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Sjaak Swart: „Johan Cruyff war das Spiel selbst“

Er spielte 800 mal für den Klub und wurde so zu „Mister Ajax“. Sjaak Swart wurde zu einem der engsten Vertrauten von Johan Cruyff. Bei Socrates erinnert sich Swart an einen Freund.

Herr Swart, in Holland kennt Sie jedes Kind als „Mister Ajax“. Wie viele Spiele haben Sie gemacht?

Wenn man alle Spiele zusammenrechnet, also Pflichtspiele und Freundschaftsspiele, von der Jugend bis heute, dann sind es über 800.

Jetzt sind Sie 81 Jahre alt und spielen noch.

Ich habe nach meiner Zeit bei Ajax noch für zwei andere Klubs aus Amsterdam in der ersten Amateurliga gespielt, mit 53 Jahren war ich da als Spielertrainer noch Libero. Ich schätze, ich komme in meiner Zeit in den Amateurmannschaften und jetzt bei Lucky Ajax, der Traditionsmannschaft, auf über 2.000 Spiele. Das wären dann mit den 800 für Ajax und für die Elftal rund 3.000 Spiele. Mir fällt niemand auf der Welt ein, der mehr Spiele gemacht haben könnte.

Sie waren Rechtsaußen, hatten Sie auch entsprechende Vorbilder?

Stan Matthews und Garrincha waren meine Idole. Ich wollte so flink und so trickreich sein wie sie, aber ich musste dauernd auf anderen Positionen aushelfen. Am Ende hatte ich alle durch – bis auf Torhüter.

Und Sie waren dabei überaus erfolgreich.

Acht Meistertitel, fünf Pokalsiege, drei Mal den Pokal der Landesmeister. Weltpokal. Supercup. Wir hatten die beste Mannschaft der Welt in den 70ern. Und ich glaube sogar, dass wir stilbildend waren für andere große Mannschaften danach. Wir haben vor der Euro 1972 die Bayern in deren Stadion 5:0 geschlagen. Wir waren so überlegen, dass die Bayern in den letzten zehn Minuten den Ball kein einziges Mal mehr berührt haben. Ich glaube, wir haben die Bayern in gewisser Weise inspiriert. Vielleicht fragen Sie mal nach bei Breitner, Hoeneß oder Beckenbauer.

Sie sind auch deshalb eine Ajax-Ikone, weil Sie in den Derbys gegen Feyenoord immer besonders stark waren.

36 Spiele, 19 Tore. Selbst Cruyff, Van Basten oder Kluivert kommen da nicht ran.

Wir sitzen in der Kantine der Ajax-Akademie, Sie sind fast jeden Tag hier. Was machen Sie heute?

Ich bin Spielerberater. Früher habe ich mich um Spieler wie Wesley Sneijder oder Rafael van der Vaart gekümmert. Ich habe sie unterstützt, da waren sie noch 15-jährige Bengels. Heute betreue ich rund 20 Spieler, die hauptsächlich in der U17 und U19 aktiv sind. Ich hätte nach meinem Karriereende bei Ajax die U19 übernehmen können. Aber darauf hatte ich keine Lust.

Im März 2016 ist Ihr guter Freund Johan Cruyff überraschend gestorben.

Ich konnte es kaum fassen. Eine Woche vor seinem Tod hat er mir ein Video geschickt. Eine Minute und 42 Sekunden, da habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Er war zu Besuch bei seinem Sohn Jordi in Israel, er war putzmunter. Keine Probleme mit der Lunge. Saß da mit nackigen Füßen bei einem unserer gemeinsamen Freunde, wollte sich neue Schuhe anfertigen lassen beim besten Schuster in ganz Tel Aviv. Zwei Tage danach haben wir noch telefoniert, wieder zwei Tage später dann der Anfall beim Duschen. Gehirntumor, Metastasen. Er hat für sich entschieden, dass es vorbei sein soll. Im Rollstuhl wollte er nie sitzen. Er war sich immer so sicher, dass er den Krebs besiegen würde. Aber dieses Spiel kannst du nicht gewinnen.

