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Dominic Thiem im Interview: „Tennis ist sauber“

Seine Großeltern verkauften einst ihr Haus, um Dominic Thiem eine Tennis-Karriere zu ermöglichen. Im Interview spricht der Österreicher über Preisgelder, Duelle gegen die großen Drei, Doping im Tennis-Sport und über fehlende Duschen in Marokko.

Dominic Thiem, schauen Sie eigentlich noch Grand-Slam-Finals?

Natürlich, wieso auch nicht?

Gefühlt gewinnen seit Jahren doch immer die gleichen Spieler…

Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation: Roger Federer, Novak Djoković und Rafael Nadal haben alle 16 oder mehr Grand-Slam-Turniere gewonnen; mehr als jemals ein anderer Spieler zuvor. Das ist für uns junge Spieler Pech, aber gleichzeitig auch Glück, dass wir in einer Zeit mit den drei besten Spielern aller Zeiten spielen dürfen.

Was unterscheidet einen Roger Federer, einen Novak Djoković oder auch einen Rafael Nadal noch von Ihnen?

Der größte Unterschied ist die Konstanz. Ich habe alle drei schon geschlagen, auch bei großen Turnieren, aber die Drei leisten sich kaum Fehler. Egal auf welchem Belag, egal bei welchem Turnier. Das ist der einzige, aber große Unterschied.

In welcher Hinsicht spüren Sie das auch auf dem Platz?

Du bekommst von ihnen nichts geschenkt. Überhaupt nichts. Ich musste im Halbfinale in Paris gegen Djoković fünf Stunden auf höchstem Niveau spielen, um ihn zu schlagen. Und wenn du das schaffst, dann wartet direkt der nächste von ihnen auf dich. Das ist brutal und macht es noch mal deutlich schwerer für uns junge Spieler, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.

Warum gewinnen Sie ein Grand-Slam- Turnier, bevor einer der großen Drei zurücktritt?

Weil ich in den großen Spielen immer besser werde. Letztes Jahr stand ich in Paris zum ersten Mal im Finale. Da war alles noch neu und ich habe keine gute Vorstellung abgeliefert. Dieses Jahr habe ich gegen Nadal zwei Sätze lang mein bestes Tennis aller Zeiten gespielt. Danach ist mir dann zum Verhängnis geworden, dass ich davor vier Tage durchgespielt hatte. Wenn ich das nächste Mal in einem Grand-Slam-Finale stehe, dann will ich es endlich gewinnen.

Wie wollen Sie das anstellen, wenn selbst ihr „bestes Tennis“ nicht reicht?

Ich habe einen kleinen, aber gravierenden Fehler gemacht. Nach dem 1:1 in Sätzen war Nadal auf der Toilette, und ich bin etwas zu lange sitzengeblieben. Danach hat er mich komplett überrollt. Ich muss es einfach schaffen, über fünf Sätze konstant meine Leistung abzurufen.

Hätte ein Titel für Sie einen größeren Wert, wenn Sie ihn gegen Federer, Nadal oder Djoković gewinnen würden?

Nein, denn dafür ist ein Grand-Slam-Titel an sich zu wichtig. Aber es ist trotzdem jedes Mal ein irrsinniger Prestige-Erfolg, wenn ich gegen einen der großen Drei gewinne.

Warum spielen Sie auf Sand so viel besser als auf anderen Belägen?

Ich bin auf Sand groß geworden. Bis ich 16 oder 17 Jahre alt war, habe ich auf keinem anderen Belag gespielt. Daran arbeite ich natürlich, in Indian Wells habe ich dieses Jahr meinen größten Titel auf Hartplatz gewonnen, aber Sand wird immer mein Lieblingsbelag bleiben.

Sie sprechen den Beginn Ihrer Karriere an. In welchem Alter haben Sie daran geglaubt, dass Sie Tennis-Profi werden können?

