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Jupp Derwall: Die Wiedergeburt

Eigentlich wollte Jupp Derwall mit seiner Elisabeth in den Urlaub fliegen. Doch dann kam Besuch aus Istanbul Und Derwall veränderte eine Welt.

20. Juni 1984, Parc des Princes, Paris. Torlos ging es in die letzte Minute eines Spiels, in dem Spanien einen Elfmeter vergeben hatte und die deutsche Mannschaft entweder an Aluminium oder an Torhüter Luis Arconada scheiterte. Sobald der Schiedsrichter Vojtěch Christov abpfeifen würde, würden die Deutschen ins Halbfinale der EURO 1984 einziehen.

Aber die Spanier gaben nicht auf. Der Ball kam zu Rafael Gordillo am rechten Flügel. Er kontrollierte den Ball und flankte ihn auf den langen Pfosten. Die deutsche Abwehr stand wie angewurzelt da. Von Toni Schumachers Selbstbewusstsein nach dem gehaltenen Elfmeter war jetzt nichts mehr übrig. Denn plötzlich tauchte Vorstopper Antonio Maceda vor dem Tor auf und erzielte per Kopf das 1:0. Abpfiff.

Jupp Derwall gab sich selbst die Schuld

Deutschland, das vor wenigen Minuten das Halbfinalticket in der Tasche gehabt hatte, musste nach Hause. Der amtierende Europameister und WM-Finalist war draußen. Deutschlands Trainer Jupp Derwall machte sich selbst für den Misserfolg verantwortlich. Eine Woche später arrangierte er im selben Stadion eine Pressekonferenz und kündigte nach dem Finale zwischen Frankreich und Spanien seinen Rücktritt an.

Mehr als das Ergebnis tat es ihm leid, dass er, wie schon 1980, der Nationalmannschaft nicht genügend junge Spieler hinzuführen konnte. Obwohl Derwall 1980 seinen ersten großen Erfolg feierte und mit dem Gewinn der Europameisterschaft ein Ausrufezeichen setzte, war er durch die Misserfolge bei der WM 1982 bei der EM 1984 höchst umstritten. Und dankte ab.

„Willst du mein Co-Trainer werden?“

Am selben Tag hatten in der Hasnun Galip Straße zu Galatasaray bei Istanbul die Vorbereitungen auf die nächste Saison schon begonnen. Auch wenn das Team, das seit elf Jahren keine Meisterschaft gewonnen hatte, nur wenige Jahre zuvor beinahe aus der ersten Liga abgestiegen wäre, hatte sich die Lage inzwischen etwas beruhigt.

Galatasaray hatte die vergangene Saison als Dritter abgeschlossen, aber noch wichtiger: in Tomislav Ivić hatte man den Wunschtrainer gefunden. Der Jugoslawe, der versuchte, den Galatasaray-Spielern die Anforderungen des modernen Fußballs wie Angriffspressing und Kollektivität einzuflößen, gewann insbesondere den Respekt des Kapitäns Fatih Terim. Ein weiterer Spieler, der Ivić bewunderte, war Mustafa Denizli, der zu jener Zeit einer der wichtigsten Figuren des Landes war.

Nachdem er 17 Jahre für den Izmir-Klub Altay gespielt hatte, entschloss er sich, seine Karriere zu beenden. „Willst du mein Co-Trainer werden?“, fragte Ivić. Denizli nahm das Angebot sofort an und das Duo begann auch schon direkt die Planungen für die bevorstehende Saison vorzubereiten.

„Herr Derwall, ein Freund möchte Sie sehen“

Was zunächst ein Gerücht war, wurde aber dann ganz schnell bittere Wahrheit: Ivić unterrichtete den Klub im Juli, also kurz vor Saisonstart, dass er sich mit Benfica geeinigt und habe und verließ kurzerhand den Verein.

Als Jupp Derwall mit seiner Frau und seinen Kindern zur selben Zeit Pläne für den lange aufgeschobenen Urlaub machte, klopften zwei türkische Reporter an seiner Tür: „Herr Derwall, ein Freund möchte Sie sehen.“ Der meist freundliche Derwall konnte diese Bitte nicht abschlagen und so klingelte am nächsten Tag sein Telefon. Es war der Manager Galatasarays, Alp Yalman. Yalmans fließendes Deutsch und seine Freundlichkeit beeindruckten Derwall.

Yalman – mit seinem Kollegen Faruk Süren im Schlepptau – überredete Derwall zu einem Treffen mit den Galatasaray-Vertretern im Hotel Erbprinz in Ettlingen und Derwall wiederum überzeugte seine Frau Elisabeth davon, dass man den Urlaub noch mal um ein paar Tage verschieben müsse.

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Eigentlich wollte er gar nicht unterschreiben

Ein paar Tage später, am 18. Juli, machte sich Derwall vom Frankfurter Flughafen aus mit Lufthansa-Flug Nummer 1581 auf den Weg nach Istanbul. Er war fasziniert von der Haltung der Galatasaray-Manager, die er im Hotel Erbprinz getroffen hatte, weshalb er ihre Einladung nach Istanbul nicht zurückweisen konnte. Auch wenn in den türkischen Zeitungen bereits „Derwall hat sich mit Galatasaray geeinigt!“ stand, hatte er nicht vor, einen Vertrag zu unterschreiben. Für ihn war es ein reiner Höflichkeitsbesuch.

