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Dietmar Hopp: Falsche Prioritäten

Dass sich DFL und DFB gegen die Anfeindungen von Dietmar Hopp wehrt, ist richtig. Allerdings setzt die Bundesliga falsche Prioritäten, denn Fußball-Deutschland hat weitaus größere Probleme. Der Kommentar von SOCRATES-Chefredakteur Fatih Demireli.

Philippe Coutinho oder Joshua Zirkzee waren sicherlich etwas genervt. Es war ihr Fußball-Nachmittag, an dem sie in der Bundesliga endlich mal von Anfang an glänzen durften. Coutinho schoss zwei Tore, nachdem man ihm wochenlang Formschwäche attestierte. Zirkzee war haalandisch unterwegs und erzielte bei seinem Startelf-Debüt für den FC Bayern in Hoffenheim sein drittes Bundesliga-Tor, benötigte dafür insgesamt 26 Minuten.

Gut möglich, dass die beiden Filigrantechniker aus Brasilien und den Niederlanden erstmal nicht wussten, was da gerade in der PreZero Arena zu Sinsheim geschieht. Warum Schiedsrichter Christian Dingert das Spiel erst einmal unterbrach, dann Minuten später beide Mannschaften in die Kabine schickte, während ihre Vorgesetzten vor der Kurve, wo die Bayern-Fans sitzen (oder stehen), wild gestikulieren. Inzwischen sollten sie erfahren haben, dass Zuschauer im Fanblock Banner ausrollten, in denen Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp auf heftigster Weise beleidigt wurden. Ein komplettes Unding, völlig klar, dass man da eingreifen muss.

Deutschlands Antwort auf Rassismus ist Cacau

Coutinho wird sich vielleicht gedacht haben: „Wow! Schön, wie sensibel sie hier in Deutschland mit diesen Themen umgehen.“ Vielleicht wird er ja in der Heimat davon erzählen, ja davon schwärmen, welch solidarische Kraft hinter dem deutschen Fußball steht. Vielleicht werden die brasilianischen TV-Sender dann einen Beitrag produzieren, Mitschnitte vom Live-Kommentar des Spiels Hoffenheim gegen Bayern München zeigen (die DFL wird da mal sicher eine Ausnahme machen und es erlauben) und dokumentieren, wie der Kommentator mit voller Inbrunst gegen Beleidigungen vorging, wie er klatschte, als es die Zuschauer, Spieler, Funktionäre und Milliardäre in Sinsheim taten. Wie er sich seinen journalistischen Pflichten entledigte, um Solidarität zu demonstrieren.

Deutschlands Antwort auf Beleidigungen dieser Art ist geschlossene Solidarität, werden sie sagen und merken. Dann werden sie Coutinho fragen, wie es beim Rassismus aussieht. Das ist ja auch ein großes Thema in Brasilien. Und Coutinho wird sagen: Deutschlands Antwort auf Rassismus ist Cacau. Ein Landsmann, der einst sogar deutscher Nationalspieler war, ist Integrationsbeauftragter beim Deutschen Fußball-Bund und soll sich darum kümmern, dass… ja… irgendwas mit Integration. Cacau weiß das selbst nicht so genau.

Welche Phase bei Torunarigha?

Cacau weiß leider eigentlich selten etwas. Das Einzige, was er offenbar gut kann, ist bestürzt zu sein, wenn sich irgendwo im deutschen Fußball-Umfeld ein rassistischer Vorfall ereignet. Dann darf dieser Cacau ins Fernsehen, ein paar auswendig gelernte Antworten vortragen, traurig gucken und wieder gehen. Man darf dem DFB sicher nicht unrecht tun, Cacaus Anstellung wird nicht die einzige Maßnahme in der Bekämpfung von Rassismus sein. Aber was es auch ist: Es ist nicht genug.

So einen Drei-Stufen-Plan, den es im Fall von Dietmar Hopp gab, der dafür gesorgt hätte, dass die Bayern das Spiel, das sie mit 6:0 geführt hatten, am grünen Tisch verlieren, wurde tatsächlich erstmals im Fall von Hopp richtig bekannt. Welche Phase wurde eigentlich eingeleitet, als Jordan Torunarigha in Gelsenkirchen rassistisch beleidigt wurde? Auch wenn er es in seinen Tagebüchern nie schrieb, ist bekannt, dass Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann den Fall beim Schiedsrichter meldete. Doch dessen nächste Stufe war die Gelb-Rote-Karte für den aufgelösten Torunarigha.

Kein Mensch verdient Beleidigungen

In Münster wurde Würzburgs Leroy Kwadwo rassistisch angegangen. Aktiv wurden dort aber vielmehr die Fans von Preußen Münster, die Eigeniniative ergriffen hatten, um den Rassisten unter sich ausfindig zu machen. Griff dort der Stufen-Plan des DFB, der für die 3. Liga zuständig ist? Ach ja: Wie sieht es eigentlich um die Ermittlungen gegen Daniel Frahn aus? Der Mann, der seine Nähe zur rechtsradikalen Szene offen zur Schau trug und nun völlig ohne Hürden nach Babelsberg wechseln durfte.

Leider lässt sich diese Liste ewig weiterführen, doch auf ein Exempel musste man leider ewig warten. Dieser wurde bei Hopp statuiert. Ich muss zugeben, dass er mir leidgetan hat. Kein Mensch verdient Beleidigungen dieser Art. Hopp war sichtlich mitgenommen, aber reicht das, um bei ihm den Anfang zu machen? „Hopp hat so viel getan und verdient Respekt“, hört man immer wieder als Argument, warum man den SAP-Gründer nicht beleidigen darf.

Das falsche Exempel

Erstmal bedarf er keiner Gründe, irgendjemanden zu beleidigen oder zu diffamieren, andererseits stellt sich dann die Frage: Darf man also jeden anderen, der nicht so viel getan hat, also vielleicht dann doch mal beleidigen? Hätte Leroy Kwadwo einfach mal sein ganzes Hab und Gut investieren sollen, damit man von ihm sagen kann: „Er hat so viel für Würzburg und die Region getan.“ Reicht es nicht, dass er und Jordan Torunarigha einfach nur Menschen sind?

Das Argument zieht nicht und Hopp ist auch das falsche Exempel, um gegen Diskriminierung vorzugehen. In Zeiten des Rechtsrucks, in Zeiten von Hanau, in Zeiten von AfD gibt es genug Anlässe und genug Exempel, um wirksam zu reagieren und der viel zitierten Vorbildsfunktion gerecht zu werden. Hoffenheims Geschäftsführer Dr. Peter Görlich sagte nach den Vorfällen in Sinsheim, dass das Vorgehen gegen die Beleidigungen ein tolles Beispiel sei, „bis runter zu den Amateurligen“. Dr. Görlich mag recht haben, aber die größten Probleme an der Basis sind nicht gekränkte Milliardäre, sondern rassistisch und leider auch antisemitisch angefeindete Hobbysportler.

Wenn die DFL und DFB den Fall Hopp nun zum Anlass nehmen, ab sofort gegen jede Art von Diskriminierung vorzugehen – und zwar auf exakt gleicher Weise – dann hat die Aktion etwas gebracht. Wenn ab sofort jedes Spiel unterbrochen wird, wenn in Stadien beleidigt wird, dann war es eine gute Tat. Wenn nicht, wird Coutinho nicht viel Gutes zu berichten haben.

Fatih Demireli

FC Bayern: Mit diesem Retro-Trikot gegen Augsburg

Der FC Bayern hat  zum 120. Geburtstag des Klubs ein Sondertrikot anfertigen lassen. Das Retro-Trikot kommt nur ein Mal zum Einsatz.

Am 27. Februar 1900 wurde von elf jungen Männern, angeführt vom späteren ersten FCB-Präsidenten Franz John, im Münchener Café Gisela den FC Bayern gegründet.  Passend zum Jubiläum ließ der FC Bayern ein Retro-Trikot anfertigen – in Anlehnung an die erste Meistersaison 1931/32. Im Heimspiel gegen den FC Augsburg am 8. März kommt das Trikot zum einzigen Mal zum Einsatz

Das Retro-Trikot des FC Bayern
Das Retro-Trikot des FC Bayern
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PK mit Hansi Flick: Wenn Sie einen anderen wollen…

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Tedesco, Gwinn, Zlatan: Das ist die 41. Ausgabe

Die 41. Ausgabe ist im Handel: Wie Domenico Tedesco das Aus bei Schalke 04 verarbeitet hat und seine neue Aufgabe in Russland bei Spartak Moskau angeht, verrät er im Interview. Auch Giulia Gwinn hat eine spannende Zeit hinter sich. Darüber spricht sie im Interview. Und Zlatan? Bei ihm geht es um das wichtigste Gut: sein Ich.

