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Giulia Gwinn: Der Name verpflichtet

Beste junge Spielerin der WM, beste Nationalspielerin des Jahres, die meisten Follower im deutschen Frauenfußball. Giulia Gwinn vom FC Bayern München ist in den vergangenen Monaten zum Star der Branche aufgestiegen. Und daran als Mensch gereift.

Giulia Gwinn, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ein eigenes Label zu gründen?

Mir schoss schon mal der Gedanke durch den Kopf, dass es cool sein müsste, irgendwann ein eigenes Shirt zu entwerfen. Weil mich Mode interessiert und ich supergerne shoppe. Außerdem absolviere ich ja auch ein Sportmanagement- Fernstudium. Aber gleich ein eigenes Label gründen? Da spiele ich wohl doch besser erst mal weiter Fußball.

An jungen Käufern für Ihre Produkte würde es wohl kaum mangeln. Bei Instagram sind Sie mit über 215.000 Abonnenten die erfolgreichste deutsche Fußballspielerin und damit eine erfolgreiche Influencerin.

Es ist schon Wahnsinn, was da in den vergangenen Monaten passiert ist. Mein Kanal ist seit der Weltmeisterchaft im letzten Sommer regelrecht explodiert. Einerseits freut mich das, weil es zeigt, dass meine Inhalte, die ich poste, bei den Leuten gut ankommen. Anderseits nehme ich die große Abonnentenzahl nicht zu ernst, weil ich auf Instagram nicht aktiv bin, um so viele Abonnenten wie möglich zu haben.

Sondern?

Sondern um die Leute, die an mir Interesse haben, über mich auf dem Laufenden zu halten und mit ihnen in Kontakt zu sein. Ich kann ja leider nicht jeden persönlich anrufen oder anschreiben. Von daher bietet Instagram mir einfach eine tolle Gelegenheit der Kommunikation, bei der keiner bevor- oder benachteiligt wird und trotzdem authentisch etwas von mir erfährt. Ich mag daher den Begriff Influencerin auch gar nicht so gerne, auch wenn mir klar ist, dass ich mittlerweile auf dieser Plattform eine gewisse Vorbildfunktion habe.

Wie gehen Sie als 20-Jährige damit um?

Letztendlich ist jeder für seine Social-Media-Aktivitäten persönlich verantwortlich und sollte sich bewusst machen, dass Facebook Instagram und Co. keine Spielwiesen sind. Sondern sie stellen gerade in unserer Generation eine vielbeachtete Kommunikationsplattform dar, auf der man insbesondere als Nationalspielerin authentisch, jedoch immer mit Respekt agieren sollte. Ich denke lieber zweimal nach, bevor ich unbedacht irgendwas Sinnfreies in die Welt setze.

Was halten Sie generell von der gesellschaftlichen Social-Media-Diskussion?

Meine Eltern hatten früher jeden Morgen die Tageszeitung auf dem Tisch. Meine Generation informiert sich überwiegend online. Und dabei spielt Social Media eben eine zentrale Rolle. Diese neuen Medien sind Teil des Alltags. Ob man das jetzt gut findet oder nicht. Über die Art und Weise der Nutzung kann man aber sicherlich verschiedener Meinung sein. Mir macht Instagram viel Spaß, ich weiß aber auch, dass dabei verantwortungsvoller Umgang erforderlich ist.

Der Spiegel schrieb bereits von der Generation Gwinn.

Als ich das las, musste ich zunächst schmunzeln. Ich will mir nicht anmaßen, für eine ganze Generation zu stehen. Aber ich kann sehr wohl für mich sprechen. Und der Nachname Gwinn verpflichtet natürlich in gewisser Weise. (lacht)

Wie sehen Sie sich selbst?

Ich bin eine sehr ehrgeizige und zielstrebige Person. Ich will immer gewinnen und weiß, dass ich dafür viel investieren und auch auf gewisse Dinge verzichten muss. Nichtsdestotrotz bin ich nicht nur eine Fußballerin, sondern vor allem auch eine junge Frau, die Spaß am Leben hat und ganz normale Hobbys, die andere junge Frauen in meinem Alter auch haben. Ich shoppe wie eingangs erwähnt wirklich gerne und gehe auch gerne ins Kino. Ich denke, bei mir ist es eine Mischung aus lebensfroher Unbeschwertheit und absoluter Fokussierung auf die sportlich höchstmöglichen Ziele. Am Ende geht es darum, als Mensch zu gewinnen und all die Erfahrungen, die man macht, als Möglichkeit zu begreifen, sich selbst weiterzuentwickeln. Das klingt vielleicht etwas philosophisch, aber mir ist insbesondere in den vergangenen Monaten bewusst geworden, dass man möglicherweise nicht jedes einzelne Spiel gewinnen kann. So ordne ich mittlerweile auch die anfangs schmerzhafte Erfahrung im WM-Viertelfinale ein. Vielleicht hilft mir diese Niederlage jedoch für große Siege in der Zukunft. Ich mag mal fallen, aber kein Sturz hält mich davon ab, wiederaufzustehen.

Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #41 im März 2020. Hier klicken und nachbestellen

Sie hatten sich im Oktober bei einem Zweikampf im Training die Schulter verletzt. Sie mussten operiert werden, fielen drei Monate aus. Wie schwer fiel Ihnen die Pause?

Anfangs megaschwer. Es war meine erste größere Verletzung. Daheim hatte ich gelegentlich das Gefühl, mir würde die Decke auf den Kopf fallen. Aus diesem Grund habe ich die Reha dann auch am Campus beim FC Bayern absolviert, einfach um möglichst nah an der Mannschaft zu sein. Das hat gutgetan. Und nun bin ich einfach nur froh, dass ich wieder auf dem Platz stehen und mithelfen kann, unsere Saisonziele zu erreichen.

Die lauten?

Wenn man für den FC Bayern aufläuft, werden immer Titel erwartet. Diese Erwartungshaltung hat sich der Verein mit toller und erfolgreicher Arbeit über Jahrzehnte hinweg aufgebaut. Und klar, auch ich will in der Zukunft mit diesem Verein Titel gewinnen. In dieser Saison haben wir allerdings die Jägerrolle inne – und ich kann sagen: Wir alle haben große Lust zu jagen. Es ist unser klares Ziel, uns erneut für die Champions League zu qualifizieren. Dafür müssen wir mindestens Zweiter werden.

Keine leichte Aufgabe.

