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Niko Kovac im Interview: Trainer sind wie Joghurt

Im Jahr 2017 interviewte das Socrates Magazin Niko Kovac, als er Eintracht Frankfurt auf die Saison vorbereitete. Der Kroate beklagte die geringe Wertschätzung für die Trainer. Aussagen, die heute – nach seinem Aus beim FC Bayern – wieder Gültigkeit haben.

Ein längerer Auszug aus dem Interview mit Niko Kovac, damals Trainer von Eintracht Frankfurt und weit vor seinem Wechsel zum FC Bayern, aus dem August 2017. Kovac wehselte 2018 zum FC Bayern und wurde 3. November entlassen – nach einem 1:5 gegen Eintracht Frankfurt.

Niko Kovac, ihr Vater Mato und Ihre Mutter Ivka wanderten 1970 aus Kroatien nach Deutschland aus und verdienten ihr Geld als Zimmermann und Putzfrau. Haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen, was ehrliche Arbeit bedeutet?

Als meine Eltern auswanderten, war Deutschland noch nicht so, wie wir es heute kennen. Damals galt für alle: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tag ein, Tag aus. Das hat man von klein auf mitbekommen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Gesellschaft – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Jugendklub. Das  hat mich geprägt.

Welche Regeln galten damals im Hause Kovac?

Es galt, freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Und man musste eben arbeitswillig sein. Ich denke, die Werte und Normen, die damals gegolten haben und selbstverständlich waren, sollten auch in unserer heutigen Zeit Gültigkeit haben, auch wenn sie sich sicherlich etwas verschoben haben. Das versuche ich zumindest an meine Tochter weiterzugeben, und an meine Spieler.

Welche Regeln stellen Sie Ihrer Fußball-Familie auf?

Das Wichtigste für ein erfolgreiches Zusammenleben einer Mannschaft ist Respekt dem anderen gegenüber. Dazu benötigt man eine gewisse Disziplin. Wenn man in einem so großen Gebilde wie einer Bundesligamannschaft zusammenarbeitet, müssen diese beiden Komponenten stimmen. Ich habe im Laufe meiner Zeit als Spieler gelernt, dass Grundvoraussetzungen für Fortschritt und Erfolg die Arbeitsbereitschaft und die Arbeitsauffassung sind.

Trotz Ihres hohen Disziplinanspruchs halten Sie wenig von Sanktionen. Warum?

Ich versuche zu bewirken, dass jeder Spieler mit seinem gesunden Menschenverstand sein Verhalten zunächst selbst analysiert und dementsprechend auch handelt. Das ist bei uns nicht immer ganz einfach, weil wir viele unterschiedliche Charaktere unterschiedlicher Herkunft haben. Da fasst der ein oder andere Dinge anders auf. Das muss ich als Trainer in Einklang bringen, damitdas Gebilde funktioniert. Dennoch bin ich der Meinung, der Kopf sagt einem schon, was man darf und was man nicht darf. Hört man auf ihn, bedarf es auch keiner großartigen Sanktionen. Eines ist ganz elementar: Jeder muss sich unterordnen. Egal, wie er heißt, wie alt er ist, wie lange er da ist. Keiner ist wichtiger als der Erfolg oder ist größer als der Klub. Das gilt übrigens nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer und alle, die im Klub arbeiten. Wir alle werden irgendwann nicht mehr da sein, aber der Klub wird bestehen bleiben. Und es liegt an uns, dass wir den Klub entsprechend präsentieren und so aufstellen, dass er in Zukunft erfolgreich sein kann.

Das Interview erschien in Ausgabe #10: Hier nachbestellen

Auch das sagen Sie total gelassen. Woher nehmen Sie die innere Ruhe?

Als Spieler war ich schon sehr impulsiv. Und das kann ich auch als Trainer sein. Nur versuche ich als Trainer vorrangig, Ruhe auszustrahlen. Zu viel Nervosität und Aggressivität wirkt sich negativ auf meine Mannschaft aus. Ich habe lange genug selbst Fußball gespielt, wodurch ich die Erfahrung mitbringe, in gewissen Situationen von außen Ruhe zu bewahren.

