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Benjamin Henrichs: „Ich sehe das nicht als Rückschritt“

Benjamin Henrichs kehrte Bayer Leverkusen nach einer Ewigkeit den Rücken. In Monaco will er den nächsten Schritt in seiner Entwicklung machen. SOCRATES erzählt er, wie es bislang so läuft im Fürstentum.

Nach 17 Jahren bei Bayer Leverkusen haben Sie sich im letzten Sommer für einen Wechsel nach Monaco entschieden. Einfache Frage: warum?

Ich brauchte einfach eine Luftveränderung, vor allem weil ich in Leverkusen kein Stammspieler mehr war und mich nach mehr Einsatzzeit sehnte.

Unter Heiko Herrlich spielten Sie anders als unter Roger Schmidt keine große Rolle mehr. Haben Sie daraus etwas gelernt?

Extrem viel sogar. Ich habe versucht, mich auf die positiven Dinge zu konzentrieren, um mich nicht hängen zu lassen und um schnell wieder Anschluss zu finden. Es war nicht immer einfach, das gebe ich zu. Im Rückblick kann ich aber sagen, dass ich gestärkt aus der Situation hervorgegangen bin und daraus lernen konnte.

Verfolgen Sie weiter die Spiele von Leverkusen?

Ja, sicher. Immer wenn ich Zeit habe. Ich bin und bleibe ein großer Fan von Bayer. Ich habe auch noch regelmäßig Kontakt zu den meisten Spielern. Ich drücke den Jungs bei jedem Spiel die Daumen.

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Warum Monaco?

Die Monaco-Verantwortlichen waren sehr überzeugt von mir und haben sich sehr um mich bemüht. Das hat mir imponiert. Und wenn man die Chance bekommt, in der Champions League zu spielen und Spielzeit zu bekommen, dann sagt man einfach nicht nein. Ich wollte diese Chance einfach nutzen. Es wäre auch deshalb schwer gewesen abzusagen, weil die Monaco-Bosse so hartnäckig um mich warben. Das hat mich beeindruckt.

Und wie fällt Ihr erstes Fazit aus?

Ich bin sehr herzlich empfangen worden. Diego Benaglio hat mir sehr geholfen. Er spricht fließend Deutsch und Französisch und war mir gerade bei taktischen Anweisungen des Trainers eine große Hilfe. Ich versuche auch mehr und mehr Französisch zu sprechen, doch es wird noch ein wenig dauern, bis ich mich richtig unterhalten kann.

Von Leverkusen nach Monaco. Genießen Sie das Leben im Fürstentum?

Zunächst mal lebe ich jeden Tag meinen Traum, nämlich Fußball-Profi zu sein. Ich habe einen Beruf, um den mich viele beneiden. Dafür muss man dankbar sein. Das ist mir bewusst. In Monaco kann man durch die Straßen laufen, ohne groß angesprochen zu werden. Das ist schon eine schöne Sache. Aber nur ein paar Tage, nachdem ich bei Monaco unterschrieben hatte, erkannte mich ein Verkäufer in einem Möbelladen in Nizza. Danach war die Lieferung der Möbel kein Problem. Er nahm sich sogar an seinem freien Tag Zeit für mich, um die Ware zu liefern. (lacht) Ich wohne direkt in Monaco und die Landschaft ist einfach herrlich. Das genieße ich. Aber nicht falsch verstehen: Ich bin nicht hierher gewechselt, um Strandurlaub zu machen und die Sonne zu genießen, sondern um mich weiterzuentwickeln und ein paar Titel zu gewinnen.

Wie ist der Draht zu den Mitspielern?

Es gibt einige Top-Spieler wie Radamel Falcao, Djibril Sidibé oder Youri Tielemans. Auch Alexander Golowin ist eine Granate. Vorher kannte ich ihn noch nicht so gut, aber er ist ein fantastischer Kicker, ein super Dribbler und sehr intelligenter Spieler. Er ist jederzeit in der Lage, den Rhythmus und das Tempo zu wechseln. Er ist für jeden Gegenspieler schwer zu kontrollieren.

Von welchen Spielern gucken Sie sich etwas ab?