Als er am Flughafen Atatürk ankam, sah er Galatasaray-Fans mit einem riesigen Blumenstrauß auf ihn warten. Nach ein paar Minuten auf den Schultern der Fans stieg er in den Wagen, der ihn zum Hilton-Hotel fuhr. Dort stieg er ab und traf sich später mit den Chefs von Galatasaray. Erst gingen sie zum Gebäude des Klubs in Hasnun Galip, danach fuhren sie den Bosporus entlang zum Trainingsgelände in Florya.

Die Aussicht veränderte alles

Das dortige Grundstück wurde Galatasaray am 1. Juli 1967 geschenkt, lag jedoch jahrelang brach. Erst Anfang der Achtziger wurden Zimmer und Spielfelder für die Profis gebaut und das Klubgebäude eröffnet. Doch was Derwall in Florya erwartete, war eine große Enttäuschung. Das Spielfeld, das die Manager im Vorfeld so sehr gelobt hatten, war von Matsch und Erde bedeckt und zum Fußballspielen gänzlich ungeeignet.

„Man sieht, warum sie seit elf Jahren nicht Meister werden können. Wenn ich doch nur nicht bis hierhergekommen wäre“, sagte er vor sich hin. Hoffnungslos kehrte er in sein Hotel zurück. Am nächsten Morgen wollte er die Galatasaray-Manager treffen und ihre Offerte höflich ablehnen. Am Morgen des 19. Juli wachte er in Zimmer 436 des Hilton-Hotels auf und ging auf den Balkon. Die wunderschöne Aussicht über den Bosporus beseitigte seine miese Laune.

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Elisabeth hatte es geahnt

Als er zum Gespräch ging, war er schon anders gestimmt. „Ich muss den Präsidenten Ali Uras von einer Investition für einen Rasen auf dem Trainingsgelände überzeugen“, dachte er. Noch am gleichen Tag unterschrieb er in einem Büro von Alp Yalman einen Zweijahresvertrag, ging zurück ins Hotel und rief seine Frau Elisabeth an, um ihr etwas zurückhaltend die „gute“ Nachricht zu verkünden. Die Antwort, die er bekam, war überraschend: „Ich hatte es geahnt, als du rübergeflogen bist.“

Somit begann Derwalls Karriere bei Galatasaray im Sommer 1984. Mit der Zeit verstand er, dass seine Arbeit nicht nur die Neugestaltung der Spielfelder war. Das Equipment der medizinischen Abteilung, die Fitnessgeräte und gar die Busse, die das Team fuhren, waren mangelhaft. Noch schlimmer: Der türkische Fußball insgesamt hatte an Niveau verloren. Die Nationalmannschaft hatte in der WM-Qualifikation 1982 nur ein Tor schießen können. Für viele Galatasaray-Spieler waren Glücksspiele, Zigaretten und das Nachtleben ein Muss.

Unruhe und fliegende Steine

Ein sich verschlechterndes Verhältnis zum Vorsitzenden Uras und die feindliche Haltung der Presse, die Derwall die “gemeinste weltweit” nannte, kamen erschwerend hinzu. Nachdem Derwall mit seiner Mannschaft am dritten Spieltag 0:3 gegen Eskişehirspor verloren hatte, bekam er auf dem Rückweg den Fanatismus der Fans zu spüren. Sie stoppten den Mannschaftsbus und bewarfen ihn mit Steinen. Auch wenn Derwall nach außen seine gewohnt ruhige Haltung beibehielt, nahm seine Nervosität mit jeder Sekunde zu.

Als sich die Mannschaft aus dieser Situation befreit hatte und in Istanbul angekommen war, stand Derwall immer noch unter Schock. Doch dieser Moment, der Blick in den Abgrund, war zugleich auch der Anfang des Aufschwungs. Derwall, der an den ersten drei Spieltagen zwei Niederlagen hatte einstecken müssen, setzte sich mit den Managern zusammen, die ihm die Hilfe von Mustafa Denizli anboten, der nach der geplatzten Zusammenarbeit mit Ivić noch kein weiteres Engagement angenommen hatte.

30.000 Türken in Köln feiern Derwall

Da Derwall Denizli von der türkischen Nationalmannschaft kannte und ihn als eine gute Hilfe ansah, nahm er das Angebot an. Nach einer kurzen Zeit stieß Ahmet Akcan als Derwalls Dolmetscher hinzu und komplettierte so das Trainerteam.

15. Märt 1989, Müngersdorfer Stadion, Köln. Jupp Derwall war auf Einladung des Klubs zum Spiel Galatasaray – Monaco nach Köln gereist und wurde mit frenetischem Jubel empfangen, als er den Rasen betrat. In dem Spiel, das aufgrund einer Strafe gegen Galatasaray in Deutschland ausgetragen wurde, waren rund 30.000 Türken, die immer wieder „Derwall, Derwall“ im Chor riefen.