Was lässt Sie dennoch aus der Haut fahren?

Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker. Ungerechtigkeiten konnte ich schon als kleiner Junge in der Schule nicht leiden. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ich weiß natürlich auch, dass nicht jeder alles gleich sieht, es oft bekanntlich mehrere Wahrheiten gibt. Wenn es aber ganz klare Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir die Hutschnur hoch.

Agieren Sie als Freund oder Chef der Spieler?

Beides. Aber in erster Linie versuche ich, ein Freund zu sein. So lange ist es ja auch noch nicht her, dass ich selbst Spieler war. Ich habe 2009 aufgehört. Na gut, es ist schon ein paar Jahre (lacht).

Sie werden auch nicht jünger.

Ja, genau. (lacht) Aber der Bezug zu den Spielern ist da. Die Jungs, die jetzt da sind, die sind meine Generation. Ich verstehe ihre Sprache und Denkweise. Von daher will ich den Spielern auch eine gewisse Sicherheit vermitteln, indem ich Nähe aufbaue. Aber ganz klar: Nähe allein reicht nicht. Man muss in gewissen Situationen auch harte Entscheidungen treffen. Ich muss diese treffen. Weil ich der Trainer und somit auch der Chef bin.

Wird diese Herangehensweise mit dem Alter schwieriger, weil mehr Distanz aufgrund unterschiedlicher Interessen entsteht?

Das kann schon sein. Nur ticke ich sicherlich noch anders als ein Trainer, der sechzig Jahre alt ist. Da ist der Unterschied doch sehr viel größer. Noch sehe ich mich als eine Generation mit meinen Spielern. Das kann jedoch in zehn Jahren ganz anders sein. Dann sind diejenigen, die jetzt zehn sind schon zwanzig. Und vielleicht entwickelt sich die Gesellschaft in dieser Zeit wieder in eine andere Richtung. Und dann muss ich als Trainer womöglich anders agieren.

Welcher Ihrer früheren Trainer kommt dem Trainer Kovac aktuell am nächsten?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man von jedem Menschen etwas mitnehmen kann. Also auch von jedem Trainer. Sowohl Gutes als auch weniger Gutes. Man wird ja geprägt. Es gab Situationen als Spieler, in denen man dachte: Das war gut, das gefällt mir. Das möchte ich später auch so machen. Dann gab es aber auch Situationen, die mir damals nicht passten – und die ich jetzt in meinem Trainerdasein vermeide.

Sie hatten bei Louis van Gaal in München hospitiert. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Akribie und die Perfektion, mit der er die ganze Woche gesteuert hat. So detailverliebt hatte ich das vorher noch nicht erlebt. Das hat mich beeindruckt. Man hat einfach gesehen, dass er die Kunst Fußball beherrscht. Dahinter steckt sicherlich ein Reifeprozess, den er über viele Jahre hinweg durch seine Tätigkeiten bei Ajax, Barcelona, Alkmaar und Bayern durchlaufen hat.

Sie selbst haben als Spieler auch viele Vereine erlebt, waren aber nirgendwo länger als fünf Jahre am Stück. Auch als Trainer hatten Sie bisher noch kein Langzeitengagement. Worin liegt das begründet?

Wie heißt es so schön: ‚Es ist nur der Trainer, der schon einmal gestanzt worden ist.‘ Das ist unser Schicksal. Wir sind das schwächste Glied in der Kette. Bei Misserfolg wird niemand auf die Idee kommen, die halbe Mannschaft rauszuhauen und den Trainer zu behalten. Die Haltbarkeit eines Trainers ist daher ziemlich gering. Hinzu kommt, dass immer mehr gut ausgebildete Trainer auf den Markt kommen, so dass auch schnell ausgetauscht werden kann.  Es ist eine Entwicklung, die bedenklich ist. Die vielleicht auch in die falsche Richtung geht. Klar, jeder möchte erfolgreich sein. Bei achtzehn Bundesligavereinen kann aber eben nur einer Meister werden. Die Erwartungshaltung vieler Klubs, aber auch der Fans, ist nicht entsprechend der getätigten Investitionen. Aber okay, das ist part of the business. Man kann es machen oder man lässt es sein. Und wenn man dabei ist, muss man damit rechnen und leben, dass man eine sehr kurze Halbwertszeit hat – fast wie ein Joghurt.

