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Kenan Kocak im Interview: „Ich bin kein Träumer!“

Kenan Kocak gehört mit 38 Jahren zu der jungen Trainergeneration Deutschlands. Ein einfaches Leben hatte der neue Trainer von Hannover 96 aber nie. Ein Gespräch über Träume und Arbeit.

Kenan Kocak, können Sie sich daran erinnern, wovon Sie als Kind geträumt haben?

Es war der Traum einer großen Fußballerkarriere. Ein Traum, der meine Kindheit getragen und geprägt hat.

Wer waren Sie auf dem Bolzplatz?

Diego Maradona war ein großes Thema in meiner Kindheit. Ronaldo oder Zinédine Zidane später ebenfalls. Aber auch Lothar Matthäus war ein Spieler, zu dem man aufgeschaut und versucht hat, Dinge zu machen, so wie er sie tat. Das waren besondere Spieler.

Sie sind in Kayseri, in der Türkei, geboren, kamen aber schon als Zweijähriger nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Mein Opa war schon als Gastarbeiter in Deutschland. Und so wie es damals war, kamen die Familienangehörigen peu à peu nach. Erst mein Onkel, dann mein Vater, der meine Mutter und mich nachgeholt hat. Ich war noch sehr klein, habe von alldem nichts mitbekommen. Ich hatte keine Kindheit, in der ich mich neu integrieren musste. Ich begann dann in der F Jugend mit dem Fußballspielen.

Das ist die Altersgruppe der 7- bis 8-Jährigen.

Richtig. Ich wurde bei Phoenix Mannheim angemeldet, weil der Verein gleich in der Nähe unserer damaligen Wohnung war. Ich war schon immer sehr ehrgeizig, ich wollte meinen Traum erfüllen und habe viel investiert, um den Sprung zu schaffen.

Das Interview erschien in Ausgabe #18: Jetzt nachbestellen

Oliver Kahn hat mal bei SOCRATES gesagt, dass er auf dem Weg zum Erfolg deutlich mehr Emotionen verspürte als beim erreichten Erfolg selbst. Wie war es bei Ihnen, als Sie Fußballer wurden?

Ich hatte natürlich nicht die große Karriere eines Oliver Kahn, sodass ich das vergleichen könnte, aber als mich damals Uwe Rapolder zum ersten Mal zum Training der ersten Mannschaft eingeladen hat, war das für mich ein Highlight. Da habe ich registriert: „Hey Kenan, was läuft denn da?“ Ich bin stolz darauf, behaupten zu können, dass ich mein Ziel habe. Aber eine Woche nach meinem ersten Profivertrag lernte ich die negativen# Seiten des Profilebens kennen.

Sie haben Ihren ersten Kreuzbandriss erlitten.

Das war 1998. Die Medizin war noch nicht so fortgeschritten wie heute. Das war natürlich ein großes Handicap, wenn man als junger Profi so zurückgeworfen wird. Mir blieb letztlich die große Karriere aufgrund einiger Verletzungen und auch vieler falscher Entscheidungen verwehrt.

Sie mussten nach dem zweiten Kreuzbandriss Ihre aktive Karriere beenden. Entstehen da Existenzängste, weil Sie nichts anderes außer Fußball hatten?

Ich habe keine Angst vor Sachen, die ich sehen kann. Auch nicht vor etwas, das kommen kann.

Demnach konnten Sie das Karriereende auch einfacher verarbeiten?

Es war ja leider nicht so, dass bis zu meinem 27. Lebensjahr alles glatt gelaufen ist. Ich war oft verletzt, hatte viele Ausfallzeiten. Durch die vielen Rückschl.ge konnte ich mich darauf vorbereiten. Natürlich war ich im ersten Moment enttäuscht, aber mir blieb ja keine andere Wahl, als die Situation anzunehmen. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.

Wie lange haben Sie gebraucht, entscheiden zu können, was Sie danach machen wollen?

Fußballer denken selten darüber nach, was danach kommen könnte. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir der Trainerjob Spaß macht und dass ich mich in diese Richtung entwickeln möchte.

Sie haben direkt nach Ihrem Karriereende aber erst einmal bei der Stadt Mannheim ein Projekt mit schwer erziehbaren Jugendlichen geleitet und versucht, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hat sich Ihr eigenes Unglück relativiert, als Sie diese jungen Menschen gesehen haben?