Derwall, der Galatasaray 1987 nach einer 14-jährigen Durststrecke wieder zum Champion gemacht hatte, hatte sich das verdient. Als er Istanbul nach der Meisterschaft verließ – zwei weitere Meisterschaften erlebte er als Berater des Klubs –, war er sicher, dass er ein Team hinterlassen hatte, welches den Anforderungen des europäischen Fußballs sowohl geistig als auch physisch gewachsen war. Er sollte recht behalten.

Wie damals in Würselen

Denizli und Akcan führten Derwalls Erbe fort und überstanden mit der Mannschaft das Viertelfinale des Landesmeisterpokals. Nach dem 1:0 im Hinspiel reichte Galatasaray das 1:1-Unentschieden von Köln, um Monaco zu eliminieren und ins Halbfinale einzuziehen. An diesem kaum für möglich gehaltenen Sieg war Derwalls Beitrag sehr groß. In seiner Autobiographie erzählt Derwall von den ganzen Bauarbeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg vonnöten waren, um seine Heimatstadt Würselen wieder aufzubauen. Genau so hat Derwall selbst den türkischen Fußball wieder aufgebaut.

Viele Trainer, die sahen, wie Galatasaray – und damit der moderne Fußball – Schritt für Schritt vorankam, versuchten, ihrer Mannschaft das gleiche System beizubringen. Andere wiederum nutzten Derwalls Methoden. Als der damalige Beşiktaş-Trainer Gordon Milne einen Kaffee im Hilton trank, traf er Derwall und berichtete ihm davon, dass er seine Trainingseinheiten auf einem Hartplatz durchführen musste.

Derwalls Antwort wurde später ein Grund für den Aufstieg des Lokalrivalen Anfang der neunziger Jahre: „Du musst den Managern sagen, wenn es keinen Rasen gibt, gibt es auch keine Meisterschaft. Ich habe das so getan und es hat funktioniert!“

Nach Jupp Derwall ist heute der Trainingsplatz von Galatasaray benannt (Illistration: Hüseyin Sandik)

Nach Jupp Derwall ist heute der Trainingsplatz von Galatasaray benannt (Illistration: Hüseyin Sandik)

Es kamen viele Deutsche

Derwall war auch einer der Berater, als die türkische Nationalmannschaft in den Neunziger Jahren wieder aufgebaut werden sollte. Galatasaray blieb der deutschen Schule treu und hatte bis ins Jahr 1995 mit Sigfried Held, Karl-Heinz Feldkamp, Reiner Hollmann und Reinhard Saftig vier deutsche Trainer. Fenerbahçe und Beşiktaş taten es dem Rivalen gleich und verpflichteten in den Neunzigern mehrere deutsche Trainer.

Als Galatasaray im Sommer 2000 den UEFA- Pokal gewann, sagten viele, dieser Erfolg habe seine Wurzeln bei Jupp Derwall. Raşit Çetiner, ein Schüler Derwalls aus der Meistermannschaft von 1987, sagt: „Die Energie, die mit Derwall auftauchte, hat sich gehäuft und gehäuft und reichte bis zum UEFA-Cup.“

Derwall habe die Vorstellungen von Fußball im ganzen Land verändert. Mustafa Denizli, der in Derwalls Jahren bei Galatasaray sein Assistent gewesen war und in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Trainer der Türkei wurde, sieht in ihm mehr als nur einen Mentor: „Derwall war nicht mein Lehrer, er war meine Schule.“

Ilhan Özgen

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Bekir Refet: Der erste „Bomber“ Deutschlands

Bekir Refet war der erste türkische Fußballer in Deutschland. Doch seine Wahlheimat bescherte ihm mehr Schicksalsschläge als ein paar Tore. Er starb sogar zwei Mal. Ein Porträt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Der Artikel erschien in Ausgabe #7

Es waren die letzten Augusttage. Istanbul hatte die drückend heißen Temperaturen hinter sich gelassen und war so windig und kühl wie in einem gewöhnlichen Herbsttag. Die Zugzeit der Störche war längst gekommen. Eine Gruppe junger Männer hatte sich am Hauptbahnhof in Sirkeci getroffen und wartete auf ihren Zug. Das Leben in Anatolien war damals, um das Jahr 1920, durch den schmerzhaften Befreiungskrieg geprägt. Diese jungen Männer aus Istanbul sollten sich aber vom Krieg noch mehr entfernen und in anderen Ländern einen weiteren Kampf führen. Vor der Reise herrschte gute Stimmung. Die letzten Fotos, die letzten Gelächter…

Einer von ihnen schob seinen Holzkoffer mit seinem Fuß in die Nähe des Zuges. Er stellte sich darauf und schrieb mit der Kreide, die er aus seiner Tasche hervorholte, an das Äußere eines der Waggons auf Französisch: „Footballistes de Galatasaray“. Ein anderer füllte das strohgelbe Telegrammformular aus, das er am Rücken eines Freundes fixiert hielt: „Wir machen uns auf den Weg nach Lausanne. Hochachtungsvoll, Bekir.“

Bekir Refet: Wie wurde er zum Star?

