Beiträge

, , ,

Javi Martinez Kolumne #4: Gierig wie Sammer

Javi Martinez vom FC Bayern München schreibt in seiner SOCRATES-Kolumne, was ihn mit Matthias Sammer verbindet. Er legt sich fest, dass Joshua Kimmich eines Tages den Rekordmeister als Kapitän anführt, allerdings nie so gut Spanisch sprechen wird wie er.

Von Javi Martinez

„Mia san mia“ ist ein Leitspruch, den ich wohl keinem Fußballfan in Deutschland erläutern muss. Für mich war er allerdings neu, als ich 2012 nach München kam. Was dahinter steckt, erklärte mir damals Matthias Sammer. Ich habe dieses besondere, bayerische Selbstverständnis sofort verinnerlicht und trage es mittlerweile wie selbstverständlich in mir.

Wenn du es als Mannschaft richtig lebst, kann „Mia san mia“ eine Waffe sein. Auch das hat mir Matthias Sammer vor Augen geführt. Auch wenn er mittlerweile nicht mehr für den FC Bayern tätig ist, möchte ich sagen, dass er für mich zu meiner Anfangszeit in München eine sehr wichtige Person war. Er hat mir als sportlicher Ansprechpartner enorm geholfen. Natürlich schaust du als junger Spieler zu einem Mann wie Matthias Sammer auf.

Javi Martinez: „Klar und deutliche Ansprache, aber intern“

Er ist eine Legende. Er war einer der besten deutschen Spieler der vergangenen 25 Jahre. Zudem habe ich schnell festgestellt, dass wir beide ähnlich ticken, was uns auf eine gewisse Art und Weise miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für den Fußball ähnelt meiner stark. Wir haben auch einen ähnlichen Charakter, denke ich. Uns beiden ist die Kommunikation nach außen nicht so wichtig, wie die Dinge intern klar und deutlich anzusprechen.

Dabei geht es uns jedoch immer nur um eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Mannschaft und niemals um etwas Persönliches. Matthias Sammer liebt wie ich den Wettbewerb und die Herausforderung, sich auf dem Platz mit den besten Spielern und Klubs der Welt zu messen. Immer mit dem Ziel zu gewinnen. Und immer mit dem Antrieb, von Siegen nie genug zu haben. Ich denke, ich kann behaupten, dass ich genauso gierig nach Erfolgen bin wie Matthias Sammer.

Javier „Javi“ Martínez Aginaga spielt seit 2012 für den FC Bayern München, mit dem der Spanier sieben Meisterschaften, viermal den DFB-Pokal und 2013 sogar die Champions League gewann. Zuvor spielte er sechs Jahre für Athletic Bilbao in der Primera División. Martínez kam in 18 Länderspielen zum Einsatz und war Teil der Mannschaft, die 2010 Welt- und 2012 Europameister wurde. Seit 2019 ist er ständiger SOCRATES-Kolumnist.
Javi Martinez
FC Bayern

Sammer sagte: „Bleib geduldig“

Er nahm mich in den ersten Monaten oft beiseite und sagte mir: „Bleib geduldig, Javi. Die Saison ist sehr lang. Wir brauchen dich nicht am Anfang in einer super Form, sondern am Ende. Arbeite einfach weiter an deiner Leistungsstärke, aber setze dich nicht zu stark selbst unter Druck. Wir wissen, dass du gut bist. Und wir wissen, dass du uns in den entscheidenden Monaten helfen wirst.“ Und so kam es dann auch. Am Ende der Saison gewannen wir das Triple.

Wenn ich jetzt, sieben Jahre später, auf unsere Mannschaft schaue, sehe ich einige junge Spieler, die ebenfalls diese Gier in sich tragen und schon jetzt perfekt das angesprochene „Mia san mia“ verkörpern. Joshua Kimmich zum Beispiel.

Kimmich wird Kapitän

Er ist ein Spielertyp, der ideal zum FC Bayern passt. Der schon in jungen Jahren all die Werte des Klubs verinnerlicht. Gefühlt hat er schon über 1000 Spiele für den Klub gemacht. Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass er viele, viele Jahre beim Verein spielen und die Mannschaft vielleicht eines Tages auch als Kapitän anführen wird. Er ist ein echter Führungstyp. Er scheut sich nicht, voran zu gehen und Verantwortung zu übernehmen.

Da besteht zwischen Joshua und mir sicherlich eine Ähnlichkeit. Allerdings hat er mir eines schon jetzt voraus: Sein Deutsch wird immer besser sein als meines. Da muss ich einfach ehrlich sein: Manchmal ist die Sprache nach wie vor ein kleines Hindernis. Gerade wenn es mal schnell gehen muss, fällt mir nicht immer sofort das passende Wort auf Deutsch ein, obwohl ich wirklich fleißig lerne.

Ich denke, das ist normal. Und dennoch ärgert mich das gelegentlich. In diesen Momenten rette ich mich dann mit diesem Gedanken: Dafür wird Joshua wohl nie so gut Spanisch sprechen wie ich.

, ,

Sylvain Wiltord Kolumne: „Die Liebe von Arsene Wenger war grenzlos“

Sylvain Wiltord spielte vier Jahre unter Arsene Wenger beim FC Arsenal. Es war die erfolgreichste Zeit der Gunners unter Wenger. In seiner Gast-Kolumne blickt Wiltord zurück, erklärt, wie Wenger arbeitet und glaubt auch: Die Trainer-Legende wird einen neuen Klub übernehmen und wird dort erfolgreich.

Von Sylvain Wiltord

Arsene Wenger war Mister Arsenal. Seine 22 Jahre bei den Gunners sind Ausdruck von Treue, Nachhaltigkeit und Identifikation. Ich durfte dort von 2000 bis 2004 unter seiner Leitung spielen und empfinde das im Nachhinein als großes Privileg. Ich fand sehr schnell heraus, was Arsène auf allen Ebenen im Verein bewegt hatte. Am deutlichsten sichtbar war sein Wirken natürlich auf dem Platz.

Aus dem „Boring, Boring Arsenal“ der frühen 1990er machte er mit seiner Philosophie des „One-Touch-Football“ eine attraktiv, spektakulär und erfolgreich spielende Mannschaft. Das war sein Verdienst. Heute ist der FC Arsenal dafür bekannt und beliebt, auch wenn am Ende zu wenige Trophäen herausgesprungen sind.

Arsene Wenger hat den „full day“ eingeführt

Arsène hat die Ernährung der Spieler von A bis Z umgestellt und viel dafür getan, Verletzungen vorzubeugen und die Regeneration zu verbessern. Er hat den „full day“ auf dem Trainingsgelände eingeführt und dafür gesorgt, dass alle zusammen frühstücken und zu Mittag essen. Und mit „alle“ waren die Spieler gemeint, aber auch alle Betreuer, Trainer, Physiotherapeuten, Fitness-Coaches. Seine Intention war, den FC Arsenal zu einer großen Familie zu machen und das ist ihm auch mehr als gelungen.

Er hatte gleich mehrere Funktionen: Er war Trainer und Manager, aber auch gleichzeitig der Architekt des Klubs. Er hat durchgesetzt, dass ein großes und modernes Stadion gebaut wird, weil er erkannt hat, dass dies notwendig ist, um sich im Konzert der Großen behaupten zu können. Genauso zeichnete er für die Runderneuerung des Vereinsgeländes verantwortlich, das seitdem zu den schönsten in Europa zählt.

„Er wird bei seinem neuen Verein etwas bewegen“

Seine Liebe zu diesem Verein war grenzenlos. Irgendwie haben sich Arsenal und Arsène gesucht und gefunden. Er war jeden Tag auf dem Gelände, sogar wenn trainingsfrei war. Es war ihm unmöglich, dort nicht vorbeizuschauen. Er brauchte das, es war sozusagen seine Droge. Ich bin nicht überrascht, dass er so lange im Amt blieb.

Dagegen verblüfft es mich zu sehen, dass er anscheinend noch lange nicht satt ist. Er ist noch nicht in Rente gegangen, dafür hat er noch zu viel Feuer und Leidenschaft in sich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er einen neuen Verein übernehmen und dort auch etwas bewegen wird.

