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Steven Gerrard: „Unsere Fans sind ausgerastet“

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben.

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Steven Gerrard, seit einem Jahr sind Sie Trainer bei den Glasgow Rangers. Wie läuft es bis jetzt?

Die Rangers sind meine erste Station als Profitrainer. Davor war ich für die U18 in Liverpool verantwortlich, was eine sehr lehrreiche Zeit war. Aber jetzt ist das eine andere Welt, ich habe hier natürlich viel mehr Verantwortung. Die erste Saison war ein Traum. Schon der Empfang war gigantisch. Ich hätte nicht gedacht, hier mit so viel Herz und Sympathie aufgenommen zu werden. Für mich ist Glasgow eine große Chance. Als das Angebot der Rangers kam, musste ich nicht lange überlegen.

Wieso die Rangers? Sie hatten doch bestimmt auch andere Angebote.

Ich hatte drei oder vier Anfragen, als sich die Rangers meldeten. Ich habe stets betont: Ich unterschreibe nur, wenn ich absolut überzeugt bin. Das war bei den Rangers sofort der Fall. Dieser Verein hat eine unglaubliche Tradition und wird getragen von Emotionen. Das wollte ich erleben und ein Teil davon sein. Das Gesamtpaket der Rangers hat einfach gepasst.

Als Liverpool-Legende sind Sie leidenschaftliche Fans gewöhnt. Ist der Rangers-Anhang so gut, wie man ihm nachsagt?

Gleich beim ersten Testspiel habe ich die Kraft der Fans gespürt. Sie stehen hinter uns und sie sind definitiv der zwölfte Mann Daraus entsteht aber eine große Verantwortung und ein Riesendruck. Und man muss damit umgehen können, dass sie schnell ihren Unmut zeigen, wenn die Ergebnisse und Leistungen nicht stimmen. Die Spieler brauchen ein robustes Nervenkostüm. Wenn es läuft, ist die Stimmung aber unbeschreiblich und Gänsehaut ist garantiert.

Das Ende Ihrer aktiven Zeit ist noch nicht lange her. Wann wussten Sie, dass Sie Trainer werden wollten?

Ich habe mich einige Jahre mit dem Gedanken daran beschäftigt. Als ich dann in die Dreißiger kam und immer öfter feststellen musste, dass mein Körper die permanenten Strapazen nicht mehr aushält, wurden die Pläne konkreter.

Welche Ihrer Trainer haben Sie am meisten geprägt?

Mit Gérard Houllier und Rafael Benítez habe ich mehrere Jahre in Liverpool gearbeitet, und sie gehören zu den besten Trainern, die ich hatte. Mit Houllier holten wir 2001 den UEFA Cup, den europäischen Super Cup, den FA Cup und den Ligapokal, mit Benitez 2005 die Champions League. Nach jeder Trainingseinheit machte ich mir damals heimlich Notizen.

Was haben Sie aufgeschrieben?

Ich habe aufgeschrieben, was mir bei den Trainingseinheiten besonders gut gefallen hat, aber auch meine Eindrücke davon, wie Gérard und Rafa ihren Beruf betrachten. Ich habe immer gewusst, dass ich diese Notizen einmal gut gebrauchen könnte.

Das Interview mit Steven Gerrard erschien in der Ausgabe #33: Jetzt im Shop nachbestellen

Welche Ziele mit den Rangers haben Sie sich notiert?

Nachdem der Klub durch den Zwangsabstieg in den unteren Ligen spielen musste, spürt man hier eine gewisse Ungeduld. Die Leute wollen wieder ganz nach oben. Man muss aber Schritt für Schritt denken, um dauerhaft wieder konkurrenzfähig zu sein und dabei viel Geduld haben.

Die Messlatte ist der ewige Rivale Celtic, der zum achten Mal in Folge die schottische Meisterschaft gewonnen hat.

Das ist richtig. Jeder im Klub muss verstehen, dass wir hart dafür arbeiten müssen, um den Abstand zu Celtic zu verringern. In den vergangenen Jahren hatten sie gar keine Konkurrenz in der Meisterschaft. Dieser Konkurrent wollen wir wieder werden und befinden uns dabei auf einem sehr guten Weg.

Und wann greifen die Rangers in Europa wieder richtig an?