Bekir spielte nicht bei Galatasaray. Damals war er im Kader von İttihatspor, dem Nachfolger von Altınordu, der als der Verein des Komitees für Einheit und Fortschritt, der mächtigsten Partei der Jungtürken, bekannt war. Im Istanbul der Besatzungsjahre gewann Altınordu alle Meistertitel. Diesen Erfolg verdankte der Verein den Stars, die mit verschiedensten Versprechungen von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş geholt wurden. Auch Bekir war einer dieser Spieler. Er war bereits mit 13 Jahren, als er noch zur Numune Mittelschule in Kadıköy ging, entdeckt worden, und hatte drei Jahre in der Jugend von Fenerbahçe gespielt, bevor er im Kader der ersten Mannschaft spielen durfte.

Nachdem er es dort schnell zu Ruhm gebracht hatte, wechselte Bekir ein Jahr später zu Altınordu. Und nun wurde er auf Bitten der Verantwortlichen für die Spiele in Europa in den Kader von Galatasaray aufgenommen. Was machte ihn im jungen Alter zu einem Star? Der kleinwüchsige, untersetzte, dunkelhäutige Junge hatte das Fußballspielen in Kadıköy, wo er geboren und aufgewachsen war, von Engländern gelernt. Aus späteren Interviews mit ihm geht hervor, dass er sich glücklich schätzte, weil er das Spiel von „Erfindern des Fußballs“ lernen konnte.

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Bekir bezauberte die Zuschauer vor allem mit seinem Talent. Er war so ein flinker Fußballer, dass er sogar sich selbst umspielen könnte. Seine Ballbeherrschung war beispiellos. Seine scharfen Augen schenkten seinen Schüssen Treffsicherheit und seine breiten, muskulösen Beine eine hohe Geschwindigkeit.

Als Fenerbahçe gegen die Besatzung des in Istanbul geankerten berühmten Schlachtkreuzers Goeben spielte, wurde er von den deutschen Matrosen „roter Teufel“ genannt. Und es wird erzählt, dass er in einem Spiel gegen die Mannschaft der französischen Besatzungsmacht einen alten Schuhputzer mit einem Schuss ins Krankenhaus beförderte. Er war eine Fußballlegende, die mit ihren Schüssen einen Büffel umlegen, den Holzzaun neben dem Spielfeld demolieren, die Torpfosten ins Netz jagen konnte. Er könnte als Urgroßvater Gerd Müllers gelten, denn er war der erste Träger des Spitznamens „Bomber“.

Der Besuch von Emil Oberle

Die Europatour im Jahre 1921 war ein Wendepunkt in Bekirs Leben. Nach den Spielen in der Schweiz kam die Mannschaft nach Deutschland. Ihre erste Station war Karlsruhe. Dort brillierte Bekir im Spiel gegen den FC Phönix. Danach waren Frankfurt, Ludwigshafen und Köln an der Reihe. Die Mannschaft kehrte nach einer ermüdenden Tour, bei der sie in 45 Tagen 17 Städte besucht hatte, schließlich in die Heimat zurück. Aber in dem Zug, der nach Sirkeci fuhr, war der von Altınordu ausgeliehene Bekir nicht dabei. Er hatte sich bei einem Spiel in Hamburg verletzt und war für die medizinische Behandlung in Deutschland geblieben.

Im Krankenhaus besuchte ihn Emil Oberle, ein Spieler des FC Phönix, der in der Vergangenheit auch bei Galatasaray gespielt hatte. Der FC Phönix wollte Bekir verpflichten. Emil sagte zu ihm: „Beiß zwei Jahre lang die Zähne zusammen, danach kannst du nach Istanbul zurückkehren und dort mit dem Geld dein eigenes Geschäft eröffnen.“ Als Bekir Refet im Oktober 1921 den Vertrag unterschrieb, ging er nicht nur als der erste türkische Fußballspieler in Deutschland, sondern ebenfalls als der erste türkische Fußballprofi überhaupt in die Geschichte ein.

Bekir war vielleicht der erste der türkischen „Gastarbeiter“, die sich später mit einem unaufhörlichen Traum von der Heimkehr an ihrem Leben in Deutschland festhielten und dieses im Schatten des Traums in Deutschland fristeten. Zunächst heiratete er und bekam ein Kind. Seinem Sohn gab er den Namen seines Vaters sowie seines besten Freundes, mit dem er Jahre lang bei Fenerbahçe und Altınordu zusammengespielt hatte: Nuri. Später ließ sich Bekir von seiner Frau scheiden; Nuri blieb bei seiner Mutter. Bekirs Heimweh vermengte sich mit der Sehnsucht nach seinem Sohn, die letztendlich überwog. So blieb Bekir in Deutschland, während sein Sohn aufwuchs, um ihn wenigstens ein Mal die Woche sehen zu können, und seine Heimkehr musste für einige Zeit aufgeschoben werden.

Bekir besuchte 1924 und 1927 auf Einladung seines ehemaligen Vereins Fenerbahçe hin Istanbul, um gegen Slavia Prag zu spielen. Als er am 3. Juni 1927 seinen Fuß auf den Boden des Hauptbahnhofs in Sirkeci setzte, wurde er von seinen Freunden empfangen und direkt zum Taksim-Stadion gebracht. Als er auf der Ehrentribüne gesichtet wurde, brach in der Menge, die dem Spiel zwischen Galatasaray und Slavia beiwohnte – fast 5000 Zuschauer –, für die Fußballlegende ein stürmischer Beifall los. Bekir war nicht vergessen.

