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Jupp Derwall: Die Wiedergeburt

Eigentlich wollte Jupp Derwall mit seiner Elisabeth in den Urlaub fliegen. Doch dann kam Besuch aus Istanbul Und Derwall veränderte eine Welt.

20. Juni 1984, Parc des Princes, Paris. Torlos ging es in die letzte Minute eines Spiels, in dem Spanien einen Elfmeter vergeben hatte und die deutsche Mannschaft entweder an Aluminium oder an Torhüter Luis Arconada scheiterte. Sobald der Schiedsrichter Vojtěch Christov abpfeifen würde, würden die Deutschen ins Halbfinale der EURO 1984 einziehen.

Aber die Spanier gaben nicht auf. Der Ball kam zu Rafael Gordillo am rechten Flügel. Er kontrollierte den Ball und flankte ihn auf den langen Pfosten. Die deutsche Abwehr stand wie angewurzelt da. Von Toni Schumachers Selbstbewusstsein nach dem gehaltenen Elfmeter war jetzt nichts mehr übrig. Denn plötzlich tauchte Vorstopper Antonio Maceda vor dem Tor auf und erzielte per Kopf das 1:0. Abpfiff.

Jupp Derwall gab sich selbst die Schuld

Deutschland, das vor wenigen Minuten das Halbfinalticket in der Tasche gehabt hatte, musste nach Hause. Der amtierende Europameister und WM-Finalist war draußen. Deutschlands Trainer Jupp Derwall machte sich selbst für den Misserfolg verantwortlich. Eine Woche später arrangierte er im selben Stadion eine Pressekonferenz und kündigte nach dem Finale zwischen Frankreich und Spanien seinen Rücktritt an.

Mehr als das Ergebnis tat es ihm leid, dass er, wie schon 1980, der Nationalmannschaft nicht genügend junge Spieler hinzuführen konnte. Obwohl Derwall 1980 seinen ersten großen Erfolg feierte und mit dem Gewinn der Europameisterschaft ein Ausrufezeichen setzte, war er durch die Misserfolge bei der WM 1982 bei der EM 1984 höchst umstritten. Und dankte ab.

„Willst du mein Co-Trainer werden?“

Am selben Tag hatten in der Hasnun Galip Straße zu Galatasaray bei Istanbul die Vorbereitungen auf die nächste Saison schon begonnen. Auch wenn das Team, das seit elf Jahren keine Meisterschaft gewonnen hatte, nur wenige Jahre zuvor beinahe aus der ersten Liga abgestiegen wäre, hatte sich die Lage inzwischen etwas beruhigt.

Galatasaray hatte die vergangene Saison als Dritter abgeschlossen, aber noch wichtiger: in Tomislav Ivić hatte man den Wunschtrainer gefunden. Der Jugoslawe, der versuchte, den Galatasaray-Spielern die Anforderungen des modernen Fußballs wie Angriffspressing und Kollektivität einzuflößen, gewann insbesondere den Respekt des Kapitäns Fatih Terim. Ein weiterer Spieler, der Ivić bewunderte, war Mustafa Denizli, der zu jener Zeit einer der wichtigsten Figuren des Landes war.

Nachdem er 17 Jahre für den Izmir-Klub Altay gespielt hatte, entschloss er sich, seine Karriere zu beenden. „Willst du mein Co-Trainer werden?“, fragte Ivić. Denizli nahm das Angebot sofort an und das Duo begann auch schon direkt die Planungen für die bevorstehende Saison vorzubereiten.

„Herr Derwall, ein Freund möchte Sie sehen“

Was zunächst ein Gerücht war, wurde aber dann ganz schnell bittere Wahrheit: Ivić unterrichtete den Klub im Juli, also kurz vor Saisonstart, dass er sich mit Benfica geeinigt und habe und verließ kurzerhand den Verein.

Als Jupp Derwall mit seiner Frau und seinen Kindern zur selben Zeit Pläne für den lange aufgeschobenen Urlaub machte, klopften zwei türkische Reporter an seiner Tür: „Herr Derwall, ein Freund möchte Sie sehen.“ Der meist freundliche Derwall konnte diese Bitte nicht abschlagen und so klingelte am nächsten Tag sein Telefon. Es war der Manager Galatasarays, Alp Yalman. Yalmans fließendes Deutsch und seine Freundlichkeit beeindruckten Derwall.