Der Knackpunkt kam 2013 in einem Match gegen Jo-Wilfried Tsonga in Wien. Das war mein erstes Spiel gegen einen Top-10-Spieler. Ich habe den dritten Satz im Tiebreak verloren, aber gespürt, dass ich gar nicht so weit weg bin und es bis ganz nach vorne schaffen kann.

Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten, es nicht schaffen zu können?

Das erste Profi-Jahr war wirklich hart. Ich war erfolgsverwöhnt und die Nummer zwei bei den Junioren gewesen – dann ging es auf die Future-Tour. Da habe ich dann erst mal sieben oder acht Erstrunden-Niederlagen in Folge kassiert. Da habe ich gemerkt: „Uff, die spielen noch mal so viel besser als die weltbesten Junioren.“ Ich war 19 Jahre alt und stand um Platz 900 der Welt. Da bin ich schon ins Grübeln gekommen, ob das mit der Tennis-Karriere klappt. Andere Spieler in meinem Alter hatten schon sehr viel gewonnen, ich dagegen nur verloren.

Und den Komfort der großen ATP-Turniere gibt es auf der Future-Tour wahrscheinlich auch nicht.

Das sind komplett unterschiedliche Welten. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Die Organisation und die Spieler sind auf der ATP-Tour um Welten besser.

Wobei die Qualifikation auf der ATP-Tour auch nicht vor Glamour strotzt. Nehmen wir Wimbledon…

Natürlich sind da viele Plätze nebeneinander, aber die Verpflegung ist gut, die Plätze ebenfalls. Ich habe meinem Freund Dennis Novak erst in diesem Jahr dort bei der Qualifikation zugeschaut. Tennis bleibt aber ein harter Sport. Um in Wimbledon die Qualifikation zu spielen, musst du unter den besten 230 der Welt sein. Und wenn du Pech hast, schaffst du es nicht mal auf die Hauptanlage. Du musst im Tennis oft taffe Niederlagen einstecken.

Wie Sie auf der Future-Tour?

Ja klar. Ich war Ende 2012 für zwei Future-Turniere in Marokko. Es war unglaublich kalt, gleichzeitig wurde landesweit gestreikt. Das Hotel war nicht auf die Temperaturen vorbereitet, es waren zwischen 0 und 5 Grad. Ich hatte kein warmes Wasser, war eine Woche nicht duschen. Essen war quasi nicht vorhanden. Und das ist kein Einzelfall. Die Future-Tour ist harter Tobak. Das Einzige, was tröstet, ist: Alle Spieler haben die gleichen Bedingungen.

Können Sie sich noch an ihr erstes Profi-Match erinnern?

Ja, wie eigentlich an jedes Match. Das war 2011 gegen Daniel Gimeno Traver in Kitzbühel. Auch da habe ich gesehen, wie weit ich noch weg bin von den Profi-Spielern.

In einem Interview mit SOCRATES hat Robin Söderling mal erzählt, dass es nicht schwierig sei, in die Top 30 zu kommen, sondern dort zu bleiben. Haben Sie das ähnlich empfunden?

Es ist eher schwer, in die ersten 100 zu kommen. Du musst dir die Punkte hart erarbeiten. Wenn du aber erst mal auf dem Level bist, dann kannst du dich da ganz gut halten.

Wie groß ist noch mal der Schritt aus den Top 20 oder Top 30 der Welt in die Top 10? Was unterscheidet Sie von Spielern, die auf Weltranglistenposition 15, 16 oder 17 stehen?

Als ich auf der Tour angefangen habe, waren die Top-30- oder Top-40-Spieler noch deutlich schwächer als die ganz vorne. Mittlerweile stehen auch auf diesen Positionen absolute Top-Kaliber, die nicht schlechter sind als die in den Top 10. Das Niveau im Tennis ist mittlerweile enorm hoch.

Gegen welchen Spieler, abgesehen von den Top 3, spielen sie besonders ungern und warum?

