Schlagwortarchiv für: Kanada

Beiträge

,

Milos Raonic: „Ich dachte ans Aufhören“

Milos Raonic hat vielfältige Interessen: Reisen, Lesen, Kunst. Tennis würde er gerne mehr spielen, doch sein Körper zwingt ihn immer wieder zu Pausen. Wie er mit Rückschlägen, Langeweile und der Erinnerung ans Wimbledon-Finale 2016 umgeht, hat er Socrates erzählt.

Der Artikel erschien in Ausgabe #26

Milos Raonic, alle schimpfen immer über den übervollen Tourkalender, deshalb eine wichtige Frage: Wie schalten Sie ab von dem ganzen Rummel?

Meine große Leidenschaft ist das Reisen. Als Tennisprofi habe ich die fantastische Gelegenheit, die schönsten Städte der Welt zu sehen. Wissen Sie, was dabei aber stört?

Was?

Wir kommen jedes Jahr zur selben Jahreszeit in die immer gleichen Städte. Damit es mir nicht zu langweilig wird, stelle ich mir jedes Mal ein kulturelles Programm zusammen. Das ist stimulierend für den Kopf, ich bleibe mental frisch und verliere nicht viel Energie dabei. Wenn ich zu einem Turnier reise, freue ich mich also nicht nur auf die Spiele, sondern auch auf meinen Trip.

Spielen Sie doch den Reiseführer: Welche Museen können Sie besonders empfehlen?

Das Musée d’Orsay in Paris ist mein Lieblingsmuseum. Es ist faszinierend. Auch das Picasso-Museum in Barcelona gefällt mir richtig gut. Das Nationalmuseum Königin Sofía in Madrid ist ebenfalls interessant. Vor den Gemälden bleibe ich manchmal 20, 30 Minuten stehen und genieße einfach den Anblick.

Was machen Sie sonst noch in Ihrer Freizeit?

Ich lese unheimlich viele Bücher, im Schnitt zwischen 30 und 40 pro Jahr. Gleichzeitig versuche ich, nicht zu viel Zeit mit Fernsehen oder dem Handy zu verbringen. Die Spieler aus meiner Generation sind ziemlich süchtig nach ihren Smartphones. Zuletzt habe ich ein Buch über Buddhismus gelesen. Das entspannt wahnsinnig gut.

Hol dir Socrates-Testabo für nur 10 Euro

Sie scheinen mit Ihrem Leben sehr zufrieden zu sein.

Extrem zufrieden. Ich bin Tennisprofi, aber eben nicht nur. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich nach meiner aktiven Laufbahn in der Branche bleiben würde, sage ich: Wahrscheinlich mache ich was ganz anderes. Ich würde noch einmal studieren und Ziele verfolgen, die ich wegen meiner Profi-Karriere zur Seite geschoben habe. Vor fünf Jahren war Kunst für mich ein Fremdwort, ich hatte auch jahrelang kein Buch gelesen. Was das betrifft, bin ich mit der Entwicklung meiner Persönlichkeit sehr zufrieden. Ich habe mich mehr geöffnet.

2016 standen Sie im Wimbledon-Finale gegen Andy Murray. Woran denken Sie?

An dieses unfassbar geile Gefühl. Wimbledon ist kein Turnier wie jedes andere. Die größte Gefahr lauert im Kopf, dass man sich zu viele Gedanken darüber macht, wo man sich eigentlich befindet und wie außergewöhnlich der Moment ist. Dadurch kann es leicht zu einer Art Lähmung kommen. Als wir den Rasen betraten, hatte ich meine Emotionen aber ganz gut im Griff, was sicher auch daran lag, dass ich ein sehr starkes Turnier auf diesem Court und dieser Anlage spielte. Ich war total fokussiert und voller Selbstvertrauen, um dieses Endspiel für mich zu entscheiden. Mir war es gut gelungen, die Begleitumstände in den Griff zu bekommen und mich allein auf das Spiel zu konzentrieren. Es war aber leider nicht genug, um Andy zu bezwingen.

2016 hieß Ihr Trainer John McEnroe. Wie groß war sein Anteil an Ihrem Erfolg?

McEnroe half mir, als die Rasen-Saison stattfand. Vom Wimbledon-Finale bleibt ein kleiner fader Beigeschmack hängen, weil ich mit Sicherheit mit gewissen Situationen hätte besser umgehen sollen. Zwei Tage zuvor gewann ich dieses unglaubliche Halbfinale nach einem Fünf-Satz-Krimi gegen Roger Federer. Es war eine Energie-Leistung, die mich also unheimlich viel Kraft gekostet hatte. Das war mein allererstes Grand-Slam-Endspiel, dementsprechend war ich leicht nervös und angespannt. Außerdem spielte Andy ein Weltklasse-Tennis. Aber ich bin eher der Typ, der noch mehr die negativen Momente im Kopf behält als die Positiven.