Yalman – mit seinem Kollegen Faruk Süren im Schlepptau – überredete Derwall zu einem Treffen mit den Galatasaray-Vertretern im Hotel Erbprinz in Ettlingen und Derwall wiederum überzeugte seine Frau Elisabeth davon, dass man den Urlaub noch mal um ein paar Tage verschieben müsse.

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Eigentlich wollte er gar nicht unterschreiben

Ein paar Tage später, am 18. Juli, machte sich Derwall vom Frankfurter Flughafen aus mit Lufthansa-Flug Nummer 1581 auf den Weg nach Istanbul. Er war fasziniert von der Haltung der Galatasaray-Manager, die er im Hotel Erbprinz getroffen hatte, weshalb er ihre Einladung nach Istanbul nicht zurückweisen konnte. Auch wenn in den türkischen Zeitungen bereits „Derwall hat sich mit Galatasaray geeinigt!“ stand, hatte er nicht vor, einen Vertrag zu unterschreiben. Für ihn war es ein reiner Höflichkeitsbesuch.

Als er am Flughafen Atatürk ankam, sah er Galatasaray-Fans mit einem riesigen Blumenstrauß auf ihn warten. Nach ein paar Minuten auf den Schultern der Fans stieg er in den Wagen, der ihn zum Hilton-Hotel fuhr. Dort stieg er ab und traf sich später mit den Chefs von Galatasaray. Erst gingen sie zum Gebäude des Klubs in Hasnun Galip, danach fuhren sie den Bosporus entlang zum Trainingsgelände in Florya.

Die Aussicht veränderte alles

Das dortige Grundstück wurde Galatasaray am 1. Juli 1967 geschenkt, lag jedoch jahrelang brach. Erst Anfang der Achtziger wurden Zimmer und Spielfelder für die Profis gebaut und das Klubgebäude eröffnet. Doch was Derwall in Florya erwartete, war eine große Enttäuschung. Das Spielfeld, das die Manager im Vorfeld so sehr gelobt hatten, war von Matsch und Erde bedeckt und zum Fußballspielen gänzlich ungeeignet.

„Man sieht, warum sie seit elf Jahren nicht Meister werden können. Wenn ich doch nur nicht bis hierhergekommen wäre“, sagte er vor sich hin. Hoffnungslos kehrte er in sein Hotel zurück. Am nächsten Morgen wollte er die Galatasaray-Manager treffen und ihre Offerte höflich ablehnen. Am Morgen des 19. Juli wachte er in Zimmer 436 des Hilton-Hotels auf und ging auf den Balkon. Die wunderschöne Aussicht über den Bosporus beseitigte seine miese Laune.

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Elisabeth hatte es geahnt

Als er zum Gespräch ging, war er schon anders gestimmt. „Ich muss den Präsidenten Ali Uras von einer Investition für einen Rasen auf dem Trainingsgelände überzeugen“, dachte er. Noch am gleichen Tag unterschrieb er in einem Büro von Alp Yalman einen Zweijahresvertrag, ging zurück ins Hotel und rief seine Frau Elisabeth an, um ihr etwas zurückhaltend die „gute“ Nachricht zu verkünden. Die Antwort, die er bekam, war überraschend: „Ich hatte es geahnt, als du rübergeflogen bist.“

Somit begann Derwalls Karriere bei Galatasaray im Sommer 1984. Mit der Zeit verstand er, dass seine Arbeit nicht nur die Neugestaltung der Spielfelder war. Das Equipment der medizinischen Abteilung, die Fitnessgeräte und gar die Busse, die das Team fuhren, waren mangelhaft. Noch schlimmer: Der türkische Fußball insgesamt hatte an Niveau verloren. Die Nationalmannschaft hatte in der WM-Qualifikation 1982 nur ein Tor schießen können. Für viele Galatasaray-Spieler waren Glücksspiele, Zigaretten und das Nachtleben ein Muss.