Ich spiele nicht gerne gegen David Goffin und Kei Nishikori, weil sie meine Waffen ganz gut entschärfen. Das ist natürlich unangenehm, aber deswegen gehe ich die Partie nicht anders an.

Sie hatten Anfang des Jahres mit frühen Niederlagen in Doha und bei den Australian Open eine schlechtere Phase. Gibt es Wochen und Monate, in denen es einfach nicht laufen will?

Das hatte gewichtigere Gründe. Ich war einfach nicht fit und hatte vor den Turnieren nicht genug trainiert. Da wusste ich, woran es liegt. Das ist deutlich besser, als wenn du eine Niederlagenserie startest und eigentlich top in Form bist.

Wie gehen Sie mit Enttäuschungen und Niederlagen um? Haben Sie da feste Leitlinien, feste Gewohnheiten?

Ich versuche immer, die Gründe für eine Niederlage zu finden. Gibt es die, ist es einfacher zu verarbeiten. Ganz bitter sind die Spiele, in denen du super spielst, aber trotzdem verlierst. Wenn der Gegner einfach so viel besser ist, dass du dir Sorgen machen musst. Das war zum Beispiel in meinem ersten Match gegen Federer der Fall. Da war ich viel zu weit weg.

Sie sind als Tennis-Spieler viel unterwegs. Wie vertreiben Sie sich die Zeit im Flugzeug?

Ich lese viel, vor allem Biographien, und schaue Serien.

Welche Biographie haben Sie zuletzt gelesen?

Die von Jamie Vardy, davor die von Robbie Williams. Und ansonsten habe ich die der Tennis-Spieler eigentlich schon alle durch. Die meisten Biographien suche ich zufällig aus, manche finde ich aber auch über Sport-Dokus, die ich gerne schaue.

Welche Nachteile bringt ihr Leben als Tennis-Profi mit sich?

Mir gefällt mein Leben sehr gut. Ich schätze es sehr und weiß, dass das nicht ewig so weitergeht. Leider sehe ich meine Freundin und Familie nur sehr selten.

Wie groß ist der Druck, der aus Ihrem Heimatland Österreich kommt?

Der Druck, den ich mir selbst mache, ist sicher größer als der von außen. Aber natürlich will ich bei den Heim-Turnieren gut abschneiden. Es ist unglaublich, wenn das ganze Stadion für dich ist. Ich genieße es sehr, wenn ich in Österreich spielen kann.

Mit der Operation „Aderlass“ befindet sich der Sport gerade in der Aufarbeitung eines Doping-Skandals. Inwiefern ist Doping auch im Tennis ein Thema?

Immerhin gab es mit Marija Scharapowa vor wenigen Jahren einen prominenten Fall. Tennis ist sauber. Ich würde für alle Top-Spieler, die ich kenne, meine Hand ins Feuer legen. Wir werden oft kontrolliert. Und selbst wenn sich jemand etwas reinhauen würde, glaube ich nicht, dass er dadurch besser spielen würde.

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Welche Rolle spielen Social-Media-Kanäle wie Instagram, Twitter oder Facebook für Sie?

Es gehört zur heutigen Zeit dazu, das sollte jeder akzeptieren. Solange ich bei den Turnieren nicht zu viel am Handy hänge, ist das für mich auch vollkommen in Ordnung. Wir als prominente Sportler haben die Chance, diese Netzwerke für unglaublich positive Dinge zu verwenden. Wir können positive Energie versprühen und Vorbilder sein. Vielleicht noch mehr, als das früher der Fall war.

Social Media bedeutet nicht nur mehr Reichweite, sondern auch Häme und Kritik. Wie gehen Sie mit Hasskommentaren um?