Cruyff war so vielschichtig als Fußballspieler, aber auch als Mensch. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Er war ein unglaublich toller Mensch. Jedem wollte er helfen, jedem. Ein top Junge.

Nach außen wirkte er manchmal über die Maßen selbstbewusst, an der Grenze zur Arroganz.

Das stimmt nicht. Die Leute müssen schon unterscheiden: Er wusste immer, was er wollte und beharrte auch auf seinem Standpunkt. Er war da stur und auch eigensinnig, das sollte man nicht leugnen. Und es hat ihm nicht selten Ärger eingebracht, später auch hier bei Ajax. Es gab immer mal wieder Streit und er hat sich mit vielen Leuten angelegt. Aber er war nie von oben herab, er hat sich nie als großer Meister aufgespielt oder andere bevormundet.

Aber er wollte es immer besser wissen als die anderen.

Das kann man wohl sagen. Wir waren in den 80ern mit Severiano Ballesteros beim Golf spielen und Ballesteros war zweifellos der beste Golfer seiner Zeit. Und was macht Johan? Gibt ihm Anweisungen, wie er den Schläger zu schwingen hat. Unglaublich, diese Selbstverständlichkeit. Er war ein schlechter Billard-Spieler und trotzdem erklärte er allen anderen immer, wie sie den Queue zu halten hätten.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit ihm erinnern?

Er war neun Jahre alt und schaute immer mal wieder bei unserem Training vorbei. Johan hat sich dann hinter dem Tor aufgestellt, eine Banane in der Hand, und wenn die Bälle vorbeiflogen, ist er losgerannt und hat sie zurückgebracht. Er war unser Balljunge. Er war ja immer da, sein Vater arbeitete im Stadion. Damals spielte er noch in der „Welpe“, einer Jugendmannschaft und ich habe ihn mir samstags bei den Spielen immer angeschaut. Mit 17 Jahren kam er dann zu den Profis.

Wurden Sie schnell Freunde?

Piet Keizer, Johan und ich wohnten im Osten von Amsterdam, keinen Kilometer voneinander entfernt. Echte Grachtjes, Amsterdamer Jungs, die Mittagessen bei „Broodje Van Dobben“, der Fußball… Es war fantastisch.

Wer hat mehr vom anderen profitiert: Sie von ihm oder er von Ihnen?

Wir hatten diesen speziellen Spielzug: Ich halte den Ball an der rechten Außenlinie, warte bis die Verteidiger sich auf den Mittelstürmer konzentrieren und Johan lossprintet. Ich spiele den Ball dann über die Abwehrreihe drüber. Und bis die sich umdrehen, ist Johan längst weg. Hat ganz gut funktioniert, würde ich sagen. Aber Ajax hatte auch vor Johan einen super Angriff. Ich hatte im Jahr davor 55 Assists. Ich würde sagen: Er hat von mir gelernt.

Woher nahm er seine Inspiration?

Er hat immer nachgedacht, immer nur Fußball. Wenn du drei Stunden mit ihm am Tisch saßt, hat er drei Stunden am Stück über Fußball geredet. Er hatte dieses Gefühl für das Spiel. Keine Taktik, einfach dieses Gefühl. Er war ein Philosoph. Unter den vielen Kreativen dieser Zeit war er der Topper, der Beste.

Wie konnte es passieren, dass er bei seiner letzten Station als Spieler ausgerechnet zu Feyenoord gewechselt ist?