Ganz und gar nicht. Wolfsburg ist aktuell in Deutschland das Maß aller Dinge. Und Hoffenheim spielt eine beeindruckend konstante Serie. Aber wir haben genug Qualität im Kader, um unseren Ansprüchen und Erwartungen in der zweiten Saisonhälfte noch gerecht zu werden.

Inwiefern hat Sie auch Ihr Wechsel im Sommer zum FC Bayern weitergebracht?

Ich hatte mir meine Entscheidung damals wirklich nicht leicht gemacht, weil ich mich in Freiburg superwohl gefühlt hatte. Aber es war einfach Zeit für den nächsten Schritt. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es die absolut richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt war. Beim FC Bayern ist das Niveau auf und neben dem Platz noch mal ein anderes. Wir haben extrem professionelle Bedingungen am Campus, spielen in der Champions League und sind in der Bundesliga oben dabei. Es ist all das eingetreten, was ich mir als junge Spielerin gewünscht und von meinem Wechsel nach München erwartet habe. Ich denke, ich kann sagen, dass ich durch den Wechsel als Fußballerin, aber auch als Person gereift bin.

Hat dazu auch die WM beigetragen, bei der Sie als beste junge Spielerin ausgezeichnet wurden?

Ganz sicher. Ich bin seitdem viel stärker in den öffentlichen Fokus gerückt. Medien- und Sponsorentermine haben deutlich zugenommen. Auf der Straße werde ich jetzt öfter erkannt. An all diesen Aufgaben bin ich gewachsen. Das alles zu meistern, hat mir rückblickend zusätzliches Selbstvertrauen und noch mehr Selbstsicherheit verliehen.

Das Jahr 2020 begann mit einer weiteren persönlichen Auszeichnung: Mit über 50 Prozent der Stimmen wählten die Fans Sie zur Nationalspielerin des Jahres 2019.

Als ich diese Werte gesehen habe, dachte ich einfach nur: Wow! Es ist schön, so eine Wertschätzung von den Fans zu bekommen und zu wissen, dass einen so viele unterstützen. Mir ist aber auch klar, dass so eine Auszeichnung ohne eine großartige Mannschaft nie möglich wäre. Deshalb bin ich einfach froh und dankbar, Teil des Teams zu sein.

Was dürfen wir vom DFB-Team erwarten?

Nachdem wir uns ja leider nicht für Olympia qualifiziert haben, begreifen wir die Situation jetzt als Chance. Wir haben einen recht großen Umbruch vollzogen und eine junge Mannschaft, die dadurch vielleicht noch mehr Gelegenheit hat, sich zu finden und zusammenzuwachsen, um danach die letzten Schritte Richtung Europameisterschaft 2021 in England machen. Da sind wir auf einem guten Weg.

Mit dem EM-Titel könnte man dann ja noch mal die Idee eines eigenen Labels aufgreifen.

Wenn es so kommt, können wir gerne noch mal über das Thema reden. (lacht)

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Timo Werner im Interview: „Jetzt atmest du mal schnell in die Tüte“

Timo Werner jubelte einst Mario Gomez zu und glaubte nicht an eine große Fußballer-Karriere. Doch dann kam alles anders. Werner spricht im Exklusiv-Interview im Socrates Magazin darüber, warum er typisch ist und warum er sich erlaubt, immer noch ein junger Mann zu sein. 

Timo Werner, sind Sie typisch deutsch?

Das würde ich schon von mir behaupten.

Sie sind also ordentlich.

Ich bin sicherlich auch mal schludrig, aber in der Regel bin ich schon ordentlich, ja.

Bedeutet das, Sie räumen zuhause auf?

Meistens schon. Obwohl manchmal macht es auch meine Freundin. Okay, vielleicht doch eher sie. (lacht) Aber wenn es sein muss, dann mache ich es.

Welche klischeehaften, deutschen Eigenschaften machen Sie denn sonst noch aus?

Ich bin eigentlich immer pünktlich. Und ich würde von mir sagen, dass ich bei der Arbeit, also in jedem Training, arbeitseifrig bin. Ich bin keiner, der sich auf die faule Haut legt, sondern jemand, der sich anstrengt und immer besser werden möchte. Ich nehme das auch in anderen Berufsbereichen wahr: Die Deutschen sind schon sehr konsequent beim Aufstehen in der Früh und bei der Einhaltung der Arbeitszeiten – selbst wenn man möglicherweise einen Job hat, der einem nicht wirklich Freude bereitet. Die Arbeit wird immer erledigt. In dieser Hinsicht sind wir Weltmeister.

Das Interview mit Timo Werner erschien in der Ausgabe #20 im Juni 2018.

Timo Werner: „Keine schlechte Zeit für einen Stürmer“

Wie beim Fußball, der unsere Gesellschaft ebenfalls prägt. Welches deutsche Stürmer-Trikot hat Sie als Kind am meisten fasziniert?

Das Trikot von Mario Gómez. Er war mein Vorbild. Und ist Teil der deutschen Stürmer- Geschichte, die durchaus beeindruckend ist. Und aus der für mich Gerd Müller mit seinen zahlreichen Rekorden und Toren herausragt. Er ist für mich nach wie vor das Aushängeschild des deutschen Fußballs. Natürlich folgen dahinter auch noch viele andere große Namen, die auf einem ähnlich überragenden Niveau waren und zu denen man als junger Stürmer aufschaut. Aber Gerd Müller kennt bis heute jedes Kind. Selbst die Kinder, die in diesem Jahrhundert geboren worden sind und ihn nie haben spielen sehen.

Speziell in den vergangenen Jahren wurde öffentlich bemängelt, dass es in Deutschland keine Stürmer mehr gebe. Hatten Sie dabei gelegentlich gedacht: Wartet ab, ich komme bald und löse das Problem?

Als ich nach Leipzig kam, war der Klub gerade erst aufgestiegen. Da war die Champions League noch sehr weit weg – genauso wie die Nationalmannschaft. Da hatte ich völlig andere Gedanken. Aber natürlich wusste ich, dass ich auf einer Position spiele, auf der in Deutschland Bedarf besteht und auf der man vielleicht ganz gut und schnell irgendwo reinstoßen kann. Es ist sicherlich keine schlechte Zeit für einen Stürmer. Als Zehner oder Außenbahnspieler hätte ich den Sprung in die Nationalmannschaft möglicherweise nicht so schnell gepackt. Vielleicht hatte ich da etwas Glück, aber im Endeffekt habe ich mir meinen Platz erarbeitet. Meine Torquote war zuletzt ja auch nicht so schlecht.