Ich bin ein großer Verfechter von Bescheidenheit und Demut. Grundsätzlich müssen wir, die mit Fußball ihren Lebensunterhalt verdienen, wissen, dass wir einen privilegierten Beruf haben und auf einem hohen Niveau jammern. Wenn man sieht, welche sozialen Fälle und Probleme es gibt, sollten wir dankbar sein, dass wir von diesen Dingen verschont geblieben sind.

Hilft Ihnen die Erfahrung von damals in Ihrem Trainerjob?

Menschenführung ist ein schwieriges Thema. Es ist schwer zu lernen, denn es liegt im Naturell und im Charakter eines Menschen, wie er Führungsaufgaben und Positionen definiert und ausführt.

Menschenführung war auch ein Teil des Unterrichts in der DFB-Trainerausbildung. Sie gehörten 2015/16 zum auserwählten Kreis der 25 Trainer, die teilnehmen durften. Sie kamen mit einer anderen Lebensgeschichte als die übrigen Teilnehmer. Haben Sie das gespürt?

Schon. Der Kurs war voller Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten, mit Domenico Tedesco oder Julian Nagelsmann waren Trainer dabei, die heute bundesweit bekannt sind. Da waren Teilnehmer dabei, die ein abgeschlossenes Studium hatten. Sie kamen direkt von der Uni und taten sich leichter. Ich musste erst einmal das Lernen lernen.

Inwiefern?

Ich musste erst einmal wieder herausfinden, welche Optionen es beim Lernen gibt, herausfinden, was für ein Lerntyp ich bin. Ich musste mich regelrecht reinkämpfen. Mithilfe der Dozenten, aber auch der anderen Teilnehmer, ist mir das aber gelungen. Es gab keine Ausgrenzung.

Und Sie konnten sich nicht einmal aufs Lernen konzentrieren. Sie waren Trainer bei Waldhof Mannheim, mussten im Zuge der Ausbildung auch eine Hospitanz beim SV Darmstadt 98 machen…

…und ich war noch Sportlicher Leiter bei Waldhof – als einzig hauptamtlicher Angestellter.

Wie haben Sie das durchgehalten?

Es war eine große Verantwortung. Waldhof ist ein großer Traditionsverein, der versucht, in den Profifußball zurückzukommen. Es war eine sehr intensive Zeit. Der Dank gilt meiner damaligen Mannschaft, dem Trainerteam, den Führungsspielern um Hanno Balitsch oder Michael Fink, die mir das Leben einfach gemacht haben. Wir haben das gemeinsam geschafft.

Hat Sie der Traum, es als Profitrainer zu schaffen, – salopp gesagt – am Leben gehalten?

Ich bin kein Träumer. Es bringt mir nichts, davon zu träumen, in ein paar Jahren irgendwo sein zu wollen oder sein zu müssen. Die wichtigste Zeit ist die Gegenwart. Ich versuche, das Beste aus ihr herauszuholen und zu arbeiten, dass gewisse Dinge passieren. Träume machen nur Sinn, wenn man täglich an ihnen arbeitet.

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Ihr Name wurde immer wieder mit Bundesliga gehandelt. Wie reagieren die Kinder? Schreien sie: „Papa, schau mal, Stuttgart will dich haben. Wann unterschreibst du?“

Meine Kinder sind noch zu klein, um das zu registrieren, daher bleiben mir diese Situationen zum Glück noch erspart, aber das kann sich mit der Zeit ja noch ändern (lacht).

Was ist Ihre Maxime als Trainer?

Meine Aufgabe als Trainer ist es nicht, mich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern die Mannschaft. Ich bin ein Teil des Klubs. Ich möchte, dass meine Spieler eines Tages über mich sagen, dass ich sie inhaltlich, aber auch persönlich weitergebracht habe. Das ist meine Maxime. Ich weiß, dass ich sehr fordernd bin, aber ich unterstütze meine Spieler auch.

Dann ist es eine große Freude für Sie, wenn Ihr früherer Spieler Denis Linsmayer vom SV Sandhausen sagt, dass er seit Ihrer Ankunft ein besserer Fußballer geworden ist…

Das liegt vor allem erst einmal daran, dass Denis hervorragend arbeitet und selbst diesen Weg geht. Ich kann meinen Spielern meine Hilfe anbieten, meine Ideen weitergeben und Ihnen die Tür öffnen. Sie müssen durch diese Tür gehen.