Unruhe und fliegende Steine

Ein sich verschlechterndes Verhältnis zum Vorsitzenden Uras und die feindliche Haltung der Presse, die Derwall die “gemeinste weltweit” nannte, kamen erschwerend hinzu. Nachdem Derwall mit seiner Mannschaft am dritten Spieltag 0:3 gegen Eskişehirspor verloren hatte, bekam er auf dem Rückweg den Fanatismus der Fans zu spüren. Sie stoppten den Mannschaftsbus und bewarfen ihn mit Steinen. Auch wenn Derwall nach außen seine gewohnt ruhige Haltung beibehielt, nahm seine Nervosität mit jeder Sekunde zu.

Als sich die Mannschaft aus dieser Situation befreit hatte und in Istanbul angekommen war, stand Derwall immer noch unter Schock. Doch dieser Moment, der Blick in den Abgrund, war zugleich auch der Anfang des Aufschwungs. Derwall, der an den ersten drei Spieltagen zwei Niederlagen hatte einstecken müssen, setzte sich mit den Managern zusammen, die ihm die Hilfe von Mustafa Denizli anboten, der nach der geplatzten Zusammenarbeit mit Ivić noch kein weiteres Engagement angenommen hatte.

30.000 Türken in Köln feiern Derwall

Da Derwall Denizli von der türkischen Nationalmannschaft kannte und ihn als eine gute Hilfe ansah, nahm er das Angebot an. Nach einer kurzen Zeit stieß Ahmet Akcan als Derwalls Dolmetscher hinzu und komplettierte so das Trainerteam.

15. Märt 1989, Müngersdorfer Stadion, Köln. Jupp Derwall war auf Einladung des Klubs zum Spiel Galatasaray – Monaco nach Köln gereist und wurde mit frenetischem Jubel empfangen, als er den Rasen betrat. In dem Spiel, das aufgrund einer Strafe gegen Galatasaray in Deutschland ausgetragen wurde, waren rund 30.000 Türken, die immer wieder „Derwall, Derwall“ im Chor riefen.

Derwall, der Galatasaray 1987 nach einer 14-jährigen Durststrecke wieder zum Champion gemacht hatte, hatte sich das verdient. Als er Istanbul nach der Meisterschaft verließ – zwei weitere Meisterschaften erlebte er als Berater des Klubs –, war er sicher, dass er ein Team hinterlassen hatte, welches den Anforderungen des europäischen Fußballs sowohl geistig als auch physisch gewachsen war. Er sollte recht behalten.

Wie damals in Würselen

Denizli und Akcan führten Derwalls Erbe fort und überstanden mit der Mannschaft das Viertelfinale des Landesmeisterpokals. Nach dem 1:0 im Hinspiel reichte Galatasaray das 1:1-Unentschieden von Köln, um Monaco zu eliminieren und ins Halbfinale einzuziehen. An diesem kaum für möglich gehaltenen Sieg war Derwalls Beitrag sehr groß. In seiner Autobiographie erzählt Derwall von den ganzen Bauarbeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg vonnöten waren, um seine Heimatstadt Würselen wieder aufzubauen. Genau so hat Derwall selbst den türkischen Fußball wieder aufgebaut.

Viele Trainer, die sahen, wie Galatasaray – und damit der moderne Fußball – Schritt für Schritt vorankam, versuchten, ihrer Mannschaft das gleiche System beizubringen. Andere wiederum nutzten Derwalls Methoden. Als der damalige Beşiktaş-Trainer Gordon Milne einen Kaffee im Hilton trank, traf er Derwall und berichtete ihm davon, dass er seine Trainingseinheiten auf einem Hartplatz durchführen musste.

Derwalls Antwort wurde später ein Grund für den Aufstieg des Lokalrivalen Anfang der neunziger Jahre: „Du musst den Managern sagen, wenn es keinen Rasen gibt, gibt es auch keine Meisterschaft. Ich habe das so getan und es hat funktioniert!“

Nach Jupp Derwall ist heute der Trainingsplatz von Galatasaray benannt (Illistration: Hüseyin Sandik)

Nach Jupp Derwall ist heute der Trainingsplatz von Galatasaray benannt (Illistration: Hüseyin Sandik)

Es kamen viele Deutsche

Derwall war auch einer der Berater, als die türkische Nationalmannschaft in den Neunziger Jahren wieder aufgebaut werden sollte. Galatasaray blieb der deutschen Schule treu und hatte bis ins Jahr 1995 mit Sigfried Held, Karl-Heinz Feldkamp, Reiner Hollmann und Reinhard Saftig vier deutsche Trainer. Fenerbahçe und Beşiktaş taten es dem Rivalen gleich und verpflichteten in den Neunzigern mehrere deutsche Trainer.