Macht das den Trainerjob so kompliziert – dass man langfristig denken und entwickeln möchte, aber kurzfristig agieren muss?

Das ist genau der Punkt. Es klingt nach wie vor wie eine Floskel, wenn ein Trainer sagt, er brauche Zeit. Aber er braucht sie wirklich, wenn er etwas entwickeln möchte. In einem Jahr ist das kaum zu schaffen. Schon gar nicht, wenn man innerhalb der Mannschaft so eine hohe Fluktuation hat.  Gerade am Saisonanfang hat jeder Trainer seine langfristigen Ziele. Aber vor allem heißt es, die ersten zwei, drei Monate gut zu performen, sonst kann es schon wieder für dich vorbei sein. Trainerdasein bedeutet auch Überlebenskampf.

 

Dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein in der Bundesliga bleibt, ist ein romantischer Fußballtraum?

Das ist kaum möglich. Genauso gibt es ja auch kaum mehr Spieler, die von Anfang bis Ende ihrer Karriere in einem Klub spielen. Irgendwie spiegelt das auch unsere heutige Gesellschaft wider. Menschen scheinen leicht ersetzbar zu sein. Es wäre wünschenswert, dass der Glaube an den langfristigen stärker ist als die Hoffnung auf den kurzfristigen Erfolg. Aber das ist im Fußball nicht realisierbar.

Interview: Felix Seidel

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Felix Magath: „Der Alte spinnt!“

An Felix Magath kleben viele Vorurteile, doch der 65 Jahre alte Fußballtrainer hält wenig davon. Er liebt seinen Sport und spricht darüber, wie er sich den Fußball vorstellt und wer ihn vom Rasenmähen abhält.

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Felix Magath, joggen Sie eigentlich?

Ich versuche, zweimal die Woche zu laufen. Wenn man fit genug ist, macht das den Kopf frei und sorgt für klare Gedanken.

Denken Sie dabei dann nur an Fußball?

Der Fußball ist weiterhin ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Natürlich kommt immer meine Familie an erster Stelle. Die Familie musste sehr oft hinter dem Fußball zurückstehen und hat mich dennoch ohne Klagen auf allen Stationen immer ganz toll unterstützt.

Spielen Sie noch Fußball?

Ich würde es gern, aber es ist schwierig, gleichwertige Partner zu finden. Ein Fußballspiel macht nur Spaß, wenn man Mit- und Gegenspieler hat, die in etwa auf dem gleichen Niveau stehen. Das wird vor allem dann deutlich, wenn Sie trotz taktisch und technisch guter Fähigkeiten gegen körperlich überlegene Gegenspieler antreten müssen. Dann werden Sie feststellen, Sie haben keinen Erfolg.

Was ist Erfolg heute?

Erfolg ist heute anscheinend, wenn man die ganze Saison schwache bis miserable Leistungen abliefert, in der Relegation aber fünf Minuten vor Abpfiff einen Freistoß bekommt und den verwandelt. Dann sind alle begeistert und feiern nur noch dieses Tor und den Schützen. Der Rest der Saison wird völlig vergessen. Der Spieler, der das Tor erzielte, kann vorher eine katastrophale Saison gespielt haben, ist dann aber sofort der Superstar.

Gibt es Ursachen für diese Entwicklung?

Selbstverständlich. Eine der Ursachen liegt natürlich in der Schaffung der Champions League.

Die Champions League?

Mit der Champions League wurde ein europäischer Wettbewerb erschaffen, der den teilnehmenden Mannschaften so viel Geld in die Kassen spült, mit dem sie von den anderen Mannschaften regelmäßig die besten Spieler wegkaufen können. Dadurch entfernen sich diese wenigen Topklubs mit ihrem Leistungsniveau immer weiter von den nicht in der Champions League vertretenden Mannschaften. Somit können sich nur noch Mannschaften mit einem finanzstarken Investor in der Spitze Europas etablieren und dort festsetzen. Auch deswegen ist der Fußball längst nicht mehr das soziale Spiel, welches er einst war.