Domenico Tedesco: Ohne Posaunen

Er gilt als einer der talentiertesten Trainer Europas und wie es zum guten Ton gehört, hat Domenico Tedesco auch schon seine erste Entlassung hinter sich. Doch der 34 Jahre alte Trainer von Spartak Moskau zieht aus der Trennung bei Schalke 04 lieber das Positive und geht mit neuen Lehren seine Aufgabe in Russland an.

Tedesco spricht im Interview darüber, dass sein Image als Taktik-Nerd gar nicht so zieht und andere Dinge viel wichtiger sind, wenn es darum geht, eine Mannschaft zu trainieren. Und natürlich haben wir gefragt, wie sein Russisch ist und ob er in Moskau schon zurecht kommt.

Giulia Gwinn: Der Höhenflug

In Russland hat auch Giulia Gwinn viele Fans – und nicht nur dort. Sie ist die beste junge Spielerin der WM gewesen, ist beste Nationalspielerin des Jahres, hat die meisten Follower im deutschen Frauenfußball. Giulia Gwinn vom FC Bayern München ist in den vergangenen Monaten zum Star der Branche aufgestiegen. Und daran als Mensch gereift. Wir spachen mit ihr darüber.

Zlatan Ibrahimovic und das Ich

Viele Fans, viele Titel, viel Aufmerksamkeit? Kennt Zlatan Ibrahimovic sogar richtig gut. Inzwischen reifte der Schwede vom Fußball-Star zur Marke und die Masche funktioniert, weil er auf dem Platz erfolgreich ist. Und die Masche findet Nachahmer und hat Einfluss auf die folgende Generation von Fußballern und Fans. Die Story in der aktuellen Ausgabe.

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Socrates Magazin 41: Das ist drin
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Nagelsmann vs. Lehmann im Video: War es die richtige Taktik von RB?

Julian Nagelsmann überraschte beim Gastspiel von RB Leipzig beim FC Bayern mit seiner Taktik. War es auch die richtige? Der RB-Trainer begründet seinen Plan, Jens Lehmann hält dagegen. Die Diskussion im Video.

Nagelsmann: War es ein guter Plan?

Der Titelkampf in der Bundesliga bleibt spannend. Auch wenn ein Sieg des FC Bayern gegen RB Leipzig die Meisterschaft nicht entschieden hätte, wäre es doch durchaus richtungsweisend gewesen. Dass das Topspiel torlos endete, lag auch am Plan von Gäste-Trainer Julian Nagelsmann, der seine Leipziger eher defensiv ausrichtete.  War das ein guter Plan oder wäre für den Tabellenzweiten der Bundesliga mehr drin gewesen? Nagelsmann erklärt seinen Plan, Ex-Profi Jens Lehmann hält dagegen. Die Diskussion im Video.

Video: Nagelsmann vs. Lehmann
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Ribery, Lessort, Tuchel: Eine Sache der Liebe

Es wird Französisch! Die Ausgabe #38 dreht sich um das Thema Frankreich und die Franzosen. Wie Franck Ribery sich durch die Liebe definiert, wie Bayern Münchens Basketballer Mathias Lessort durch seine Sportart zum Glück fand und wie es Thomas Tuchel bei PSG schaffte, sich in die Herzen der  Spieler zu hieven… in der #38!

Franck Ribery: Eine Sache der Liebe

So richtig loslassen kann Franck Ribery natürlich nicht. Als Uli Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern verabschiedet wurde, tauchte der Franzose auf und erwies dem ehemaligen Bayern-Präsident die Ehre. Eine tolle Geste und auch Ribery, der Spieler mit den meisten Meistertiteln im Trikot des Rekordmeister, wurde geehrt.

Zwölf Jahre genoss Franck Ribéry in München das Gefühl, geliebt zu werden. Auch in Florenz spürt der Franzose nun die Zuneigung der Fans, die er aber in seiner Heimat nie erhielt. Aber die er auch mit 36 Jahren noch benötigt, um als Fußballer und Mensch zu bestehen.

Die gesamte Story lesen Sie in der neuen Ausgabe, das sie hier bestellen können. Alternativ können Sie auch ein Jahresabo bestellen oder das ePaper lesen.

Was hat die Ausgabe #38 noch zu bieten?

Exklusiv-Interview mit Mathias Lessort

Mathias Lessort vermisst den Strand, aber den Basketball liebt der Star des FC Bayern so sehr, dass sich selbst Heimatgefühle hinten anstellen müssen. Mit Bayerns Franzosen sprachen wir über Mentalitätsunterschiede, das Umfeld FC Bayern und Besuche aus der Heimat.

Thomas Tuchel: Le Patron

Thomas Tuchel ging mit einem Rucksack voller Klischees nach Frankreich zu Paris Saint-Germain. Doch dann kam alles anders. Der ehemalige Trainer des BVB wurde zum Chef von Paris, weil sich Tuchel veränderte und sich selbst bei einem Diven-Klub extrem beliebt machte.

Exklusiv-Interview mit Josuha Guilavogui

Eigentlich wollte Josuha Guilavogui nie nach Deutschland ziehen. Jetzt ist er Kapitän des VfL Wolfsburg und kann sich vorstellen, die Autostadt nie wieder zu verlassen. Warum Franck Ribéry dabei eine Rolle spielt und was das einzige Manko ist, erzählt er im Interview.

Ajax in Grün

Der französische Fußball hatte in den 1970er Jahren einen neuen Tiefpunkt erreicht. AS Saint-Étienne kämpfte sich zunächst aus dem Sumpf heraus und danach auf den Gipfel des europäischen Fußballs hoch. Und das schaffte der Verein mit seinen eigenen Mitteln. Wir sprachen mit einem Helden von damals: Dominique Rocheteau.

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Sylvain Wiltord Kolumne: „Die Liebe von Arsene Wenger war grenzlos“

Sylvain Wiltord spielte vier Jahre unter Arsene Wenger beim FC Arsenal. Es war die erfolgreichste Zeit der Gunners unter Wenger. In seiner Gast-Kolumne blickt Wiltord zurück, erklärt, wie Wenger arbeitet und glaubt auch: Die Trainer-Legende wird einen neuen Klub übernehmen und wird dort erfolgreich.

Von Sylvain Wiltord

Arsene Wenger war Mister Arsenal. Seine 22 Jahre bei den Gunners sind Ausdruck von Treue, Nachhaltigkeit und Identifikation. Ich durfte dort von 2000 bis 2004 unter seiner Leitung spielen und empfinde das im Nachhinein als großes Privileg. Ich fand sehr schnell heraus, was Arsène auf allen Ebenen im Verein bewegt hatte. Am deutlichsten sichtbar war sein Wirken natürlich auf dem Platz.

Aus dem „Boring, Boring Arsenal“ der frühen 1990er machte er mit seiner Philosophie des „One-Touch-Football“ eine attraktiv, spektakulär und erfolgreich spielende Mannschaft. Das war sein Verdienst. Heute ist der FC Arsenal dafür bekannt und beliebt, auch wenn am Ende zu wenige Trophäen herausgesprungen sind.

Arsene Wenger hat den „full day“ eingeführt

Arsène hat die Ernährung der Spieler von A bis Z umgestellt und viel dafür getan, Verletzungen vorzubeugen und die Regeneration zu verbessern. Er hat den „full day“ auf dem Trainingsgelände eingeführt und dafür gesorgt, dass alle zusammen frühstücken und zu Mittag essen. Und mit „alle“ waren die Spieler gemeint, aber auch alle Betreuer, Trainer, Physiotherapeuten, Fitness-Coaches. Seine Intention war, den FC Arsenal zu einer großen Familie zu machen und das ist ihm auch mehr als gelungen.