Ich kriege eigentlich seit meinen ersten Spielen auf der Challenger-Tour die ärgsten Droh-Nachrichten von denjenigen, die ihre Wetten verloren haben. Man sollte das nicht zu ernst nehmen. Das ist ein kleiner, negativer Beigeschmack, der dazugehört. Das muss einem einfach egal sein. Die Nachrichten sind teilweise aber so schlimm, dass es schon fast wieder unterhaltsam ist.

Über die sozialen Medien setzen Sie sich für den Umwelt- und Klimaschutz ein, unterstützen die Organisation 4ocean. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Das ist natürlich ein bisschen widersprüchlich zu meinem Lebensstil. Aber Plastikmüll in den Ozeanen ist einfach ein unfassbar wichtiges Thema, auf das aufmerksam gemacht werden muss. Das Gleiche gilt für den Tierschutz. Das beides liegt mir sehr am Herzen, auch weil ich so erzogen wurde. Es ist noch nicht zu spät und wenn alle an einem Strang ziehen, dann ist die Welt noch zu retten. Die Erde ist so schön, dass hoffentlich noch viele Generationen darauf leben können.

Wie lässt sich dieses Anliegen mit der Tatsache vereinbaren, dass sie als Tennisspieler ständig im Flieger sitzen?

Mein ökologischer Fußabdruck ist nicht optimal, aber ich versuche es an anderen Stellen auszugleichen. Ich versuche, so sparsam und umweltfreundlich zu leben, wie es eben geht.

Wie viel hat der Dominic Thiem auf Instagram mit dem richtigen Dominic Thiem zu tun?

Schon viel, ich betreibe Instagram komplett selbst. Wenn ich ein Bild gut finde, dann poste ich das einfach. Ich pose da nicht rum und setze mich in Szene.

Gibt es eine WhatsApp-Gruppe unter den Top-Spielern? Also zum Beispiel mit Ihnen, Federer, Nadal, Djoković und Alexander Zverev?

Wir haben eine Laver-Cup-Gruppe, die ist sicherlich die berühmteste. Die Nummern, die da drin sind, hätten viele Leute gerne. (lacht)

Gibt es etwas aus dieser Gruppe, was Sie verraten können? Worüber schreiben Sie?

Hauptsächlich sprechen wir darin Treffen ab, um für das Team Europe ein bisschen Teambuilding zu betreiben. Nach guten Spielen wird gratuliert oder nach schlechten kondoliert, je nachdem… (lacht)

Gibt es so etwas wie richtige Freundschaft unter den Spielern auf der Tour?

Dennis Novak wird bald unter den Top 100 stehen und ist einer meiner besten Freunde, das wird auch so bleiben. Gleiches gilt für Diego Schwartzman oder Jan-Lennard Struff. Aber auf dem Platz sind wir so professionell, dass wir das ausblenden können.

Sie haben neben dem Tennis auch eine große Leidenschaft für den Fußball. Woher stammt ihre Liebe zum FC Chelsea?

Anfang 2004 habe ich begonnen, mich für Fußball zu interessieren und habe ein Champions- League-Spiel zwischen dem FC Arsenal und dem FC Chelsea gesehen. Das hat Chelsea gewonnen. Wäre es andersherum ausgegangen, wäre ich heute vielleicht Arsenal-Fan. (lacht)

In vielen Sportarten gibt es auch eine politische Komponente, inwiefern ist Tennis auch Politik?

Die Tour an sich ist sicherlich politisch. Aber ich interessiere mich zu wenig für die Politik im Sport, um da wirklich im Thema zu sein.

ATP-Chef Chris Kermode wurde Anfang März Berichten zufolge auf Anraten der Spielervertreter abgewählt, sein Vertrag nicht verlängert. Was können Sie dazu sagen?

Wie gesagt, politisch kann ich dazu wenig sagen. Aber uns Spielern geht es so gut wie nie zuvor. Daher verstehe ich nicht ganz, warum da was geändert werden musste.

Ist die Belastung für die Spieler heutzutage zu hoch? Es gibt immerhin auch mehr Turniere als je zuvor.