Ist er asozialer geworden?

Das Wort asozial möchte ich nicht verwenden. Der soziale Aspekt ging in jedem Fall verloren. Was die Verbände FIFA und UEFA sowie der DFB initiieren, zielt hauptsächlich darauf ab, noch mehr Geld zu verdienen. Da verstehe ich die vielen Fans, die sich von der Kommerzialisierung überrumpelt fühlen und abwenden, weil sie die sportliche Herausforderung im Fußball längst zu oft vermissen müssen. Klaren Anspruch auf sportlichen Erfolg vermisse ich ebenfalls, auch in der Bundesliga.

Wo fällt Ihnen dieses besonders auf?

Schauen Sie sich zum Beispiel die Entwicklungen in Hannover und Nürnberg an. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich – ausgenommen ein paar Spieler – die Verantwortlichen gegen einen drohenden Abstieg gestemmt haben. Man hat sich schon lange vor Saisonende mit dem Abstieg angefreundet und gesagt: „Nächstes Jahr steigen wir eben wieder auf.“ Zu einem Zeitpunkt, als deren Situation noch nicht mal schlecht, geschweige denn hoffnungslos war. In Nürnberg hat man sich sogar dafür gelobt, in der Winterpause nicht eingekauft zu haben. Damit wurde ein Abstieg billigend in Kauf genommen.

Hat die Show den Sport verdrängt?

Nicht überall. Eintracht Frankfurt ist in der Bundesliga ein positives Beispiel. Aber auch bei anderen Sportarten, zum Beispiel Eishockey und Handball, ist sportlich etwas los. Der Wille zum Torabschluss, Emotionen und Zweikämpfe bestimmen das Spiel und begeistern die Zuschauer. Es macht Spaß, dabei zuzuschauen. Da passiert immer etwas, keiner spielt auf Ballbesitz, obwohl es viel einfacher wäre als im Fußball. Warum setzt man im Fußball also auf Ballbesitz? Es geht doch darum, Tore zu schießen oder sie zu verhindern und nicht darum, wie oft man den Ball in seinen eigenen Reihen herumschiebt. Man hat doch bei der letzten Fußball-WM gesehen, dass es nicht zwangsläufig zum Erfolg führt.

Eintracht Frankfurt hat in der Bundesliga und in Europa gezeigt, dass es auch anders gehen kann.

Richtig. Frankfurt, aber auch Dortmund spielen in der Liga auf Torerfolg, da schaue ich wirklich gerne zu und vergesse darüber schon mal, den Rasen zu mähen.

Ist es Zufall, dass Frankfurt und Dortmund als Positivbeispiele herhalten? In Frankfurt führt Fredi Bobic die Geschicke, in Dortmund hat man sich nach einer Talfahrt vor der letzten Saison weitere Fußballkompetenz in Sebastian Kehl und Matthias Sammer hinzugeholt.

Kein Zufall. Ich glaube schon, dass bei diesen beiden Klubs der Blick auf den Sport um einiges stärker ist als in anderen Vereinen. Denn oftmals bestimmen Entscheider ohne Fußballfachwissen das Geschehen in den Bundesligavereinen. Es geht mittlerweile in der Bundesliga nicht mehr ausschließlich um die sportliche Leistung, sondern darum, wie ich das, was passiert, in der Öffentlichkeit am besten kommunizieren kann.

Wie schwierig ist der Umstand, dass die Kompetenzen der Trainer eingeschränkt sind und diese unter den Vorgaben und Entscheidungen anderer Personen im Klub arbeiten müssen?

Da kann ich nur für mich antworten. Ich kann nicht beurteilen, wer in der Bundesliga in den dortigen Vereinen die finalen Entscheidungen trifft. Es ist von außen nicht immer klar erkenntlich. Während ich beim VfL Wolfsburg fast alles entscheiden konnte, hatte ich beim FC Bayern München nur sehr geringen Einfluss auf die Kaderzusammenstellung gehabt. Aber verantworten musste ich bei beiden Vereinen die sportliche Leistung der Mannschaft gleichermaßen allein.