Er kam aus Spanien zurück und spielte wieder für Ajax. Dann hat er sich aber mit der Klubführung überworfen. Er ist nur gewechselt, um die Bosse zu ärgern. Da gab es das Spiel gegen Ajax ziemlich früh in der Saison. Alles wartete darauf, wie sich Johan wohl gegen sein Ajax schlägt. Nicht besonders gut, würde ich sagen: Ajax siegte 8:2. Drei Tore von Marco van Basten, damals 18 Jahre alt. Feyenoord ist trotzdem Meister geworden. Für Johan war nach dieser einen Saison endgültig Schluss.

Großer Erfolg bedeutet oft auch viele Neider. Hatte Cruyff – gerade bei Ajax – am Ende auch viele Feinde?

Natürlich. Er konnte sich aber immer gut wehren. Und wo er jetzt nicht mehr da ist, verteidige ich ihn. Gegen die Zeitungen, wenn sie mal wieder Blödsinn schreiben. Oder gegen die hohen Herren im holländischen Fußball.

Sjaak Swart & Johan Cruyff

Sjaak Swart & Johan Cruyff

Was war mit Van Gaal?

Louis van Gaal und er waren Intimfeinde. Van Gaal war ganz sicher neidisch auf Johan. Dazu gibt es eine Geschichte: Van Gaal war Anfang der 80er Jahre bei Sparta Rotterdam. Vor dem Spiel gegen Ajax fragte Trainer Barry Hughes: „Wer von euch will gegen Cruyff spielen?“ Van Gaal meldete sich: „Ich. Ich nehme Cruyff in Manndeckung.“ Zur Halbzeit stand es 5:0, Cruyff hat Van Gaal schwindelig gespielt. Der motzte in der Halbzeit, der Trainer solle endlich den Schönwetterspieler Rene van der Gijp auswechseln. Daraufhin Hughes: „Ich werde gleich jemanden auswechseln – und zwar dich!“ Van Gaal hatte schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Top-Stars. Vielleicht haben Geschichten wie diese dazu beigetragen.

Aber er hat mit Ajax die Champions League gewonnen.

Er war ein guter Trainer auf dem Platz. Aber in Sachen Menschenführung ist er nicht gut. Er scheidet überall im Streit.

60 Jahre lang war Cruyff Ihr Freund. Was vermissen Sie am meisten?

Die Gespräche, die Treffen unserer Familien. Er kommt jetzt nicht mehr zu mir in die Loge, drüben in der Amsterdam Arena.

Was ist Johan Cruyffs Vermächtnis?

Ich werde oft gefragt: War Johan besser als Pele, Beckenbauer, Maradona, Messi, Ronaldo? Jeder war oder ist zu seiner Zeit ein unglaublicher Spieler, ein Wunder. Aber Johan überdauert alle Zeit. Seine Ideen haben Epochen geprägt, sie werden nie aus der Mode kommen. Das kann kein anderer von sich behaupten. Ajax ohne Cruyff: Undenkbar. Barca ohne Cruyff: Undenkbar. Er hat den Leuten gezeigt, wie man Fußball spielen muss. Das wird nie vergessen werden. Wenn man in 50 Jahren auf Messi zurückblickt oder Pele, dann sieht man den fantastischen Spieler als einen Teil des Spiels. Johan Cruyff war das Spiel selbst.

Interview: Stefan Rommel

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Zidane nach dem Clasico: Einblicke in die Real-Kabine

Real Madrid hat den Clasico in der Primera Division gegen den FC Barcelona gewonnen. Doch Zinedine Zidane verrät: Die Stimmung war nicht besonders gut im Vorfeld. Die Pressekonferenz des Real-Trainer im Video.

Zinedine Zidane: Einblicke ins Seelenleben

Erst Vinicius nach toller Vorarbeit von Toni Kroos, dann der eingewechselte Mariano: Real Madrid hat den Erzrivalen FC Barcelona im „El Clasico“ mit 2:0 besiegt und sonnt sich an der Spitze der Liga. Nach einer schwachen ersten Halbzeit steigerten sich die „Königlichen“ im zweiten Durchgang und triumphierten im Estadio Bernabeu.