Manche Regelungen führen sicher dazu, dass wir gezwungen sind, einige Turniere zu spielen. Einen Nuller bei den Masters-Turnieren kannst du dir eigentlich nicht erlauben. Aber wir sind das gewohnt und müssen uns unsere Kräfte dementsprechend einteilen.

Wünschen Sie sich weniger Turniere im Jahr?

Es ist jetzt schon ziemlich ausgereizt, das Davis-Cup-Finale liegt nicht optimal. Der Dezember ist der einzige Monat, in dem eine seriöse Vorbereitung möglich ist.

Welche Rolle hat das Preisgeld am Anfang Ihrer Karriere gespielt? Ihre Großeltern haben immerhin ihr Haus verkauft, um Ihnen einen guten Start zu ermöglichen…

Zum Start deiner Karriere brauchst du zwischen 50.000 und 100.000 Euro, um ein Jahr vernünftig zu finanzieren. Das wird natürlich  immer mehr, aber wenn du ein paar Sponsoren findest, wird es auch einfacher. Auf der Future-Tour kommt natürlich nicht viel zusammen. Da musste ich immer schauen, dass ich keinen Euro mehr ausgebe, als nötig war. Wir hätten als Familie keine Existenzängste gehabt, wenn ich kein Tennis-Profi geworden wäre, aber zeitweise war es schon grenzwertig.

Tritt das Preisgeld angesichts des sportlichen Niveaus in den Hintergrund?

Das hat sich nie geändert für mich. Ich gehe immer noch so in ein Match, wie ich es mit elf oder zwölf Jahren gemacht habe. Für 99 Prozent der Tennis-Spieler geht es darum, das Match zu gewinnen, wenn sie auf den Platz gehen. Niemand würde es in die Weltspitze schaffen, wenn das Geld an erster Stelle stünde.

Sie haben seit dieser Saison mit Nicolás Massú einen neuen Coach. Inwiefern ist er anders als ihr langjähriger Trainer Günter Bresnik?

Sie sind sehr unterschiedlich. Österreich und Südamerika sind zwei unterschiedliche Kulturen. Nicolás ist positiv, energiegeladen und jünger, was auch gewisse Sachen erleichtert. Ganz wichtig für mich ist, dass er selbst Spieler war und mir in dieser Hinsicht Tipps geben kann. Immerhin hat er zwei olympische Goldmedaillen gewonnen.

Sie sprechen die Olympischen Spiele an. Spielen Sie 2020 in Tokio?

Nein, denn ich habe schon für das Turnier in Kitzbühel zugesagt, das parallel stattfindet. Aber 2024 in Paris möchte ich auf jeden Fall dabei sein.

Zurück zu Ihrem Coach: Inwiefern war Ihr Erfolg in Indian Wells eine Bestätigung für den Trainerwechsel?

Indian Wells selbst nicht so, weil es zu kurz danach war. Ich habe dort die Befreiung von den ganzen Problemen und den ganzen negativen Gedanken der vorangegangenen Monate gespürt. Dort habe ich mich frei gefühlt. Die Erfolge in Barcelona, Madrid, aber auch in Paris waren dann durchaus Nachwirkungen des Trainerwechsels.

Haben Sie mit Günter Bresnik gesprochen, seitdem Sie die Zusammenarbeit beendet haben?

Ja, wir haben ein ordentliches Verhältnis. Es war natürlich nicht einfach, weil wir so lange zusammengearbeitet und weil wir auch viel Zeit abseits des Platzes miteinander verbracht hatten. Aber es ist gut so, wie es gelaufen ist.

Wie schwierig war es für Sie, so eine langjährige Zusammenarbeit zu beenden?