Als Galatasaray im Sommer 2000 den UEFA- Pokal gewann, sagten viele, dieser Erfolg habe seine Wurzeln bei Jupp Derwall. Raşit Çetiner, ein Schüler Derwalls aus der Meistermannschaft von 1987, sagt: „Die Energie, die mit Derwall auftauchte, hat sich gehäuft und gehäuft und reichte bis zum UEFA-Cup.“

Derwall habe die Vorstellungen von Fußball im ganzen Land verändert. Mustafa Denizli, der in Derwalls Jahren bei Galatasaray sein Assistent gewesen war und in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Trainer der Türkei wurde, sieht in ihm mehr als nur einen Mentor: „Derwall war nicht mein Lehrer, er war meine Schule.“

Ilhan Özgen

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Galatasaray – Fenerbahce: Ich hasse und ich liebe

Galatasaray und Fenerbahce haben keine Klassen-Unterschiede. Auch Religion oder Politik trennt sie nicht. Doch warum sind beide Lager verfeindet? Autor Bülent Timurlenk geht für Socrates der Sache auf der Grund.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe #6

Am liebsten würde ich eine ganz einfache Erklärung abliefern, doch im Gegensatz zu vielen anderen Derbys irgendwo auf der Welt lässt sich im Fall von Fenerbahçe und Galatasaray leider nicht so problemlos dingfest machen, woher all die Rivalität, der Hass und die Leidenschaft eigentlich rühren. Wo sich bei Boca Juniors und River Plate ein Gegensatz zwischen reich und arm definieren lässt, bei Real und Atlético zwischen Monarchisten und Republikanern, bei Celtic und Rangers zwischen Katholiken und Protestanten, bei Torino und Juventus zwischen Städtern und Zugewanderten, bei Panathinaikos und Olympiakos zwischen alteingesessenen Familien und Hafenbewohnern, fehlt es bei Fenerbahçe und Galatasaray an einem historischen oder soziologischen Faktor, aus dem heraus sich der scharfe Schnitt erläutern ließe, der gleichsam einen Laib Brot in zwei Hälften teilt.

Der manchmal herangezogene Erklärungsversuch, Galatasaray sei eher der aristokratische Verein und Fenerbahçe der bürgerliche, fällt alleine deswegen schon flach, weil es in der Türkei kaum eine Bevölkerungsgruppe gibt, die sich als aristokratisch bezeichnen ließe. Ist mit Aristokratie lediglich gemeint, dass die Schüler des Galatasaray-Gymnasiums um Ali Sami Yen, die den Verein 1905 gründeten, nicht aus der anatolischen Provinz stammten, sondern aus Istanbul beziehungsweise dem Balkan, so mag Galatasaray meinetwegen aristokratisch sein, wenn auch fünf Meter im Abseits. Die Mitglieder von Galatasaray wurden wegen der Unterrichtssprache ihres Gymnasiums stets als „Franzosen“ verhöhnt, doch als man auf der anderen Seite des Bosporus als Konkurrenzverein Fenerbahçe gründete, ging die Initiative dazu wiederum von Schülern eines französischen Gymnasiums aus, nämlich Saint Joseph.

Mit nur zwei Jahren Abstand erfolgte die Gründung der beiden Vereine zu einer Zeit, als das Osmanische Reich allmählich zerfiel und in den Balkankriegen unter die Räder geriet. Als nach dem Ersten Weltkrieg Istanbul von den Alliierten besetzt war und Spieler von Galatasaray und Fenerbahçe gegen englische Mannschaften antraten, waren sie natürlich „Brüder“. Das Osmanische Reich musste ja nicht nur den Fußball erst entdecken, sondern überhaupt den Sport, und Fußballplätze wurden noch nicht Stadion genannt, sondern „Wiese“, wie etwa der Platz, an dem später das Fenerbahçe-Stadion entstehen sollte und zu dieser Zeit „Wiese des Pastors“ hieß.

