

Natürlich mache ich das mal, ja. Aber nicht so verrückt, wie es meine fünf Kinder oder auch unsere Spieler hier tun. Da geht manchmal so die Post ab bei diesen Nachrichten, dass ich nur noch den Kopf schüttele. Es ist doch klar, dass ich auch mal eine SMS schreibe und auch Mails. Das gehört zum Job dazu. Aber zu meinem Leben gehören dann doch eher andere Dinge.

Welche sind das?

Ich liebe das persönliche Gespräch. Kaffee zu trinken und zu reden – wie wir es jetzt gerade tun. Wir hätten uns ja auch am Telefon unterhalten können. So ticke ich auch innerbetrieblich. Da sage ich gelegentlich zu Kollegen: „Du schickst mir hier jetzt eine Mail. Komm doch einfach rüber in mein Büro, auch wenn du vielleicht drei Minuten warten musst, weil noch jemand drinsitzt. Lass uns kurz darüber reden, das ist doch viel persönlicher.“ Ich finde, dass eine Mail manchmal missverstanden werden kann, wenn man sie liest. Gerade schwierige Themen kommen geschrieben oft zu negativ, zu kritisch rüber. Wenn man redet, transportiert man Inhalte viel angenehmer. Selbst wenn man kontrovers diskutieren muss. Ich rede daher am liebsten über Dinge.

Dann lassen Sie uns über die Zukunft des Fußballs reden. 1990 erlebten Sie die WM noch mit 24 Teams, jetzt spielen 32 Teams um den Titel. Ab 2026 werden es 48 Mannschaften sein. Ist der Fußball ohne Limit ausreizbar?

Dass das Rad überdreht wird, ist für mich eine Phrase, die im Fußball schon seit 30 Jahren benutzt wird. Es ist schwer zu sagen. Wenn uns vor zehn Jahren einer gesagt hätte, dass es in Zukunft einen Videoschiedsrichter und die Torlinientechnik gibt, hätte das auch keiner geglaubt. Aber keine dieser Neuerungen wird den Fußball so revolutionieren wie es die Rückpassregel im positiven Sinne getan hat.

Können Sie das genauer ausführen?

Ich bin noch einer dieser Stürmer, der in seiner Karriere wer weiß wie oft vergeblich zum Torwart laufen musste. Der hat einfach so lange gewartet, bis ich da war und hat dann den Ball in die Hand genommen. Was glauben Sie, wie oft ich die Torhüter da am liebsten rasiert hätte? Wie viele Kilometer ich umsonst laufen musste in meiner Karriere? Die Rückpassregel hat nicht nur das Spiel spannender gemacht, sondern auch für die Entwicklung einer neuen Torhüter-Generation gesorgt, die richtig gut kicken kann. Nur deshalb sind Torhüter wie Neuer, Leno, ter Stegen und Trapp entstanden. Die Rückpassregel war und ist ein Traum.

Und die Einführung des Videoschiedsrichters – Traum oder Albtraum?

Jetzt haben wir ihn ein Jahr erlebt. Die Vorrunde war eine Katastrophe, die Rückrunde besser, aber immer noch mit Fehlern behaftet. Ich weiß, die Statistik spricht für den Videobeweis. Aber ich bleibe dabei: Wenn der Videoschiedsrichter einen Fehler macht, ist dieser nicht zu verzeihen. Und diese Fehler sind programmiert. Weil es beim Fußball – anders als beim American Football oder Eishockey – immer Entscheidungen geben wird, die nicht klar aufzudröseln und letztendlich Auslegungssache sind. Es ist total schwer.

Kontrovers wird aktuell auch über E-Sport diskutiert. DFB-Präsident Reinhard Grindel äußerte sich kritisch, kann darin keinen Sport erkennen. Und Sie?

Wir beschäftigen uns bei Bayer 04 Leverkusen mit dem Thema, auch wenn ich es eher mit einem Schmunzeln betrachte. E-Sport wird halt gespielt, den jungen Menschen gefällt das – so ist das eben in der heutigen Zeit. Aber die Nähe zum klassischen Sport kann ich auch nicht erkennen, auch wenn der Begriff Sport da drinsteckt und man sich dabei stark am richtigen Kicken orientiert. Gefahr für den echten Fußball kann E-Sport aber nicht sein.