Sehr schwierig, weil es eben eine besondere Spieler-Trainer-Beziehung war. Ich habe schon Wochen zuvor mit dem Gedanken gespielt, das ganze durchzuziehen, es war aber nicht einfach. Am Ende ist eine Spieler-Trainer-Trennung aber das normalste, was es gibt. Es ist teilweise mehr in diese ganze Trennungsgeschichte hineininterpretiert worden, als tatsächlich dahintersteckte. Sowas passiert nun mal im Sportgeschäft. Am Ende waren es nicht nur sportliche Gründe, was in so einer Beziehung aber normal ist.

Haben Sie, eventuell auch in Zusammenarbeit mit Nicolás Massú, in einem Jahr ein Grand-Slam-Turnier gewonnen?

Ich kann’s nicht garantieren. Aber ich werde jeden Tag alles dafür geben, dass mein Traum Wirklichkeit wird.

Interview: Sebastian Hahn

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Armin Klümper: Gott in Weiß

Jahrzehntelang dosierte, rezeptierte und verabreichte der Sportmediziner Armin Klümper Dopingmittel für Sportler der Bundesrepublik. Sein Ruf als loyaler Wunderheiler machte ihn alsbald für den Fußball interessant. Jetzt ist Klümper verstorben.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich John Hoberman mit der Soziologie des Dopings. Der renommierte Germanist und Dopingforscher publizierte in der Szene bahnbrechende Bücher, wie 2005 Testosterone Dreams – über synthetisches Testosteron als Alltagsdroge im Sport und der Gesellschaft in den USA.

Sein älteres Buch Mortal Engines (1994 in Deutschland erschienen) avancierte zu einem Standardwerk der Anti-Doping-Literatur. Ausgerechnet er, einer der größten Provakteure des über Jahrzehnte zu laschen amerikanischen Anti-Doping-Kampfes, hievte einst zwei deutsche Sportmediziner auf ein noch höheres, wenn auch aus Ironie erbautes Podest: „Deutschland ist das einzige Land, das nicht nur berühmte Sportler, sondern auch berühmte Sportärzte kreiert hat.“

Der Artikel erschien in Ausgabe #11: Jetzt nachbestellen

Die Doyens der Sportärzteschaft

Gemeint hat er Josef Keul und Armin Klümper, lange bevor eine unabhängige Kommission begann, die beängstigend ausgeprägte Dopingvergangenheit der Freiburger Universität im Auftrag der Uni selbst zu beleuchten.

Eben dort waren Keul und Klümper, wie sie die Süddeutsche Zeitung und deren Dopingexperte Thomas Kistner eins treffend taufte, die Doyens einer Doping praktizierenden Sportärzteschaft in der Bundesrepublik. Von Freiburg aus präparierten sie deutlich über die Grenzen des Erlaubten hinaus Athleten. Auch Minderjährigen wurden nachweislich verbotene Präparate verabreicht.

Mitverantwortlich für Weltrekorde und Medaillen

Schließlich war auch der Fußball irgendwann involviert. Zeitzeugen-Aussagen, Gerüchte, der Fall Birgit Dressel – Ansatzpunkte für das verbotene Handeln Klümpers gab es bereits lange. Seit Juni 2017 ist es aber amtlich, der letzte Bericht der längst nach ständigen Querelen aufgelösten Kommission wurde veröffentlicht. Jedoch publizierten nicht der von der Kommission übriggebliebene Sportwissenschaftler Andreas Singler und dessen Co-Autor Gerhard Treutlein, sondern die Uni Freiburg selbst. Singler befindet sich deswegen im rechtlichen Urheberstreit.

„Klümper hat dopingtaugliche Mittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg rezeptiert und verabreicht“, heißt es. „Er habe sich damit für Weltrekorde, Medaillen und viele Spitzenleistungen mitverantwortlich gezeichnet, die ohne Dopingmaßnahmen vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Leistungsentwicklung in der Regel nicht denkbar waren.“

Klümper, der Menschenfänger

Keuls größtes negatives Vermächtnis, dies wurde in einer älteren Veröffentlichung Singers deutlich, bestand aus dem Imagemanagement beim bundesdeutschen Doping. „Keul hat sich über Jahre hinweg durch seine wissentliche Duldung ums Doping verdient gemacht“, erklärte einst die Dopingaufklärerin Brigitte Berendonk. 2016 und 2017 dann lieferten die Gutachter Belege dafür, dass Keul, seit 1960 deutscher Olympiaarzt (ab 1980 Chefarzt), nachweislich vereinzelte Athleten dopte.