Der Sieg ist allerdings kein Ergebnis von überschwänglichem Selbstvertrauen, wie Trainer Zinedine Zidane auf der Pressekonferenz verraten hat. Der Franzose spricht über die Stimmung nach der Pleite gegen Manchester  City in der Champions League, lobt aber auch seine Mannschaft in höchsten Tönen.

Video: Zidane über das Seelenleben
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Gheorghe Hagi im Interview: „Ich bin der Beste“

Gheorghe Hagi war als Spieler bei Real Madrid, FC Barcelona und Galatasaray ein Mythos. Mit dem FC Viitorul wurde er als Eigentümer, Präsident und Trainer schon Meister in Rumänien. Doch er hat nicht genug.

Gheorghe Hagi, Sie sind die Fußballikone Ihres Landes. Könnten Sie sich überhaupt vorstellen, irgendwann nichts mehr mit dem Fußball zu tun zu haben?

Ich glaube daran, dass ich auf die Welt gekommen bin, um Fußball zu spielen. Das ist mein Schicksal. Es gibt in meinem Leben bis heute lediglich zwei Dinge, die mir wichtig sind. Das ist zum einen der Fußball, zum anderen meine Familie. Nichts Anderes beeinflusst mich. Aber ich mochte als Spieler und bis heute keine Geschenke, ich musste mir alles selbst erkämpfen und dafür entsprechend hart arbeiten.

Haben die Menschen in Rumänien nun ein anderes Bild vom „Macher“ Hagi?

Ich denke, dass die Menschen in den vergangenen Jahren zumindest die Chance hatten, mich besser kennenzulernen. Als ich noch Fußball gespielt habe, habe ich auf dem Spielfeld einige Dinge gestaltet. Jetzt versuche ich, dies außerhalb des Spielfeldes zu erreichen. Ich habe eine Akademie gegründet und bei Null angefangen. Heute habe ich es mit dieser ausgezeichneten Akademie bis hierher gebracht. Wenn ich mir das alles so anschaue, kann ich behaupten: Das bin ich.

Hat Ihnen Ihr BWL-Studium geholfen?

Ich habe am meisten vom Sport gelernt. Das Leben ist für mich ein einziger Kampf. Der Fußball hat mich darauf vorbereitet und gewissermaßen erzogen. Klar ist natürlich auch, dass sich der Fußball in ein Geschäft verwandelt hat. Ich kümmere mich momentan gleichzeitig um die Administration und die sportlichen Belange und bin in beidem erfolgreich. So kommt mir mein Studium natürlich sehr zugute.

Momentan befindet sich der rumänische Fußball in einer Krise. Das war zu Ihrer aktiven Zeit ganz anders. Was läuft falsch?

Es gibt im Hintergrund keinerlei Unterstützung. Seit die staatliche Unterstützung schon während meiner aktiven Karriere eingestellt wurde, gab es keinerlei Organisation mehr. Die Fußballschulen verschwanden und wir haben eine Menge Trainer  und damit die Qualität der Spielerausbildung verloren. Ohne finanzielle Mittel entwickelte sich alles zurück. Jetzt versucht Rumänien, etwas aufzubauen. Behutsam. Wir haben den Umbruch genutzt, aber wir haben einige Jahre verloren, in denen sich der Fußball weitergedreht hat. Wir haben quasi eine ganze Generation verloren, die nicht so gut ausgebildet wurde. Aus meiner Sicht müsste in die Akademien des rumänischen Fußballs investiert werden. Um die Zukunft aufzubauen, müssen sie an der Basis anfangen. Wissen Sie, was der Name meines Teams bedeutet?

Zukunft.

Ja. Meine Investition gehört immer der Zukunft. Manche Dinge kann ich vorhersehen. Ich war auch schon auf dem Spielfeld so, ich habe immer schon einen Schritt weiter gedacht.