Der Artikel erschien in Ausgabe #27: Jetzt nachbestellen

Das Pech mit dem FC Bayern

In den letzten Jahren geriet er stark in die Kritik, weil Arsenal seit 2004 keinen großen Titel mehr erringen konnte. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er nicht immer alles gegeben hätte. Überhaupt kann man ihm wenig vorwerfen. Man muss bedenken, dass sich Arsenal durch den Bau des neuen Stadions auf dem Transfermarkt stark beschränken musste und dadurch etwas den Anschluss verlor.

Und dennoch qualifizierte man sich zuverlässig Jahr für Jahr für die Champions League. Arsenal kam zwar meist nicht über das Achtelfinale hinaus, doch muss man auch festhalten, dass die Gegner fast immer Barcelona oder Bayern München hießen. Sehr bitter war allerdings das Ausscheiden 2015, als man auf AS Monaco traf und von einer Pflichtaufgabe ausgegangen war. Das tat weh und war gleichzeitig schlecht fürs Image.

„Wenger hat nichts dem Zufall überlassen“

Ich werde vor allem die Spielzeit 2003/04 immer in bester Erinnerung behalten, als wir vom ersten bis zum letzten Spieltag ohne Niederlage blieben und damit Geschichte schrieben. Bei diesem Triumph hat Arsène eine essenzielle Rolle gespielt. Er hat uns auf jeden Gegner und jedes Spiel extrem professionell eingestellt. Das war schon großes Kino. Dass wir nie den Fokus verloren, auch als wir klar vorne lagen, war allein sein Verdienst.

Er hat einfach nichts dem Zufall überlassen. Er hatte auch mit Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Robert Pires, Patrick Vieira, Jens Lehmann, Ashley Cole, Kolo Touré, Cesc Fabregas, Freddie Ljungberg, José Antonio Reyes oder auch Nwankwo Kanu eine sehr ausgeglichene, erfahrene, aber gleichzeitig unfassbar hungrige Mannschaft.

Der Socrates Newsletter

Ein echter Gentleman

Dank seiner Persönlichkeit, seiner Trainingsmethoden, seiner Liebe und Hingabe zum Beruf hat sich jeder Spieler bei ihm als Sportler, aber auch als Mensch prächtig entwickelt. Er war einfach klasse, sehr elegant, ein echter Gentleman eben, wie es nur noch wenige gibt. Auch ihm ist es zu verdanken, dass die Premier League heute die reichste Liga der Welt ist, weil er mitverantwortlich dafür war, dass diese Meisterschaft ihre Popularität weltweit immens steigern konnte.

Seine Duelle mit Sir Alex Ferguson oder José Mourinho waren stets voller Rivalität und Intensität. Arsène Wenger hat den englischen, aber auch den internationalen Fußball revolutioniert. Er hat die ganze Branche auf Vordermann gebracht. Er hat viel Vertrauen in junge Spieler gesetzt und war immer in der Lage, eine gesunde Mischung aus jungen und erfahrenen Profis zu finden.

Urlaub war ein Fremdwort

Er war einer der ersten Trainer überhaupt, der viel mit Videoanalysen arbeitete, sowohl bei der Vorbereitung auf den nächsten Gegner als auch in der Nachbetrachtung des eigenen Spiels. Er war den meisten anderen Trainern um Jahre voraus, weil er hervorragend antizipieren konnte, Entwicklungen und Trends frühzeitig erkannte und nutzte. 24 Stunden pro Tag investierte er in den Job. Er konnte nicht anders. Urlaub war für ihn ein Fremdwort.

Für mich gehört Arsene Wenger wie Ferguson zu den größten Trainern aller Zeiten. Dass er im Mai 2018 seinen Hut nahm, nötigte mir den größten Respekt ab. Ich war sehr berührt, als mich die Nachricht erreichte. Neben dem Weltmeistertitel für Frankreich war sein Abschied von Arsenal aus meiner Sicht das wichtigste Fußballereignis jenes Jahres.

,

Niko Kovac im Interview: Trainer sind wie Joghurt

Im Jahr 2017 interviewte das Socrates Magazin Niko Kovac, als er Eintracht Frankfurt auf die Saison vorbereitete. Der Kroate beklagte die geringe Wertschätzung für die Trainer. Aussagen, die heute – nach seinem Aus beim FC Bayern – wieder Gültigkeit haben.

Ein längerer Auszug aus dem Interview mit Niko Kovac, damals Trainer von Eintracht Frankfurt und weit vor seinem Wechsel zum FC Bayern, aus dem August 2017. Kovac wehselte 2018 zum FC Bayern und wurde 3. November entlassen – nach einem 1:5 gegen Eintracht Frankfurt.

Niko Kovac, ihr Vater Mato und Ihre Mutter Ivka wanderten 1970 aus Kroatien nach Deutschland aus und verdienten ihr Geld als Zimmermann und Putzfrau. Haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen, was ehrliche Arbeit bedeutet?

Als meine Eltern auswanderten, war Deutschland noch nicht so, wie wir es heute kennen. Damals galt für alle: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tag ein, Tag aus. Das hat man von klein auf mitbekommen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Gesellschaft – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Jugendklub. Das  hat mich geprägt.

Welche Regeln galten damals im Hause Kovac?

Es galt, freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Und man musste eben arbeitswillig sein. Ich denke, die Werte und Normen, die damals gegolten haben und selbstverständlich waren, sollten auch in unserer heutigen Zeit Gültigkeit haben, auch wenn sie sich sicherlich etwas verschoben haben. Das versuche ich zumindest an meine Tochter weiterzugeben, und an meine Spieler.

Welche Regeln stellen Sie Ihrer Fußball-Familie auf?

Das Wichtigste für ein erfolgreiches Zusammenleben einer Mannschaft ist Respekt dem anderen gegenüber. Dazu benötigt man eine gewisse Disziplin. Wenn man in einem so großen Gebilde wie einer Bundesligamannschaft zusammenarbeitet, müssen diese beiden Komponenten stimmen. Ich habe im Laufe meiner Zeit als Spieler gelernt, dass Grundvoraussetzungen für Fortschritt und Erfolg die Arbeitsbereitschaft und die Arbeitsauffassung sind.

Trotz Ihres hohen Disziplinanspruchs halten Sie wenig von Sanktionen. Warum?

Ich versuche zu bewirken, dass jeder Spieler mit seinem gesunden Menschenverstand sein Verhalten zunächst selbst analysiert und dementsprechend auch handelt. Das ist bei uns nicht immer ganz einfach, weil wir viele unterschiedliche Charaktere unterschiedlicher Herkunft haben. Da fasst der ein oder andere Dinge anders auf. Das muss ich als Trainer in Einklang bringen, damitdas Gebilde funktioniert. Dennoch bin ich der Meinung, der Kopf sagt einem schon, was man darf und was man nicht darf. Hört man auf ihn, bedarf es auch keiner großartigen Sanktionen. Eines ist ganz elementar: Jeder muss sich unterordnen. Egal, wie er heißt, wie alt er ist, wie lange er da ist. Keiner ist wichtiger als der Erfolg oder ist größer als der Klub. Das gilt übrigens nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer und alle, die im Klub arbeiten. Wir alle werden irgendwann nicht mehr da sein, aber der Klub wird bestehen bleiben. Und es liegt an uns, dass wir den Klub entsprechend präsentieren und so aufstellen, dass er in Zukunft erfolgreich sein kann.

Das Interview erschien in Ausgabe #10: Hier nachbestellen

Auch das sagen Sie total gelassen. Woher nehmen Sie die innere Ruhe?

Als Spieler war ich schon sehr impulsiv. Und das kann ich auch als Trainer sein. Nur versuche ich als Trainer vorrangig, Ruhe auszustrahlen. Zu viel Nervosität und Aggressivität wirkt sich negativ auf meine Mannschaft aus. Ich habe lange genug selbst Fußball gespielt, wodurch ich die Erfahrung mitbringe, in gewissen Situationen von außen Ruhe zu bewahren.