Interview: Felix Seidel

Bundesliga 2018/2019: Die Bosse der Liga

Socrates präsentiert das etwas andere Bundesliga-Sonderheft zur Saison 2018/19. Im Fokus stehen die 18 Entscheider der Ligaklubs. Was ist ihre Strategie? Für was stehen sie? Sie sprachen mit Socrates, oder Socrates sprach über sie. Die Sonderausgabe zur Bundesliga ist ab sofort im Handel.

Sie haben nicht alle den gleichen Jobtitel, doch gemeinsam haben sie einiges. Hasan Salihamidzic, Michael Reschke, Jonas Boldt, Fredi Bobic und Co. sind die sportlichen Entscheider ihrer Klubs. Ihre Strategie hat großen Einfluss über Erfolg und Misserfolg. Socrates hat sich zum Start der Bundesliga-Saison auf die 18 Klub-Entscheider konzentriert, hat mit ihnen gesprochen oder über sie gesprochen.

Der Inhalt der 22. Ausgabe
Budesliga-Sonderheft
,

Lucien Favre im Exklusiv-Interview: „Pässe machen nicht den Unterschied“

Lucien Favre ist neuer Trainer von Borussia Dortmund. Der Schweizer gilt als Perfektionist, als Detailversessener. Aber eigentlich will Favre nur spielen. SOCRATES traf den Neu-Borussen im vergangenen Jahr und sprach über seine Art des Fußballs.

Lucien Favre, was mögen Sie am meisten im Fußball?

Den Ball an sich. Ich bin irgendwie in den Ball verliebt. Sobald ich einen Ball sehe, muss ich mit dem spielen. Auch noch heute – bei den Trainingseinheiten spiele ich mit dem Ball, sobald ich einen sehe. Ich jongliere ein bisschen und habe dabei viel Spaß. Für mich ist der Ball wie ein Magnet. Er zieht mich immer an.

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Der Artikel erschien in Ausgabe #04

Was hat sich Ihrer Meinung nach spielerisch in den vergangenen 10 bis 15 Jahren grundsätzlich verändert?

Nicht so viel. Was die Spielsysteme betrifft, werden sie während des Spiels angepasst. Zum Beispiel fängt man mit einem 4-3-3-System an und nach zehn Minuten wird es zu einem 3-4-3 oder einem 3-4-1-2, was vor ein paar Jahren noch nicht der Fall war, denn da hat man meistens dasselbe System neunzig Minuten beibehalten. Mittlerweile wurden alle möglichen Systeme ausprobiert. Dementsprechend ist es unmöglich, neue Systeme zu erfinden.

Wieso werden die Systeme im Vergleich zu früher so oft verändert?

Es gibt mehrere Gründe: Immer mehr Spieler können auf verschiedenen Positionen spielen, die Außenverteidiger werden zu Flügelspielern, die Flügelspieler spielen mehr in der Mitte und die Defensiv-Mittelfeldspieler agieren zwischen den zwei Innenverteidigern. Der größte Unterschied zu früher ist die Bewegung. Um den Gegner zu überraschen und zu besiegen, muss man schnell und zielstrebig nach vorne spielen. Das Spiel wird immer intensiver. In den 60er Jahren ist ein Spieler im Durchschnitt vier Kilometer gelaufen. Heute spult er zwischen 12 und 14 Kilometer ab.

Ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem die Reaktion auf eine Aktion ein Ende hat, oder dreht es sich immer weiter so wie in den letzten 70, 80 Jahren?

Im Großen und Ganzen dreht es sich wie in den 70er Jahren, nur mit dem Unterschied, dass das heutige Spiel intensiver ist. Und wenn man den Ball um den gegnerischen Strafraum verliert, wird sofort gepresst, um so schnell wie möglich den Ball zurückzuerobern. Das wird bei vielen Mannschaften praktiziert. Das war früher nicht so.

WM-Sonderheft: Die 20. Ausgabe ist im Handel!

Das WM-Sonderheft ist da!

Die 20. Ausgabe des Socrates Magazin ist da! Alles über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, Interviews mit Timo Werner und Co. / WM-Spielplaner und Deutschland-Poster als Geschenk dazu.

In welchen Teilbereichen – Ausbildung, Spielerentwicklung – liegen die meisten Potenziale?