Einer, der für Sie die Tür geöffnet hat, ist Frank Wormuth, Ihr Ausbilder beim DFB. Er hat bei uns im Interview gesagt, dass Taktik, insbesondere eine Systemdiskussion, überbewertet wird, weil es primär um den Menschen geht und es der Mensch ist, der die Taktik überträgt. Das klingt sehr nach Ihnen.

Wenn ein Trainer vor der Mannschaft steht, aber die Fachkompetenz nicht mitbringt, kann er noch so ein guter Typ sein, wie er will – es wird nicht helfen. Es braucht eine gewisse Fachkompetenz, um den Spielern erklären zu können, für welchen Fußball man steht. Aber Frank Wormuth hat recht. Wenn man die beste Fachkompetenz hat, aber keinen Zugang zu den Spielern findet, dann bringen dir die Inhalte auch nichts. Die Vermittlungskompetenz ist extrem wichtig und wird in Zukunft noch wichtiger.

Warum?

Wir Trainer haben heutzutage nur eine bestimmte Zeit, um gewisse Details am Spiel und am Spieler zu verbessern. Da gilt es, mit höchster Konzentration und mit Besessenheit daran zu arbeiten und es schnellstmöglich zu entwickeln.

Merken Sie eigentlich, wenn mal Ihre Ansprache zur Mannschaft nicht fruchtet?

Das merkt man schon. Aber ich denke, dass passiert jedem Mal. Ich bin keiner, der Ansprachen nach Schema F macht oder sie irgendwo abliest. Ich verlange von mir und meiner Mannschaft Authentizität. Wenn ich mal schlecht gelaunt bin, dann bin ich es. Ich werde niemals schauspielern. Und ich will auch nicht, dass das meine Spieler tun. Sie sollen offen sein. Ehrlichkeit ist ein wichtiger Faktor.

Haben Sie Trainervorbilder?

Es gibt Kollegen, die ich bewundere und deren Spiele ich mir ansehe. Irgendwer hat mal gesagt, dass Stillstand Rückschritt ist. Das stimmt. Ich darf nicht den Fehler machen, dass ich denke, dass ich alles besser weiß. Ich bin offen und neugierig auf neue Sachen.

Wer sind die Trainer, die Sie bewundern?

Pep Guardiola spricht für sich. Marcelo Bielsa ist ein fantastischer Trainer aus Argentinien. Johan Cruyff habe ich bewundert. Joachim Löw beeindruckt mich mit seiner Art. Er ist Weltmeister geworden und ist dennoch Mensch geblieben. Auch Thomas Tuchel darf nicht vergessen werden. Er war der Wegbereiter für junge Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren. Er hat die Türen geöffnet, sodass heute zahlreiche junge Trainer in der Bundesliga arbeiten.

Sie kennen Thomas Tuchel gut. Wie bewerten Sie es, dass er in der Öffentlichkeit oft auf seine zwischenmenschlichen Fähigkeiten reduziert wird?

Ich habe Thomas als wunderbaren Menschen kennengelernt. Und zu was er als Trainer im Stande zu leisten ist, steht außer Frage. Natürlich fragt man sich schon, wie so ein Image, das Thomas bei manchen gerade leider hat, entstehen kann, wenn man persönlich ganz andere Erfahrungen gesammelt hat. Das finde ich sehr schade.

Bei der Trainerausbildung ist es die erste Aufgabe, auf einem DIN-A4-Blatt den Fußball zu erklären. Was stand bei Ihnen darauf?

Der Mensch im Mittelpunkt. Fertig.

Interview: Fatih Demireli

Zum Todestag von Robert Enke: Gebrochenes Tabu

Heute vor 10 Jahren starb Robert Enke. Sein Suizid versetzte eine sonst so stolze Sportwelt in Schockstarre. Doch sie scheint auch etwas gelernt zu haben. Autor Jannik Schneider auf Spurensuche.

„Der Tod von Lara hat uns so zusammengeschweißt, dass wir gedacht haben: ,Wir schaffen alles!‘. Wir dachten auch, mit Liebe geht das. Aber man schafft es eben doch nicht immer.“

Am 11. November 2009 sprach Teresa Enke jene bewegenden Worte, die um die Welt gehen sollten und längst nicht nur Menschen rund um den Profifußball in eine Schockstarre versetzen würden. Lediglich einige wenige Stunden nach dem wohl schlimmsten Schicksalsschlag nahm sie auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz Mut und Kraft zusammen, um der Öffentlichkeit zu erklären, was damals nicht zu erklären war. Dass ihr Mann, Robert Enke, Nationaltorhüter und langjähriger Publikumsliebling bei Hannover 96, Selbstmord begangen hatte. Weil er an einer schweren klinischen Depression erkrankt war, die ihn aus seiner Sicht in eine schier aussichtslose Situation manövriert hatte.