Was lässt Sie dennoch aus der Haut fahren?

Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker. Ungerechtigkeiten konnte ich schon als kleiner Junge in der Schule nicht leiden. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ich weiß natürlich auch, dass nicht jeder alles gleich sieht, es oft bekanntlich mehrere Wahrheiten gibt. Wenn es aber ganz klare Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir die Hutschnur hoch.

Agieren Sie als Freund oder Chef der Spieler?

Beides. Aber in erster Linie versuche ich, ein Freund zu sein. So lange ist es ja auch noch nicht her, dass ich selbst Spieler war. Ich habe 2009 aufgehört. Na gut, es ist schon ein paar Jahre (lacht).

Sie werden auch nicht jünger.

Ja, genau. (lacht) Aber der Bezug zu den Spielern ist da. Die Jungs, die jetzt da sind, die sind meine Generation. Ich verstehe ihre Sprache und Denkweise. Von daher will ich den Spielern auch eine gewisse Sicherheit vermitteln, indem ich Nähe aufbaue. Aber ganz klar: Nähe allein reicht nicht. Man muss in gewissen Situationen auch harte Entscheidungen treffen. Ich muss diese treffen. Weil ich der Trainer und somit auch der Chef bin.

Wird diese Herangehensweise mit dem Alter schwieriger, weil mehr Distanz aufgrund unterschiedlicher Interessen entsteht?

Das kann schon sein. Nur ticke ich sicherlich noch anders als ein Trainer, der sechzig Jahre alt ist. Da ist der Unterschied doch sehr viel größer. Noch sehe ich mich als eine Generation mit meinen Spielern. Das kann jedoch in zehn Jahren ganz anders sein. Dann sind diejenigen, die jetzt zehn sind schon zwanzig. Und vielleicht entwickelt sich die Gesellschaft in dieser Zeit wieder in eine andere Richtung. Und dann muss ich als Trainer womöglich anders agieren.

Welcher Ihrer früheren Trainer kommt dem Trainer Kovac aktuell am nächsten?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man von jedem Menschen etwas mitnehmen kann. Also auch von jedem Trainer. Sowohl Gutes als auch weniger Gutes. Man wird ja geprägt. Es gab Situationen als Spieler, in denen man dachte: Das war gut, das gefällt mir. Das möchte ich später auch so machen. Dann gab es aber auch Situationen, die mir damals nicht passten – und die ich jetzt in meinem Trainerdasein vermeide.

Sie hatten bei Louis van Gaal in München hospitiert. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Akribie und die Perfektion, mit der er die ganze Woche gesteuert hat. So detailverliebt hatte ich das vorher noch nicht erlebt. Das hat mich beeindruckt. Man hat einfach gesehen, dass er die Kunst Fußball beherrscht. Dahinter steckt sicherlich ein Reifeprozess, den er über viele Jahre hinweg durch seine Tätigkeiten bei Ajax, Barcelona, Alkmaar und Bayern durchlaufen hat.

Sie selbst haben als Spieler auch viele Vereine erlebt, waren aber nirgendwo länger als fünf Jahre am Stück. Auch als Trainer hatten Sie bisher noch kein Langzeitengagement. Worin liegt das begründet?

Wie heißt es so schön: ‚Es ist nur der Trainer, der schon einmal gestanzt worden ist.‘ Das ist unser Schicksal. Wir sind das schwächste Glied in der Kette. Bei Misserfolg wird niemand auf die Idee kommen, die halbe Mannschaft rauszuhauen und den Trainer zu behalten. Die Haltbarkeit eines Trainers ist daher ziemlich gering. Hinzu kommt, dass immer mehr gut ausgebildete Trainer auf den Markt kommen, so dass auch schnell ausgetauscht werden kann.  Es ist eine Entwicklung, die bedenklich ist. Die vielleicht auch in die falsche Richtung geht. Klar, jeder möchte erfolgreich sein. Bei achtzehn Bundesligavereinen kann aber eben nur einer Meister werden. Die Erwartungshaltung vieler Klubs, aber auch der Fans, ist nicht entsprechend der getätigten Investitionen. Aber okay, das ist part of the business. Man kann es machen oder man lässt es sein. Und wenn man dabei ist, muss man damit rechnen und leben, dass man eine sehr kurze Halbwertszeit hat – fast wie ein Joghurt.

Macht das den Trainerjob so kompliziert – dass man langfristig denken und entwickeln möchte, aber kurzfristig agieren muss?

Das ist genau der Punkt. Es klingt nach wie vor wie eine Floskel, wenn ein Trainer sagt, er brauche Zeit. Aber er braucht sie wirklich, wenn er etwas entwickeln möchte. In einem Jahr ist das kaum zu schaffen. Schon gar nicht, wenn man innerhalb der Mannschaft so eine hohe Fluktuation hat.  Gerade am Saisonanfang hat jeder Trainer seine langfristigen Ziele. Aber vor allem heißt es, die ersten zwei, drei Monate gut zu performen, sonst kann es schon wieder für dich vorbei sein. Trainerdasein bedeutet auch Überlebenskampf.

 

Dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein in der Bundesliga bleibt, ist ein romantischer Fußballtraum?

Das ist kaum möglich. Genauso gibt es ja auch kaum mehr Spieler, die von Anfang bis Ende ihrer Karriere in einem Klub spielen. Irgendwie spiegelt das auch unsere heutige Gesellschaft wider. Menschen scheinen leicht ersetzbar zu sein. Es wäre wünschenswert, dass der Glaube an den langfristigen stärker ist als die Hoffnung auf den kurzfristigen Erfolg. Aber das ist im Fußball nicht realisierbar.

Interview: Felix Seidel

,

Tobias & Bastian Schweinsteiger: Deckname „Cantona“

Nach vielen Jahren beim FC Bayern wechselte Bastian Schweinsteiger 2016 zu Manchester United. Für ihn und Bruder Tobias ging damals ein Traum in Erfüllung. Die Liebe zu United schaffte es sogar bis zur Türklingel beider Schweinsteigers.

Tobias Schweinsteiger, als Ihr Bruder Bastian 2015 zu Manchester United wechselte, konnten Sie dann auch endlich das Old Trafford besuchen. Wie war es für Sie, das Stadion Ihres Lieblingsklubs zu besuchen?

Ich habe in England schon viele Spiele besucht, aber im Old Trafford war ich damals zum ersten Mal. Die Stimmung ist der reinste Wahnsinn. Nach dem ersten Spiel, das ich besucht habe, hat Ashley Young gesagt, dass die Atmosphäre an dem Tag nicht besonders gewesen sei. Da habe ich mich schon gefragt: Was ist hier los, wenn sie mal besonders ist? (lacht) Das Publikum ist anders in England, die Wertschätzung ist anders – sowohl gegenüber dem Spieler als auch dem Verein.

Sie haben als Fußballer viel erlebt und gesehen. Schafft es das „Theatre of Dreams“ dennoch einen mit über 30 Jahren nochmal vom Hocker zu reißen?

Das ist das Schöne am Fußball, dass es immer etwas Neues gibt, was einen fasziniert. Wir haben eine ganz eigene Fankultur in Deutschland und insbesondere beim FC Bayern. Diese Nähe, die wir hier den Fans bieten, gibt es in anderen Ländern vielleicht nicht so. Für meinen Bruder Bastian war es aber ein Reiz gewesen, etwas Neues zu erleben und auf der Insel eine neue Mentalität kennen zu lernen.

Lutz Pfannenstiel hat mal erzählt, dass er als Kind Fan von Flamengo Rio de Janeiro war. Sie und Bastian waren beide Fans von Man United, obwohl der FC Bayern und 1860 München nur ein paar Kilometer weg waren. Wie kommt denn das?