Da gibt es einige. Um das Spiel noch schneller zu machen, muss man erst einmal eine gewisse Spielintelligenz haben. Dann kommt die Technik. Um den Ansprüchen gerecht zu werden, muss man auch eine top Kondition haben. In meinen Augen liegt das größte Potenzial in der Ausbildung im technischen Bereich. Ich finde, dass in vielen Klubs in diesem Bereich nicht unbedingt gut gearbeitet wird. Zum Beispiel den Ball in Höchstgeschwindigkeit zu kontrollieren und anschließend sofort einen langen präzisen Diagonal-Ball nach vorne zu spielen, gelingt nicht jedem Spieler. Wenn man es beherrscht, wird der Gegner überfordert. So kann man das Spiel besser und schneller machen. Oder wenn man einen tollen Pass nach vorne in Höchstgeschwindigkeit spielt, um den Gegner zu überraschen, das ist ebenfalls etwas, was mir gefällt. Ein moderner Spieler sollte beidfüßig sein. Die größte Baustelle befindet sich definitiv bei der Technik. Da besteht noch viel Verbesserungsbedarf.

Ist das Dribbling nach wie vor wichtig im heutigen Spiel?

Definitiv. Man macht ja durch ein starkes Dribbling den Unterschied. Schauen Sie sich einfach einen Arjen Robben oder einen Franck Ribéry an, die das drauf haben, egal ob in Eins-gegen-Eins- oder in Eins-gegen-Zwei-Situationen. Diese Art von Spielern ist unheimlich wichtig, weil das Spiel ansonsten langweilig ist. Nur Pässe zu spielen, ist ja nicht spektakulär. Deswegen muss in der Ausbildung der Akzent aufs Dribbling weiterhin forciert werden. Ein Spieler, der zwei Gegner durch ein Dribbling eliminiert und dann einen feinen Pass spielt, das ist der Sinn des Kollektivs. Für mich ist es notwendig, Spieler in seinen Reihen zu haben, die dribbeln können, weil sie jederzeit den Unterschied machen können. Den Unterschied nur mit Pässen zu machen, ist fast unmöglich.

Das Socrates-WM-Gewinnspiel

Beantworte die Preisfrage und gewinne mit etwas Glück einen von fünf tollen Preisen! Hier klicken.

Wie sieht es mit der Gegner- und Spielanalyse aus. Glauben Sie daran, dass das Spiel immer noch mehr verwissenschaftlicht oder technologisiert wird?

Es ist nicht wirklich mein Ding. Mir ist wichtig, dass das Spiel einfach bleibt. Man sollte diese Sportart nicht kompliziert machen, weil ansonsten die Zuschauer fernbleiben. Nur die Technik sorgt dafür, dass das Spiel schneller und intensiver wird. Wenn man technisch limitiert ist, kriegt man große Probleme, auf dem höchsten Niveau zu bestehen. Dafür muss man schnell antizipieren und handlungsschnell sein. Ich sehe heute noch viele Spieler, die Schwierigkeiten haben, wenn der Ball fliegt und gestoppt werden muss. Da haben viele Spieler etliche Defizite.

Sie vertrauen der Videoanalyse.

Um nichts dem Zufall zu überlassen. Das Wichtigste an den Videos ist, unser letztes Spiel im Detail zu analysieren. Da kann man viele Sachen verbessern. Danach kommt die Analyse des künftigen Gegners: Wie spielt er, was sind seine Stärken, Schwächen und so weiter. Auch wenn wir 5:0 gewinnen, gibt es immer etwas zu analysieren, um individuell und als Mannschaft nach vorne zu kommen.

Wie effektiv ist eigentlich In-Game-Coaching?

Es ist schon wichtig, aber wichtiger bleibt, was der Trainer für eine Arbeit mit seiner Mannschaft unter der Woche leistet: Welche Übungen werden gemacht, auch abhängig vom Spielstil des nächsten Gegners. Aber auch der Spieltag ist wichtig: die Motivation, die Rede in der Halbzeit. Und während der Partie sind Details ebenfalls nicht zu unterschätzen, vor allem was die Taktik betrifft. Deswegen ist das In-Game-Coaching nicht überbewertet. Man muss sich auch für die richtigen Wechsel zum richtigen Zeitpunkt entscheiden, entweder um eine Führung auszubauen oder zu verteidigen, oder um einen Rückstand aufzuholen.

Was ist für einen Trainer im Endeffekt das Wichtigste?

