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Moderner Fußballtrainer: Die 10 Schlüsselkompetenzen

Die beste Taktik, die richtige Aufstellung – fertig? Ist man dann schon ein Top-Trainer? Nein! Heute gehört viel mehr dazu, um dauerhaft Erfolg als Fußball-Trainer zu haben. Dr. Florian Kainz schreibt in seinem Gast-Beitrag für SOCRATES, was die 10 wichtigsten Kernkompetenzen sind.

Von Dr. Florian Kainz

Für einen Fußballtrainer geht es mittlerweile um viel mehr als nur den sportlichen Erfolg. Um in einem sehr von Emotionalität, Ungeduld und medialem Druck geprägten Umfeld bestehen zu können, muss er eine starke, moderne Führungskraft verkörpern. Die Premier League hat die Wichtigkeit von Führungskompetenz längst erkannt und zahlt den Klubs sogar Trainerentwickler vor Ort. Diese haben keine eigene Mannschaft, sondern übernehmen das Coaching der Coaches.

Der Mut zur Erneuerung und des Öffnens nach außen hat sich in England ausgezahlt. Auch in Deutschland sollten wir den Fokus intensiver auf die Weiterbildung de Trainer abseits des Platzes legen. Erfolgreiche Trainer weisen mittlerweile vermehrt Kompetenzen auf, mit denen auch Top-Manager in der Wirtschaft punkten. Um Teammitglieder weiterzuentwickeln und junge, erfolgshungrige Spieler in eine Mannschaft zu integrieren, sind insbesondere folgende Schlüsselkompetenzen wichtige Voraussetzungen:

1. Ganzheitliches Denken

Auf der einen Seite von Spieltag zu Spieltag zu denken, auf der anderen Seite die erforderliche Weitsicht zu behalten, ist ein Qualitätsmerkmal. Für einen Trainer reicht es nicht mehr aus, nur sein Spielsystem und taktische Maßnahmen vor Augen zu haben. Vielmehr muss er das gesamte System Fußball inklusive der Rahmenbedingungen und Umweltfaktoren sowie die individuellen Faktoren der Leistungserbringung und -entwicklung beachten. Beispielsweise spielt neben den Themen auf dem Platz auch die Ernährung seiner Spieler eine Rolle. Des Weiteren muss den medizinischen Daten Beachtung geschenkt werden, die ihn dazu veranlassen können, einen Spieler zurSchonung auch mal aus dem Mannschaftstraining zu nehmen. In der Summe muss ein Trainer die Faktoren herausfiltern, die zur Leistungssteigerung des Individuums als auch des gesamten Teams führen.

2. Führungsstärke

Was ist der Sinn meines Handelns, welche Motive verfolge ich? Welche Dinge treiben mich an? Und wie verhalte ich mich? Wenn ich diese drei Fragen für mich klar beantworten kann und das Miteinander der Antworten in Balance steht, entwickelt sich dadurch fast automatisch Führungsstärke. Dieser erwähnte Dreiklang muss korrespondieren. Reflexionsfähigkeit ist essenzieller Bestandteil für die Weiterentwicklung der Führungskompetenz, die im Wesentlichen auf Persönlichkeitseigenschaften beruht. Grundvoraussetzung der Entfaltung von Führungsstärke sind die vier Ms: „Man muss Menschen mögen!“ Nur wer diese Grundvoraussetzung in sich trägt, kann eine nachhaltig gute Führungskraft sein und werden.

3. Teamfähigkeit

Generell sollte ein Trainer Lust und Interesse haben, seine Teammitglieder zu entwickeln. Im Idealfall erkennt ein Trainer die Potenziale seiner Teammitglieder genauso wie Stärken und Schwächen im Team, was ihm ermöglicht, sein Team stärkenorientiert auszurichten. Das kann auch Veränderungen an entscheidenden Polen zur Folge haben. Bei der Auswahl des Personals achtet er auf sein Gefühl für die Menschen. Dies hilft ihm bei der Beurteilung, ob eine Ergänzung im Sinne des Teamgefüges und der Teamkultur eher förderlich oder hinderlich ist. Der Trainer selbst muss aber auch gerne im Team arbeiten und darin aufgehen. Das ist eine Grundvoraussetzung, um seine eigene Teamfähigkeit weiterzuentwickeln.

