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Bird und Johnson: Die Kinder des David Stern

Die NBA war Anfang der 80er Jahre ein schwarzes Loch in der Gesellschaft. Doch David Stern veränderte mit drastischen Mitteln das Ansehen und legte den Grundstein für einen steilen Aufstieg – und ein legendäres Duell.

Am Abend des 26. März 1979 saß, wie ganz Amerika, auch David Stern vor dem Fernseher und wartete auf den Sprungball des NCAA-Finales zwischen Indiana State und Michigan State. An jenem Abend sollten zwei Wunderkinder zum ersten Mal aufeinandertreffen: Larry Bird und Magic Johnson.

Sterns Kopf war so sehr mit anderen Sachen beschäftigt, dass er an jenem Tag nicht erkannte, dass der erste Akt einer Rivalität inszeniert wurde, die der National Basketball Association neues Leben einhauchen könnte. Der junge Anwalt, der in der NBA als General Counsel beschäftigt war, hatte bereits angefangen, in Ligakreisen großes Ansehen zu genießen. Und in seinem Kopf schwirrten haufenweise Fragen darüber herum, was man in Bezug auf die Moderatoren, die im nationalen Fernsehen das Wort „NBA“ nicht in den Mund nehmen durften, unternehmen könnte.

„Sie geben das Geld für Drogen aus“

Die Liga war, was das Marketing angeht, ein riesiges schwarzes Loch. Stern fasste die damalige Situation mit folgenden Worten zusammen: „Es ging ausschließlich um Rasse, Drogen und Überbezahlung. Man nahm unsere Spieler so wahr: ‚Sie sind schwarz und sie verdienen einen Haufen Geld und da sie schwarz sind und zu viel Geld haben, geben sie es für Drogen aus.‘“

Nachdem er 1984 das Amt des Commissioners übernahm, intensivierte David Stern zuallererst die Drogentests und führte lebenslängliche Sperren ein, um eben jener Wahrnehmung von Drogenproblemen entgegenzuwirken. Sein zweiter Schachzug war die Einführung eines Finanzmodells, das Salary-Cap-System, welches nicht nur die NBA, sondern alle Major Ligen nachhaltig verändern sollte. Das war aber nicht alles.

Auf welcher Seite stehst du?

Bevor das Kabelfernsehen die Sportübertragungsrechte eroberte, war die NBA nicht einmal in der Lage, einen 30-sekündigen Werbespot zu kaufen, um die großen Samstagabend Showdowns zu promoten. Die erste NBA-Werbung im US-amerikanischen Fernsehen, für die die Liga allerdings keinen Cent ausgeben musste, wurde 1982 gesendet und drehte sich um die beiden Rivalen von einst: „Come see Magic vs. Bird and the Lakers vs. the Celtics.“

Es verging also nicht allzu viel Zeit, bis das Versprechen des NCAA-Finales von 1979 eingelöst wurde: Magic gegen Bird, West Coast gegen East Coast, das schwarze Amerika gegen das weiße. Der glänzende Showtime-Basketball der „City of Angels“ gegen den von den Celtics verkörperten Teamgeist der alten Schule. Das amerikanische Volk, das sich für Fragen wie „Bist du Republikaner oder Demokrat?“ oder überhaupt „Auf welcher Seite stehst du?“, für Heldenepen, die den Kampf des Guten gegen das Böse kanonisieren, und allgemein für Rivalitäten und Dualitäten begeistern lässt, war nun binnen eines Wimpernschlags besessen von der Lakers-Celtics-Rivalität.

Die Vorurteilsbekämpfung

Bird und Magic schreckten aber auch nicht davor zurück, sich dieser Plattform zu bedienen, um über ihr traditionelles Duell hinaus auch gesellschaftliche Vorurteile zu bekämpfen. Auf der einen Seite focht Magic mit seiner Führungsrolle auf dem Parkett den Stereotyp des „schwarzen NBA-Stars“ an. Auf der anderen Seite musste Bird seine schwarzen Mitspieler davon überzeugen, dass er gegen die Rassentrennung war, obwohl er aus Indiana – ein als Hochburg des Ku-Klux-Klans berüchtigter Bundesstaat – stammte.

Schließlich wurde das von Bird und Magic hinterlassene Erbe sogar langlebiger als das von Ali und Frazier. Die NBA ist heute eine Profitmaschinerie, die kurz davorsteht, die NFL zu überholen. Und sie benötigt keinen neuen „Kampf des Jahrhunderts“, um Geld zu machen.

„Choose your Weapon“

Ist es aber nur das Erbe einer hervorragenden PR-Leistung, das diese Rivalität besonders macht? Nein, wie die Dreharbeiten zu einem Werbespot gezeigt haben.

Anfang September 1985. In einem dreiköpfigen Limousinenkorso auf dem Weg nach West Baden befand sich unter anderem Magic Johnson. Als Converse, eine der Marken, die zu den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles individuelles Sponsoring als neue Geldquelle für sich entdeckt hatte, für einen Werbefilm ihrer neuen Sneakers Bird und Magic zusammenbringen wollte, hatten die beiden Superstars nur mit einem Achselzucken geantwortet. Schließlich war die Summe auf dem Tisch doch zu groß, um abgelehnt zu werden, und so gaben sie ihren Widerstand auf.

Das Szenario, das sich um den Slogan „Choose Your Weapon“ drehte, hatte sowohl Bird als auch Magic überzeugt. Man musste nur noch eine Hürde nehmen und die letzte von Birds Bedingungen erfüllen: Die Dreharbeiten hatten auf seiner Ranch in Indiana zu erfolgen. Also war es Magic, der den Weg auf sich nehmen musste.

Die Spitzenverdiener des Sports
Sie waren so ähnlich

Als Magic das Ziel der Reise erreichte, wurden die drei Limousinen am Eingangstor der Ranch von Larrys Mutter Georgia empfangen. Georgia, die als College-Basketball-Fan nahezu alle Spiele in der Region verfolgte, überhäufte Magic mit Komplimenten und servierte dem jungen Mann mit dem breiten Lächeln Kirschtorte, die Spezialität von Larrys Großmutter. Wie groß der Stellenwert dieser Köstlichkeit an den folgenden Entwicklungen war, ist nicht überliefert.

In der von Jackie MacMullan verfassten – und von Bird und Magic abgesegneten – gemeinsamen Biographie When the Game Was Ours (2009) kann man jedoch eine ausführliche Beschreibung der Tage nachlesen, die die beiden gemeinsam in West Baden verbrachten, und wo sie, auf der Flucht vor dem Chaos der Kameras und Werbeleute im Keller gelandet, schließlich zueinander fanden und das Wesen ihrer Rivalität kennenlernten: Ihre Geschichte war die zweier Jungs aus dem Mittleren Westen, die in einer auf ihrer Gegnerschaft basierenden Erzählung ihre vorgeschriebenen Rollen spielten, um am Ende zu entdecken, wie ähnlich sie sich doch waren.

Cem Pekdogru