Das erste Ziel ist, unsere Identität wiederherzustellen. Diese besteht im Gewinnen und hat in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Meine Aufgabe besteht darin, uns kontinuierlich zu entwickeln und nie stillzustehen. Unsere Gegner müssen sofort sehen, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie uns gegenüberstehen. An dem Tag, an dem wir wieder in der Champions League sind, wird alles gut sein. Ich möchte diese magischen Nächte bald wieder erleben.

„Magische Nächte“ klingt fast ein wenig wehmütig. Woran denken Sie?

An das Champions-League-Finale 2005 natürlich. Das war zweifelsohne der schönste Tag in meinem Leben als Fußball-Profi. Weil ich leider nie mit Liverpool Meister geworden bin, war dieser Titel umso schöner. Istanbul war ein perfekter Rahmen. Was für eine Stadt! Was für eine Stimmung! Das Stadion und – ich erinnere mich genau – auch der Rasen waren perfekt. Das Spiel selbst war natürlich total verrückt. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich heute darüber spreche.

Der AC Mailand führte bekanntlich 3:0 zur Pause. Wie war die Stimmung in der Kabine?

Die Führung war auch in dieser Höhe absolut verdient. Milan hatte das Spiel dominiert. Wir haben uns dann in der Halbzeit in die Augen geschaut und alle wussten, dass wir nicht gut gespielt hatten und unseren Fans etwas schuldig waren.

Sie haben dann selbst mit dem Tor zum 1:3 zur Aufholjagd geblasen.

Der Schlüssel war aber die Unterstützung unserer Fans, die mit dem Anschlusstreffer wieder an uns glaubten und uns nach vorn peitschten. Es war der absolute Wahnsinn. Jeder von uns hat 15, 20 Prozent mehr aus sich herausgeholt. Nur zwei Minuten nach meinem Tor machte Vladimír Šmicer das 2:3 und unsere Fans sind ausgerastet. So eine Unterstützung hatte ich zuvor noch nie erlebt. Liverpool-Fans leben für ihren Klub, ich weiß das aus eigener Erfahrung.

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14 Jahre sind seither vergangen. Was bedeutet Ihnen dieses Endspiel?

Istanbul wird immer einen besonderen Platz in meinem Herz haben. Das war die schönste Nacht meiner Laufbahn und eine der schönsten in meinem Leben. Und es war mit Sicherheit das beste Champions-League-Finale der Geschichte.

In Glasgow sind Sie nicht nur Trainer, sondern auch Manager. Aus welchem Holz muss ein Spieler geschnitzt sein, damit Sie ihn verpflichten?

Es gibt den Spieler mit seinen fußballerischen Fähigkeiten und dann gibt es eine Persönlichkeit, die dahintersteckt. Wie tickt er? Wie ist er erzogen und ausgebildet worden? Kann er kämpfen? Kann er sich mit unserem Verein voll identifizieren?

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Ist es einfacher, gute Spieler zu bekommen, wenn man Steven Gerrard heißt?

Es besteht immer das Risiko, dass der Spieler sofort wieder auflegt. (lacht) Am Anfang war es extrem schwierig, namhafte Spieler zu holen, weil unser finanzieller Rahmen nicht viel hergibt. Mein Kader ist zwar relativ unerfahren, aber unglaublich hungrig. Wir haben vor allem Spieler geholt, die in ihren jeweiligen Vereinen kaum eine Rolle spielten und sich beweisen wollten. Die Rangers sind ein toller Klub, um sich wieder ins Rampenlicht zu spielen. Das wichtigste Kriterium für mich ist aber, dass ein Spieler eine hohe Eigenmotivation mitbringt.

Wie ist die Konkurrenz in der Liga?

Wir müssen sehr flexibel sein, weil die Teams sehr unterschiedliche Herangehensweisen haben. Manche spielen nur mit langen Bällen. Andere suchen ihr Heil in Standardsituationen. Und wieder andere wollen gar nicht mitspielen, sondern kämpfen nur und lauern auf zweite Bälle.

Wie war Ihr erstes Derby gegen Celtic?

Ich habe es genossen, auch wenn wir leider knapp verloren haben. Wir haben nicht genug an uns geglaubt, daraus müssen wir lernen. Für die meisten meiner Spieler war es auch ihr erstes Old Firm. Kurz vor Weihnachten haben wir den Spieß umgedreht und gegen Celtic gewonnen. Das war das Zeichen, dass wieder mit uns zu rechnen ist.

Illustration: Hüseyin Sandik

Ist die Stimmung vergleichbar mit dem Merseyside Derby gegen Everton?