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Wie sah Ihr Alltag in München aus?

Da gab es die Absprache mit Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, dass wir einen Transfer nur dann machen, wenn alle drei ihre Zustimmung geben. (lacht)

Wie sah die Praxis aus?

Ich sagte: „Ich hätte gerne den Spieler.“ Dann bekam ich von einem der beiden Genannten gesagt: „Felix, das ist nicht Bayern München.“ Dann wurde der Spieler eben nicht geholt. Dasselbe hätte ich natürlich machen können: Wenn einer der beiden einen Spieler vorgeschlagen hat, diesen theoretisch auch abzulehnen. Aber dann wäre ich zu gar keinem neuen Spieler gekommen. So wurde der Kader mehr von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zusammengestellt und bestimmt als von mir. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass ich in Wolfsburg lieber gleich die Entscheidungen allein getroffen und verantwortet habe.

Genau das hat auch für Kritik gesorgt.

Das kann man gern kritisieren. Ich bin kein Superman. Ich kann nicht alles jeden Tag selbst machen. Täglich, teilweise zweimal, auf dem Trainingsplatz stehen und noch ständig Kontakte zu Aufsichtsratsmitgliedern und anderen Verantwortlichen pflegen, ihnen erklären, was ich warum vorhabe. Aber dafür habe ich sportlich gute Entscheidungen getroffen und verantwortet.

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Wie ging es eigentlich los in Wolfsburg?

Zuerst einmal mit sehr vielen Flugkilometern. Als Wolfsburg Kontakt aufnahm, weilte ich nämlich mit meiner Familie bei meinem Vater auf Puerto Rico. Ende Mai kam dann ein Anruf aus Wolfsburg. Ich bin gleich am nächsten Tag über New York und London nach Braunschweig geflogen. Dort habe ich mich mit verschiedenen Aufsichtsratsmitgliedern zusammengesetzt und sehr schnell Einigung über die Zusammenarbeit erzielt. Daraufhin bin ich sofort wieder in die Karibik zu meiner Familie. An Urlaub war natürlich nicht mehr zu denken. Ich habe dort umgehend begonnen, die Mannschaft für die neue Saison zusammenzustellen. Um einen Kader für die Ende Juni anlaufende Vorbereitung zusammenzustellen, hatte ich nur zwei, drei Wochen Zeit. Wenn die erste Saisonhälfte auch etwas wackelig war, hatten wir schon am Ende der Saison mit dem fünften Tabellenplatz den VfL Wolfsburg in den internationalen Wettbewerb gebracht.

Einer Ihrer Nach-Nachfolger in Wolfsburg war Bruno Labbadia, der einen starken Job gemacht hat, aber den Verein verlassen hat, weil er mit Sportchef Jörg Schmadtke atmosphärische Störungen hatte.

Egal, welchen Erfolg ein Trainer hat, wenn der Manager andere Vorstellungen hat, sitzt dieser grundsätzlich am längeren Hebel und der Trainer muss weichen.

Klingt nicht fair. Würden Sie mit einem Sportdirektor arbeiten?

Seit es diesen Posten des Sportdirektors oder Sportmanagers gibt, seit ungefähr Mitte der 80er Jahre, ist dennoch vieles unklar geblieben. Wer entscheidet was? Wer macht was? Dieses Konstrukt funktioniert eben nicht immer. Ich persönlich habe nie ein Problem gehabt, nur den Trainerjob zu machen und mit einem Sportdirektor und einem Sportvorstand zu arbeiten. Aber dann sind diese drei nicht nur für den Erfolg, sondern auch gemeinsam für den Misserfolg verantwortlich.

Kritiker stellten die Behauptung auf: Magath geht es um Macht. Stimmt das?

Wenn ich Macht beansprucht hätte, wäre ich wohl sicher nicht von Stuttgart zu Bayern gegangen. Es war doch klar, dass ich in München nicht so viel Einfluss habe, nachdem ich beim VfB schon Sportdirektor war. Oder nehmen Sie Wolfsburg: Da hätte ich als Meistertrainer alles machen können, was ich will. Ich habe nie Macht gesucht, sondern stets die sportliche Herausforderung. Die Frage war immer: Was traue ich mir zu? Darin war ich immer sehr klar und deutlich: Ich traue es mir zu, mit Schalke Meister zu werden. Punkt.