Er hatte gleich mehrere Funktionen: Er war Trainer und Manager, aber auch gleichzeitig der Architekt des Klubs. Er hat durchgesetzt, dass ein großes und modernes Stadion gebaut wird, weil er erkannt hat, dass dies notwendig ist, um sich im Konzert der Großen behaupten zu können. Genauso zeichnete er für die Runderneuerung des Vereinsgeländes verantwortlich, das seitdem zu den schönsten in Europa zählt.

„Er wird bei seinem neuen Verein etwas bewegen“

Seine Liebe zu diesem Verein war grenzenlos. Irgendwie haben sich Arsenal und Arsène gesucht und gefunden. Er war jeden Tag auf dem Gelände, sogar wenn trainingsfrei war. Es war ihm unmöglich, dort nicht vorbeizuschauen. Er brauchte das, es war sozusagen seine Droge. Ich bin nicht überrascht, dass er so lange im Amt blieb.

Dagegen verblüfft es mich zu sehen, dass er anscheinend noch lange nicht satt ist. Er ist noch nicht in Rente gegangen, dafür hat er noch zu viel Feuer und Leidenschaft in sich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er einen neuen Verein übernehmen und dort auch etwas bewegen wird.

Der Artikel erschien in Ausgabe #27: Jetzt nachbestellen

Das Pech mit dem FC Bayern

In den letzten Jahren geriet er stark in die Kritik, weil Arsenal seit 2004 keinen großen Titel mehr erringen konnte. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er nicht immer alles gegeben hätte. Überhaupt kann man ihm wenig vorwerfen. Man muss bedenken, dass sich Arsenal durch den Bau des neuen Stadions auf dem Transfermarkt stark beschränken musste und dadurch etwas den Anschluss verlor.

Und dennoch qualifizierte man sich zuverlässig Jahr für Jahr für die Champions League. Arsenal kam zwar meist nicht über das Achtelfinale hinaus, doch muss man auch festhalten, dass die Gegner fast immer Barcelona oder Bayern München hießen. Sehr bitter war allerdings das Ausscheiden 2015, als man auf AS Monaco traf und von einer Pflichtaufgabe ausgegangen war. Das tat weh und war gleichzeitig schlecht fürs Image.

„Wenger hat nichts dem Zufall überlassen“

Ich werde vor allem die Spielzeit 2003/04 immer in bester Erinnerung behalten, als wir vom ersten bis zum letzten Spieltag ohne Niederlage blieben und damit Geschichte schrieben. Bei diesem Triumph hat Arsène eine essenzielle Rolle gespielt. Er hat uns auf jeden Gegner und jedes Spiel extrem professionell eingestellt. Das war schon großes Kino. Dass wir nie den Fokus verloren, auch als wir klar vorne lagen, war allein sein Verdienst.

Er hat einfach nichts dem Zufall überlassen. Er hatte auch mit Thierry Henry, Dennis Bergkamp, Robert Pires, Patrick Vieira, Jens Lehmann, Ashley Cole, Kolo Touré, Cesc Fabregas, Freddie Ljungberg, José Antonio Reyes oder auch Nwankwo Kanu eine sehr ausgeglichene, erfahrene, aber gleichzeitig unfassbar hungrige Mannschaft.

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Ein echter Gentleman

Dank seiner Persönlichkeit, seiner Trainingsmethoden, seiner Liebe und Hingabe zum Beruf hat sich jeder Spieler bei ihm als Sportler, aber auch als Mensch prächtig entwickelt. Er war einfach klasse, sehr elegant, ein echter Gentleman eben, wie es nur noch wenige gibt. Auch ihm ist es zu verdanken, dass die Premier League heute die reichste Liga der Welt ist, weil er mitverantwortlich dafür war, dass diese Meisterschaft ihre Popularität weltweit immens steigern konnte.

Seine Duelle mit Sir Alex Ferguson oder José Mourinho waren stets voller Rivalität und Intensität. Arsène Wenger hat den englischen, aber auch den internationalen Fußball revolutioniert. Er hat die ganze Branche auf Vordermann gebracht. Er hat viel Vertrauen in junge Spieler gesetzt und war immer in der Lage, eine gesunde Mischung aus jungen und erfahrenen Profis zu finden.

Urlaub war ein Fremdwort

Er war einer der ersten Trainer überhaupt, der viel mit Videoanalysen arbeitete, sowohl bei der Vorbereitung auf den nächsten Gegner als auch in der Nachbetrachtung des eigenen Spiels. Er war den meisten anderen Trainern um Jahre voraus, weil er hervorragend antizipieren konnte, Entwicklungen und Trends frühzeitig erkannte und nutzte. 24 Stunden pro Tag investierte er in den Job. Er konnte nicht anders. Urlaub war für ihn ein Fremdwort.

Für mich gehört Arsene Wenger wie Ferguson zu den größten Trainern aller Zeiten. Dass er im Mai 2018 seinen Hut nahm, nötigte mir den größten Respekt ab. Ich war sehr berührt, als mich die Nachricht erreichte. Neben dem Weltmeistertitel für Frankreich war sein Abschied von Arsenal aus meiner Sicht das wichtigste Fußballereignis jenes Jahres.

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Javi Martinez Kolumne #3: Eine Art Religion

Bayern-Star Javi Martinez spielte mit 17 Jahren seine erste Saison bei Athletic Bilbao; und zugleich mit dem Lebensinhalt der Leute in der Region. Eine Verantwortung, für die unser Kolumnist eine Schutzmaßnahme ergriff.

Von Javi Martinez

Wenn ihr mal in Bilbao seid, in einem Supermarkt an der Kasse steht und neben euch eine 93-jährige Frau seht, ist sie gewiss Fan von Athletic Bilbao. Wenn an gleicher Stelle ein Kind neben euch steht, ist es gewiss Fan von Athletic Bilbao. Und wenn ein Mann, egal welchen Alters, neben euch steht, ist er gewiss Fan von Athletic Bilbao. Jeder in Bilbao ist Fan von Athletic Bilbao. Und das ist keine Übertreibung.

Die Leute in Bilbao sind nicht zu vergleichen mit anderen Leuten auf dieser Welt. Zum einen sind Basken sehr stolze Menschen, zum anderen in gewisser Weise auch fanatische Menschen. Zumindest dann, wenn es um Athletic Bilbao geht. Athletic ist für sie eine Art Religion. Es ist verrückt. In Bilbao liebt jeder Athletic. Und wenn du für Athletic spielst, vergöttert dich jeder und projiziert damit Erwartungen auf dich, die nahezu unmenschlich sind.

Bilbao zahlte sechs Millionen Euro Ablöse

Damit musste ich erst mal umzugehen lernen, als ich im Alter von 17 Jahren von Osasuna nach Bilbao wechselte. Warum ich euch das erzähle? Weil ich anschließend sechs Jahre in Bilbao blieb und es für mich eine ganz entscheidende und prägende Station in meiner Karriere war. Die Station, von der ich dann ja 2012 zum FC Bayern wechselte.

Sechs Millionen Euro hatte der Klub für mich bezahlt. Das wusste jeder in Bilbao. Das war einerseits eine große Verantwortung, andererseits auch eine große Motivation für mich. Ich wollte beweisen, dass ich das Geld wert war. Ich sprühte vor Tatendrang. Unglücklicherweise lief es in meinem ersten Jahr in Bilbao für meine neue Mannschaft gar nicht gut. Wir standen am Saisonende kurz vor dem Abstieg.

„Ihr müsst gewinnen, Javi“

Bilbao in der Zweiten Liga in Spanien? Das wäre historisch gewesen. Historisch schlecht. Noch nie war der Klub abgestiegen. Dementsprechend könnt ihr euch vielleicht vorstellen, unter welchem Druck wir Spieler standen, wie nervös wir waren. Wir wussten: Wir spielen mit dem Lebensinhalt der Leute in Bilbao. Mit ihrem Glück, mit ihrer Zufriedenheit, mit ihrem Herzen. Und auch das ist keine Übertreibung.

Das Treffen mit der 93-jährigen Frau im Supermarkt hat es übrigens tatsächlich gegeben. Sie sagte zu mir: „Javi, du musst gewinnen. Ihr musst gewinnen. Für uns.“ Sie sagte es weder böse noch laut. Aber in ihren Worten schwang etwas Flehendes mit, das damals für mich zugleich bedrohlich wirkte. Wenn du für Bilbao auf den Platz gehst, weißt du, dass die Menschen für zwei, drei Tage überglücklich sein werden, wenn du gewinnst. Aber wenn du verlierst, werden die Menschen zwei, drei Tage enttäuscht und auch persönlich beleidigt sein. In einem Maße, das kaum nachzuempfinden ist, wenn du es nicht selbst erlebt hast.