Es ist relativ ähnlich und gleichzeitig ganz anders. Es gibt die religiöse und politische Komponente, die dafür sorgt, dass wir ein besonderes Derby haben. Es ist nicht einfach zu erklären. Man muss es einfach erleben, um es zu verstehen. Wenn das Derby angepfiffen wird, hört das Leben in Glasgow auf. Da fährt nicht mal mehr ein Auto.

Wie erklären Sie es sich, dass die Top- Klubs der englischen Premier League nur ausländische Trainer haben?

All diese Trainer sind extrem kompetent, und die Premier League besitzt die Strahlkraft und die finanziellen Mittel, sich die besten Coaches zu leisten. Man muss doch realistisch sein: Es gibt auf der Welt eben bessere Trainer als die englischen.

Eigentlich müssten Sie doch irgendwann den FC Liverpool übernehmen. Wann können wir denn damit rechnen?

Ich bin bei den Rangers wahnsinnig glücklich. Ich will für diesen Klub mein Bestes geben und unsere Ziele erreichen. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Jürgen Klopp macht einen hervorragenden Job in Liverpool und passt als Typ großartig zu diesem Klub. Für mich ist Liverpool ein besonderer Ort und vielleicht werde ich dort einmal anheuern. Wir werden sehen.

Interview: Alexis Menuge

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Jonathan Wilson: „Die Premier League ist keine englische Liga“

Jonathan Wilson macht sich Sorgen um die Zukunft des europäischen Fußballs. Der englische Journalist und Schriftsteller diskutiert in SOCRATES den Wandel des Spiels, bricht aber eine Lanze für Jürgen Klopp. Und er kritisiert die Bundesliga.

Herr Wilson, Liverpool und Tottenham haben das Champions-League-Finale 2019 ausgetragen. Sie sagten schon vor geraumer Zeit, dass diese beiden Mannschaften herausstechen im europäischen Fußball. Was macht sie denn so besonders? 

Es gab seit Januar 2017 sechs Teams, die in der Champions League ein Hinspiel mit drei Toren Differenz verloren haben und trotzdem weitergekommen sind. Davor mussten wir 31 Jahre warten, um auf diese Anzahl zu kommen. Die Mannschaften sind nicht mehr so gut wie früher darin, einen Vorsprung zu behaupten. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die da wären?

Zunächst mal: Die Leute haben angefangen zu glauben, dass es möglich sei. Das verändert schon mal die Einstellung. In Liverpool glauben die Menschen an so etwas und sie haben es ja auch schon gegen Dortmund in der Europa League erlebt. Als die Reds das erste Tor schossen, wurde Anfield lauter und lauter. Auf der anderen Seite hat Barcelona gegen PSG ebenfalls die Erfahrung gemacht, was passieren kann. Da hat sich die mentale Ausgangslage für beide Mannschaften komplett verschoben. Und das gilt ja nicht nur für die Spieler. Jeder weiß, dass diese Dinge im Unterschied zu den 1980ern etwa durchaus vorkommen.

Seit den 80ern hat sich vieles grundlegend verändert.

Es ist heute viel schwieriger, das Spiel zu zerstören. Das liegt an den neuen Regeln. Es wird nicht mehr so hart gespielt wie früher, dann sind da die Rückpassregel und die entschärfte Abseitsregel. Man kann heute generell mehr Tore schießen. Dazu kommt: Teams, die ihre heimische Liga dominieren, sind einen echten Fight gar nicht mehr gewohnt. Wenn es dann hart auf hart kommt, tun sie sich schwer. Die Barcelona-Spieler haben in der ganzen Saison nur vier Spiele, in denen sie richtig verteidigen müssen: gegen Real Madrid und Atlético. In den anderen 34 Spielen sind sie ausschließlich im Angriff. Nehmen wir Jordi Alba.

Jonathan Wilson

Jonathan Wilson

Der Linksverteidiger des FC Barcelona.