Die Gelb-Blauen gewannen gegen Slavia Prag, die damals unbesiegbare Mannschaft Europas, mit einem Kopfballtor Bekirs. Ein Sieg, der damals als eines der größten Ereignisse im türkischen Fußball angesehen wurde. Bei seinem vorerst letzten Besuch blieb Bekir fünf Monate in Istanbul und spielte in weiteren Freundschaftsspielen für Fenerbahçe. Bekir hatte Istanbul vermisst und wollte bleiben. Aber: In der Türkei war professioneller Fußball verboten. Als ihm die Erlaubnis, in seiner Heimat zu spielen, verweigert wurde, kehrte Bekir verbittert nach Deutschland zurück. Er war sauer auf die verantwortlichen des türkischen Fußballbunds. Fast 25 Jahre kehrte er nicht in sein Heimatland zurück.

Allerdings widerstand er aber auch den beharrlichen Bitten, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er lebte weiter als ein einsamer Türke in Karlsruhe. Vielleicht entschied er sich auch deswegen für den Nachnamen Teker (Anm. d. Red. Einsamer Soldat auf Türkisch). Als er 1951 als Ehrengast des Türkischen Fußballbunds in sein Land kam, um dem Länderspiel zwischen der Türkei und Deutschland beizuwohnen, sprach er mit einem gebrochenen Türkisch zu den Zeitungen und erklärte sich mit dem Interesse der Jugendlichen zufrieden, die ihn zum ersten Mal gesehen hatten.

Der Fußballmigrant, der seine Karriere nach dem FC Phönix beim Karlsruher FV und dem FC Pforzheim fortsetzte, schaffte es, überall Publikumsliebling zu werden. Die Presse sprach davon, dass ein Türke in Deutschland Geschichte schrieb. Der Kicker machte den „Bomber“ sogar zur Titelstory. Er besaß alle Eigenschaften, die ein guter Fußballspieler brauchte. Wenn er den Ball am Fuß hatte, dribbelte er großer Geschwindigkeit, brachte die gegnerische Abwehr durcheinander, raubte mit seinen Toren den Zuschauern den Atem.

Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris schoss er im Spiel gegen die Tschechoslowakei als Kapitän die beiden Tore der türkischen Nationalmannschaft. Bei Olympia 1928 in Amsterdam, als die Türkei gegen Ägypten sieben Tore kassierte, kam der Ehrentreffer ebenfalls von Bekir. Nach seinem letzten Auftritt im Taksim-Stadion hatte Bekir in Karlsruhe ein Zeitungs- und Tabakgeschäft eröffnet, das seinen Namen trug.

Nachdem er mit dem Ende seiner Fußballkarriere im Alter von 38 Jahren als Einzelhändler ins Zeitungsgeschäft eingestiegen war, wurde er zum Zeitungsgroßhändler. Seine Geschäfte liefen bis zum Kriegsausbruch gut. Aber die Bombardierung Karlsruhes brachte sein Leben wieder durcheinander. Sein Kiosk war niedergebrannt und geplündert, die Kommunikation mit seiner Heimat völlig zusammengebrochen.

Zu dem Zeitpunkt berichteten türkische Medien sogar über Bekirs Tod. Der berühmte Sportmoderator Sait Çelebi brach sogar in Tränen aus, als er von Bekir erzählte, und es wurde berichtet, dass der damalige Außenminister, Şükrü Saraçoğlu, sich mit Deutschland in Verbindung setzte, um den Leichnam des legendären Fußballers abholen zu lassen. Nach der einwöchigen Trauer in der Sportwelt kam jedoch heraus, dass es sich um einen anderen Türken namens Bekir handelte, der in Deutschland gestorben war.

Der falsche Tod

Der „Bomber“ hatte Glück, er lebte. Aber unter den Verwundeten waren Freunde von ihm. Als er sie im Krankenhaus besuchte, konfrontierte das Leben ihn mit einer neuen Überraschung. Oberschwester Else und Bekir verliebten sich. Nach zwei Jahren Partnerschaft heirateten sie 1945. Else an seiner Seite zu haben, half Bekir dabei, über seine Einsamkeit hinwegzukommen.

Bekir, der finanziell schwer angeschlagen war, klammerte sich durch materielle sowie moralische Unterstützung seiner deutschen Frau wieder am Leben fest. Nach dem Kriegsende konnte er nach intensiven bürokratischen Auseinandersetzungen zusammen mit seiner Frau seinen Laden wieder eröffnen. Obwohl er sich danach sehnte, konnte er nach 1951 die Türkei nie wieder sehen.

Socrates Facebook

1959 beendete er seine Karriere als Inhaber eines Ladens, in dem neben Tabak und Zeitungen auch Magazine, Bücher und Sportartikel verkauft wurden, und ging in Rente. Danach führte er zusammen mit seiner Frau ein asketisches Leben in einer Wohnung in Ettlingen, nahm aber regelmäßig türkische Migranten auf, die allmählich nach Deutschland kamen.