Problem gelöst.

Ich weiß gar nicht, ob es ein Problem gab. Man hat ja 2014 gesehen, dass Deutschland auch ohne echten Stürmer spielen und Weltmeister werden kann. Vor einigen Jahren haben viele nach einem zentralen Mittelfeldspieler gerufen. Zuvor wünschte man sich mehr Sechser oder Flügelspieler. Wir meckern ja alle gerne meistens an der Stelle, an der es scheinbar ein bisschen hapert.

Timo Werner: „Werde mich niemals Völler und Co. vergleichen“

Ist es als Stürmer in Deutschland aufgrund der großen Vorgängernamen besonders schwierig zu bestehen?

Es ist schon was anderes, Stürmer zu sein als Verteidiger. Wenn du den Ball reinschießt, bist du der große Held, der 80 Millionen Deutsche ins Viertelfinale, Halbfinale oder sogar Finale schießt. Und wenn du den entscheidenden Ball verschießt und Deutschland aus dem Turnier fliegt, bist du möglicherweise für vier Jahre der Depp. Das ist ein schmaler Grat, auf dem man als Stürmer wandelt. Aber ich habe mir genau diese Position ausgesucht. Ich wusste: Wenn ich irgendwann mal so weit kommen möchte, dann muss ich mit diesen Schwierigkeiten umgehen können. Und dabei macht es keinen Sinn, sich mit Spielern zu vergleichen, die vor 50, 60 Jahren aktiv waren und mittlerweile Legenden sind. Das wäre auch viel zu viel Druck. Wenn überhaupt, dann sollte man sich mit Spielern vergleichen, die aktuell auf dem Platz sind. Und dann kann man sagen: Es fehlt noch ein ganzes Stück zu einem Cavani oder Lewandowski.

Fehlt da bei Ihnen noch etwas?

Auf jeden Fall. Und deshalb liegt auch noch genug Arbeit vor mir. Aber nochmals: Ich werde mich selbst niemals mit einem Müller, Völler oder Rummenigge messen.

Um Vergleiche mit Gómez kommen Sie jedoch nicht herum. Früher Vorbild, jetzt Konkurrent. Wie nehmen Sie selbst dieses Duell wahr?

Einerseits ist es eine komische Situation. Ich saß im Alter von zehn, elf, zwölf Jahren früher im Stadion beim VfB Stuttgart und habe ihm zugejubelt, wenn er ein Tor geschossen hat. Jetzt sitze ich in der Kabine neben ihm, spiele manchmal sogar für ihn. Anderseits freue ich mich einfach riesig, dass ich es dorthin geschafft habe und dass ich den Weg meines Vorbildes nachahmen konnte. Es gibt viele junge Stürmer, die das gleiche Ziel haben wie wir. Aber es gibt wenige, die dieses dann auch erreichen.

Timo Werner: „Ich soll die Karriere genießen“

Vor allem in dieser rasanten Geschwindigkeit. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, unterschrieben Sie kurz zuvor in Stuttgart gerade Ihren ersten Profivertrag. Vier Jahre später mit Gomez im WM-Kader.

Wir haben 2014 mit dem VfB gegen den Abstieg gespielt, da war so ein Thema unrealistisch. Selbst wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, dass ich sehr bald in der Bundesliga, Champions League und Europa League viele Tore mache, dann auch noch Nationalspieler werde und ebenfalls treffe, dann hätte ich zu der Person gesagt: ‚Komm, wir gehen mal um die Ecke, du atmest mal schnell in die Tüte und dann ist alles wieder gut.‘ (lacht)

Dieser Person wären Sie jetzt etwas schuldig.

Absolut. Und ich freue mich natürlich, dass es so gekommen ist. Es ist schon Wahnsinn: Einst habe ich die WM teilweise beim Public Viewing als Fan verfolgt. Der Gedanke, dass ich selbst mal für die Nationalmannschaft spielen könnte, war ganz weit weg. Natürlich war mir bewusst, dass ich ein gewisses Talent besitze. Jedoch muss schon viel zusammenkommen, dass du da dann auch wirklich hinkommst.

Wünschen Sie sich gelegentlich nicht mal Zeit zum Durchatmen?

Es stimmt schon: Manchmal ist es schwer, alles zu realisieren und zu verarbeiten. Erst vor kurzem ging mit durch den Kopf: ‚Das ist jetzt schon deine fünfte Bundesliga-Saison. Jetzt sind auch schon wieder zwei Jahre RB Leipzig vorbei, du hast Champions League gespielt, bist Nationalspieler, stehst vor deiner ersten WM. Und du bist mittlerweile 22 Jahre alt, denkst aber, dass du eigentlich noch 19 oder 20 bist.‘ Die Zeit geht so schnell rum. Viele Personen von außen sagen immer, man solle die Karriere genießen, weil sie schnell vorbeigehe. Dass da was dran ist, habe ich in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gemerkt. Weil wir Menschen ja nicht in der Vergangenheit leben können, müssen wir alles im Hier und Jetzt betrachten. Und wenn man dann am Wochenende ein Spiel verliert, ist man die kommenden drei Tage sauer und kann sich eben nicht damit trösten, was man in den vergangenen Jahren alles geleistet hat.

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Timo Werner: „Ich kann noch viel lernen“

Fällt es da wirklich so leicht, sich keinen Kopf zu machen, wie Sie häufig betonen?

Wenn man gewinnt, ist es deutlich einfacher. Dann läuft vieles von alleine. Wenn man verliert, dann jedoch nicht. Dann kommt der Kopf ins Spiel. Erstens, weil man beginnt, sich selbst zu hinterfragen. Zweitens, weil man darüber nachdenkt, was mit der Mannschaft los ist, was gerade möglicherweise nicht so gut funktioniert. Natürlich mache auch ich mir dann Gedanken, warum man verliert, warum man selbst keine Top-Leistung erreicht hat. Nach Niederlagen hängen auch vergebene Chancen länger nach. Es gibt Phasen im Fußballgeschäft, die schwer sind – gerade wenn man aus einem Wettbewerb wie der Champions League oder der Europa League rausfliegt. Aber auch damit umzugehen, muss man lernen. Und ich denke, das habe ich ganz gut hinbekommen.

Was tun Sie, um die jugendliche Lockerheit beizubehalten?