Er ist in der Offensive wirklich gut, aber ich finde nicht, dass er ein guter Verteidiger ist. Haben Sie gesehen, wie er reagierte, wenn Trent Alexander-Arnold ihn anlief? Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, weil er darin keine Übung hat. Die ganze spanische Liga hat darin keine Übung und die großen Teams sind weich geworden. 2017 hat Paris, 2018 Rom und 2019 Liverpool Barça richtig bloßgestellt. Es fehlt an Tempo und einer Balance im Team. Der Qualitätsunterschied zwischen den Angreifern und der Viererkette ist enorm, aber das wird im Liga-Alltag nicht aufgedeckt. Die Stürmer machen es sich da ganz schön gemütlich. Vielleicht ist Leo Messi der beste Spieler aller Zeiten. Wenn er den Ball hat, kann er Millionen Dinge tun, aber er geht nie ins Tackling, Messi, Luis Suárez und Philippe Coutinho haben in Anfield kein einziges Tackling versucht. Nicht eins! Liverpool hat schon in Barcelona gut gespielt, war aber ein wenig zu vorsichtig. In Anfield schob Jürgen Klopp seine beiden Außenverteidiger weit nach vorn und hat Virgil van Dijk und Joel Matip gegen drei Stürmer verteidigen lassen. Sie haben das Risiko in Kauf genommen und waren dafür immer acht gegen sieben in der Offensive.

Vor 2019 kamen sieben der letzten zehn Champions-League-Finalisten aus Spanien. Neun der letzten zehn europäischen Finals wurden von Real, Barça, Sevilla und Atlético gewonnen. In der letzten Saison dominierten jedoch die Premier-League-Klubs. Kommt jetzt nach der spanischen die englische Ära?

Was die Nationalmannschaften angeht, ist Spaniens Epoche schon vorüber. Im Moment haben die Teams aus der Premier League gegenüber allen anderen Ligen einen Vorteil. Sie sind ohnehin viel reicher, aber nutzen das Geld inzwischen viel besser. Angeblich wurde das Geld in der Premier League bislang relativ gerecht verteilt, doch das wird sich bald ändern. Die Verteilung der globalen TV-Erlöse wird schon ab der kommenden Saison zugunsten der Top-6-Klubs verändert – und das ist ein Problem.

Warum?

Zwischen 2003 und 2006, als die detaillierte Datenerfassung begann, zählten die Statistiker von Opta drei Premier-League Spiele, in denen ein Team mindestens 70 Prozent Ballbesitz hatte. Vor zwei Jahren waren es 36 Spiele, in der Saison danach 63 und der letzten 67. Das ist eine radikale Veränderung. In 15 Jahren hat sich die Anzahl dieser Spiele um den Faktor 60 erhöht. Jedes sechste Premier-League-Spiel ist extrem einseitig, sprich: Ein Team hat 70 oder mehr Prozent Ballbesitz. Das ist fürchterlich. In immer mehr Spielen schießt ein Team zwei Tore in den ersten 20 Minuten und ruht sich dann darauf aus.

Sehen Sie ein Team, das in die Top 6 in England einbrechen kann?

Wir sollten die großen Teams getrennt voneinander betrachten. Gemessen an ihren finanziellen Möglichkeiten sind die Manchester-Klubs die stärksten. Wir können die ersten Sechs in zwei Gruppen, A und B, unterteilen. Manchester United gehört schon zur B-Gruppe, genauso wie Arsenal und Chelsea. Und wenn sie so weitermachen, könnten die Wolves, Leicester und Everton bald ebenfalls dazugehören.

Tatsächlich?

Ja, aber diese drei werden niemals zur A-Gruppe gehören. Das ist unmöglich, denn A ist Manchester City. Liverpool gehört da im Augenblick auch hinein, weil man Geld hat und dieses extrem effizient investiert und obendrein einen charismatischen Leader hat. Bei Tottenham bin ich mir nicht sicher. Die Spurs haben 15 Punkte weniger als in der vergangenen Saison geholt und hatten in der Champions League jede Menge Glück. Sie überstanden die Gruppenphase und zwei K.o.-Runden nur mit jeder Menge Drama. Ich habe keine Ahnung, wie es um ihre Finanzen steht. Sie sind ein Sonderfall, weil sie so gut liefern, obwohl sie kein Geld investieren. Deshalb spricht Mauricio Pochettino ja auch über Abschied, weil kein Mensch weiß, wann sie denn mal Geld in die Hand nehmen. Und das stinkt ihm gewaltig.

Die anderen?

Liverpool ist für mich A minus, United ist eigentlich ein A-Klub, liefert aber wie B minus. Chelsea ist allein wegen Roman Abramowitsch ein Sonderfall, ist aber B plus. Die Einseitigkeit vieler Premier-League-Spiele heißt auch, dass die Partien weniger physisch sind. Und das hilft den englischen Teams in den europäischen Wettbewerben. Die Premier League ist immer noch die athletisch anspruchsvollste Liga, doch ist der Vorsprung drastisch zurückgegangen. 2007/08 hatte der FC Reading die wenigsten Tackles der ganzen Liga. Das waren aber immer noch 44 mehr, als Huddersfield in der zurückliegenden Spielzeit hatte. Die Zahl ist dramatisch zurückgegangen und dennoch wird in England immer noch viel körperlicher gespielt als in der Bundesliga.