Javi Martinez: Ich bin abends nicht aus dem Haus gegangen

Diese Verantwortung spürst du in Bilbao als Spieler jeden Tag. Das als 17-Jähriger richtig einzuordnen und auch zu verarbeiten, war nicht einfach. Nein, es war schwer. So schwer, dass ich in der Endphase der Saison abends nicht mehr aus dem Haus gegangen bin. Ich wusste zwar, dass es nicht meine Schuld war, dass die Mannschaft so schlecht dastand. Und dass ich persönlich eigentlich gute Leistungen gezeigt hatte.

Aber die Leute kamen in der Stadt immer näher auf mich zu. Sie haben das weder absichtlich gemacht, noch so wahrgenommen. Aber sie haben mich in diesen Wochen fast erdrückt. Wer glaubt, die Sorgen der Fans prallen an uns Fußballern ab, der irrt. Wir nehmen sie wahr – und mit nach Hause. Der eine mehr, der andere weniger. In der Endphase der Saison daheim zu bleiben, war eine Schutzreaktion. Ich befürchtete, dass sich die verunsicherte Stimmung in Bilbao auf meine Leistung auswirken könnte. Dieser Gefahr wollte ich unbedingt entgehen.

Mir ist wichtig, auf meine Mitmenschen zu achten

Mit meinen nun 30 Jahren denke ich, dass es eine Verbindung zwischen dem Fußballer Javi Martínez und dem Menschen Javi gibt. Wie ich auf dem Spielfeld agiere, spiegelt sicherlich einen Teil meiner Persönlichkeit wider. Ich bin sehr verantwortungsbewusst. Sowohl auf dem Platz als auch daneben. Mir ist es wichtig, auf meine Mitmenschen zu achten, ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Ich möchte die Dinge für meine Familie und Freunde, aber auch für meine Teamkollegen leichter machen. Ich will immer helfen. Und ein Unterstützer bin ich in gewisser Weise ja auch als Sechser auf dem Platz.

Aber zurück zu meiner ersten Bilbao-Saison. Zum Glück schafften wir es, die Liga zu halten. Und in den kommenden Spielzeiten deutlich bessere Leistungen zu zeigen. Wir erreichten einige Finals, darunter das Europa-League-Finale 2012 sowie 2009 und 2012 das Finale um die Copa del Rey. Wir spielten starke Saisons und spürten die Freude der Fans – im Stadion und in der Stadt. Am Ende war es eine tolle Zeit in Bilbao, die ich nicht missen möchte.

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Serge Gnabry: „Per? Wie ein anstregender Vater“

Nationalspieler Serge Gnabry profitiert fußballerisch und familiär von vielen Einflüssen. Ein klarer Plan brachte ihn von London über Bremen und Hoffenheim zum FC Bayern. Dort ist der 24 Jahre alte Offensivmann nun der Mann für alle Schnauzer. Bei Socrates spricht er aber nicht nur darüber.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Serge Gnabry, googlen Sie Ihren Namen?

Klar, das habe ich zu Beginn meiner Karriere schon gemacht. Da wollte ich wissen, was im Internet über mich geschrieben steht. Aber ich bin jetzt nicht so ein Computerfreak, dass ich wüsste, wie viele Treffer es zu meinem Namen gibt.

Es sind über 1,2 Millionen.

Das ist viel.

In der Tat. Wie wichtig ist Ihnen Popularität?

Im Fußballbusiness stehst du in der Öffentlichkeit, ob du willst oder nicht. Das akzeptiere ich und begreife es als Teil meines Jobs. Privat versuche ich, alles etwas ruhiger zu gestalten. Das tut mir persönlich gut. Ich sitze nicht daheim und denke darüber nach, wie populär ich möglicherweise bin.

Denken Sie daheim über Frisuren nach? In der Bildersuche tauchen Sie mit auffällig vielen Looks auf.

Es gefällt mir auf jeden Fall, immer mal wieder etwas zu verändern. Ich bin bei meiner Optik gerne kreativ und offen für vieles. Bei mir wachsen die Haare relativ schnell nach, weswegen ich bei dem Thema auch sehr entspannt bin. Bevor ich zu diesem Interview gekommen bin, habe ich meinen Bart verändert, jetzt trage ich Schnauzer. Daran ist Joshua Kimmich übrigens nicht ganz unschuldig.

Erzählen Sie.

Sagen wir es mal so: Ich hatte Joshua stark bearbeitet, dass er sich einen Schnauzer schneidet. Dann klopfte es irgendwann im Mannschaftshotel an meiner Zimmertür. Joshua stand mit unschlüssigem Gesicht und einem Schnauzer vor mir. Ich musste lachen und sagte spontan: „Wenn du ihn stehen lässt, bin ich der nächste, der einen Schnauzer hat.“ Ich hoffe, dass noch einige von den anderen Jungs uns barttechnisch folgen werden. Sandro Wagner habe ich den Schnauzer bereits wärmstens empfohlen. Der braucht allerdings noch Bedenkzeit.

Zurück zu Ihren Haaren. Stehen Frisuren bei Ihnen für Lebensabschnitte?

Ich hatte wirklich schon viele. Mal die Haare hoch, dann ganz kurz wie jetzt. Einmal hatte ich auch einen blonden Streifen. Aber damals war ich 17 – also why not? Meistens kommen die Anstöße für Frisuren von Freunden. Ich ziehe es dann durch. Sie stehen eher für eine Laune als für Lebensabschnitte.

Inwiefern haben sich nicht nur Optik, sondern auch Träume verändert?

Ich trage tatsächlich immer noch die gleichen Träume in mir wie damals mit 16, als ich zum FC Arsenal ging. Das war sicherlich ein sehr gewagter Schritt zu dem Zeitpunkt. Aber schon damals wollte ich auf dem höchsten Level Fußball spielen und Titel gewinnen. Und das will ich noch immer.

In London arbeiteten Sie unter Arsène Wenger. Was von ihm ist Ihnen besonders im Kopf geblieben?

Arsène Wenger ist ein sehr beobachtender Typ. Ich fand sehr bemerkenswert, dass er jedem Spieler viel Freiheit gegeben hat. Und dass er den Spielern auch viel Verantwortung übertragen hat. Dadurch ergab sich für jeden die Möglichkeit, auch als Person zu wachsen. Das hat meine Entwicklung ganz sicher positiv beeinflusst.

Insgesamt verbrachten Sie vier Jahre in England. Inwiefern hat Sie die Zeit im Ausland verändert?

Allein der Schritt ins Ausland war damals ein Riesending. Man lässt Familie und Freunde zu Hause, kommt in ein neues Land, trifft auf eine neue Kultur. Man lernt, sich zu adaptieren, mit einer anfangs ungewohnten Situation zurechtzukommen. Es war sicher nicht immer easy. Gerade die Zeit von 16 bis 20 oder 21 ist vielleicht die Zeit, in der du als heranwachsender Mann alles erleben willst. Dass ich das in London erleben durfte, hat mir auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel gegeben.

Auch familiär profitieren Sie von unterschiedlichen Perspektiven. Ihr Vater stammt aus der Elfenbeinküste, Ihre Mutter aus Schwaben. Sind Sie froh, nicht eindimensional aufgewachsen zu sein, sondern Vielfalt zu verkörpern?

Ich sehe in dieser Vielfalt tatsächlich nur Vorteile. Je mehr du von der Welt mitbekommst, je mehr Erfahrungen du machst, desto mehr hast du die Möglichkeiten zu vergleichen, Dinge anders einzuordnen.

Sind Sie mehr Ivorer oder mehr Schwabe?

Der Schwabe spart.

Trifft das auf Ihre Mutter zu?

Ja. Das kriegst du aus ihr nicht raus.

Und, haben Sie die Sparsamkeit von ihr übernommen?

Teils, teils. Ich habe zum Glück von beiden Seiten etwas mitbekommen. Die Sparsamkeit und die typisch deutschen Tugenden von meiner Mutter. Und von meinem Vater das Lebhafte, den Spaß, den Genuss und die Freude an afrikanischer Musik. Ich weiß gar nicht, wie die beiden sich gefunden haben. (lacht)

Zeichnet Sie diese bunte Mischung auch als Fußballer aus?