Ich erlaube mir einfach, 22 zu sein. In meinem Alter ist es nicht so schwer, den Kopf frei zu bekommen. Dann muss man abends halt einfach auch Sachen machen, die man als normaler 22-jähriger Junge macht: sich vor die PlayStation hocken, ins Kino gehen, vielleicht auch abends mal mit der Freundin oder den Freunden weggehen. Und nicht versuchen, sich aufgrund des Jobs und des öffentlichen Interesses plötzlich anders zu verhalten. Man sollte als 22-jähriger Profi neben dem Fußball auch normal leben dürfen. Das erlaube ich mir.

Weshalb Sie in Fußball-Deutschland bereits als echter Typ mit klarer Haltung wahrgenommen werden. Empfinden Sie das als Kompliment?

Wenn damit Charakterstärke gemeint ist, freue ich mich durchaus darüber. Aber trotzdem bin ich in einem Alter, in dem ich mich noch nicht als riesigen Typen bezeichnen würde. In der Nationalmannschaft habe ich viele gestandene Personen um mich herum: einen Müller, einen Hummels, einen Kroos. Das sind alles Spieler, an denen ich mich orientiere. Das sind Spieler, die mit ihrer Willensstärke vorangehen und von denen ich noch viel lernen kann.

Spiegelt das öffentliche Bild des Fußballers Timo Werner, der auch mal aneckt, den privaten Timo Werner korrekt wider?

Ich bin schon jemand, der deutlich zeigt, dass ihm etwas nicht gefällt, wenn er unzufrieden ist. Und trotzdem bin ich eigentlich ein lieber Junge, der niemandem etwas Böses will. Besonders in den vergangenen Jahren habe ich einige Dinge erlebt, die mich haben reifen lassen. Als Fußballer und als Mensch. Ich habe auch kein Problem damit, in diesem Zusammenhang nochmal meine Schwalbe 2016 gegen Schalke zu erwähnen, für die ich viel Kritik einstecken musste, vor der ich mich aber nie verkrochen habe. Jeder hat ja so eine innere Stimme. Meine sagt mir, dass ich wirklich gut mit der Situation umgegangen bin und dass ich es durchaus verdient habe, nach allen Schwierigkeiten nun auch weiterhin Erfolg auf dem Platz zu haben.

Sie streben mehr danach, erfolgreich anstatt everybody’s darling zu sein?

Everybody’s darling – ich weiß gar nicht, ob das geht. Natürlich strebe ich nach Erfolg, ich bin schließlich Leistungssportler. Aber dennoch bin ich keiner, der es sich dabei mit allen Menschen verscherzen oder der da draußen der große Buhmann sein möchte. Ich will keine Show abziehen oder den großen Macker raushängen lassen. Ich will einfach meinen Traum leben, Fußball spielen und meine Leistung bringen. Für meinen Verein. Und für mein Land.

Welchen Anteil hat RB Leipzig an Ihrem Erfolg?

Ich habe RB sehr viel zu verdanken. Der VfB Stuttgart war mein Ausbildungsverein. Aber hier in Leipzig bin ich zu dem Profi geworden, der ich jetzt bin. Hier habe ich viel Neues im taktischen Bereich, aber auch bei der Arbeit mit dem Ball gelernt. Für mich steht fest: Ohne RB wäre ich nicht Nationalspieler geworden. Aber im Turnier hilft einem der Verein leider nichts. Da müssen mir meine persönlichen Stärken Flügel verleihen. Und die müssen mich auch durch meine Karriere tragen, selbst wenn ich RB irgendwann einmal verlassen sollte.

Der Socrates Newsletter

Wie wertvoll ist für dieses große Ziel der Austausch mit Trainer-Assistent und Ex-Stürmer Miro Klose?

Miro ist gerade für einen jungen Stürmer ein wichtiges Detail im Trainerstab. Er ist eine Persönlichkeit, die aufgrund ihrer großen Turniererfahrung wertvolle Tipps geben kann. Er kommt viel auf mich zu, weil er weiß, dass ich sehr viel zu lernen habe. Er gibt mir seine Empfehlungen weiter. Dabei waren auch schon zwei, drei Tipps, die sich in Länderspielen dann auch tatsächlich in Tore umgemünzt haben.

Dürfen Sie diese Tipps verraten oder sind diese so geheim, dass dadurch auch Ihre Sturm Konkurrenz umgehend besser trifft?

Es handelt sich dabei vor allem um Laufwege vor dem Tor und Gedanken, die man vor dem Torabschluss entwickelt. Das trainiere ich dann einfach zwei-, dreimal mit Miro und übernehme es dann eher instinktiv. Das geht bei mir relativ schnell. Miro ist daher sehr wichtig für mich.

Andere Frage: Wie froh sind Sie, dass Sie Werner heißen und nicht Schuh wie Ihr Vater, der selbst Fußballprofi war?

(lacht) Mein Papa ist darüber nicht froh, auch wenn er sich mittlerweile damit abgefunden hat. Für mich ist das kein Problem. Man gewöhnt sich an den Namen, den man trägt. Es wäre komisch, jetzt Schuh zu heißen.

Haben Sie mal über die möglichen Schlagzeilen im Boulevard nachgedacht?

Da hätten sich wahrscheinlich einige angeboten. Wahrscheinlich sollte ich also froh sein, Werner zu heißen. Der Name klingt ja auch typisch deutsch.

Interview: Felix Seidel

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Tedesco, Gwinn, Zlatan: Das ist die 41. Ausgabe

Die 41. Ausgabe ist im Handel: Wie Domenico Tedesco das Aus bei Schalke 04 verarbeitet hat und seine neue Aufgabe in Russland bei Spartak Moskau angeht, verrät er im Interview. Auch Giulia Gwinn hat eine spannende Zeit hinter sich. Darüber spricht sie im Interview. Und Zlatan? Bei ihm geht es um das wichtigste Gut: sein Ich.

Domenico Tedesco: Ohne Posaunen

Er gilt als einer der talentiertesten Trainer Europas und wie es zum guten Ton gehört, hat Domenico Tedesco auch schon seine erste Entlassung hinter sich. Doch der 34 Jahre alte Trainer von Spartak Moskau zieht aus der Trennung bei Schalke 04 lieber das Positive und geht mit neuen Lehren seine Aufgabe in Russland an.

