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Windhorst-Abrechnung: Klinsmann „bereut“ Entscheidung

Jürgen Klinsmann hat seinen abrupten Rücktritt bei Hertha BSC bereut. Dies sagt Hertha-Investor Lars Windhorst auf der eigens einberufenen Pressekonferenz der Berliner. Das Video.

Windhorst: Keine Zukunft mit Klinsmann

Der plötzliche Rücktritt von Jürgen Klinsmann als Trainer von Hertha BSC wirkt in Berlin nach: Der Klub berief eine Pressekonferenz ein, an der auch Investor Lars Windhorst teilnahm. Der Tennor-Chef nahm dabei kein Blatt vor den Mund und rechnete mit Klinsmann, dessen Abgang er eigentlich sehr bedauert, ab.

Eine weitere Zusammenarbeit als Mitglied des Aufsichtsrat wird es nicht geben, dies gab Windhorst bekannt. Dieser gab auch zu verstehen, dass Klinsmann seine plötzliche Entscheidung inzwischen wohl auch bereut. Eine Reue, die aber zu spät kommt.

Socrates-Kommentar zum Klinsmann-Rücktritt: Entfolgt

Die Aussagen von Windhorst im Video

Kommentar: Jürgen Klinsmann ist Ihnen entfolgt

Jürgen Klinsmann war nur 76 Tage im Amt bei Hertha BSC. 76 Tage, die gereicht haben, um viel Schaden anzurichten. Für den „Big City Club“, aber auch für Klinsmann selbst. Der Kommentar von SOCRATES-Chefredakteur Fatih Demireli

Kommentar von Fatih Demireli

Der Lars. Ach ja, der Lars. Und übrigens: der Lars. Als Jürgen Klinsmann (55) Ende November 2019 als neuer Trainer von Hertha BSC vorgestellt wurde, sprach Klinsmann viel lieber über „den Lars“, gemeint war Investor Lars Windhorst, anstatt über sich selbst. Geholt eigentlich als Fußball-Experte im Aufsichtsrat und Consigliere für Windhorst sollte Klinsmann bis Saisonende als Trainer den bis dahin glücklosen Ante Covic ersetzen. Klinsmann wurde nicht nur als Trainer installiert, sondern auch als Flutlicht für den allzu durchschnittlichen Fußball-Verein. Hertha wollte gesehen werden. Klinsmann wusste, wie das geht.

Er installierte ein komplett neues Trainer-Team, einen Performance-Manger in Arne Friedrich, ließ die Kabine umbauen, gestaltete das Trainingslager in den USA neu (inklusive kräfteraubender Reise zur Yacht des Investors), holte Spieler für fast 80 Millionen Euro und machte dann die Biege. Mit einem Facebook-Post verkündete er nach 76 Tagen Amtszeit sein Aus als Hertha-Trainer. Vorbei am Klub, dessen Medienabteilung offenbar überhaupt keine Informationen hatte. Für alle Social-Media-Nerds: Jürgen Klinsmann stellte seinen Status auf „in einer Beziehung“ um, postete Liebes-Fotos mit seiner neuen Flamme, fuhr mit ihr den Urlaub, ließ sie ein paar tolle Sachen bei Amazon bestellen und machte die Biege, als es zuhause langweilig wurde. Jürgen Klinsmann ist Ihnen entfolgt.

Jürgen Klinsmann: Ein Rücktritt mit Kollateralschaden

Er wird als Aufsichtsratsmitglied weitermachen, als Kontrolleur mutmaßlich jener Leute), denen er in seiner Mitteilung „fehlendes Vertrauen“ vorwarf. Wie das funktionieren soll, auch wenn Klinsmann theoretisch und praktisch keine Handlungen wie Entlassungen vornehmen darf, ist ein Rätsel. Wird er in persönlichen Treffen mit Lars Windhorst in irgendwelchen Restaurants oder an Deck schmucker Boote erzählen, wie toll nach seiner Meinung Michael Preetz seinen Job macht? Der Preetz, den Klinsmann noch im November als guten Freund bezeichnete. Wohl kaum. Es ist ein Konstrukt, das zum Scheitern verurteilt ist. Klinsmanns Abgang ist nicht nur kein gewöhnlicher Trainer-Rücktritt, sondern ein Vorgehen mit Kollateralschaden.

Hertha hat seit jeher mit Image-Problemen zu kämpfen. Ein schlafender Riese, der nicht aufwachen will. Offenbar war es Anfang der 1990er Jahre sogar so schlimm, dass es folgende Durchsage bis in die Geschichtsbücher schaffte: „Die Toilettenbenutzung im Olympiastadion ist kostenlos. Für den Fall der Fälle.“ Es bedurfte damals eines expliziten Hinweises darauf, dass man einen bestimmten Ort aufsuchen müsse, um den natürlichen Bedürfnissen des Menschen nachzukommen.

Auf die Schnauze geflogen

Wie es der Klub schaffte, in nur wenigen Jahren einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, so dass nicht nur Menschen ins Stadion kamen, die wissen, wo und wie man sich seines Harndrangs entledigt, sondern auch solche, die den erfolgreichen Fußball des hiesigen Vereins genießen wollten, der zwischenzeitlich sogar mal Champions League spielte, war eine Erfolgsgeschichte. Aber eine, die immer wieder abrupt unterbrochen wurde, weil sich viele Hertha-Macher schnell größer fühlten, als sie und der Klub waren. Und wieder macht man nun den gleichen Fehler.

Wieder spricht man vom „Big City Club“, von Europapokal und großen Zielen, obwohl die verunsicherte Hertha-Mannschaft seit Saisonbeginn im Abstiegskampf steckt. Man spürte in den Sozialen Medien regelrecht die freudige Erwartung darauf, dass Hertha und Klinsmann auf die Schnauze fliegen – und genau das ist nun passiert.

Der Mann, der „Big City Club“ vorlebte, sogar „Big City Club“ war, hat beim ersten Gegenwind einen Rückzieher gemacht und dem vermeintlichen Projekt großen Schaden zugefügt. In diesen 76 Tagen hat Klinsmann auch das schwer beschädigt, was Michael Preetz seit Jahren versucht hat, aufzubauen. Einen soliden Verein, der nicht mit seiner Klappe, sondern mit Sachverstand im Management und sportlicher Leistung auffällt.

Preetz muss nun vielleicht nicht von vorn anfangen, aber solange Klinsmann im Aufsichtsrat sitzt, wird es auch für ihn ein Spießrutenlauf. Dann wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Preetz die Freundschaft beendet.