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Was ist der größte Unterschied zwischen den Premier-League-Teams und dem Rest von Europa?

Nehmen wir Real Madrid. Sie hatten richtig viel Glück. Zu Hause sind sie so schlecht wie zuletzt vor dem Zweiten Weltkrieg. Die vier Champions-League-Siege in fünf Jahren führen auf eine völlig falsche Fährte. Jede große Liga – außer eben der Premier League – will die Super League, weil die Langeweile doch offensichtlich ist. Ich finde es auch langweilig. Ich kann mir zum Beispiel keine Serie A anschauen. Ich gucke etwas La Liga und ganz wenig Bundesliga. Im Prinzip habe ich aufgegeben. Die Klubs sind so beschäftigt damit, globale Gelder zu generieren. Die jungen Zuschauer wollen keinen 90-minütigen Fight mehr sehen, sie schauen lieber Neymar dabei zu, wie er seine Tricks macht und zehn Tore in einem Zwei Minuten- Highlightclip fallen.

Sie sagten über die Premier League einst: „Sie liefert erstklassiges Fußball-Drama auf einem herausragenden Niveau und verteilt ihren Reichtum immer noch gleichmäßig unter ihren Mitgliedern. Sie ist gierig, aber nicht zu gierig, und fährt damit überall auf der Welt ihren Ertrag ein.“

Es gibt mehrere Aspekte. Die Premier League ist ja keine englische Liga, sondern eine internationale Liga, die in England ansässig ist. Das wird noch spannend mit dem Brexit. Die Qualität des Fußballs ist das Ergebnis einer Kombination unzähliger Nationalitäten und ihrer Ideen. Liverpool und Tottenham erscheinen wie englische Klubs, aber das ist Unfug, auch wenn es den Anschein macht und das Image gepflegt wird. Als Klopp gefragt wurde, woher seine Gegenpressing-Philosophie kommt, dachte man, er würde auf Ralf Rangnick (was der Wahrheit entspricht), Helmut Groß, Arrigo Sacchi oder Walerij Lobanowskyj verweisen. Doch er antwortete, sein Gegenpressing stamme aus dem englischen Fußball der 1970er von Liverpool, Aston Villa oder Nottingham Forest. Auf dem Cover des bekannten Raphael-Honigstein- Buchs über den englischen Fußball steht: harder, better, faster, stronger. So war der Fußball in England in den 70ern und 80ern. Technisch war der Fußball nicht so gut wie heute, taktisch aber schon. Das ist die Inspirationsquelle für Klopp und das bekommen wir jetzt zu sehen.

Und Tottenham?

Pochettino sprach über den „wahren Fußball“ in El País und bezog sich auf das Halbfinale im Landesmeistercup von 1975 zwischen Leeds United und Barcelona. Und da ging es außerordentlich physisch zur Sache. Barcelona war richtig gut damals mit Johan Cruyff und Johan Neeskens. Dieses Leeds-Team hat es Pochettino also angetan. Pochettino ist sichtlich geprägt von Marcelo Bielsa und steht in der Tradition von Estudiantes und Carlos Bilardo. Für ihn gehört die Körperlichkeit zum Fußball dazu. Pochettino und Klopp haben diese Facette in den englischen Fußball zurückgebracht. Der physische Aspekt war in den 90ern komplett weggebrochen. Im Zuge der Sperre nach dem Heysel-Unglück entwickelte sich der kontinentale Fußball weiter; der englische jedoch blieb stehen. Das 4:0 von Barcelona gegen Manchester United in der Champions League 1994 war eine gewaltige Demütigung. Die Meinung war, der englische Fußball müsse sich neu erfinden, vergessen, was gewesen ist, vergessen, woran wir immer geglaubt hatten. Weg mit langen Bällen, weg mit dem körperbetonten Spiel. Und gleichzeitig änderte sich der Blick der Klubbosse auf die Stadien und die Fans. Und das Resultat von allem war die Premier League.

Was hat sich verändert?