Wo steht die Akademie gerade in Hinblick auf Ihre anvisierten Ziele?

Mein Ziel ist es, dass die Kinder in der Akademie gute Fußballer werden. Ich möchte eine neue Generation erschaffen. Zurzeit sind wir die beste Fußballakademie Rumäniens. Nach all den Jahren kann ich sagen, dass in den Nationalmannschaften von circa hundert Fußballern, die auf allen Ebenen spielen, dreißig bis fünfzig aus unserer Akademie kommen. Wir setzen auch im Europapokal auf junge Leute. Siebzig Prozent des A-Teams besteht aus Spielern, die aus der Akademie kommen. Und das Durchschnittsalter des Meisterkaders lag bei einundzwanzig Jahren. Wir verzeichnen einen großen Erfolg, auch finanziell gesehen – aber das ist nicht wichtig für mich. Mein Reichtum beruht darauf, Teil des Fußballs zu sein und für den Fußball einiges zu erreichen. Für mich gilt: Je mehr du arbeitest, desto mehr gibt dir Gott zurück. Einfache Mathematik. (lächelt)

Haben Sie für den FC Viitorul ein auf Europapokale ausgerichtetes Projekt im Visier?

Sie haben die Einrichtungen besichtigt und sich selbst ein Bild gemacht. Wenn es hier morgen Erdöl auftauchen sollte, warum nicht? Das momentane, primäre Ziel von Viitorul ist es aber, Spieler auszubilden. Wir bilden Spieler aus und verkaufen diese. Hinter Viitorul steht eine Akademie. Erst danach geht es vielleicht darum, in Europa erfolgreich zu sein oder in der Liga Meister zu werden.

Trotzdem sind Sie 2017 Meister geworden.

Wir hatten ein Budget von rund zweieinhalb Millionen Dollar. Zu Saisonbeginn war unser Ziel, in der Liga zu bleiben. Als es dann später gut lief, haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Liga als eine der ersten sechs Mannschaften zu beenden und an den Playoffs teilzunehmen. Am Schluss sind wir Meister geworden. Aber wichtiger für mich war es, dass wir als U19 in der Champions League ins Viertelfinale gekommen sind. Das ist ein noch größerer Erfolg.

Und was passiert, wenn Sie in der Zukunft ein anderes Team übernehmen, wie wird es dann mit dem Viitorul-Projekt weitergehen?

Das Wichtige ist das Projekt. Strategie, Philosophie System, Spieler, Trainer: Alle Methoden, die wir benutzen, sind die Folge meines Konzepts. Und momentan hat sich alles verselbstständigt. Ich folge meinem Weg, und auch Viitorul entwickelt sich weiter. Der Verein ist nicht nur von mir abhängig. Aber wie die Spieler einen besseren Trainer als mich finden sollen, das weiß ich nicht.

Das Interview erschien in Ausgabe #11: Jetzt nachbestellen

Ihre Trainer-Karriere vor Viitorul ist nicht so glänzend verlaufen wie Ihre Laufbahn als Fußballer.

Erfolgreich zu sein kann man nicht mit alltäglichen Plänen erschaffen. Es ist logisch, dass ich von meinen Ideen denke, dass sie die Besten sein müssen. Aber diese Pläne entstehen nicht im Alltag und funktionieren auch nicht immer sofort. Ich benötige Zeit und Freiraum, um die Zukunft zu gestalten. Ich bin endlich in der Situation, dies tun zu können. Das Team, das ich gründe, muss Persönlichkeit besitzen. Es muss jederzeit das Spielfeld beherrschen. Und das schafft niemand innerhalb eines Tages.

Als Sie damals als Spieler bei Galatasaray unterschrieben, haben Sie sich in Ihren Vertrag eine Prämie eintragen lassen, falls das Team im Europapokal triumphieren sollte. Zuvor hatte noch nie ein türkisches Team einen europäischen Titel gewonnen. Ein gewagter Schritt, oder nicht?