Der Suizid von Robert Enke jährt sich an diesem Sonntag zum zehnten Mal.

Nach Robert Enke: Wie konnte das passieren?

Teresa Enke schaffte es damals mit der größtmöglichen Empathie und ihren präzisen Aussagen, die vom behandelten Pyschiater untermauert wurden, dass die Menschen überhaupt ein erstes Gefühl für die Situation bekamen, eine erste Einordnung. Denn vielerorts, nicht nur in Enkes Wahlheimat Hannover, herrschte zunächst Ohnmacht und Hilflosigkeit im Umgang mit der Situation. Die Anhänger von Hannover 96 hatten ihr Idol verloren, Sport-Deutschland eine geschätzte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Die Frage, die sich alle stellten: Wie konnte sich ein erfolgreicher, unabhängiger Sportler das Leben nehmen?

Im Jahr 2009 war das Thema Depression keines. Es fand in der Öffentlichkeit so gut wie nicht statt. Im Leistungssport, im Profifußball war es ein Tabuthema. Viele taten Depressionen als Schwäche ab. Als Krankheit wurden Depressionen kaum anerkannt. Sensibilisierung fand wenig statt, auch weil das Thema schwer zu greifen war.

Jörg Neblung: „Psyche des Menschen ist unergründlich“

Dieser Artikel soll nicht suggerieren, dass die Krankheit heute, zehn Jahre später, enträtselt sei. Der Suizid von Robert Enke und die Entwicklung von Depressionen in der Gesellschaft im Allgemeinen und im Leistungssport im Speziellen ist noch immer ein sehr sensibles Thema. Man darf nicht ausschließlich auf das Schicksal Enkes schauen. Als Beispiel wird oft der Zugführer genannt, der Enkes Tod sah und nicht verhindern konnte. Es hilft aber, wenn man weiß, dass Enke krank war und niemand vorsätzlich schaden wollte.

Die Thematik komplett zu durchdringen ist schwer und muss auch nicht der Anspruch sein, sich damit zu beschäftigen und sich und andere zu sensibilisieren aber schon. Robert Enkes ehemaliger Berater, Jörg Neblung, formulierte es dieser Tage in einem Interview mit dem Sportportal SPOX.com subjektiv treffend: „Die Psyche des Menschen ist tief und für mich als Laien nach wie vor unergründlich. Wenn man Roberts Geschichte so hautnah mitbekommen hat, dann kann man sich nie sicher sein.“

„Depression ist eine Stoffwechselkrankung des Gehirns“

Worüber sich Experten heute einig sind und wofür sie kämpfen, ist, dass Depressionen eine Krankheit ist und als solche anerkannt wird – wie etwa ein Bandscheibenvorfall oder eine Lungenentzündung. „Depression ist eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns. Dort werden bestimmte biochemische Abläufe verändert“, erklärte der habilitierte Mediziner und vielfach ausgezeichnete Forscher Florian Holzboer anlässlich des zehnten Todestags in der NDR-Dokumentation „Auch Helden haben Depressionen“.

Dass diese Fehlfunktion im Gehirn als Krankheit anerkannt wird, ist essentiell für einen menschenwürdigen Umgang mit dem Thema. Es ist eine Krankheit, die man behandeln kann und nach deren Abschluss man zurückkehren kann und nach der man wieder lebensfroh und leistungsfähig sein kann. Das ist dem Umfeld von Enke besonders wichtig. Robert Enke selbst hatte das trotz der für ihn schwierigen Umstände bewiesen. Nach einer ersten schweren, klinischen Depression in seiner Zeit als noch junger Weltklassetorhüter beim FC Barcelona, während der er sich heimlich in Behandlung begab, schaffte er den Sprung zurück in einen lebensfrohen Alltag.

Die Angst

Er blieb fünf Jahre gesund. Selbst der Herztod seiner Tochter warf ihn, anders als die Öffentlichkeit später zunächst dachte, nicht mehr aus der Bahn als jeden anderen trauernden Vater auch. Teresa Enke, die ich vor zwei Jahren zu einem ausführlichen Interview treffen durfte, gab damals wie heute an, dass Robert Enke aus diesem Schicksalsschlag eine große Verantwortung für sich ziehen konnte.