In einer Sportzeitschrift war ein Poster der Meistermannschaft von 1991/92. Das habe ich mir damals ins Zimmer gehängt. Und es war dann auch die Zeit, als Eric Cantona seine spektakulären Auftritte hatte, die nicht immer groß mit Fußball zu tun hatten. Cantona hat mich sehr interessiert, er hat mich fasziniert und ich habe nach ihm geforscht. Über Cantona entstand auch die Liebe zu Manchester United. Und irgendwann kam dann auch die goldene Generation, die „Class of 92“, mit Giggs, Scholes, Beckham, den Neville-Brüdern und Butt. Yorke, Cole, Solskjær kamen dann auch dazu. Das war eine riesen Truppe.

Bastian hatte an der Klingel seiner Münchener Wohnung den Namen Cantona stehen. Was stand bei Ihnen?

Ich hatte das in Regensburg auch. Wenn man mitten in der Stadt wohnt und „Schweinsteiger“ an der Klingel hat, kann man sich vorstellen, dass öfters mal einer klingelt. „Cantona“ ist unser Deckname gewesen. Es hat ganz gut gepasst, weil „Cantona“ hier in München oder Bayern auch nicht für jeden ein Begriff war. Zumindest nicht so wie „Schweinsteiger“.

Woher kam die besondere Bewunderung für Eric Cantona?

Er hat mich damals einfach fasziniert in seiner Spielweise, seinem ganzen Auftreten, seinem Revultionärem! Er hat immer polarisiert – und er tut es heute noch.

Gehen dem Fußball Typen wie er ab?

Es wird im Fußball immer wieder Typen geben, aber durch die flacheren Hierarchien und die Schulung schon ab dem Jugendalter werden sie nicht mehr diese Erscheinung haben wie früher.

Er war in einer Manchester- Mannschaft voller Stars. Und dennoch fiel er besonders auf. Das war nicht nur die sportliche Komponente, oder?

Die sportliche Komponente auf einer Seite, seine Führungsqualitäten und seine Ausstrahlung, hinter der sich diese vielen Talente entwickeln konnten, auf der anderen Seite.

Haben Sie Ihre Liebe zu Manchester United nach dem Finale 1999 eigentlich überdacht?

(lacht) Ich war hin- und hergerissen, das war nicht leicht. Aber damals war ich noch einen Tick mehr für Manchester United. Ich war 17 Jahre alt, das war die Revoluzzer-Phase. Man war für das, was nicht direkt vor der Haustür war.

Wie war es am nächsten Tag?

Ich war da schon nicht mehr in der Schule, sondern beim Bundesgrenzschutz. Beim Antreten in der Früh habe ich mich mit dem Man-United-Schal hingestellt und musste sofort zum Rapport. (lacht)

Hatten Sie sich dabei ertappt, in der Funktion als Fan bei Ihrem Bruder nachzufragen, wie es bei ManUnited so ist? „Wie ist der Rooney?“ „Wie ist die Kabine, usw.?“

Klar, das kommt aber automatisch. Wir leben in einer Zeit mit viel Technik. Da schickt man sich Bilder und Videos. Ich interessiere mich nicht nur als Fan, sondern auch als Bruder, wie es ihm geht und wie die Mitspieler sind. Ich habe mir auch selbst ein Bild machen können, als ich vor Ort war.

Der Socrates Newsletter

Bastian hatte in vielen Interviews über die Jahre immer wieder seine Zuneigung zu Manchester United geäußert, aber anscheinend hatte da keiner richtig zugehört. Der Bayern Fan Bastian geht zu seinem Lieblingsverein. Vielen ging es nicht so, aber Sie konnten es schon nachvollziehen, oder?

Ich war ja immer in seine Gedanken eingeweiht und es war die optimale Entscheidung für ihn, dorthin zu gehen. Man hätte davon ausgehen können, dass er beim FC Bayern noch zwei, drei Mal Meister geworden wäre. Er hatte aber die große Herausforderung gesucht und gefunden.

Interview: Fatih Demireli

,

Thomas Müller: Bayerns Sheldon Cooper

Zwar muss Thomas Müller seit Jahren neben der Toilette sitzen – dennoch fühlt er sich bei Bayern und in München zu Hause. Warum er da weiter Filme anschauen will und was in der Kabine passiert, erzählt er Socrates.

Das Interview erschien in Ausgabe #4

Das Interview erschien in Ausgabe #4

Thomas Müller, ein Sprichwort besagt: Wer sich überall zu Hause fühlt, ist nirgends daheim. Finden Sie sich darin wieder?

Ich fühle mich auch wohl, wenn ich unterwegs bin. Aufgrund meines Berufs war ich ja schon viel unterwegs auf dem Planeten und bin überall zurechtgekommen. Aber ja, es gibt diesen Platz, an dem ich daheim bin. Hier in Bayern ist es einfach schön.

Haben Sie Ihre Heimat durch die vielen Reisen noch mehr zu schätzen gelernt?

Die Frage ist, ob es immer nur an der geografischen Lage liegt, wo man daheim ist. Klar, man hat eine Verbindung zu dem Ort, an dem man aufgewachsen ist. Aber der Wohnort kann durch einen Umzug ja auch wechseln. Der zentrale Anker ist die Familie. Das ist ja eigentlich das wahre Gefühl von Heimat – dass die Menschen, die einem am wichtigsten sind, um einen herum sind.

Die Menschen beim FC Bayern scheinen dann wie eine Familie für Sie zu sein.

Seit ich zehn Jahre alt bin fahre ich fast täglich an die Säbener Straße. Ich fühle mich beim FC Bayern daheim. Ich kenne alle handelnden Personen im Verein. Nicht nur diejenigen, die direkt um mich herum sind. Wenn ich mich am Trainingsgelände umschaue: Der Hattab Khalfallah, der die Balljungen betreut, der war schon mein Betreuer in der Jugend. Im Leistungszentrum kenne ich die Jugendtrainer, die Verantwortlichen. Man grüßt sich, man kennt sich. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das woanders ist. Ich war bisher eben nur hier. Wenn wir über Heimat sprechen, dann kann ich auf den Fußball bezogen schon sagen: Der FC Bayern ist mein Wohnzimmer.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass Bequemlichkeit aufkommt?

Ich kann es mir nicht auf der Couch bequem machen, sondern habe was zu tun. Es macht schon Spaß, diesen Wettbewerb im vertrauten Wohnzimmer anzunehmen. Es macht Spaß daran zu arbeiten, dass der FC Bayern am Ende wieder ganz vorne steht.

Es kommen ja jährlich neue Darsteller in Ihr Wohnzimmer. Sehen Sie es als Aufgabe an, diese sich dort wohlfühlen zu lassen?

Ich sehe mich da schon auch neben dem Platz in der Verantwortung, meinen Teil dazu beizutragen, dass die Mannschaft funktioniert. Dass die Voraussetzungen gegeben sind, dass wir Ergebnisse liefern können. Und diese sind am besten, wenn sich jeder Spieler bei Bayern wohlfühlt.

Hat sich Ihr Blick darauf mit den Jahren verändert?

Es ist ja so: Wenn du jung bist, musst du erstmal schauen, dass du selbst funktionierst. Mittlerweile schaue ich vermehrt auf das Große und Ganze. Der Verein entwickelt ja auch eine gewisse Erwartungshaltung an einen. Jahr für Jahr steigt meine Verantwortung. Es muss Spieler in einem Team geben, die über den Tellerrand hinausschauen und sich auch darum scheren, dass der ganze Laden läuft. Das ist eine spannende Aufgabe.

Welche Rolle spielt dabei die Kabine?

Sie ist der zentrale Punkt auf dem Trainingsgelände. Die Kabine ist ein Ort, an dem sich viel Wichtiges abspielt. An dem man immer wieder zusammenkommt. Aber auch ein Ort, der einem ständigen Wandel unterlegen ist. Nicht nur während einer Saison, sondern über viele Saisons gesehen. Wenn man sieht: Wer kommt? Wer geht? Mit wem habe ich schon vor fünf Jahren zusammengespielt? Wie viele sind von denen noch da? Man lernt viele neue Persönlichkeiten kennen. Ich bin in dieser Situation bei Bayern der Sheldon Cooper – der hat bei der Big Bang Theory schon ewig seinen Platz auf dem Sofa. Und diesen Platz habe ich in der Kabine auch. Allerdings ist meiner schlechter gelegen – nämlich direkt neben der Toilette. Aber den Platz werde ich nicht mehr abgeben. Ich kann von dort aus gut handeln.