Socrates auf Instagram
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Was war los auf Schalke?

Als ich dort ankam, war Schalke Neunter und hatte 35 Millionen Euro minus gemacht. Wochenlang waren die Medien voll mit der Sorge, ob Schalke noch zahlungsfähig ist. Ich habe drei Spieler aus der eigenen Jugend beziehungsweise aus der Amateurmannschaft zu den Profis geholt. Sie wurden alle zu Stammspielern. Mit Christoph Moritz, der heute in Darmstadt spielt, mit Lukas Schmitz, der heute in Österreich spielt und Joel Matip, den ich aus der Jugend geholt habe und der heute beim FC Liverpool spielt, wurden wir deutscher Vizemeister.

Sie haben auch über Ihre Situation beim FC Bayern geredet. Das war 2004 bis 2007. Hat Niko Kovač heute mehr Einfluss?

Ich glaube nicht. Schauen Sie sich den Kader der abgelaufenen Saison an. Dass man den Kader nicht gravierend verändert hat, fand ich ziemlich optimistisch. Wenn es aber mit dieser Entscheidung nicht läuft, macht man dem Trainer die Vorwürfe. Eigentlich ist er nicht schuld daran, hat aber die dadurch entstandenen Probleme. Ich kann mich da an einen Fall beim VfB Stuttgart erinnern.

Erzählen Sie bitte.

Ich hatte dort einen Spieler namens Krassimir Balakow. Ein Weltklassemann. Er hatte seine Karriere beendet und wir brauchten einen Ersatz. Er war ein wichtiger Faktor unseres Spiels. Unser Finanzvorstand hat mir gesagt: „Eine Million Euro können Sie ausgeben.“ Das war ja schon damals im Profifußball sehr wenig Geld. Wie soll ich einen Weltklassespieler mit einer Million Euro ersetzen? Ein Ding der Unmöglichkeit, und trotzdem habe ich mich nicht an die Medien gewandt und geweint oder mich öffentlich beschwert.

Es kam dann der Schweizer Hakan Yakin vom FC Basel, der für den VfB Stuttgart neun Bundesliga-Spiele machte und dann wieder ging.

Mir war völlig klar, dass es ein Risiko ist, ihn zu verpflichten und er es vielleicht nicht schaffen würde, Balakow zu ersetzen. Das war wahrscheinlich mit einer Million Euro auch nicht möglich.

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Wir führten ein Interview mit Kingsley Coman. Er erzählte, dass er zu Gast bei Uli Hoeneß am Tegernsee war und bei einer Runde Kekse seine Situation bei Bayern besprochen wurde.

(lacht) Das ist das Schicksal jedes Trainers bei Bayern München. Der Vorstand sucht dort auch häufiger den Kontakt zu Spielern, ohne den Trainer darüber zu informieren. Sobald ein Spieler zum Aufsichtsrat, zum Präsidenten, zum Manager oder zum Sportdirektor gehen kann, schwächt das die Position des Trainers. Ich verstehe Uli Hoeneß ja sogar, dass er sich um den FC Bayern kümmert, weil er das alles aufgebaut hat, aber so macht er es dem Trainer natürlich nicht einfach, wenn er sich mit den Spielern trifft und vielleicht über den Trainer redet.

Bald soll Ihr Ex-Spieler Oliver Kahn beim FC Bayern Sportvorstand werden. Trauen Sie ihm den Job zu?

Oliver Kahn war immer Profi. Er ist sehr ehrgeizig und hatte immer den nötigen Siegeswillen. Er kennt die Strukturen einer Mannschaft und die Wirkungsweisen in einem Klub. Er weiß, wie es läuft. Aber wie er den Job machen wird, kann ich nicht beurteilen. Das wäre Kaffeesatzleserei.

Stoßen wir in eine neue Zeit vor, wie man Klubs führt?