 

Im taktischen Bereich kopierten wir verschiedene andere Kulturen. Mitte der 90er wurde der englische Fußball nach dem Ajax-Vorbild holländisch. Dann kam die U21-EM 1994 und England fegte die Niederländer vom Platz. Und alle sagten: „Verdammt, zu holländisch ist auch nicht gut.“ Dann kam Frankreich, als die Équipe Weltmeister wurde. „Das ist die Zukunft!“, hieß es, weil die Franzosen gut waren. Also spielten wir wie sie; aber heute wissen wir, was mit den Franzosen ab 2002 passierte. Dann kamen die Spanier, also spielten wir wie sie, aber wir waren nicht gut im Tiki-Taka. Also versuchten wir, die Deutschen zu kopieren. Und am Ende fingen wir an, unser eigenes Programm und die Academys zu entwickeln. So hielten auch wieder englische Physis und Athletik Einzug.

Was ist mit englischen Trainern? Alle Erfolgsgeschichten werden von nichtenglischen Coaches geschrieben.

In der goldenen Ära der 60er, 70er und 80er gab es große englische Trainer. Damals war der Trainer der Messias und „follow the manager“ war das Motto. Für die Infrastruktur und das Drumherum interessierte sich keiner. Erst in der jüngeren Zeit haben wir die eher technokratischen Trainer und die moderne Wissenschaft im Fußball zugelassen. Englische Trainer haben sich in den Top-Teams versucht, scheiterten aber und so entstand Skepsis. Es hieß, sie sollten erst mal im Ausland arbeiten, um sich zu bewähren. Die Sprache ist aber oft ein großes Hindernis für sie. Und schließlich gibt es in England viel mehr Geld zu verdienen als in anderen Ligen.

Kommen wir zurück zu Liverpool und Tottenham, den beiden Champions-League-Finalisten. Vergleichen Sie doch bitte die Ansätze von Klopp und Pochettino und die Philosophien der Klubs.

Klopp und Pochettino gehören zur gleichen Schule, auch wenn sie aus völlig verschiedenen Richtungen stammen. Sie haben typisch englische Elemente in ihrer Philosophie wie etwa das Pressing, hohe Intensität und Leidenschaft und eine Vorliebe für das Chaos im Unterschied zur Ordnung. Tottenham ist viel besser heute als noch vor drei Jahren. Die Spurs haben sich unter Pochettino zu einem Top-4-Team entwickelt. Das ist eine großartige Leistung. Und sie haben es geschafft, ohne Unsummen zu investieren. Anders als Tottenham hat Liverpool große Erwartungen zu erfüllen, die aus der Historie des Klubs erwachsen. Liverpool ist wieder eine große Macht. Es ist nicht leicht, ihnen Spieler abspenstig zu machen und es will ja auch gar keiner weg dort. In Liverpool zu spielen, ist aktuell ein Vergnügen. Und man hat Chancen, etwas zu gewinnen. Wenn du in Liverpool etwas gewinnst, wirst du zum Helden und die Kinder der Stadt werden nach dir benannt. Du kommst in 30 Jahren zurück in die Stadt und die Leute werden dich in Restaurants, Bars, zu sich nach Hause schleppen und dich zum Essen und Champagner einladen. Selbst heutzutage ist Geld nicht alles.

Back to the 90's: Hol' dir das Bundesliga-Sonderheft

Auch Arsenal und Chelsea haben ein Finale erreicht. Was ist mit den beiden?

Maurizio Sarri war so unbeliebt bei Chelsea, weil sein Fußball bislang eine Enttäuschung war. Das schnelle Offensivspiel von Napoli war atemberaubend, doch bei Chelsea funktionierte das nicht. Wenn man Sarri holt und seinen Fußball implementieren möchte, dann muss man ihm auch die passenden Spieler zur Verfügung stellen. Und so ein Prozess braucht dann vielleicht drei Jahre. Man muss es schon schlauer anstellen, als nur Jorginho und Gonzalo Higuaín zu holen. Natürlich hat die Transfersperre die Sache nicht einfach gemacht.

Kommen wir zu Arsenal…

Unai Emery ist okay. Die Gunners haben zwei richtig gute Stürmer und etliche vielversprechende Talente, aber ein Özil-Problem und richtig ernste Schwierigkeiten in der Abwehr. Es ist nicht so einfach, Haltung zu bewahren, wenn du keine guten Spieler hast. Emery ist gar nicht weit weg von Pochettino. Er verfolgt den Pressing-Ansatz, kann aber auch tief stehen und über Konter spielen, was ja auch Sinn ergibt, wenn du Pierre-Emerick Aubameyang und Alexandre Lacazette hast. Ich verstehe aber nicht, warum Emery so ein Genie in der Europa League ist, aber nicht in anderen Wettbewerben. Er will eigentlich nicht mit zwei Stürmern spielen, aber die beiden besten Spieler seines Kaders sind Stürmer. Ich glaube auch, dass es wirklich nicht leicht ist, in Arsène Wengers Fußstapfen zu treten.