Zu Galatasaray und Fenerbahçe gesellte sich später noch ein dritter großer Istanbuler Verein, nämlich Beşiktaş, und die Urbanisierung, die im Gefolge der von Atatürk gegründeten modernen türkischen Republik einsetzte, bescherte dem Istanbuler Trio zunächst Hunderttausende und später dann, als die Bevölkerung allmählich an die 80 Millionen heranreichte, gar Millionen von Fans. Vom Zweiten Weltkrieg bis Ende der Sechziger Jahre hatte dabei Fenerbahçe stets mehr Anhänger als Galatasaray.

Warum aber laufen die Türken heute vor allem diesen drei Großen hinterher und leben ihre Fußballleidenschaft nicht lieber dort aus, wo sie geboren oder zugezogen sind? Angeblich gibt es heute 25 Millionen Anhänger von Fenerbahçe, 25 Millionen von Galatasaray und 20 Millionen von Beşiktaş. Wer bleibt da noch für die Hunderte von anderen Vereinen übrig? Oder ist man auch oft für mehr als einen Verein? Eine der Antworten darauf ist in der türkischen Familienstruktur zu finden. Vereinsanhängerschaft gilt dort (wie vieles andere) als eine Art Erbe, das – auch wenn es mal zu Abweichungen kommt – von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ein türkisches Kind wird sich für den Verein entscheiden, dem sein Vater anhängt. Eine Frau kann, wenn es denn sein muss, dem Mann zuliebe, den sie heiratet, die Mannschaft wechseln, doch an allem Anfang steht zumeist ein Vater, der mit dem Kind an der Hand ins Stadion geht oder sich im Vereinstrikot mit ihm vor das Radio oder den Fernseher setzt, es in die Vereinshistorie einführt und ihm die ersten Schlachtrufe beibringt.

Wie wohlhabend oder gebildet man ist, in welchem Viertel man wohnt oder die Weltanschauung, spielt bei der Entscheidung für Galatasaray oder Fenerbahçe keine Rolle. Aber wie es halt im Leben ist, führen oft auch Umwege ans Ziel. Kinder aus einer Fenerbahçe-Familie werden durch einen fußballbegeisterten Onkel ins Lager von Galatasaray entführt. Zwillingsmädchen aus einer Beşiktaş-Familie finden nur deshalb, weil sie neben den Trainingsanlagen von Galatasaray wohnen, an deren Gelb und Rot auf einmal mehr Gefallen als am klassischen Schwarz-Weiß. Und während Rahmi Koç, der Gründer des größten türkischen Industriekonzerns, Fan von Beşiktaş war, ist sein Sohn Ali Koç Präsident von Fenerbahçe. Dessen Liebe zu Fener begann, als er als Kind von einem Chauffeur seines Vaters zur Schule gebracht wurde, der leidenschaftlicher Fenerbahçe-Anhänger war…

Fenerbahce-Präsident Ali Koc
Fenerbahce-Präsident Ali Koç

Was ist nun eigentlich das Besondere am Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahçe, das gewiss zu den zehn heißesten Derbys weltweit zählt, aber nicht wie die berühmten europäischen Derbys in zig Ländern übertragen wird und es auch nie zu einem eigenständigen Namen gebracht hat, weil alle dahingehenden Versuche (Bosporus-Derby, Interkontinental-Derby, DerbIstanbul) an der Sache abgeglitten sind wie an einer Teflonpfanne?

Die Antwort ist ganz einfach. Da wäre einmal Leidenschaft, dann Liebe, und schließlich Hass. So wie man sich von anderen Menschen nur dadurch unterscheidet, dass man eben nicht die gleiche Sprache spricht, nicht im Körper des anderen steckt, in einer anderen Zeitzone oder nach einem anderen Kalender lebt, so ist man eben für Fenerbahçe oder für Galatasaray. Und so wie bei allen Derbys auf der Welt am Derby-Morgen die Menschen beim Aufwachen schon eine Anspannung spüren, eine Aufregung, einen Adrenalinstoß, so ist es eben auch in Istanbul.