Dennoch war der aktivere der Beiden nicht der Internist Keul, sondern der Orthopäde Klümper. Ein Menschenfänger, ein Sportlerfänger. Der gebürtige Münsteraner (Jahrgang 1935) verstand es, nach Medizinstudium und Anfängen an der Uni, enge Bindungen zu seinen Sportler-Patienten aufzubauen. Bereits in den 1960er Jahren wurde er Verbandsarzt mehrerer Nationalverbände.

„Ich bin Helfer des Menschen“

Bis zum Ende des darauffolgenden Jahrzehnts war er einer der lautstärksten Befürworter der offiziellen Freigabe von Anabolika im Leistungssport – und verordnete auch anabole Steroide. Dennoch galt Klümper alsbald sportartübergreifend als Ausnahme-Arzt. „Aber“, so stellte Brigitte Berendonk damals fest, der „Verlust der professionellen Distanz des Arztes zum Patienten scheint Ursache seiner zunehmend aktiven Rolle auch beim Anabolikadoping vieler Athleten zu sein.“

„Ich bin als Arzt Helfer des Menschen, aber bevor ich einen Athleten in die Grauzone der Selbstmedikation entlasse, gebe ich ihm, ohne was er nicht auszukommen glaubt. Dann habe ich wenigstens die Dosierung der Muskelpille unter Kontrolle, was ein geringeres Risiko für negative Wirkungen bedeutet“, erklärte der Doktor 1977 gegenüber der Stuttgarter Zeitung.

Die Elite stand hinter ihm

Doch Klümper beugte sich Ende 1977 der gesellschaftlichen Diskussion. Der Deutsche Sportbund (DSB) und alle weiteren Entscheidungsträger lehnten Anabolika ab. Gleichzeitig soll Klümper die explizite Regeländerung durch das Parlament des Bundesverbandes verlangt haben. Klümper wurde Professor, er erhielt eine vom Staat und Land und der Stadt Freiburg finanzierte Sporttraumatologie.

Von dort aus machte er deutsche Olympioniken zu Medaillengewinnern – und wenn es mit der Finanzierung von leistungsspezifischen Maßnahmen mal hakte, verfasste die Leichtathletik-Elite einen bösen Brief, den Forderungen Klümpers nachzukommen, wie 1979. Damals unterschrieben unter anderen von den Hochsprung-Assen Ulrike Meyfarth und Carlo Trähnhardt.

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Der Hexer

Für manche war der Arzt Hexer. Manche wussten nicht genau, was er ihnen alles verabreichte – oder wollten es nicht genau wissen. Mit manchen Athleten besprach er auf Nachfrage alles bis ins kleinste Detail. „Er war für mich schon einer, der beeindrucken konnte. Er hatte so einen Nimbus, nicht als Zauberer, aber so als sehr fähiger Sportarzt. Er hat ja morgens als Röntgenologe bis zwölf Uhr und dann bis abends um halb zwölf durchgearbeitet“, erklärte der ehemalige Diskuswerfer Hein-Direck Neu im dokumentierten Zeitzeugengespräch mit Singler.

Neu war einer der wenigen positiven Dopingfälle seiner Zeit. „Der war für uns nicht ein Magier, aber zumindest einer, der sich sehr ins Zeug gelegt hat für die Athleten. Man hat auch Vertrauen zu ihm gehabt, was er gemacht hat, hat man eigentlich erduldet und hat gehofft, dass es funktionierte. Und er hat auch, glaube ich, viele Leute wieder hingekriegt.“ Neu verstarb im April 2017.