Handeln im Sinne eines bayerischen Integrators oder Imperators?

Integrator passt auf jeden Fall. Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter einem Imperator?

Jemanden, der seine Männer in die Schlacht führt und kommandiert.

Es erinnert mich zu sehr an früher. Damals wurde immer der Eindruck vermittelt: Der Kapitän ist der Alleinherrscher. Das ist aber kein Spieler. Es ist ja schon längere Zeit so, dass Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird. Das Geschäft untereinander ist ein bisschen menschlicher geworden. Aber natürlich muss man auch mal Ansagen machen, wobei da nach wie vor der Kapitän der erste ist, der das veranstaltet und der dafür auch der richtige Mann ist. Grundsätzlich bin ich ein Typ, der versucht, dass die Leute um mich herum Spaß haben und sich wohlfühlen. Wenn ich sehe: „Da zwickt es!“, dann versuche ich so gut es geht positiv einzuwirken. Aber eines ist mir dabei wichtig.

Socrates auf Facebook

Bitte.

Es ist nicht so, dass ich mich rund um die Uhr mit den anderen Spielern beschäftige. Das dürfen wir nicht verwechseln. Man muss schon erstmal schauen, dass die Voraussetzungen für einen selbst gegeben sind, dass man seine Leistung bringen kann. Ich will jetzt nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich mich nicht mehr aufs Fußballspielen konzentriere. Aber es gibt eben diese Momente in der Kabine oder auch auf den vielen Reisen, in denen geredet wird und in denen man zwischenmenschlich in die richtige Richtung lenken kann. Es sind eher die kleinen Dinge, die später eine große Wirkung entfalten können.

Geht es in diesen Gesprächen auch um die Übermittlung der Siegermentalität des FC Bayern?

Die kannst du keinem einreden. Die musst du spüren. Jeden Tag. Ich spitze deswegen gerne junge Spieler im Training an, mache aus vermeintlich lockeren Spielchen Wettbewerbe, indem ich sage: Wer gewinnt, muss danach die Getränke für alle holen. Du musst gerade die jungen Spieler mit ins Boot holen. Das schafft Anreize.

Wettbewerb schafft Gewinner?

Was dabei ganz wichtig ist: Du musst vorleben, worauf es ankommt. Worauf es in dem Verein ankommt. Die Spieler, die neu kommen, die lesen überall dieses Mia san mia. Die müssen ja auch ein Gefühl dafür bekommen, was das eigentlich bedeutet. Die müssen das Gefühl bekommen, der FC Bayern ist nicht einfach ein Arbeitgeber. Sondern die müssen spüren: Hier war schon immer eine gewisse Siegermentalität vorhanden. Der Verein ist etwas Besonderes. Man steht immer unter Erfolgsdruck. Dem muss man erstmal gewachsen sein. Und es geht immer um die Performance auf dem Platz. Diese Siegermentalität kann ich mittlerweile gut vorleben.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

, , ,

Javi Martinez Kolumne #2: Einfach Javi sein

Javi Martínez besitzt ein Haus in den Pyrenäen. Die Gipfel in 3.000 Meter Höhe sind für ihn der perfekte Rückzugsort. Und zugleich der Platz, an dem der Bayern-Star wirklich er selbst sein kann.In seiner zweiten Kolumne schreibt er in SOCRATES, wo er wirklich er selbst sein kann.

Wie oft könnt ihr das? Einfach ihr selbst sein? Ohne im Beruf oder im Bekanntenkreis gewissen Erwartungen entsprechen zu müssen? Ich bin ganz ehrlich: Ich kann es nicht immer. Aber jetzt, in diesem Moment, in dem ich diese Kolumne verfasse, bin ich es. Ich schätze es, meinen Gedanken freien Lauf lassen zu können. Sie in Worte zu fassen. Ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen.

Ich liebe es, Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Mit ihnen gute Gespräche zu führen, mich mit ihnen über ihre Woche, ihre Ansichten und Erlebnisse auszutauschen. Zeit füreinander zu haben, ist mir wichtig.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe #30: Jetzt nachbestellen

„Als Javi bewege ich mich anders“

Vielleicht klingt das außergewöhnlich für einen Fußballer: Aber mir gefällt es auch sehr, mit meiner Familie Brettspiele zu spielen. Wenn nun einige von euch sagen, ich sei ein einfacher Typ, kann ich dem nur zustimmen. Ich würde jedoch ergänzen, dass ich zudem ein sehr neugieriger Mensch bin, für den es großen Wert hat, fremde Länder zu bereisen und bisher unbekannte Speisen zu probieren. Ich möchte die Welt sehen und schmecken.

Durch den Fußball habe ich das Glück, schon in vielen Ecken unserer Erde gewesen zu sein. Aber eben zumeist in meiner Rolle als Profispieler Javi Martínez. Und nicht als Javi. Als Javi bewege ich mich anders. Als Javi brauche ich den Himmel mehr als ein Hotel. An einem freien Wochenende zieht es mich in die Berge.

Die Berge nehmen dich wortlos auf

Ich besitze ein Haus, das in den Pyrenäen liegt, genauer gesagt in Formigal auf rund 1.500 Meter Höhe. Es ist für mich der schönste Fleck in Spanien – mit einem atemberaubenden Blick über die Gebirgskette, die zwischen Frankreich und Spanien verläuft.

Die Berge haben etwas Spezielles. Wenn du dich hineinbegibst, werden sie zu deinem Partner. Sie nehmen dich wortlos auf und an. Deswegen liebe ich es auch, gelegentlich alleine zu wandern. Ich bin dann ganz für mich teilweise sieben Stunden am Berg unterwegs.

Wenn ich mich umschaue, sehe ich die grünen Bäume, das graue Felsmassiv und den blauen Himmel. Ich fühle mich geliebt in dieser Umgebung. Es gibt Sommertage, an denen ich bis an die Bergspitzen in knapp 3.000 Metern Höhe hinaufsteige und dort oben in einem Schlafsack übernachte. In meinem Rucksack habe ich dann ein Buch, etwas zu essen und zu trinken dabei.

Mehr benötige ich nicht.

Bei minus acht Grad auf dem Gipfel

Manchmal möchte ich abstreifen, dass ich ein erfolgreicher Fußballer beim FC Bayern bin. Dass ich viele Fans habe. Dass auf meinen Schultern viel Verantwortung liegt. In diesen Momenten möchte ich einfach nur relaxen, den Kopf ausschalten und alles um mich herum vergessen.

Das ist eine wichtige Regeneration für mich. Einmal erklomm ich sogar im Winter mit Freunden, die erfahrene Bergsteiger sind, die Gipfel in den Pyrenäen. Oben zeigte das Thermometer minus acht Grad. Wir bauten uns für die Nacht ein Iglu. Und als wir dann morgens aufwachten, war es wie in einem Traum: Beim Sonnenaufgang verwandelte sich der Schnee in ein weißes, glitzerndes, leuchtendes Meer.

Ich habe so etwas Schönes noch nie gesehen.

Die Handykameras reichen nicht aus

Es war eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Amazing. Zum Glück war ein professioneller Fotograf damals ebenfalls in den Bergen unterwegs. Er konnte mit seiner Kamera die einzigartigen Bilder festhalten.

Unsere Handykameras hätten dafür bei weitem nicht ausgereicht. Es war ein Ansporn für mich, der Fotografie mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Mittlerweile habe ich meine eigene hochwertige Kamera. Zweifelsohne: Die Fotografie hat mich gepackt, auch wenn ich auf diesem Gebiet noch ein Anfänger bin.

Nach der Karriere…

Und leider ist das Material sehr schwer, so dass ich es auf die langen und anstrengenden Bergtouren nicht mitnehmen kann. Aus diesem Grund überlege ich, in einem der nächsten Winter mal mit einem Schneemobil Richtung Gipfel zu fahren, um die Ausrüstung mit in die Höhe nehmen zu können und ähnliche Bilder anzufertigen.