Sowas entspricht aber meiner Philosophie. Ich bin nicht dafür geboren, um in der zweiten oder dritten Reihe zu stehen. Ich bin der Beste, ich will der Beste sein. Die Leute, die an mich glauben, denken auf diese Weise. Ich habe nie nur des Gehalts wegen gearbeitet, ich habe immer gearbeitet, um der Beste zu sein. Das bedeutet natürlich, dass es immer einen gewissen Druck gibt, aber ich mag es, unter Druck zu spielen. Denn Druck motiviert mich.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie immer versucht haben, Ihren Teamkollegen einzutrichtern, dass sie denken sollen, der Beste zu sein.

Das Gleiche sage ich heute meinen Spielern. Von den ersten elf sind acht Spieler aus der Akademie. Dieses Level erreichen diese Jungs nur, wenn sie an sich glauben. Das ist die erste Regel. Erstmal musst du daran glauben, dann musst du arbeiten. Ich bin in dieser Hinsicht sehr gut. Ich habe als Spieler daran geglaubt und es geschafft. Und zurzeit glaube ich als Trainer daran.

Ein Großteil der Fußballer, mit denen Sie bei Galatasaray zusammengespielt haben, führten die Türkei bei der WM 2002 auf den dritten Platz. Glauben Sie daran, dass Sie einen Anteil am Aufstieg des türkischen Fußballs haben?

Was genau mein Beitrag war, weiß ich nicht. Aber anstelle einer diplomatischen Antwort kann ich Ihnen offen und direkt folgendes sagen: Ich fehlte in der türkischen Nationalmannschaft. Wäre ich gewesen, dann wäre die Türkei nicht Dritter, sondern Weltmeister geworden. Ich war der Spieler, der den Unterschied zwischen einem Drittplatzierten und einem Champion ausgemacht hat.

Gheorghe Popescu sagte mal über Sie: „Wenn er Spanier oder Franzose wäre, dann würde ihn die Geschichte vielleicht als den Besten akzeptieren.“

Diesen Titel überlasse ich meinem Sohn Ianis. Ich erwarte, dass er mehr macht als ich. Ja, ich war sehr nahe an diesem Level und habe versucht, alles zu gewinnen, was man gewinnen kann. Ich wäre gerne Weltmeister geworden, aber das hat nicht geklappt. Das Jahr, in dem ich mit Galatasaray den UEFA-Pokal gewonnen hatte, hätte ich den Ballon d’Or gewinnen können. Und das trotz meiner 35 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt war ich der Beste in Europa. Wahrscheinlich hat Popescu das aus diesem Grund gesagt. Aber letztlich bin ich in Rumänien geboren. Johan Cruyff sagte einst, ich sei einer der zehn Besten weltweit. In den Bestenlisten aufzutauchen, erfüllt mich mit Glück. Ich hoffe, dass mein Sohn noch erfolgreicher sein wird.

Ist es schwer, ein Hagi zu sein?

Warum soll es schwer sein? Schwer ist es, Spieler zu finden und aufzubauen, die für die Fans spielen, die Fans glücklich machen. Ich selbst hatte keinerlei Schwierigkeiten.

Also haben Sie niemals eine schwere Last auf Ihren Schultern gespürt?

Verantwortung und Druck gibt es immer. Aber ich denke, dass ich geboren wurde, um diese Verantwortung zu tragen. Warum gibt es Anführer? Weil Sie Verantwortung übernehmen können.

Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Anführers?

Erst einmal muss er die Verantwortung übernehmen. Eine solide Persönlichkeit sollte er haben. Ein Anführer muss jederzeit bereit sein, alles zu geben. Er muss großzügig sein. Die Menschen müssen ihn mögen und respektieren. In der Gesellschaft eines Anführers zu sein, soll sich gut anfühlen. Wenn ich mit jemandem rede, dann sage ich ihm: ‚Wenn du mit mir zusammen gehst, wird es für Dich besser sein.‘ In solchen Aussagen spiegelt sich meine Führungsstärke. Gott hat das auch schon so gesagt; erst geben, dann nehmen. Wenn man das verinnerlicht, hat man das Zeug zum Anführer.