Tedesco spricht im Interview darüber, dass sein Image als Taktik-Nerd gar nicht so zieht und andere Dinge viel wichtiger sind, wenn es darum geht, eine Mannschaft zu trainieren. Und natürlich haben wir gefragt, wie sein Russisch ist und ob er in Moskau schon zurecht kommt.

Giulia Gwinn: Der Höhenflug

In Russland hat auch Giulia Gwinn viele Fans – und nicht nur dort. Sie ist die beste junge Spielerin der WM gewesen, ist beste Nationalspielerin des Jahres, hat die meisten Follower im deutschen Frauenfußball. Giulia Gwinn vom FC Bayern München ist in den vergangenen Monaten zum Star der Branche aufgestiegen. Und daran als Mensch gereift. Wir spachen mit ihr darüber.

Zlatan Ibrahimovic und das Ich

Viele Fans, viele Titel, viel Aufmerksamkeit? Kennt Zlatan Ibrahimovic sogar richtig gut. Inzwischen reifte der Schwede vom Fußball-Star zur Marke und die Masche funktioniert, weil er auf dem Platz erfolgreich ist. Und die Masche findet Nachahmer und hat Einfluss auf die folgende Generation von Fußballern und Fans. Die Story in der aktuellen Ausgabe.

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Socrates Magazin 41: Das ist drin
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Serge Gnabry: „Per? Wie ein anstregender Vater“

Nationalspieler Serge Gnabry profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Ein klarer Plan brachte ihn von London über Bremen und Hoffenheim zum FC Bayern. Dort ist der 24 Jahre alte Offensivmann nun der Mann für alle Schnauzer. Bei Socrates spricht er aber nicht nur darüber.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Serge Gnabry, googlen Sie Ihren Namen?

Klar, das habe ich zu Beginn meiner Karriere schon gemacht. Da wollte ich wissen, was im Internet über mich geschrieben steht. Aber ich bin jetzt nicht so ein Computerfreak, dass ich wüsste, wie viele Treffer es zu meinem Namen gibt.

Es sind über 1,2 Millionen.

Das ist viel.

In der Tat. Wie wichtig ist Ihnen Popularität?

Im Fußballbusiness stehst du in der Öffentlichkeit, ob du willst oder nicht. Das akzeptiere ich und begreife es als Teil meines Jobs. Privat versuche ich, alles etwas ruhiger zu gestalten. Das tut mir persönlich gut. Ich sitze nicht daheim und denke darüber nach, wie populär ich möglicherweise bin.

Denken Sie daheim über Frisuren nach? In der Bildersuche tauchen Sie mit auffällig vielen Looks auf.

Es gefällt mir auf jeden Fall, immer mal wieder etwas zu verändern. Ich bin bei meiner Optik gerne kreativ und offen für vieles. Bei mir wachsen die Haare relativ schnell nach, weswegen ich bei dem Thema auch sehr entspannt bin. Bevor ich zu diesem Interview gekommen bin, habe ich meinen Bart verändert, jetzt trage ich Schnauzer. Daran ist Joshua Kimmich übrigens nicht ganz unschuldig.

Erzählen Sie.

Sagen wir es mal so: Ich hatte Joshua stark bearbeitet, dass er sich einen Schnauzer schneidet. Dann klopfte es irgendwann im Mannschaftshotel an meiner Zimmertür. Joshua stand mit unschlüssigem Gesicht und einem Schnauzer vor mir. Ich musste lachen und sagte spontan: „Wenn du ihn stehen lässt, bin ich der nächste, der einen Schnauzer hat.“ Ich hoffe, dass noch einige von den anderen Jungs uns barttechnisch folgen werden. Sandro Wagner habe ich den Schnauzer bereits wärmstens empfohlen. Der braucht allerdings noch Bedenkzeit.

Zurück zu Ihren Haaren. Stehen Frisuren bei Ihnen für Lebensabschnitte?

Ich hatte wirklich schon viele. Mal die Haare hoch, dann ganz kurz wie jetzt. Einmal hatte ich auch einen blonden Streifen. Aber damals war ich 17 – also why not? Meistens kommen die Anstöße für Frisuren von Freunden. Ich ziehe es dann durch. Sie stehen eher für eine Laune als für Lebensabschnitte.

Inwiefern haben sich nicht nur Optik, sondern auch Träume verändert?

Ich trage tatsächlich immer noch die gleichen Träume in mir wie damals mit 16, als ich zum FC Arsenal ging. Das war sicherlich ein sehr gewagter Schritt zu dem Zeitpunkt. Aber schon damals wollte ich auf dem höchsten Level Fußball spielen und Titel gewinnen. Und das will ich noch immer.

In London arbeiteten Sie unter Arsène Wenger. Was von ihm ist Ihnen besonders im Kopf geblieben?

Arsène Wenger ist ein sehr beobachtender Typ. Ich fand sehr bemerkenswert, dass er jedem Spieler viel Freiheit gegeben hat. Und dass er den Spielern auch viel Verantwortung übertragen hat. Dadurch ergab sich für jeden die Möglichkeit, auch als Person zu wachsen. Das hat meine Entwicklung ganz sicher positiv beeinflusst.

Insgesamt verbrachten Sie vier Jahre in England. Inwiefern hat Sie die Zeit im Ausland verändert?

Allein der Schritt ins Ausland war damals ein Riesending. Man lässt Familie und Freunde zu Hause, kommt in ein neues Land, trifft auf eine neue Kultur. Man lernt, sich zu adaptieren, mit einer anfangs ungewohnten Situation zurechtzukommen. Es war sicher nicht immer easy. Gerade die Zeit von 16 bis 20 oder 21 ist vielleicht die Zeit, in der du als heranwachsender Mann alles erleben willst. Dass ich das in London erleben durfte, hat mir auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel gegeben.

Auch familiär profitieren Sie von unterschiedlichen Perspektiven. Ihr Vater stammt aus der Elfenbeinküste, Ihre Mutter aus Schwaben. Sind Sie froh, nicht eindimensional aufgewachsen zu sein, sondern Vielfalt zu verkörpern?

Ich sehe in dieser Vielfalt tatsächlich nur Vorteile. Je mehr du von der Welt mitbekommst, je mehr Erfahrungen du machst, desto mehr hast du die Möglichkeiten zu vergleichen, Dinge anders einzuordnen.

Sind Sie mehr Ivorer oder mehr Schwabe?

Der Schwabe spart.

Trifft das auf Ihre Mutter zu?

Ja. Das kriegst du aus ihr nicht raus.