Dass er jeden Parameter jederzeit im Griff hat: Die Beziehung zu seinen Spielern, zu seinen Kollegen, zu seinen Verantwortlichen, zu seinen Mitarbeitern, zu den Schiedsrichtern, zur medizinischen Abteilung und zu den Medien. Man muss immer das Gefühl haben, dass man jederzeit seinen Job im Griff hat und dass man jederzeit weiß, wie man mit seinen Spielern um- geht. Der menschliche Aspekt steht über allem.

Spielt Improvisation ebenfalls eine wichtige Rolle in Ihrer täglichen Arbeit?

Ich würde eher sagen, dass die Intuition sehr wichtig ist. Improvisieren ist schwer, eher planen halte ich für wichtiger.

Haben Sie manchmal nicht den Eindruck, dass die Gefahr besteht, dass sich Ihre Spieler bei den Trainingseinheiten langweilen?

Das gehört auch zur Aufgabe des Trainers, dass er alles daransetzt, damit die Übungen genug variieren, damit man kreativ ist. Das ist in der täglichen Arbeit natürlich sehr wichtig. Auch ein Trainer muss für sich schauen, dass er jeden Tag dazu lernt, sei es im Umgang mit seinen Spielern oder ein spielerisches Element betreffend. Als Trainer muss man sich permanent hinterfragen, um nicht zu stagnieren. Sonst kann man nicht dauerhaft Erfolg haben.

Kann sich ein Trainer nach einer bestimmten Zeit langweilen?

Damit es nie langweilig wird, muss man sich die wichtigste Frage stellen: Was kann ich jeden Tag besser machen? Diese Frage stelle ich mir tagtäglich. Deswegen habe ich seit ein paar Jahren Erfolg auf höchstem Niveau und auch jeden Tag Spaß bei meiner Arbeit. Man muss auch ständig seinen Horizont erweitern, nicht nur in Europa schauen, wo ich bereits die französische, die deutsche, die englische, die portugiesische und die Schweizer Meisterschaft intensiv verfolge, und Italien ist von Nizza auch nicht weit weg, sondern auch mal Spiele oder Trainingseinheiten auf anderen Kontinenten unter die Lupe nehmen. Es gibt immer wieder was Neues zu entdecken. Ich bin immer sehr hungrig und neugierig aufs Neue.

Als Sie Ende der 80er Jahre bei Servette Genf auf einem Zimmer mit Karl-Heinz Rummenigge waren, hatten Sie schon damals vor, irgendwann mal Trainer zu werden?

Nein, nicht wirklich. Mit Karl-Heinz habe ich viel diskutiert über die mögliche Aufstellung unseres Trainers, wie unser nächster Gegner spielen würde und so weiter. Wir waren zwar Spieler, aber wir waren bereits an vielen taktischen Dingen interessiert.

Wie fingen Sie als Trainer an?

1991, als ich 34 Jahre alt war, habe ich bereits über meine Zukunft nach der Spieler-Karriere nachgedacht. Erst habe ich Jugendmannschaften trainiert und es hat mir sofort gefallen. Das war entscheidend für den weiteren Verlauf meiner Karriere. Danach habe ich mich um ein Drittliga-Team gekümmert und so weiter. Wenn man 32, 33 Jahre alt ist, ist es sehr wichtig, dass man an seine Zukunft denkt, sonst wird es schwer. Heute dauert eine Spieler-Karriere ungefähr zehn Jahre und alles wird schneller, insofern sollte man sich unbedingt auf seine Zukunft vorbereiten, um den Zug nicht zu verpassen. Wenn man als Spieler nur auf die Karriere fokussiert ist und sich nicht schon mal umschaut und Gedanken über die eigene Zukunft macht, dann wird es schwer. Das ist ein Tipp an alle Spieler.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Stunden Sie täglich arbeiten?

Ich zähle nicht. Für mich ist mein Job nur Spaß. Was mir am meisten gefällt, ist die Arbeit auf dem Platz. Ich würde nur zählen, wenn ich mich langweilen würde.

Brauchen Sie die tägliche Arbeit auf dem Platz oder wären Sie auch mal für einen Job als Nationaltrainer zu begeistern?

Ehrlich gesagt habe ich mir diese Frage noch nie gestellt. Ich liebe meinen Job als Vereinstrainer. Aber man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Werden Sie bis zum allerletzten Tag Ihres Lebens arbeiten oder werden Sie irgendwann in Rente gehen?

Irgendwann werde ich aufhören, aber nicht komplett. Ohne den Ball wäre es für mich zu schwer. Dafür ist meine Liebe zum Ball zu groß.