4. Kommunikationsfähigkeit

Nur die wenigsten Personen kommunizieren mit Leichtigkeit. Top-Manager berichten häufig: „Echt rüberzukommen, ist alles andere als einfach.“ Viele Entscheider lassen sich daher im Bereich Kommunikation coachen. Die Arbeit lohnt sich: Klar, verständlich und gut formulieren zu können, kommt nicht nur beim eigenen Team und eigenen Arbeitgeber gut an, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit. Eine stark ausgeprägte Kommunikationskompetenz hilft einem Trainer bei der positiven Außendarstellung enorm.

Der Artikel erschien in Ausgabe #38: Jetzt nachbestellen

5. Authentizität

Wem es gelingt, trotz der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit sich selbst und seinen Grundwerten treu zu bleiben, hat beste Chancen, authentisch wahrgenommen zu werden. Die Basis dafür ist die Akzeptanz für die Person, die man ist. Es mag Phasen geben, in denen ein Trainer für sein Verhalten kritisiert wird. Wer sich dadurch nicht verändert, wird später oftmals für genau das gleiche Verhalten gefeiert. Warum? Weil ein Trainer so für Menschen aus der Ferne einschätzbar und zum größten Teil berechenbar wird. Zugleich bleibt er auch für sein Team und die Stakeholder des Vereins glaubwürdig und verlässlich, wenn er für sich weiß, mit welchen Werten er führt und welche Ziele er verfolgt. Er zeichnet sich dann durch moralische Charakterstärke aus. Egal auf welchem Level man sich in der Unternehmenshierarchie befindet: Die Wichtigkeit von Authentizität wird im Berufsleben oft unterschätzt. Da bildet der professionelle Fußball keine Ausnahme.

6. Emotionales Führen

In der Wissenschaft ist belegt, dass Gefühle der Führungskraft ansteckend auf die Mitarbeiter wirken. Emotionale Führung ist keine Gefühlsduselei. Sie ist im Sport insbesondere vor einem Spiel förderlich, auf das in besonderer Weise „eingeschwungen“ werden soll. Dass Team emotional von der Coaching-Zone aus mitzunehmen, kann auch während des Spiels eine positive Wirkung haben. Es geht jedoch mitnichten darum, dass die Führungskraft ihre Mitarbeiter nur auf einer emotionalen Ebene ansprechen soll. Vielmehr ist eine wahrhaft emotionale Führungskraft in der Lage, blitzschnell zwischen kognitiver und emotionaler Intelligenz hin und her zu wechseln – und genauso schnell zu erkennen, wann welche Art von Intelligenz gefordert ist. Allerdings können Gefühle auch hinderlich sein, vor allem in krisenbehafteten Situationen und Konflikten, in denen man selbst Teil des Systems oder involviert ist. Und auch wenn klare Analysen gefordert sind, ist der Ausbruch von Emotionen eher kontraproduktiv.