Ja, das bin ich. Jemand, der einfach seinen Interessen und seinem Herzen folgt. Ohne dabei beobachtet oder bewertet zu werden. Das geht aus bekannten und benannten Gründen aktuell (zu) selten. Aber die Zeit wird kommen, dass ich viel mehr Javi sein werde, als ich es jetzt sein kann.

, , ,

Armin Klümper: Gott in Weiß

Jahrzehntelang dosierte, rezeptierte und verabreichte der Sportmediziner Armin Klümper Dopingmittel für Sportler der Bundesrepublik. Sein Ruf als loyaler Wunderheiler machte ihn alsbald für den Fußball interessant. Jetzt ist Klümper verstorben.

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich John Hoberman mit der Soziologie des Dopings. Der renommierte Germanist und Dopingforscher publizierte in der Szene bahnbrechende Bücher, wie 2005 Testosterone Dreams – über synthetisches Testosteron als Alltagsdroge im Sport und der Gesellschaft in den USA.

Sein älteres Buch Mortal Engines (1994 in Deutschland erschienen) avancierte zu einem Standardwerk der Anti-Doping-Literatur. Ausgerechnet er, einer der größten Provakteure des über Jahrzehnte zu laschen amerikanischen Anti-Doping-Kampfes, hievte einst zwei deutsche Sportmediziner auf ein noch höheres, wenn auch aus Ironie erbautes Podest: „Deutschland ist das einzige Land, das nicht nur berühmte Sportler, sondern auch berühmte Sportärzte kreiert hat.“

Der Artikel erschien in Ausgabe #11: Jetzt nachbestellen

Die Doyens der Sportärzteschaft

Gemeint hat er Josef Keul und Armin Klümper, lange bevor eine unabhängige Kommission begann, die beängstigend ausgeprägte Dopingvergangenheit der Freiburger Universität im Auftrag der Uni selbst zu beleuchten.

Eben dort waren Keul und Klümper, wie sie die Süddeutsche Zeitung und deren Dopingexperte Thomas Kistner eins treffend taufte, die Doyens einer Doping praktizierenden Sportärzteschaft in der Bundesrepublik. Von Freiburg aus präparierten sie deutlich über die Grenzen des Erlaubten hinaus Athleten. Auch Minderjährigen wurden nachweislich verbotene Präparate verabreicht.

Mitverantwortlich für Weltrekorde und Medaillen

Schließlich war auch der Fußball irgendwann involviert. Zeitzeugen-Aussagen, Gerüchte, der Fall Birgit Dressel – Ansatzpunkte für das verbotene Handeln Klümpers gab es bereits lange. Seit Juni 2017 ist es aber amtlich, der letzte Bericht der längst nach ständigen Querelen aufgelösten Kommission wurde veröffentlicht. Jedoch publizierten nicht der von der Kommission übriggebliebene Sportwissenschaftler Andreas Singler und dessen Co-Autor Gerhard Treutlein, sondern die Uni Freiburg selbst. Singler befindet sich deswegen im rechtlichen Urheberstreit.

„Klümper hat dopingtaugliche Mittel augenscheinlich im großen Stil über Jahrzehnte hinweg rezeptiert und verabreicht“, heißt es. „Er habe sich damit für Weltrekorde, Medaillen und viele Spitzenleistungen mitverantwortlich gezeichnet, die ohne Dopingmaßnahmen vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Leistungsentwicklung in der Regel nicht denkbar waren.“

Klümper, der Menschenfänger

Keuls größtes negatives Vermächtnis, dies wurde in einer älteren Veröffentlichung Singers deutlich, bestand aus dem Imagemanagement beim bundesdeutschen Doping. „Keul hat sich über Jahre hinweg durch seine wissentliche Duldung ums Doping verdient gemacht“, erklärte einst die Dopingaufklärerin Brigitte Berendonk. 2016 und 2017 dann lieferten die Gutachter Belege dafür, dass Keul, seit 1960 deutscher Olympiaarzt (ab 1980 Chefarzt), nachweislich vereinzelte Athleten dopte.

Dennoch war der aktivere der Beiden nicht der Internist Keul, sondern der Orthopäde Klümper. Ein Menschenfänger, ein Sportlerfänger. Der gebürtige Münsteraner (Jahrgang 1935) verstand es, nach Medizinstudium und Anfängen an der Uni, enge Bindungen zu seinen Sportler-Patienten aufzubauen. Bereits in den 1960er Jahren wurde er Verbandsarzt mehrerer Nationalverbände.

„Ich bin Helfer des Menschen“

Bis zum Ende des darauffolgenden Jahrzehnts war er einer der lautstärksten Befürworter der offiziellen Freigabe von Anabolika im Leistungssport – und verordnete auch anabole Steroide. Dennoch galt Klümper alsbald sportartübergreifend als Ausnahme-Arzt. „Aber“, so stellte Brigitte Berendonk damals fest, der „Verlust der professionellen Distanz des Arztes zum Patienten scheint Ursache seiner zunehmend aktiven Rolle auch beim Anabolikadoping vieler Athleten zu sein.“

„Ich bin als Arzt Helfer des Menschen, aber bevor ich einen Athleten in die Grauzone der Selbstmedikation entlasse, gebe ich ihm, ohne was er nicht auszukommen glaubt. Dann habe ich wenigstens die Dosierung der Muskelpille unter Kontrolle, was ein geringeres Risiko für negative Wirkungen bedeutet“, erklärte der Doktor 1977 gegenüber der Stuttgarter Zeitung.

Die Elite stand hinter ihm

Doch Klümper beugte sich Ende 1977 der gesellschaftlichen Diskussion. Der Deutsche Sportbund (DSB) und alle weiteren Entscheidungsträger lehnten Anabolika ab. Gleichzeitig soll Klümper die explizite Regeländerung durch das Parlament des Bundesverbandes verlangt haben. Klümper wurde Professor, er erhielt eine vom Staat und Land und der Stadt Freiburg finanzierte Sporttraumatologie.

Von dort aus machte er deutsche Olympioniken zu Medaillengewinnern – und wenn es mit der Finanzierung von leistungsspezifischen Maßnahmen mal hakte, verfasste die Leichtathletik-Elite einen bösen Brief, den Forderungen Klümpers nachzukommen, wie 1979. Damals unterschrieben unter anderen von den Hochsprung-Assen Ulrike Meyfarth und Carlo Trähnhardt.

Die Ausgabe #33 ist im Handel
Vettel, Gerrard und viele mehr im Exklusiv-Interview: Die Ausgabe #33 ist im Handel
Der Hexer

Für manche war der Arzt Hexer. Manche wussten nicht genau, was er ihnen alles verabreichte – oder wollten es nicht genau wissen. Mit manchen Athleten besprach er auf Nachfrage alles bis ins kleinste Detail. „Er war für mich schon einer, der beeindrucken konnte. Er hatte so einen Nimbus, nicht als Zauberer, aber so als sehr fähiger Sportarzt. Er hat ja morgens als Röntgenologe bis zwölf Uhr und dann bis abends um halb zwölf durchgearbeitet“, erklärte der ehemalige Diskuswerfer Hein-Direck Neu im dokumentierten Zeitzeugengespräch mit Singler.

Neu war einer der wenigen positiven Dopingfälle seiner Zeit. „Der war für uns nicht ein Magier, aber zumindest einer, der sich sehr ins Zeug gelegt hat für die Athleten. Man hat auch Vertrauen zu ihm gehabt, was er gemacht hat, hat man eigentlich erduldet und hat gehofft, dass es funktionierte. Und er hat auch, glaube ich, viele Leute wieder hingekriegt.“ Neu verstarb im April 2017.

Abonniere den Socrates-Newsletter

Es gab kein Rezept

Dieser Assistent wendet sich etwa 30 Jahre später an den Sportwissenschaftler Singler. Dokumente zeigen, wie fließend der Übergang zwischen sportmedizinischer Betreuung und hartem Doping war. Ein Rezept oder eine Spritze erhielt er nicht. Was er mit dem neu erlernten Wissen anfing, ist nicht bekannt.