Als er 1977 in einem Krankenhauszimmer seine letzte Reise antrat, stand die Frau an seinem Bett, mit der er die letzten 32 Jahre seines Lebens geteilt hatte. Sein Tod, diesmal handelte es sich um den „richtigen“ Bekir, löste in der Türkei wieder große Trauer aus. Selbst Jahre nach seiner Karriere noch wurde in türkischen Medien an Bekir Refet erinnert wie an einen Märchenhelden: „Wer war nun dieser Bekir? Hatte er wirklich gelebt? Ist es wahr, dass man sein linkes Bein festkettete, damit er die Torhüter nicht mit seinen erbarmungslosen Schüssen verletzte? Sind die Gerüchte, dass einer seiner Schüsse die Rippen eines Ochsen, ein anderer den Torpfosten brach, nur Märchen gewesen? (…) Für diejenigen, die jene Tage miterlebten, war Bekir ein legendärer Mann, der aus einer mythologischen Welt gekommen war.“

Bekir Refet war ein Held, um den zwei Mal getrauert wurde…

Sevecen Tunç

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Eine Tüte Deutschland bitte

Wie patriotisch darf man als Deutscher sein? Wie groß darf das Schlaaaand-Gefühl sein? Schriftsteller Moritz Rinke geht für Socrates der Sache nach. Und küsst Uschi Glas.

─── I ───

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ein Artikel aus der 20. Ausgabe

Ich war einmal Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft. 2006 bei der WM in Deutschland. Eine Freundin von mir leitet mit ihrem Mann die größte Berliner Gebäudereinigungsfirma, welche den Auftrag vom Schlosshotel Grunewald bekam, zusätzlich zum Hotelpersonal Serviceleistungen durchzuführen, die durch zehn externe Reiniger eine größtmögliche Sauberkeit gewährleisten sollten. Ich fragte meine Freundin, ob es nicht elf sein könnten, die Verhandlungen zogen sich Wochen hin, dann war es so weit, ich sollte nicht reinigen, sondern den deutschen Pool bewachen.

Meine Aufgabe war es, Blätter und Insekten, die in den deutschen Pool hineinwehten, mit einem Käscher herauszufischen, Handtücher auszuwechseln und die Liegen nach Benutzung wieder liegefertig zu machen. Es gab noch die Anweisung, weder Autogrammwünsche auszusprechen noch die Gäste in ein Gespräch zu verwickeln, sondern nur den deutschen Pool zu bewachen von einem erhöhten Stuhl aus, ähnlich wie die Schiedsrichter beim Tennis oder die Küstenwache an der Nordsee.

Mein erster Gast am Pool war damals Oliver Kahn, mit Schlosshotel-Grunewald-Badeschuhen und Bademantel. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Kahn nickte auch, dann sprang er mit Kopfsprung in den deutschen Pool. Kahn kraulte vier Bahnen, stieg über den Beckenrand raus, nahm den Bademantel und für das Gesicht nur ein Handtuch, das er auf die Liege warf, und ging.

Zwei Tage später hatte die deutsche Mannschaft ihr Eröffnungsspiel gegen Costa Rica in München und gewann mit 4:2, das erste Tor schoss Philipp Lahm mit einem gebrochenen Arm, deshalb kam er während der WM auch nie an meinen Pool – mit gebrochenem Arm kann ein Philipp Lahm zwar WM-Tore schießen, aber nicht schwimmen.

Zur Begrüßung der siegreichen Mannschaft hatte ich mir etwas überlegt. Ein türkischer Gemüsehändler hatte mir eine Deutschlandfahne angeboten, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme? Na gut, unter diesen Bedingungen konnte ich vielleicht meine erste Deutschlandfahne kaufen. Ich schaute noch schnell absichernd nach rechts und links, ob mich auch niemand sieht und verlangte nach einer Tüte.

„Warum Tüte?“, sagte der Türke, „Fahne musst du gleich hochhalten gegen Polen!“

„Nein, Tüte bitte!“

„Er kauft Fahne mit Tüte“, sagte der Gemüsehändler verwundert zu seinem Partner.

So in der Öffentlichkeit konnte ich damals noch nicht, das heißt, einfach so für alle sichtbar, für Deutschland jubeln, das kam noch nicht in Frage. Ich freute mich zwar, wenn die Deutschen ein gutes Spiel machten, aber Patriotismus mit mehreren zusammen, das konnte ich nicht, mit einer deutschen Fahne deutsche Siege feiern, das galt irgendwie immer noch als nationalistisch.

„Nein, es ist Patriotismus, der gesunde, neue Patriotismus“, sagte mir meine damalige Freundin, ausgerechnet eine Ungarin. „Du musst zwischen Nationalismus und Patriotismus unterscheiden. Nationalismus ist härter, Patriotismus weicher, nun freu dich doch mal!“

„Ich freue mich auch!“, sagte ich, theoretisch fände ich den weichen Patriotismus sogar schön, aber in der Praxis, mit den Deutschen zusammen, da sei ich eben gehemmt, weil ich mir die Deutschen natürlich in dem Moment, in dem ich versuche, gemeinsam Patriot zu sein, sehr genau ansehe. Das sei ja dann so eine Art Verschmelzung, man müsse ja dann mit den Deutschen verschmelzen und da gucke man sich dann halt vorher noch mal alles genau an – wie im Bordell, gute Schriftsteller sollen ja auch das Leben im Bordell studieren.