7. Ergebnisorientiertes Handeln

Ergebnisorientiertes Handeln zielt nicht immer nur darauf ab, die drei Punkte zu holen – es kann auch eine Entwicklungshandlung sein. Dabei ist es jedoch sehr wichtig, nicht im luftleeren Raum zu agieren. Ein Trainer muss klar formulieren, welches Ergebnis er mit seinem Handeln genau verfolgt – es sollte niemals ergebnisoffen sein, sondern stets ergebnisorientiert. Gerade im Bereich der Nachwuchsleistungszentren ist es so, dass Spieler-Entwicklungen herbeigeführt werden sollen. Dann steht für einen Trainer im Vordergrund, dass seine Spieler versuchen, gewisse Dinge auszuprobieren und dabei wertvolle Lernerfahrungen sammeln. Dabei gehören das „Fehlermachen“ und der Lernprozess mit seiner Reflexion dazu. Insofern kann die Entwicklung über dem reinen Drei-Punkte-Ergebnis stehen. Ergebnisorientiertes Handeln kann insofern bedeuten, dass die Entwicklung selbst das Ergebnis ist beziehungsweise sein soll.

8. Innovationsfähigkeit

Es ist unabdingbar, die Kraft aufzubringen, sich auch in scheinbar ausweglosen Situationen etwas einfallen zu lassen. Sowohl Fußball immer wieder neu zu denken als auch der Umgang mit technischen Innovationen tragen zur Leistungsentwicklung bei. Ein Trainer muss heutzutage bereit sein, zu lernen und aktuelle Trends im Weltfußball in adäquater Weise aufzuarbeiten und möglicherweise zu adaptieren oder anzupassen. Im Zuge der Internationalisierung und der damit verbundenen Dynamik ist dies alternativlos. Es geht dabei nicht darum zu kopieren, sondern eigene Wege zu gehen und zu gestalten – um letztendlich möglicherweise sogar eine neue Identität zu entwickeln. Für einen Sportverantwortlichen und Trainer heißt dies, dass er das Puzzle des Fußballs regelmäßig auseinandernimmt und wieder neu zusammenbaut, um auf Änderungsbedarf und die nötige Zukunftsausrichtung zu reagieren.

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9. Fach- und Methodenkompetenz

Zu wissen, in welchem Alterssegment eine technische Feinjustierung gefragt ist, zählt genauso dazu wie die Wahl der jeweiligen Methode. Ein Trainer im NLZ muss vorgeben können und darauf eingehen, was altersgerecht ist. Im Profibereich spielen beispielsweise individualtaktische und mannschaftstaktische Aspekte eine zentrale Rolle. Der Fußball ist aber darüber hinaus sehr facettenreich. Es geht darum, in allen relevanten Bereichen das nötige Fachwissen vorweisen zu können, um gute Entscheidungen zu treffen und das Team entsprechend auszurichten. Ohne das notwendige Fachwissen und eine Grunderfahrung wird es äußerst schwer, mittel- und langfristig als Trainer zu bestehen.

10. Entscheidungsfähigkeit

Den Mut zu haben, sich für oder gegen etwas auszusprechen, ist essenziell. Auch wenn es, wie gelegentlich bei Kaderentscheidungen oder Verpflichtungen, unbequem sein kann. Dabei muss stets die Tragweite der Entscheidung berücksichtigt werden. Es gibt Personen, die gerne entscheiden, andere gehen lieber jeder Entscheidung aus dem Weg oder verzögern sie, was am Ende das ganze System lähmt. Überspitzt gesagt: Es ist wichtiger, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, als eine gute Entscheidung zu treffen. Die schlechteste Variante für einen Trainer ist, seine Mannschaft im Unklaren zu lassen. Wichtig für die Gesamtstruktur eines Vereins: Ein Trainer muss entscheiden dürfen. Das heißt: Er muss Rahmenbedingungen vorfinden, die ihm eigene Entscheidungshoheit einräumen.

Das Internationale Fußball Institut in Ismaning ist eine auf den Bereich Spitzenfußball im deutschsprachigen Raum spezialisierte, akademische Beratungs- und Forschungseinrichtung des Hochschulnetzwerkes IUNworld. Die Zielsetzung des Instituts ist die Schaffung eines Bindeglieds zwischen Wissenschaft und Praxis und langfristige Etablierung eines akademischen Beratungsdienstleisters. Wir sind Ihr Experte für Ausbildung und Consulting im Fußball.