Menschen mit einer medizinischen Veranlagung für eine Depression müssen aber akzeptieren, dass sie im Zweifel anfälliger für Depressionen sind. Enke erklärte damals im Interview, dass sie und ihr Mann ein schwerwiegendes Versteckspiel mit der Öffentlichkeit spielen mussten. Robert Enke glaubte, dass er diese Krankheit verstecken müsste, sonst würde er alles verlieren. Seine Anerkennung als einer der besten Torhüter, seinen Platz in der Nationalmannschaft, bei Hannover 96 und letztlich in der Gesellschaft. Weder seine Frau noch sein Berater und enger Vertrauter Neblung gelang es, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Leiden der Teresa Enke

Teresa Enke machte damals deutlich, dass sie einen einsamen Kampf führten – führen mussten. „Es gab damals einfach noch nicht diese Möglichkeiten und kein Netzwerk, das uns helfen konnte. Damals war in den Köpfen noch nicht so verankert, was psychische Erkrankungen überhaupt sind. Klar gab es vereinzelt Mentaltrainer, aber nicht beim FC Barcelona, bei Benfica oder in Hannover. Das fing erst so allmählich unter Jürgen Klinsmann in der Nationalmannschaft an, da aber mit einem leistungssportlichen Ansatz und nicht mit der Intention, Depressionen zu behandeln. Es war einfach schwierig. Wir waren komplett allein auf weiter Flur und mussten autodidaktisch vorgehen und überlegen, wie wir Hilfe bekommen können.“

Als die Depression im Sommer 2009 ein zweites Mal ausbrach, schoben die Enkes für die Öffentlichkeit einen mysteriösen Virus als Ausfallgrund vor. „Robert wollte unter keinen Umständen, dass es rauskommt. Also haben wir das vorgeschoben. Das Versteckspiel, das er spielen musste, das auch ich spielen musste, ging natürlich an die Nerven, denn bis auf ganz enge Freunde wusste niemand von seiner Depression. Er war oft niedergeschlagen. Ich habe dann versucht, banal ausgedrückt, ‚Quatsch‘ zu machen, damit es nicht so auffällt. Viele, auch meine Freunde, haben gedacht, er könne sie nicht leiden. Es war einfach ein unglaublicher Kampf, diese Krankheit geheim zu halten.“

Der Vergleich mit dem Krebs

Enke betonte noch 2017, es sei immer noch schwierig, mit dieser Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Menschen bekommen an ihrem Arbeitsplatz gesagt: ‚Komm, reiß dich zusammen‘, einfach weil Depressionen nicht so greifbar sind. Krebs zum Beispiel, der wird diagnostiziert, da hat man Blutwerte, sieht die Metastasen auf einem MRT. Bei einer Depression geht das nicht. Mich hat sehr erschüttert, was ich in einer Studie gelesen habe. Patienten, die Krebs und Depressionen hatten, haben darin angegeben, dass die Depression für sie schmerzhafter gewesen sei. Das erschüttert mich sehr, gerade weil ich erlebt habe, wie Robert gekämpft hat.“

Den Kampf hat Robert Enke bei seiner zweiten klinischen Depression 2009 schlussendlich verloren. Es fällt immer noch schwer zu begreifen, was ihn ausgerechnet in dieser Phase wieder in die Krankheit getrieben hat. Er war Nationaltorhüter, Publikumsliebling, ein glücklicher Familienvater mit einem stabilen Umfeld. Er führte ein perfektes Leben. Vielleicht war es genau das, was ihm Angst bereitete.

„Mein Gott Robby, du hast dir alles kaputt gemacht“

Jörg Neblung gab dieser Tage an, dass es auch zehn Jahre später an ihm nage, sich am Ende gegen Robert Enke nicht durchgesetzt zu haben. Der weigerte sich gegen eine Zwangseinweisung – aus Angst vor den öffentlichen Reaktionen. Teresa Enke sagte in der aktuellen Dokumentation: „Aus heutiger Sicht es klar. Aber vor zehn Jahren galt es noch als Schwäche – als Tabuthema.“

Heute blicke sie mit Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück. „Wenn ich Bilder anschaue, muss ich schmunzeln und werde auch mal traurig und denke mir: ,Mein Gott Robby, das hast du dir alles kaputt gemacht – wenn es mit Absicht gewesen wäre – aber er war krank.“

Nach dem Selbstmord, der bewegenden Pressekonferenz zog Teresa Enke zunächst weg aus Hannover. Heute lebt sie wieder dort. In den vergangenen zehn Jahren hat sie es sich mit der Robert-Enke-Stiftung zur Lebensaufgabe gemacht, das Thema Depressionen zu enttabuisieren. Gemeinsam mit hauptamtlichen Mitarbeitern lenkt se die Stiftung als Gesicht in der Außendarstellung. Die Stiftung hat bis heute ein Netzwerk von mehr als 70 kooperierenden Psyschologen aufgebaut, die für Leistungssportler und alle anderen Menschen über die Stiftung problemlos vermittelt werden.

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Depression ist nicht gleich Druck

Es gibt eine App, mit der man versuchen kann, sich dem Thema zu nähern, ein Gefühl für Menschen mit der Krankheit zu erhalten. Zusätzlich ist die Stiftung regelmäßig präsent in den Stadien. Robert Enkes langjähriger Freund und Biograf, der Autor Ronald Reng hält Vorträge in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga. An seiner Seite steht oft Martin Amedick, ein ehemaliger Profi, der 2011 seine Erkrankung öffentlich machte.

Amedick hilft, zu differenzieren. Kürzlich sagte er, dass Depressionen nicht mit Druck im Leistungssport gleichzusetzen seien. Als Beispiel dient auch hier Robert Enke. Teresa Enke und Neblung machten deutlich, dass die sportlich schwierige Lage etwa beim FC Barcelona nicht der Grund, aber ein Auslöser der ersten, akuten Erkrankung war.

Die Veranlagung für eine Depression hatte er aus medizinischer Sicht schon. Als Leistungssportler im Mittelpunkt stehend war Enke mit dieser Anlage schlicht anfälliger.

„Wo bleibt die Menschlichkeit?“

Teresa Enke war es aber 2017 bereits ein Anliegen, dass die Historie ihres Mannes nicht mit anderen Themen vermischt werde. „Man sollte ihn und seinen Fall nicht für jede Art von Unsportlichkeit und Unmenschlichkeit hernehmen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Er wurde auch im Fußball nicht schlecht behandelt. Es kann keiner etwas dafür. Viele behaupteten ja, der Fußball sei schuld gewesen, der ganze Druck. Natürlich kann das eine Rolle spielen, aber jeder Mensch hat einen gewissen Druck im Leben. Sie bei Ihrer Arbeit, ich, jeder. Klar ist: So eine öffentliche Stellung in der Gesellschaft macht es nicht einfacher, aber trotzdem ist es nicht in Ordnung, wenn permanent behauptet wird: ‚Wo bleibt die Menschlichkeit, haben wir aus dem Fall von Robert Enke nichts gelernt?‘ Er wurde nicht von Fans niedergemacht.“

Was bleibt neben Enkes wichtiger Öffentlichkeitsarbeit zehn Jahre nach dem Tod noch? Da wäre noch die in diesem Zusammenhang oft gestellte Frage, ob der Profifußball menschlicher, sensibler geworden ist. Jörg Neblungs Ansatz dazu ist klar: „Es hat sich sehr viel bewegt, aber es kommt auf den Blick an. Bei den Grundprinzipien des Fußballs hat sich nichts verändert: Es spielen immer noch die elf Stärksten, das Verhalten der Kurve ist nicht unbedingt positiver geworden, die Schlagzeilen des Boulevards sind immer noch dieselben und die sozialen Medien tun ihr Übriges, um die Drucksituation von öffentlichen Personen zu verstärken.“

Noch fehlt die Augenhöhe

Aber die Rahmenbedingungen seien viel besser geworden: „Fußballvereine engagieren heute deutlich mehr Mentaltrainer, Sportpsychologen und Psychiater oder stellen diese Experten für den Bedarfsfall zur Verfügung. Auch mit Hilfe der Robert-Enke-Stiftung können wir Menschen Möglichkeiten an die Hand geben, wie sie sich vor depressiven Verstimmungen schützen. Hier greifen wir auf ein Netzwerk zurück, durch das wir sehr schnelle Hilfe anbieten können. Die Sensibilität für und das Verständnis um diese Krankheit ist bei den Entscheidungsträgern in den Vereinen, aber auch in der Öffentlichkeit deutlich höher geworden.“

Das ist ein wirklich positiver Aspekt der an sich tragischen Geschichte von Robert Enke zehn Jahre nach dessen Tod. Sensibilität und Verständnis müssen auch in den kommenden zehn Jahren weiter steigen, will man der Thematik irgendwann auf Augenhöhe begegnen.

Jannik Schneider