 

„Du arbeitest als Schriftsteller im Bordell?!“, fragte sie: „Nein, nein“, sagte ich, „ich versuche dir mein Unbehagen am praktischen Patriotismus zu schildern. Da sitzt man dann fünf Minuten auf der Bettkante, guckt sich alles an und dann kommt der Moment, nee, ich will doch eher eigentlich lieber nicht, so ein komischer aufgeblasener Busen und alles so hau ruck und eben nicht weich, na ja, und so ähnlich geht mir das auch mit dem praktischen Patriotismus in Deutschland.“

Am nächsten Tag hing die Fahne direkt an meinem Schwimmmeisterstuhl und offen gestanden hätte ich das nicht von außen sehen wollen, wie ich auf diesem Stuhl saß, links die Fahne und dann dieser Typ, der die ganze Zeit auf den deutschen Pool starrte, ob da vielleicht irgendwo was herumschwamm, was nicht zur deutschen Mannschaft gehörte.

Plötzlich kam Gerald Asamoah an den Pool, ausgerechnet Asamoah aus Ghana sah mich hier als erster mit meiner Fahne. Ich nickte freundlich mit dem Kopf, Asamoah nickte auch, dann sprang er in den Pool und schwamm. Er sang dabei – und ich fiel fast vom Stuhl – die Melodie „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür“ von Marianne Rosenberg.

Macht der das extra, fragte ich mich? Ob er mich blöd fand mit meiner deutschen Fahne? Man singt doch nicht einfach diesen Rosenberg-Song, darin lag doch ein versteckter Patriotismus-Vorwurf? Ich meinte von Seiten Asamoahs, einen ironisierenden Unterton herauszuhören und nahm mir vor, am nächsten Tag eine Fahne von Ghana an meinem Poolwächter-Stuhl zu befestigen. Andererseits, er spielte ja für Deutschland, warum sollte er mich blöd finden und mir Vorwürfe machen?

Dies war der Beginn meiner allmählichen Verwandlung in einen weichen Fußballpatrioten, denn gerade bei dieser WM in Deutschland machte ich große Fortschritte. Beim legendären Elfmeterschießen gegen Argentinien, Viertelfinale, war ich im Berliner Olympiastadion. Dieses irre Elfmeterschießen! Lehmann hatte einen Spickzettel von Andy Köpke bekommen und hielt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland war im Halbfinale, Jubel, Jubel! Ich saß neben Uschi Glas, der deutschen Schauspielerin, die mir eine Deutschlandfahne auf die Wange malte. Über mir in der Ehrenloge küsste Angela Merkel Franz Beckenbauer, damals wusste noch niemand, wie das Sommermärchen zustande kam. Ich selbst küsste Uschi Glas nach Lehmanns Parade, einfach so, das war gewissermaßen mein Durchbruch als Patriot. Mein ganzes Leben hatte ich in diesem Nörgelland gelebt, freuen konnte man sich als Kind von 68er-Eltern über deutsche Fußballsiege ja sowieso nicht, das steckte ganz tief als Verbot im Unterbewusstsein, und plötzlich riss ich beim verschossenen Elfmeter der Gauchos die Arme hoch und küsste Uschi Glas.

Wie kann man das nun erklären, sich einfach so von Uschi Glas schwarzrotgold bemalen zu lassen und dann dieser Kuss? Vielleicht war es ein Gefühl, das eben nicht auf ein Statement, einen Kommentar, eine Abgrenzung, eine politisch zementierte und harte Botschaft gemünzt war, sondern es geschah aus einem freien, weichen Gefühl heraus, es war ein freier, liebender Patriotismus, so wie ihn die ungarische Freundin beschrieben hatte, einen Patriotismus, der nicht so sehr auf Kompensation, auf Ersatz für irgendwas beruhte.

─── II ───

Es folgten weitere Turniere. 2008 die EM in Österreich und der Schweiz; 2010 die WM in Südafrika; 2012 die EM in Polen und der Ukraine. Das waren alles schöne Turniere, mit deutschen Teams, mit denen man sich in seiner angelernten Patriotismus-Laufbahn identifizieren konnte: Odonkor, Kurányi oder Aogo, Boateng, Özil, Khedira, Podolski, Gündoğan oder Mustafi, sie alle spielten in der deutschen Nationalmannschaft. Ich erinnere mich noch an das berühmte erste Migrationsfoto der Kanzlerin während der Qualifikationsphase für die WM in Südafrika. Die Kanzlerin stürmte ohne Anmeldung in die Umkleidekabine der deutschen Mannschaft und ließ sich mit dem halbnackten und erstaunten Özil fotografieren. Das war der Beginn des offiziellen deutschen Diversityfußballs – nur leider betraf diese Diversity nicht immer die deutschen Fans.

Bei der EM 2016 in Frankreich, wir waren ja mittlerweile Weltmeister in Brasilien geworden, hatte ich das erste Mal wieder einen Rückfall in alte Ängste aus der Zeit vor meinem Kauf der deutschen Fahne vom Türken. Ganz einfach: Es wurde mir zu viel…

Ein Deutschland-Spiel sah ich zum Beispiel zusammen mit 2000 Menschen am Postbahnhof im Quartier des 11Freunde-Magazins. Nach dem Spiel warf mir ein 11Freunde-Gast einen China-Böller vor die Füße, danach gab es einen widerlichen Knall.