Es fällt mir in der der Tat schwer, mich als Fußballer klar einem bestimmten Spielstil zuzuordnen. Nur Fußball zu arbeiten, das trifft auf mich nicht zu. Ich muss ihn auch leben können.

Welcher Gedanke treibt Sie konkret an?

Am wichtigsten ist mir, Freude an dem zu haben, was ich tue. Und die Zeit zu genießen, so lange ich gesund bin. Ich habe das Glück, dass der Fußball dafür sehr gute Rahmenbedingungen bietet, um viel Freude an seinem Beruf zu entwickeln.

Geht das im harten Fußballgeschäft überhaupt: immer Spaß zu haben?

Das geht schon. Klar, du musst mit Dingen wie Ergebnisdruck und Medienpräsenz zurechtkommen. Aber wenn du dir vor Augen führst, was dir da ermöglicht wird, musst du doch gute Laune haben: einfach Fußball spielen zu dürfen. Das war früher mein Hobby, meine Leidenschaft. Jetzt ist genau das mein Beruf. Dann muss das doch Spaß machen.

Bis Sie nach Ihren ersten beiden A-Länderspielen 2016 wieder von Jogi Löw für die Nationalmannschaft berufen worden sind, verging viel Zeit. Schoss Ihnen da im Vorfeld der WM mal die Frage durch den Kopf: Warum nominiert Jogi Löw mich nicht, der braucht mich doch?

Deutschland hat genug gute Spieler. Ich denke, ich habe auch vergangene Saison gute Leistungen gezeigt, war in einer guten Verfassung. Leider wurde ich dann durch die Verletzung gestoppt. Jetzt bin ich froh, wieder fit zu sein und auch für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen.

Hat Deutschland seit dem Gruppenaus bei der WM seinen Top-Team-Status verloren?

Das sehe ich nicht so. Es gab auch andere Weltmeister, die ebenfalls früh beim nächsten Turnier die Heimreise antreten mussten. Und trotz der sicherlich nicht perfekten Ergebnisse in der Nations League kann ich nicht erkennen, dass die Nationalmannschaft an sportlicher Wertigkeit verloren hat. Ich denke, andere Nationen haben nach wie vor großen Respekt vor uns, weil jeder weiß, wie gefährlich Deutschland ist. Und das werden in Zukunft ganz sicher auch die Ergebnisse wieder belegen.

Bis Sie beim FC Bayern durchstarten konnten, dauerte es aufgrund Ihrer im Sommer noch nicht vollständig auskurierten Verletzung ebenfalls. Ist Geduld eine Stärke oder Schwäche von Ihnen?

Eine Schwäche. Als Fußballer willst du spielen. Das kann jeder der Jungs unterschreiben. Da Geduld aufzubringen, ist innerlich am schwersten. Äußerlich geht das. Man ringt in so einer Phase mit sich selbst: Man weiß zwar, dass es nicht geht, jedes Spiel zu machen und sein Ego über das Team zu stellen. Aber man will trotzdem auf den Platz. Du versuchst dann einfach, jedes Training Gas zu geben. Es bringt ja nichts, eine beleidigte Miene zu schieben. Aber ganz ehrlich: Nicht zu spielen, das ist mit das Schlimmste für einen Fußballer.

Gab es im Zuge Ihres Bayern-Wechsels Zweifel, ob Sie eine echte Chance haben, solange Arjen Robben und Franck Ribéry noch spielen?

Ich war relativ jung, als Franck bereits bei Bayern wirbelte. Da saß ich teilweise vor dem Fernseher und staunte. Mir war jedoch immer klar, dass eine Mannschaft, die in drei Wettbewerben vertreten ist, mehr als nur zwei Außenspieler benötigt. Und jeder von uns Flügelspielern geht mit dem gleichen Ehrgeiz an die Sache ran und will spielen. Im sportlichen Sinne ist es meine Konkurrenz. Aber ich bin auch ihre. Da spielt Alter keine Rolle.

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Arjen Robben lobt Sie als „Freund im Fitnessraum“.

Das ist ein schönes Kompliment. Aber Arjen verbringt dort immer noch etwas mehr Zeit als ich. Er hat ein sehr straffes Programm. Ich habe mein eigenes. Aber es gibt auch viele andere Jungs, die im Kraftraum gut dabei sind.

Welche?

Meine beiden Schnauzer- Freunde zum Beispiel: Joshua und Sandro. Gerade von Sandro haben einige Menschen möglicherweise ein falsches Bild. Er ist einer der ehrgeizigsten Spieler, die ich kenne. Einer, der auch im Gym immer alles gibt.

Kommt da bei Ihnen im Fitnessraum wieder die Mutter durch – auch außerhalb des Rasens sehr hart für den Erfolg arbeiten zu müssen?

Das ist sehr gut formuliert. In der Frage steckt viel Wahrheit drin. Ich möchte damit nicht sagen, dass mein Vater nicht auch hart arbeitet. Aber als kreativer Offensivspieler bist du von der Körpersprache zumeist ein bisschen lockerer als ein Verteidiger oder ein Defensiver wie Joshua. Diese Lockerheit empfinde ich im Spiel, da bin ich etwas mehr mein Vater. Im harten Trainingsalltag profitiere ich von den Eigenschaften meiner Mutter.

Sie haben vor geraumer Zeit James Harden von den Houston Rockets imitiert, indem Sie nach geschossenen Toren einen Koch mimten. Nach dem Motto: „Wer viele Punkte macht, ist der Chefkoch.“ Wo ist gerade Ihr Platz in der Bayern-Küche?

Regelmäßig auf dem Platz, hoffe ich.

Kochen Sie zu Hause?

Ich bin kein wirklich guter Koch. Ab und zu probiere ich mich an einem Gericht. Aber das ist ein Platz, an dem ich mich eher zurückhalte.

Der Schwabe geht essen?

Durchaus gerne. Aber wenn ich das zu oft mache, beschwert sich meine Mutter. Sie mahnt mich dann an, doch auch mal die Reste daheim zu essen.

Sie haben bereits unter vielen großen Trainern gearbeitet: Wenger, Nagelsmann, Löw, jetzt Kovač. Müssen Fußballer heute vielfältig sein, um zu „überleben“?

Ich kann es nur für mich beurteilen: Die vielfältige Ausbildung hat mich auf jeden Fall weitergebracht. Die vielen Trainer haben einen ähnlichen Einfluss wie die vielen Stationen: Wenn du vieles erlebst, bist du für vieles offen. Du lernst, zu adaptieren. Jeder Trainer hat seine Philosophie, seine persönliche Art. Beispielsweise ist die Schule Nagelsmann sehr technisch, bei Arsenal war sehr viel auf Ballbesitz ausgerichtet, sehr viel auf One-Touch.

Inwiefern war der Weg von London über Bremen und Hoffenheim nach München eigentlich geplant?

Ich hatte bei meinem Weg zum Glück wirklich genug Möglichkeiten, die eine Entscheidung notwendig machten. Am Ende waren die genannten Vereine genau die Klubs, zu denen ich zum jeweiligen Zeitpunkt wollte. Anfangs war für mich wichtig, viel Spielzeit in der Bundesliga zu erhalten, mich in einem ruhigen Umfeld unaufgeregt weiterentwickeln zu können. Dafür war Bremen eine perfekte Station. In Hoffenheim ging es dann viel um das Fußballerische, um das Lernen. Es war eine Art Vorbereitung auf den größtmöglichen Schritt in Deutschland, dem Schritt zum FC Bayern. Und hier spiele ich nun auf internationalem Top-Niveau, auf dem ich mich jeden Tag beweisen muss.

Ihr Weg zum FC Bayern war also kein Zufall.

Das war der Plan. Und ich denke, mein Plan ist bis jetzt aufgegangen.

Bei Ihrer Vorstellung in München wurde zunächst allerdings mehr über Ihr rot-weiß gestreiftes Oberteil statt über Ihr Fußballkönnen diskutiert. Sind wir Deutschen manchmal zu eindimensional?

Den einen interessiert es, den anderen nicht. Dass das zu einem Thema in der Öffentlichkeit wurde, war meines Erachtens etwas übertrieben. Geärgert habe ich mich darüber aber nicht. Ich bin immer noch überzeugt von dem Polo. Ich finde, es sieht klasse aus.