Ich spiele in Monaco Linksverteidiger und auch auf dieser Position ist Marcelo von Real Madrid einfach herausragend. Er ist ein kompletter Spieler, der sowohl defensiv als auch offensiv Weltklasse verkörpert. Ich versuche, mir einiges von ihm abzuschauen. Zu Beginn meiner Karriere spielte ich im Mittelfeld. Damals war Ronaldinho mein großes Vorbild. Von ihm habe ich geschwärmt, weil er so cool mit dem Ball umgehen konnte. Er war eine Augenweide. Am Ball konnte er einfach alles.

Was halten Sie von der Qualität der Ligue 1?

Ich verstehe mittlerweile besser, warum sichso viele Bundesliga-Klubs junge Talente in Frankreich angeln, wie es RB Leipzig, Mainz und Eintracht Frankfurt machen. Hier gibt es eine unglaubliche Zahl an Juwelen. Ismaïla Sarr von Stade Rennes zum Beispiel ist ein überragender Spieler, der schwer zu stoppen ist. Das macht sich auch in der französischen Nationalmannschaft bemerkbar, die völlig verdient Weltmeister geworden ist. Es gibt tolle Stadien in Frankreich; die Atmosphäre bei der AS Saint Etienne hat mich sofort an Mönchengladbach erinnert. Auch bei Racing Straßburg herrscht eine Stimmung wie in der Bundesliga.

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Wo liegen die Unterschiede in der Spielweise?

In Frankreich wird mehr Wert auf Athletik und Physis gelegt. Die Bundesliga ist dagegen taktischer geprägt, Ordnung und Disziplin stehen mehr im Vordergrund.

Das Maß aller Dinge ist aber Paris Saint-Germain.

Definitiv. PSG in Frankreich ist wie der FC Bayern in der Bundesliga. Man braucht sich nur den Kader anzuschauen. Die Offensive mit Neymar, Edinson Cavani, Ángel Di María, Julian Draxler und Kylian Mbappé sucht in Europa ihresgleichen. PSG hat sicherlich das Zeug, die Champions League zu gewinnen.

Wie war’s gegen Mbappé zu spielen?

Was soll ich sagen? Er ist ein Phänomen. Seine Entwicklung ist verrückt. Was er im Gesamtpaket drauf hat, ist unfassbar. Er ist für eine unglaublich hohe Ablöse von Monaco nach Paris gewechselt, was ihn aber nicht im Geringsten zu belasten scheint. Das spricht für seine Reife und eine starke Persönlichkeit. Er spielt einfach Fußball und will Spaß haben.

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Sie haben zuletzt für die U-21 gespielt. Empfinden Sie das als Rückschritt, nachdem Sie ja bereits bei der A-Nationalmannschaft von Jogi Löw waren?

Zunächst mal muss ich sagen, dass wir in der U-21 eine sehr gute und vielversprechende Spielergeneration haben. Es macht jedes Mal Spaß, dort zu spielen. Ich sehe das nicht als Rückschritt. Mir ist bewusst, dass die Konkurrenz auf jeder Position enorm ist und dass ich mich in Geduld üben muss.

Wann sehen wir Sie wieder in der Nationalmannschaft?

Mir hat es gutgetan, wieder ein paar Spiele bei der U-21 zu bestreiten. Da ich auch in Monaco von Anfang an spielte, habe ich innerhalb von sechs Wochen ungefähr so viel gespielt wie in Leverkusen in der gesamten vergangenen Spielzeit. Dass ich wieder in der U 21 eingesetzt wurde, war kein Zeichen dafür, dass ich an Qualität eingebüßt habe. Es zeigt mir, dass ich in meinem Klub regelmäßig spielen muss, um mir Hoffnungen auf eine Berufung für die A-Nationalmannschaft machen zu dürfen.

Wie haben Sie die WM in Russland erlebt?

Ich habe die deutschen Spiele mit ein paar Freunden zu Hause verfolgt. Die WM war ein Fiasko. Es war grauenhaft, dieses Abschneiden zu verfolgen und machtlos zu sein. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass Deutschland in der Gruppenphase scheitern könnte. Um ehrlich zu sein: Danach hatte ich keine große Lust mehr auf die WM. Ich habe mir nur noch das Endspiel zwischen Frankreich und Kroatien angeschaut.

Interview: Alexis Menuge