Und, haben Sie die Sparsamkeit von ihr übernommen?

Teils, teils. Ich habe zum Glück von beiden Seiten etwas mitbekommen. Die Sparsamkeit und die typisch deutschen Tugenden von meiner Mutter. Und von meinem Vater das Lebhafte, den Spaß, den Genuss und die Freude an afrikanischer Musik. Ich weiß gar nicht, wie die beiden sich gefunden haben. (lacht)

Zeichnet Sie diese bunte Mischung auch als Fußballer aus?

Es fällt mir in der der Tat schwer, mich als Fußballer klar einem bestimmten Spielstil zuzuordnen. Nur Fußball zu arbeiten, das trifft auf mich nicht zu. Ich muss ihn auch leben können.

Welcher Gedanke treibt Sie konkret an?

Am wichtigsten ist mir, Freude an dem zu haben, was ich tue. Und die Zeit zu genießen, so lange ich gesund bin. Ich habe das Glück, dass der Fußball dafür sehr gute Rahmenbedingungen bietet, um viel Freude an seinem Beruf zu entwickeln.

Geht das im harten Fußballgeschäft überhaupt: immer Spaß zu haben?

Das geht schon. Klar, du musst mit Dingen wie Ergebnisdruck und Medienpräsenz zurechtkommen. Aber wenn du dir vor Augen führst, was dir da ermöglicht wird, musst du doch gute Laune haben: einfach Fußball spielen zu dürfen. Das war früher mein Hobby, meine Leidenschaft. Jetzt ist genau das mein Beruf. Dann muss das doch Spaß machen.

Bis Sie nach Ihren ersten beiden A-Länderspielen 2016 wieder von Jogi Löw für die Nationalmannschaft berufen worden sind, verging viel Zeit. Schoss Ihnen da im Vorfeld der WM mal die Frage durch den Kopf: Warum nominiert Jogi Löw mich nicht, der braucht mich doch?

Deutschland hat genug gute Spieler. Ich denke, ich habe auch vergangene Saison gute Leistungen gezeigt, war in einer guten Verfassung. Leider wurde ich dann durch die Verletzung gestoppt. Jetzt bin ich froh, wieder fit zu sein und auch für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Hat Deutschland seit dem Gruppenaus bei der WM seinen Top-Team-Status verloren?

Das sehe ich nicht so. Es gab auch andere Weltmeister, die ebenfalls früh beim nächsten Turnier die Heimreise antreten mussten. Und trotz der sicherlich nicht perfekten Ergebnisse in der Nations League kann ich nicht erkennen, dass die Nationalmannschaft an sportlicher Wertigkeit verloren hat. Ich denke, andere Nationen haben nach wie vor großen Respekt vor uns, weil jeder weiß, wie gefährlich Deutschland ist. Und das werden in Zukunft ganz sicher auch die Ergebnisse wieder belegen.

Bis Sie beim FC Bayern durchstarten konnten, dauerte es aufgrund Ihrer im Sommer noch nicht vollständig auskurierten Verletzung ebenfalls. Ist Geduld eine Stärke oder Schwäche von Ihnen?

Eine Schwäche. Als Fußballer willst du spielen. Das kann jeder der Jungs unterschreiben. Da Geduld aufzubringen, ist innerlich am schwersten. Äußerlich geht das. Man ringt in so einer Phase mit sich selbst: Man weiß zwar, dass es nicht geht, jedes Spiel zu machen und sein Ego über das Team zu stellen. Aber man will trotzdem auf den Platz. Du versuchst dann einfach, jedes Training Gas zu geben. Es bringt ja nichts, eine beleidigte Miene zu schieben. Aber ganz ehrlich: Nicht zu spielen, das ist mit das Schlimmste für einen Fußballer.

Gab es im Zuge Ihres Bayern-Wechsels Zweifel, ob Sie eine echte Chance haben, solange Arjen Robben und Franck Ribéry noch spielen?

Ich war relativ jung, als Franck bereits bei Bayern wirbelte. Da saß ich teilweise vor dem Fernseher und staunte. Mir war jedoch immer klar, dass eine Mannschaft, die in drei Wettbewerben vertreten ist, mehr als nur zwei Außenspieler benötigt. Und jeder von uns Flügelspielern geht mit dem gleichen Ehrgeiz an die Sache ran und will spielen. Im sportlichen Sinne ist es meine Konkurrenz. Aber ich bin auch ihre. Da spielt Alter keine Rolle.

Der Socrates Newsletter

Arjen Robben lobt Sie als „Freund im Fitnessraum“.

Das ist ein schönes Kompliment. Aber Arjen verbringt dort immer noch etwas mehr Zeit als ich. Er hat ein sehr straffes Programm. Ich habe mein eigenes. Aber es gibt auch viele andere Jungs, die im Kraftraum gut dabei sind.

Welche?

Meine beiden Schnauzer- Freunde zum Beispiel: Joshua und Sandro. Gerade von Sandro haben einige Menschen möglicherweise ein falsches Bild. Er ist einer der ehrgeizigsten Spieler, die ich kenne. Einer, der auch im Gym immer alles gibt.

Kommt da bei Ihnen im Fitnessraum wieder die Mutter durch – auch außerhalb des Rasens sehr hart für den Erfolg arbeiten zu müssen?

Das ist sehr gut formuliert. In der Frage steckt viel Wahrheit drin. Ich möchte damit nicht sagen, dass mein Vater nicht auch hart arbeitet. Aber als kreativer Offensivspieler bist du von der Körpersprache zumeist ein bisschen lockerer als ein Verteidiger oder ein Defensiver wie Joshua. Diese Lockerheit empfinde ich im Spiel, da bin ich etwas mehr mein Vater. Im harten Trainingsalltag profitiere ich von den Eigenschaften meiner Mutter.

Sie haben vor geraumer Zeit James Harden von den Houston Rockets imitiert, indem Sie nach geschossenen Toren einen Koch mimten. Nach dem Motto: „Wer viele Punkte macht, ist der Chefkoch.“ Wo ist gerade Ihr Platz in der Bayern-Küche?

Regelmäßig auf dem Platz, hoffe ich.

Kochen Sie zu Hause?

Ich bin kein wirklich guter Koch. Ab und zu probiere ich mich an einem Gericht. Aber das ist ein Platz, an dem ich mich eher zurückhalte.

Der Schwabe geht essen?