Auf weiteren 24 Seiten ist systematische Manipulation beim VfB Stuttgart dokumentiert. 1979 sollte es um den Titel gehen. Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß und Hansi Müller bildeten dafür ein gutes Fundament. Und Anabolika, besorgt bei Klümper. Einem Singler- Gutachten zufolge bestellte ein VfB-Masseur damals Medikamente an der Uni Freiburg. Die Lieferung wurde über eine von Klümpers Stammapotheken abgewickelt.

Medikamentenlieferungen nach Stuttgart

Eine Sonderkommission des badenwürttembergischen Landeskriminalamtes hatte ab 1984 für zwei Strafverfahren besonderes Interesse an jenen Abrechnungen. Dort tauchen mehrere Medikamentenlieferungen an den VfB Stuttgart mit dopingrelevanten Stoffen auf. Darunter das Anabolikum Megagrisevit. Bekannt ist mittlerweile, dass Müller und Förster Geld für Klümper sammelten.

Als es in diesem Verfahren um Abrechnungsbetrug ging, flossen auf das Spendenkonto übereinstimmenden Berichten zufolge auch Gelder von Uli Hoeneß, Paul Breitner und Karl Heinz Rummenigge. Der Arzt wurde zu 160.000 D-Mark Strafe verurteilt. Die Akten waren bis 2014 verschwunden. Die Zusammenhänge erschlossen sich erst in den vergangenen Jahren.

Der Tod der Birgit Dressel

Die Verwicklung des Bundesliga-Fußballs löste 2016 nachträglich ein heftiges Medienecho aus. Die Aufregung darüber und über Klümper ist heute längst vergangen. Im Radsport blieb der Aufschrei gegen jenen Klümper gänzlich aus. Obwohl ihm heute nachgewiesen werden kann, den kompletten Aufbau der deutschen Radfahrer etwa vor den olympischen Spielen 1976 mit Doping organisiert zu haben.

Die Angaben wurden dank der Freiburger Evaluierungskommission und weiterer Presserecherchen präzisiert. Dabei geht es sogar um Minderjährigen-Doping im Radsport. Tragischer Höhepunkt der Ära Klümper war der Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel 1987.

Laut einem Ermittlungsergebnis hat Klümper der damaligen EM-Vierten in den zwei Jahren vor ihrem Tod 400 Injektionen verabreicht. Rund 100 verschiedene Medikamente habe die Leichtathletin verwendet. Allein in der Wohnung von Dressel und Thomas Kohlbacher, ihrem Verlobten und Trainer, stellten Ermittler Dutzende Mittel sicher. Die „im höchsten Maße gesunde“ Birgit Dressel, wie sie Klümper gegenüber der Kripo bezeichnete, war laut Spiegel „in Wahrheit eine chronisch kranke, mit Hunderten von Arzneimitteln vollgepumpte junge Frau“. Sie starb nach tagelangem Martyrium an Multiorganversagen. Kohlbacher blieb unbehelligt, trainiert heute Mehrkampf-Juniorinnen in Mainz. Klümper schwieg.

Bis zu seinem Tod

Gefordert von vielen Athleten, stand er zwei Jahre nach Dressels Tod bereits wieder auf den Ärztelisten der Kaderathleten. 1990 verließ er die Universität Freiburg und leitete bis zu ihrer Insolvenz 1992 die Mooswald- Klinik. Anschließend überließ die Stadt Freiburg ihm erneut Räume, in denen er seine sporttraumatologische Spezialambulanz privat betreiben konnte.

2000 ging er mit Ehefrau und Tochter nach Südafrika. Durch eine Todesanzeige wurde nun bekannt, dass er am 23. Juni dort auch gestorben ist. Am Ende war er nicht mehr berühmt, nur noch berüchtigt.

Jannik Schneider

, , ,

Javi Martinez Kolumne #1: Dem Himmel entgegen

Bayern-Star Javi Martínez gewährt in seiner Kolumne einen Einblick in seine Zeit als Kind und Jugendlicher. So leicht es war, auf dem Fahrrad das Glück zu erfahren, so schwer fiel der Verzicht auf Partys. Aber der Spanier ordnete alles seinem Traum unter.

Von Javi Martínez

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Die Kolumne erschien in Ausgabe #29

Ich möchte euch auf eine Reise mitnehmen. Auf eine Reise in meine Kindheit. Wenn wir dort ankommen, schreiben wir das Jahr 1998. Als Zehnjähriger schaue ich zum Gipfel des 1.046 Meter hohen Berges Montejurra empor. Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick über den Norden Spaniens.

Das weiß ich, weil ich selbst schon am Gipfelkreuz verweilt habe. Mein kleiner Heimatort Ayegui, der direkt am Fuße des Berges liegt, sieht von oben noch viel kleiner aus, als er ohnehin ist. Rund 1.000 Menschen leben hier. Ich lebe hier. Es ist einer dieser typischen Sommertage in den Ferien. Die Sonne scheint auf die Felder und lässt die Luft über dem Asphalt flimmern.

Als aus 100 Pesetas 200 wurden

Ich schnappe mir mein Rad und fahre los, ohne ein Ziel zu haben. Oder vielleicht habe ich es doch: einfach über die Hügel dem Himmel entgegen. Es ist dieses Gefühl von Freiheit, das mich glücklich sein lässt. In diesem Moment kann ich mir kein schöneres Leben vorstellen. Ich hoffe, ihr habt ähnlich schöne Erinnerungen an eure Kindheit. Wahrscheinlich werden wir nie wieder so unbeschwert leben wie damals mit zehn Jahren.

Die Ausgabe bestellen

Jetzt, 20 Jahre später, erinnere ich mich immer noch gut an diese Zeit: Einmal verließ ich das Haus mit 100 Pesetas, die ich von meiner Mutter zugesteckt bekommen hatte. Am Abend kehrte ich mit 200 Pesetas zurück. „Woher hast du das Geld?“, wunderte sich meine Mutter. Ich antwortete lediglich mit einem verschmitzten Lächeln.  Keine Sorge, ich hatte das Geld nicht gestohlen.

Diese Vorahnung

Sagen wir mal so: Ich hatte es mir kreativ verdient. Wenn ich mit meinem Rad unterwegs war, bin ich oft zu meinen Tanten und Onkels gefahren, um sie zu besuchen. Sie haben sich immer sehr gefreut, mich zu sehen und mich gefragt, ob ich etwas brauche. „Nein, nichts. Nur vielleicht ein bisschen Geld für Süßigkeiten“, sagte ich dann. Jetzt könnt ihr erahnen, woher das zusätzliche Geld in meinen Hosentaschen kam.

Doch für Süßigkeiten habe ich es nur in den wenigsten Fällen ausgegeben. Schließlich hatte ich diesen einen großen Traum: Fußballprofi zu werden. Ja, ich habe schon damals ganz fest daran geglaubt, es wirklich schaffen zu können. Vielleicht mag es jugendliche Unbekümmertheit gewesen sein, vielleicht aber auch schon eine Vorahnung.

Der Weg zum Profi ist hart

Rückblickend habe ich oft darüber nachgedacht: In den europäischen Top-Ligen gibt es nur wenige tausend Profifußballer, aber es gibt Millionen von Talenten, die es werden wollen. Es ist verrückt. Die Prozentzahl der Spieler, die es wirklich schaffen, ist so gering. Ich mache mir das immer wieder bewusst: Wir Profifußballer sind privilegiert.

Aber ich denke, dass wir uns für das Erreichte nicht entschuldigen müssen, sondern durchaus stolz darauf sein dürfen. Wichtig ist dabei nur, das Bewusstsein dafür zu haben, dass vielen anderen Menschen die Karriere nicht vergönnt war und ihnen stets mit Respekt zu begegnen. Für viele von euch klingt mein Weg sicherlich wie ein Traum. Ich denke, aus eurer Perspektive heraus würde ich es ähnlich bewerten. Aber lasst euch sagen: Der Weg zum Profi ist hart. Besonders in Teenagerjahren.