Ich hatte es vorhin schon mal erwähnt: Heute geht es vor allem um die Beherrschung der Kommunikation und das Bild in der Öffentlichkeit. Es geht weniger darum, was sie konkret leisten. Das ist mittlerweile leider längst nicht mehr so wichtig.

Haben Sie sich über die Jahre verändert?

Viele Menschen haben Probleme mit Veränderungen. Ich musste mich aber in meinem Fußballerleben ständig verändern. Jeder wird sich wohl vorstellen können, dass man zum Beispiel in China nicht so erfolgreich arbeiten kann wie in der Bundesliga, ohne sich an die neuen Gegebenheiten und Lebensumstände anzupassen.

Sind Sie stolz darauf, von der „alten Schule“ zu sein?

Ich bin stolz darauf, was ich bis heute geleistet habe. Man kann nachlesen, was ich erreicht habe. Es gibt eben keine modernen oder unmodernen Trainer, sondern nur die nicht erfolgreichen oder eben erfolgreichen Trainer.

Ihnen wird ja viel nachgesagt, aber Emotionen zu zeigen, gehört nicht dazu. Nehmen Sie Entlassungen eigentlich emotional mit?

Nein. Mittlerweile nicht mehr. Die erste Entlassung beim HSV war natürlich schlimm und hat mich auch sehr getroffen. Diese Erfahrung hat mich verändert und dann stärker gemacht, mir sehr geholfen, nur noch nach vorne zu schauen. Die späteren Entlassungen bei den Bayern oder auf Schalke haben mich nicht mehr sonderlich belastet. Ich bin Profi.

Ihre Spieler kennen Sie als harten Hund. Unser ehemaliger Kolumnist Andreas Görlitz hat uns erzählt: Unter Magath gab’s keine Info, wann am nächsten Training ist. Dafür haben Sie aber dann alles mitgemacht und das hat den Spielern imponiert.

Ein Spieler, der einen siebenstelligen Betrag verdient, muss seinem Arbeitgeber Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Ich habe keine Trainingspläne herausgegeben, weil sie sich auf ihren Job konzentrieren sollen und nicht auf ihre Freizeitgestaltung. Geben sie einen Trainingsplan raus: Dienstagsvormittag ist Training und dann wieder am Mittwochnachmittag. Der Spieler fährt Barcelona, Paris, London, macht einen Werbetermin oder ein Fotoshooting, abends geht’s dann noch irgendwo hin. Er fliegt am nächsten Tag um 14 Uhr zurück und kommt direkt zum Training. Dann sagt er nach der Trainingseinheit: „Boah, der Alte spinnt. Hat der wieder hart trainiert heute.“ Das ist nicht meine Vorstellung von Professionalität.

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Ist es für Sie das größte Kompliment, wenn ein Spieler sagt: „Unter Magath war ich am fittesten.“

Fitness ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Aber stolz war ich, dass wir mit unserer Arbeit im Trainerteam auf allen Stationen sehr wenige Verletzungsprobleme hatten. Weh getan hat mir, dass Andreas Görlitz und Patrick Helmes sich während eines Spiels jeweils mit einem Kreuzbandriss schwer verletzt hatten.

Sie waren 2014 beim FC Fulham. Haben Sie das gemacht, um einmal Premier League Luft zu schnuppern?

Schon als junger Trainer war ich mal in England, um mir das alles genau anzuschauen. Ich habe mir das Training in Liverpool bei den Reds, bei Manchester United und bei Arsenal in London angesehen. Mit Arsène Wenger habe ich dann auch gut zu Abend gegessen. Nach einer Woche bin ich aber nach Hause gefahren und habe mir gesagt: ‚Und jetzt?‘ Training und Abläufe waren super, aber nicht anders, als ich es schon gekannt habe. Da habe ich mir gesagt: ‚Sei du selbst, schaue nicht nach anderen. Gehe deinen eigenen Weg.‘ Das ist dann auch authentischer gegenüber den Spielern, wenn du das machst, wofür du stehst.

Hat das Essen mit Wenger wenigstens geschmeckt?

Ausgezeichnet. Frau Wenger hat wunderbar gekocht.

Und Fulham und die Premier League?