Durchaus gerne. Aber wenn ich das zu oft mache, beschwert sich meine Mutter. Sie mahnt mich dann an, doch auch mal die Reste daheim zu essen.

Sie haben bereits unter vielen großen Trainern gearbeitet: Wenger, Nagelsmann, Löw, jetzt Kovač. Müssen Fußballer heute vielfältig sein, um zu „überleben“?

Ich kann es nur für mich beurteilen: Die vielfältige Ausbildung hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Die vielen Trainer haben einen ähnlichen Einfluss wie die vielen Stationen: Wenn du vieles erlebst, bist du für vieles offen. Du lernst, zu adaptieren. Jeder Trainer hat seine Philosophie, seine persönliche Art. Beispielsweise ist die Schule Nagelsmann sehr technisch, bei Arsenal war sehr viel auf Ballbesitz ausgerichtet, sehr viel auf One-Touch.

Inwiefern war der Weg von London über Bremen und Hoffenheim nach München eigentlich geplant?

Ich hatte bei meinem Weg zum Glück wirklich genug Möglichkeiten, die eine Entscheidung notwendig machten. Am Ende waren die genannten Vereine genau die Klubs, zu denen ich zum jeweiligen Zeitpunkt wollte. Anfangs war für mich wichtig, viel Spielzeit in der Bundesliga zu erhalten, mich in einem ruhigen Umfeld unaufgeregt weiterentwickeln zu können. Dafür war Bremen eine perfekte Station. In Hoffenheim ging es dann viel um das Fußballerische, um das Lernen. Es war eine Art Vorbereitung auf den größtmöglichen Schritt in Deutschland, dem Schritt zum FC Bayern. Und hier spiele ich nun auf internationalem Top-Niveau, auf dem ich mich jeden Tag beweisen muss.

Ihr Weg zum FC Bayern war also kein Zufall.

Das war der Plan. Und ich denke, mein Plan ist bis jetzt aufgegangen.

Bei Ihrer Vorstellung in München wurde zunächst allerdings mehr über Ihr rot-weiß gestreiftes Oberteil statt über Ihr Fußballkönnen diskutiert. Sind wir Deutschen manchmal zu eindimensional?

Den einen interessiert es, den anderen nicht. Dass das zu einem Thema in der Öffentlichkeit wurde, war meines Erachtens etwas übertrieben. Geärgert habe ich mich darüber aber nicht. Ich bin immer noch überzeugt von dem Polo. Ich finde, es sieht klasse aus.

Ist es Ihnen wichtig, was die Menschen über Sie denken?

Du willst als Mensch nie schlecht dastehen. Ich auch nicht. Abgesehen davon ist mir bewusst, dass Menschen verschiedene Meinungen zu Personen haben, die in der Öffentlichkeit stehen. Wenn ich mir über jede einzelne Meinung Gedanken mache, kann das schnell schiefgehen. Generell bin ich aber jemand, der an Menschen sehr interessiert ist.

Das belegt Ihr Engagement für die Initiative „Common Goal“. Sie gehören zu den Sportlern, die ein Prozent Ihres Gehaltes für soziale Zwecke spenden. Warum?

Erstens: Ich bin so erzogen worden, dass man teilt. Zweitens: Der Fußball ermöglicht dir, viele Länder zu bereisen. Und wenn du auf diesen Reisen mal nach rechts und links blickst, wird dir bewusst, dass es anderen Menschen wesentlich schlechter geht. Und drittens: Durch die Herkunft meines Vaters habe ich natürlich einen engen Bezug zu Afrika. Dort zu sein, öffnet mir jedes Mal nicht nur die Augen, sondern macht mich auch betroffen. Weil ein Teil meiner Familie dort eben unter völlig anderen Bedingungen lebt. Und obwohl sie wenig haben, versprühen trotzdem alle gute Laune, sind extrem hilfsbereit. Da schaust du dich um und denkst: ‚Wow!‘

Wie oft bekommen Sie ein persönliches „Wow“ von Ihrem Freund Per Mertesacker zu hören?

Ein „Wow“ von Per? Von ihm gibt es immer nur Feuer, immer Kritik. Er möchte, dass ich das Bestmögliche aus mir heraushole. Er steht für mich exemplarisch für die deutschen Tugenden: Immer arbeiten, immer versuchen, alles zu geben. Zu sehen, wie er arbeitet und den Fußball lebt, hat mich ebenfalls ein Stück geprägt.

Per wäre also eine gute Mutter.

Ich würde eher sagen, ein anstrengender Vater.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Benjamin Henrichs: „Ich sehe das nicht als Rückschritt“

Benjamin Henrichs kehrte Bayer Leverkusen nach einer Ewigkeit den Rücken. In Monaco will er den nächsten Schritt in seiner Entwicklung machen. SOCRATES erzählt er, wie es bislang so läuft im Fürstentum.

Nach 17 Jahren bei Bayer Leverkusen haben Sie sich im letzten Sommer für einen Wechsel nach Monaco entschieden. Einfache Frage: warum?

Ich brauchte einfach eine Luftveränderung, vor allem weil ich in Leverkusen kein Stammspieler mehr war und mich nach mehr Einsatzzeit sehnte.

Unter Heiko Herrlich spielten Sie anders als unter Roger Schmidt keine große Rolle mehr. Haben Sie daraus etwas gelernt?

Extrem viel sogar. Ich habe versucht, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren, um mich nicht hängen zu lassen und um schnell wieder Anschluss zu finden. Es war nicht immer einfach, das gebe ich zu. Im Rückblick kann ich aber sagen, dass ich gestärkt aus der Situation hervorgegangen bin und daraus lernen konnte.

Verfolgen Sie weiter die Spiele von Leverkusen?

Ja, sicher. Immer wenn ich Zeit habe. Ich bin und bleibe ein großer Fan von Bayer. Ich habe auch noch regelmäßig Kontakt zu den meisten Spielern. Ich drücke den Jungs bei jedem Spiel die Daumen.

Das Interview erschien in Ausgabe #28: Hier klicken und Nachbestellen

Warum Monaco?

Die Monaco-Verantwortlichen waren sehr überzeugt von mir und haben sich sehr um mich bemüht. Das hat mir imponiert. Und wenn man die Chance bekommt, in der Champions League zu spielen und Spielzeit zu bekommen, dann sagt man einfach nicht nein. Ich wollte diese Chance einfach nutzen. Es wäre auch deshalb schwer gewesen abzusagen, weil die Monaco-Bosse so hartnäckig um mich warben. Das hat mich beeindruckt.