Ist es Ihnen wichtig, was die Menschen über Sie denken?

Du willst als Mensch nie schlecht dastehen. Ich auch nicht. Abgesehen davon ist mir bewusst, dass Menschen verschiedene Meinungen zu Personen haben, die in der Öffentlichkeit stehen. Wenn ich mir über jede einzelne Meinung Gedanken mache, kann das schnell schiefgehen. Generell bin ich aber jemand, der an Menschen sehr interessiert ist.

Das belegt Ihr Engagement für die Initiative „Common Goal“. Sie gehören zu den Sportlern, die ein Prozent Ihres Gehaltes für soziale Zwecke spenden. Warum?

Erstens: Ich bin so erzogen worden, dass man teilt. Zweitens: Der Fußball ermöglicht dir, viele Länder zu bereisen. Und wenn du auf diesen Reisen mal nach rechts und links blickst, wird dir bewusst, dass es anderen Menschen wesentlich schlechter geht. Und drittens: Durch die Herkunft meines Vaters habe ich natürlich einen engen Bezug zu Afrika. Dort zu sein, öffnet mir jedes Mal nicht nur die Augen, sondern macht mich auch betroffen. Weil ein Teil meiner Familie dort eben unter völlig anderen Bedingungen lebt. Und obwohl sie wenig haben, versprühen trotzdem alle gute Laune, sind extrem hilfsbereit. Da schaust du dich um und denkst: ‚Wow!‘

Wie oft bekommen Sie ein persönliches „Wow“ von Ihrem Freund Per Mertesacker zu hören?

Ein „Wow“ von Per? Von ihm gibt es immer nur Feuer, immer Kritik. Er möchte, dass ich das Bestmögliche aus mir heraushole. Er steht für mich exemplarisch für die deutschen Tugenden: Immer arbeiten, immer versuchen, alles zu geben. Zu sehen, wie er arbeitet und den Fußball lebt, hat mich ebenfalls ein Stück geprägt.

Per wäre also eine gute Mutter.

Ich würde eher sagen, ein anstrengender Vater.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli

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Felix Magath: „Der Alte spinnt!“

An Felix Magath kleben viele Vorurteile, doch der 65 Jahre alte Fußballtrainer hält wenig davon. Er liebt seinen Sport und spricht darüber, wie er sich den Fußball vorstellt und wer ihn vom Rasenmähen abhält.

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Der Artikel erschien in Ausgabe #32

Felix Magath, joggen Sie eigentlich?

Ich versuche, zweimal die Woche zu laufen. Wenn man fit genug ist, macht das den Kopf frei und sorgt für klare Gedanken.

Denken Sie dabei dann nur an Fußball?

Der Fußball ist weiterhin ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Natürlich kommt immer meine Familie an erster Stelle. Die Familie musste sehr oft hinter dem Fußball zurückstehen und hat mich dennoch ohne Klagen auf allen Stationen immer ganz toll unterstützt.

Spielen Sie noch Fußball?

Ich würde es gern, aber es ist schwierig, gleichwertige Partner zu finden. Ein Fußballspiel macht nur Spaß, wenn man Mit- und Gegenspieler hat, die in etwa auf dem gleichen Niveau stehen. Das wird vor allem dann deutlich, wenn Sie trotz taktisch und technisch guter Fähigkeiten gegen körperlich überlegene Gegenspieler antreten müssen. Dann werden Sie feststellen, Sie haben keinen Erfolg.

Was ist Erfolg heute?

Erfolg ist heute anscheinend, wenn man die ganze Saison schwache bis miserable Leistungen abliefert, in der Relegation aber fünf Minuten vor Abpfiff einen Freistoß bekommt und den verwandelt. Dann sind alle begeistert und feiern nur noch dieses Tor und den Schützen. Der Rest der Saison wird völlig vergessen. Der Spieler, der das Tor erzielte, kann vorher eine katastrophale Saison gespielt haben, ist dann aber sofort der Superstar.

Gibt es Ursachen für diese Entwicklung?

Selbstverständlich. Eine der Ursachen liegt natürlich in der Schaffung der Champions League.

Die Champions League?

Mit der Champions League wurde ein europäischer Wettbewerb erschaffen, der den teilnehmenden Mannschaften so viel Geld in die Kassen spült, mit dem sie von den anderen Mannschaften regelmäßig die besten Spieler wegkaufen können. Dadurch entfernen sich diese wenigen Topklubs mit ihrem Leistungsniveau immer weiter von den nicht in der Champions League vertretenden Mannschaften. Somit können sich nur noch Mannschaften mit einem finanzstarken Investor in der Spitze Europas etablieren und dort festsetzen. Auch deswegen ist der Fußball längst nicht mehr das soziale Spiel, welches er einst war.

Ist er asozialer geworden?

Das Wort asozial möchte ich nicht verwenden. Der soziale Aspekt ging in jedem Fall verloren. Was die Verbände FIFA und UEFA sowie der DFB initiieren, zielt hauptsächlich darauf ab, noch mehr Geld zu verdienen. Da verstehe ich die vielen Fans, die sich von der Kommerzialisierung überrumpelt fühlen und abwenden, weil sie die sportliche Herausforderung im Fußball längst zu oft vermissen müssen. Klaren Anspruch auf sportlichen Erfolg vermisse ich ebenfalls, auch in der Bundesliga.

Wo fällt Ihnen dieses besonders auf?

Schauen Sie sich zum Beispiel die Entwicklungen in Hannover und Nürnberg an. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich – ausgenommen ein paar Spieler – die Verantwortlichen gegen einen drohenden Abstieg gestemmt haben. Man hat sich schon lange vor Saisonende mit dem Abstieg angefreundet und gesagt: „Nächstes Jahr steigen wir eben wieder auf.“ Zu einem Zeitpunkt, als deren Situation noch nicht mal schlecht, geschweige denn hoffnungslos war. In Nürnberg hat man sich sogar dafür gelobt, in der Winterpause nicht eingekauft zu haben. Damit wurde ein Abstieg billigend in Kauf genommen.

Hat die Show den Sport verdrängt?

Nicht überall. Eintracht Frankfurt ist in der Bundesliga ein positives Beispiel. Aber auch bei anderen Sportarten, zum Beispiel Eishockey und Handball, ist sportlich etwas los. Der Wille zum Torabschluss, Emotionen und Zweikämpfe bestimmen das Spiel und begeistern die Zuschauer. Es macht Spaß, dabei zuzuschauen. Da passiert immer etwas, keiner spielt auf Ballbesitz, obwohl es viel einfacher wäre als im Fußball. Warum setzt man im Fußball also auf Ballbesitz? Es geht doch darum, Tore zu schießen oder sie zu verhindern und nicht darum, wie oft man den Ball in seinen eigenen Reihen herumschiebt. Man hat doch bei der letzten Fußball-WM gesehen, dass es nicht zwangsläufig zum Erfolg führt.

Eintracht Frankfurt hat in der Bundesliga und in Europa gezeigt, dass es auch anders gehen kann.

Richtig. Frankfurt, aber auch Dortmund spielen in der Liga auf Torerfolg, da schaue ich wirklich gerne zu und vergesse darüber schon mal, den Rasen zu mähen.

Ist es Zufall, dass Frankfurt und Dortmund als Positivbeispiele herhalten? In Frankfurt führt Fredi Bobic die Geschicke, in Dortmund hat man sich nach einer Talfahrt vor der letzten Saison weitere Fußballkompetenz in Sebastian Kehl und Matthias Sammer hinzugeholt.

Kein Zufall. Ich glaube schon, dass bei diesen beiden Klubs der Blick auf den Sport um einiges stärker ist als in anderen Vereinen. Denn oftmals bestimmen Entscheider ohne Fußballfachwissen das Geschehen in den Bundesligavereinen. Es geht mittlerweile in der Bundesliga nicht mehr ausschließlich um die sportliche Leistung, sondern darum, wie ich das, was passiert, in der Öffentlichkeit am besten kommunizieren kann.

Wie schwierig ist der Umstand, dass die Kompetenzen der Trainer eingeschränkt sind und diese unter den Vorgaben und Entscheidungen anderer Personen im Klub arbeiten müssen?