Seit diesem Finale in Wimbledon läuft es für Sie weniger rund. Was sind die Gründe?

Ich hatte viel Verletzungspech, eine Operation am Handgelenk, eine Sprunggelenksverletzung und mehrere muskuläre Probleme. Es kommt selten vor, dass ich mal mehrere Wochen am Stück schmerzfrei spielen kann. Das ist extrem frustrierend. Ich hatte 2018 mit Knie-Problemen zu kämpfen, die dazu geführt haben, dass ich für die French Open absagen musste.

Wie kommen Sie damit klar?

Es ist tatsächlich schwer, mit Verletzungen umzugehen. Es ist wohl das Schwerste überhaupt für einen Athleten. Wenn man sich zum ersten Mal verletzt, denkt man: Alles halb so wild, das war eh das letzte Mal. Aber wenn es immer häufiger der Fall wird, kommen die Zweifel. Psychisch kann das zur Hölle werden. Jedes Comeback wird von dem Gedanken begleitet: Wann wird es mich wieder erwischen? Worauf muss ich besonders achten, um die nächste Verletzung zu vermeiden? Sehr lange habe ich mich mit solchen Sachen auf dem Court beschäftigt. Das war Gift für mein Hirn. Das hatte ich mir als Kind anders vorgestellt. Ich dachte, man geht auf den Platz und spielt.

Haben Sie mal ans Aufhören gedacht?

Der Gedanke geisterte schon mal durch den Kopf. Sobald ich aber wieder fit war, war das kein Thema mehr. Es ist immer ein harter Schlag, wenn mir die Ärzte mitteilen, dass ich zehn Tage pausieren muss, weil mir nach drei schon langweilig wird. Am Tennis mag ich vor allem die Bewegung und die Herausforderungen, denen ich mich stellen muss. Sobald man in seinem Lauf plötzlich gestoppt wird, ist es mental ermüdend.

Womit richten Sie sich auf?

Man braucht sicherlich einen gefestigten Charakter, um sich immer wieder aufzurappeln. Mein Glück ist zudem mein Aufschlag: Auf ihn kann ich mich immer verlassen. Selbst wenn ich nach einer Verletzung noch nicht wieder ganz bei hundert Prozent bin, hilft er mir, andere Defizite zu kompensieren. Und es gibt auch bei all diesen Rückschlägen einen positiven Aspekt: Man schätzt es mehr, wenn man wieder spielt und genießt intensiver.

Sie arbeiten mit sehr namhaften Trainern zusammen. Nach John McEnroe, Carlos Moyá und Richard Krajicek ist jetzt Goran Ivanišević Ihr Coach. Wie läuft’s?

Bei uns passt die Kommunikation. Das ist für mich die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Als er mein Trainer wurde, hatte ich gerade eine achtmonatige Krise hinter mir. Ich bin froh, dass er für mich da ist.

Sie haben im eigenen Land inzwischen große Konkurrenz. Was sagen Sie zu den Shooting-Stars Denis Shapovalov und Félix Auger-Aliassime?

Das ist extrem spannend für Kanada. Seit eineinhalb Jahren entwickelt sich Shapovalov prächtig. Er hat diese Gabe, sehr schnell zu lernen. Ich hätte gedacht, dass er auf Sand nicht konkurrenzfähig wäre, doch genau das Gegenteil ist eingetreten, wie er etwa mit einem Halbfinale in Madrid bewiesen hat. Felix ist zwar noch relativ unbekannt, aber er hat großes Potenzial und ist für einen 18-Jährigen körperlich sehr weit. Und toll ist das natürlich auch für unser Davis-Cup-Team.

Davis Cup ist ein gutes Stichwort. Wie gefällt Ihnen die Reform?

Der Davis Cup hat eine Geschichte und ein Prestige, das seinesgleichen sucht. Der neue Modus wird wohl dafür sorgen, dass alle Topspieler daran teilnehmen und dann wird der neue Wettbewerb schnell Fuß fassen. Auf der anderen Seite gehen natürlich viel Charme und der typische Charakter verloren, den der Modus mit Heim- und Auswärtsspielen mitgebracht hat. Eine gesunde Mischung aus alt und neu wäre sicherlich optimal.

Sie werden Ende des Jahres 28. Wie fällt Ihre Karriere-Zwischenbilanz aus?

Sollte ich morgen den Schläger an den Nagel hängen, würde eine leichte Enttäuschung zurückbleiben. Gott sei Dank habe ich noch ein paar Jahre vor mir. Als ich 18 war, wollte ich in die Top 50 kommen. Aber es ist das alte Lied: Je erfolgreicher man wird, desto größer wird der Appetit auf mehr. Ich habe mir noch große Ziele gesteckt.

Interview: Alexis Menuge