Und wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Ich bin sehr herzlich empfangen worden. Diego Benaglio hat mir sehr geholfen. Er spricht fließend Deutsch und Französisch und war mir gerade bei taktischen Anweisungen des Trainers eine große Hilfe. Ich versuche auch mehr und mehr Französisch zu sprechen, doch es wird noch ein wenig dauern, bis ich mich richtig unterhalten kann.

Von Leverkusen nach Monaco. Genießen Sie das Leben im Fürstentum?

Zunächst mal lebe ich jeden Tag meinen Traum, nämlich Fußball-Profi zu sein. Ich habe einen Beruf, um den mich viele beneiden. Dafür muss man dankbar sein. Das ist mir bewusst. In Monaco kann man durch die Straßen laufen, ohne groß angesprochen zu werden. Das ist schon eine schöne Sache. Aber nur ein paar Tage, nachdem ich bei Monaco unterschrieben hatte, erkannte mich ein Verkäufer in einem Möbelladen in Nizza. Danach war die Lieferung der Möbel kein Problem. Er nahm sich sogar an seinem freien Tag Zeit für mich, um die Ware zu liefern. (lacht) Ich wohne direkt in Monaco und die Landschaft ist einfach herrlich. Das genieße ich. Aber nicht falsch verstehen: Ich bin nicht hierher gewechselt, um Strandurlaub zu machen und die Sonne zu genießen, sondern um mich weiterzuentwickeln und ein paar Titel zu gewinnen.

Wie ist der Draht zu den Mitspielern?

Es gibt einige Top-Spieler wie Radamel Falcao, Djibril Sidibé oder Youri Tielemans. Auch Alexander Golowin ist eine Granate. Vorher kannte ich ihn noch nicht so gut, aber er ist ein fantastischer Kicker, ein super Dribbler und sehr intelligenter Spieler. Er ist jederzeit in der Lage, den Rhythmus und das Tempo zu wechseln. Er ist für jeden Gegenspieler schwer zu kontrollieren.

Von welchen Spielern gucken Sie sich etwas ab?

Ich spiele in Monaco Linksverteidiger und auch auf dieser Position ist Marcelo von Real Madrid einfach herausragend. Er ist ein kompletter Spieler, der sowohl defensiv als auch offensiv Weltklasse verkörpert. Ich versuche, mir einiges von ihm abzuschauen. Zu Beginn meiner Karriere spielte ich im Mittelfeld. Damals war Ronaldinho mein großes Vorbild. Von ihm habe ich geschwärmt, weil er so cool mit dem Ball umgehen konnte. Er war eine Augenweide. Am Ball konnte er einfach alles.

Was halten Sie von der Qualität der Ligue 1?

Ich verstehe mittlerweile besser, warum sichso viele Bundesliga-Klubs junge Talente in Frankreich angeln, wie es RB Leipzig, Mainz und Eintracht Frankfurt machen. Hier gibt es eine unglaubliche Zahl an Juwelen. Ismaïla Sarr von Stade Rennes zum Beispiel ist ein überragender Spieler, der schwer zu stoppen ist. Das macht sich auch in der französischen Nationalmannschaft bemerkbar, die völlig verdient Weltmeister geworden ist. Es gibt tolle Stadien in Frankreich; die Atmosphäre bei der AS Saint Etienne hat mich sofort an Mönchengladbach erinnert. Auch bei Racing Straßburg herrscht eine Stimmung wie in der Bundesliga.

Die Ausgabe #33 ist im Handel
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Wo liegen die Unterschiede in der Spielweise?

In Frankreich wird mehr Wert auf Athletik und Physis gelegt. Die Bundesliga ist dagegen taktischer geprägt, Ordnung und Disziplin stehen mehr im Vordergrund.

Das Maß aller Dinge ist aber Paris Saint-Germain.

Definitiv. PSG in Frankreich ist wie der FC Bayern in der Bundesliga. Man braucht sich nur den Kader anzuschauen. Die Offensive mit Neymar, Edinson Cavani, Ángel Di María, Julian Draxler und Kylian Mbappé sucht in Europa ihresgleichen. PSG hat sicherlich das Zeug, die Champions League zu gewinnen.

Wie war’s gegen Mbappé zu spielen?

Was soll ich sagen? Er ist ein Phänomen. Seine Entwicklung ist verrückt. Was er im Gesamtpaket drauf hat, ist unfassbar. Er ist für eine unglaublich hohe Ablöse von Monaco nach Paris gewechselt, was ihn aber nicht im Geringsten zu belasten scheint. Das spricht für seine Reife und eine starke Persönlichkeit. Er spielt einfach Fußball und will Spaß haben.

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Sie haben zuletzt für die U-21 gespielt. Empfinden Sie das als Rückschritt, nachdem Sie ja bereits bei der A-Nationalmannschaft von Jogi Löw waren?

Zunächst mal muss ich sagen, dass wir in der U-21 eine sehr gute und vielversprechende Spielergeneration haben. Es macht jedes Mal Spaß, dort zu spielen. Ich sehe das nicht als Rückschritt. Mir ist bewusst, dass die Konkurrenz auf jeder Position enorm ist und dass ich mich in Geduld üben muss.

Wann sehen wir Sie wieder in der Nationalmannschaft?

Mir hat es gutgetan, wieder ein paar Spiele bei der U-21 zu bestreiten. Da ich auch in Monaco von Anfang an spielte, habe ich innerhalb von sechs Wochen ungefähr so viel gespielt wie in Leverkusen in der gesamten vergangenen Spielzeit. Dass ich wieder in der U 21 eingesetzt wurde, war kein Zeichen dafür, dass ich an Qualität eingebüßt habe. Es zeigt mir, dass ich in meinem Klub regelmäßig spielen muss, um mir Hoffnungen auf eine Berufung für die A-Nationalmannschaft machen zu dürfen.

Wie haben Sie die WM in Russland erlebt?

Ich habe die deutschen Spiele mit ein paar Freunden zu Hause verfolgt. Die WM war ein Fiasko. Es war grauenhaft, dieses Abschneiden zu verfolgen und machtlos zu sein. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass Deutschland in der Gruppenphase scheitern könnte. Um ehrlich zu sein: Danach hatte ich keine große Lust mehr auf die WM. Ich habe mir nur noch das Endspiel zwischen Frankreich und Kroatien angeschaut.

Interview: Alexis Menuge