Da kann ich nur für mich antworten. Ich kann nicht beurteilen, wer in der Bundesliga in den dortigen Vereinen die finalen Entscheidungen trifft. Es ist von außen nicht immer klar erkenntlich. Während ich beim VfL Wolfsburg fast alles entscheiden konnte, hatte ich beim FC Bayern München nur sehr geringen Einfluss auf die Kaderzusammenstellung gehabt. Aber verantworten musste ich bei beiden Vereinen die sportliche Leistung der Mannschaft gleichermaßen allein.

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Wie sah Ihr Alltag in München aus?

Da gab es die Absprache mit Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß, dass wir einen Transfer nur dann machen, wenn alle drei ihre Zustimmung geben. (lacht)

Wie sah die Praxis aus?

Ich sagte: „Ich hätte gerne den Spieler.“ Dann bekam ich von einem der beiden Genannten gesagt: „Felix, das ist nicht Bayern München.“ Dann wurde der Spieler eben nicht geholt. Dasselbe hätte ich natürlich machen können: Wenn einer der beiden einen Spieler vorgeschlagen hat, diesen theoretisch auch abzulehnen. Aber dann wäre ich zu gar keinem neuen Spieler gekommen. So wurde der Kader mehr von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zusammengestellt und bestimmt als von mir. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass ich in Wolfsburg lieber gleich die Entscheidungen allein getroffen und verantwortet habe.

Genau das hat auch für Kritik gesorgt.

Das kann man gern kritisieren. Ich bin kein Superman. Ich kann nicht alles jeden Tag selbst machen. Täglich, teilweise zweimal, auf dem Trainingsplatz stehen und noch ständig Kontakte zu Aufsichtsratsmitgliedern und anderen Verantwortlichen pflegen, ihnen erklären, was ich warum vorhabe. Aber dafür habe ich sportlich gute Entscheidungen getroffen und verantwortet.

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Wie ging es eigentlich los in Wolfsburg?

Zuerst einmal mit sehr vielen Flugkilometern. Als Wolfsburg Kontakt aufnahm, weilte ich nämlich mit meiner Familie bei meinem Vater auf Puerto Rico. Ende Mai kam dann ein Anruf aus Wolfsburg. Ich bin gleich am nächsten Tag über New York und London nach Braunschweig geflogen. Dort habe ich mich mit verschiedenen Aufsichtsratsmitgliedern zusammengesetzt und sehr schnell Einigung über die Zusammenarbeit erzielt. Daraufhin bin ich sofort wieder in die Karibik zu meiner Familie. An Urlaub war natürlich nicht mehr zu denken. Ich habe dort umgehend begonnen, die Mannschaft für die neue Saison zusammenzustellen. Um einen Kader für die Ende Juni anlaufende Vorbereitung zusammenzustellen, hatte ich nur zwei, drei Wochen Zeit. Wenn die erste Saisonhälfte auch etwas wackelig war, hatten wir schon am Ende der Saison mit dem fünften Tabellenplatz den VfL Wolfsburg in den internationalen Wettbewerb gebracht.

Einer Ihrer Nach-Nachfolger in Wolfsburg war Bruno Labbadia, der einen starken Job gemacht hat, aber den Verein verlassen hat, weil er mit Sportchef Jörg Schmadtke atmosphärische Störungen hatte.

Egal, welchen Erfolg ein Trainer hat, wenn der Manager andere Vorstellungen hat, sitzt dieser grundsätzlich am längeren Hebel und der Trainer muss weichen.

Klingt nicht fair. Würden Sie mit einem Sportdirektor arbeiten?

Seit es diesen Posten des Sportdirektors oder Sportmanagers gibt, seit ungefähr Mitte der 80er Jahre, ist dennoch vieles unklar geblieben. Wer entscheidet was? Wer macht was? Dieses Konstrukt funktioniert eben nicht immer. Ich persönlich habe nie ein Problem gehabt, nur den Trainerjob zu machen und mit einem Sportdirektor und einem Sportvorstand zu arbeiten. Aber dann sind diese drei nicht nur für den Erfolg, sondern auch gemeinsam für den Misserfolg verantwortlich.

Kritiker stellten die Behauptung auf: Magath geht es um Macht. Stimmt das?

Wenn ich Macht beansprucht hätte, wäre ich wohl sicher nicht von Stuttgart zu Bayern gegangen. Es war doch klar, dass ich in München nicht so viel Einfluss habe, nachdem ich beim VfB schon Sportdirektor war. Oder nehmen Sie Wolfsburg: Da hätte ich als Meistertrainer alles machen können, was ich will. Ich habe nie Macht gesucht, sondern stets die sportliche Herausforderung. Die Frage war immer: Was traue ich mir zu? Darin war ich immer sehr klar und deutlich: Ich traue es mir zu, mit Schalke Meister zu werden. Punkt.

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Was war los auf Schalke?

Als ich dort ankam, war Schalke Neunter und hatte 35 Millionen Euro minus gemacht. Wochenlang waren die Medien voll mit der Sorge, ob Schalke noch zahlungsfähig ist. Ich habe drei Spieler aus der eigenen Jugend beziehungsweise aus der Amateurmannschaft zu den Profis geholt. Sie wurden alle zu Stammspielern. Mit Christoph Moritz, der heute in Darmstadt spielt, mit Lukas Schmitz, der heute in Österreich spielt und Joel Matip, den ich aus der Jugend geholt habe und der heute beim FC Liverpool spielt, wurden wir deutscher Vizemeister.

Sie haben auch über Ihre Situation beim FC Bayern geredet. Das war 2004 bis 2007. Hat Niko Kovač heute mehr Einfluss?

Ich glaube nicht. Schauen Sie sich den Kader der abgelaufenen Saison an. Dass man den Kader nicht gravierend verändert hat, fand ich ziemlich optimistisch. Wenn es aber mit dieser Entscheidung nicht läuft, macht man dem Trainer die Vorwürfe. Eigentlich ist er nicht schuld daran, hat aber die dadurch entstandenen Probleme. Ich kann mich da an einen Fall beim VfB Stuttgart erinnern.

Erzählen Sie bitte.

Ich hatte dort einen Spieler namens Krassimir Balakow. Ein Weltklassemann. Er hatte seine Karriere beendet und wir brauchten einen Ersatz. Er war ein wichtiger Faktor unseres Spiels. Unser Finanzvorstand hat mir gesagt: „Eine Million Euro können Sie ausgeben.“ Das war ja schon damals im Profifußball sehr wenig Geld. Wie soll ich einen Weltklassespieler mit einer Million Euro ersetzen? Ein Ding der Unmöglichkeit, und trotzdem habe ich mich nicht an die Medien gewandt und geweint oder mich öffentlich beschwert.

Es kam dann der Schweizer Hakan Yakin vom FC Basel, der für den VfB Stuttgart neun Bundesliga-Spiele machte und dann wieder ging.

Mir war völlig klar, dass es ein Risiko ist, ihn zu verpflichten und er es vielleicht nicht schaffen würde, Balakow zu ersetzen. Das war wahrscheinlich mit einer Million Euro auch nicht möglich.

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Wir führten ein Interview mit Kingsley Coman. Er erzählte, dass er zu Gast bei Uli Hoeneß am Tegernsee war und bei einer Runde Kekse seine Situation bei Bayern besprochen wurde.

(lacht) Das ist das Schicksal jedes Trainers bei Bayern München. Der Vorstand sucht dort auch häufiger den Kontakt zu Spielern, ohne den Trainer darüber zu informieren. Sobald ein Spieler zum Aufsichtsrat, zum Präsidenten, zum Manager oder zum Sportdirektor gehen kann, schwächt das die Position des Trainers. Ich verstehe Uli Hoeneß ja sogar, dass er sich um den FC Bayern kümmert, weil er das alles aufgebaut hat, aber so macht er es dem Trainer natürlich nicht einfach, wenn er sich mit den Spielern trifft und vielleicht über den Trainer redet.

Bald soll Ihr Ex-Spieler Oliver Kahn beim FC Bayern Sportvorstand werden. Trauen Sie ihm den Job zu?

Oliver Kahn war immer Profi. Er ist sehr ehrgeizig und hatte immer den nötigen Siegeswillen. Er kennt die Strukturen einer Mannschaft und die Wirkungsweisen in einem Klub. Er weiß, wie es läuft. Aber wie er den Job machen wird, kann ich nicht beurteilen. Das wäre Kaffeesatzleserei.