„Warum machst du das?“, fragte ich.

„Schland!!“, schrie er mich an.

„Ach so“, antwortete ich. (Unfassbar, so ein Superböller explodiert mit einer Lautstärke von 120 Dezibel, ein deutsches Kaninchen fällt dabei tot um!)

Am Abend sah ich dann in der ARD „Waldis EM-Club“ aus einem Studio mit 2000 Leuten, die genauso aussahen wie die Menschen bei 11Freunde. Sie grölten ständig dazwischen, so dass auch die Studiogäste in ihren Aussagen immer lauter, böllernder und schlandmäßiger wurden, damit sie von den Schlandmenschen nicht ausgepfiffen wurden.

Am nächsten Tag beobachtete ich vom Balkon aus, wie ein Mann an seinem Auto arbeitete. Er hatte schon zwei Fahnen hinten, aber jetzt kniete er vor seinem Automobil und hielt eine Deutschlandfolie anpassend vor seinen Tankdeckel. Dann klebte er akribisch die Folie auf den Deckel, wobei er ein kleines Stück seiner gepressten Zunge seitlich herausstreckte, so wie man es manchmal bei Menschen beobachtet, die ein Höchstmaß an Konzentration mit einer Form von herausgepresster Lust verbinden. Die Tatsache, dass die Folie offenbar genau auf den Tankdeckel passte, schien den Mann zu ergötzen.

Diese gepresste Freude mit der wurstartigen Zunge und der Deutschlandtankdeckelfolie war plötzlich für mich zum Symbol dieser Schlandwochen geworden, die man als fußballliebender Purist vermutlich in Zukunft weit weit weg verbringen müsste.

Gepresste Freude, so eine gepresste, angestrengte Schland-Freude oder Schland-Sitte, das war es, was sich mehr und mehr ausbreitete. Die zu entdeckende Freude an einer neuen deutschen Spielkultur unter Jürgen Klinsmann und Jogi Löw von 2006 mit einem völlig anders aussehenden Team, diese Freude hatte sich mit den Jahren in ein irgendwie mechanisch wirkendes Schlandtum verzerrt, das mich eben an die Zeiten unter Berti Vogts oder Rüdi Völler erinnerte, in denen die Spieler Kohler, Schneider, Bierhoff, Ballack, Babbel, Böhme, Hamann oder Ziege hießen und man immer noch von deutschen Tugenden sprach, die die Deutschen 2002 ins Finale von Yokohama gegen Brasilien brachten, wo dann ausgerechnet Kahn, der Titan, mein erster Gast am Pool, versagte, nachdem er sonst alles gehalten hatte.

Ich weiß noch, dass ich während der EM 2016 in Frankreich die Termine meiner Frau in der Ausländerbehörde immer auf Tage der Schlandspiele legte.

In Haus C, Abteilung Z7, im Warteraum C64 mit festgeschraubten Eisenstühlen starrten Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und weitere Menschen aus Ozeanien auf eine Anzeigetafel neben dem Nummernautomaten, und ich war mir immer sicher, dass die Ausländerbehörde der einzige Ort in Berlin war, an dem man keine Schlandfahnen sah, keine Schlandtrikots und keine Schlandbacken. Garantiert hatte hier auch keiner Schlandböller dabei oder einen Schlandautospiegel.

─── III ───

Und wo werde ich nun die WM 2018 verbringen an jenen Tagen, an denen Deutschland spielt? 2006 saß kein einziger der AfD im Bundestag, es gab die Partei gar nicht, aber heute ist sie die stärkste Oppositionspartei mit 92 Sitzen und die Form und Inhalte ihrer Reden und oft ruppigen Einwürfe erinnern mich jetzt immer mehr an diesen Schland-Böller vor meinen Füßen im Quartier der 11Freunde. Und nun finden wir also die Böller, Brüller und die deutschen Parolen nicht nur auf den Marktplätzen, sondern auch im Bundestag. Natürlich, das sind keine Naziparolen, und nicht jeder, der AfD wählt, ist automatisch ein Rechtsradikaler – und ich finde sogar, dass man die Ängste dieser AfD-Wähler sehr ernst nehmen sollte – aber was bedeutet diese Spaltung der Gesellschaft für meine alte patriotische Identifikation mit Fußballdeutschland? Wie unterscheide ich meine Identifikation der Lust und der Freude am deutschen Spiel von jener der Deutschland schreienden Identifikation aus dem Gefühl, überfremdet, benachteiligt, weggeschoben, nicht beachtet und ausgegrenzt zu sein? Springe ich bei deutschen Toren auf und jubele und erkläre danach, dass ich das nicht politisch meine? Absurd, ja, aber darüber beginnt man ja schon nachzudenken, so sehr setzt einem schon dieses nationale Gerede zu. Und wie verhalte ich mich, wenn die, die jetzt deutsche Traumpässe bejubeln, eigentlich damit meinen, dass Deutschland den Deutschen gehöre und nicht mal registrieren, dass der Traumpass von Özil kam? Kurz: Was passiert nun mit meiner schönen, weichen Chiffre, Uschi Glas schwarzrotgoldene Wange zu küssen?

Von Moritz Rinke

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