Während man im Leben sein Herz oft mehr als einmal verschenkt, kann man wenigstens in der Liebe zu Galatasaray oder Fenerbahçe so etwas Heiliges wie ewige Treue ausleben. Woanders mögen Namen und Gesichter wechseln und nur die Formel „Ich liebe dich“ stets die Gleiche bleiben, doch zu Galatasaray oder Fenerbahçe lässt sich aus tiefstem Herzen sagen: „Ich habe nie jemanden anderen geliebt als dich.“ Und wenn einem auch im Grund die Farbkombination des Vereins nicht wirklich steht, füllt man dennoch den Kleiderschrank mit T-Shirts, Trikots und Jacken in Gelb-Rot oder eben Gelb-Blau. Das Derby lässt sich auch damit vergleichen, dass man als Jugendlicher für ein Musikidol schwärmt und sein Zimmer mit Postern von Madonna oder Pink Floyd zupflastert und als Erwachsener dann einen anderen Musikgeschmack entwickelt, sich an jene Poster von damals aber noch immer gern zurückerinnert.

Wer beim Derby den heutigen Spielern zujubelt, hat auch immer noch die alten Legenden der beiden Klubs in Erinnerung, Spieler wie Metin Oktay, Lefter Kü.ükandonyadis, Rıdvan Dilmen, Tanju Çolak, Aykut Kocaman oder Bülent Korkmaz, von denen es damals zahllose Poster gab. Das allererste Derby fand am 17.Januar 1909 statt, und zwar auf dem Platz des Union Club. Mit dem damaligen 2:0-Sieg Galatasarays wurde eine Tradition begründet, die den Zusammenbruch eines Reiches überlebte, der Gründung einer Republik beiwohnte, und die fortgeführt wurde, ob nun politisch gerade die Rechten oder die Linken am Ruder waren, ob es regnete oder schneite, ob es mit der Literatur gerade abwärts oder aufwärts ging, und im Gegensatz zu jeglicher Mode veränderte diese Tradition sich nie. Und einmal selbst aus der Mode kommen wird sie nie.

Ein Spruch, den Eduardo Galeano wohl in erster Linie über die Menschen seines Heimatkontinents Südamerika getan hat, passt auch recht gut zum Derby Fenerbahçe Galatasaray: „Ein Mann kann sich eine neue Frau suchen, eine neue Religion oder eine neue Partei, aber niemals einen neuen Lieblingsverein.“ Ein Tor, das man beim Derby hinnehmen muss, ist wie eine geliebte Frau, die einen verlässt… Ein verlorenes Derby dagegen ist absolute Verlassenheit. Steht man in der Tabelle hinter dem ewigen Rivalen, fühlt man sich betrogen. Denn dieses Derby zieht sich ja durchs ganze Leben. Der Nachbar ist für Fenerbahçe, der Kollege für Galatasaray, der Friseur für Fenerbahçe, der alte Schulfreund für Galatasaray, der Direktor für Fenerbahçe, und da wird eben andauernd gestichelt und gespöttelt und gewitzelt und verhöhnt.

So braucht man eben, um dieses Derby zu erklären, keine Begriffe wie katholisch/protestantisch, arm/reich oder städtisch/provinziell zu bemühen, denn so etwas braucht der Mensch nicht, um zu lieben und zu hassen. Wie heißt es doch schon beim römischen Dichter Catull: „Odi et amo“ (Ich liebe und ich hasse). In einer Welt, in der die Menschen noch immer nicht begreifen, wie sie jemanden, den sie einst geliebt haben,

nun derart hassen können, blickt das Derby Fenerbahçe-Galatasaray auf 108 Jahre Liebe und Hass zurück, die man überall zugleich spüren kann: zu Hause, auf der Straße, in der Schule, im Büro, im Stadion… Um das zu erfassen, braucht man kein Türkisch zu können, es genügt, so ein Derby einmal in Istanbul anzusehen. Dann werden Sie „Odi et amo“ erleben, zur Genüge.

Bülent Timurlenk