Stoßen wir in eine neue Zeit vor, wie man Klubs führt?

Ich hatte es vorhin schon mal erwähnt: Heute geht es vor allem um die Beherrschung der Kommunikation und das Bild in der Öffentlichkeit. Es geht weniger darum, was sie konkret leisten. Das ist mittlerweile leider längst nicht mehr so wichtig.

Haben Sie sich über die Jahre verändert?

Viele Menschen haben Probleme mit Veränderungen. Ich musste mich aber in meinem Fußballerleben ständig verändern. Jeder wird sich wohl vorstellen können, dass man zum Beispiel in China nicht so erfolgreich arbeiten kann wie in der Bundesliga, ohne sich an die neuen Gegebenheiten und Lebensumstände anzupassen.

Sind Sie stolz darauf, von der „alten Schule“ zu sein?

Ich bin stolz darauf, was ich bis heute geleistet habe. Man kann nachlesen, was ich erreicht habe. Es gibt eben keine modernen oder unmodernen Trainer, sondern nur die nicht erfolgreichen oder eben erfolgreichen Trainer.

Ihnen wird ja viel nachgesagt, aber Emotionen zu zeigen, gehört nicht dazu. Nehmen Sie Entlassungen eigentlich emotional mit?

Nein. Mittlerweile nicht mehr. Die erste Entlassung beim HSV war natürlich schlimm und hat mich auch sehr getroffen. Diese Erfahrung hat mich verändert und dann stärker gemacht, mir sehr geholfen, nur noch nach vorne zu schauen. Die späteren Entlassungen bei den Bayern oder auf Schalke haben mich nicht mehr sonderlich belastet. Ich bin Profi.

Ihre Spieler kennen Sie als harten Hund. Unser ehemaliger Kolumnist Andreas Görlitz hat uns erzählt: Unter Magath gab’s keine Info, wann am nächsten Training ist. Dafür haben Sie aber dann alles mitgemacht und das hat den Spielern imponiert.

Ein Spieler, der einen siebenstelligen Betrag verdient, muss seinem Arbeitgeber Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Ich habe keine Trainingspläne herausgegeben, weil sie sich auf ihren Job konzentrieren sollen und nicht auf ihre Freizeitgestaltung. Geben sie einen Trainingsplan raus: Dienstagsvormittag ist Training und dann wieder am Mittwochnachmittag. Der Spieler fährt Barcelona, Paris, London, macht einen Werbetermin oder ein Fotoshooting, abends geht’s dann noch irgendwo hin. Er fliegt am nächsten Tag um 14 Uhr zurück und kommt direkt zum Training. Dann sagt er nach der Trainingseinheit: „Boah, der Alte spinnt. Hat der wieder hart trainiert heute.“ Das ist nicht meine Vorstellung von Professionalität.

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Ist es für Sie das größte Kompliment, wenn ein Spieler sagt: „Unter Magath war ich am fittesten.“

Fitness ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Aber stolz war ich, dass wir mit unserer Arbeit im Trainerteam auf allen Stationen sehr wenige Verletzungsprobleme hatten. Weh getan hat mir, dass Andreas Görlitz und Patrick Helmes sich während eines Spiels jeweils mit einem Kreuzbandriss schwer verletzt hatten.

Sie waren 2014 beim FC Fulham. Haben Sie das gemacht, um einmal Premier League Luft zu schnuppern?

Schon als junger Trainer war ich mal in England, um mir das alles genau anzuschauen. Ich habe mir das Training in Liverpool bei den Reds, bei Manchester United und bei Arsenal in London angesehen. Mit Arsène Wenger habe ich dann auch gut zu Abend gegessen. Nach einer Woche bin ich aber nach Hause gefahren und habe mir gesagt: ‚Und jetzt?‘ Training und Abläufe waren super, aber nicht anders, als ich es schon gekannt habe. Da habe ich mir gesagt: ‚Sei du selbst, schaue nicht nach anderen. Gehe deinen eigenen Weg.‘ Das ist dann auch authentischer gegenüber den Spielern, wenn du das machst, wofür du stehst.

Hat das Essen mit Wenger wenigstens geschmeckt?

Ausgezeichnet. Frau Wenger hat wunderbar gekocht.

Und Fulham und die Premier League?

Schon als Jugendlicher wollte ich mal im Ausland leben. England und die Premier League haben mich dann natürlich ungemein gereizt. Auch wenn Fulham mir kein optimales Angebot unterbreitet hatte, war ich zu heiß auf den Traum Premier League und habe die mir durchaus bewussten Gefahren dieser Konstellation verdrängt. Ich war nämlich nach zwei Transferperioden schon der dritte Trainer in der laufenden Saison. Die Mannschaft hatte zu viele alte Spieler, die längst über ihren Zenit hinaus waren. Da war einfach nichts mehr zu machen. Trotzdem war es für mich privat eine wunderbare Zeit in London. Die Stadt, das Leben in England und die Menschen dort habe ich sehr schätzen gelernt.

Als Fazit: Nun nie mehr Ausland oder doch noch ein neuer Anlauf?

Sicher würde ich auch wieder gerne im Ausland arbeiten. Mir geht es vordergründig nicht um die Beschäftigung, sondern vor allem um eine Herausforderung und eine neue Aufgabe. Wo ich den Eindruck habe und zu der Überzeugung gelange, auf Menschen und Verantwortliche zu treffen, die etwas bewegen und wirklich Erfolg haben wollen, da bringe ich mich und meine Erfahrung gerne ein und bin dabei. Ob national oder international ist egal.

Könnte der DFB Sie anrufen?

Das ist wohl eher Utopie. Ich bin immer sehr kritisch nicht nur mit mir selbst gewesen und sage offen meine Meinung – auch gegenüber dem DFB. In puncto Nachwuchsleistungszentren ist dies zum Beispiel der Fall. Es wurden Millionen dafür ausgegeben, um diese zu entwickeln. Jetzt werden in der Bundesliga Millionen ausgegeben, um junge Spieler aus dem Ausland zu holen. Sie glauben wohl nicht, dass man das beim DFB gerne hört oder liest. (lacht)

Joachim Löw stand ja auch in der Kritik.

Zu Recht, wenn er nach einer schlechten WM sagt, dass er Verantwortung übernimmt und dann sechs Wochen in den Urlaub geht. Solche Art „Verantwortung“ kann jeder übernehmen.

Die Nationalmannschaft ist bei der WM krachend gescheitert, die Klubs im Europapokal – bis auf Eintracht Frankfurt – ebenso. Wo steht denn der deutsche Fußball?

Der deutsche Fußball hat sich derzeit im Mittelmaß eingerichtet. Der FC Bayern kann sicher, sofern er genügend Geld in die Hand nimmt, international wieder mit den Besten mithalten. Auch Lucien Favre traue ich zu, den BVB so positiv weiterzuentwickeln, dass Dortmund auch international wieder etwas konkurrenzfähiger wird. Ansonsten macht mir die Eintracht aus Frankfurt sehr viel Freude. Ich hoffe, Fredi Bobic kann die Mannschaft weiterentwickeln.

Keine großen Endspiele mit deutscher Beteiligung in Aussicht?

Nach jetzigem Stand der Dinge sehe ich das in den nächsten vier Jahren nicht.

Abschließend eine persönliche Frage. Sie nahmen unlängst in München an einem Organspendelauf teil. Brauchen Sie ein Spenderorgan?

Glücklicherweise nicht. Ich möchte dabei helfen, wie viele engagierte Mitstreiter auch, mit meiner und der Popularität des Fußballs dieses Thema der Öffentlichkeit bewusster zu machen. Der engagierte Augsburger Klinikdirektor und Chirurg Prof. Matthias Anthuber hat mich für diese Thematik sensibilisiert. Derzeit stehen in Deutschland circa 10.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Jeden Tag sterben Menschen, weil für sie kein Spenderorgan gefunden wurde. Ein unhaltbarer Zustand. Es kann jederzeit jeden von uns treffen, Sie, mich, Menschen, die wir lieben aus unserem Familien- oder dem Freundes- und Bekanntenkreis. Jeder Einzelne von uns kann mit seiner individuellen Bereitschaft zur Organspende zu einem Lebensretter werden. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Deswegen engagiere ich mich.

Interview: Felix Seidel & Fatih Demireli