Sie haben schon über die Konkurrenzsituation in den europäischen Ligen gesprochen. Wie finden Sie die Bundesliga?

Wenn Bayern München früher eine schlechte Saison hatte, dann war das die Chance für die anderen, die Meisterschaft zu gewinnen. In der vergangenen Saison spielte Bayern so schlecht wie Lange nicht mehr und holte immer noch den Titel. Bayern war ein Witz in dieser Saison, Liverpool hat sie im Achtelfinale zerstört. Sie holen jedes Jahr die besten Spieler der Konkurrenz – das ist ihr Modell. Vielleicht ist Leipzig eine Hoffnung für die deutsche Liga, auch wenn die meisten Fans die Verbindung eines multinationalen Konzerns mit einem Fußballklub hassen.

Wie sehen Sie die deutsche Nationalmannschaft?

Ich glaube nicht, dass die Situation an Joachim Löw liegt. Deutschland hatte eine unglaublich gute Generation von Spielern – und die haben sie im Moment nicht mehr.

Fußball-Guru Monchi sagt: „Big Data ist die Zukunft des Fußballs.“ Kostet die Wissenschaft den Fußball irgendwann seine Emotionen?

Ich denke nicht, dass die Zweikämpfe ganz aus dem Fußball verschwinden werden. Es ist gut, dass diese Attacken, die das Spiel zerstören, nahezu ausgemerzt wurden. Die Auswirkungen von Big Data sind aber unübersehbar. Wir erleben, dass Teams mehr lange Bälle spielen und versuchen, mismatches zu provozieren. Auch der Videobeweis beeinflusst den Fußball. Wir merken gerade, dass es sinnvoll ist, den Ball noch mehr in den Strafraum zu bringen. Ich glaube aber, dass wir wieder auf dem Weg in eine körperbetontere, physischere Ära sind.

Interview: Tan Morgül

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Bundesliga-Sonderheft: Die 90er sind zurück!

Die Bundesliga-Sonderheft für die Saison 2019/20 ist ab sofort im Handel! Und Socrates erscheint ausnahmsweise mal im Retro-Design, denn im Fokus steht die Bundesliga der 90er Jahre.

Bundesliga-Sonderheft: Die 90er!

Die Wahrnehmung oder die Erinnerung an die Vergangenheit ist bei jedem ein wenig anders. Die Lager von „Früher war alles besser“ und „Das kommt dir nur so vor“ sind gut vertreten. Wissenschaftler haben festgestellt, dass man Negatives aus der Vergangenheit gerne mal vergisst und so die positiven Erinnerungen überleben. Dies kann aber nicht der einzige Grund sein, dass wir uns beispielsweise gerne an die Neunziger erinnern.

Waren sie so schön, weil wir uns an das Schlechte nicht mehr erinnern können oder war es mehr? Sehnen wir uns nach Elementen vergangener Tage, weil wir am kollektiven Gedächtnisschwund leiden? Redet man mit Zeitgenossen, fällt immer wieder der Begriff „Ehrlichkeit“. Viele haben die Zeiten ehrlicher empfunden.  Social Media hat viel verändert. Die sozialen Medien werden überproportional genutzt und die Menschen sind geneigt, ihre beste Seite zu zeigen, Schwächen und Schwachstellen zu verbergen. Und leider funktioniert es auch.

Ehrlicher wirkte in den Neunzigern auch der Fußball. Die Typen, die heute überall verlangt werden, gab es einst zuhauf. Die Angst davor, für Aussagen und Ansagen medial an die Wand geklatscht zu werden, war nicht so immens wie heute. Man traute sich einfach mehr. Und das wirkte auf die Menschen ein. Und wirkt heute noch nach, wenn man sich positiv zurückerinnert. Wir haben in der Redaktion diskutiert, mit welcher Idee wir die Bundesliga-Saison angehen. 2017 haben wir die Trainer in den Fokus gestellt, 2018 die Entscheider. Wir haben mit vielen Trainern und Sportchefs gesprochen.