Wenn Sie einen 28-jährigen Trainer sehen, der die Bundesliga-Spitze mit der TSG Hoffenheim neu aufmischt, wie finden Sie das?

Ich finde es toll, und die Verantwortlichen von Hoffenheim waren mutig, aber man muss als Trainer mittel- bis langfristig gute Arbeit leisten, nicht nur sechs Monate. Was Julian Nagelsmann bei der TSG Hoffenheim leistet, ist hervorragend. Er bringt frischen Wind in die Bundesliga.

Muss man ein großer Spieler gewesen sein, um ein großer Trainer zu werden?

Es gibt alle möglichen Beispiele. Arrigo Sacchi hat beim AC Mailand einen neuen Spielstil eingeführt, nachdem er keine große Karriere als Spieler hatte. Er hat ein 4-4-2-System erfunden mit einem hohen Pressing auf den Gegner. Es gibt viele solche Beispiele von Trainern, die als Spieler nicht bekannt waren und danach eine tolle Laufbahn als Trainer hatten. Es ist klar, dass ein Spieler, der eine großartige Laufbahn hatte und dann als Trainer anfängt, eine völlig andere Einstellung hat als umgekehrt. Aber diejenigen, die keine großen Spieler waren, sind nicht nur Theoretiker, sondern sie können auch Großes leisten. Sie bringen neue Ideen ein. Dabei gibt es unheimlich viele Beispiele. Wären sie nicht kompetent, würden sie nicht lange als Trainer auf höchstem Niveau überleben. Umgekehrt ist es auch so: Ein Spieler, der alles gewonnen hat, schafft es als Trainer nicht immer. Das kann man nicht voraussehen. Dass so viele Jugendtrainer momentan in der Bundesliga positiv überraschen, ist gut für den Fußball.

Gibt es selbst für Sie noch Trainer, von denen Sie sich Dinge abschauen oder die Sie sogar mal inhaltlich um Rat fragen? Oder entscheiden Sie immer alles selbst nach Erfahrung und in Absprache mit Ihrem Trainerteam?

Eigentlich treffe ich meine Entscheidungen immer zusammen mit meinem Team. Ich habe genug Erfahrung, um mich bei meinen Entscheidungen von anderen Trainern nicht beeinflussen zu lassen.

Hat Sie ein Trainer besonders inspiriert?

Der Trainer, der mich vor allem inspiriert hat, war Johan Cruyff; schon als Spieler und nachher als Trainer vom FC Barcelona. Auch Trainer wie Arsène Wenger und Christian Gourcuff bei Stade Rennes schätze ich. Wir haben einen sehr guten Kontakt. Als ich Jugend-Teams trainiert habe, habe ich meine freie Zeit genutzt, um bei diversen Trainern zu hospitieren: In der Anfangszeit von Wenger beim FC Arsenal, ich war auch zu Gast bei Raymond Goethals in Belgien, bei Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern und vor allem 1993 bei Cruyff in Barcelona. Dort war ich zwei Wochen. Aber ich hatte bereits vorher seine Arbeit beobachtet, wie er Barça spielen ließ, wie beweglich seine Elf agierte, sei es mit oder ohne Ball, die Antizipation und so weiter. Auch Telê Santana als Nationaltrainer von Brasilien hat mich beeindruckt. Er war fantastisch.

Auch Pep Guardiola scheinen Sie zu schätzen.

Pep ist der logische Nachfolger von Johan Cruyff. 1993 bei Barça war er dort der Mittelfeld Stratege. Er war sehr intelligent. Wenn ein Spieler eine hohe Spielintelligenz hat, dann hat er gute Chancen, ein guter Trainer zu werden. Ich kann mich an die erste Stunde des Achtelfinal-Hinspiels bei Juventus Turin (2:2) im Februar 2016 erinnern, als Juve den Ball kaum sah, weil der FC Bayern ein extrem hohes Pressing gespielt hatte. Guardiola hatte auch während des Spiels sein System verändert. Als Trainer ist er einer der Besten.

Aber übertreibt er es nicht mit seinem Passspiel?

Pep legt sehr viel Wert auf den Ballbesitz, genauso wie ich. Nur Ballbesitz des Ballbesitzes wegen interessiert mich aber nicht. Beim Ballbesitz sollte es viel Bewegung geben, um zu versuchen, ein Tor zu erzielen. Ich bin ein Fan von Ballbesitz.

Interview: Alexis Menuge