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Es gab kein Rezept

Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Singler. Dokumente zeigen, wie fließend der Übergang zwischen sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping war. Ein Rezept oder eine Spritze erhielt er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfing, ist nicht bekannt.

Auf weiteren 24 Seiten ist systematische Manipulation beim VfB Stuttgart dokumentiert. 1979 sollte es um den Titel gehen. Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß und Hansi Müller bildeten dafür ein gutes Fundament. Und Anabolika, besorgt bei Klümper. Einem Singler- Gutachten zufolge bestellte ein VfB-Masseur damals Medikamente an der Uni Freiburg. Die Lieferung wurde über eine von Klümpers Stammapotheken abgewickelt.

Medikamentenlieferungen nach Stuttgart

Eine Sonderkommission des badenwürttembergischen Landeskriminalamtes hatte ab 1984 für zwei Strafverfahren besonderes Interesse an jenen Abrechnungen. Dort tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit. Bekannt ist mittlerweile, dass Müller und Förster Geld für Klümper sammelten.

Als es in diesem Verfahren um Abrechnungsbetrug ging, flossen auf das Spendenkonto übereinstimmenden Berichten zufolge auch Gelder von Uli Hoeneß, Paul Breitner und Karl Heinz Rummenigge. Der Arzt wurde zu 160.000 D-Mark Strafe verurteilt. Die Akten waren bis 2014 verschwunden. Die Zusammenhänge erschlossen sich erst in den vergangenen Jahren.

Der Tod der Birgit Dressel

Die Verwicklung des Bundesliga-Fußballs löste 2016 nachträglich ein heftiges Medienecho aus. Die Aufregung darüber und über Klümper ist heute längst vergangen. Im Radsport blieb der Aufschrei gegen jenen Klümper gänzlich aus. Obwohl ihm heute nachgewiesen werden kann, den kompletten Aufbau der deutschen Radfahrer etwa vor den olympischen Spielen 1976 mit Doping organisiert zu haben.

Die Angaben wurden dank der Freiburger Evaluierungskommission und weiterer Presserecherchen präzisiert. Dabei geht es sogar um Minderjährigen-Doping im Radsport. Tragischer Höhepunkt der Ära Klümper war der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987.

Laut einem Ermittlungsergebnis hat Klümper der damaligen EM-Vierten in den zwei Jahren vor ihrem Tod 400 Injektionen verabreicht. Rund 100 verschiedene Medikamente habe die Leichtathletin verwendet. Allein in der Wohnung von Dressel und Thomas Kohlbacher, ihrem Verlobten und Trainer, stellten Ermittler Dutzende Mittel sicher. Die „im höchsten Maße gesunde“ Birgit Dressel, wie sie Klümper gegenüber der Kripo bezeichnete, war laut Spiegel „in Wahrheit eine chronisch kranke, mit Hunderten von Arzneimitteln vollgepumpte junge Frau“. Sie starb nach tagelangem Martyrium an Multiorganversagen. Kohlbacher blieb unbehelligt, trainiert heute Mehrkampf-Juniorinnen in Mainz. Klümper schwieg.

Bis zu seinem Tod

Gefordert von vielen Athleten, stand er zwei Jahre nach Dressels Tod bereits wieder auf den Ärztelisten der Kaderathleten. 1990 verließ er die Universität Freiburg und leitete bis zu ihrer Insolvenz 1992 die Mooswald- Klinik. Anschließend überließ die Stadt Freiburg ihm erneut Räume, in denen er seine sporttraumatologische Spezialambulanz privat betreiben konnte.

2000 ging er mit Ehefrau und Tochter nach Südafrika. Durch eine Todesanzeige wurde nun bekannt, dass er am 23. Juni dort auch gestorben ist. Am Ende war er nicht mehr berühmt, nur noch berüchtigt.

Jannik Schneider