Schon als Jugendlicher wollte ich mal im Ausland leben. England und die Premier League haben mich dann natürlich ungemein gereizt. Auch wenn Fulham mir kein optimales Angebot unterbreitet hatte, war ich zu heiß auf den Traum Premier League und habe die mir durchaus bewussten Gefahren dieser Konstellation verdrängt. Ich war nämlich nach zwei Transferperioden schon der dritte Trainer in der laufenden Saison. Die Mannschaft hatte zu viele alte Spieler, die längst über ihren Zenit hinaus waren. Da war einfach nichts mehr zu machen. Trotzdem war es für mich privat eine wunderbare Zeit in London. Die Stadt, das Leben in England und die Menschen dort habe ich sehr schätzen gelernt.

Als Fazit: Nun nie mehr Ausland oder doch noch ein neuer Anlauf?

Sicher würde ich auch wieder gerne im Ausland arbeiten. Mir geht es vordergründig nicht um die Beschäftigung, sondern vor allem um eine Herausforderung und eine neue Aufgabe. Wo ich den Eindruck habe und zu der Überzeugung gelange, auf Menschen und Verantwortliche zu treffen, die etwas bewegen und wirklich Erfolg haben wollen, da bringe ich mich und meine Erfahrung gerne ein und bin dabei. Ob national oder international ist egal.

Könnte der DFB Sie anrufen?

Das ist wohl eher Utopie. Ich bin immer sehr kritisch nicht nur mit mir selbst gewesen und sage offen meine Meinung – auch gegenüber dem DFB. In puncto Nachwuchsleistungszentren ist dies zum Beispiel der Fall. Es wurden Millionen dafür ausgegeben, um diese zu entwickeln. Jetzt werden in der Bundesliga Millionen ausgegeben, um junge Spieler aus dem Ausland zu holen. Sie glauben wohl nicht, dass man das beim DFB gerne hört oder liest. (lacht)

Joachim Löw stand ja auch in der Kritik.

Zu Recht, wenn er nach einer schlechten WM sagt, dass er Verantwortung übernimmt und dann sechs Wochen in den Urlaub geht. Solche Art „Verantwortung“ kann jeder übernehmen.

Die Nationalmannschaft ist bei der WM krachend gescheitert, die Klubs im Europapokal – bis auf Eintracht Frankfurt – ebenso. Wo steht denn der deutsche Fußball?

Der deutsche Fußball hat sich derzeit im Mittelmaß eingerichtet. Der FC Bayern kann sicher, sofern er genügend Geld in die Hand nimmt, international wieder mit den Besten mithalten. Auch Lucien Favre traue ich zu, den BVB so positiv weiterzuentwickeln, dass Dortmund auch international wieder etwas konkurrenzfähiger wird. Ansonsten macht mir die Eintracht aus Frankfurt sehr viel Freude. Ich hoffe, Fredi Bobic kann die Mannschaft weiterentwickeln.

Keine großen Endspiele mit deutscher Beteiligung in Aussicht?

Nach jetzigem Stand der Dinge sehe ich das in den nächsten vier Jahren nicht.

Abschließend eine persönliche Frage. Sie nahmen unlängst in München an einem Organspendelauf teil. Brauchen Sie ein Spenderorgan?

Glücklicherweise nicht. Ich möchte dabei helfen, wie viele engagierte Mitstreiter auch, mit meiner und der Popularität des Fußballs dieses Thema der Öffentlichkeit bewusster zu machen. Der engagierte Augsburger Klinikdirektor und Chirurg Prof. Matthias Anthuber hat mich für diese Thematik sensibilisiert. Derzeit stehen in Deutschland circa 10.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Jeden Tag sterben Menschen, weil für sie kein Spenderorgan gefunden wurde. Ein unhaltbarer Zustand. Es kann jederzeit jeden von uns treffen, Sie, mich, Menschen, die wir lieben aus unserem Familien- oder dem Freundes- und Bekanntenkreis. Jeder Einzelne von uns kann mit seiner individuellen Bereitschaft zur Organspende zu einem Lebensretter werden. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Deswegen engagiere ich mich.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli