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Rapinoe, de Bruyne, Stich: Der Ehrgeiz des Wandels

Spätestens seit der Fußball-WM der Frauen ist Megan Rapinoe das Gesicht des Wandels in der Gesellschaft. Sie zeigt Ehrgeiz und findet Gehör. Auch Kevin de Bruyne und Michael Stich mögen den Stillstand nicht. Sie sprechen darüber in der aktuellen Ausgabe.

Megan Rapinoe: Furchtlose Heldin

Dürfen Sportler politisch sein? Dürfen sie mündig sein? Ja, sie dürfen, aber dann riskieren sie, viel Geld zu verlieren und setzen vielleicht sogar ihre Karriere aufs Spiel. All das spielt für Megan Rapinoe keine Rolle. Sie ist spätestens seit der Frauen-Fußball-WM das Gesicht des Wandels – das Gesicht des Protests. Ihre Unversöhnlichkeit und Nichtkäuflichkeit verleihen Rapinoe einen besonderen Wert.

Inzwischen gibt es sogar Vergleiche mit Muhammad Ali. Ist sie die neue Ali des Sports? Sicher ist nur: Sie tut vielen Weh, aber der Gesellschaft richtig gut und öffnet Augen. Unser Autor Daghan Irak über eine furchtlose Heldin unserer Zeit. Dazu: Die Kolumne von Fußballerin Carinna Wenninger, die aus ihrer Sicht beschreibt, welche Rolle Rapinoe für die Frauen spielt.

Was gibt es sonst in dieser Ausgabe?

Kevin de Bruyne im Exklusiv-Interview

Kevin De Bruyne ist ein erstaunlich abgeklärter und beneidenswert ausgeglichener junger Mann. Dafür, dass er bei Manchester City unter Pep Guardiola phasenweise sogar Wunder vollbringt, ist er sogar ziemlich bescheiden. SOCRATES erzählt der Belgier von seiner allzu kurzen Jugend und seiner puristischen Sicht auf den Fußball.

Michael Stich im Exklusiv-Interview

Federer, Djokovic und Nadal – der Hype ist riesengroß. Doch Michael Stich schließt sich der allgemeinen Euphorie um die großen Drei nicht an und trauert dem Tennis seiner Epoche nach. SOCRATES erzählt er von den markantesten Erlebnissen seiner Laufbahn.

Klopp vs. Pep: The Hunted One

The Normal One war mal. Jürgen Klopp ist spätestens nach dem Champions-League-Titel mit dem FC Liverpool seinem alten Image entwachsen und wird jetzt gejagt. Vor allem von einem Mann, der es noch schafft, Klopp wehzutun: Pep Guardiola. Wie es um das Duell auf hohem Niveau steht… in dieser Ausgabe.

Toni Kroos: Außergewöhnlich normal

Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging, dass der Mann mit dem feinen Fuß doch mehr kann als nur ein bisschen talentiert zu sein. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.

Basketball-WM: Maxi Kleber im Interview

Die Ligen sind zu Ende, die Ferien sind zu Ende, jetzt ist es an der Zeit, die Besten der Welt zu entscheiden. Nach US-dominierten Meisterschaften haben wir dieses Jahr sehr viel mehr Favoriten, sehr viel höhere Spannung. Wenn Sie sich vor dem ersten Pfiff in China ein paar Notizen machen wollen, können Sie zuerst auf unser 2019 Basketball-Weltmeisterschaft- Special einen Blick werfen. Dazu: Wir sprachen mit Maxi Kleber.

Dies und vieles mehr in Socrates #35!
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Steven Gerrard: „Unsere Fans sind ausgerastet“

Steven Gerrard ist als lebende Liverpool-Legende Experte für Traditionsklubs mit dem gewissen Etwas. Als solcher trainiert er jetzt die Glasgow Rangers. Beider Ziel: Es soll wieder magische Nächte geben.

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Das Interview erschien in Ausgabe #33

Steven Gerrard, seit einem Jahr sind Sie Trainer bei den Glasgow Rangers. Wie läuft es bis jetzt?

Die Rangers sind meine erste Station als Profitrainer. Davor war ich für die U18 in Liverpool verantwortlich, was eine sehr lehrreiche Zeit war. Aber jetzt ist das eine andere Welt, ich habe hier natürlich viel mehr Verantwortung. Die erste Saison war ein Traum. Schon der Empfang war gigantisch. Ich hätte nicht gedacht, hier mit so viel Herz und Sympathie aufgenommen zu werden. Für mich ist Glasgow eine große Chance. Als das Angebot der Rangers kam, musste ich nicht lange überlegen.

Wieso die Rangers? Sie hatten doch bestimmt auch andere Angebote.

Ich hatte drei oder vier Anfragen, als sich die Rangers meldeten. Ich habe stets betont: Ich unterschreibe nur, wenn ich absolut überzeugt bin. Das war bei den Rangers sofort der Fall. Dieser Verein hat eine unglaubliche Tradition und wird getragen von Emotionen. Das wollte ich erleben und ein Teil davon sein. Das Gesamtpaket der Rangers hat einfach gepasst.

Als Liverpool-Legende sind Sie leidenschaftliche Fans gewöhnt. Ist der Rangers-Anhang so gut, wie man ihm nachsagt?

Gleich beim ersten Testspiel habe ich die Kraft der Fans gespürt. Sie stehen hinter uns und sie sind definitiv der zwölfte Mann Daraus entsteht aber eine große Verantwortung und ein Riesendruck. Und man muss damit umgehen können, dass sie schnell ihren Unmut zeigen, wenn die Ergebnisse und Leistungen nicht stimmen. Die Spieler brauchen ein robustes Nervenkostüm. Wenn es läuft, ist die Stimmung aber unbeschreiblich und Gänsehaut ist garantiert.

Das Ende Ihrer aktiven Zeit ist noch nicht lange her. Wann wussten Sie, dass Sie Trainer werden wollten?

Ich habe mich einige Jahre mit dem Gedanken daran beschäftigt. Als ich dann in die Dreißiger kam und immer öfter feststellen musste, dass mein Körper die permanenten Strapazen nicht mehr aushält, wurden die Pläne konkreter.

Welche Ihrer Trainer haben Sie am meisten geprägt?

Mit Gérard Houllier und Rafael Benítez habe ich mehrere Jahre in Liverpool gearbeitet, und sie gehören zu den besten Trainern, die ich hatte. Mit Houllier holten wir 2001 den UEFA Cup, den europäischen Super Cup, den FA Cup und den Ligapokal, mit Benitez 2005 die Champions League. Nach jeder Trainingseinheit machte ich mir damals heimlich Notizen.

Was haben Sie aufgeschrieben?

Ich habe aufgeschrieben, was mir bei den Trainingseinheiten besonders gut gefallen hat, aber auch meine Eindrücke davon, wie Gérard und Rafa ihren Beruf betrachten. Ich habe immer gewusst, dass ich diese Notizen einmal gut gebrauchen könnte.

Das Interview mit Steven Gerrard erschien in der Ausgabe #33: Jetzt im Shop nachbestellen

Welche Ziele mit den Rangers haben Sie sich notiert?

Nachdem der Klub durch den Zwangsabstieg in den unteren Ligen spielen musste, spürt man hier eine gewisse Ungeduld. Die Leute wollen wieder ganz nach oben. Man muss aber Schritt für Schritt denken, um dauerhaft wieder konkurrenzfähig zu sein und dabei viel Geduld haben.

Die Messlatte ist der ewige Rivale Celtic, der zum achten Mal in Folge die schottische Meisterschaft gewonnen hat.

Das ist richtig. Jeder im Klub muss verstehen, dass wir hart dafür arbeiten müssen, um den Abstand zu Celtic zu verringern. In den vergangenen Jahren hatten sie gar keine Konkurrenz in der Meisterschaft. Dieser Konkurrent wollen wir wieder werden und befinden uns dabei auf einem sehr guten Weg.

Und wann greifen die Rangers in Europa wieder richtig an?

Das erste Ziel ist, unsere Identität wiederherzustellen. Diese besteht im Gewinnen und hat in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Meine Aufgabe besteht darin, uns kontinuierlich zu entwickeln und nie stillzustehen. Unsere Gegner müssen sofort sehen, mit wem sie es zu tun haben, wenn sie uns gegenüberstehen. An dem Tag, an dem wir wieder in der Champions League sind, wird alles gut sein. Ich möchte diese magischen Nächte bald wieder erleben.

„Magische Nächte“ klingt fast ein wenig wehmütig. Woran denken Sie?

An das Champions-League-Finale 2005 natürlich. Das war zweifelsohne der schönste Tag in meinem Leben als Fußball-Profi. Weil ich leider nie mit Liverpool Meister geworden bin, war dieser Titel umso schöner. Istanbul war ein perfekter Rahmen. Was für eine Stadt! Was für eine Stimmung! Das Stadion und – ich erinnere mich genau – auch der Rasen waren perfekt. Das Spiel selbst war natürlich total verrückt. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich heute darüber spreche.

Der AC Mailand führte bekanntlich 3:0 zur Pause. Wie war die Stimmung in der Kabine?

Die Führung war auch in dieser Höhe absolut verdient. Milan hatte das Spiel dominiert. Wir haben uns dann in der Halbzeit in die Augen geschaut und alle wussten, dass wir nicht gut gespielt hatten und unseren Fans etwas schuldig waren.

Sie haben dann selbst mit dem Tor zum 1:3 zur Aufholjagd geblasen.

Der Schlüssel war aber die Unterstützung unserer Fans, die mit dem Anschlusstreffer wieder an uns glaubten und uns nach vorn peitschten. Es war der absolute Wahnsinn. Jeder von uns hat 15, 20 Prozent mehr aus sich herausgeholt. Nur zwei Minuten nach meinem Tor machte Vladimír Šmicer das 2:3 und unsere Fans sind ausgerastet. So eine Unterstützung hatte ich zuvor noch nie erlebt. Liverpool-Fans leben für ihren Klub, ich weiß das aus eigener Erfahrung.

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14 Jahre sind seither vergangen. Was bedeutet Ihnen dieses Endspiel?

Istanbul wird immer einen besonderen Platz in meinem Herz haben. Das war die schönste Nacht meiner Laufbahn und eine der schönsten in meinem Leben. Und es war mit Sicherheit das beste Champions-League-Finale der Geschichte.

In Glasgow sind Sie nicht nur Trainer, sondern auch Manager. Aus welchem Holz muss ein Spieler geschnitzt sein, damit Sie ihn verpflichten?

Es gibt den Spieler mit seinen fußballerischen Fähigkeiten und dann gibt es eine Persönlichkeit, die dahintersteckt. Wie tickt er? Wie ist er erzogen und ausgebildet worden? Kann er kämpfen? Kann er sich mit unserem Verein voll identifizieren?

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Ist es einfacher, gute Spieler zu bekommen, wenn man Steven Gerrard heißt?

Es besteht immer das Risiko, dass der Spieler sofort wieder auflegt. (lacht) Am Anfang war es extrem schwierig, namhafte Spieler zu holen, weil unser finanzieller Rahmen nicht viel hergibt. Mein Kader ist zwar relativ unerfahren, aber unglaublich hungrig. Wir haben vor allem Spieler geholt, die in ihren jeweiligen Vereinen kaum eine Rolle spielten und sich beweisen wollten. Die Rangers sind ein toller Klub, um sich wieder ins Rampenlicht zu spielen. Das wichtigste Kriterium für mich ist aber, dass ein Spieler eine hohe Eigenmotivation mitbringt.

Wie ist die Konkurrenz in der Liga?

Wir müssen sehr flexibel sein, weil die Teams sehr unterschiedliche Herangehensweisen haben. Manche spielen nur mit langen Bällen. Andere suchen ihr Heil in Standardsituationen. Und wieder andere wollen gar nicht mitspielen, sondern kämpfen nur und lauern auf zweite Bälle.

Wie war Ihr erstes Derby gegen Celtic?

Ich habe es genossen, auch wenn wir leider knapp verloren haben. Wir haben nicht genug an uns geglaubt, daraus müssen wir lernen. Für die meisten meiner Spieler war es auch ihr erstes Old Firm. Kurz vor Weihnachten haben wir den Spieß umgedreht und gegen Celtic gewonnen. Das war das Zeichen, dass wieder mit uns zu rechnen ist.

Illustration: Hüseyin Sandik

Ist die Stimmung vergleichbar mit dem Merseyside Derby gegen Everton?

Es ist relativ ähnlich und gleichzeitig ganz anders. Es gibt die religiöse und politische Komponente, die dafür sorgt, dass wir ein besonderes Derby haben. Es ist nicht einfach zu erklären. Man muss es einfach erleben, um es zu verstehen. Wenn das Derby angepfiffen wird, hört das Leben in Glasgow auf. Da fährt nicht mal mehr ein Auto.

Wie erklären Sie es sich, dass die Top- Klubs der englischen Premier League nur ausländische Trainer haben?

All diese Trainer sind extrem kompetent, und die Premier League besitzt die Strahlkraft und die finanziellen Mittel, sich die besten Coaches zu leisten. Man muss doch realistisch sein: Es gibt auf der Welt eben bessere Trainer als die englischen.

Eigentlich müssten Sie doch irgendwann den FC Liverpool übernehmen. Wann können wir denn damit rechnen?

Ich bin bei den Rangers wahnsinnig glücklich. Ich will für diesen Klub mein Bestes geben und unsere Ziele erreichen. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Jürgen Klopp macht einen hervorragenden Job in Liverpool und passt als Typ großartig zu diesem Klub. Für mich ist Liverpool ein besonderer Ort und vielleicht werde ich dort einmal anheuern. Wir werden sehen.

Interview: Alexis Menuge

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Jonathan Wilson: „Die Premier League ist keine englische Liga“

Jonathan Wilson macht sich Sorgen um die Zukunft des europäischen Fußballs und um die Premier League. Der englische Journalist und Schriftsteller diskutiert in SOCRATES den Wandel des Spiels, bricht aber eine Lanze für Jürgen Klopp. Und er kritisiert die Bundesliga.

Herr Wilson, Liverpool und Tottenham haben das Champions-League-Finale 2019 ausgetragen. Sie sagten schon vor geraumer Zeit, dass diese beiden Mannschaften herausstechen im europäischen Fußball. Was macht sie denn so besonders? 

Es gab seit Januar 2017 sechs Teams, die in der Champions League ein Hinspiel mit drei Toren Differenz verloren haben und trotzdem weitergekommen sind. Davor mussten wir 31 Jahre warten, um auf diese Anzahl zu kommen. Die Mannschaften sind nicht mehr so gut wie früher darin, einen Vorsprung zu behaupten. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die da wären?

Zunächst mal: Die Leute haben angefangen zu glauben, dass es möglich sei. Das verändert schon mal die Einstellung. In Liverpool glauben die Menschen an so etwas und sie haben es ja auch schon gegen Dortmund in der Europa League erlebt. Als die Reds das erste Tor schossen, wurde Anfield lauter und lauter. Auf der anderen Seite hat Barcelona gegen PSG ebenfalls die Erfahrung gemacht, was passieren kann. Da hat sich die mentale Ausgangslage für beide Mannschaften komplett verschoben. Und das gilt ja nicht nur für die Spieler. Jeder weiß, dass diese Dinge im Unterschied zu den 1980ern etwa durchaus vorkommen.

„Es ist heute viel schwieriger, das Spiel zu zerstören“

Seit den 80ern hat sich vieles grundlegend verändert.

Es ist heute viel schwieriger, das Spiel zu zerstören. Das liegt an den neuen Regeln. Es wird nicht mehr so hart gespielt wie früher, dann sind da die Rückpassregel und die entschärfte Abseitsregel. Man kann heute generell mehr Tore schießen. Dazu kommt: Teams, die ihre heimische Liga dominieren, sind einen echten Fight gar nicht mehr gewohnt. Wenn es dann hart auf hart kommt, tun sie sich schwer. Die Barcelona-Spieler haben in der ganzen Saison nur vier Spiele, in denen sie richtig verteidigen müssen: gegen Real Madrid und Atlético. In den anderen 34 Spielen sind sie ausschließlich im Angriff. Nehmen wir Jordi Alba.

Jonathan Wilson

Jonathan Wilson

Der Linksverteidiger des FC Barcelona.

Er ist in der Offensive wirklich gut, aber ich finde nicht, dass er ein guter Verteidiger ist. Haben Sie gesehen, wie er reagierte, wenn Trent Alexander-Arnold ihn anlief? Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, weil er darin keine Übung hat. Die ganze spanische Liga hat darin keine Übung und die großen Teams sind weich geworden. 2017 hat Paris, 2018 Rom und 2019 Liverpool Barça richtig bloßgestellt. Es fehlt an Tempo und einer Balance im Team. Der Qualitätsunterschied zwischen den Angreifern und der Viererkette ist enorm, aber das wird im Liga-Alltag nicht aufgedeckt. Die Stürmer machen es sich da ganz schön gemütlich. Vielleicht ist Leo Messi der beste Spieler aller Zeiten. Wenn er den Ball hat, kann er Millionen Dinge tun, aber er geht nie ins Tackling, Messi, Luis Suárez und Philippe Coutinho haben in Anfield kein einziges Tackling versucht. Nicht eins! Liverpool hat schon in Barcelona gut gespielt, war aber ein wenig zu vorsichtig. In Anfield schob Jürgen Klopp seine beiden Außenverteidiger weit nach vorn und hat Virgil van Dijk und Joel Matip gegen drei Stürmer verteidigen lassen. Sie haben das Risiko in Kauf genommen und waren dafür immer acht gegen sieben in der Offensive.

Vor 2019 kamen sieben der letzten zehn Champions-League-Finalisten aus Spanien. Neun der letzten zehn europäischen Finals wurden von Real, Barça, Sevilla und Atlético gewonnen. In der letzten Saison dominierten jedoch die Premier-League-Klubs. Kommt jetzt nach der spanischen die englische Ära?

Was die Nationalmannschaften angeht, ist Spaniens Epoche schon vorüber. Im Moment haben die Teams aus der Premier League gegenüber allen anderen Ligen einen Vorteil. Sie sind ohnehin viel reicher, aber nutzen das Geld inzwischen viel besser. Angeblich wurde das Geld in der Premier League bislang relativ gerecht verteilt, doch das wird sich bald ändern. Die Verteilung der globalen TV-Erlöse wird schon ab der kommenden Saison zugunsten der Top-6-Klubs verändert – und das ist ein Problem.

Warum?

Zwischen 2003 und 2006, als die detaillierte Datenerfassung begann, zählten die Statistiker von Opta drei Premier-League Spiele, in denen ein Team mindestens 70 Prozent Ballbesitz hatte. Vor zwei Jahren waren es 36 Spiele, in der Saison danach 63 und der letzten 67. Das ist eine radikale Veränderung. In 15 Jahren hat sich die Anzahl dieser Spiele um den Faktor 60 erhöht. Jedes sechste Premier-League-Spiel ist extrem einseitig, sprich: Ein Team hat 70 oder mehr Prozent Ballbesitz. Das ist fürchterlich. In immer mehr Spielen schießt ein Team zwei Tore in den ersten 20 Minuten und ruht sich dann darauf aus.

„Top 6 der Premier League? Das ist A und B“

Sehen Sie ein Team, das in die Top 6 in England einbrechen kann?

Wir sollten die großen Teams getrennt voneinander betrachten. Gemessen an ihren finanziellen Möglichkeiten sind die Manchester-Klubs die stärksten. Wir können die ersten Sechs in zwei Gruppen, A und B, unterteilen. Manchester United gehört schon zur B-Gruppe, genauso wie Arsenal und Chelsea. Und wenn sie so weitermachen, könnten die Wolves, Leicester und Everton bald ebenfalls dazugehören.

Tatsächlich?

Ja, aber diese drei werden niemals zur A-Gruppe gehören. Das ist unmöglich, denn A ist Manchester City. Liverpool gehört da im Augenblick auch hinein, weil man Geld hat und dieses extrem effizient investiert und obendrein einen charismatischen Leader hat. Bei Tottenham bin ich mir nicht sicher. Die Spurs haben 15 Punkte weniger als in der vergangenen Saison geholt und hatten in der Champions League jede Menge Glück. Sie überstanden die Gruppenphase und zwei K.o.-Runden nur mit jeder Menge Drama. Ich habe keine Ahnung, wie es um ihre Finanzen steht. Sie sind ein Sonderfall, weil sie so gut liefern, obwohl sie kein Geld investieren. Deshalb spricht Mauricio Pochettino ja auch über Abschied, weil kein Mensch weiß, wann sie denn mal Geld in die Hand nehmen. Und das stinkt ihm gewaltig.

Die anderen?

Liverpool ist für mich A minus, United ist eigentlich ein A-Klub, liefert aber wie B minus. Chelsea ist allein wegen Roman Abramowitsch ein Sonderfall, ist aber B plus. Die Einseitigkeit vieler Premier-League-Spiele heißt auch, dass die Partien weniger physisch sind. Und das hilft den englischen Teams in den europäischen Wettbewerben. Die Premier League ist immer noch die athletisch anspruchsvollste Liga, doch ist der Vorsprung drastisch zurückgegangen. 2007/08 hatte der FC Reading die wenigsten Tackles der ganzen Liga. Das waren aber immer noch 44 mehr, als Huddersfield in der zurückliegenden Spielzeit hatte. Die Zahl ist dramatisch zurückgegangen und dennoch wird in England immer noch viel körperlicher gespielt als in der Bundesliga.

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„Die Premier League ist eine internationale Liga“

Was ist der größte Unterschied zwischen den Premier-League-Teams und dem Rest von Europa?

Nehmen wir Real Madrid. Sie hatten richtig viel Glück. Zu Hause sind sie so schlecht wie zuletzt vor dem Zweiten Weltkrieg. Die vier Champions-League-Siege in fünf Jahren führen auf eine völlig falsche Fährte. Jede große Liga – außer eben der Premier League – will die Super League, weil die Langeweile doch offensichtlich ist. Ich finde es auch langweilig. Ich kann mir zum Beispiel keine Serie A anschauen. Ich gucke etwas La Liga und ganz wenig Bundesliga. Im Prinzip habe ich aufgegeben. Die Klubs sind so beschäftigt damit, globale Gelder zu generieren. Die jungen Zuschauer wollen keinen 90-minütigen Fight mehr sehen, sie schauen lieber Neymar dabei zu, wie er seine Tricks macht und zehn Tore in einem Zwei Minuten- Highlightclip fallen.

Sie sagten über die Premier League einst: „Sie liefert erstklassiges Fußball-Drama auf einem herausragenden Niveau und verteilt ihren Reichtum immer noch gleichmäßig unter ihren Mitgliedern. Sie ist gierig, aber nicht zu gierig, und fährt damit überall auf der Welt ihren Ertrag ein.“

Es gibt mehrere Aspekte. Die Premier League ist ja keine englische Liga, sondern eine internationale Liga, die in England ansässig ist. Das wird noch spannend mit dem Brexit. Die Qualität des Fußballs ist das Ergebnis einer Kombination unzähliger Nationalitäten und ihrer Ideen. Liverpool und Tottenham erscheinen wie englische Klubs, aber das ist Unfug, auch wenn es den Anschein macht und das Image gepflegt wird. Als Klopp gefragt wurde, woher seine Gegenpressing-Philosophie kommt, dachte man, er würde auf Ralf Rangnick (was der Wahrheit entspricht), Helmut Groß, Arrigo Sacchi oder Walerij Lobanowskyj verweisen. Doch er antwortete, sein Gegenpressing stamme aus dem englischen Fußball der 1970er von Liverpool, Aston Villa oder Nottingham Forest. Auf dem Cover des bekannten Raphael-Honigstein- Buchs über den englischen Fußball steht: harder, better, faster, stronger. So war der Fußball in England in den 70ern und 80ern. Technisch war der Fußball nicht so gut wie heute, taktisch aber schon. Das ist die Inspirationsquelle für Klopp und das bekommen wir jetzt zu sehen.

Und Tottenham?

Pochettino sprach über den „wahren Fußball“ in El País und bezog sich auf das Halbfinale im Landesmeistercup von 1975 zwischen Leeds United und Barcelona. Und da ging es außerordentlich physisch zur Sache. Barcelona war richtig gut damals mit Johan Cruyff und Johan Neeskens. Dieses Leeds-Team hat es Pochettino also angetan. Pochettino ist sichtlich geprägt von Marcelo Bielsa und steht in der Tradition von Estudiantes und Carlos Bilardo. Für ihn gehört die Körperlichkeit zum Fußball dazu. Pochettino und Klopp haben diese Facette in den englischen Fußball zurückgebracht. Der physische Aspekt war in den 90ern komplett weggebrochen. Im Zuge der Sperre nach dem Heysel-Unglück entwickelte sich der kontinentale Fußball weiter; der englische jedoch blieb stehen. Das 4:0 von Barcelona gegen Manchester United in der Champions League 1994 war eine gewaltige Demütigung. Die Meinung war, der englische Fußball müsse sich neu erfinden, vergessen, was gewesen ist, vergessen, woran wir immer geglaubt hatten. Weg mit langen Bällen, weg mit dem körperbetonten Spiel. Und gleichzeitig änderte sich der Blick der Klubbosse auf die Stadien und die Fans. Und das Resultat von allem war die Premier League.

Was hat sich verändert?

Im taktischen Bereich kopierten wir verschiedene andere Kulturen. Mitte der 90er wurde der englische Fußball nach dem Ajax-Vorbild holländisch. Dann kam die U21-EM 1994 und England fegte die Niederländer vom Platz. Und alle sagten: „Verdammt, zu holländisch ist auch nicht gut.“ Dann kam Frankreich, als die Équipe Weltmeister wurde. „Das ist die Zukunft!“, hieß es, weil die Franzosen gut waren. Also spielten wir wie sie; aber heute wissen wir, was mit den Franzosen ab 2002 passierte. Dann kamen die Spanier, also spielten wir wie sie, aber wir waren nicht gut im Tiki-Taka. Also versuchten wir, die Deutschen zu kopieren. Und am Ende fingen wir an, unser eigenes Programm und die Academys zu entwickeln. So hielten auch wieder englische Physis und Athletik Einzug.

Was ist mit englischen Trainern? Alle Erfolgsgeschichten werden von nichtenglischen Coaches geschrieben.

In der goldenen Ära der 60er, 70er und 80er gab es große englische Trainer. Damals war der Trainer der Messias und „follow the manager“ war das Motto. Für die Infrastruktur und das Drumherum interessierte sich keiner. Erst in der jüngeren Zeit haben wir die eher technokratischen Trainer und die moderne Wissenschaft im Fußball zugelassen. Englische Trainer haben sich in den Top-Teams versucht, scheiterten aber und so entstand Skepsis. Es hieß, sie sollten erst mal im Ausland arbeiten, um sich zu bewähren. Die Sprache ist aber oft ein großes Hindernis für sie. Und schließlich gibt es in England viel mehr Geld zu verdienen als in anderen Ligen.

Kommen wir zurück zu Liverpool und Tottenham, den beiden Champions-League-Finalisten. Vergleichen Sie doch bitte die Ansätze von Klopp und Pochettino und die Philosophien der Klubs.

Klopp und Pochettino gehören zur gleichen Schule, auch wenn sie aus völlig verschiedenen Richtungen stammen. Sie haben typisch englische Elemente in ihrer Philosophie wie etwa das Pressing, hohe Intensität und Leidenschaft und eine Vorliebe für das Chaos im Unterschied zur Ordnung. Tottenham ist viel besser heute als noch vor drei Jahren. Die Spurs haben sich unter Pochettino zu einem Top-4-Team entwickelt. Das ist eine großartige Leistung. Und sie haben es geschafft, ohne Unsummen zu investieren. Anders als Tottenham hat Liverpool große Erwartungen zu erfüllen, die aus der Historie des Klubs erwachsen. Liverpool ist wieder eine große Macht. Es ist nicht leicht, ihnen Spieler abspenstig zu machen und es will ja auch gar keiner weg dort. In Liverpool zu spielen, ist aktuell ein Vergnügen. Und man hat Chancen, etwas zu gewinnen. Wenn du in Liverpool etwas gewinnst, wirst du zum Helden und die Kinder der Stadt werden nach dir benannt. Du kommst in 30 Jahren zurück in die Stadt und die Leute werden dich in Restaurants, Bars, zu sich nach Hause schleppen und dich zum Essen und Champagner einladen. Selbst heutzutage ist Geld nicht alles.

Auch Arsenal und Chelsea haben ein Finale erreicht. Was ist mit den beiden?

Maurizio Sarri war so unbeliebt bei Chelsea, weil sein Fußball bislang eine Enttäuschung war. Das schnelle Offensivspiel von Napoli war atemberaubend, doch bei Chelsea funktionierte das nicht. Wenn man Sarri holt und seinen Fußball implementieren möchte, dann muss man ihm auch die passenden Spieler zur Verfügung stellen. Und so ein Prozess braucht dann vielleicht drei Jahre. Man muss es schon schlauer anstellen, als nur Jorginho und Gonzalo Higuaín zu holen. Natürlich hat die Transfersperre die Sache nicht einfach gemacht.

Kommen wir zu Arsenal…

Unai Emery ist okay. Die Gunners haben zwei richtig gute Stürmer und etliche vielversprechende Talente, aber ein Özil-Problem und richtig ernste Schwierigkeiten in der Abwehr. Es ist nicht so einfach, Haltung zu bewahren, wenn du keine guten Spieler hast. Emery ist gar nicht weit weg von Pochettino. Er verfolgt den Pressing-Ansatz, kann aber auch tief stehen und über Konter spielen, was ja auch Sinn ergibt, wenn du Pierre-Emerick Aubameyang und Alexandre Lacazette hast. Ich verstehe aber nicht, warum Emery so ein Genie in der Europa League ist, aber nicht in anderen Wettbewerben. Er will eigentlich nicht mit zwei Stürmern spielen, aber die beiden besten Spieler seines Kaders sind Stürmer. Ich glaube auch, dass es wirklich nicht leicht ist, in Arsène Wengers Fußstapfen zu treten.

Sie haben schon über die Konkurrenzsituation in den europäischen Ligen gesprochen. Wie finden Sie die Bundesliga?

Wenn Bayern München früher eine schlechte Saison hatte, dann war das die Chance für die anderen, die Meisterschaft zu gewinnen. In der vergangenen Saison spielte Bayern so schlecht wie Lange nicht mehr und holte immer noch den Titel. Bayern war ein Witz in dieser Saison, Liverpool hat sie im Achtelfinale zerstört. Sie holen jedes Jahr die besten Spieler der Konkurrenz – das ist ihr Modell. Vielleicht ist Leipzig eine Hoffnung für die deutsche Liga, auch wenn die meisten Fans die Verbindung eines multinationalen Konzerns mit einem Fußballklub hassen.

Wie sehen Sie die deutsche Nationalmannschaft?

Ich glaube nicht, dass die Situation an Joachim Löw liegt. Deutschland hatte eine unglaublich gute Generation von Spielern – und die haben sie im Moment nicht mehr.

Fußball-Guru Monchi sagt: „Big Data ist die Zukunft des Fußballs.“ Kostet die Wissenschaft den Fußball irgendwann seine Emotionen?

Ich denke nicht, dass die Zweikämpfe ganz aus dem Fußball verschwinden werden. Es ist gut, dass diese Attacken, die das Spiel zerstören, nahezu ausgemerzt wurden. Die Auswirkungen von Big Data sind aber unübersehbar. Wir erleben, dass Teams mehr lange Bälle spielen und versuchen, mismatches zu provozieren. Auch der Videobeweis beeinflusst den Fußball. Wir merken gerade, dass es sinnvoll ist, den Ball noch mehr in den Strafraum zu bringen. Ich glaube aber, dass wir wieder auf dem Weg in eine körperbetontere, physischere Ära sind.

Interview: Tan Morgül

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Peter Schmeichel: „Pep, Mou, Klopp? Bedauernswert!“

Peter Schmeichel freut sich über die Entwicklung seines Sohnes Kasper. Er hat aber ein Problem mit der Entwicklung der Premier League und hat auch schon Schuldige ausgemacht. Das Socrates-Interview aus der 26. Ausgabe for free.

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Der Artikel erschien in der 26. Ausgabe

Peter Schmeichel, sind Sie nervös, wenn Sie Ihrem Sohn Kasper bei einem Spiel zusehen?

Ich liebe es, ihm zuzusehen. Es ist immer eine wahre Freude. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich war schon nervös bei der Weltmeisterschaft in Russland, was aber mehr daran lag, dass Dänemark gegen Peru große Schwierigkeiten hatte, als an Kasper.

Sind Sie besonders kritisch?

Ich versuche immer, die Emotionen nicht so nahe an mich heranzulassen und objektiv zu bleiben. Eigentlich beobachte ich Kasper so, wie ich die anderen Spieler beobachte. Da mache ich keinen Unterschied. Wenn ich mir ein Spiel der dänischen Nationalmannschaft anschaue, bin ich ein großer Fan und blicke nicht mit anderen Augen auf meinen Sohn. Solange er eine gute Leistung bringt, bin ich auch nicht besonders nervös.

Und wenn er patzt?

Dann leide ich wie ein Tier. Es ist schwer, damit umzugehen. Als er sein Debüt in der Premier League bei West Ham United gab, war ich gerade in Moskau bei einem Dreh. Er rief mich an und sagte: „Es ist so weit: Ich spiele.“ Glauben Sie mir, der Adrenalinkick war so heftig wie selten zuvor. Ich geriet ein paar Minuten in Panik, weil ich ja unbedingt vor Ort sein wollte, aber ich war ganz weit weg. Als Vater will man bei einem der wichtigsten Tage in der Karriere des Sohnes anwesend sein.

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Wie haben Sie das Spiel dann erlebt?

Ich saß vor dem Fernseher und habe ihn genau unter die Lupe genommen: Es gab einige tolle Paraden, in der Luft war er einwandfrei und nach zehn Spielminuten war ich beruhigt. Spätestens zu diesem Augenblick wusste ich, dass er über großes Potenzial verfügt und die Anforderungen und Erwartungen auf höchstem Niveau erfüllen kann. Dann konnte ich den Rest der Partie genießen. An diesem Tag habe ich gelernt, den nötigen Abstand zu wahren.

Wie ähnlich oder unterschiedlich sind Sie beide.

Zunächst sollte man niemals vergessen, dass wir in zwei komplett anderen Epochen gespielt haben. Das Spiel des Torwarts ist heutzutage ein ganz anderes als zu meiner Zeit. Ich hätte damals nie gewagt, einen Ball zwischen unseren Innenverteidigern hindurch auf einen Mittelfeldspieler zu schlagen. Ich gehe mit Vergleichen immer sehr vorsichtig um. Viele Beobachter haben noch nicht verstanden, dass er seine eigene Geschichte schreibt, dass er seine eigenen Stärken hat.

Sobald er eine tolle Leistung liefert, wird er mit Ihnen verglichen.

Das kommt sehr häufig vor. Wenn über Kasper geschrieben wird, sollte mein Name eigentlich gar nicht mehr auftauchen. Als ich Profi war, hatte ich absolut niemanden, mit dem ich jederzeit reden konnte, der mir immer wieder wertvolle Tipps mit auf den Weg gab, der für mich da war. Ich habe mich zu einem Trainingstier entwickelt, war detailbesessen und hatte nur einen Gedanken im Kopf: Bloß keinen Treffer kassieren! Vielleicht habe ich ihn in gewisser Weise geprägt, das will ich gar nicht leugnen. Vielleicht hat er auch dieselbe Einstellung zur Arbeit, die gleiche Mentalität wie ich. Mit dem Umstand, dass er mein Sohn ist, ist er richtig gut umgegangen. Das hätte nicht jeder geschafft.

Peter Schmeichel über Kasper: „Seit er vier Jahre alt ist, kickt er“

Wie beurteilen Sie seine Entwicklung in den vergangenen Jahren?

Meine Philosophie lautet: Jeder Spieler sollte jeden Morgen zum Training erscheinen mit der Idee, etwas Neues zu lernen. Mit dem Alter verändert sich die Spielweise. Das ist bei einem Stürmer nicht anders als bei einem Verteidiger oder einem Torwart. Vielleicht verliert man auf der einen Seite an Explosivität, aber man kompensiert das mit mehr Erfahrung und einer besseren Antizipationsfähigkeit. Unser Hirn speichert so viele Daten, dass man in der Lage ist, viele verschiedene Situationen im Voraus zu erkennen und dann die zwei, drei Schritte mehr macht, um noch besser bei einer Flanke oder einem Schuss postiert zu sein. Das ist bei Kasper genauso. Mit der Erfahrung ist er zweifelsohne noch besser und gefestigter geworden.

Wollte Kasper immer schon Torhüter werden?

Ehrlich gesagt, weiß ich es gar nicht. Ich nahm ihn damals immer zu den Trainingseinheiten von Manchester United mit und er saß jedes Mal hinter meinem Kasten und schaute interessiert zu. In Manchester hieß mein Nachbar Steve Bruce, der auch einen Sohn hatte, der zwei Jahre älter als Kasper war. Auch er ist Profi geworden. Kaum waren sie von der Schule zurück, gingen sie sofort auf die Straße, um stundenlang zu kicken. Seit er vier Jahre alt ist, liebt es Kasper, gegen den Ball zu treten.

Hatte er also nur Fußball im Kopf?

Nein, um Gottes willen. (lacht) Es gab auch andere Aktivitäten, die dafür gesorgt haben, dass er heute ausgeglichen ist. Es gab auch viel Musik im Hause Schmeichel.

War Fußball im Hause Schmeichel ein Tabu-Thema? 

Ganz und gar nicht, aber Fußball war nie das Top-Thema. Dadurch dass er immer beim Training dabei war, bekam er ein Gefühl dafür, was man leisten muss, wie diszipliniert man jeden Tag sein muss, wenn man seinen Traum verwirklichen will. Er hat Spieler wie David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs oder Éric Cantona erlebt, wie sie Extra-Schichten eingelegt und mit aller Macht an ihren Stärken und Schwächen gearbeitet haben. Er hat aber auch festgestellt, wie hart das Urteil der Leute sein kann. Er musste immer wieder böse Kommentare über sich ergehen lassen, insbesondere von den Eltern der Gegner.

Zum Beispiel?

„Du wirst im Leben nie so gut wie dein Vater werden.“ Solche Sprüche. Ich habe dann die Konsequenzen gezogen und die Spiele seiner Jugendmannschaft nicht mehr angeschaut, weil es einfach unerträglich wurde. Sobald ich anwesend war, wurde der Druck auf seinen Schultern noch größer und das konnte ich ihm nicht länger antun.

Gehört er für Sie zur Weltklasse wie ein Manuel Neuer, Thibaut Courtois, David de Gea oder Jan Oblak?

Ich glaube, dass er noch ein bisschen braucht, weil all diese Keeper seit Jahren konstant auf Top-Niveau spielen und kaum Fehler machen. Sie spielen Jahr für Jahr alle drei Tage und sie kennen auch die Champions League in- und auswendig. Ich wäre noch stolzer, wenn Kasper regelmäßig in der Königsklasse dabei wäre.

Dafür müsste er Leicester City wohl verlassen und zu einem richtig Großen wechseln. Was halten Sie davon, wenn ein Torhüter für 80 Millionen Euro transferiert wird wie Kepa Arrizabalaga von Bilbao zu Chelsea in diesem Sommer?

Was seit geraumer Zeit auf dem Transfermarkt abgeht, ist total verrückt geworden. Ich finde, dass sich die FIFA und die UEFA an einen Tisch setzen sollten, um diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Konkret könnte man über neue Regeln nachdenken, damit der Fußball wieder authentischer wird.

Es geht in die falsche Richtung?

Ich stehe der Entwicklung in jedem Fall kritisch gegenüber. Nur ein exklusiver Kreis von Vereinen kann sich die besten Spieler leisten. Aber beim Fußball sollte das Entscheidende doch nach wie vor auf dem Rasen passieren und nicht auf dem Transfermarkt. Ich halte es für positiv, dass so viel Geld im Fußball vorhanden ist, doch muss man höllisch aufpassen, dass die Grenzen nicht überschritten werden und diese unglaublich tolle Spielart irgendwie kaputt geht. Allein wenn ich sehe, was die Berater bei manchen Transfers einkassieren, wird mir schwindlig. Diese Leute haben zu viel Einfluss im Fußball. So viel Geld könnte man doch besser in den Nachwuchs investieren.

Sie haben 2003 aufgehört, verfolgen aber weiterhin die Premier League. Inwieweit hat sich die englische Liga verändert?

Es ist vieles anders. Der größte Unterschied liegt bei den Trainern. Die meisten Teams, insbesondere die Topmannschaften, haben einen ausländischen Coach. Mit der Zeit hat sich die Spielweise geändert. Es wird mit weniger Robustheit gespielt, die Zweikämpfe sind nicht mehr so leidenschaftlich wie vielleicht noch vor zehn oder 20 Jahren. Ich bin ein großer Fan von Kampf und Leidenschaft und will nicht nur Taktik und Ballbesitz-Fußball ohne Ende. Egal,  ob Pep Guardiola bei Manchester City, José Mourinho bei Manchester United oder Jürgen Klopp bei Liverpool, sie sind nicht von der lokalen Fußball-Kultur inspiriert und das finde ich ehrlich gesagt bedauernswert.

Wie sehr leiden Sie mit Manchester United, Ihrem Ex-Verein?

Seit Sir Alex Ferguson sein Amt 2013 niedergelegt hat, ist United im Titelrennen leer ausgegangen und das ist wohl kein Zufall. Der Klub hat auf dem Transfermarkt in den letzten Jahren kein glückliches Händchen bewiesen. Wenn man ein Team nicht in jeder Transferperiode verstärkt, fällt man zurück. Aber unter Mourinho ist man endlich wieder soweit, dass die Gegner mit einer gewissen Ehrfurcht ins Old Trafford kommen, wie zu meiner Zeit, als dort eigentlich nichts zu holen war.

Interview: Alexis Menuge

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