Doch diesmal ist die Vergangenheit dran. Die guten alten Tage verdienen es, einen Platz in SOCRATES zu finden. Wir blicken zurück auf die Neunziger, Verein für Verein, vergessen aber nicht, welche Auswirkungen diese auf heute haben.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Arjen Robben im Exklusiv-Interview

Als wir mit Arjen Robben über seine Zeit nach dem FC Bayenr sprachen, tendierte er schon sehr klar zum Karriereende und deutete das im Interview auch an. Inzwischen ist es klar, dass er nicht mehr weitermacht. Wir sprachen mit Robben über seine tolle Karriere, aber auch darüber, wie er in den Niederlanden die Bundesliga in den 90ern erlebt hat.

Olaf Thon im Exklusiv-Interview

Er war einer der besten Spieler der 90er Jahre, spielte für Schalke 04 und Bayern München und schrieb mit den Königsblauen gar Geschichte. Im Interview erzählt Thon, warum ihm die Trikots früher besser gefallen haben, wie sich die Spielerfrauen verändert haben und wie Rudi Assauer ihm zu einem besseren Vertrag beim FC Bayern verholfen hat.

Im Wandel der Zeit

Die 1990er waren schon ein verrücktes Jahrzehnt für den Fußball und im Besonderen für die Bundesliga. Die Kommerzialisierung ging so richtig los, es gab bahnbrechende Regeländerungen und gewaltige Umwälzungen durch Einflüsse von außen. Ein Rückblick.

Dies und vieles mehr in Socrates #34!
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Vettel, Gerrard, Jović: Männer mit Plan

Sebastian Vettel war noch nie Fahrer, der nur an das Hier und Jetzt denkt. Der Ferrari-Pilot macht sich daher auch Sorgen um die Sorgen der Formel 1. Sorgen hatte sich auch Luka Jovic gemacht. Doch das ist alles Vergangenheit. Gestern wie heute erfolgreich – das ist Steven Gerrard. Und er will damit nicht aufhören. Vettel, Gerrard, Jović: Drei Männer mit Plan auf dem Cover der Ausgabe #33.

Sebastian Vettel: Die Sorgen

Man muss keinen Hehl daraus machen: Sebastian Vettel erlebt im Cockpit von Ferrari eine schwierige Saison in der Formel 1. Die Konkurrenz fährt davon, die Hoffnung auf den Weltmeistertitel haben früh einen Dämpfer bekommen. Aber Sebastian Vettel denkt nicht nur an heute, sondern liebt die Formel und macht sich ernsthafte Sorgen.

Im exklusiven Interview mit SOCRATES spricht Vettel darüber, was ihm missfällt und mahnt, dass „die Formel 1 nicht zu weit gehen darf“. Er spricht aber auch über die Probleme bei seinem Rennstall und berichtet, seit wann man Probleme bei der Entwicklung des Autos hat.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Steven Gerrard im Exklusiv-Interview

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben. Gerrard nennt seine Trainer-Vorbilder und natürlich bricht er natürlich eine Lanze für Jürgen „The Normal One“ Klopp.

Luka Jović: Der Beste

Luka Jovic ist der Spieler der Saison. Da lassen wir nicht mit uns diskutieren. Sein Aufstieg ist atemberaubend, obgleich sein enormes Talent schon früh unübersehbar war. Die Geschichte hätte aber auch ganz anders laufen können, wenn Fredi Bobic und Niko Kovac nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wären.

Daniel Abt im Exklusiv-Inteview

Daniel Abt ist Rennfahrer, hat aber auch 250.000 Abonnenten auf YouTube. SOCRATES erzählt er, wie er mit Hass unter seinen Videos umgeht und warum sein Teamchef ihn nachts um halb fünf mit einem Döner erwischt hat.

Isabell Werth im Exklusiv-Interview

Isabell Werth ist die erfolgreichste Dressurreiterin aller Zeiten und allein mit sechs olympischen Goldmedaillen dekoriert. Ihre Begeisterung für den Sport und ihr Tatendrang sind dennoch ungebremst. Ein Gespräch über Pläne, Wertewandel und Diskussionskultur zwischen Pferd und Reiter.

Aito Garcia Reneses im Exklusiv-Interview

ALBA Berlins EuroCup-Traum endete im Finale gegen Valencia. Es war nicht das erste Mal, dass Aíto García Reneses ein Finale verlor. Der 72-jährige Trainer gehört aber nicht zu den Menschen, die sich lange mit Niederlagen aufhalten.

Dies und vieles mehr in Socrates #33!