Wie müssen Ihre Spieler sein?

In meinem Umfeld müssen Menschen und Spieler sein, die wollen, die können, die daran glauben, dass wir alles schaffen können.

Sie dulden also keine negative Ausstrahlung?

Wenn Du mir als Erstes ‚das geht nicht‘ sagst, dann geh am besten nach Hause. Um voranzukommen, um sich zu entwickeln, musst du immer positiv denken. Die Ziele musst du an oberster Stelle platzieren. Jeder liest irgendwie das gleiche Buch, aber die praktische Umsetzung macht den Unterschied aus. Das ist der Job, den ich momentan ausübe. Vielleicht sieht das, was ich mache, für einige sehr einfach aus. Aber ich habe quasi bei Null angefangen, ich habe acht Jahre gearbeitet, jetzt bin ich auf dem Höhepunkt.

Trotz Ihres Erfolgs leben Sie aus der Öffentlichkeit betrachtet sehr bescheiden. Legen Sie keinen Wert auf materielle Dinge?

Das, was ich liebe, liegt auf der Hand: Fußball. Alles andere fällt für mich in die Kategorie „Normal“. Jeder hat ein Hobby, ein Ziel. Manche mögen gutes Essen, machen Uhren oder Autos. Wichtig für mich ist lediglich, Fußball zu spielen, Fußball zu denken, so wie jetzt für den Fußball zu arbeiten. Alles andere, egal, was es auch ist, macht keinerlei Unterschied. Es gibt in meinem Leben nichts außer Fußball.

Sie investieren sehr viel in den Fußball.

Alles, was ich durch den Fußball verdient habe und verdiene, gebe ich dem Fußball zurück. Das können Sie in Großbuchstaben als Überschrift nehmen: Wer sonst außer mir in der Welt hat offiziell zwei Kinder, inoffiziell aber 250 Kinder? Es gibt niemanden. Punkt. Ich bin 55 Jahre alt. Meine tägliche Präsenz ist mein Kapital. Das ist das einzig Wichtige. Keine Uhr, kein Hemd, kein Auto.

Interview: Atahan Altinordu

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Video: Die Stille in der Kabine des FC Barcelona

Der FC Barcelona gewann das Hinspiel im Camp Nou mit 3:0 und bereitete sich seelisch auf das Champions-League-Finale vor. Doch dann drehte der FC Liverpool das Ergebnis. Aufnahmen zeigen erstmals, wie es in der Kabines Barcas hinterher aussah.

Beim FC Barcelona war man sich nach dem fulminanten Spiel und dem tollen Spiel im Camp Nou recht sicher, dass es klappt mit dem Finaleinzug in der Champions League. Einzig Lionel Messi erinnerte im Vorfeld an das Vorjahr, als Barcelona im Viertelfinale der Champions League scheiterte, weil man ein 4:1 im Hinspiel noch hergab und 0:3 verlor. 

Der argentinische Superstar der Katalanen schien eine Vorahnung gehabt zu haben: Denn Barcelona verlor an der Anfield Road tatsächlich mit 0:4 und verspielte das sicher geglaubte Finale von Madrid. Zwei Mal Divock Origi, zwei Mal Georginio Wijnaldum: Jürgen Klopps ersatzgeschwächte Truppe überrollte Barca regelrecht und war der verdiente Sieger des Abends. Erstmals zeigen nun Aufnahmen, wie es in der Kabine Barcelonas nach dem Spiel aussah.

Das blanke Entsetzen beim FC Barcelona im Video

Socrates im Testabo für nur 10 Euro