Die Freunde gehen mit Mädchen aus und du…

Der Teil, den die meisten Menschen nicht sehen können, ist der schwerste. Es ist der Verzicht auf Dinge, die für andere Leute völlig normal sind. Wenn du 15, 16, 17 bist und deine Freunde anfangen, Party zu machen, musst du zu Hause bleiben. Du bist außen vor, bist derjenige, der nicht dabei ist, weil er ja Fußballer werden will. Du musst morgens ins Training, danach gut essen, dich ausruhen und abends gut schlafen. Dann beginnen deine Freunde, das erste Mal mit Mädchen auszugehen.

Du erfährst von solchen Augenblicken nur aus ihren Erzählungen, du erlebst sie nicht. Du willst ja Fußballer werden. Und sagst dir selbst immer wieder: ‚Du kannst dir das nicht erlauben.‘ Es sind in diesen jungen Jahren einmalige Lebensmomente, die nicht zurückkommen. Aber nur so lässt sich die einmalige Gelegenheit nutzen, das Ziel zu erreichen, worauf du alles ausgerichtet hast. Verzicht, so schwer er auch fällt, kann dich nach vorne bringen.

„Was machst du hier?“

Mit 15 Jahren war mein Beruf bereits Fußballer. Ich spielte in der dritten spanischen Liga in der zweiten Mannschaft von Osasuna. Dort trainierte ich mit Männern, die 23, 24, 25 Jahre alt waren. Ich war 15! Anfangs gab es Tage, an denen ich mich gefragt habe: ‚Was machst du da eigentlich? Ist es das wirklich wert?‘ Im Nachhinein bin ich selbst verwundert, mit welcher Klarheit und Überzeugung ich mir selbst damals antworte: ‚Ja, natürlich ist es das wert! Wenn du ein richtig guter Profifußballer werden willst, hängt es jetzt nur noch von deiner Einstellung ab, Javi.‘

Ich wusste, dass meine körperlichen Voraussetzungen gut waren. Aber die Entscheidung für den Beruf fiel in meinem Kopf. Ich habe es geschafft, den Fokus zu behalten. Meine Konzentration lag darauf, in einer guten Verfassung zu bleiben und alles auszublenden, was nichts mit dem Fußball zu tun hatte. Ja, es ist schwer, aber noch schwerer wäre es gewesen zu versuchen, das Nachtleben mit dem Fußball zu kombinieren. Ich halte es für fast unmöglich.

Die neue Martinez-Kolumne in der neuen Ausgabe – im Handel und hier online erhältlich!

Die Lust auf Basketball

Um das noch mal klar zu formulieren – vor allem für Talente, die heute den gleichen Traum haben wie ich damals: Der Kopf ist genauso wichtig wie die Füße. Wenn du es wirklich schaffen willst, musst du 24 Stunden am Tag wie ein Profi leben. Wenn du im Training denkst: Hoffentlich ist es gleich vorbei, ich will noch mit Freunden was essen gehen und Party machen, dann wirst du nicht gut werden. Zumindest nicht gut genug.

Lasst mich noch ein Beispiel geben: Ich liebe es, Sport zu treiben, auch andere Sportarten in meiner Freizeit auszuüben. Nach vielen Trainingseinheiten beim FC Bayern würde ich am liebsten sofort in eine Halle fahren und dort mit Freunden Basketball spielen. Aber ich kann es nicht. Weil all das, was mich zum Profi gemacht hat, auch gilt, um Profi auf höchstem Niveau zu bleiben.

Die Regeneration ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Trainings. Da kann ich nicht einfach noch zwei Stunden Basketball spielen oder mich wie 1998 einfach aufs Rad schwingen und stundenlang ohne Ziel durch die Gegend fahren. So glücklich es mich für den Moment auch machen würde.

, ,

Bayern-Profi Javi Martinez schreibt für Socrates

Neuzugang für das Socrates Magazin: Javi Martinez, Profi des FC Bayern München, wird neuer Kolumnist. Der 30 Jahre alte Spanier schreibt jeden Monat über seine Sicht der Dinge. Im Exklusiv-Interview erklärt Martinez, warum er diesen Schritt gegangen ist.

Javi Martinez: „Einblicke ermöglichen“

Der Begriff Erfolgsgarant wird ja inzwischen sehr inflationär verwendet. Bei Javi Martinez trifft es sogar zu. Beim Gastspiel des FC Bayern München bei 1899 Hoffenheim feierte der Spanier seinen 100. Bundesliga-Sieg – im 120. Spiel. So schnell kam in der Bundesliga noch nie zu den 100 Siegen. Und Martinez hatte wieder einmal gehörigen Anteil am wichtigen Sieg in Sinsheim. Auf der Sechs präsentierte sich der Mittelfeldspieler in überragender Form.

Diese möchte Martinez künftig auch als Kolumnist des Socrates Magazins unter Beweis stellen. Der 30 Jahre alte Profi des FC Bayern schreibt jeden Monat seine Gedanken auf. Dies verkündete Martinez in der neuen Ausgabe des Socrates Magazins, das am Donnerstag im Handel erschienen ist.

Möchtest Du die Ausgabe bestellen? Hier klicken

„Ich freue mich sehr. Ich liebe es zu schreiben. Die Idee, den Lesern das Leben eines Fußballers aus einer sehr persönlichen Perspektive näher zu bringen, fasziniert mich. Es gibt viele Dinge, die Außenstehende nicht nachvollziehen oder wissen können. Ich möchte ihnen Einblicke ermöglichen, die ihnen ansonsten vorenthalten bleiben würden“, so Martinez im Exklusiv-Interview.

Auch bei Socrates ist Freude über den Neuzugang groß: „Javi Martinez ist ein Profi, aber vor allem ein Mensch, der über den Tellerrand hinausblicken kann – und will. Wir freuen uns, dass wir mit Javi Martinez eine Bundesliga-Größe für unser Magazin begeistern konnten, die hervorragend zu unserem Motto Die besten Storys schreibt der Sport passt“, sagt Socrates-Herausgeber Fatih Demireli.

Bereits im exklusiven Interview, das den Startschuss für die Zusammenarbeit zwischen Martinez und Socrates gibt, gewährt der Bayern-Star tiefe Einblicke in sein Innenleben, verrät aber auch, dass er sich einen Wechsel zu einem anderen Klub in dieser Größenordnung nicht mehr vorstellen kann.

Was gibt es sonst in Ausgabe #28?

Wo gibt es Socrates?

Hol‘ dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro!

,

Serge Gnabry: Deutschlands neuer Hoffnungsträger

Serge Gnabry ist der neue Hoffnungsträger des deutschen Fußballs und des FC Bayern. Der 23 Jahre alte Nationalspieler profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Bei Socrates spricht er über einen klaren Plan und Schnauzerträger in München.

Serge Gnabry: Wanderung ins Glück

VfB Stuttgart, FC Arsenal, Werder Bremen, 1899 Hoffenheim – und jetzt FC Bayern. Serge Gnabry verfolgt einen erfolgreichen Karriereplan. Dabei profitiert der 23 Jahre alte Offensivspieler von den Einflüssen aus der Familie. Vater aus der Elfenbeinküste, Mutter aus Schwaben. Ein ungleiches Paar, das den Nachwuchs die perfekte Mischung verpasste. Und das nicht nur auf dem Fußballplatz. Trotz jungen Alters engagiert sich Gnabry für das Wohl der Menschen auf diesem Planeten und gibt dafür sogar ein Teil seines Gehaltes ab.

Im ausführlichen Interview mit Socrates spricht Gnabry über ein Leben, das früh von Wanderung geprägt war, das Verhältnis zu seinen Eltern, Respekt vor großen Namen beim FC Bayern und er erzählt, warum Teamkollege Joshua Kimmich einen Schnurrbart tragen muss. Die Ausgabe #26 ist ab sofort im Handel erhältlich.

Was gibt es noch in Ausgabe #26?

Wo gibt es Socrates?

Hol‘ dir das Socrates-Testabo für nur 10 Euro!